Die olle Konservenkiste
Ein Luftschloß vom idealen Sträflingsleben zerflatterte, als die Wirklichkeit rauh dazwischenfuhr. Wirbel entstehen, wo Bewegungen widereinander prallen. Es gibt Windhosen, Wasser- und Staubhosen. Man könnte sogar von „Ideenhosen“ sprechen, wo nämlich entgegengesetzte Ideen im Ringkampfe herumwirbeln. Auf der Bühne meines Innenlebens spielte sich ein Drama ab, das meine Ideenwelt heftig mit den obrigkeitlichen Verfügungen aneinander brachte: eine Ideenhose.
Träume sind nicht immer bloß Schäume. Ein Freund von mir hat mal gesagt, das verständige Denken gehöre zur Oberfläche des Menschen, der wertvolle Kern sei „der Weise im Innern“. Heimliche Weisheit waltet manchmal in Träumen, die der Verstand für albern hält. Hier solch ein Traum.
Doch ich muß zuerst berichten, unter welchen Umständen der Traum zustande kam. Nach dem Verbot meines freireligiösen Unterrichts wollte ich herausbringen, ob man gegen mich bloß deshalb vorgegangen war, weil ich eine vorgeschriebene Form nicht erfüllt, nämlich keine Unterrichtskonzession eingeholt hatte, oder ob das Kultusministerium diesen Umstand lediglich zum Vorwand nehme, um die freireligiöse Jugendunterweisung lahm zu legen. Zur Probe sollte meine nun regelrechte Bewerbung um einen Erlaubnisschein für philosophischen Vorbereitungsunterricht dienen. Ich wollte versuchen, ob ich freireligiöse Zöglinge in die Grundbegriffe einer Welt- und Lebensanschauung einführen dürfe. Da verweigerte mir das Provinzial-Schulkollegium die Erlaubnis zum Unterricht an jugendliche Personen überhaupt. Es heißt in dem neuen Ukas: „Nach der Staatsministerial-Instruktion vom 1. Dezember 1839 genügt die wissenschaftliche Befähigung allein nicht, um die Erlaubnis zur Erteilung von Privatunterricht zu erlangen. Vielmehr sollen Personen, bei denen in religiöser oder politischer Beziehung Bedenken vorliegen, vom Lehrstande ferngehalten werden. Da Sie, wie die bisher gepflogenen Verhandlungen und der von Ihnen in der Freireligiösen Gemeinde gehaltene, später im Druck erschienene Vortrag ‚Das Leben ohne Gott‘ ergeben, das Dasein Gottes leugnen, auch in politischer Beziehung sich zu derjenigen Partei halten, welche den Umsturz alles Bestehenden anstrebt, so können Sie als eine zum Unterricht jugendlicher Personen qualifizierte Persönlichkeit nicht angesehen werden.“
„Ne dolle Kiste!“ hatte bei unserer Beratung ein Freireligiöser gesagt, derselbe, den man wegen eines Vortrages von beißendem Witz den „Zehn Gebote-Hoffmann“ nennt. „So ’ne richtije olle Konservenkiste! Na jewiß doch! Ich meine so ’ne Kiste, wo die Herren von’ jrünen Tisch ihren Aktenplunder konservieren, damit er späteren Jeschlechtern die Lungen verstaubt.“ Nun hatte unser Rechtsanwalt das Wort ergriffen: „Was hilft all diese Rebellion des Herzens, wo es doch schließlich auf juristische Begriffe ankommt — vor allem auf den Standpunkt des Verwaltungsrichters! Na, und der ist kaum zweifelhaft — in der Zeit, wo nach dem Fall des Sozialistengesetzes die Stockkonservativen krampfhafte Versuche machen, den sogenannten Umsturz auf andere Weise niederzuringen, nämlich auf administrativem Wege, der ja in Preußen gangbar ist. Die öffentliche Entrüstung fürchtet man durchaus nicht — im Gegenteil, es gibt Leute, die möchten eine Revolte herausfordern und den Säbel mal tüchtig hauen lassen.“ — „Wenn sich der hauende Säbel bloß nicht verhaut!“ hatte Hoffmann bemerkt.
