Einsamkeit
Auf sein Bett gestreckt, fühlte sich der Gefangene vereinsamt, der graue November weinte ihm etwas vor. Kalter Wind schnob — der Regen rann, mit Schnee und Schloßen untermischt. Die Blechrinne schluchzte, in die untergestellte Tonne plätscherte das Naß. Um noch verlorener zu erscheinen, war dieser Tag ein Sonntag. Alle Welt sucht sich feiertags eine besondere Freude, mit der Geselligkeit wird dann geradezu ein Kultus getrieben. Der Gefangene blieb heute ganz allein. Seine Frau war erkältet und hütete das Zimmer; kein Freund ließ sich sehen, kein Hund, keine Katz. Na ja, verständlich war’s; bei dem unwirtlichen Wetter hockte jeder gern zwischen seinen gemütlichen Pfählen, Kaffee schlürfend bei der Hausfrau oder bei seiner Freundschaft. Die Gefährten der literarischen Kolonie schwatzten gewiß, wie gewöhnlich, bei Streitmüllers, und ihnen ging der Humor nicht aus. Vielleicht hatte einer den Vorschlag geäußert: „Besuchen wir Bruno!“ Aber dann war eingewendet: „Ach wir sitzen so gemütlich beisammen — und bei Bruno war ich erst vor einer Woche. Dem wird’s ja auch nicht fehlen an Besuch — heut’ am Sonntag ist seine Zelle selbstverständlich voll wie eine Heringstonne! Bleiben wir also hier — Prosit!“
Ich hörte mich seufzen — immerfort wimmerte draußen die Rinne, der Abend dämmerte schon, und ich blieb allein.
Es kam mir in den Sinn, daß der gutmütige Eckehart zu Beginn meiner Gefangenschaft angedeutet hatte, mit Diotima wolle er mir ein Ständchen bringen. Der wimmernde Wind war nun mein Ständchen.
Weil aber Schwermut bitter, Bitterkeit mißtrauisch macht, so kamen mir argwöhnische Gedanken. Im Geiste sah ich den Freundeskreis, hörte einen Witz über mich, der mir boshaft vorkam — und alles lachte. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Und die Krähen hacken drauf los, wo eine anders aussieht als die andern. Manchem ist es nicht völlig ernst, wenn er mir die Hand drückt: „Wacker!“ Sitzt er dann mit andern zusammen, so kommt der Herdensinn heraus, und nun heißt es von oben herab: „Kurios, was Wille da auf sich nimmt! Mein Geschmack wär’s nicht, den Märtyrer zu spielen.“ Ein anderer meint superklug: „Ein Märtyrer für seine Überzeugung — wie Sokrates, der den Giftbecher trank — à la bonheur! Das war ein Kerl! Aber Fritzenwalde ist kein Athen — nicht mal ein Abdera — und Bruno Wille kein Sokrates.“ — „Nicht Schierling trinkt er, sondern Grog!“ rief jemand — alles lachte, und dann hieß es: „Ein fideles Gefängnis! Solch ein Martyrium ist ja ein wahres Vergnügen, ein Studentenulk!“ Zwar machte ich mir selber dies Gerede vor, doch ich glaubte daran. Ich tat, was man vom Hasen sagt, ich schlief mit offenen Augen, und meine innerlichen Gesichte hatten eigenes Leben ...
