Der Biedermaxe

Der freireligiöse Führer hatte sich verabschiedet. Auf dem Hofe erschien meine Frau nebst Frau Pape, die den Korb mit meinem Mittagessen trug. Lachend wurde ich begrüßt, wie ich so ganz ohne Aufseher auf den Hof trat. Die Seltsamkeit meines Gefängnisses wurde schon wie eine Selbstverständlichkeit hingenommen. Beim Verzehren des Sonntagsbratens kündete ich an, wir würden heute einen Waldspaziergang machen.

„Da ist wer! Vielleicht Besuch für dich!“ Durchs Fenster sah ich einen kurzen Mann; nach der Kleidung hätte man ihn für einen Liebhaber des Segelsports halten können; doch das fahle Gesicht, die schwammige Gestalt verriet den Stuben- und Wirtshaushocker. Sein marineblauer Anzug und die Seemannsmütze waren wohl Renommisterei. In die Brust geworfen, den Kopf hoch, die Augen rollend, den dicken Schnurrbart forsch gesträubt, suchte er sich das Ansehen eines Kapitäns oder ehemaligen Militärs zu geben. Etwas lächerlich Widerwärtiges war an ihm, als wäre er die Karikatur eines Feldwebels, der Kasernenstuben inspiziert und seine Augen wie ein Luchs umhergehen läßt, Unregelmäßigkeiten zu entdecken. Der Mann mit der Kapitänsmütze wandte sich bald hier-, bald dorthin, drehte den Kopf zur Amtsdienerglocke, zur Regentonne, ging hastigen Schrittes zur Kegelbahn, wieder zur Pumpe. Alles geschah mit ruckartigen Bewegungen und einer hochmütig strengen Miene. Sein Aufmerken war nun mißtrauisch auf den Gefängnisbau gerichtet. Hinter den Eisensprossen mußte er zwei Gesichter bemerkt haben; denn plötzlich starrte er durchbohrenden Auges und tat ein paar stramme Schritte nach meinem Fenster. Wie er die Glotzaugen aufriß, um seinem Gesicht einen majestätischen Ausdruck zu geben, erinnerte er an den Frosch der Fabel, der sich aufblies, bis er platzte.

Der Mann mit der Kapitänsmütze platzte nun freilich nicht, doch explodierte seine Geschwollenheit in einem Hohngelächter: „Hohoho!“ Und wie man jemand verächtlich von Kopf bis zu den Füßen mißt, wandte er das Gesicht schadenfroh vom Kerkerfenster niederwärts zur Müllgrube und spie herausfordernd aus: „Pfui Deibel!“ Auf dem Absatz umgewendet, stolzierte er, wie nach einer Heldentat, zur Straßenpforte. Ehe er sie hinter sich zumachte, wiederholte er sein hohles Gelächter.

Was war das? Mit dieser stummen Frage blickte ich meine Frau an, sie mich. „Das muß ja ein niederträchtiger Kerl sein,“ sagte sie, „er wollte dich verhöhnen.“ Ich wiegte langsam den Kopf: „Was es doch für Menschen gibt! Das heißt, Menschen sollte man sie gar nicht nennen, sondern Leute.“ — „Kennst du ihn?“ forschte meine Frau, „hast du ihm was getan?“ — „Nicht daß ich wüßte! Keine Ahnung, wer er ist! Wohl ein Spießer, der im Käseblättchen gelesen hat, daß ich hier Gefangener bin. Aus Neugier schnüffelt er nun hier herum — oder will sich dicke tun — weil er nicht ist, wie so ein Lump hinter Schloß und Riegel. Aber lassen wir den aufgeblasenen Frosch! Wir wollen lieber den wundervollen Herbsttag genießen. Ich strecke mich noch ein Stündchen hin und lese im Chamisso. Du könntest derweilen zu Spornreutters gehn und sie einladen, den Spaziergang mitzumachen. Aber pünktlich drei Uhr hier sein!“

Meine Frau ging — ich versank in Nachdenken über die menschliche Natur. O Mensch, du kleiner Gernegroß! Wie komisch, wenn du neben deinesgleichen das Figürchen um Strohhalms Breite höher recken möchtest! Und wie häßlich, wenn du den andern duckst, bloß damit du dir groß vorkommen kannst, und wenn du ihn unter deine Füße zwingen möchtest. Schadenfreude ist des Menschen schlimmste Blamage.

