Die Vernehmung

Das Fritzenwalder „Amt“ war einstalliert in einem gemieteten Landhäuschen, das nur ein Erdgeschoß mit einem großen Zimmer und ein paar kleinen hatte. Längs der Wände lagen die Akten aufgestapelt, in den Fächern hölzerner Gestelle ohne Verschluß, dem Staube, der Vergilbung, den Motten preisgegeben. All diesen Akten hing gewissermaßen die Zunge zum Halse heraus, und diese Aktenzunge war gelb, grün, blau, rot, ein Kennzettel, um Rede zu stehen über den Inhalt des Schriftstückes. Ein paar Schreiberseelen hockten an Pulten, und wenn sie nicht frühstückten, rauchten oder plauderten, hörte man ihre Federn kritzeln, dazu im Sommer den ländlichen Fliegenschwarm summen und beim Nachbar die Hühner gackeln.

Rat Hegel saß dann — vorausgesetzt, daß er nicht am Gestade der Müggel die Angelrute schwang — in einer Art Boudoir, das mit Schreibtisch und Lutherstuhl ausgestattet war, auch mit Teppich, Liegesofa und etlichen Bildern. Hier pflegte der Igel Amtspflichten zu erfüllen, die er nicht der Kritik und Indiskretion aussetzen mochte. Wenn zum Beispiel eine junge Witwe gegen ihre Steuereinschätzung reklamierte, oder wenn die stattliche Frau Mauermeisterin in einer Bauangelegenheit den Vorteil ihres Gatten wahrzunehmen suchte, oder wenn ein hübsches Dienstmädchen ... das heißt, ob das Mädchen hübsch, die Meisterin stattlich, die Witwe jung war, tut eigentlich nichts zur Sache — lassen wir’s!

Genug, in besagtes Geheimkabinett wurde ich von einem Beamten des Vorderbureaus, dem ich meine Vorladung gezeigt, nach zeremonieller Anmeldung geleitet. Der Igel erhob sich von seinem Sessel am Schreibtisch, zog unter Augenzwinkern den Kopf zwischen die Schultern — was eine gemessene Verbeugung sein sollte — lud mich durch Handbewegung auf das Sofa und nahm die hochwichtige Schreibarbeit wieder auf, die mein Eintreten unterbrochen hatte. Als mir sein Kritzeln zu langweilig wurde, stand ich auf, die Bilder zu betrachten, mit denen das Boudoir geschmückt war. Das Portrait des greisen Kaisers in Öldruck war mir nicht ganz neu; wohl aber ein großes Gruppenbild, das den Amtsvorsteher darstellte, inmitten des Gemeinderats und der Freiwilligen Feuerwehr.

„Hä?“ grunzte der Igel in etwas mißbilligendem Tone, befremdet durch meinen Mangel an Befangenheit. „Sie kommen gleich dran. Die Zeit soll Ihnen nicht lang werden.“ — „Bitte!“ gab ich im Tone der Wurstigkeit zurück und vertiefte mich nunmehr in die Photographie des Landrats. Doch schon hatte er die Feder hingeworfen und ein Aktenstück aufgeschlagen. Mit nachlässigem Genuschel las er: „Zu vernehmen der Schriftsteller Dr. Bruno Wille zu Friedrichshagen, Kastanienallee neun.“ Stechend blinzelten seine Schweinsritzen zu mir herüber: „Das sind Sie — hä? Wollen Sie gefälligst wieder Platz nehmen!“ Ich setzte mich, und nachdem er abermals eine spannende Pause gemacht hatte, indem er die Akten durchblättert, fuhr er fort: „Da ist ’ne — Sache vom — Königlichen — Provinzial — Schulkollegium — hä?“ Und grausam listig fixierten die Äugelchen ihr Opfer.