Im Lehnstuhl thronend, genehmigt Otto Erich Hartleben einen Schluck und meint blasiert: „Ich wußte mir von je bessere Studentenulke. Daß Wille ins Gefängnis ging, finde ich einfach geschmacklos.“ Gereizt entgegnet Paul Streitmüller, der ältere der Brüder: „So’n einseitiger Ästhet wie du will natürlich immer genießen; aber sind wir denn dem tätigen Leben nicht auch was schuldig?“ — Hochtrabend Hartleben: „Meinen Gläubigern bin ich was schuldig, das muß ich schon anerkennen, sie schicken mir ja den Gerichtsvollzieher. Aber das Leben soll mir nicht kommen mit idealen Forderungen! Um die bessere Zukunft zu düngen, euren sozialen Staat, dazu bin ich mir denn doch zu gut!“
„Prosit“ stimmt ein anderer Gast bei, ein Nietzscheaner und Individualist — „mögen sich die Sozialisten oder Christen — das ist ja im Grunde ein und dasselbe — verbrauchen lassen von ihren Genossen oder Nächsten, — ich lasse mich nicht vom Leben verbrauchen, sondern ich verbrauche das Leben — wie es mir beliebt!“ — „Weißt du, guter Streitmüller, was mein Ästhetentum bedeutet?“ fuhr Hartleben fort — „ein ganzer Künstler will ich sein!“ — „In Schönheit sterben!“ ulkt Streitmüller — „und Cerevisia von Pilsen heißt Otto Erichs vornehme Schönheit, Prost Kinder!“
Hartleben läßt sich nicht aus seiner Sicherheit bringen und blickt herausfordernd im Kreise umher: „Cerevisia von Pilsen, so heißt allerdings meine Dame — daß Otto Erich ihr Ritter ist, weiß also selbst der Adel von Berlin-Ost und die Fritzenwalder Ritterschaft vom Geiste. Aber noch nicht scheint sie zu wissen, daß ich diese Dame nur aus dem Grunde liebe, weil sie meiner Königin aufwartet. Die Königin heißt Träumerei. Cerevisia, der goldige Stoff aus Pilsen, dient meiner Träumerei. Nach meinem Geschmack träumen will ich, das ist mein wahres Leben. Ihr Banausen begreift nicht, warum ich saufe. Die Wirklichkeit ist mir zu pöbelhaft — das ist mein tiefer Grund! Heil!“ — „Heil!“ echoen die Spezialjünger und schlucken eifrig. Einer intoniert:
„Meine Mus’ ist gegangen
In des Schänken sein Haus ...“
„Haltet die Mäuler, Füchse!“ ruft Paul Streitmüller — „die Diskussion ist noch nicht zu Ende. Was Otto Erich Träumerei nennt, ist eigentlich Schlemmerei. Ich gönne euch allen ja etwas davon und ihm noch seinen Extrakübel mit dem prickelnden Labequell von Pilsen. Wenn aber der flotte Jenenser Bursch zum Riechfläschchen greift und sich in den Artistendusel der Nurkünstler hineinschwindelt — dann freilich wird Goethe zum Bierjungen — und Stephan George zum Schönheitspapst! Ein ganzer Kerl soll im Dichter stecken, einer der Menschentum offenbart, höheres ...“ — „Mein lieber Genosse!“ entgegnet Hartleben von oben herab — „schreibe du über die Gewerkschaft der Steinträger und andere Sozifragen — auch über Ethik und so was Höheres — davon verstehst du was. Von klingender Traumkunst aber ...“ — „Versteh ich allerdings nicht die Bohne!“ pariert Streitmüller. Hartleben setzt nun erst recht die Meistermiene auf — herausfordernd blickt er im Kreise umher: „Sind hier etwa noch mehr solcher Barbaren, die ein lyrisches Gedicht verstehen wollen?“ — Streitmüller läßt sich nicht verblüffen: „Kokettiere nicht! Wer ein Drama in philistros geschrieben, braucht sich nicht darüber aufzuhalten, daß Wille die Philister auf seine Art bekämpft — indem er unter den gegebenen Verhältnissen ein Karzer auf sich nimmt, das allerdings kein Tempel der Schönheit ist. Aber das war euer Jenenser Karzer auch nicht! Und dahin ließet ihr euch sperren wegen einer besoffenen Lappalie. Wille hingegen ...