Sieh da, die Familie Bolle war zurück! Ich verließ mein Gefängnis und wiederholte dem Amtsdiener, daß ich nun den Spaziergang machen möchte. Er murrte, er sei müde vom Geburtstag, müsse mindestens eine Stunde schlafen. „Aber Mann!“ wandte Frau Bolle ein, „denn is ja die scheene Sonne wech!“ Borstig erwiderte er: „Komm du mich nich mang die Amtsjeschäfte! Ick nehme eich ieberhaupt nich mit.“ — „Friedlich, Herr Bolle! Ich mache Ihnen das Zugeständnis, Sie legen sich jetzt aufs Ohr, aber nur eine halbe Stunde! Schlummern Se mal etwas rascher als sonst, hernach sind Sie besser ausgeruht, als nach langem Schnarchen. Bedenken Sie: Frische Pfannkuchen zum Kaffee!“ Es blieb ihm nichts übrig, als sich zu fügen, zumal seine Frau energisch geltend machte, bei dem milden Wetter müsse sie mit den Kindern ins Freie.

Bald kam meine Frau mit dem jungen Ehepaar Spornreutter, das in Friedrichshagen wohnte. Spornreutter, Herausgeber einer Zeitschrift, hatte viel Sinn für Landschaft, für Kunst und künstlerische Volksbildung, wie er denn in der Volksbühne mein wackerer Helfer war. Seine Frau, stillvergnügt, eine zierliche Blondine von der Waterkant. Im Hofe richtete Frau Bolle nebst dem Knaben Anton den Kinderwagen für den Einjährig-Freiwilligen her. Als der Amtsdiener seine Verschlafenheit überwunden hatte, zog unsere Karawane los. Ich mit Spornreutter voran, dann unsere Frauen, drittens Anton, der den Kinderwagen schob, zuletzt das Ehepaar Bolle.

Der Herbstnachmittag war goldig und süß wie ein vollkommener Apfel. Nach Westen gesunken, hauchte die Sonne noch warm über Stoppelfeld und vergilbtes Kartoffelkraut. Ein Herbstfaden schwamm wie blitzendes Silber in der stillen Luft. Nun tauchten wir in den Kiefernforst, der sich meilenweit erstreckt. Auf verschwiegenen Gestellwegen ging es gemächlich, zuweilen pfadlos über Moospolster. Weite Strecken waren von Adlerfarn bedeckt, die gefiederten Blattwedel vergilbt. Teppiche von Preißelbeerkraut, wildverrankte Brombeerhecken. Hin und wieder leuchtete aus dem Moose ein roter Fliegenpilz. „Au kuck mal, Rehe!“ rief Anton. Die geschmeidigen Tiere hüpften mit langen Sätzen über die Farne, zwischen den Stämmen blinkte der weiße Fleck am hellbraunen Hinterteil, dann waren sie entschwunden. Nun raschelt’s an einer Kiefer: Eichhörnchen rennt fauchend die Baumborke hinan, hüpft von Wipfel zu Wipfel. Der Wald lichtet sich — eine Schonung. Über die niedrigen Nadelbüsche ragen vereinzelte Riesen, knorrig, die Wipfel gebreitet. Schon verklärt sich der Himmel, und rötlichgolden fließt der Sonnenduft schräg über den Forst. Kiefernäste erglühen. Hoch im Äther zieht drohende Kreise der Habicht — in der Schonung hat er eine Kaninchensippe erspäht. Auf das Kreischen des Räubers antwortet zankend der Häher. Dann trommelt ein Specht mit dem Schnabel seinen Borkenwirbel. Sonstige Vogelstimmen sind selten, nur daß schleppenden Flugs eine Krähe krächzt oder winzige Meisen, um die roten Beerendolden der Eberesche schlüpfend, wie Mäuschen piepen. Entferntem Meeresrauschen ähnlich, wogt ein Seufzen durch die Nadelwipfel, die sich kaum regen. So recht für Träumer ist dieser märkische Kiefernforst. In Grübelei versinkt der Wanderer, seine ernste Stimmung wird durch die einförmige Öde zusammengehalten.