Und Friederici: „Na und? Wie wird nach Ihrer Meinung der Verwaltungsrichter entscheiden?“ — „Wird sich diplomatisch aus der Klemme winden. Wird sagen, er sei hier überhaupt nicht zuständig.“ — „Aber zum Kuckuck!“ polterte Friederici — „leben wir denn in Rußland, wo sich die Regierung herausnehmen darf, mißliebige Untertanen auf administrativem Wege zu bestrafen? Ohne daß der Richter angerufen werden kann, wie? Wir haben doch eine Verfassung!“ — „Das schon,“ erwiderte der Rechtsanwalt, „aber wir haben manche Lücke in der Verfassung. Weil noch kein eigentliches Schulgesetz vorhanden, sieht der Verwaltungsrichter für seine Entscheidung keine andere Rechtsgrundlage, als eine Reihe von uralten Kabinettsordern und Verfügungen preußischer Kultusminister. Das ist eben die Lücke ...“
„Ach so!“ meinte Adolf Hoffmann, „und für diese Lücke soll nu Wille büßen! Echt preußische Auslegung des Wortes Lückenbüßer!“ —
Als ich, von der freireligiösen Sitzung heimgekehrt, im Bette lag, gingen mir diese Gespräche durch den Kopf — wie im Wirbelwind Staub und Papierfetzen herumtanzen. Ich quälte mich mit Schlaflosigkeit — gesteigert wurde meine Unruhe noch durch die Aussicht, am nächsten Vormittage einer Theaterprobe beiwohnen zu sollen. Hierzu hatte ich eigentlich keine Zeit, jedenfalls keine Sammlung. Es handelte sich um ein Stück, das in der Volksbühne, die ich gegründet hatte und als Vorsitzender leitete, zur Aufführung gelangen sollte. Lag die Regie auch in den fähigen Händen Emil Lessings, so hatten es widrige Umstände gefügt, daß ich der Generalprobe mit Bedenken entgegensah. So hatten sich auch noch Theaterwirren in die Ideenhose gemischt. Ich schloß die Augen, um den Schlaf herbeizuzwingen, hörte aber die greisenhafte Stimme eines Papageis, der dummes Zeug schwatzte. Dann sagte meine Frau: „Der dumme Vogel will durchaus mit ins Theater. Nimm ihn in deiner Hutschachtel mit!“ — „Nicht in die Hutschachtel,“ protestierte der Vogel, „in den Souffleurkasten will Papchen.“ Die Worte genügten, um auf einmal die Szene zu verwandeln.
Ich saß im Souffleurkasten des Theaters, Papchen neben mir auf der Hutschachtel. Über die Bühne polterten Kulissenschieber, und da gingen Schauspieler in Unterhosen, vom Garderobenmeister hatten sie eben ihr Kostüm erhalten. „Wo ist denn bloß das Regiebuch?“ fragte ich beunruhigt. „Ich suche immerfort — weiß nicht mal, was für’n Stück gespielt wird.“ — „Die olle Konservenkiste wird gespielt,“ erwiderte Papchen. — „Da brauchen wir eine Kiste! Inspizient Lehmann! Die Kiste haben Sie bereit? Nun rasch eine Tafel zusammengebaut, grünes Tuch drüber! Der Kultusminister wird gleich erscheinen, hat mit seinen Räten eine Sitzung am grünen Tisch.“ Stutzig erwiderte der Inspizient: „Der Kultusminister? Er hat ja telephonisch abgesagt!“ — „Ei verflucht!“ plapperte Papchen. Unwirsch ich: „Ach was telephonisch! Hat er ein Zeugnis vom Theaterarzt? Keine Drückebergerei!“ — „Theaterarzt?“ Und der Inspizient schüttelte den Kopf: „Wissen Sie nicht aus der Zeitung, daß der Kultusminister den Kaiser nach Posen begleitet hat?“ — „Ganz egal!“ schnauzte ich. „Ich habe meine Zeit auch nicht gestohlen. Müßte eigentlich schlafen; — aber ich bin doch zur Stelle. Sagen Sie dem Kultusminister, es gibt Abzüge von seiner Gage. Ja, aber was fangen wir nun an? Wer soll die Sitzung am grünen Tisch leiten?“ Papchen wußte Rat: „Der Ministerialdirektor muß ihn vertreten.“ Blödsinn! Doch es schrillte die Glocke, das Spiel begann.
