Das Preußenherz

Der anbrechende Sonntag versprach wieder Sonnenwetter, und ich nahm mir vor, heute in Begleitung meiner Frau und womöglich eines Freundes zu spazieren.

Aus dem Gasthof kam Onkel Pofke und trug einen Stuhl. Neben die Pumpe setzte er ihn, nahm Platz und knüpfte ein Tischtuch vor seinen Hals. „Pechhengst!“ rief er zur Penne herauf. Der Bursche mit der hohen Stimme, den ich gestern auf der Kegelbahn beobachtet, kam herunter und machte vor Onkeln einen scherzhaften Bückling. Dann seifte er ihm das untere Gesicht ein, schwang wie ein Bartkünstler das Rasiermesser, hielt mit der Linken leicht die Nase des Onkels und schabte Oberlippe und Wangen. Schließlich wurde Wasser in eine Schüssel gepumpt und der Rasierte abgewaschen.

Bald nach diesem Genrebilde sah ich Pofken im Sonntagsstaat und überlegte, aus welchem Anlaß er zum schwarzen Bratenrock noch die weiße Binde angetan habe und gar seinen Zylinder glätte. Auch der Amtsdiener erschien im vollen Wichs. Mit dem burgunderroten Kragen, den funkelnden Knöpfen und dem lackierten Extrahelm sah er wie ein Hauptmann außer Dienst aus, der zu Kaisers Geburtstag den bunten Rock hervorgeholt hat.

„Na, Herr Hauptmann von Bolle?“ sagte ich, wie er schneidig in meine Zelle trat, „Sie wollen wohl in die Kirche?“ — „I wo! Nach Balin! Un ick wollte Ihnen bloß fragen, wann heite Ihr Besuch kommt. Die Sache is nämlich die: ma missen zu meine Baliner Tante, Jeburtstach hat se — un denn will se immer de janze Familie um sich haben, die jute Seele. Meine Frau muß ooch mit — un die Kindabagage. Sojar wat der Eenjährich-Freiwillije is.“ — So nannte Bolle den „kleenen Matz“, weil er ein Jahr zählte und — nach des Vaters mysteriöser Behauptung — freiwillig gekommen war.

„Na und? Sie lassen Ihren Gefangenen doch nicht hilflos allein? Ihr Onkel scheint ja auch Ausgehtag zu haben.“ Der Amtsdiener nickte: „Onkel kommt mit! Um Uhre zehne ziehn ma los. Onkel will in Balin wat koofen, da muß ick bei sind ...“ — „Kaufen?“ fragte ich nicht ohne Neugier. — „Na ja! Et is nämlich ein Jeldschrank ..“ „Unsinn! Was braucht ein kleiner Gastwirt einen Geldschrank?“ — „Onkel is nich bloß Jastwirt, ooch Pfandleiha un Althändla. Un det Jeschäft floriert so sachteken. Wat aber Wertsachen sinn, die missen feiasicha vawahrt werden. Ibrigens is der Jeldschrank een Jelegenheitskoof. Wat der kost’, kricht Onkel alle Dage mit Kußhand retur.“

„Na, das wären ja Ihre eigenen Angelegenheiten. Mich interessiert bloß, wer Sie hier vertreten soll. Meine Frau muß doch eingelassen werden, und Gäste kommen sicher schon vormittags.“ Bolle nickte: „Dadrum ebens will ick mit Sie reden. Rund heraus, ick weeß keenen, den ick die Jefängnisschlissel anvertrauen mechte. Denn wat die Schmalzjuste is, die hat in de Wirtschaft zu duhn, schickt sich woll ooch nich recht fier den Jefängnisdienst. Wissen denn nu Herr Dokta keenen Auswech nich?“

Belustigt wies ich nach der offenen Tür: „Das da ist der Ausweg! Geben Sie doch einfach mir die Gefängnisschlüssel! Mißbrauch treib ich nicht. Bloß daß ich meine Gäste einlassen kann!“ Prüfend sah mir Bolle in die Augen; er schwankte zwischen Mißtrauen und Zuversicht: „Hm! ick ha’ schon selba dran jedacht — und hab ooch Vertrauen zu Sie. Denn wenn Se ausreißen wollten ...“ — „Ausreißen? Wozu denn? Freiwillig bin ich hergekommen, und es geht mir ja auch leidlich gut hier.“ Befriedigt nickte Bolle: „Sollt ick ooch meenen! Na abjemacht und Streisand druf! Die Schlissel bleiben also in Ihren Jewahrsam — un nu kann ’k mir woll empfehlen ...“