Erst als wir auf dem üblichen Wege nach Rawenstein waren, wo noch andere Leute spazierten, kamen wir ins Geplauder. Ich erzählte von dem sonderbaren Gast, der heute den Gefängnishof besucht hatte, und dann blieben wir stehn, um Bolle darüber zu befragen. Gar nicht erbaut von meinem Bericht, wiegte er den Kopf: „Au Backe, det war der Biedamaxe!“ Wir lachten über den Namen. „Erzählen Se, Bolle, was für einer das ist!“ — „Kommissionär schimpft e’ sich, un eene Baustelle hat er am See, wo die Holzbaracke steht. Dadrinne lauert e’ uff Kooflustije, wo e’ rinlejen kann. Leben dut e’ von’t Jeldjeschäft. Wissen Se, meine Herren, wenn ick heite, un hätte Kapetal, ick machte ooch Jeldjeschäfte. Det Jeldjeschäft ...“ — „Schon gut! Aber weshalb nennen Sie Ihren Kommissionär Biedermaxe?“ — „Den Namen hat e’, weil er immer den Biedermann rausbeißen dut. Wie se mal Kaisers Jeburtstach in de Brauerei jefeiert haben, erhebt sich unsa Maxe un redet uff de deitsche Treie, un zum Schluß hebt e’ drei Finger der rechten Hand zum Schwur, rollte seine Jlotzoogen un jröblt:

„Der Schwur erschallt, de Woge rinnt,

De Fahnens flattahn hoch im Wind,

Der Deitsche, bieda, fromm un stark,

Beschirmt de heilje Landesmark.“

Wir lachten: „Aha, seitdem nennen Sie ihn Biedermaxe.“ — „Ja, un wer ihm kennt, hat nich jern wat zu dun mit ihn. Wenn er heite unsan Hof inspiziert hat, is det bloß, weil e’ wat ausschniffeln will, um Ihnen zu denungzian oder mir. Im Denungzian is der Biedamaxe stark. Den Briefdräjer hat er denungziat, weil der den Briefkasten mal etwas zu frieh abjeholen hat; un eenen Bahnschaffner, weil der vajessen hatte, ihn det Billet abzunehmen. Dabei jeheert sich doch Nachsicht fier Beamte, wo ohnehin ihr Dienst schwer jenuch is. Un wissen Se, wat der Biedamaxe saacht, wenn man ihm zur Rede stellt? Denn wirft e’ sich in de Brust un schnauzt: Jeder deitsche Mann von Bildung hat darieber zu wachen, det die unterjeordneten Orjane in jebührende Ordnung funksjenian.“ — „Und ist das aufrichtig gemeint?“ — Bolle antwortete: „Bei seine Jeldgeschäfte sind die jebührende Ordnung zwanzig Prozent. Selbstmurmelnd!“

Eine Moorwiese durchquerte den Kiefernforst. Einst mußte hier ein See gewesen sein, der Wasserrest schlich als Fließ durch ein schwarzes Bett. Zum Teiche gestaut, hatte das Wasser die Rawensteiner Mühle getrieben; seit aber das Mühlrad nichts mehr einbrachte, hatte sich der Pächter auf die Gastwirtschaft verlegt. Ein Garten mit alten Erlen, Kuhställe, eine Scheune mit Storchnest, Taubenhaus und gurrende Tauben, Hühner und Enten, schilfumkränzt der Mühlteich, ein Ausblick auf Moorwiesen und Kiefern.

