Milderung des Sittenklimas

Als jemand den wohltätigen Einfluß der christlichen Mission auf die Wilden pries, wandte ein Zweifler ein: „Fressen sie denn keine Menschen mehr?“ — „Das freilich noch immer, aber schon mit Messer und Gabel.“

In der Tat, mit der Zivilisation ist es vorwärts gegangen — nur darf man fragen: in welcher Hinsicht vorwärts? Nach der Meinung eines Geschichtsphilosophen beschränken sich die Fortschritte auf das intellektuelle Gebiet, während die Sittlichkeit seit Jahrhunderten kaum besser geworden sei. Was mich betrifft, so bin ich versucht, die These umzukehren und — wenigstens als Chronist gut preußischer Verhältnisse — zu bezeugen, daß in unserm braven Staate die Sitten angenehmer geworden sind, während die Geistreichigkeit noch viel zu wünschen übrig läßt.

Was ich meine, zeigt das Beispiel der Ketzergerichte — wenn wir die einstigen vergleichen mit denen von jetzt. Anno eintausendsechshundert wurde auf dem Blumenmarkte zu Rom der freie Denker Giordano Bruno bei lebendigem Leibe geröstet. Der versammelten Christenheit sollte erbaulich zu Gemüte geführt werden, wie es schon auf Erden und vollends im Jenseits einem Ungläubigen ergehe. Die Ketzergerichte von heute zeigen einen entschiedenen Fortschritt — das moderne Sittenklima ist nicht mehr so hitzig wie zur Zeit der Scheiterhaufen. Wenigstens muß ich dem Strafgericht, das ich in Friedrichshagen erlebte, geradezu liebenswürdige Formen nachrühmen.

Nicht brachen in der Kastanienallee nachts gewappnete Schergen ein, mich jäh in Ketten zu werfen, wie weiland den Giordano Bruno — sondern es klingelte bescheiden, dann erschien grüßend ein wehrloser Uniformbeamter, dem eine Brieftasche umgeschnallt war. Er zückte kein Schwert, bloß ein unschuldiges Papier, und höflich bat er mich, durch einen Zug seines Tintenstiftes den Empfang zu bescheinigen.

Nachdem ich den harmlosen Wunsch erfüllt, besah ich mir das Schreiben. Wie ein blaues Auge blickte das bekannte Siegel: der Adler mit der Umschrift „Königliches Provinzial-Schulkollegium“. Ein sanfter Vorwurf sprach daraus, und schon schlug mir das Gewissen. Oh freilich, ich hatte die Schulbehörde, hatte den hohen Minister der Unterrichts-, geistlichen und Medizinal-Angelegenheiten durch bockenden Ungehorsam gekränkt. Freireligiösen Unterricht hatte ich erteilt, wohl mindestens ein dutzendmal. Kein Wunder, daß nun die Vergeltung anhub. In der Tat, da stand es schwarz auf weiß, in preußischer Kanzleischrift: „Nach Auskunft des Königlichen Polizeipräsidiums haben Sie in einer Reihe von Fällen Unterricht an Kinder von Mitgliedern der hiesigen Freireligiösen Gemeinde erteilt ...“ Die Einzelheiten der Verfügung sind nicht weiter bemerkenswert — bis auf die Kostenrechnung: Achtmal freireligiösen Unterricht — mehr war einstweilen nicht angekreidet — und jeder einzelne Fall kostete einhundert Mark. Summa: achthundert Mark.

Hm ja! War das nun eigentlich teuer? oder war’s billig? Da ich genau dreihundertvierunddreißig freireligiöse Zöglinge hatte, so war die Unterrichtsstunde für das einzelne Kind mit dreißig Pfennigen berechnet. Man könnte diese Einschätzung einigermaßen hoch finden und darüber erstaunt sein, daß für die preußische Obrigkeit die freireligiöse Lehre derart in die Wagschale fiel. Bedenkt man aber, daß die Unterrichtsstunde sechzig Minuten hat, und daß ich allenfalls die Fixigkeit besaß, den Kindern mindestens eine freie Idee in der Minute zu versetzen, so stellte sich nach Adam Riese der Preis für eine Idee genau auf einen halben Pfennig pro Kopf. Das war denn eine Idee allenfalls schon wert ... Beiläufig: das Volk der Dichter und Denker scheint, trotz seiner Festredner auf Kant, Schiller und Goethe, die Idee für ein unsolides Spinnefädchen oder Sonnenstäubchen zu halten. Etwas Winziges, z. B. ein paar Körnlein Zucker oder Salz, nennt man in Preußisch-Schilda eine „Idee“.

