Der Gefangene wildert Grünlinge

Unerhörte Bummelei! Jetzt aber mucke ich auf! Da hockt man nun in dieser Enge schon den vierten Tag! Und immerfort das goldigste Herbstwetter draußen! Ich sehne mich ins Freie — aber mein Antrag, Spaziergänge machen zu dürfen, ist immer noch unerledigt. Bitte, geh’ doch mal zum Kreispfiffikus und melde, daß ich schon anfange, dahinzusiechen.“ In dieser klagenden Weise hatte ich soeben mein Herz ausgeschüttet, als meine Frau sagte: „Da kommt ja Bolle — stell ihn doch zur Rede.“

Man sah dem Amtsdiener an, daß er etwas Angenehmes bringe. „Mahlzeit, Herr Dokta un Frau Doktan! Na scheeneken! det jeht hier allens wie jeschmiert. Ihr Jesuch, Herr Dokta, is nu ooch jenehmigt!“ — „Ich kann also spazieren gehn?“ — „Der Herr Amtsvorsteha is keen Spielverderber nich. Ick muß natierlich dabei sind.“ — „Wieviel Stunden?“ — „Na, sagen wir mal een bis zwee Stunden!“ — „Zwei bis drei Stunden mindestens muß man bei sitzender Lebensweise laufen, um nicht krank zu werden. Schon den vierten Tag bin ich ohne Bewegung. Warum hat man mich so lange warten lassen?“ — „Aber Herr Dokta! Der Herr Amtsvorsteher mußte doch erst an Herrn Landrat berichten — und der bei die Provinzial-Schulkollejen anfragen — un die wieder kriejen Bescheid von den jeistlichen un Medezin-Minister. Hinter den Rücken des Staates kann det Amt Friedrichshagen doch nich erlauben, det Sie als Staatsjefangena hier in de Müjjelhaide den Freischitz spielen — durch die Wälder, durch die Auen .... Allens mit Takt!“ — „Wieso mit Takt?“ — „Sie sollen mit Takt spazieren gehen — un ooch Besuche sollen Se immer mit Takt empfangen. Dadruf ha’k zu halten!“ — „Sie sollen auf Takt halten? Sind Sie Musikus gewesen beim Militär, Tambourmajor oder so was?“ — Pikiert gab Bolle zurück: „Se brauchen mir nich zu vakohlen. Der Herr Amtsvorsteha saacht: Machen ma den Dokta seine Haft leicht — seien ma menschlich. Bolle, saacht e’, jenehmigen Se nach Menschenmeechlichkeit jede Vajinstijung — aber bloß det wir keene Nackenschläge nich riskieren. Ma wer’n beobachtet, Herr Dokta! Janz Balin hält de Oogen uf Friedrichshagen jeheftet. Ick sage Sie, den janzen Tach bimmelt unser Tellefong uffs Amt. Bald frächt ne Zeitung, bald ’n Reporta, bald ’n Neijierijer: Wie jeht’s Ihren Jefangenen? Stimmt et, Herr Amtsvorsteha, det er in een Hotel unterjebracht is? Weil ma nu so umlauat sinn, heeßt et hier: Takt halten! Tu du mich nischt, ick tue dich ooch nischt! Aber haust du meinem Juden, denn hau ick deinem erst recht! Solange wie Se keenen Radau in de Presse schlagen, Herr Dokta, über det hiesige Jefängniswesen, drücken ma jern een Ooge zu.“ — „Habe ich keinen Anlaß, so brauche ich meine Zuflucht nicht zur Presse nehmen. Bloß ein Flugblatt gegen die Verfügungen des Kultusministers lasse ich los — hab’s eben fertig geschrieben, da liegt es!“ Mit einem scheuen Seitenblick auf das Manuskript schrak Bolle zusammen: „Haste Töne? Det is jejen meinem Takt! Ick habe nischt jeheert — ick weeß von nischt!“

