Doktor fürs Vieh
Im Traum war ich Robinson — aus dem Versteck belauschte ich die Mahlzeit der Kannibalen — dicht bei mir briet ein Wilder etwas über prasselndem Feuer. Ich blinzelte — und sah nun, daß jemand vor dem Ofen kniete. Es war die Frau Amtsdienerin, und das Ofenfeuer strahlte über die Diele meines Gefängnisses. Daß Frau Bolle — ein gemütlich rundes, munteres Weibchen — beflissen war, leise zu hantieren, berührte mich angenehm; ich fühlte mich wie in meiner Knabenzeit, wenn in winterlicher Frühe unser Dienstmädchen Feuer machte, während ich mich in den Kissen noch mal zurechtlegte, weil Ferien waren. Ferien!
Ein Weilchen gab ich mich der Stimmung hin, dann begann ich: „Guten Morgen, Frau Bolle!“ — „Scheen juten Morjen, Herr Dokta! Nu ha’k Ihnen doch woll jesteert? Un ha’m Se denn ooch jut jeschlafen de erste Nacht?“ — „Wie’n Stück Holz.“ — „Det is man scheene!“ Die Amtsdienerin erhob sich. — „Ist es denn überhaupt nötig, daß heute geheizt wird, Frau Bolle? Bei dem milden Wetter, das wir all diese Tage haben? Ist der Himmel wieder so klar?“ — „Der Morjenstern hät scheen jeleicht’, un jetzt is wieder so’n richtijer Olleweibersommer.“ — „Frau Bolle, heute geht’s aber spazieren! Sagen Sie doch Ihrem Mann, ich lasse den Amtsvorsteher dringend ersuchen!“ — „Hm!“ meinte Frau Bolle — „un wo soll’t denn hinjehn?“ — „In den Wald natürlich! Ich werde Grünlinge suchen und Ziegenlippen.“ — „Wa? Ziejenlippen, wat is’n det?“ — „Gelbgraue Pilze, wirklich zart wie Ziegenlippen. Haben Sie Pilze gern?“ — „Bloß Feffalinge. Aber ooch mang de Feffalinge jibt et falsche, wo jiftig sinn. Unsereens kann se nich sicher unterscheiden. Aber Sie haben woll druf studiert? Und kennen alle det Jiftzeich? Da machen Se woll Medezin draus?“ — „Wieso Medizin? Davon verstehe ich nichts!“ — „Na, aber Se sind doch’n Dokta!“ — „Kein Doktor der Medizin!“ — „Ach so, drum ebens! Denn jibt et woll so’ne Doktas und solche Doktas? Ick wundere mer jestern, wie der Dokta Jacoby Ihnen untersuchen kommt, wo Se doch selber’n Dokta sind. Denn sind Se also ’ne andere Sorte Dokta? Wat denn fier eener?“ — „Ich bin Doktor der Philosophie!“ — „Ach so, Dokta fiers Vieh! Det ist ooch’n janz jutet Doktajeschäft!“ — „Hü-ihi-hih!“
Frau Bolle war gegangen, und ich wollte mich erheben, als sich draußen die Stimme meiner Frau vernehmen ließ, und dann sagte Frau Bolle: „Wie niedlich! So’n kleenet Viehzeich!“ Was für Viehzeug sie meinte, verriet ein helles Stimmchen. Mein Kätzchen mußte das sein! Richtig, meine Frau trat ein, begleitet von der Mutterkatze Henneken, die erhobenen Schweifes an ihr empormauzte — das Katzenkind, unser Füchschen, hatte meine Frau im Korbe. Sie setzte es mir auf die Bettdecke, Henneken sprang herzu, und schnurrend vor Behagen räkelten sich Mutter und Kind auf dem Pfühl. Das Kleine begann zu saugen, die beiden Frauen sahen zärtlich zu. Bei dieser Szene kam sich der Gefangene vor, als sei er nicht in Eisen gelegt, sondern in Watte.
Frau Bolle schwankte, ob sie das Gefängnis auflassen dürfe, und meine Frau erwiderte naiv: „Die Katze läuft nicht weg!“ — „Ick frage bloß von wejen den Herrn Dokta, weil doch der innjespunnt is!“ — „Läuft auch nicht weg!“ versicherte ich und meine Frau: „Is ja nich mal angezogen!“
Die Amtsdienerin ging also, ohne zuzuschließen. „Nu kannst du auch noch ’n Weilchen liegen bleiben, sonst störst du die Katzen. Ich mache Tee und leiste dir ein Viertelstündchen Gesellschaft. Dann muß ich die Katzen wieder nach Hause bringen. Ich habe unterwegs mit ihnen meine liebe Not gehabt. Füchschen war ja artig im Korbe, aber Henneken etwas schwierig — nicht auf meinem Arm zu halten. Da hab ich sie frei laufen lassen — ich dachte: wenn sie schon ihrem Frauchen auf der Straße nachläuft, so tut sie das erst recht, wo ihr Kleines getragen wird. Und richtig, sie trottet mit. An der Ecke der Müggelstraße aber spielen Jungens — die sehen kaum die Katze, so kommt einer gelaufen — — du weißt ja wie solche Bengels sind. Und Henneken geht an mir hoch wie an einem Baumstamm — hier am Arm hat sie durchgekrallt. Und wie sie auf meiner Schulter sitzt, faucht sie den Bengel an. Ich denke: zanken macht die Sache bloß schlimmer. Da hab ich freundlich gesagt: Kinderchen, die Katze hat ein Kleines, seht mal hier im Korb! Und habe Füchschen gezeigt. Da sind die Kinder ganz kirre geworden — bei denen hab ich nu gewonnenes Spiel. Wären bloß die Hunde nich!“ — „Das ist ja ein ganzer Roman. Auf all den Schrecken mußt du dem guten Hennecken Milch geben. Weißt du übrigens wie ich mir mit dem anhänglichen Viehzeug vorkomme. Wie’n Doktor fürs Vieh.“ Und ich erzählte meiner Frau von der Meinung der Amtsdienerin. — „Hü-ihi!“
Dann nahmen die gestreichelten Katzen dankbar schnurrend Abschied, Füchschen kam wieder in den Korb, und meine Frau zog los. Die Mutterkatze zögerte ein Weilchen und spähte geduckt umher; dann trollte sie meiner Frau mauzend nach, zur geöffneten Hoftür hinaus.