Der Kreispfiffikus

Drüben am Vorderhause gellte die Glocke. Wie ich trotz der einbrechenden Dämmerung erkannte, stand da eine mir willkommene Persönlichkeit: der Arzt des Ortes. In Friedrichshagen, wo jetzt mindestens ein halbes Dutzend Jünger Äskulaps wetteifern, praktizierten damals zwei Ärzte, einer immer besser als der andere. Doch eben aus diesem Grunde gab es für meinen Freundeskreis nur diesen einen; sintemalen wir keinen Geschmack fanden an Apothekerei, desto mehr aber an den Geistes- und Herzensvorzügen des Herrn Doktor Jacoby.

Gern hatten wir seine Freimütigkeit, die er unter Spießern mit Derbheit und Spott behauptete. Auch schätzten wir seine stete Bereitschaft, in seine harte, oft grämliche Berufsarbeit ein Viertelstündchen Scherz einzuschalten. Wenn er Patientenbesuche machte und sein Wagen im Sande der Dorfstraße einem von uns begegnete, schwenkte er grüßend seinen Schlapphut und ließ anhalten, um dem willigen Opfer einen Kalauer zu versetzen. „Hurra, da kommt der Kurierzug!“ sagte mal ein Freund, als der Doktorwagen nahte. In anderer Weise uns zu kurieren, war kaum Gelegenheit — die literarische Kolonie bestand damals aus lauter blühenden Männern und Frauen, und wohl nur, wo Elternfreuden in Aussicht standen oder das bereits vorhandene Kleine Leibschmerzen hatte, wurde Jacoby zitiert. Nicht als ärztliche Autorität trat er dann auf, sondern als ein Naturdeuter und freundschaftlicher Seelsorger. Eine Beruhigung, die schon etwas Heilendes hatte, ging von ihm aus, wenn er beim Fühlen des Pulses gemütlich vor sich hinlächelte, so daß man erraten konnte: Jetzt wird er kein Gift, sondern einen Trunk aus dem Humorquell reichen, der schon zu Zeiten des lachenden Demokrit als ein ebenso wirksames wie angenehmes Mittel galt, üble Dämonen aus Leib und Seele zu scheuchen. In allerlei Verhältnisse hatte dieser Physikus des Kreises Niederbarnim hineingeleuchtet — weswegen wir ihn den Kreispfiffikus nannten — und mephistophelisch dürfte man seine Kenntnis der Männlein und Weiblein nennen, wäre nicht Güte dabei gewesen! Er belachte menschliche Schwächen, weil er sie verstand; wo aber Entschuldigung nicht am Platze schien, hielt er sein Strafgericht bloß als Spötter, nie als Eiferer: „Menschen, Menschen sein mir alle“ — dies geflügelte Karnevalswort trällerte er gern, wenn er mit schalkhaftem Blinzeln und diskreter Dämpfung der Stimme ein Stückchen aus dem Schatze seiner Lebenskunde zum besten gegeben. Was unsere literarische Kolonie mit ihrem sozialen Sinn an Jacoby besonders verehrte, war eben die gütige Menschlichkeit. Aus dem Herzen kam ihm sein Beruf, und so widmete er ihn weniger den zahlungsfähigen Kreisen der Bürgerressource, als denen, die für Arzt und Apotheker nichts andres haben als ihre Bedürftigkeit. Nicht bloß, daß er unbemittelte Patienten unentgeltlich behandelte, er schenkte ihnen auch noch Binden und Pflaster und stärkenden Rotwein. Seine Gutmütigkeit suchte er in verschämter Weise zu rechtfertigen, indem er auf die Apothekerpreise schimpfte. „So ’ne Pulle, für die man zwei Mark zahlen soll, is keene drei Sechser wert. Un diese Jiftmischer sollen wir noch reicher machen?“