“ — „Ist Giordano Bruno redivivus — foltern läßt er sich — bei lebendigem Leibe verbrennen“ — spottet Hartleben, dem es willkommen sein mag, einen Blitzableiter gegen Streitmüllers Donnerwetter zu haben. — „Na gut! Aber wenn unser Bruno sich mit Bravour hineingestürzt hat, so kann ich nur sagen: Er kommt mir ein wenig wie Fritzchen vor, als der sich bei Hundekälte die Pfoten erfrieren ließ, um anklagend zu heulen: Geschieht meiner Mutter ganz recht! Warum läßt sie ihren Jungen ohne Handschuh! Wille hat sein Ideal, na ja! Idealismus heißt das wunderlichste Menschengefängnis — freiwillig begibt sich der gute Schwärmer hinein — und mag gar nicht mehr ’raus, vor lauter Verachtung für das Gesindel, das sich draußen wohl sein läßt ...“ — „Spuk und Sparren!“ ruft ein Jünger Stirners und ein Ibsenide: „Lebenslüge!“ — Aber Paul Streitmüller: „Mancher scheint die Lebenslüge nötig zu haben, sein Ich sei etwas einzig Kostbares, erhaben über die dämlichen Sozialpflichten. Sein Gefängnis ist wie eine Schachtel voll Watte, drauf er als Perle ruht — ist faule Gewohnheit!“ — Otto Erich tut, als habe er nichts gehört, und spottet weiter: „Heine erzählt von einem wunderlichen Matrosen, der plötzlich vom Gipfel des Mastes schrie: Ich sterbe für den General Jackson! drauf kopfüber aufs Deck sprang und — prompt das Genick brach. Wie dem General mit solchem Sterben gedient sei, hat niemand begriffen, man wußte nicht mal, wer der General Jackson war.“ — Allgemeines Gelächter, in das auch meine Freunde einstimmen.
So ging das Spiel meiner Phantasie, und alles war, als ob es sich wirklich so zutrüge. Beim Spott der Gefährten blutete mir das Herz. Und was das Peinlichste war, meinen eigenen Zweifel liehen sie Worte — ich stöhnte. Und in einem fort das Regenplätschern draußen — und niemand kam, mich zu trösten — ich blieb mutterseelenallein.
Nicht weil ich im Gefängnis war, fühlte ich Vereinsamung, sondern weil jedes Ichwesen eigentlich in Einzelhaft gebannt ist, mag es sich auch darüber hinwegtäuschen durch Geselligkeit. Was innerlich im Einzelnen vorgeht — sein Fühlen und Begehren, sein Träumen und Sinnen — erlebt in unmittelbarer Weise nur er selbst, der Vereinzelte! Oft ist er sogar sich selbst ein Rätsel. Um wieviel mehr den anderen, die ihn doch nur äußerlich beobachten! Seine Mienen und Geberden sehen sie, seine Stimme hören sie — und das heißt: rein äußerliche Wirkungen empfangen sie von ihm, nichts unmittelbar Geistiges! Nur Wellenzüge des Äthers und der Luft! Zugegeben natürlich, daß ich die Mienen meines Mitmenschen seelisch deute. Doch schließlich nur aus meinem eigenen Ich schöpfe ich diesen Sinn, lege mir das Benehmen des Mitmenschen nach meinem Muster zurecht, finde immer nur mich selbst im Mitmenschen wieder; nichts anderes weiß ich von seinem Innern, als was ich von mir selbst hineinspiegele. Niemals kann ich der Schlange gleichen, die sich häutet. Kann nie aus der Haut meiner Subjektivität schlüpfen. Mit mir allein bin ich immerdar — und eben darin besteht meine tiefste Vereinsamung. Als der Weltgeist die Kreatur aus dem Garten Eden trieb, da hat er sie verbannt in die Einzelzelle „Ich“. Nun seufzen wir und sehnen uns zurück nach der verlorenen All-Gemeinschaft. Und schmachten nach fremden Seelen, — bleiben aber im Grunde isoliert.