Ich war nichts weniger als bestürzt. Eine Schulsache? Ich fühlte mich erleichtert, fast übermütig. War ich doch die beklemmende Aussicht los, daß mich der Staatsanwalt wegen einer freimütigen Äußerung belangen wolle. Schule! Kollegium! Na ja, es wird sich um gestundete Kollegienhonorare handeln — schon recht! Diese alten Studentenschulden müssen abgezahlt werden — und nun will man mich dringend mahnen. Was könnte ich sonst mit der Schulbehörde zu tun haben? — Wie? Oder sollte diese Geschichte den Jugendunterricht angehen, den ich in der freireligiösen Gemeinde erteile? — Meine dämmernde Ahnung wurde rasch zur Wahrscheinlichkeit, getroffen vom nüchternen Lichte historischer Realität. Gehört doch Friedrichshagen zu Preußen, und hier, wo der Gesetzentwurf des Ministers von Zedlitz-Trützschler, eine Verfrommungsattacke auf die Volksschule, soeben von der öffentlichen Meinung abgewiesen war, schlich nun das Dunkelmännertum auf Hintertreppen, um durch administrative Verfügungen Vorteile zu gewinnen.

„Ja und —? Was will denn das Provinzial-Schulkollegium?“ erlaubte ich mir, mißtrauisch und etwas ungeduldig zu fragen. Wieder in das Dokument vertieft, wiegte der Rat den Kopf, als wisse er nicht, wie er die Sache anfassen solle. Da er gemerkt hatte, daß sein Amtsgesicht nicht imponiere, suchte er mir auf andre Art beizukommen. Schüttelte also das mit fuchsiger Perücke gezierte Denkerhaupt, als befremde ihn der Inhalt des Schriftstückes. Aufatmend in den Lutherstuhl zurückgelehnt, klatschte er die flache Hand auf das Papier: „P! Was soll unsereins nicht alles! So ’nem Amtsvorsteher werden die schwierigsten Sachen zugemutet. Gewisse hochgestellte Herren scheinen zu denken, man is so’n richtiger Packesel — für ihre diplomatischen Missionen — hä?“ — Mein Lächeln für Beifall nehmend, suchte er diese Stimmung zu begünstigen und fuhr im Tone einer behaglichen Beschaulichkeit fort: „Unser Großer Friedrich hat gesagt: In meinem Staate kann jeder nach seiner Fasson selig werden. Das ist auch mein Grundsatz — naturgemäß.“ Zustimmend neigte ich ein wenig den Oberkörper, und es fuhr der Igel fort: „Na ja! Darin sind wir einig! Nun aber das da! P!“ Und wieder klatschte er nichtachtend auf das Dokument — „was soll man dazu sagen, hä?“

„Aber Herr Rat, ich weiß ja noch gar nicht —?“ Beschwichtigend hob er die Hand: „Lassen Sie mich zuvor bemerken, daß mich hier keinerlei Schuld trifft — nicht die mindeste Verantwortung, als Mensch sozusagen. Auch für mich gilt das Wort jenes englischen Prinzen: Ich diene!“ — „Ich zweifle nicht, Herr Rat.“ — „Ja, nicht wahr? Und Sie können sich denken, Herr Doktor — wenn die Herren oben — Sie verstehen, wen ich meine! wenn sie vorher bei mir angefragt hätten, ob die Sache opportun sei ...“ — „Sie meinen die Sache da vom Provinzial-Schulkollegium?“ — „Ich hätte gesagt: Nicht opportun!“ — „Aber hat sie denn was zu tun mit dem Grundsatz, daß jeder nach seiner Fasson? Wie? Mit Religion? Ach so, es handelt sich wohl um die Freireligiöse Gemeinde?“ — „Naturgemäß! Ja und nun sagen Sie mal, Herr Doktor, was wollen denn diese Freireligiösen, hä? Sie möchten wohl ganz ohne Glauben sein? ohne Pastor und ohne Kirche, hä? Na ja, wissen Sie, so’n bißchen freireligiös — und wenn ich auch ein konservativer Mann bin — im Grunde unseres Herzens haben wir alle heutzutage so’n Stück Freigeist. Ich selber habe mal im Gemeinderate — als es sich um die Waldparzelle für die Wasserwerke handelte, — da habe ich unverfroren gesagt: Meine Kirche — wissen Sie, meine Herren, was meine Kirche ist? Der Wald! — Ja wohl, Herr Doktor, das hab ich rund heraus gesagt. Sehn Sie, darin bin ich auch freireligiös ... Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben?“

