Vernichtung der Smyrna-Flotte.

Die Trauerbotschaft von der Niederlage von Landen fand England durch nicht minder traurige Nachrichten von einer andren Seite bewegt. Seit vielen Monaten war der Handel mit dem Mittelländischen Meere durch den Krieg fast gänzlich gehemmt. Kein Kauffahrteischiff von London oder Amsterdam hatte Aussicht, ohne bewaffneten Schutz die Herkulessäulen zu erreichen, ohne von einem französischen Kaper geentert zu werden, und der Schutz von Kriegsschiffen war nicht leicht zu erlangen. Während des Jahres 1692 hatten sich starke Flotten, mit Waarenladungen für die spanischen, italienischen und türkischen Märkte reich befrachtet, in der Themse und im Texel gesammelt. Im Februar 1693 waren nahe an vierhundert Schiffe zum Auslaufen bereit. Der Werth ihrer Ladungen wurde auf mehrere Millionen Pfund Sterling geschätzt. Noch nie hatten die Galeonen, welche seit langer Zeit die Bewunderung und den Neid der Welt erweckten, so kostbare Güter von Westindien nach Sevilla gebracht. Die englische Regierung übernahm es im Einverständniß mit der holländischen, die mit dieser großen Masse von Schätzen beladenen Fahrzeuge zu eskortiren. Die französische Regierung nahm sich vor, sie aufzufangen.

Der Plan der Alliirten war, daß siebzig Linienschiffe und ungefähr dreißig Fregatten und Brigantinen unter den Befehlen Killegrew’s und Delaval’s, der beiden neuen Lords der englischen Admiralität, sich im Kanale versammeln und die Smyrna-Flotte, wie sie im Munde des Volks hieß, bis über die Grenzen hinaus begleiten sollten, innerhalb welcher Gefahr von Seiten des Brester Geschwaders zu befürchten stand. Der größere Theil der Flotte sollte dann zur Bewachung des Kanals zurückkehren, während Rooke mit zwanzig Segeln die Kauffahrer begleiten und das vor Toulon liegende Geschwader beschützen sollte. Der Plan der französischen Regierung war, daß das Brester Geschwader unter Tourville und das Touloner Geschwader unter d’Estrées in der Nähe der Meerenge von Gibraltar zusammentreffen und dort der Beute auflauern sollten.

Welcher Plan der klüger ersonnene war, ist zweifelhaft. Welcher von beiden aber am besten ausgeführt wurde, ist eine Frage, die keinen Zweifel zuläßt. Die ganze französische Flotte wurde von Einem Willen geleitet, mochte sie sich im Atlantischen oder im Mittelländischen Meere befinden. Die Flotte England’s und die Flotte der Vereinigten Provinzen standen unter verschiedenen Autoritäten, und in England sowohl wie in den Vereinigten Provinzen zerfiel die Gewalt in so zahlreiche Abtheilungen und Unterabtheilungen, daß auf keinem Einzelnen eine schwere Verantwortlichkeit lastete. Das Frühjahr kam heran. Die Kaufleute beklagten sich laut, daß sie durch die Verzögerung schon mehr verloren hätten als sie durch die glücklichste Reise noch zu gewinnen hoffen dürften, und noch immer waren die Kriegsschiffe nicht halb bemannt und verproviantirt. Das Geschwader von Amsterdam traf erst spät im April an unsrer Küste ein, das Geschwader von Seeland erst Mitte Mai.[34] Es war Juni, als endlich die ungeheure Flotte, nahe an fünfhundert Segel stark, die Klippen England’s aus dem Gesicht verlor.

Tourville war bereits in See gegangen und steuerte südwärts. Killegrew und Deleval aber waren so nachlässig oder so unglücklich, daß sie von seinen Bewegungen keine Kenntniß hatten. Sie waren anfangs überzeugt, daß er noch im Hafen von Brest liege. Dann kam ihnen das Gerücht zu Ohren, daß in nördlicher Richtung segelnde Schiff gesehen worden seien, und sie vermutheten, daß er ihre Abwesenheit benutzte, um die Küste von Devonshire zu bedrohen. Sie scheinen es nicht für möglich gehalten zu haben, daß er sich mit dem Touloner Geschwader vereinigt haben und in der Nähe von Gibraltar ungeduldig seine Beute erwarten könne. Nachdem sie daher die Smyrna-Flotte ungefähr zweihundert Meilen über Ushant hinaus begleitet hatten, erklärten sie am 6. Juni ihre Absicht, sich von Rooke zu trennen. Rooke machte Einwendungen, aber vergebens. Er mußte sich fügen und mit seinen zwanzig Kriegsschiffen dem Mittelländischen Meere zusteuern, während seine beiden Vorgesetzten mit dem Reste der Kriegsflotte in den Kanal zurückkehrten.

Inzwischen war es in England bekannt geworden, daß Tourville in aller Stille Brest verlassen hatte und nach Süden eilte, um sich mit Estrées zu verbinden. Die Zurückkunft Killegrew’s und Delavals erweckte daher große Besorgniß. Es wurde sofort ein schnellsegelndes Fahrzeug abgesandt, um Rooke vor der ihm drohenden Gefahr zu warnen; diese Warnung aber kam ihm nicht zu. Er steuerte mit gutem Winde dem Kap Saint Vincent zu, und hier erfuhr er, daß in der nahen Bai von Lagos einige französische Schiffe lägen. Die erste Mittheilung, die er darüber erhielt, bewog ihn zu dem Glauben, daß ihre Anzahl nicht bedeutend sei, und sie wußten ihre Stärke so geschickt zu verbergen, daß er nicht eher eine Ahnung davon bekam, daß er der ganzen Kriegsflotte eines großen Königreichs gegenüberstehe, als bis sie nur noch eine halbe Stunde Seewegs von ihm entfernt waren. Gegen eine vierfache Uebermacht zu kämpfen, würde Wahnsinn gewesen sein. Es war schon viel, wenn es ihm gelang, sein Geschwader vor völliger Vernichtung zu bewahren. Er bot seine ganze Geschicklichkeit auf. Einige in der Nachhut segelnde holländische Kriegsschiffe opferten sich muthig auf, um die Flotte zu retten. Mit dem Reste des Geschwaders und etwa sechzig Handelsschiffen gelangte Rooke glücklich nach Madeira und von da nach Cork. Aber mehr als dreihundert von den Fahrzeugen, die er begleitet hatte, waren über den Ocean zerstreut. Einige entkamen nach Irland, andere nach Corunna, andere nach Lissabon, andere nach Cadix, einige wurden genommen und mehr noch vernichtet. Ein paar, die unter den Felsen von Gibraltar Schutz gesucht hatten und die der Feind bis dahin verfolgte, wurden versenkt, als man sah, daß sie nicht zu retten waren. Andere gingen in gleicher Weise unter den Batterien von Malaga zu Grunde. Der Gewinn für Frankreich scheint nicht groß gewesen zu sein; aber der Verlust für England und Holland war enorm.[35]