Ich überlegte, wie sich die dreißig Pfennig pro sechzig Ideen in der angenehmsten Form zusammenbringen ließen. Zum Beispiel so: Jedes Kind erhält, wenn es zur freireligiösen Stunde kommen will, von der Mutter einen Groschen in Papier eingewickelt. Der zweite Groschen wird den Zinsen des freireligiösen Gemeindevermögens entnommen, so daß hieraus jährlich eintausendfünfhundert Mark aufzubringen wären. Den dritten Groschen zahl ich selber; meine Feder wird schon so ergiebig sein, daß ich mir den Luxus gestatten kann, freireligiösen Unterricht zu erteilen.

Aber wo bin ich Träumer? Habe ich das Geld etwa schon in der Tasche? Achthundert Mark verlangt die Behörde, und eine kurze Frist ist mir gestellt. Hm ja! Doch was geht mich überhaupt die Frist an! Und wozu die Träumerei vom Zahlungsmodus! Bin ich denn nicht entschlossen, unter keinen Umständen zu berappen? Na also! Und was dann? Ein Blick ins Schreiben der Behörde bestätigte, was dann zu gewärtigen: „Im Unvermögensfalle“, wenn also das Geld von mir nicht einzutreiben ist, soll für je hundert Mark eine Haftstrafe von zehn Tagen eintreten. Das wären achtzig Tage hinter Schloß und Riegel — zunächst mal! Und wenn ich fortfahre, zu sündigen, brumme ich mir mit jedem Einzelfalle weitere zehn Tage auf. Das gemahnt nun wirklich ein wenig an den alten Inquisitionskerker.

Aber nicht doch! Der Fortschritt in den Sitten ist unverkennbar: Wie human gestaltet sich die Haft eines modernen Ketzers! Was mich betrifft, so muß mir erstens Selbstbeschäftigung vergönnt sein, zweitens ein gewisses Maß von Spazierengehen, drittens Besuchempfangen — und so weiter. Kurz, ich werde ein beneidenswert geregeltes Leben führen, kann ohne Störung nach Herzenslust sinnieren, lesen und schreiben — und das alles auf Staatskosten! Muß man mir doch freie Station und Kost gewähren, Heizung, Bedienung, unter Umständen sogar ärztliche Behandlung.

Als Sokrates angeklagt war, die Jugend zum Unglauben verführt zu haben, meinte er in seiner Verteidigungsrede naiv, eigentlich verdiene er, öffentlich im Rathause gespeist zu werden. Sollte der stolze Traum dieses Ketzers von Athen nunmehr zu Fritzenwalde in Erfüllung gehn? Ei ja! Und da zweifelt jemand am Fortschritt der Sitten? Solch eine Haftstrafe bedeutet geradezu eine Sinekure, ähnlich dem behaglichen Dasein in einem wohltätigen Altersheim. Wunderschön wird in der stillen Zelle meine Schriftstellerei vonstatten gehn.

Was den freireligiösen Unterricht betrifft, so kann ich ihn ja während der Pausen meiner Haft erteilen — und dabei mein Leben in beneidenswert idealer Weise gestalten. Etwa folgendermaßen: zunächst zehn Tage Haft, besser gesagt: Stiftler-Dasein. Dann geht’s auf vier Tage in die Welt — den ersten widme ich dem freireligiösen Unterricht; ferner habe ich drei Tage Ferien, kann mich meiner Frau widmen, kann die holden Einsamkeiten der Mark belauschen oder den Rucksack mal über den Kamm des Riesengebirgs schleppen. Durch den neuerteilten Unterricht habe ich für zehn weitere Tage Haft gesorgt und trete diese gern an. Nach ihrer „Verbüßung“, oder richtiger: nach ihrem Genuß, kehre ich abermals in die Welt zurück und — befolge dasselbe weise Programm. So fließen meine Tage dahin, in einem Turnus von vierzehn Tagen — ebenmäßig wie der wechselnde Mond, wie Ebbe und Flut, wie die Lebensmusik der Pythagoräer.