Da es bei dem aufsteigenden Abenddunst nicht ratsam schien, im Freien zu sitzen, begaben wir uns in die große Gaststube. Nur noch ein Mitteltisch war frei, und hier nahmen wir Platz, obwohl es nicht angenehm war, so auf dem Präsentierteller zu sitzen. Bald stand vor uns eine gewaltige Kaffeekanne und eine Schüssel mit Pfannkuchen. Meine Frau füllte die Tassen und lud ein, zuzugreifen. War nun das nicht ein gemütliches Bild? Der Gefangene mit seinem Kerkermeister Kaffee schlürfend im ländlichen Wirtshause? Die Frauen schmausen Kuchen, der Polizeisprößling im Kinderwagen saugt an seiner Milchflasche. Wir plaudern harmlos, als ob es in der Welt nichts Schlimmes gäbe, nichts Verbotenes und keine Strafen! Als wäre das Friedensreich gekommen, wo neben dem Löwen das Lamm ruht.

Je argloser wir uns gaben, desto mehr wurden die Blicke der übrigen Gäste kalt und finster. Die Frau eines Drogenhändlers, nebst Töchtern und Schwiegersöhnen wie eine Gluckhenne, musterte entrüstet unsern Tisch und war im Einvernehmen mit einem Sattlermeister, der den Kopf schüttelte, als wolle er mit Hebbels Meister Anton sagen: „Ich verstehe die Welt nicht mehr!“ Wäre die spiritistische Lehre, daß konzentrierte Seelenkräfte auch im Schweigen die Menschen bestimmen und sogar Tische rücken können, zutreffend gewesen, das einmütige Aufbegehren der Spießergesellschaft hätte den frechen Gefangenen und seinen frivolen Kerkermeister nebst dem ganzen Mitteltische jählings hinausbefördert. So aber blieben wir mit der Seßhaftigkeit materieller Wesen, bis all das Unsere verzehrt war. Als dann Frau Bolle den Kinderwagen hinausschob und ihr Mann, die Hand an den blanken Helm gelegt, seinen Schutzbefohlenen den Vortritt ließ, brach die verhaltene Empörung hinter uns los: „Nee, so wat! Haste Worte?“ — „Haben Sie gehört?“ meinte Spornreutter, und ich entgegnete: „Der Biedermaxe geht um!“

Draußen war es dunkel und die Gegend des Moors derart nebelig, daß kaum noch Dämmerlicht vom Himmel kam. Der Knabe Anton hatte die Führung, hinter ihm schob der Amtsdiener den Kinderwagen. Ich verbiß mich mit Spornreutter in ein grimmes Gespräch: „Haben diese Bürgersleute denn nicht die mindeste Solidarität mit mir? Ich bin doch nicht gefangen, weil ich ihr Eigentum oder sonst ihre Lebensinteressen geschädigt habe.“ Spornreutter unterbrach: „Erstens haben Sie das doch! Ungläubigkeit ärgert die Leute. Zweitens ist es ihnen schnuppe, aus welchem Grunde Sie dem Gefängnis verfallen sind. Sie sind jedenfalls ein polizeiwidriges Subjekt, Sie müssen sitzen — das genügt! Da Sie also hinter Schloß und Riegel gehören, so geraten diese Spießer aus dem Häuschen über das Schauspiel, das sich eben unter ihren Augen abgespielt hat. Statt im Kerker zu büßen, macht der Gefangene gemütliche Waldspaziergänge nach einem öffentlichen Lokal, und die Polizei geht mit als Vergnügungsmeister und Lakai. Bezahlt man dafür seine Steuern, he?“ — „Aber haben diese Leute denn gar keinen Sinn für die lustige Seite meines Gefängnisses? Warum hat kein einziger geschmunzelt? Was hat ihre Herzen der Mitfreude so verschlossen?“ — „Unschuldswurm!“ meinte Spornreutter, „trauen Sie diesen Leuten solche Mitfreude zu? Schadenfreude ist ihnen eigen! Das haben Sie am Biedermaxe erlebt, der höhnisch über Sie lachte.“