Es war längst Nacht — doch ich mochte die Lampe nicht anzünden — lieber im Dunkeln weiter träumen. Auskosten bis auf den Grund den Kelch der Vereinsamung — um dann einmal ganz fertig zu sein mit dieser Bitternis. Ich ahnte, daß in allem Leid ein Durchbruch gelingen müsse zu Schatzkammern der Seele. Meine heiße Schläfe lehnte ich an die Gefängniswand, der Novemberwind schnob lauter, immer noch wimmerte die Regentraufe ... Und horch, auf einmal kam ein Laut aus einer geheimnisvollen Welt — ein Gruß vom ersehnten Reiche freier Geister: Dumpfer Hufschlag — das war er ja wieder, der rätselhafte Reiter, den ich manche Nacht belauscht. Und er galoppierte dunkle Wege dahin — stürmte in die Weite — während ich im Gefängnis einsam seufzte.
Nachtodem braust mit Regen und Schloßen
Und haucht herein durch die Kerkersprossen.
Drin lehnt ein heißes Haupt an der Mauer,
Das kostet die Kühle mit süßem Schauer.
Es lauscht dem wilden Rütteln und Dröhnen
Des Sturmes, dem langgezogenen Stöhnen.
Es lauscht, wie der Regen von Dache rinnselt,
Wie die Traufe im Hofe schluchzt und winselt.
Es lauscht, wie ferne die Föhren sausen
Und am Seegestade die Wellen erbrausen.
Nun horch, da nahen hurtige Schläge
Von Rossehufen auf nächtigem Wege.
Vorüber stürmt galoppendes Reiten
Hinaus in geheimnishüllende Weiten ...
So lauscht ein heißes Haupt an der Mauer
Und kostet die Kühle mit süßem Schauer.
Nachtodem braust mit Regen und Schloßen
Und haucht herein durch die Kerkersprossen.
Ach, wer so fliegen könnte ins Schrankenlose — wie dieser Reiter! Und wie der wilde Novemberwind! Einmal war’s, da durft ich so ins Freie galoppieren: Um die Mitte meiner zwanziger Jahre begleitete ich den Geographen Kiepert auf einer Expedition durch Anatolien, und zu Pferde ging es Tag für Tag. Da gab es keinen Gram — jeder Laune meines Zügels, dem herrischen Druck meiner Schenkel gehorchte das zottige Pferdchen — und ich schaute in heiliger Heiterkeit; wie dem Auge des Äthers lag mir frei und offen das Wunderland Homers. Über Ilion reisten wir nach Pergamon. Als ich vom hochgelegenen Amphitheater eine Aussicht schaute, deren einfach große Formen die Inschrift bezeichnete: „Im Angesicht des Landes und des Meeres“, — empfand ich die selige Ruhe eines kraftvoll harmonischen Menschentums. Und fühlte innig, weshalb Faust, mittelalterlicher Enge und Dumpfheit entwachsen, sich nach Helenas Heimat sehnt und den Rücken jenes centaurischen Pferdemenschen Chiron besteigt, der einst sie trug und der mit seinem Saitenspiel Heroen erzog ...
Während ich so in meinem Gefängnis sann, hielt ich es für angebracht, das Gedicht vom freien Reiter aufzuschreiben, damit es nicht dem Gedächtnis entfalle. Ich wollte Licht machen; doch etwas lähmend Berauschendes hatten die Erinnerungen an Pergamon — noch ein Weilchen gab ich mich ihnen hin ... Da war mir, als rege sich jemand draußen am vergitterten Fenster, und es kam mir der Gedanke: Jetzt haben sich die Freunde besonnen und wollen dir wohl gar eine Serenade bringen! O diese Witzbolde! Aus trostloser Vereinsamung möchten sie den Gefangenen in ein Elysium von Wohllaut, von liebreicher Geselligkeit versetzen. Da lauern sie nun und kichern in Verstecken über meine Verblüffung. Gute Schelme! Also losgeschossen! Artig will ich auf euer Programm eingehen. — Ich lausche — nur den Wind höre ich und das Regenrieseln — irgendwo klappert ein offenes Fenster. Habe mich also wohl getäuscht! Wer wird denn auch solch eine Regennacht zum Ständchen aussuchen!
