So leb denn wohl

Der Sonntag vor Weihnachten, der sogenannte „goldene“ war da, und Anton Bolle hatte soeben meine Post gebracht, als mir darunter ein Schreiben mit dem Amtssiegel des Provinzial-Schulkollegiums auffiel. „Anton, warte einen Augenblick!“ Ich öffnete das Schreiben und las die Worte: „Ihrem Antrag vom zwölften Dezember entsprechend, beurlauben wir Sie hiermit aus der Haft auf unbestimmte Zeit.“

Schrumm, da war die Bescherung! Der Lizentiat, dieser Pfiffikus, hatte also doch recht! Und der Teelöffel, der meinen Mißmut geheilt, hatte dazu beigetragen, daß ich mich zum Urlaubsgesuch entschloß.

„Anton, bring’ doch wieder mal ein Briefchen nach der Kastanienallee! Hast du Zeit? — Schön, Junge — und diesmal bekommst du Zwei gute ... will sagen: eine ganze Mark; gib sie dem Weihnachtsmann als Trinkgeld, wenn er dir nächstens was beschert.“ — Lebhaft ging Anton hierauf ein, und während er sich des Näheren über seine Wünsche ausließ, schrieb ich an meine Frau: „Komm sofort mit Frau Pape! Und sie soll den Handwagen mitbringen. Hammer und Zange nicht vergessen. Habe Urlaub, ziehe sofort aus.“

Als Anton weg war und ich vom neuen Standpunkt meines Schicksals das alte Gefängnis betrachtete, wurde ich wieder an Robinson erinnert. Jetzt an den Robinson, der seine wilde Insel verlassen und zurückkehren soll in die zivilisierte Welt. Wehmütig musterte ich meine Klause. Nicht wenig Glück hatte ich hier verlebt, stilles Einsiedlerglück, gelegentlich auch Freude der Geselligkeit. Würde ich mich jemals wieder so geborgen fühlen wie in dieser Zigarrenkiste? Gelindes Zagen wandelte mich an, ein Zagen vor der Weite und Freiheit, in die ich hinaus sollte. Und ich begriff, daß entlaufene Mönche Heimweh nach dem Kloster kriegen.

Ich erwachte aus meiner Träumerei, als Bolle zu mir eintrat — er war in Helm und vollem Sonntagswichs. „Een prachtvollet Wintawetta, Herr Dokta, klare Kälte — un der See is schon feste zu — heite könnten ma mit Sejelschlitten bis Rahnsdorf fahren — vorausgesetzt, det Se mir zur Ibawachung ieberhaupt noch beneetigjen — denn, Herr Dokta, ick soll Sie amtlich ereffnen: wenn Se artig sinn, denn kennen Se heite entlassen wer’n aus Ihr Jefängnis.“ — „Wenn ich artig bin? wieso?“ — „Ick meene, wenn Se nischt in de Presse bringen ieba det hiesige Jefängniswesen.“ — „Und mit welchem Recht stellen Sie diese Bedingung? Haben Sie Auftrag dazu vom Amtsvorsteher?“ — Ausweichend kam die Antwort: „Uff Ihre Dankbarkeit ham wir doch so’n bisken Anspruch, un Se werden Bollen doch nich schlecht machen?“ — „Schlecht machen? Wie sollte ich dazu kommen? Und wenn ich mal ein Buch über mein Gefängnis schreibe ...“ — „Au Backe! Möchten Se Bolles ehrlichen Namen in Deitschland berichticht machen?“ — „Funkeln soll er als einer der blanksten Knöpfe an der Uniformschaft unseres Musterstaates. Wenn Sie aber so bescheiden sind, daß ihr Name verschwiegen bleiben soll, — na, das Papier ist ja geduldig, ich könnte Ihnen allenfalls eine Flebbe andichten, daß Sie kein Mensch erkennt. Vielleicht mache ich aus dem wohlbeleibten, von Gesundheit strahlenden Manne, der Sie sind, einen graubärtigen Veteranen und nenne ihn Proppen — oder wie wollen Sie heißen?“ — Bolle blickte schief: „Haste Worte?“ — „Na sehn Sie! das würde Ihnen nicht passen! Kein Mensch möchte anders sein, als er ist; im stillen ist jeder in seine Haut, seine Ichzelle, verliebt. Nichts für ungut, Bolle! Sei’n Se kein Philister, haben Se’n bischen Humor!“

In seiner Sonntagsuniform mit dem blanken Helm reckte sich Bolle und suchte zu lächeln: „Ick sammle feirije Kohlen uff det Haupt des preißischen Beamtenspöttas. Denn kurz heraus jesaacht, ick entlasse Ihnen hiermit aus Ihre Haft, Se sind frei! in diesen Momang!“ Er schien auf freudige Bestürzung gerechnet zu haben, doch ich erwiderte mit kühlem Lächeln: „Weiß schon! Vor einer halben Stunde erhielt ich diesen Brief des Provinzial-Schulkollegiums. Drin steht nun freilich nichts von jener Bedingung, an die Sie meine Enthaftung knüpfen möchten — sondern rundweg habe ich Urlaub, und zwar auf unbestimmte Zeit!“ Bolle horchte auf und sah mich warnend an: „Da haben Se’t ja! Uff unbestimmte Zeit! Det heeßt mit andre Worte: Wenn Se sich beikommen lassen, Amtspersonen un det hiesige Jefängniswesen schlecht zu machen, so sagen Ihre provinzialen Kollejen eenfach: nu hat et jeschnappt, aus is der Urlaub, un nu, Doktachen, spazieren Se man wieda zu Bollen!“ — „Hm, meinen Sie wirklich? Na, wissen Sie, dann kehre ich fidel zu Ihnen zurück. Ein Feigenblatt soll ich mir vor den Mund kleben? Lieber bleibe ich gleich hier. Was meinen Sie? Soll ich Frau Papen, die mit ihrem Wagen meine Einrichtung holt — da ist sie schon — unverrichteter Sache wieder zurückschicken?“ — „Au Backe! Lieber nich!“

Durchs Gitterfenster beobachteten wir Frau Pape. Wie am Tage meiner Inhaftierung tat sie an der Bretterplanke, die den Gefängnishof nach der Straße absperrte, den inneren Riegel weg und öffnete die breite Pforte — genau wie vor Wochen — nur daß sie diesmal mit leerem Wagen kam und die damaligen Verrichtungen gewissenmaßen umgekehrt zu erfüllen hatte. So war’s denn auch zu erklären, daß ihr gedrücktes Wesen von damals in Munterkeit verwandelt war, und daß meine Frau, die jetzt ebenfalls den Hof betrat, mit stürmischer Freude mir zuwinkte. „Sehen Sie, Bolle, es geht alles vorüber — und nun, Herr Schwarzseher, mischen Sie keine Unkenrufe in diesen Jubel! Meine provinzialen Kollegen — wie Sie se nennen — sind ja froh, daß se mich los werden. Und Sie, Bolle, sind es auch.“

Nicht ohne Rührung schüttelte mir Bolle die Hand: „Nu jehn Se man! Mit Jott! Un den Umzuch will ick alleene besorjen. Mit Jott!“ Mir blieb nichts übrig, als Herrn Bolle und seiner Familie, sowie dem Onkel, herzlich zu danken.

„So leb denn wohl, du stilles Haus!

Wir zieh’n betrübt von dir hinaus ...“