Kartoffelkomödie

Als einfältige Unterhaltung für kleine und große Kinder geplant, wurde dies Kartoffeltheater, weil es zufällig am Tage meiner Enthaftung stattfand, eine Art Festvorstellung und Epilog zu meiner Gefangenschaft.

Frisch vom Preußischen Adler war ich mit meiner Frau zu Streitmüllers gegangen, um mich im erneuten Stande der Freiheit dem Freundeskreise zu präsentieren, der hier seinen geselligen Mittelpunkt hatte. Im gemütlichen Wohnzimmer fand ich bei Benno und seinem Bruder Paul noch das Brüderpaar Hart und Frau Bartels. Diese saß nähend in einem Wust bunter Lappen und Flitter, während die Männer Bier tranken und Zigarren qualmten. Neben den Gläsern und Aschenbechern gab es auf dem Familientisch die Überreste eines zerrütteten Puppentheaters, einen Leimtopf, etliche Kastanien und einen Werkzeugkasten. Offenbar sollten die Puppen repariert werden; praktisch beflissen war freilich nur Benno — die anderen Männer debattierten über Zeitfragen. Mit solcher Hitze, daß die Post von meiner Freilassung von den Kampfhähnen überhört wurde.

„Hier hilf mal, Bruno!“ meinte Benno; „Freia Bartels gibt Kinderkränzchen, und wir sollen Puppentheater spielen. Alles ist kaput, und bis Nachmittag muß die Flickarbeit fertig sein. Harts, diese sorglosen Zigeuner, sollen das Puppenspiel dichten und haben noch keine Ahnung. Anstatt sich zur Arbeit zu halten, schwatzen sie Feuilletons über die Wiedergeburt des deutschen Puppentheaters. Haben sich sogar in die Uferlosigkeit der sozialen Frage verloren. Laß dich nicht mit den Schwärmern ein, setz dich her zu mir, und deine Frau kann ja mit Anna Theatergarderobe nähen. Das Fatale an unsern Puppen sind die Köpfe — sie sind lädiert oder fehlen gänzlich. Bist du Bildhauer genug, um aus den Kastanien hier etliche Köpfe zu schnitzen? Ich habe mich schon in die Pote geschnitten!“ — „Ach was Kastanien!“ meinte ich wegwerfend und nahm auf dem Sofa Platz. „Kastanien sind zu fipsig, haben auch keine Visage. Machen wir lieber Kartoffelkomödie! Eine Kartoffel wird ausgehöhlt, daß man sie auf den Zeigefinger stecken kann — da haben wir nun einen Kopf auf einem beweglichen Hals. Daumen und Mittelfinger sind die Arme, das übrige wird einfach mit Stoff umwickelt, mit einer Sicherheitsnadel steckt man die Drapierung fest.“ — Benno erkannte die Brauchbarkeit meiner Idee, Frau Bartels holte Kartoffeln, und wie wir die Knollenfratzen betrachteten, um ihnen bestimmte Rollen zuzuweisen, mußten wir die Frage aufwerfen: „Ja aber nun das Stück? Was wird denn gespielt? Heda, Poeten!“ — Die Disputare wurden aufmerksam und starrten auf den Tisch.