„Hier ist es ja stockfinster,“ meinte Spornreutter, „passen Sie auf, wir sind vom Wege ab, hier sind gar Dornen.“ Gleich darauf rief Anton: „Aua! Et piekt mir!“ Und der Amtsdiener: „Au Backe! Ick habe mir verheddert — der Kinderwagen sitzt feste, mang de Brombeean! Streichhelza hea!“ — „Ich habe keine!“ versetzte Spornreutter, „nu sitze ich selber fest. Wille, wo sind Sie?“ Ich war einige Schritte weiter gegangen und blieb stehen, da auch ich Dornranken spürte. Frau Spornreutter rief: „Wat is ’n los, Mann?“ — „Ick wollte, ick wäre los!“ — Der Einjährig-Freiwillige brüllte. Ich kicherte. Nun wurde Bolles Stimme mißtrauisch: „Herr Dokta? Sind Se auch noch da?“ Offenbar war er bange, ich könne mich fortgemacht haben. Der Zeitpunkt wäre ja famos gewählt gewesen. Rings finsterer Wald und hilflos verheddert die Polizei. Jetzt gerade schwieg ich; auch ich wollte mal schadenfroh sein. Harmlos freilich war die Rache, die ich an der Menschennatur nahm. Nur Bolle war das Opfer, seine Stimme drückte Angst aus: „Herr Dokta? mein Jott, wo sin Se denn? Antworten Se doch! Herr Spornreutta, wo is mein Arrestant? Is det der Lohn fier meine Jutmietigkeet? Frau! det is een Unjlicksdag, un du bis schuld! Du hast zujeredt zu diese Landpartie. Mich schwante schon so wat. Nu is mein Arrestant futsch, un ick lieje in’ Wurschtkessel!“ — „Ach Unsinn!“ antwortete Spornreutter, dann rief er in den Wald: „Wille! wo stecken Sie denn?“ Auch meine Frau beteiligte sich an dem Rufen: „Bruno! mach keine Witze!“

Damit nun des grausamen Spiels genug sei, antwortete ich barsch: „Wozu das Geschrei? Ich bin doch hier, — habe selber mit den verflixten Dornen zu tun. Zurück, Herr Bolle, in der Richtung, woher Sie gekommen sind, Sie verheddern sich sonst noch mehr.“ — „Ick bin schon wieda los,“ antwortete er; „aber mein Jott, wie ick mir verschrocken habe! In sone Finsternis kricht selbst ein Polizeimann grauliche Jedanken.“ Als wir den Weg wiedergefunden hatten, ging es vorsichtig durch die Dunkelheit. Auf einmal wich der Nebel, auf der Moorwiese lag er nur.

Spornreutter kam auf eine Gefängnisstrafe zu sprechen, die er selber durchgemacht hatte. Am Himmelfahrtstage war in einer Arbeiterversammlung ein Geistlicher erschienen und hatte in der Diskussion auf die Frage, wie Christi Himmelfahrt zu verstehen sei, die Antwort erteilt: „Wörtlich, wie die Bibel es beschreibt — leibhaftig ist unser Heiland aufgefahren, sitzet zur Rechten Gottes.“ Durch solche Glaubensstarrheit gereizt, hatte Spornreutter erwidert: Der Sternenraum ist so unermeßlich, daß vom Nebelfleck der Andromeda das Licht eine Million Jahre braucht, um zur Erde zu gelangen. Wenn also die Fahrt gen Himmel mit der größten uns bekannten Schnelligkeit, mit der des Lichts, stattgefunden hat, so ist sie zurzeit noch lange nicht über den Sternenraum hinaus; erst in neunhundertachtundneunzig Jahrtausenden, von heute an, wird der Himmelsfahrer beim Nebelfleck der Andromeda angelangt sein — und wer weiß, wie lange er dann noch zu fliegen hat, bis die Welt mit Brettern vernagelt ist und das übernatürliche Reich anfängt! Der Gendarm, der die Versammlung überwachte, mißdeutete die Heiterkeit, die auf diese Ausführung laut wurde, und die Folge war Spornreutters Verurteilung zu acht Wochen Gefängnis wegen sogenannter Gotteslästerung.