Um den grünen Tisch standen würdige Herren in etwas abgeschabten schwarzen Röcken. Sie hatten Glatzen oder graue Haare, vornehm rasierte Gesichter oder hochgesträubte Schnurrbärte, manche auch weiße Vollbärte. Die Gestalten waren teils behäbig, teils vertrocknet, teils lang, teils kurz und dick. Aus den zwanglosen Gruppen kam brockenweise ihr Geplauder. „Sein Burgunder delikat!“ — „Zum nächsten Kegelabend pünktlicher!“ Plötzlich rief einer: „Der Olle kommt!“ Und wie Schuljungen hasteten sie auf ihre Plätze. Frei blieben zwei Armsessel an den Kopfenden der Tafel. Durch die von Lakaien aufgerissene Tür traten zwei Herren. Eine spindeldürre Gardefigur in schwarzem Gehrock, Monokel ins knochige Gesicht geklemmt, Orden im Knopfloch. Mit gezierter Höflichkeit führte er seinen Begleiter zu einem der Armsessel und stellte ihn den Beamten vor, die sich ehrerbietig verneigten. „Der Herr Hofprediger gibt uns die Ehre, unserer Sitzung beizuwohnen. Seien Sie uns willkommen, Hochwürdigster, und geruhen Sie, Platz zu nehmen.“ Über des Hofpredigers Gesicht, das bis auf zwei Reste von Backenbart rasiert war, glitt ein stolzes Lächeln ...
Hier hielt ich es für angemessen, das Spiel zu unterbrechen: „Halt! Ihre Maske, Hofprediger, könnte feiner sein. Den Jesuitismus sollten Sie ein wenig mildern, dafür muß die Lutherpose deutlicher heraus. Bedenken Sie, daß Sie nicht bloß Hofprediger sind, sondern dabei auch Volksmann. Das Lächeln mehr gewinnend! Gut so! Weiter!“ — Wie nun die Beamtenschaft am grünen Tische die Ohren spitzte, sprach der Hofprediger, die Hände gefaltet: „Geliebte in Christoph Columbus! Stützen von Thron und Altar! Die alte Schlange, die schon im Paradies die Menschen verführte — sie erhebt wieder mal ihr Haupt, zischelt und speit Gift. Die Masse des Volkes soll unserer evangelischen Landeskirche abspenstig gemacht werden. Die roten Demagogen brauchen den Unglauben, um den Umsturz alles Bestehenden vorzubereiten. Unsern deutschen Michel, sonst ein leidlich folgsames Tier, reizen sie mit ihrem roten Lappen, daß er die Hörner senkt gegen die göttliche Weltordnung. Auf deren Trümmern möchten die Dämonen der Finsternis triumphieren. Das sind natürlich ...“ — „Vor allem die Juden,“ plapperte Papchen, und gereizt griff der Hofprediger das Wort auf: „Ja wohl, die stecken hinter jeder Rebellion! Auch hinter dem Getriebe, über das ich ein ernstes Wort mit Ihnen reden will — ich meine die Freireligiöse Gemeinde! Und das sage ich Ihnen, meine Herren, wenn Sie nicht energisch aufräumen mit diesem glaubenslosen Gesindel, dann sollen Sie mal sehen ...“ Ein Schlag mit der flachen Hand knallte auf den grünen Tisch, so daß der Ministerialdirektor drüben zusammenfuhr und seine Beamten in sich zusammenkrochen, wie wenn eine Schnecke einen Nasenstüber bekommt und die Fühlhörner einzieht. Grimmig nickend musterte der Hofprediger die Versammlung: „Sie schweigen? Antworten Sie klipp und klar: Warum geht der ketzerische Jugendunterricht ganz gemütlich weiter? Warum lassen Sie diesen frechen Bruno Wille nicht einfach durch den Schutzmann abführen, he? Polizei ist doch zum Zugreifen da! Der Minister soll einfach verfügen! Ihre Kanzlei muß doch eine Fundgrube sein für Verordnungen, die sich zu unsern Gunsten ausnutzen lassen! Ausgraben, ausgraben! Kabinettsbefehle, Ministerialerlasse, Instruktionen von Anno Toback. Wo haben Sie denn Ihre Kiste? Warum steht die fromme Kiste nicht auf dem Tisch, he?“