Es fiel mir nicht leicht, den Schein der Ernsthaftigkeit zu wahren. Seine Erwähnung des Waldes brachte mir eine hölzerne Warnungstafel in Erinnerung, die damals am Eingang zum Forst angeschlagen war, unterzeichnet „Amt Friedrichshagen. gez. Hegel.“ Sie enthielt die monumentalen Worte: „Das Betreten dieses Waldes ist nur mit geschlossener Pfeife gestattet.“ — „Sehr verdienstvoll, Herr Rat,“ — lächelte ich — „daß Sie in unserm Friedrichshagen etwas von der friderizianischen Tradition lebendig halten.“ Wie wenn einem Berliner Weißbierphilister die Kohlensäure prickelnd in die Nase steigt, so wurden des Igels Nüstern angenehm geschwellt, und vor Genugtuung funkelten seine Äugelchen. „Aber“ — so fuhr ich fort — „darf ich mir die Frage erlauben, inwiefern unser Religionsgespräch, das mir ja an und für sich interessant ist — ich meine, inwiefern es zur Sache gehört — zu meiner Vernehmung in Angelegenheiten des Provinzial-Schulkollegiums?“ Er nickte, und mich streifte ein echter Igelblick — in dem sich Pfiffigkeit und Mißtrauen mischten. „Zur Sache gehört das alles — ganz naturgemäß. Was nun Ihre Anspielung auf den friderizianischen Geist betrifft, so ehrt sie mich. Indessen muß ich eine Einschränkung geltend machen. Es hat nämlich der geniale Friedrich — bei aller Freigeisterei — an gewissen Ideen der Religion festgehalten. Vor allem an der Idee des höchsten Wesens, wissen Sie, hä?“

„Des höchsten Wesens? Hum! Ja, aber es kommt bloß darauf an, was man darunter versteht!“ — „Ja, verstehen denn die Freireligiösen überhaupt etwas darunter?“ Jetzt begegnete ich dem lauernden Blick des Anglers, wenn er dem anschwimmenden Fischlein den Köder hinwirft, mit dem es den Haken verschlucken soll. Da ich schwieg, so lockte er weiter: „Allerdings, wer unter dem höchsten Wesen einen weißbärtigen Herrn versteht“ ... Unsicher geworden, verstummte er, ich aber nahm seinen Gedanken auf: „An den weißbärtigen Herrn glauben Sie also wohl selber nicht, Herr Rat, wie?“ — „Immerhin an einen Gott!“ eiferte er mit Salbung — „an ein höchstes Wesen, das über der Natur waltet — als Regent, als Persönlichkeit — darauf kommt es an — hä?“

„Ja so! Persönlichkeit! Aber müßte ein höchstes Wesen denn nicht erhaben sein über jegliche Beschränkung? Persönlichkeit ist doch Beschränkung!“ Sein Gesicht wurde eisig und simpel, und er murrte: „Beschränkung? hä? Na, das ist denn doch stark! Da muß ich doch bitten ... Mögen gewisse Persönlichkeiten — mögen sie beschränkt sein — so gibt es doch andere — die alles eher, nur nicht beschränkt sind — sollte ich meinen — hä?“ Und seine Äugelchen suchte er aufzureißen zur gebieterischen Hoheit seines genialen Vorbildes. — „Aber nein doch!“ beschwichtigte ich — „eine bestimmte Persönlichkeit zu verkleinern liegt mir fern — und Goethe hat ja auch mit Recht gesagt: Höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlichkeit!“ — Er wurde wieder friedlich: „Wollt’ ich mir auch ausgebeten haben.“ Dann schien er über das Rätsel der göttlichen Persönlichkeit zu grübeln — bis er auf einmal erleuchtet deklamierte: „Gott ist — ein Geist!“ — „Und die ihn anbeten,“ zitierte ich weiter, „sollen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. Schon recht! Doch weshalb müssen dann unsere Schulkinder im wörtlichen Sinne glauben, daß Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde geformt, also ebenfalls einen Körper habe? Und daß er im Garten Eden in der Abendkühle lustwandelte? Und dem Abraham als dreifältiger Mann erschien? Und mit Mose auf dem Sinai redete? Und bei Jesu Taufe vom Himmel rief: Dies ist mein lieber Sohn?“