Nun erschien auch Bartels. Als ich seine Frage, wie es komme, daß ich hier sei, beantworten wollte, unterbrach mich Heinrich Hart, der vom Wortgefecht noch etwas benommen war. Zerstreut streckte er mir die Hand entgegen: „Chott o Chott, Mensch! Wie kommst du hierher? Ich denke, du bist im Chefängnis? Wo ist denn dein Bärenführer?“ — Wie ich jetzt näheren Bericht erstattete, brach allgemeine Lustigkeit los, und Heinrich wetteiferte mit Julius in der Versicherung, hier sei ja nun auf einmal der prächtigste Stoff für das Theaterstück. Abseits verhandelten die poetischen Brüder; jedem schwebten dramatische Szenen vor, unter Geschrei dichteten sie aufeinander los, fuchtelten mit den Armen und spendeten sich gegenseitig Beifall! „Also, wir sind schon fertig!“ Julius machte eine zappelige Verbeugung, wie ein Herold hob er die Hand: „Hohe Herrschaften — zur Aufführung chelangt: Der Verbrecher oder der Staat in Verlechenheit — eine Kartoffelkomödie nach einer wahren Bechebenheit. Und hiermit bechinnt die Renaissance unseres alten deutschen Puppenspiels und so weiter. Schon die Kartoffel natürlich ist ein Zeichen für den vaterländischen Cheist, wir Preußen und so weiter ... Doch ich soll die Rollen bestimmen. Also Personen zum Beispiel: Chlodwig der Dreiundvierzigste, Fürst zu Leuchtenfels-Bücklingsburg ältere Linie. Sein Hofprediger, Cheneral, der Cherichtspräsident — endlich die Hauptperson Kasper, das ist der Verbrecher, zuvor ehrsamer Schuster und so weiter im Residenzstädtchen. Um das weibliche Element nicht chänzlich zu vernachlässigen, wollen wir seine Frau Rike anbringen und ihre Nebenbuhlerin, die fürstliche Köchin. Neben dem Büttel dürfen Tod und Teufel nicht fehlen und so weiter — das heißt natürlich der Liebe Chott ... Den Lieben Chott bringt schon Choete auf die Bühne, unsre Polizei freilich erlaubt es immer noch nicht, und so weiter.“ — „Bravo, bravo!“ klatschte Bartels, und Benno lächelte anerkennend: „Sache! Da haben wir endlich was Präzises! Na und jetzt wollen wir die Masken aussuchen. Die dickste Kartoffel hier mit den listig verkniffenen Äugelchen ist Kasper — seht mal den herauswachsenden Keim, das gibt die Nase.“ — „Und hier“ — ich zeigte eine verschrumpfte Kartoffel — „haben wir den Hofprediger, er bekommt einen schwarzen Talar mit Bäffchen aus Papier.“ Einem Schafsgesicht gab Heinrich Hart die Serenissimus-Rolle; das Fürstenkostüm sollte blaue Seide sein, mit einem Cotillon-Stern. Aus rotem Tuch der Teufelsmantel, aus Linnen die Kutte für den Tod. Als glotzende, weißfunkelnde Augen waren Perlen und Knöpfchen in die Kartoffeln eingedrückt. Für Bärte und Haare gab’s Watte und Werg.

Minder nett als diese Vorbereitung war die Aufführung am Nachmittag. Die Wohnstube überfüllt, das Nebenzimmer von den Puppenspielern besetzt. Als die Kinder wispernd durch den Türspalt lugten, wurde streng abgeschlossen, und die Neugier stieg zum Siedegrade. Wie ein Puck fuhr die kleine Freia herum, und Fritzchen Gröbers, dessen blaue Augen unter den langen Wimpern sonst träumerisch blickten, wurde auf einmal borstig vor Ungeduld, so daß seine Mutter Mühe hatte, ihn zu beschwichtigen.

Nun klapperten Tassen, Frau Bartels spendete Kaffee aus riesiger Familienkanne, und die blumenhafte Frau Martha knixte mit einer Schüssel Streuselkuchen. Schwatzend und lachend standen wir Männer beisammen, und als die Korona durch den Kreispfiffikus vervollständigt wurde, grüßte ihn Bölsche, zugleich auf mich, den Freigelassenen, deutend: „Da wäre nun der alte Kreis wieder mal voll.“ Prompt erfolgte der Kalauer: „Ein alter Greis, nun ja, das bin ich — aber schon wieder mal voll? Wovon? möcht ich wissen! Allenfalls würde das Wort auf mich passen: wessen das Herz voll ... Jedenfalls ist mein Herz voll Freude über die Enthaftung unseres liebwerten Verbrechers. Habe schon gehört, wie die Haupt- und Staatsaktion verlaufen ist — das is nu wirklich ne Kartoffelkommödie! Urlaub auf unbestimmte Zeit! Famos jesagt! Diese unbestimmte Zeit, das is die Zeit ohne Grenzen. Ein Philosoph nennt sie die falsche Unendlichkeit. Aber die Unendlichkeit dieses Urlaubs, die is echt! Und wenn ich längst Asche geworden, unser Häftling hat immer noch Urlaub. Wetten daß?“

Die Tür wurde aufgerissen, und Julius Hart lud marktschreierisch zum Theater ein. Lärmend hasteten die Kinder nach den vordersten Stühlen. Die Puppenbühne war simpel: eine Schranke, mit einem Teppich überdeckt, kulissenartig hängende Gardinen. Von einer Radlerlaterne grell beleuchtet, schmauste der Hofprediger eine Gans und sang:

„O Chott! wie ist die Welt so schön,

Wenn man chesunde Chlieder hat!“

Auf einmal kommt Serenissimus, um sich zu erkundigen, ob es wahr sei, daß die Zahl seiner Untertanen über Nacht von 319 auf 321 emporgeschnellt sei, daß nämlich Kasper, der Schuster drüben, zur Taufe Zwillinge angemeldet habe. „Zur Taufe?“ entgegnet der Hofprediger — „der Kasper läßt seine Kinder nicht taufen — der chlaubt an keinen Chott und keinen Teufel.“ — „Ich bin sehr unchnädig!“ schnauzt Serenissimus, — „der Hofprediger hat dem Volke die Relichon zu erhalten, dafür wird er bezahlt. Bring er dem Kasper allen nötigen Chlauben bei! Sochleich! In meiner Chechenwart!“ Kasper wird zitiert, während Serenissimus im Versteck lauscht. Der Hofprediger will den Lieben Gott leibhaftig zeigen und kommt vermummt, mit weißem Bart, im himmelblauen Talar. Da Kasper nicht glauben will, daß der Liebe Gott eine Visage wie der Hofprediger habe, droht dieser, er werde jetzt den Teufel holen. Wie der Rotmantel mit den Glotzaugen, der blutigen Zunge und den Hörnern erscheint, haut ihn Kasper mit seiner Pritsche tot. Als Mörder des Hofpredigers, der ja in der Verkleidung steckte, wird er nun zum Tode durch das Beil verurteilt.

Im folgenden Akt stellt sich heraus, daß die Regierung eine Sache übernommen hat, der sie nicht gewachsen ist. Man hat keinen Scharfrichter, der ist zu kostspielig. Ein Fallbeil aber auch nicht billig. Von den 25 Soldaten, die dem Landesherrn dienen, will keiner den Scharfrichter machen — Menschen zu morden, sei nur dann ehrenhaft, wenn es massenhaft und gegenseitig geschehe. Da der Verbrecher also nicht hingerichtet werden kann, so muß man ihn gefangen halten. Aber Wärter und Verpflegung wollen bezahlt sein. Der Rat des pfiffigen Ministers, den Wärter abzuschaffen und das Gefängnis offen zu lassen, damit der Verbrecher Gelegenheit zur Flucht habe, bewährt sich nicht; der Verbrecher spaziert zwar vergnügt herum, kehrt aber abends in seine Zelle heim und verlangt die ihm zukommende Verpflegung. Um wenigstens eine besondere Gefängnisküche zu sparen, stellt man dem Verbrecher anheim, sich seine Kost aus der Schloßküche zu holen. Da er jetzt auch noch mit der fürstlichen Köchin anbändelt, muß man endlich ein Mittel finden, ihn los zu werden. Umsonst reizt ihn Serenissimus zur Auswanderung nach dem freien Amerika — das fidele Gefängnis paßt ihm besser. Schließlich einigt man sich dahin, Kaspar solle Urlaub auf unbestimmte Zeit kriegen und ein Jahresgehalt. Ein Stündchen vor der Residenz, verlebt er den glücklichen Rest seiner Tage als pensionierter Verbrecher.