Doch horch, ist das nicht Flötenmusik? Und sieh, da glüht es rot! Wahrhaftig, nun kommen sie! Gar mit einem Fackelzug! Ein Mummenschanz, eine dramatische Szene. Lauter Griechenvolk — famose Gestalten. Im Halbkreis gruppiert um mein Gitterfenster. Ich erkenne sie alle — Willi Bölsche, am Arme hängt ihm eine Mänade, Julius Hart mit einer flotten Schauspielerin vom Residenztheater — Heinrich Hart, die Eulenspiegelkappe über den Kopf gezogen. In der Mitte der taumelnde Hartleben als Gott Dionys, mit Epheu umkränzt, einen Pokal in der Hand, sucht er Halt an einem Greis — das ist Sokrates. Und es winkt der olympische Schlemmer mit dem Thyrsosstab, alles lauscht: „Pfahlbürger! Zu Ehren unseres Bruno Wille, den wir wegen seines freiwilligen Kerkers hier zum Ehrenpfahlbürger ernennen, lasset die Serenade höhern Stumpfsinns erschallen, den mit Recht so beliebten Pfahlbürger-Reigen!“ Sich in den Hüften wiegend, hebt nun Hartleben Thyrsosstab und Pokal und beginnt im Baß:
„Ra—ria—rulla! Ra—ria—rulla!
Dreck—Speck—Zweck überhaupt!
Reia, reia, reia, humpa, humpa ...“
Dröhnend schwillt der Gesang, unter Lachen und Stampfen ordnet man sich zur Fackelpolonäse. „Nicht zu laut, Kinder!“ rufe ich — „sonst blasen die Feuerkälber, und die Fritzenwalder Feuerwehr kommt uns mit kalten Wasserstrahlen über den Brausekopf. Ihr dürft nicht vergessen, daß hier ein Gefängnis ist!“ — „Dummes Zeug!“ schilt der dionysische Hartleben. „Ich schwinge hier das Skeptron der Freude und Freiheit. Du bist zur Stunde frei und kommst mit! Vernimm, erhabener Volkserzieher, Gründer der freien Volksbühne, wir überstrahlen dein Verdienst. Haben etwas gegründet, das all der Muffigkeit heutzutage ein Ventilator ist: die freie Luftbühne! Wir führen dich hin, wohlan!“ — „Aber ich bin ja eingesperrt.“ — „Dieser Weise wird deine Kerkertür sofort entriegeln“, entgegnet Hartleben würdevoll. Auf seinen Wink tritt Sokrates vor; wie der ein wohlbekanntes Schlüsselbund emporhält, geht mir ein Licht auf: „Der Tausend! Das ist ja unser Jacoby!“ Schlagfertig kalauert er:
„Ich Greis
Und Metaphysikus,
Bin hier vom Kreis
Der Pfiffikus.“
Beifallsgelächter. Nun rasselt er mit den Schlüsseln und kommt mir aufzutun. Wie ich eben das Gefängnis verlassen will, rufen die Versammelten: „Platz da! Der freie Reiter kommt!“ Indem sie eine Gasse öffnen, vernehme ich den geheimnisvollen Hufschlag. Näher stampft es, und auf einmal galoppiert ein Centaur in den Hof, bäumt sich und steht nun schnaubend. „Chiron!“ ruft man, und Hartleben-Dionys: „Bravstes Vieh der klassischen Walburgisnacht! Nimm diesen Fritzenwalder Faust auf deinen Rücken, dann fort mit ihm zum alten Griechenland, wo du mit deiner Musik-Magisterei Helden und Halbgötter erzogen hast.“ Von etlichen Händen gepackt, sitze ich auf dem Rücken des Pferdemannes, halte mich an seiner Mähne fest, und los geht die wilde Jagd ...