Wiederholt nickte der Igel, als wollt’ er sagen: „Du bist im rechten Fahrwasser!“ Und als ich schwieg, suchte er zu ermuntern: „Na ja, mit dem dreieinigen Gott — das ist naturgemäß so ’ne Sache. Katechismus war nie meine Stärke, und auch ich bin Freigeist genug, um zum Beispiel ... Wie soll ich sagen, hä?“ — Ich half ihm: „Nun, im Katechismus heißt es zum Beispiel: Auferstehung des Fleisches. Die Ebenbilder Gottes, im Grabe endlich zu Staub geworden, kristallisieren sich beim Schall der Posaune wieder zum alten Adam, aus den Grüften schlüpft Fleisch und Bein ... Nun denken Sie mal, Herr Rat, Ihr Liebling, der Philosoph auf dem Preußenthron — Taufe und Katechismus mußte er schon über sich ergehen lassen — aber geglaubt hat er so was doch nicht! Sie kennen die Geschichte vom Küster, der abgesetzt werden sollte, weil er nicht an die Auferstehung des Fleisches glaubte? Der alte Fritz versah das Aktenstück mit der Randbemerkung: Der Küster bleibt, und wenn er nicht an Auferstehung des Fleisches glauben will, kann er ja liegen bleiben am jüngsten Tage.“ Beifällig schmunzelte Hegel, und ich fuhr fort: „Na also, Herr Rat! Aber wo ist heute der friderizianische Geist? In der Kirche sicher nicht! Sie wissen doch, da bekennt jeden Sonntag der Pastor im Namen der Gemeinde: Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben, Amen!“

„Das sind Ammenmärchen!“ platzte mein Gegenüber hochtrabend heraus — die Rolle des Freigeistes hatte ihn hingerissen, daß er den Amtsvorsteher vergaß. Er merkte zwar an meinem spöttischen Gesicht, daß er zu weit gegangen, und suchte einzuschränken: „Das heißt naturgemäß — mißverstehen Sie mich nicht ...“ — „Aber nein! Sie haben ganz deutlich gesprochen. Und warum sollten Sie Ihr Bekenntnis auch verhehlen? Selbst im heutigen Preußen darf man schließlich nach seiner Fasson selig werden, — wofern man seine Freigeisterei für sich im Geheimkabinett behält.“

Wenn in der Nähe eines ländlichen Gehöftes ein Swinegel vom Kater überrascht wird, rollt er sich zur Kugel zusammen — krallt nun der Kater nach der Kugel, so piken ihn die Swinegelstacheln in die Pfote. Auch der Amts-Igel zog sich auf seine borstige Schutzstellung zurück. Nach mißtrauischem Lauern bemerkte er gereizt: „Aber erlauben Sie mal, Herr Doktor! Mein Glaube kommt hier ganz und gar nicht im Betracht! Was ich in meinem Boudoir denke — Gedanken sind naturgemäß zollfrei! Vorausgesetzt — und darauf kommt’s an —, daß man sie nicht ins Volk trägt! Davor muß man sich hüten! Sie protestieren? Sehen Sie — das ist eben unsere Meinungsverschiedenheit. Sie haben Ihre Freigeisterei ins Volk getragen — tun es grundsätzlich — na also! Und eben diesen Mißgriff verübelt man Ihnen oben. Die Regierung steht naturgemäß auf dem Standpunkte, daß die unteren Schichten des Volkes nicht reif sind für Freigeisterei. Was versteht auch der Proletarier von Kaviar, hä? Dies Bedenken hat schon der große König gehegt — und dem möchte ich mich auch in dieser Hinsicht anschließen!“

Ich nickte lächelnd. In der Tat, es war, wie ich vermutet hatte: Auch das Betreten seiner Waldkirche gestattet dieser aufgeklärte Despot von Fritzenwalde nur mit geschlossener Tabakspfeife. Ja, ja! So sind die Philister-Freigeister! Für sich nehmen sie die Zollfreiheit der Gedanken in Anspruch — sie gereicht ihrer religiösen Gleichgültigkeit zum Lotterbett. Aber die Freigeisterei soll beileibe nicht ins Volk getragen werden!