Vom Kunstgenuß mußten sich die Männer beim Glase Bier erholen. Alles prostete mir zu, und Bölsche knüpfte an das Lied an, mit dem die Komödie geschlossen hatte: „Kann’s was Schönres geben, als Gefängnisleben?“ Stimmt schon! Auch an Bruno erfüllt sich dies Wort. Denn schlich ein Besucher scheu um das Verließ zum Preußischen Adler, um Kunde zu erhaschen vom armen Dulder, so kam Frau Bolle in weißer Schürze und meinte schnippisch: „Der Herr Gefangene ist nicht zu sprechen — er sucht im Walde Pilze — der Herr Gefangene geruht mit Onkel Pofke auf dem See zu gondeln — mit berühmten Ausländern kneipt er im Waldhaus — wird von seiner Frau gebadet — Gefängnisschlüssel ist verlegt. Das war auch ne Kartoffelkomödie!“ — „Ach ja!“ seufzte ich — „wir necken — und es stimmt ja auch, was mich betrifft. Aber die wirklich armen Gefangenen! Vielleicht, daß König Lear glücklich nach Bielefeld gelangt ist. Aber die anderen, die Tausende und Abertausende hinter Schloß und Riegel, mag man sie arbeitsscheu nennen oder Verbrecher. Verbrecher? ja was heißt denn das? was ist denn das für’n Tier? Ein Verbrecher ist entweder wie wir alle, bloß daß er Pech hat — oder er ist ein Abenteurer: für das Außergewöhnliche veranlagt — oder endlich er gehört zu den Verkümmerten. Was diese betrifft, so ist es unsinnig, sie im Gefängnis vollends verkümmern und versauern zu lassen. Wird etwa ein Gewächs, das auf schattigem, magerem Boden dahinsiecht, im finstern Keller was Besseres? Doch freilich, wer die Sünde für Teufelsbrut hält —! Sie ist eine irre Kraft und kann, richtig gelenkt, Tüchtiges schaffen. Immer aus dem Lebendigen heraus soll man den Menschen bilden, Gefühle nicht unterdrücken, sondern erlösen, alle Kräfte zur Fruchtbarkeit lenken, nicht ängstlich hemmen — gestaute Fluten brechen den Damm. Wann endlich wird die Menschheit einen Aberglauben verabschieden, der ein Seitenstück ist zum Glauben an Sankt Satans Bratspieß? Ich meine den Glauben ans Gefängnis!“ — „Kurz, der pensionierte Verbrecher ist nicht bloß lustig, sondern auch lehrreich“, scherzte der Kreispfiffikus; „liquidieren Se man, nach Kaspers Muster, Verpflegungskosten für die Zeit Ihres Urlaubs!“

Die Kinder mußten jetzt nach Haus. Frau Gröbers, deren Mann verreist war, meinte, sie finde sich mit ihrem Fritzchen allein nach Haus, nahm aber meine Begleitung an. Bölsche, der frische Luft schnappen wollte, ging auch mit. Den Knaben, dessen Flachshaar unter der Pelzkappe hervorwallte, hielt ich an seinem kleinen Fausthandschuh; so gingen wir durch die Winternacht und plauderten über die Kartoffelkomödie. „Nächstens zeig ich dir, wie man Kartoffeltheater macht!“ — „Au ja! Mutti hat viele Tartoffeln.“ — „Glaubs schon! Aber nu sieh mal, Fritzchen, oben die Sterne!“ Einen versonnenen Blick warf er nach oben: „Die Sterne sind wie Tartoffeln — machen sie denn auch Tartoffeltheater? Was spielen sie denn?“ — „Schwer zu sagen — da kann man nur raten!“ — „Rate doch mal, Ontel!“ Hier ließ das Kind merken, daß es von seinem philosophischen Vater was wegbekommen hatte. Das Geplauder war zu Ende, da wir in der Seestraße Halt machten. „Nun bedanke Dich bei den Onkels!“ sagte Fritzchens Mutter.

Als wir uns verabschiedet hatten, schlug ich Bölsche vor, noch die paar Schritte bis zum waldigen Müggelufer zu tun; dann standen wir auf abfallender Sanddüne am zugefrorenen See. Da lag der märkische Nöck in der Haft des Eises. Im blanken Kristall spiegelten sich die wimmelnden Sterne. Hin und wieder ging ein Stöhnen ruckartig über die weite Fläche, ähnlich dem dumpfen Brüllen eines Stiers — es wallte die gebändigte Flut, die Kruste bog sich und brach in langen Rissen.