Dann ist die Szene verwandelt: Vom blauen Himmel flutet goldner Äther auf ein Amphitheater. Wie Blumen in endlosem Kranzgewebe schimmern auf den Rängen die bunten Gewänder des schautrunkenen Griechenvolks. Unter Tubaschmettern tritt eben ein Grieche auf, schön wie Apoll, blondlockig — und ein Flüstern geht durch die Versammlung: „Hölderlin, er ist’s! Er wird Flöte spielen — Diotima trägt dazu eine seiner gotterfüllten Oden vor.“
In der Tat hebt Hölderlin, der niemand anders ist als mein Freund Eckehart, die Flöte an die Lippe, und ein Präludium stimmt zu süßer Wehmut. Während dieses Vorspiels ist Diotima aufgetreten — alles versinkt in ihren Anblick. Der Sixtinischen Madonna ähnlich, überschaut sie, an den Altar gelehnt, das versammelte Volk. Träumende Sehnsucht im dunkeln Auge. Und zu den Flötenklängen spricht ihre Altstimme:
„Rosen kränzen den Berg, heiliges Frührot lacht.
Auf, gefangener Mann! Suche, was adlig macht!
Brich die Kette! Laß schnarchen
Gassenbürger in Winkelnacht!
Dir zu Füßen die Welt, klimme den Fels empor
Zu Heroen! Erweckt werden dir Aug und Ohr!
Tief das murrende Chaos
Droben tönt es wie Sternenchor.“
Diotimas Augen sind geweitet, aus ihrer Rätseltiefe leuchtet die Vision der Seherin. Tausend Blicke bohren sich glühend hinein — und wie fragend sind der Versammelten Lippen halb geöffnet, schmachtend nach dem Wasser des Lebens. Und sieh, während Hölderlins Flötenhauche zitternd ersterben als verglimme Abendgold, hebt Diotima ihr Antlitz und breitet seufzend die Arme empor ...
Da hat ein Zauber alles verwandelt. Nur noch eine Ruine das Amphitheater. Öde, von allem Leben verlassen. Und Finsternis hält alles umfangen, mit riesigen Fledermausflügeln. Ein Glied der dumpfigen Erde haben die schwarzen Trümmer etwas von einer Höhle, von einer Gruft, einem Kerker. Und auf einmal kommt es mir vor, dies sei mein Gefängnis. Durch die Eisensprossen des Fensters erkenne ich den Gefängnishof mit der Pfütze — vom Regenguß ist sie vergrößert, Sterne spiegeln sich darin. Klar ist nun der Himmel. Über dem Dache des Vorderhauses leuchtet das Sternbild Orion — wie ein Krondiadem. Oder wie Tauperlen, sie flimmern gelb und blau, grün und rot. Die Sternstrahlen sind haarfeine Saiten einer Harfe. Sie summen, es klingt wie eine Mondscheinlerche. Von meiner Lippe beben rhythmische Hauche und formen sich zum Gedicht:
Es wühlt und tappt in dumpfiger Höhle blind
Der Maulwurf; ihn verschüchtert die Oberwelt.
Mir gab ein Gott dies Auge: aufblühn
Soll es, versippt mit den Sternen droben.
Dein Funkenzauber, hoher Orion, sprengt
Den Kerker mir. O selig, wer dorthin schwebt,
Wo Träume, hier noch Spott der Leute,
Könige sind und das Reich vollenden!
Wer in dieser rauhen Novembernacht das Gesicht des schlafenden Einsamen beobachtet hätte, wäre inne geworden, wie nicht bloß über dem Nachtgewölk, sondern auch hinter Gefängnisgittern Sterne blühn, sehnsüchtige Träume, die das Reich vollenden ...