„Na also! Und nun wollen wir darüber unser Protokollchen aufnehmen, hä? Sie machen keinen Hehl daraus, daß Sie Atheist sind — mündlich haben Sie das ja auch schon zugegeben, hä?“ — Nun wurde mir die Geschichte doch zu bunt, und ich trumpfte auf: „Na hören Sie mal! Zugegeben? Wer hat hier was zugegeben? Sie, Herr Rat, haben zugegeben!“ Er starrte mich betroffen an: „Na, da hört doch alles auf! Ich soll Sie hier vernehmen als Ihr amtlich Vorgesetzter, — und Sie versuchen, den Spieß umzukehren? Bin ich etwa hier der Atheist, oder sind Sie es, hä?“

„Atheist? Ah, ich verstehe! Das ist des Pudels Kern! Um dies Thema also dreht sich die Vernehmung!“ Er wehrte ab und suchte mildere Saiten anzuschlagen: „Aber verehrter Herr Doktor! Veruneinigen wir uns doch nicht! Wie können Sie denn sagen, ich hätte hier was zugegeben. Auf meinen Standpunkt kommt es doch gar nicht an.“

„Sie selber haben ihn geltend gemacht.“

„Na ja doch!“ begütigte er. „Aber das war unter uns gesagt — rein menschlich! Lassen wir das doch beiseite! Amtlich bin ich hier nur der Vernehmende. Und zu meiner Amtspflicht gehört das Protokoll — ich will nur objektiv protokollieren ...“ — „Nette Objektivität!“ — „Ich kenne Sie nicht wieder, Herr Doktor! Sie sind sonst ein freimütiger Bekenner! Daß Sie Atheist sind, na das ist doch einfach notorisch!“

„Wenn’s notorisch ist, was soll dann noch Vernehmung und Protokoll?“ — „Über die Vernehmung habe ich dem Provinzial-Schulkollegium zu berichten!“ — „Berichten Sie immerzu! Aber wenn Sie protokollieren wollen, hier sei irgend etwas eingestanden worden, wie Sie sich ausdrücken — als wären Sie hier Untersuchungsrichter — und ich Angeklagter — so vergessen Sie wenigstens nicht, wer hier eingestanden hat!“

„Eingestanden?“ Hegel wurde blaß. „Ich doch etwa nicht?“ — „Wer denn sonst? Haben Sie nicht gesagt, auch Sie seien im Grunde Ihres Herzens Freigeist? Ihre Kirche sei der Wald? Und schließlich noch, Auferstehung des Fleisches und so weiter seien Ammenmärchen? Wissen Sie, wenn ich hier so etwas gesagt hätte, mir wäre man mit Paragraph 166 gekommen!“ Das war kein Igel mehr, das war eine sich bäumende, zischelnde Viper. Er war aufgesprungen und machte heftige Armbewegungen. Es war die Wut der Angst. Doch er kämpfte sie nieder, ließ sich geknickt in seinen Sessel fallen und raunte heiser: „Sie werden mich doch nicht denunzieren wollen?“ — „Denunzieren? Dummes Zeug! Ich denunziere nicht! Aber Sie, Sie möchten den Herren da oben helfen, mich zu verketzern.“