Wir schwiegen, erschauernd vor dem geheimnisvollen Leben im Busen der Erde und droben im Sternenmeer. Und ich raunte: „Was die Sterne spielen, wollte Fritzchen wissen — ob sie ein Kartoffeltheater sind.“ — „Kindermund, Kindermund!“ scherzte Bölsche — „mit den Sternen spielt der Liebe Gott Kartoffeltheater — dann wirft er sie in die Rumpelkiste, und die Komödie ist ex!“ — Mir ging das Herz auf: „Wir sprachen neulich vom Traum des Gefangenen. Sich ins Geheimnis zu betten, ihm zu trauen, das ist sein heiligster Traum. Und dessen großartigstes Bild der Sternenhimmel. Manchmal durchschauert mich die Bedeutung der Sterne — ich fühle mich versinken in seligen Tod, abgestorben aller Enge, aller Unrast, geborgen im Schoße des Friedens. Die Sterne sind ein wundervolles Orgelspiel. Keine Kartoffelkomödie. Sie sind Zeugen einer unbegrenzten Möglichkeit. Wie Kolumbus möcht ich fahren zur Neuen Welt. Die alte paßt mir nicht mehr recht. Ist mir zu eng, ein richtiges Gefängnis — eine Schildbürgerei und Kartoffelkomödie, aus der ich mal beurlaubt werden möchte — auf unbegrenzte Zeit.“ — „Ach ja!“ seufzte Bölsche — „wer in unserer Lebensenge nicht verkommen ist, spürt dies Heimweh nach dem Sternenfrieden. Doch spürt man auch immer wieder, daß man ein Kind der Erde bleibt, gefesselt mit Ketten — oder mit Rosenketten. Wir Schwärmer alle sind Häftlinge auf Urlaub, sind wie der Kartoffelkasper pensionierte Verbrecher. Auf denn, mit guter Laune! Kann’s was Schönres geben als Gefängnisleben? Wenigstens Schilda hat seine fidelen Molligkeiten ... Hier draußen im Weltall wird’s unwirtlich. Unsere Kerkergenossen haben was von Glühwein gemunkelt — dicht gedränget Mann und Weib, wärmen sie mit Punsch den Leib.“ — „Ach ja!“ seufzte ich — „der Frost beginnt mir die Ohren wegzuschneiden.“ — „Ha, mit einmal sehnst du dich nach deiner warmen Kerkerklause ... O Fauste, wo blieb deine Sternenmystik? Kehre zurück zu Bollen, es ist alles vergeben! Die Wunden der Knechtschaft schmerzen nicht wie diese Hundekälte. Waren nur leichte Dornenrisse — von den Rosenketten des Preußischen Adlers. Schon vernarben sie — schon liegen die paar Gefängnismonde verklärt in deiner Seele ... Es schwellen die Herzen, es blinket der Stern — gehabte Schmerzen, die hat man gern.“

Eugen Diederichs Verlag in Jena


Bruno Wille, Die Abendburg/Chronika eines Goldsuchers. 17. Taus. br. M 5.—, in Leinwand geb. M 6.50

Dies Werk krönten die Preisrichter (Paul Heyse, Rud. v. Gottschall, Gust. Falke, Rud. Greinz, Hans Land) mit dem Dreißigtausend-Mark-Preis, den Phil. Reclams Verlag für den besten deutschen Roman ausgeschrieben hatte.

Wilhelm Bölsche: Wer mit einem Herzen voll Sehnsucht, Liebe und Müdigkeit aus den Sturm der Welt in der Ebene unten heraufkommt auf die Vorhöhe des Riesengebirges und nun Tag um Tag diese ruhende Weite mit ihren unnahbaren Rauchsäulen erlebt, den muß dieser Anblick zuletzt mit einer schmerzlichen Süßigkeit erfüllen wie ein Symbol der ewigen Ferne selbst, des lieblich Unerreichten, von dem uns ewig tiefe, dunkle, wasserdurchrauschte Klüfte trennen in dieser Welt der Resignationen — und von dem doch ein milder Frieden uns anweht — der Frieden des Nichtbesitzes, aber der reinen, beseligenden, wunschlosen Schau. Diese Stimmung der läuternden Ferne ist es, mit der die Dichtung von der Abendburg ausklingt. Um ihre Wirkung, auf der zuletzt die höchste dichterische Bedeutung des Werkes beruht, in ganzer Kraft herauszubringen, bedurfte sie eines dunkelsten Kontrastes. Eine Nacht mit roten Flammen mußte da unten durch den Talgrund geschritten sein, um verständlich zu machen, daß zwei leidenschaftlich brennende Seelen zuletzt nichts mehr suchten als den Frieden solcher im Duft vergehenden Sonnenferne. Vor des Dichters Auge zogen die Motive des Dreißigjährigen Krieges vorüber. Jagd nach vergänglichem Glück, nach Gold, verirrter Glaube, der im vermeintlichen Kampf um das Höchste unschuldige Menschen unter dem Zusammenbruch brennender Kirchen begrub. Oben in den Einsamkeiten des Riesengebirges war aber ein uraltes Goldland so gut wie ein Zauber- und Geheimglaubensland. Hier fanden sich noch die rätselhaften Walenzeichen, auf Geheimsprachen fremder, italienischer Goldsucher gedeutet. Eine Felsengruppe bezeichnet der Volksmund als die „Abendburg“. Natürlich ist sie ihm ein verzaubertes Schloß. Unermeßliche Schätze eines Sagenkönigs ruhen in ihrem Grunde. Ein Schatz, in die Hand eines Goldsuchers gegeben, eine Trutzburg, aufgebaut hier oben im freien Gebirge, — das waren Motive, die dem Dichter aufsteigen mußten, wenn er einsam im hohen Heidelbeerkraut unter diesen Zyklopenmauern saß. Das Gold war es nicht, was erlöste, auch wenn es wie ein Wunder aus der Erde quoll. Der Glaube war es nicht, einerlei ob Kirchenglaube oder uralter, neu erweckter Naturglaube, wenn er zu Fanatismus wurde und die Liebe immer wieder kreuzigte. Und dann der höchste Einschlag: wie zwei Menschenseelen, die sich aus all diesen Grauen und Enttäuschungen endlich, endlich herausgerungen, sich selber befreit haben von allem Rauch und aller verheerenden Glut des finsteren Tales — wie diese Menschen doch die Schuld der Welt selber noch darin ganz zuletzt wie eine Erbsünde abbüßen müssen, daß auch ihnen beiden nicht das Glück wenigstens der letzten irdischen Vereinigung nach unendlicher Pilgerfahrt wird.