Auf ein Zeichen des bestürzten Ministerialdirektors hastet der Geheime expedierende Sekretär hinaus. Bittend lächelt der Ministerialdirektor: „Die Kiste war beim Faßbinder, ein paar eiserne Reifen mußten drum! Übrigens horch, man bringt sie schon! Platz in der Mitte, Platz für unsere altpreußische Regierungskiste!“ Und mit Gepolter geht die Tür auf — vier Leichendiener, umflorte Zylinder auf, schleppen auf einer Bahre die Kiste herbei. Wie sie auf dem grünen Tische steht, gleich einer Bundeslade, nähert sich mit der Ehrfurcht eines Altardieners der Geheime expedierende Sekretär, nimmt den Deckel behutsam ab und reicht ihn den Leichendienern. Nachdem er seinen Rock ausgezogen, krempelt er die Hemdsärmel auf und reckt hagere Arme wie eine Spinne. Die krallenartigen Finger sind mit Tinte befleckt. Eifrig greift er in die Kiste, daß Staub aufwirbelt. Schmunzelndes Nicken im Kreise der Bürokraten: „Alte feine Jahrgänge! Wie duften diese Weinchen! Je staubiger, desto adliger!“ Triumphierend hebt der Geheime expedierende Sekretär eine Urkunde heraus: „Allerhöchste Kabinettsordre vom 1. Dezember 1825!“ Alles blickt ehrerbietig. Der Ministerialdirektor: „Oha, wir haben noch ältere!“ Und der Sekretär setzt seine Wühlarbeit fort. Ein neues Dokument hält er: „Dienstinstruktion für die Provinzial-Schulkollegien vom 23. Oktober 1813 — und hier vom gleichen Tage die Geschäftsinstruktion für die Königlichen Regierungen. Noch weiter haben wir da eine gute alte Kabinettsordre vom Jahre 1808.“
„Gleich nach der Schlacht bei Jena war das also — wo Preußen seine Kloppe bekam, weil es aus der ollen Konservenkiste rejiert wurde.“ Ich kannte diese Stimme und war ebenso verblüfft wie die Beamtenschaft, als hinter den Leichendienern, die an der Türe harrten, in einer Gruppe von eingedrungenem Volk, Männern im Arbeitskittel, ärmlichen Frauen und Kindern, mein freireligiöser Gesinnungsgenosse Adolf Hoffmann stand. Er war’s, der die Worte gesprochen. Wie Stahl blitzten seine Blicke durch den Kneifer, die leicht ergrauende Mähne erinnerte an einen grimmen Löwen. „Zur Jeschäftsordnung!“ fährt er fort. „Hat denn nich der olle Fritze auch so’n biedern Erlaß herausjebracht? Ich meine, darin heißt es, jeder könne nach seiner Fasson selig werden. Aber den Herren vom jrünen Tisch paßt die Zeit um Jena rum besser. Daß unsere Obrigkeit auf Jahrgänge zurückjreift, die nich jrade jut beleumundet sind, ist ein Zeichen der Zeit.“ Empört eifert der lungenkräftige Hofprediger: „Was redet er von Zeichen der Zeit? Diese böse und verkehrte Art suchet ein Zeichen und soll ihr kein Zeichen gegeben werden, denn das Zeichen des Propheten Jona.“ Hohles Gelächter bei der Volksmenge, die sich durch Nachdrängende vergrößert. Und Hoffmann: „Er redet vom Propheten Jonas. Von dem berichtet die göttliche Offenbarung, er sei vom Walfisch verschlungen und nach drei Tagen lebendig ausgespien. Proste Mahlzeit! Da möcht ich mir mal die Frage erlauben, wie der Jonas denn eijentlich in den Bauch dieses Viechs jelangen konnte — da doch der Walfisch, wie jedes Kind in der Naturkunde lernt, eine auffallend enge Speiseröhre hat.“
