Die Grille im Käfig

Eine noch unverblichene Laubkrone hob der Akazienbaum des Nachbarhofes in den Sonnenschein. Reglos träumten die Zweige in der stillen Luft, und wenn am Nachmittag die Sonne rötlich schimmerte, hoben sich vom Dunkelgrün der schattigen Massen die verklärten Blättergruppen ab, deren gefiederte Laubform hervortrat. Auf dem Baume zirpte noch immer die Grille. In ihre wunschlose Beschaulichkeit zu versinken, war mir wehmütiges Glück.

Die Besucherglocke läutete, und da stand mein Freund Eckehart, der schlanke Germane mit dem Christusbarte. Er winkte mir freundlich zu. Frau Bolle brachte den Schlüssel, und auf ihre Frage, wie lange der Herr bleiben wolle, gab er den Bescheid: „Muß gleich wieder fort. Nach Berlin auf die Bibliothek. Wollte Ihnen bloß was bringen.“ Und einen Gegenstand, in Papier eingeschlagen, enthüllte er vorsichtig. Eine Pappschachtel von der Größe eines Vogelbauers. Die eine Wand herausgeschnitten und durch Netzgewebe ersetzt. Oben ein Türchen zum Aufklappen. In diesem Käfig hockte bei Blättern von Runkelrübe eine Grille.

„Uh!“ meinte Frau Bolle in einer Mischung von Bewunderung und Abscheu — „nu kiek doch eener, so’n Biest.“ Ein stattliches Exemplar, fast daumengroß, bräunlich grün. Beine und Silberflügel unverletzt. „Uh! Wie e’ jlotzt mit sein Ferdekopp!“ Altklug sah mich die Grille an, mit ihren niedlichen Augenperlen. Sie tat mir leid, fragend blickte ich auf Eckehart. „Damit Sie doch lebendige Gesellschaft in Ihrem Gefängnis haben, und weil Sie ein besonderer Freund der Heuschrecke sind.“

Also gut! die Grille ward aufgenommen. Den Faden der Schachtel befestigte ich am Wandteppich, nahe dem Fenster. „Freitag“ nannte Robinson seinen freitags gefundenen Gesellschafter. Heute war erst Donnerstag; aber auch dieser Tag paßte zur Benamsung des grünen Insekts. Ich brachte mein Gesicht an das Gittergewebe und schäkerte: „Wo ist denn mein Grüner Donnerstag?“ Mit Glotzen antwortete er — das war ja seine Natur. Da er mit Futter versehen war, blieb mir nichts übrig, als ihm Ruhe zu gönnen. Zunächst war der Grüne Donnerstag mäuschenstill — er schien sich zu orientieren im neuen Heim. —

Indessen dachte ich zurück an zauberische Septembertage, die ich jüngst genossen. Dachte an die edle Grillenjägerei mit Eckehart auf seinem „Rittergute“. Nicht als ob Eckehart Rittergutsbesitzer gewesen. Privatgelehrter war er, ein faustischer Sinnierer. Als Naturschwärmer hatte er sich im verwilderten Laubpark des Gutes Rahnsdorf, hinter dem Dorfe, ein Plätzchen für den Sommer gemietet und zu einer Laubenwohnung hergerichtet. Köstlich abgeschieden liegt das Gut, versteckt zwischen Kiefern und Akazien. Im Westen und Osten unpassierbare Sumpfwiesen mit wallendem Rohr; auf der Nordseite des Laubparks fließt die Spree. Im Wirtschaftsgebäude, das schon verfallen, haust eine friedliche alte Frau, von ihren Bekannten Großmutter genannt. Sie hat eine Enkelin, ein auffallend schönes Mädchen. Eckehart nennt sie „Diotima“ und schwärmt für sie, wie Hölderlein für seine schöne Helena und Madonna. An Sommerabenden hört der Wandrer aus dem verwilderten Park den Zaubergesang einer weiblichen Stimme mit Flötenbegleitung.

Die Bewirtschaftung des Gutes beschränkt sich auf Gemüsebau, Heuernte und eine kleine Molkerei, — zehn, zwölf Kühe, ein paar Ziegen. Ungestörtes Behagen ist der Herde beschieden, die auf der fetten Moorwiese grast und wiederkäuend unter Erlen lagert.

Eckeharts Tuskulum liegt auf einer Erhebung des Ufers unter einer mächtigen Eiche. Aus Balken und Brettern ist es zimmert, grün gestrichen, von wildem Wein umwoben. Durch Tür und Fensterlein sieht man ein Gärtchen, Unkraut, bunte Blumen, dann die Spree, Schilf, blaue Waldhügel.

Als ich diese Gemütlichkeit bewunderte, sagte Eckehart: „Auch auf Daches Zinnen kann ich steigen wie weiland der glückstrunkene Inselkönig. Mittels dieser Leiter erklimmt der Fürst bei gutem Wetter das pappene Dach, sein Reich zu überschauen. In der Hängematte am wagerecht übergereckten Eichenast lauscht er der Windharmonika, die in der Eichenkrone summt. Ach, und jetzt im Herbst die Heuschrecken!“ — „Sie sind ein Lebenskünstler, Eckehart,“ hatte ich geantwortet. „Aber tun Sie mir den einzigen Gefallen und sagen Sie nicht Heuschrecke. Ich finde den Namen gräßlich! Er stammt gewiß von einer zimperlichen Stadtmamsell, die in idyllischer Anwandlung einen Heuhaufen zum Sessel erkor, um kreischend emporzufahren, die Augen starr gerichtet auf unsern unschuldigen Insektendäumling im grünen Frack. Als wäre er ein Ungetüm! Dummes Zeug! Ein liebes Tierchen! Ich nenne es nicht Heuschrecke, sondern Grille. Eine Art Zirpen klingt in diesem Namen.“