Eugen Diederichs Verlag in Jena


Bruno Wille, Offenbarungen des Wacholderbaums. Roman eines Allsehers. Fünftes Tausend. Zwei Bände. br. M 8.—, geb. M 10.—.

Kunst, Philosophie, Naturwissenschaft und Religion schließt dies Buch zu einer harmonischen Weltanschauung in Romanform zusammen.

Friedrich Paulsen: Es ist ein eigenartiges, man wird sagen dürfen einzigartiges Buch, Roman, Lebenserinnerungen, philosophische Dialoge, spekulative Reflexionen, Traumbilder, endlich Gedichte, Gedichte von wunderbarer Stimmungskraft und Gewalt der Sprache, alles dies ist hier zu einem erstaunlichen Ganzen verwoben. Th. Storm hat nicht mit größerer Sicherheit und Kraft den Leser die Enthüllung eines furchtbaren Geheimnisses vom ersten Aufdämmern bis zur vollendeten Gewißheit miterleben lassen, als es hier geschieht. Und ein anderes erinnert mich an den Dichter meiner Heimat: die vollendete Meisterschaft, womit Natur, Boden und Menschenschicksal zur Einheit verflochten sind. Der Boden, auf dem diese Geschichte spielt, ist die Mark; die schwermütige Seele der märkischen Landschaft, die Einsamkeit und Stille von See und Wald, von Heide und Moor, von Sumpf und Fließ, sie ist nie so rein in poetisch-musikalische Stimmung umgesetzt als in diesen Schilderungen und Gedichten.


Bruno Wille, Der heilige Hain. Gedichte br. M 3.—, geb. M 4.50

Julius Hart: „Der heilige Hain“ heißt der Band der Gedichte, in dem Bruno Wille die ganze Ernte seines lyrischen Schaffens darbietet. In voller herbstlicher Reife, mit Früchten behangen, steht der Baum einer Dichtung vor uns. Alles, was der Künstler und Mensch besitzt und uns geben kann, gibt er uns auch in diesem Buche: die Quintessenz seiner Persönlichkeit, seinen Lebensgrund und sein Lebensgrundwerk. Und mit höchstem Rechte redet er vom heiligen Hain. Kein anderes Titelwort gebührt dem Buche so sehr wie dieses. Die Willesche Dichtung, ein Hirten- und ein Schalmeiengesang, eine aus dem tiefsten Naturgefühl und Naturbewußtsein hervorgeholte echt-arkadische Weise, schwärmerischer und naiv-sentimentaler Ausdruck des polytheistischen Pantheismus, der den Anfang und den Urgrund aller unserer Religionen ist, mit dem der Mensch religionschöpfend auftrat — diese Willesche Kunst ist ein einziges großes Gedicht auf jene älteste Welt, in der alle Dinge beseelt sind. Sie ist durch und durch Naturmythik, der mythologische Ausdruck, wie er eine Rigveda-, eine skaldische Poesie beherrscht.