Der Hofprediger, nicht ohne Verwirrung: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Übrigens gibt’s einen Fisch, dessen Schlund weit genug ist, einen Menschen hinunterzuschlucken. Der Fisch, der den Jonas verschlang, war ein Haifisch!“ — „Hoho!“ johlt die Menge, und Hoffmann triumphiert: „Haifisch! Na ich danke! Der Schlund des Haifisches is ja jespickt mit dolchscharfen Zähnen. Ehe da der arme Prophet hinunterrutschen konnte in den Haifischbauch, war er sicherlich Hackebraten!“ Hatten die Räte bisher wie versteinert gesessen, so sprangen sie jetzt auf, und aus ihrer brausenden Bewegung, die der Hofprediger mit fuchtelnden Armen noch wilder machte, kamen Rufe: „Staatsanwalt!“ — „Des bin ich Zeuge!“ rief der Hofprediger. „Dieser Aufwiegler hat Gott gelästert! Ich nehm’s auf meinen Diensteid!“ — „Diensteid?“ höhnte Hoffmann. „Hoho! Ich habe auch einen Diensteid geschworen. Der gilt dem Volke! So steht denn Eid gegen Eid. Mag nun der Herr Hofprediger geltend machen, sein Eid sei so gut wie mein Eid ...“ Wutschnaubend unterbrach ihn der andere: „Er hat gesagt Meineid!“ — „Ich sage sojar Jemeinheit!“ ruft Hoffmann unter lustigem Beifall. „Und wenn Sie jlauben, Sie werden im Zeichen der ollen Konservenkiste siegen, denn passen Se mal auf, wie wir Ihren verschluckten Propheten herausholen aus dem Walfischbauch!“ Und seinen Künstlerkopf mit dem grauen Henriquatre keck erhoben, die Rechte drohend geballt, stampft er und singt die Wallfahrerweise:
„O du pfi—pfi—pfi ...
O du pfiffiger Pfaff!
Deinen sau—sau—sau ...
Deinen sauberen Plan
Holt der hei—hei—hei ...
Holt der heilige Hai ...“
Im Takte trampelt dazu die Menge. Nun tritt Hoffmann, während die Beamten scheu zurückweichen, an ihre Bundeslade und hebt wie ein Beschwörer die Hände:
„Der Herr der Ratten und der Mäuse,
Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse,
Befiehlt dir, dich hervorzuwagen —
Incubus, Incubus!
Sanktus Bürokratius!“
Und donnernd trifft sein Fußtritt die Konservenkiste. Da fährt eine Staubwolke heraus und formt sich zu einem Gespenst, ähnlich einem schlotternden Aktuarius, grauen hohlwangigen Gesichts, ein Aktenbündel unter dem Arm. Entsetzt ringt Bürokratius die Hände und flüchtet — als aus der Volksmenge ein Haifisch hervorschießt und mit seinem roten, weißgezahnten Rachen nach dem Aktengespenst schnappt. Dieses wirbelt auf der Bühne herum, vom gierigen Hai verfolgt. Und grausam höhnisch hetzt ihn die Menge zum Schnappen:
„Hackepacke hackepacke!
Hacke hacke, hackepacke!“
Im Getümmel und Wirbel, zu dem die Volksmenge samt den Beamten zusammenwogt, fällt die Kiste mit den Akten um, auch der grüne Tisch. Schließlich poltern die Kulissen zusammen — und alles ist eine einzige aufstöhnende, heulende Staub- und Ideenhose: „Huh—uiii!“
Entsetzen durchschlottert mich, Angstschweiß rinnt mir über die Stirn, ich stöhne, als drücke mich der Alb. Aber da kommt durch das schnarrende Geräusch der wirbelnden Ideenhose, wie aus der Ferne, eine beruhigende Stimme: „Bruno! Mann! träumst du? Das macht wieder mal dein spätes Nachhausekommen.“ — „Pa—Pa—Papchen!“ bringe ich mühsam heraus — und spüre, wie mein Vogel, der beim Tumult zu mir in den Souffleurkasten geflattert ist, mausartig in meinen aufgesperrten Mund schlüpft.