„Also gut, Sie wissen von nichts, Ihr Name is Hase! Übrigens geht Sie gar nichts an, was ich hier schreibe! Sie sind ein Philister, Bolle! Aber das geht wieder mich nichts an. Nur ein Punkt interessiert mich noch, den Sie erwähnt haben: Ich soll mit Takt Besuche empfangen? Wie ist das gemeint? Wenn Besucher kommen — oft in wichtiger Angelegenheit — na, so müssen Sie doch zu mir herein!“ — „Selbstmurmelnd! Nu aber versetzen Se Ihnen mal in mein Amt! Ick muß Ihnen doch inschließen! Na also! Nu aber, wie soll ’ck det mit Ihre Besuchers halten? Soll ’ck etwa jedesmal warten, bis die fertig sinn mit ihr Anliejen? Meine Zeit ha’k ooch nich jestohlen! Oder soll ’ck det Jefängnis ufflassen? ohne jede Uffsicht? Oder aber soll ick Ihre Besuchers mit Sie inschließen? Un denn denungziert mir een Besucher von wejen Freiheitsberaubijung! Na ick danke! Wat sagen Se nu? Wat is hier Takt?“ — „Wenn Sie mir nicht trauen, können Sie meine Besucher ruhig mit mir einschließen. Keiner wird was dagegen einwenden. Und das sollen Sie sogar schriftlich haben. Ich verfasse eine Urkunde: Die gehorsamst Unterzeichneten erklären hiermit, daß sie auf ihr ausdrückliches Verlangen in das Amtsgefängnis zu Friedrichshagen eingeschlossen sind, daß also in bezug auf ihre Person keine Freiheitsberaubung vorliegt. Das muß jeder Besucher unterschreiben. Das sichert Sie, Bolle! Seh’n Sie, das nenne ich Takt!“ — Der Amtsdiener war es zufrieden. — „Abgemacht, Bolle! Wir werden uns schon vertragen. Und nicht wahr, heute Nachmittag ziehn wir mitsammen in den Wald!“ — „Heite schon? Heite kann ick bei’n besten Willen nich — Amtsjeschäfte!“ — „Ich muß spazieren!“ — Nun eiferte auch meine Frau: „Ja wahrhaftig, Herr Bolle! Er kränkelt schon! Ich laufe sofort zu Doktor Jacoby — der wird auftrumpfen.“ — „Und ich schlage Radau in der Presse!“ drohte ich, — „morgen früh steht’s im Tageblatt und gar im Vorwärts.“ Bolle schlug die Hände zusammen: „Heeren Se uff! Die Sache is erledigt: Wenn ick heite nich mit Sie jehe, denn muß mir Onkel Pofke vatreten. Der kann mit Sie in de Heide.“ — „Sie meinen den Gastwirt drüben?“ — „Jewiß doch! Frieher is er ooch Amtsdiener gewesen — un seine Dienstmitze hat er noch, die kann er uffsetzen, denn sieht die Kiste doch amtlich aus. Iebrigens duhn Se jut, einsame Waldweje zu jehn ...“ — „Das eben will ich ja! Ich möchte mit meiner Frau Pilze suchen ...“ Meine Frau unterbrach mich: „Heute? Ich habe ja die Schneiderin!“ — „Nu fang du auch noch an!“ gab ich vorwurfsvoll zurück. „Aber natürlich, wenn’s nicht anders ist. Herr Pofke soll mir recht sein. Hauptsache, daß ich in den Wald komme. Pilze will ich suchen, Grünlinge, Kremplinge.“ — „Abends brate ich sie dir!“ begütigte meine Frau.

Mögen Schützen und Angler ihre Weidmannslust preisen, die einzige Jagd, für die mein Herz schlägt, ist die Pilzjagd. Gemeinsam mit aller Jägerei hat sie die versunkene Hingabe an das heimliche Weben im Freien, die Reize des Umherstreifens, Suchens, Erbeutens. Dabei ist meine Jagd unschuldig — weh tut sie den Pilzen schwerlich — die bluten nicht, mit Ausnahme des Blutreizkers — schreien oder zucken tun sie erst gar nicht. Das Unrecht, das der Pilzjäger begeht, beschränkt sich höchstens darauf, daß er unterlassen hat, einen Sammelschein zu lösen — oder daß er durch eine Schonung streift — wo es notabene die allerbesten Pilze gibt!