Daß mir besagter Menschenfreund höchst gelegen kam, als er die Glocke beim Amtsdiener zog, hatte noch einen besondern Grund, und auch für den paßte das Wort: „Menschen, Menschen sein mir alle.“ In plötzlicher Erleuchtung nämlich sah ich, wie dieser Arzt eine Rolle zu meinem Gunsten spielen könne. Als der Amtsdiener zum Fenster heraus fragte, wer da sei, antwortete Jacobys joviale Stimme: „Kommen Se man, Bolle — und bringen Se jleich den Schlüssel mit! Den Schlüssel zu Ihrem Inferno, zu Ihrer Besserungsanstalt. Möchte mal inspizieren.“ Unten erschien der Amtsdiener mit Laterne und rasselndem Schlüsselbund. Das Kerkerschloß ächzte, und nun reichte mir der wackere Doktor die Hand — — ein Fünfziger, noch stramm, doch zu behaglicher Fülle geneigt; den alten Korpsstudenten sah man ihm an. Mit seinem langen, ergrauenden Bart und üppigem Haupthaar, den markigen Zügen, der kräftigen Nase und den klugen, gütigen Augen unter kühn geschwungenen, buschigen Braunen hatte er etwas von einem Patriarchen, besonders wenn er das melancholische Gesicht aufsetzte. Das behauptete sich freilich selten und wurde auch diesmal bald aufgehellt.

Meine Hand haltend, blickte der Kreispfiffikus zunächst kondolierend wie ein Leichenbitter: „Nicht bloß als Freund bin ich hier, sondern zugleich in meiner Eigenschaft als Amtsarzt. In dies Gefängnis sind Sie eingeliefert — ob mit Recht oder Unrecht, habe ich nicht zu verantworten, mein Gewissen bezieht sich lediglich auf die sanitäre Seite der Angelegenheit. Also, womit kann ich Ihnen dienen? Haben Sie irgendwelche Wünsche, die zu erfüllen in meiner Macht steht? Wie ist das Befinden?“ Gewohnheitsmäßig fühlte er mir den Puls, ließ sich sogar die Zunge zeigen. „Appetit?“ — „Bedeutend!“ antwortete ich. „Geradezu krankhafte Gelüste spüre ich nach Kempinskis Speisekarte. Aber die Gattin, die teure, die bald kommen wird, beschert mir vielleicht zur Feier des Tages einen Knalleffekt ihrer Kochkunst.“ — „Potztausend! Was denn zum Beispiel?“ fragte er mit ungeheuchelter Teilnahme, setzte aber gleich wieder die Amtsmiene auf: „Das heißt, Freundchen, Sie dürfen sich hier nicht auf eine Mastkur verlegen! Bei Ihrer Anlage zur Korpulenz, in dieser scheußlich engen Zelle ...“ Bedenklich musterte er die vier Wände und schüttelte den Kopf. Dann lachte er schalkhaft und wandte sich an den Amtsdiener, der bei der offenen Zellentür im schmalen Flur stand: „Na, wissen Se, Bolle — Ihr Jefängniswesen scheint mir nich jrade den Bedürfnissen der Neuzeit zu entsprechen — das können Sie dem Amtsvorsteher dreist wiedersagen.“ — Der Amtsdiener zuckte die Achseln: „Uff bessere Herrschaften is unser Hotel nich injericht.“

„Wenn das Hotel nicht drauf eingerichtet ist“ — nahm ich pikiert das Wort — „so soll es sich so ’ne Sache lieber nicht zutrauen — oder aber es muß die Konsequenzen tragen.“ Der Kreispfiffikus prüfte meine Miene, ob sich darin nicht Spaßmacherei verrate. Ernsthaft fuhr ich fort: „Glauben Sie etwa, ich soll mir gefallen lassen, daß ich in so eine Kiste gesperrt werde? Da is ja kaum ein Luftloch — nur eine bibelgroße Klappe ...“ — „Bibelgroß is gut!“ schmunzelte der Kreispfiffikus, „auf diese Weise wird dem Ketzer das Buch der Bücher mahnend vor die gottlose Seele gehalten. Doch Scherz bei Seite, was soll nach Ihrer Ansicht hier geschehen? Möchten Sie vielleicht lieber nach Cöpenick ins Amtsgericht? Ich warne Sie — man spricht von Insekten ...“ „Die Keepenicker nehmen den Herrn Dokter nich“ — erlaubte sich der Amtsdiener zu bemerken — „det jinge nicht, saacht der Herr Amtsvorsteher, weil doch eben keen Jerichtsurteil vorliecht.“ — „Bleibt nichts übrig, als daß man in Friedrichshagen eigens für Sie ein Lokal baut“ — und des Arztes Bäuchlein wackelte — „oder daß Sie hier vorlieb nehmen.“