„Kommen Sie!“ sagte Eckehart. „Ich will Sie in meinen herbstlichen Jagdsport einführen. Kennen Sie die Tierschutz-Flinte? Ein Tierschutz-Verein hat sie erfunden. Man zielt damit auf das Tier, das man beschleicht, und drückt los. Die Flinte knipst bloß — im Kolben sitzt eine photographische Platte, und als Beute hat man das Momentbild.“ — „Und Sie haben so’n Dings?“ — „Nein, ich ziele nicht mit dem Auge, sondern mit dem Ohr. Es ist gar nicht so einfach, die Stelle zu treffen, wo eine Grille geigt. Kommen Sie — wir wollen mal Grillen beschleichen.“ Eckehart wies mit der Hand auf eine Kartoffelstaude. „Scharf mit dem Ohre aufpassen!“ Ich drauf los. Aber nun verstummt das Tierchen, mäuschenstill bleibt es minutenlang. Wieder beruhigt durch mein Stillstehen, zirpt es von neuem. Ich horche und spähe hin. Da zittert was Grünes, nun kann ich drauf losgehen; und jetzt fortzufliegen, ist nicht Grillenart.

Das war die Grillenjägerei, die wir vor vierzehn Tage betrieben hatten. Ich durchlebte sie noch einmal in der Erinnerung. Dachte auch an Diotimas Stimme, als sie auf meinen Wunsch Beethovens „Adelaide“ gesungen, begleitet von Eckeharts Flöten und dem Grillengezirp. Als das Mondlicht niederfloß, hatte Eckehart seine Diotima in die Arme geschlossen — verstohlen, nur von mir bemerkt ... O du Grillenfänger! —

„Selig bist du, liebe Kleine,

Die du auf der Bäume Zweigen

Von geringem Trank begeistert,

Singend wie ein König lebst ...“

So hat Goethe das Grillenlied Anakreons verdeutscht. Umsonst wartete ich auf das königliche Singen — mein Grüner Donnerstag blieb stumm. Ach ja, Gefangenschaft ist ein bös Ding! Ich ging mit dem Plane um, meine Grille zu der andern bringen zu lassen, die in der Akazie zirpte. Da ich aber beobachtete, wie sich der Häftling die geschabte Mohrrübe munden ließ, dachte ich: „Schmeckt das Essen, wird das Herzchen nicht gleich vor Trauer brechen.“ Ich zündete den Spiritus meiner Teemaschine an — das Wasser summte. Dieser elfenhafte Singsang hat etwas vom Zirpen der Grille. Meinen Zellengenossen begeisterte er, daß er die Gefangenschaft vergaß — und horch, leise begann er zu geigen — es klang, als ob ein Flageolett-Ton auf der E-Saite zittere, oder als ob gläserne Zwergpantöffelchen den Walzer schleifen im Saale von Kristall.

Bald war der Grasmusikant so zahm, daß er sich beim Fiedeln beobachten ließ. Die Silberflügel reibt er, sie zittern wie gestrichene Saiten. Sonst ist das Tierchen schwerfällig. Zwischen Fressen und Singen teilt es sein Dasein.

Daß es noch ein Drittes gäbe, wurde ich abends gewahr. Die Grille auf dem Akazienbaum hatte wohl erlauscht, daß eine andere in der Nähe hause. Als dem warmen Herbsttage eine schier sommerliche Nacht folgte, ward ihr Lied ein herausforderndes Schmettern. Ich saß bei der Lampe, über Schreibpapier gebeugt. Notierte Anakreons Lied auf die Grille, den griechischen Text, den ich mal auswendig gelernt hatte. Und dann versuchte ich eine Nachdichtung. Durchs offene Gefängnisfensterchen strömte lau der Nachtodem. Plötzlich tippt was an die Scheibe wie ein Nachtschmetterling. Dann schwirrt eine Grille herein — mir gerade aufs Papier. Die Diotima vom Akazienbaum! Angelockt vom Grünen Donnerstag, hat sie den Spruch beherzigt: Es ist nicht gut, daß ein Geschöpf allein sei. Um den angebändelten Roman nach dem beliebten Schema „sie kriegen sich“ zu enden, packe ich den hergeschwirrten Amor bei seinen Flügelchen und tue ihn in den Schachtelkäfig. Die beiden Grillen sind nun stumm. Vor neugieriger Betrachtung kommen sie nicht zum Singen.

Die Grillenpoesie hat mich begeistert, und ich bringe eine Verdeutschung des anakreontischen Liedes zustande:

Grillchen hoch im Baumgezweige,

Ei du quietschvergnügte Geige!

Diedel diedel zirpt die Fiedel —

König Lustig liebt sein Liedel;

Ist begeistert wie von Sekte,

Weil er Taugeträufel schleckte.

Und nun schau, Herr König, schaue

Stolz vom Laubthron deine Gaue!

Dein ist all die grüne Runde,

Dein ist jede Sommerstunde!

Dir, mein Grillchen, bleibt gewogen,

Wer durchs Feld den Pflug gezogen.

Heilig bist du allen Leuten,

Die sich je der Sonne freuten.

Darum weihten dir den Busen

Gott Apoll und seine Musen;

Und so hast du für das Schöne

Deine süßen Silbertöne.

Niemals rostig, niemals greise,

Ewig jung ertönt die Weise.

Erdenkind! Nein, Mittelwesen,

Halb der Geisterwelt erlesen —

Erdenlust im Dichterherzen,

Aber frei von Erdenschmerzen!

Ohne Fleisch und Blut geboren,

Seelchen, zum Olymp erkoren,

Unschuldsvoll und wonnereich,

Bist du bald den Göttern gleich.