Aus der Müggelstraße unbeobachtet in den Wald gelangt, ging ich mit Onkel Pofke über Moos und Adlerfarn. Er hatte richtig seine alte Dienstmütze auf und sah komisch aus. Auf meine Frage, ob er Bolles richtiger Onkel sei, gab er den Bescheid: „Von die Frau bin’k der Onkel — ha! det Bolle ihr jenommen, war for ihm een feinet Jeschäft: weil se eene Waise war, hat er seine Schwiejereltern kalt jenossen. Onkel Pofke aber is keen Unmensch — det werden ooch Sie schonstens wittern, wah’ Herr Dokta?“

In einer Lichtung des Forstes liegt die Försterei Krummendamm, eine Wagenspur leitet durch feuchtes Wiesenland. An schwarzen Wasseradern kauern Weiden, Haselbüsche; vergilbte Blätter rieseln nieder, während an hohen Erlen das Laub noch dunkelgrün hängt. Vereinzelte Kiefern auf Wiesenhügeln. Ausladend das Astwerk, buschig die Nadelwipfel. Mit ihrem Goldschimmer leiht ihnen die Nachmittags-Sonne ein braunes Grün, indessen Borke und Zweige erglühen. Wolkenlos darüber der mattblaue Himmel. Einförmig zirpen letzte Grillen. Wie Träumen alles, die Zeit steht still.

Nun kommt das Wehr, von dem das Fließ zu einem Mühlteich gestaut wird. Mit leisem Rauschen schießt das überlaufende Wasser ins untere Bett. Der Teich, auf dem die breiten Blätter der Seerose schwimmen, ist von dunklen Binsen und verblichenem Rohr umkränzt. Es schläft die alte Wassermühle. Dahinter andere Wirtschaftsgebäude, zum Rittergut des Herrn von Beeskow gehörig. Um bäuerische Häuschen trippeln Hühner und Enten, aus Stallungen muhen Kühe. Ein Storchnest krönt das Strohdach der großen Scheune. Vor dem Verwalterhaus, das an einer Uhr zu erkennen ist, prangt die Goldgrube aller Landwirtschaft, der Misthaufen.

Als wir beim Backofen waren, trat der Förster von Krummendamm hinter Akazienbüschen vor. Nicht weidmännisch gerüstet, sondern eine Wagenpeitsche in der Hand. Sein schwitzendes Gesicht hatte etwas Unsicheres. Pustend stand er vor uns, fuhr mit dem roten Taschentuch über seine Stirn und meinte kleinlaut: „Haben Se meinen Jänter nich jesehn?“ Fragend blickte ich auf den Onkel: „Jänter? Was ist das?“ Der erfahrene Onkel versetzte: „Seinen Jänserich meint er! Wat is denn mit Ihren Jänter, Forstmeester?“ — „Wechjelaufen is das Biest! Das is so seine Manier — allemal entwischt er über de Moorwiese rüber und pussiert mit de Heidemühlschen Jänse. Nu such ich schon eine jeschlagene Stunde, aber nischt zu finden. Keene Katze hat’n jesehn. Bei Heidemühle sind bloß’n paar Kinder un olle Weibsleite — da weiß keener wat von mein’ Jänter. Haben Sie denn nischt jesehn?“ — „Keen Watschelbeen!“ erwiderte der Onkel, und ich fügte hinzu: „Bloß Enten!“ — „Na, entschullijen die Herren!“ Und weiter suchte der sorgenvolle Grünrock nach seinem Federvieh.

Wir überquerten einen brachen Sandacker, wo Unkraut stand, struppige Königskerzen mit Samenkolben, betraten dann den moosbedeckten Waldboden. Kiefern von Mittelwuchs, streckenweise niedrige Schonungen. Das Netz, das ich zum Einsammeln der Pilze mitgenommen, befestigte ich am Rockknopf, mein Taschenmesser klappte ich auf. Schon sah ich die erste Beute — bückte mich und stach einen speckigen Grünling los. Von der graugrünen Kappe hob sich grell das Grüngelb der Fächer ab. Dem Onkel zeigte ich das schöne Exemplar, ihn zum Mitsuchen zu reizen.