„Erst möchte ich wissen, wer heute Nachmittag mit mir spazieren geht. Mein Ausgehrecht lass’ ich mir nicht verkümmern. Bei diesem herrlichen Wetter schon gar nicht.“ Der Amtsdiener, etwas verlegen, meinte nach etlichem Besinnen: „Bei die Tante sind ma bloß zum Diner — wissen Se, in de Brauerei Feffaberch, Uhre zwelfe. Un so kennen ma um drei retur sind. Aber offen jestanden, will’k nachmittachs selber eenen Spazierjang machen, mit meine Familie. Ick dachte so nach de Rawensteina Miehle. Da jiebt et Kaffeeklatsch mit frische Fannkuchen.“ Dies Vergnügen, auf das sie sich schon gespitzt hatten, mochte ich Bolles natürlich nicht nehmen. Doch ich wußte Rat: „Vorschlag zur Güte! Sie nehmen mich einfach mit nach Rawenstein!“ Bolle blickte unschlüssig, meinte aber schließlich: „Scheeneken, scheeneken!“ Dann führte er mich zur Kerkertür und steckte den Schlüssel nach innen: „Riejeln Se eenfach zu! Un wenn Besuch kommt, heern Se ja de Klingel.“ Ich wünschte viel Vergnügen und sah Bolle bald losziehn, nebst seiner geputzten Frau, die den weißgekleideten Einjährig-Freiwilligen trug. Dem Knaben Anton folgte Onkel Pofke mit seinem hohen Zylinder.

Keine halbe Stunde nach Abzug der Familie, und es ging die Glocke. Durchs Fenster sah ich den Vorsitzenden der freireligiösen Gemeinde. Sein Gesicht, gewöhnlich von unerschütterlichem Ernste, hatte einen besonders düstern Ausdruck. Wie er so wartend zu Boden starrte, das Kinn mit dem ergrauenden Knebelbart auf die Brust gesenkt, sah er aus wie jemand, der am offenen Grabe eine Rede halten soll. Ordentlich leid tat er mir, ermunternd rief ich: „Heda Friederici!“

Er fuhr zusammen und blickte sich nach der Stimme um. Wie er mich hinter meinem Fensterlein erkannte, errötete er. „Friederici! Hier bin ich! Kommen Sie doch!“ Er tat einen scheuen Wink, als wolle er andeuten: Auf Unterredungen in so formloser Weise darf man sich nicht einlassen! Und zog wieder die Glocke. „Der Amtsdiener is ja nicht zu Hause!“ rief ich, — „is ausgegangen, mit der ganzen Familie! Keiner sonst is da, als höchstens die Schmalzjuste. Aber die hat in der Kneipe zu tun. Ich bin heute Herr im Hause. Kommen Se man zu mir ’rein!“

Unsicher hatte er sich mir zugewandt. Ich ging in den Gefängnisflur, schob den Eisenriegel von der Tür und trat munter auf den Hof, dem Besucher die Hand entgegengestreckt. Außer Fassung hielt er starr die Arme vor, wie zur Abwehr: „Aber wa? was is denn das?“ Lachend ergriff ich seinen Arm und zog ihn in meine Zelle.

Als narre ihn ein Traum, sah er sich um und schüttelte empört den Kopf: „Wa—was sind denn das für Zustände!“ — „Was haben Sie, Friederici? Dieser grollende Blick? Zunächst nehmen Se mal Platz — un schönguten Morgen!“ Zerstreut erwiderte er den Gruß, setzte sich aber nicht und fuhr fort zu eifern: „Sie wundern sich noch? Na ich danke! Sie werden doch zugeben, sowas sind keine geordneten Verhältnisse!“

„Ah so! In den Höfen der Gefängnisanstalt Moabit habe ich Posten gestanden als Einjähriger. Man muß scharf aufpassen, sogar auf Schießen gefaßt sein. Unerlaubtes Geplauder streng verboten. Daran dachten Sie wohl, Friederici? Na, leugnen Sie nicht! Als Sie mir abwinkten, besorgten Sie, von einem Posten eine blaue Bohne in den Leib zu kriegen. Keine Bange! Wir sind hier nicht in Moabit, mein verwöhnter Berliner! Hier sind Sie auf dem Dorfe!“ — „Aber doch in Preußen!“ trumpfte er auf. — „O natürlich! Unter den Fittichen des Preußischen Adlers. Aber was wollen Sie? Die Verhältnisse hier sind simpel. Hier gibts keine Ablösung für den Gefängniswärter. Das ist ein einziger Amtsdiener, und der hat noch sonst eine Menge Geschäfte. Und ist doch schließlich auch ’n Mensch, der mal seinen Sonntag haben will ...“