„Du hast furchtbar geschnarcht! Ihr schwatzt so lange in euren Sitzungen — dann stöhnst du nachts und träumst!“ sagt meine Frau, während ich mich auf die andere Seite lege und beruhigt seufze: „Ach ja — geträumt!“
Draußen schüchternes Lerchenzwitschern ... —
Daß jene Kabinettsbefehle und Ministerialerlasse, die der Geheime expedierende Sekretär aus der Konservenkiste hervorgeholt, genau die Daten trugen, die ich angegeben, vermag der Chronist nicht zu behaupten. Genug, es ist urkundliche Tatsache, daß meine Gefangenschaft aus der Konservenkiste kam und auf Kabinettsbefehle und Ministerialerlasse aus den Jahren 1839, 1813 und 1808 gegründet war.
Obwohl meine verbotene Jugendunterweisung mir keineswegs als konzessionspflichtiger Unterricht erschien, stellte ich sie doch in ihrer bisherigen Form ein und begnügte mich, die freireligiösen Anschauungen durch Erbauungsvorträge zu verbreiten. Da kam eine neue Verfügung vom Provinzial-Schulkollegium: „Nach Auskunft des Kgl. Polizei-Präsidiums sammeln Sie allsonntäglich vormittags die Kinder von Mitgliedern der hiesigen freireligiösen Gemeinde, halten denselben Vorträge über die Grundsätze der letzteren, lesen aus dem Lehrbuche für den Jugendunterricht freireligiöser Gemeinden einzelne Sprüche und Fabeln vor, erläutern dieselben und fordern die Kinder auf, die besprochenen Stellen zu Hause nachzulesen. Wir machen Ihnen hiermit bemerklich, daß diese Kinderversammlungen nicht etwa deswegen, weil sie Sonntags abgehalten werden, als gottesdienstliche Versammlungen angesehen werden können, da die hiesige freireligiöse Gemeinde, deren Grundsätze den Kindern gelehrt werden, infolge ihrer Gottesleugnung eine Religion nicht hat und somit Anhänger dieser Grundsätze Gottesdienst gar nicht halten können. Ihre obenbeschriebene Tätigkeit fällt daher lediglich unter den Begriff der Unterrichtserteilung, die Ihnen durch unsere Verfügung unter Strafandrohung verboten worden ist. Jede weitere Zuwiderhandlung gegen dies Verbot wird nach Maßgabe unserer Verfügung geahndet werden.“
Den Widerstand gegen solche behördliche Unterdrückungstaktik fortzusetzen, war für die freireligiöse Bewegung ein Gebot der Selbsterhaltung. Auch im Interesse des Volkes überhaupt, dessen Rechts- und Freiheitssinn bei allen Gelegenheiten belebt werden muß, schien es mir erforderlich, nicht widerstandslos die Waffen zu strecken. Deswegen hielt ich im Einverständnis mit meiner Gemeinde die Vorträge weiter. Die Folgen blieben nicht aus. Das Provinzial-Schulkollegium diktierte mir eine Strafe nach der anderen zu, und schon kam eine Summe von zweitausendvierhundert Mark oder zweihundertvierzig Tagen heraus — abgesehen von den Strafen, die ich durch meine frühere Tätigkeit nach Art des Konfirmandenunterrichts verwirkt hatte. —
Als nach meinem Traum die Morgensonne zum offenen Kammerfenster hereinflutete und das Pfeifen der Stare, des Hühnervolkes Gackern, das Summen geschäftiger Insekten, der Säuselwind in den Apfelbäumen zu einem einzigen Jubel verschmolz — da ließ sich „der Weise im Innern“ über meinen Traum von der ollen Konservenkiste aus: „Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäern! Ihr Heuchler, die ihr gleich seid wie die übertünchten Gräber, die auswendig hübsch scheinen; aber inwendig sind sie voller Totenbein und Unflat. Den Heiland hat man in eine Konservenkiste gelegt, hat einen Stein davorgewälzt — und da modert der Lebendige für jene, so das Engelwort nicht begreifen: Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?“