Als mich andern Tages Bölsche besuchte, erzählte ich meinen Traum. „Die Verse, die ich im Traum gedichtet, vom Olymp und vom Maulwurf, habe ich gleich nach meinem Erwachen zu Papier gebracht. In voller Genauigkeit ließen sie sich nicht erfassen und verkümmerten bei der Niederschrift — unsere Vernünftigkeit scheint unzulänglich, wo das Wundersamste aus unserer Tiefe hervor soll.“ — „So bleibt alles Schöne schließlich Mystik“, antwortete Bölsche. Dann zergliederte er meinen Traum: „Mit Hölderlins Liebe zum Griechentum fühlt sich dein Humanismus verwandt. Auch du sehnst dich nach Menschen, die in Freiheit schön und stark sind.“ — „Aber nicht bloß sehnen soll man sich, auch handeln, praktisch arbeiten!“ — „Schon recht!“ lächelte Bölsche — „na, du hast ja auch praktisch gearbeitet an der Volkserziehung, so praktisch, daß du ins Gefängnis gekommen bist! In einsamer Zelle spinnst du nun wehmütige Vergleiche zwischen preußischen Barbaren und den alten Griechen. Übrigens ist deine klassische Walpurgisnacht ein Gegenstück zu jenem andern Traum, den du mir neulich erzählt hast — ich meine den Traum von der ollen Konservenkiste. Während dieser das Gespenst der Vergangenheit zeigt, wie es unheimlich in der modernen Zeit herumspukt, hat dich jetzt jene Sehnsucht nach der Vergangenheit gepackt, der süße Traum von entschwundener Jugend, von Helden lobebären, vom goldenen Zeitalter. Aber hast du nicht aus Goethes Faust gelernt, daß die schöne Helena ein Gespenst bleibt, das kein Totenbeschwörer zu leibhaftiger Gegenwart zwingen kann? Du hast des öftern reflektiert über mancherlei Gefängnisse, in die man sich eingesperrt fühlt. Zähle dazu auch das Gefängnis Zeitlichkeit! Klüfte im Raum lassen sich überbrücken — unüberwindlich bleiben Schranken, mit denen das Jetzt uns vom Ehedem absperrt.“
„Schon recht! Aber kennst du das Bild von Schwind: der Traum des Gefangenen? Im Kerker liegt ein bärtige Mann. Sehnsüchtig verfolgt sein Auge, wie ein Zwergenkönig von seinen Heinzelmännchen das Fenstergitter durchfeilen läßt. Dieser Zwergenkönig existiert — erlösen kann er aus dem Kerker Gegenwart, eine Brücke schlagen über Klüfte der Zeitlichkeit. Die Vergangenheit ist eben doch nicht eigentlich tot.“ — „Tot — und auch wieder lebendig! Ich habe mal die Vermutung ausgesprochen: Was wir Erinnerung nennen, ist ein Sinn neben den fünf Sinnen, eine Art Schauen: es dringt in eine heimliche Welt, entdeckt aufs neue eine Existenz, die wir entschwunden nennen — alles Vergangene existiert noch irgendwo.“ — „Und darum ist das Erlösende, was uns aus diesem Kerker der Zeitlichkeit erlöst, die Ewigkeit“, folgerte ich mit Bestimmtheit.
„Wann denn aber? Muß man erst zum Nirwana eingegangen sein?“ — „Das wäre radikale Erlösung. Sokrates, der den Giftbecher trinkt, freut sich auf die Gespräche, die er mit den Weisen der Vorzeit führen wird. Weil aber die Heinzelmännchen die Sprossen unseres Kerkers noch nicht zerbrochen haben, nehmen wir vorlieb mit einem Durchblick durch unsere Kerkersprossen. Idealismus heißt der Durchblick.
O selig, wer dorthin schwebt,
Wo Träume, hier noch Spott der Leute,
Könige sind und das Reich vollenden!“