„Wenn’s nicht ein Drittes gäbe!“ wandte ich ein. „Und das wäre?“ — „Ha, wenn dies Lokal nicht meiner Lebensweise angepaßt ist, so muß meine Lebensweise den Rahmen solch scheußlicher Verhältnisse sprengen. Die frische Luft und die Bewegung, die in dieser drangvoll fürchterlichen Enge fehlen, will ich mir draußen verschaffen. Eine gewisse sanitäre Fürsorge gehört selbst für den Gefangenen zu den Menschenrechten.

Jedes preußische Gefängnis muß doch einen anständigen Hof haben, wo der Gefangene spazieren gehen kann. Sie erwähnen meine Anlage zur Korpulenz — also muß ich Bewegung haben, viel Bewegung — ein paar Stunden täglich laufen — im Walde ’rum — oder rudern — auf dem See ’rum ...“ Mit großen Augen sah mich der Kreispfiffikus an und echote: „Auf dem See ’rum? Sie sind wohl ein Anhänger der neuen Serum-Therapie?“ Mein Gesicht verzerrte sich bei diesem Kalauer; er aber fuhr fort: „Nu verstehe ich die Konsequenzen, von denen Sie sprechen. Na ja, Bewegung müssen Sie haben — keine Behörde darf Ihnen zumuten, daß Sie sich hier ein Fettherz anhocken ... Der Sache wollen wir mal gleich auf den Grund spüren. Bitte, machen Se mal Ihre Weste auf.“ Und der eifrige Arzt zog sein Stethoskop hervor.

„Vata“ — es war der Knabe des Amtsdieners — „Mutta saacht, de Bratkartoffeln werden kalt.“ — „Quatsch keen Kaleika!“ antwortete Bolle — „saach Muttern, ick komme jleich!“ Mit Interesse hatte sich der Kreispfiffikus dieser Szene zugewandt, nun betrachtete er den Amtsdiener von oben bis unten: „Wieso jleich? Was berechtigt Sie zu der Annahme, daß Sie jleich abkommen?“ Der Amtsdiener geriet in Verlegenheit: „Ick dachte man bloß, Herr Dokta!“ — „So so! Sie dachten! Dieser ungewöhnliche Fall legt mir die Frage nahe: was dachten Sie denn? Dachten Sie vielleicht, ich solle meine Inspektion übers Knie brechen? bloß damit Ihnen Ihre Bratkartoffeln nicht erkalten? Menschlich zwar entbehrt Ihr Wunsch nicht einer gewissen Berechtigung. Menschen, Menschen sein mir alle! Unser verehrter Herr Arrestant gebrauchte den Ausdruck: Menschenrechte. Ob nun freilich das warme Abendessen gerade zu den Menschenrechten gehört, bleibe dahingestellt. Jedenfalls bin ich kein Unmensch, drum entscheid’ ich: Begeben Sie sich in den Kreis Ihrer Lieben, zur warmen Atzung! Wir legen auf Ihre Anwesenheit nicht den mindesten Wert.“ — Der Amtsdiener stutzte: „Aber ick muß doch zuschließen! Darf man denn eenen Inhaftierten bei offene Türe lassen?“ — „Man darf es!“ erwiderte der Kreispfiffikus gewichtig. „Oder bilden Sie sich etwa ein, dieser Häftling wird Ihnen ausreißen? Der wollte ja hier hinein! Ist geflissentlich hierher gekommen und hat dafür seine respektablen Gründe. Ihm könnten Sie dauernd seinen Kerkerschlüssel anvertrauen, er wird kein Ausreißer. Übrigens übernehme ich, eine Amtsperson, für ihn die Bürgschaft. Wissen Sie, wie es in Schillers Bürgschaft heißt? So laß mich — als Freund — für ihn bürgen! Mich magst du — entrinnt er — erwürgen ...“