„Fier unsereens paßt besser ’ne Ziehjarre!“ — „Ich will Ihnen eine geben. Verboten ist das Rauchen hier allerdings. Sogar das Betreten dieses Forstes. Doch bewährt ist die Losung: Tun darf man’s — darf sich bloß nicht erwischen lassen!“ Mit Seelenruhe steckte sich der Onkel den Glimmstengel ins Gesicht und qualmte: „Heite bin ick uff Landpartie — un der Beeskowsche Forstmeester, wenn er nu wirklich käme, der sieht nischt — ick bin doch schließlich ooch ’n Uniformkolleje.“ — „Sie meinen, eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus? Aber wenn nu Herr von Beeskow in eigener Person käme? Er reitet hier öfter.“ — „Ick bin heite amtlich — bejleite eenen Staatsjefangenen.“ — „Bei Herrn von Beeskow kommen Sie damit nicht durch, der ist schneidig. Wissen Sie, wie er gegen die Weibsleute verfährt, die sein Förster beim Holzsammeln abfaßt? Die müssen die Strafe abarbeiten. Nu denken Sie mal, wenn er uns fischte, und wir müßten dann Forstarbeit tun.“ — „Ick bin schon zu steif fier Forstarbeet!“ meinte der Onkel mit Seelenruhe; „un ieberhaupt, Herr Dokta, ick habe det Marschieren nu dicke! Ick strecke mer hier zu Mutter Jrien — un passe Achtung, det keen Beeskow kommt. Un Sie stechen derweile Ihre Jrienlinge ab.“ Und der Leichtsinn warf seine Amtsmütze hin und saß im Moose, den Rücken an eine Kiefer gelehnt. Behaglich qualmte er.

Eine Schonung von doppelter Manneshöhe. „Da ist gute Jagd, und da bin ich auch verborgen.“ Und ich schlüpfte hinein. Die armdicken Kiefern standen so gedrängt, daß ich mühsam zwischendurch konnte. Weiterhin wurde das Dickicht gangbar, obwohl ich nur geduckt vorwärts kam. Spinnefäden umwoben mich, eine Kreuzspinne kroch über mein Gesicht. Es knackten dürre Äste, die ich von den Bäumen streifte. Fernes Schnarren ziehender Wildgänse. Eine Gruppe von Grünlingen! Ich kauerte nieder und sammelte ein. Dann fand ich Kremplinge — mit ihrer schmutzig braunen Hutkrempe sehen sie reizlos aus, machen auch die Finger braun, als hätte man Nüsse ausgepahlt — aber würzig sind sie. Rehpilze waren auch da, oben borkig, unten wie Rehfell.

Schwer bereits von Beute war mein Netz, doch mit immer neuem Eifer strichen die Blicke durch die schmalen Gassen zwischen den braunen Stämmen. Der ganze Mensch war verloren in den Reiz des Suchens. Da mahnte Onkel Pofkes Stimme: „Herr — Dok — ta? Et is Zeit!“ — Noch dies eine Grünlingsvolk wollte ich einheimsen und kauerte nieder. „Herr — Dok — ta?“ Ich schwieg und lächelte vor mich hin, aus Jägerglück. Wie ein Wilderer kam ich mir vor, einer von jenen Söhnen der Einöde, die nicht dulden, daß sich zwischen sie und ihren geliebten Wald eine Papierverordnung schiebe. Hier kauerte ich, umwoben von Bäumen, unter leuchtendem Äther, ein Freibeuter, ein gottverlassener Ketzer, verdonnert vom Minister. Und er nebst seinen Geheimräten glaubte mich hinter Schloß und Riegel. Auf meine Hand blickte ich, die das Messer hielt — ihre fünf Finger waren fünf Sünden. Erstens sammelte ich Pilze, ohne durch Sammelschein berechtigt zu sein. Zweitens war ich in verbotener Schonung. Drittens war ich Staatsgefangener und sollte eigentlich hinter Schloß und Riegel hocken. Viertens hatte ich meinen Aufseher zur Mitschuld verleitet. Fünftens ihn mit der gefährlichen Zigarre traktiert. Die hergezählten Sünden kostete ich, als wären es lachende Äpfel vom verbotenen Baum. Endlich steckte ich mein Messer ein, zog das Netz zu — es war prall und schwer, und nahm die Richtung zum Onkel, von dem ich nichts weiter vernommen hatte. Eben wollte ich aus der Schonung schlüpfen, als ich sah, wie hinter Onkel Pofke, der noch immer qualmend im Moose saß, ein Mann in Jägertracht geschlichen kam. Kuckuck, war das nicht Herr von Beeskow? Wenn man vom Teufel spricht, dann kommt er!