Ächzend wiegte der Swinegel seine Perücke hin und her: „Mein Gott ja! Das ist nun so ein stellvertretender Amtsvorsteher! Da bilden sich die mißgünstigen Herren vom Gemeinderat ein, ich lebe hier wie der große Friedrich in Sanssouci, mein Amt sei eine Sinecure. Hat sich was mit Sinecure! Die Verhältnisse hier werden immer komplizierter! Wenn ich aber eines Tages die Karre hinschmeiße — naturgemäß, wofern das so weiter geht — so werden die Herren vom Gemeinderat noch einsehen, wen sie verloren haben. Von denen ist keiner den hiesigen Anforderungen gewachsen! Ein gewisser Herr Blechschmidt, vulgo Klempnermeister, erst gar nicht! Mein Nachfolger müßte schon ein studierter Jurist sein. Ob sie den aber kriegen? Allenfalls einen durchgefallenen Referendar! Aber der schon wird andere Ansprüche machen als ich! Und das werdet Ihr Steuerzahler merken, naturgemäß — na wartet man!“

„Nun muß ich aber ernstlich ersuchen: zur Sache, Herr Amtsvorsteher! Was hat denn mein Fall mit Ihrer Abdankung zu tun? Wenn Ihnen das Amt verleidet ist, so legen Sie’s doch einfach nieder!“ — „Ach, ich denke ja gar nicht daran, niederzulegen, freiwillig nicht! Aber gewisse Leute lauern drauf, daß ich mir einen Schwupper zuschulden kommen lasse.“ — „Na, ich gehöre nicht zu denen — von mir aus bleiben Sie ungeschoren — keine Sorge, kein Lamento! Zur Sache endlich! Bitte, teilen Sie mir ohne Umschweife mit, worüber Sie mich vernehmen sollen! Will das Provinzial-Schulkollegium in der Tat wissen, ob ich Atheist bin? Kaum glaublich!“

„Ja — in der Tat!“ sagte der Igel erleichtert. „Darauf kommt es an. Und nun bitte, äußern Sie sich!“ — „So mag die Behörde doch einfach meine Schriften lesen — oder zu mir in meine Vorträge kommen! Und wenn Sie mich schon für einen notorischen Atheisten hält, na gut — wozu dann noch die Umstände? Atheist! Solch ein Schlagwort paßt mir überhaupt nicht, ist ja rein negativ und inhaltlos!“ Kleinlaut bemerkte mein Gegenüber: „Ich werde also schreiben, daß Sie zur Kennzeichnung Ihres Standpunktes auf Ihre Schriften verweisen, hä?“

Ich murrte weiter: „Amt Friedrichshagen ist doch kein Inquisitionsamt! Und was versteht ein Amtsvorsteher überhaupt von Theologie? Ebensowenig wie von Biologie!“ Der Igel keuchte, als ob ihn ein Schlaganfall bedrohe, und brauchte eine Weile, um sich halbwegs zu fassen. Dann ergriff er mit zittriger Hand die Feder und kritzelte die Worte, die er mir vorlas: „Der Vorgeladene verweigert die Aussage.“ — „Na wissen Sie,“ erwiderte ich, „dies Ergebnis hätten Sie rascher erzielen können — und gemütlicher!“

Er sah mir tückisch ins Gesicht, reichte mir die eingetunkte Feder und wies die Stelle, wo ich unterschreiben sollte. Ich lehnte ab: „Bilden Sie sich etwa ein, daß ich etwas Unrichtiges unterschreiben soll?“ — „Aber Sie verweigern doch die Aussage!“ — „Umgekehrt, Herr Rat! Sie verweigern die Aussage! Ich frage ja in einem fort: Was will eigentlich das Provinzial-Schulkollegium? Sie aber weichen einer deutlichen Antwort aus. Ich kann doch nicht glauben, daß diese Behörde Ihrer Mitwirkung bedarf, um meinen Atheismus festzustellen! Die Sache hängt offenbar anders zusammen. Das Schreiben des Provinzial-Schulkollegiums wird ja meine religiösen Meinungen berühren — ich glaubs schon. Es kann aber unmöglich anordnen, daß Sie mich darüber vernehmen sollen. Machen wir die Probe, Herr Amtsvorsteher! Lassen Sie mich das Schreiben einfach lesen! Sie wollen nicht? Das ist bezeichnend, da haben wir’s! Die Untersuchung über meinen Atheismus — das ist eine Aufgabe, die Sie selber sich gestellt haben. Aus Anlaß einer Anfrage des Provinzial-Schulkollegiums. Sie möchten sich hervortun, möchten bald definitiv Amtsvorsteher sein ... Albernes Zeug! Ich gebe mich nicht her für solche Manöver!“