In diesem Moment erschien Frau Bolle mit einem Dorfjungen, der die Backe verbunden hatte. „Himmel!“ klagte der Arzt, „hat man nich mal in dieser Klause Ruhe vor Patienten? Frau Bolle, das war nich woljetan, mir noch mehr leidende Menschheit aufzuhalsen.“ — „Ick kann nischt dafier! Eben is der Junge jekommen — hat stundenlang int Sprechzimmer bei Sie jewartet, un jetzt hält er’t vor Zahnschmerz nich mehr aus. Ei sprich doch selber, Bengel!“ Die Augen des Jungen füllten sich mit Tränen, er hielt die Hände an die Backe gepreßt. „Na, zeich mal, Jungeken,“ meinte der Kreispfiffikus gutmütig und suchte die Hände von der Backe wegzuziehen. „Dummer Lümmel, halt still! Sonst laß ick dir von de Pollezei festhalten. Dir wer’k uff’n Zopp spucken!“ Der Junge wußte nicht, soll er retirieren oder bleiben. Nun griff der Kreispfiffikus in seine Tasche. „Na, komm her! Zeichste’n Zahn, so kriste’n Jroschen.“ Der Junge hielt eine Seite seines Gesichtes hin. „Still gehalten, törichter Affe! Mund auf! Ich tue dir nischt — bin doch kein Dentist — oder hälst du mich für einen Dentisten, he? Der Schafskopp weiß nich mal, was das ist, ein Dentist. Auf Dentist reimt sich Hinterlist. Det is einer, wo schon de Zange heimlich in der Hand hält! Junge, zeich die Wange! Hab man keene Bange — ick habe keene Zange! Laute adlige Reime! sind nämlich von Jacoby ...“

„Au!“ schrie der Junge und spie Blut, während der Kreispfiffikus triumphierend ein weißes Zähnchen zwischen den Fingern hielt. „Na, siehste, Jungeken, da is er schon! Und nu bin ick wohl doch’n Dentist — wie? Der Bengel is janz wild!“ Allerdings lohte der Junge vor Empörung: „Jemeinheit“, brüllte er, „Ihnen kennen ma!“ Der Kreispfiffikus lachte und zog sein Portemonnaie: „Verjiß deinen Jroschen nich! Der is für de Kur — und hier is noch’n zweeter Jroschen — für’t Schimpfen! Nu kannste nach Kempinski’n jehn! Aber keen Zuckerwerk koofen! Sonst wird auch die andere Backe dick — un denn komm mir ja nich wieder!“ — Der Junge hielt seine Beute in die Hand geklammert und wischte mit der anderen die Tränen: „Danke ooch scheen!“

Während er forteilte, wandte sich der Kreispfiffikus an mich und schlenkerte seine Hand in der Luft, die Melodie vom guten Kameraden trällernd: „Kann dir die Hand nicht geben — der Bengel hat sie im Maul gehabt. Amtsdiener kommen Sie mal zur Pumpe, ich will mir die Hände in Unschuld waschen ... Und was tun denn Sie noch hier, Frau Bolle? Na ja, die Weiblichkeit sieht jern zu bei Jrausamkeiten!“ Und er ging mit dem Amtsdiener zur Pumpe, als sei diese Form der Reinigung ganz in der Ordnung. Die Frau Amtsdiener eilte nach einem Handtuch. Wie sich der Kreispfiffikus abgetrocknet hatte, schob er den Amtsdiener und seine Frau ab; mich wies er mit scherzender Drohung in meinen Kerker, wie man ein Huhn in den Stall scheucht.