Mein Gefängnis war nicht so fidel, wie das Ihre,“ erzählte er, „dennoch möchte ich es nicht missen in meiner Lebensgeschichte, schon deshalb nicht, weil ich so schöne Ruhe zum Lesen und Schreiben hatte. Ich habe im Gefängnis neugriechisch gelernt und Werke des Dichterphilosophen Polytropos übersetzt. Wissen Sie, was der zum Beispiel sagt? Ein Gott, der sich schämen muß über den Zustand seiner Anbeter, ist kein Gott! Der Gott eines Volkes in Lumpen ist kein Gott!“ — „Und erst recht nicht, wenn’s ein Volk von Lumpen ist,“ fügte ich hinzu; „doch lassen wir die Bosheiten! Erzählen Sie von Ihrem Gefängnis! Besuch war Ihnen wohl selten gestattet?“ Spornreutter erwiderte: „Ich fühlte mich nicht einsam — habe soviel mit Gefangenen geplaudert, daß es mir oft zuviel wurde. Kennen Sie die Klopfsprache? Mit ihr verständigt man sich durch die Kerkerwände. Besonders eignen sich hierzu die Heizungsröhren. Wenn unten, oben oder nebenan ein Gefangener daran klopft, so hört man’s in den Nachbarzellen. Das Abc wird so abgeklopft, daß Worte rauskommen. Das ist zwar etwas umständlich, aber bald geht die Unterhaltung ziemlich flott, zumal angefangene Sätze oft erraten werden. Was haben wir uns nicht alles auf diese Weise erzählt!“

Schweigend schritten wir den Waldpfad dahin. Sterne leuchteten. Ein Käuzchen schrie. Dann kam wieder das aufstöhnende Sausen der Kiefern. „Wissen Sie, woran mich Ihre Geschichte in Verbindung mit dem Biedermaxentum gemahnt?“ fragte ich. „Der Mensch ist in die Ichform eingesperrt wie in ein Gefängnis. Wohl ihm, wenn er wenigstens Klopflaute findet zur Verständigung mit seinesgleichen. Aber es gibt auch Isolierzellen — gibt isolierte Ichlinge, die gar nicht aus ihrem dicken Fell herauswollen. Am besten hat es ein Gefangener, der über den Kerkerschlüssel verfügt, beliebig aufschließen, sogar Sparziergänge ins Freie machen kann. Reizt euch das nicht, ihr Gefängnishocker? Wann werdet Ihr Lust zur Freiheit kriegen? Sehn Sie mal, Spornreutter, da oben ist Ihr Sternenbild Andromeda — mit dem Nebelfleck, dessen ketzerische Betrachtung Sie ins Gefängnis brachte. Wissen Sie, was Sie den Leuten über die Himmelfahrt auch hätten sagen können? Jeder Mensch steckt in einer Höhle, soll aber gen Himmel fahren. Wie man das macht? Dazu braucht man nicht den Flug des äußern Lichts, sondern den Gedanken, der die Trennungen überwindet. Heute im Walde sind wir aus uns herausgegangen. War’s nicht köstlich, wie wir uns in die Landschaft vertieften? So soll man sich in die Mitmenschen einfühlen, soll kein Gemütskrüppel sein wie der Biedermaxe. Wie aus seiner Puppenhülse der Schmetterling, soll aus dem Ichgefängnis ein besserer Mensch hervorgehen. Wenn wir einander verstehen, dann ist das Friedensreich da, wo das Lamm neben dem Löwen schlummert.“ — „Aber nun der Biedermaxe! Sollen wir auch ihn duldsam verstehen? Und nicht lieber zum Kuckuck jagen?“ — „Tun Sie Beides! Schwingen Sie die Geißel wie Christus, als er das Gesindel aus dem Tempel trieb. Tun Sie’s aber ohne Haß — tun Sie’s lachend! Mit Humor!“