Da ich mich erhob, um zu gehen, klappte Hegel die Akten zusammen und schmiß sie wütend hin. In Kassandras hohlem Tone sprach er, warnend die Hand erhoben: „Passen Sie auf, Herr Doktor! Das Provinzial-Schulkollegium ist Ihre vorgesetzte Behörde — die wird Ihnen den Brotkorb höher hängen!“ —

Als ich das amtliche Haus verlassen hatte und das Vorgärtchen durchschritt, wurde mein Auge gefesselt durch die „zur Zier“ zwischen Rosen aufgestellte Spiegelkugel. Betroffen sah ich hier mein Spiegelbild ins Groteske verzerrt — ich war kurz und breit, die Backen waren wie Buttertonnen, ich sah wie ein Nilpferd aus. Hm! Auf die Art des Sehens kommt alles an, und die ist oft putzig verschieden. Was ist Schein, was ist Sein? — Spöttisch klang es mir in den Ohren: „Und es schuf Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ Ei ja, Ihr Persönlichkeits-Karikaturen! Es paßt Euch in den Kram, die eigene Kläglichkeit zu beschönigen durch den Hinweis auf das schöpferische Urbild.

Dann fiel mir das Goethewort ein:

„Wie einer ist, so ist sein Gott.

Darum ward Gott so oft zum Spott.“

Ich dachte auch an die Geschichte vom Swinegel un sine Fru, die am andern Ende der Ackerfurche duckmäuserisch saß, ihm zum Verwechseln ähnlich. Ei natürlich! Ist der Mensch ein Swinegel, so hockt drüben im Jenseits sein Konterfei und echot herüber: „Ick bün all hier!“

In solcher Zwickmühle könnte fürwahr dem stolzen Fortschrittshasen die Puste ausgehn. Es ist nur gut, daß er vom Buxtehuder Hasen lediglich die flotten Beine hat, nicht den Dummkopf. Na und so geht’s halt doch vorwärts, oft freilich auf Hasenfüßen. Schließlich haben die Swinegel jeglicher Sorte nur noch die eine Bedeutung, daß man über sie lacht — und das ist der Humor davon.

Damit dieser Humor nicht zu bitter werde, führt der Chronist aus seinem Tagebuch von damals folgende Notiz an: Mein Spiegelbild in der Glaskugel hat mich milde gestimmt, fast demütig ... Sind wir Menschlein nicht alle Zerrbilder? Mit irdischen Augen gesehn, kommen wir einander recht zoologisch vor. Ich bin für das Provinzial-Schulkollegium ein gefährlicher Wauwau. Und der Amtsvorsteher deucht mir ein Igel. — Mag er doch! Mag der Duckmäuser schleichen! Es ist seine Natur!

Übrigens leitet ihn jener Diensteifer, der im Staatsleben, zumal in Preußen, grassiert: Es gibt Beamtenseelen, zur Unterordnung unter Vorgesetzte in einer Weise hergerichtet, daß sie die Vorschrift von oben schlechthin für höchste Pflicht halten und daneben kein eigenes Gewissen spüren. Man soll sie nicht gleich verdammen, weil ihnen Überzeugung und freie Selbstbestimmung verdächtig fremd vorkommen. Die Schnecke kann nicht dafür, daß ihr auf dem Rücken ein Gehäuse festgewachsen ist. Sie kann sich nicht vorstellen, wie man ohne solchen Käfig lebt. Putziger Igel! Erhaben dünkst du dich über die Sünder wider den heiligen Amtsgeist — brächtest sie gern hinter Schloß und Riegel. Und ahnst nicht, daß du selber in einem Gefängnis steckst: in der Enge deines Banausentums.