Jetzt hatte auch Onkel Pofke was gemerkt und sprang auf. Die Erinnerung an seine Soldatenzeit beherrschte ihn automatisch, daß er seine Amtsmütze aufstülpte und stramm stand vor Herrn von Beeskow, der eine Jagdflinte hielt, während sein Hund den Onkel verächtlich beschnupperte. „Wer sind Sie?“ fragte streng der Herr des Waldes. „Ick heiße Pofke, Jastwirt zur Preißischen Krone — un heite vatret ick den Amtsdiena Bolle von’t Amt Friedrichshagen.“ — „Und was machen Sie in meinem Forst?“ fuhr scharf der Herr fort — „was? Sie qualmen gar? Das kann ja Waldbrand stiften!“ — „Enschullejen Herr Baron! Aus Jesundheitsricksichten — ick neije zu Fieba, wenn mir die Micken stechen!“ — „Dummes Zeug! Wie kommen Sie mir vor? Was führt Sie hierher?“ — „Ick habe eenen Staatsjefangenen!“ — „Wo denn?“ — Verlegen sah sich der Onkel um, und wie ihn der Grundherr anfuhr: „Keine Flausen!“, rief er kläglich zur Schonung herüber: „Herr — Dok — ta?“

Zwischen Farnen und Kuscheln hielt ich mich gut versteckt. „Wo haben Sie Ihren Staatsgefangenen?“ — „Ach, der sucht sich bloß een Jericht Jrienlinge — die eßt er so jerne.“ — „Mensch, Sie sind wohl nicht ganz richtig, wie?“ — Und von neuem rief der Onkel: „Herr — Dok — ta? Ein Herr — fracht — nach Sie!“ — „Warum rufen Sie immer nach dem Doktor?“ meinte Herr von Beeskow; und etwas milder: „Fühlen Sie sich krank?“ — „Det is keen Dokta fier Krankheiten,“ belehrte der Onkel — „det is ’n Villesoff!“ — „Sie scheinen mir ein Villesoff zu sein!“ — „Nee doch, Herr Baron! Et hat allens seine Richtigkeet — wat meine Dochta is, die meent freilich, et wäre een Dokta fier’s Vieh — aber det stimmt nich — er is ’n Doktavillesoff von die freie Jemeinde — det sollen allens Rote sind.“ — „Na und weshalb ist er Staatsgefangener?“ — „Uff Befehl des Herrn Kultesministas fier Medizinanjelejenheeten.“ — „Ach, quatschen Se nich!“ — „Jewiß doch, Herr Baron! Der Doktavillesoff jloobt an keen’ dreieinichten Jott nich!“ — Herr von Beeskow war fassungslos: „Ja was bedeutet das alles? Treiben sich hier in meinem Wald entsprungene Narrenhäusler rum, was? Holen Sie mal Ihren Doktorphilosophen! Ist hier wirklich jemand versteckt? Doch nicht in der Schonung? Na das fehlte noch!“

Jetzt durfte ich nicht mehr in der Nähe bleiben — der Hund hätte mich ausgespürt. Ich tat einige Schritte rückwärts, ging dann geschwinder, das Knacken von Ästen vermeidend. Als ich die Schonung durchquert hatte, wandte ich mich nach Heidemühle und war, den Kiefernforst verlassend, wieder auf dem brachen Acker mit den Königskerzen.

Da auf einmal Peitschenknall und Gänseschrei. Ich dachte gleich: der Förster hat seinen Jänter! Und richtig! Bei Gänsen, die unter Flügelschlagen enteilten, balgte sich der Förster mit dem Gänserich. Die Linke hielt einen Jänterflügel an den äußersten Federn, die Rechte schwang die Peitsche. Der starke Jänter schlug kreischend mit dem andern Flügel, und die Aufgeregten drehten sich umeinander wie ein tanzendes Paar. „Helfen Sie!“ schrie der Förster, als ich herzulief. „Den andern Flügel packen!“ Ich bekam einen Hieb ans Bein, packte aber zu und hielt nun den andern Flügel. Der Förster schimpfte: „Kreatur! Karnalje! Komm du bloß nach Haus! Halten Se feste, Herr!“ Der Jänter rannte und suchte uns die Fittiche zu entreißen. Wir aber hielten fest, als ob wir einen störrischen Gassenjungen, der ausgerissen, heim zu transportieren hätten. Mit empörtem Gickgack schwebte der Widerspenstige zwischen uns beiden, die wir seine ausgebreiteten Fittiche straff zogen. So schleiften wir den Verhafteten im Eilschritt nach Heidemühle.