„Er darf aber seinen Gefangenen nicht allein lassen“ — bullerte Friederici — „bei offener Tür! Da hört doch die Weltjeschichte auf!“ — „Sagen wir lieber: die Preußengeschichte! Seien Sie friedlich! Der Amtsdiener ist mit Frau und Kindern nach Berlin — seine Tante hat Geburtstag, die ganze Familie ist zu Mittag eingeladen. Rührt Sie das nicht? Sie sind doch auch verheirateter Mann mit Frau und Kindern. Na, und nun lächeln Se mal, Sie strenger Cato! Sie Preußenherz!“ — „Ach was, Preußenherz! Auf das Preußentum poche ich bloß insofern, als es auf straffe Ordnung hält.“ — „O Sanktus Bürokratius!“ entgegnete ich mit Augenaufschlag, „nun geht dein Gespenst gar bei den Freireligiösen um!“ Friederici verwahrte sich: „Die Freireligiösen lassen Sie lieber aus dem Spiel! Die sollten hier mal Zeuge sein! Gestern Abend hatten wir Sitzung. Ein Andrang, sage ich Ihnen — und alles in wilder Bewegung. Über den Kultusminister ging es her, daß ich schon dachte: jetzt bauen sie in der Rosenthalerstraße eine Barrikade! Oh da hätten Sie hören sollen, wie alles Sie bedauerte! Wie man die trostlose Lage des Gefangenen ausmalte! Im düstern, feuchten Kerker sitzt er, hinter Eisensprossen, dicken Riegeln ...“ — Ich unterbrach ihn: „Wollen Sie sich gefälligst überzeugen? hier sind in der Tat Eisensprossen — und den dicken Riegel haben Sie bemerken können, als ich aufriegelte ...“ — „Ja aufriegelte!“ spottete Friederici — „wenn das unsere Freireligiösen wüßten! Die haben mir noch auf die Seele gebunden, daß ich vor keinem Hindernis zurückschrecken soll, um nur ja Zutritt zum armen Gefangenen zu finden. Man bildet sich ein, Sie schmachten in grausamer Verlassenheit. Der gefühlvolle Papa Falk hat sogar das Lied angestimmt: Zu Mantua in Banden ...“ Scherzhaft zog ich das Taschentuch: „Ach Jotte doch! Ich bin aufrichtig — muß bloß lächeln, weil hier wieder mal die Wirklichkeit abweicht von der Phantasieschablone. Aber nun trösten Sie die mitleidigen Seelen! Erzählen Sie, wie Sie mich gefunden haben ...“ — „Niemals!“ protestierte Friederici, „wenn ich ihnen das erzähle, gibt es einen kalten Wasserstrahl auf die Begeisterung. Man steinigt mich — Ihrer kann man ja nicht habhaft werden.“ — „Aber was hat man denn gegen mich?“ — „Na, ich danke, einen Märtyrer stellt man sich doch anders vor!“ — „Ach so! Sie möchten einen Märtyrer haben? Im Sinne der düsteren Kulissenromantik! Und nun enttäusche ich Sie. Bin eben kein blutender Glaubensheld, kein Giordano Bruno! Aber freuen wir uns doch, daß unser Sittenklima milder ist als dazumal! Ein Mensch fühlt das hier, ein lebendiger! Und lächelt über das Ansinnen, daß er sich foltern lassen soll, damit seine Partei einen Märtyrer hat ...“

„So ist es nicht gemeint!“ versetzte Friederici versöhnlich. „Ich wollte bloß sagen: unsere Gemeinde war gestern noch stolz auf Ihr Martyrium — und nun soll sie morgen lange Gesichter machen? Darin liegt doch was Fatales!“ — „Fatal für solche, die nicht Humor genug haben — und die nicht in erster Linie das Leben gelten lassen, sondern ihre Schablone vom Leben. Die Schablone ist ein Gefängnis, das sich die Menschen selber zurecht machen. Schon des Kindes Innenleben wächst in lauter Käfige ein. Kein Wunder, wenn später alles Denken, Fühlen, Handeln Schablone bleibt. Ich habe wenigstens den Schlüssel zu meinem Gefängnis und spaziere gemütlich hinaus. Aber der Gefängnisphilister wird verwirrt, wenn er ausschlüpfen darf — wie ein Kanarienvogel, der immer nur im Käfig steckte und sich eingewöhnt hat.“ — „Überheben Sie sich nicht!“ meinte verdrossen mein Besucher. — „Fällt mir nicht ein!“ gab ich zurück. „Auch ich gehöre ja der großen Zivilisationsfabrik an. Meine ganze Überhebung besteht darin, daß ich gewisse Dinge überschaue. Und nun schauen auch Sie, guter Freund! Schauen Sie hier das Leben! Es ist immer anders als unsere Schablone — ist immer einzig. Es spottet jeden Käfigs. Der Zivilisationsphilister glaubt nicht an das Leben, er glaubt an sein Reglement. Hier könnten die Vertreter des Reglements was lernen! Der Kultusminister und seine Räte. Und auch Sie, braves Preußenherz. Kränken Sie sich nicht, weil ich Sie so nenne! Ich weiß, wie pflichttreu Sie sind! Aber nun lassen Sie’s gut sein! Mäßigen Sie mal Ihren Korrektheitseifer! Schon schlüpft ein schüchternes Lächeln durch die Eisensprossen Ihres Ernstes. Jetzt gefallen Sie mir. Und jetzt lassen Sie uns fidel sein im fidelen Gefängnis! Tun Sie mir mit einem Gläschen Bescheid! Mein Amtsdiener delektiert sich an Pfefferberger Bier. Halten wir uns an diese Pulle Wermut! Bittersüß ist der Trank — wie mein Gefängnis! Bittersüß, wie der Humor — und wie eigentlich das ganze Leben.“