Meine Einladung, auf dem Stuhle Platz zu nehmen, lehnte er ab und holte sein Stethoskop heraus. — „Sie wollen mich wirklich untersuchen?“ — „Selbstverständlich!“ Und er behorchte, beklopfte meinen Brustkasten: „Eine Lunge wie eine Kirchenorgel. Dieser Vergleich berührt Sie hoffentlich nicht peinlich, was? Auch das Herz ist gesund — obwohl ihm tüchtige Bewegung, womöglich schwere Körperarbeit, not täte. Zum Beispiel Holzsägen, Stubbenzerkleinern ...“ — „Ach, gehn Sie nur! Auf diesem ländlichen Hofe Stubben klein machen — wo Hühner im Miste scharren und Eier legen und sonst noch was — da wäre der Sport denn doch etwas ...“ — „Etwas zu mystisch, meinen Sie, göttlicher Atheist!“ — Ich fuhr fort: „Aber die Kegelbahn haben Sie wohl bemerkt — der Gastwirt ließe schon mit sich reden — — ich würde gern drauf abonnieren, — der Junge des Amtsdieners könnte ja den Kegeljungen machen.“ Mit zärtlichem Lächeln sah mir der Doktor ins Gesicht: „Dann schieben wir hier eine Gans aus — und laden den Amtsvorsteher dazu ein und Ihr Provinzial-Schulkollegium, wa? Nein, Schäker, die Kegelbahn ist ebenfalls mystisch, auch darauf klettern die Hühner rum. Aber freilich, Bewegung müssen Se haben. Täglich zwei Stunden spazieren! Ich spreche morgen mit dem Amtsvorsteher. Spazierengehen können Se verlangen — und natürlich geht das nicht auf diesem Hühnerhof.“

Gerührt schüttelte ich dem Kreispfiffikus die Hand. Mein stiller Plan war so gut wie gelungen, da dieser Gönner die Rolle, die ich ihm zugedacht, mit dem Instinkt seiner Menschenfreundlichkeit übernommen hatte. „Menschen, Menschen sein mir alle!“ — — —

Viele Jahre sind seit dieser Szene verflossen, und Jacoby, oder, wie er in seinen letzten Lebensjahren hieß, der Sanitätsrat, hat noch manche brave Tat verrichtet, bevor er zum Orkus fuhr. Wenn der Stil des Chronisten, sonst nicht elegisch, nun etwas Nekrologstimmung annimmt, so bringt das die Verehrung für diesen Mann mit sich, der wie ein gutes Pferd in den Sielen starb. Ein hoher Sechziger war er bereits, als er noch mit eigensinniger Treue seinen Beruf ausübte. Es galt, die Todesart einer Selbstmörderin festzustellen. Ermüdet und durch den traurigen Schicksalsfall erschüttert, legte sich Jacoby, um nicht wieder aufzustehen. Nur aufgerichtet hat er sich noch einmal, als er spürte, daß es zu Ende gehe. „Halte dir feste, Herr Jacoby!“ scherzte er — und röchelnd sank er zurück.

Bevor er seine letzte Reise antrat, um durch die Flamme bestattet zu werden, hallte an seiner Bahre glockentief der Akkord dieses tüchtigen Lebens. Eine Begebenheit, die ihn kennzeichnet, wurde erzählt. Der schon bejahrte Jacoby wurde in einer Winternacht herausgeklingelt. Ein Mann aus Rahnsdorf war zu Schlitten über den gefrorenen Müggelsee gekommen; seine Frau drohte im Wochenbett zu verbluten. Ohne Zögern machte sich der Arzt fertig, bestieg den Schlitten und wagte die Fahrt übers Eis. Die Pferde gerieten auf eine Fläche so spiegelblank, daß die Hufeisen fortwährend ausglitten. Ein Verzug von Minuten konnte der Wöchnerin den Tod bringen! Doch der treue Arzt ließ sich Schlittschuhe, die er vorsorglich mitgenommen, an seine Füße schnallen, die doch nicht mehr die Elastizität der Jugend hatten. Und wagte den einsamen Lauf durch Nacht und schneidenden Ost. Über glattes Eis, das sich noch weit erstreckte — und in der Rahnsdorfer Gegend hatte es, wie gewöhnlich, offene Stellen. Der Menschenfreund kam knapp zurecht, um die Gattin und Mutter zu retten.

Diese Tat funkelt als ein Stern in einem ganzen Gewimmel. Wenn es nachtet, erglimmen die Sterne: So sieht man die Tugenden eines Menschen in voller Pracht, wenn er gestorben — am Himmel seiner Verewigung. — Im Kurpark zu Friedrichshagen hat Jacoby ein Denkmal — das erzene Antlitz verschmilzt die humorvolle Schelmerei Eulenspiegels mit der Güte und Seelenruhe jenes weisen Nathan, der von den drei Ringen erzählt.