Ein wunderliches Bild. Und das zog nun auf einmal vor Herrn von Beeskow vorüber und vor dem Onkel. Am Waldessaum standen sie, Pofke riß Mund und Augen auf, Herr von Beeskow krümmte sich vor Lachen. Unbeirrt deichselten wir das Federvieh an der Mühle und am Wehr vorbei. Wie wir auf der Moorwiese waren, sagte der Förster: „Nu lassen Se man los, Herr! Nu kann er nich mehr entwischen, un mürbe is er ooch!“ Ja, mürbe waren wir alle drei; schnaufend blieben wir Männer stehen und wischten den Schweiß. Der losgelassene Jänter torkelte verwirrt. „Nu haben wir jewonnen — nu folcht er schon de Peitsche! Un nu kommen Se man mit int Forsthaus, Herr! Trinken wir ne Weiße auf die dolle Jachd.“ Den nunmehr kirren Gänserich trieb er vor sich her — ich ging mit.

Eine Strecke hinter mir kam Onkel Pofke — Herr von Beeskow war zurückgeblieben. „Herr Dok — — ta!“ Ich erwartete ihn. Mit dem Ausdruck der Bestürzung sah er mich an: „Wat nu?“ — „Wieso denn? Das ist doch kein Beinbruch, und schön war’s über alle Maßen — sehn Sie mal meine Grünlinge!“ — „Teier sinn die erkooft!“ seufzte der Onkel — „meine Schank-Konzession steht uffs Spiel!“ — „Ach was! Wegen der Zigarre stellt dieser konservative Mann keinen Träger einer Amtsmütze bloß.

Sie haben hoffentlich nicht eingestanden, daß ich in der Schonung war?“ — „Ick habe bloß jesacht, det Se so’ne Art Naturdokta sinn uff Jrienlinge. Nu meente er, Se seien woll nich janz richtich in’n Kopp.“ — „Recht liebenswürdig! Ihnen hat er übrigens dasselbe zugetraut — ich habe alles gehört, kauerte ja dicht bei Ihnen, bis er die Schonung ins Auge faßte. Da freilich dachte ich: jetzt marsch marsch! er hetzt den Hund!“ — „Wollt’ er ooch! Un ick hatte bandijen Bammel, wie der Baron saachte: Wenn Se den Mann in meine Schonung gelassen haben, denn zeige ick Ihnen an, denn hat’t geschnappt!“ — „Es hat aber nicht geschnappt. Die Jäntergeschichte hat ihm doch mein Alibi nachgewiesen.“ — „Na ja, det stimmt! Un da war er ja ooch versehnt. Un wissen Se, weshalb? Weil er vor Lachen bald de Platze jekricht hat — wie Sie mit den Jänter anjesaust kamen. Ick rufe: det is e’ — det is mein Dokta-Villosoff! Der Baron zeicht bloß mit den Finger uff Ihnen — wie Se den Jänter so bei’s Schlafittchen halten, un det Vieh hippt so zappelig zwischen Sie Beede, un trötet so albern durch seine lange Jurgel, un der Ferster knallt mit de olle Peitsche, un det Netz mit de Jrienlinge bammelt vor Ihre Beene. Un der Baron wiehert: Dokta fier’s Vieh! Doktavillesoff ... Et war aber ooch zum Piepen!“

„Na also!“ sagte ich, „da muß der Baron eigentlich noch was ausgeben für den Spaß. Jedenfalls ist die Geschichte allerseits befriedigend abgelaufen. Ich habe die prächtige Wilderei — sehn Sie mal die schwere Masse! Der Förster hat seinen Jänter! Der Baron den unbezahlbaren Spaß ...“ — „Un ick?“ meinte Onkel Pofke mit wehmütigem Vorwurf. — „Sie haben das schöne Bewußtsein, einem Gefangenen ein paar glückliche Stunden verschafft zu haben. Das dankt er Ihnen — und sorgt schon dafür, daß kein peinliches Nachspiel kommt. Das Nachspiel wird nichts andres sein, als ein köstlich duftendes Abendessen. Zunächst aber ein guter Trunk beim Krummendammer Förster. Der hat auf all den komischen Schrecken zu Weißbier eingeladen — ich lechze schon nach diesem märkischen Sekt — und nun heißt es nicht: Sibirien in Preußen, sondern: Champagne in der Mark.“