Pfändung der Habe

Tolstoi hat bemerkt, ein Mensch, der Verse macht, komme ihm vor wie ein Bauer, der mit Tanzschritten hinter seinem Pfluge hergeht. Aber es gibt nun mal solche versfüßelnden Käuze, auch ich gehöre dazu. Besonders in jungen Jahren hielt ich was vom Versemachen — kam mir vor wie ein Fischer, der aus vorbeirauschender Strömung Perlen fischen möchte. Bunt schillert’s in der Flut, eine Perle scheint dem Poeten manches, dem sein Kinderauge Verklärung leiht. „Sollen all diese Schätze verloren gehn?“ denkt er mit Wehmut. „Nein! du mußt sie festhalten — in eine künstlerische Fassung bringen — deinen Mitmenschen zur Erquickung darbieten!“ Mit anderen Worten: der junge Dichter hält es für heiligen Beruf, seine Verse der Unsterblichkeit zu vermachen. Sein Gedichtbuch soll eine neue Epoche der Literatur einleiten.

Doch ich will mich nicht einfältiger hinstellen, als ich vor einem Vierteljahrhundert war. Immerhin hegte ich den heißen Wunsch, mich als Lyriker gedruckt zu sehen. Da ein paar Verlagsbuchhändler, mit denen ich verhandelte, nichts als kühle Bedenken vorbrachten und dann sogar das Ansinnen stellten, ich solle die Druckkosten zahlen, so wandte ich mich grollend von der ganzen Verlegersippe ab. Eine Unterhaltung hierüber hatte ich in einem Nachtcafé mit Richard Dehmel, der damals noch zu den Ungedruckten gehörte. Düster hörte er mir zu. Struppig war ihm Vollbart und Haarschopf, zergrübelt die Stirn mit der Studentenschmarre, durch den Kneifer loderte das wilde Auge: „Zum Kuckuck! Wenn man schon die Druckkosten selber tragen soll, so möchte man wenigstens dafür den Reinertrag ungeschmälert ernten. Selbstverlag ist immer noch das beste. Wenn nur die Kritiker nicht gleich mißtrauisch würden! Lesen sie auf dem Titel: Im Selbstverlage des Verfassers, Kommissionsbuchhandlung Leipzig, so denken sie: Aha! wieder so ein grüner Dilettant, der sich seine Eitelkeit etwas kosten läßt.“ Ich brütete mürrisch — da kam mir ein Aufleuchten: „Heureka! Gründen wir einen genossenschaftlichen Selbstverlag; er soll Freie Verlagsanstalt heißen. Zur Genossenschaft werden Verfasser zugelassen, die ihre Druckkosten zahlen und natürlich einen literarischen Wert haben.“

Die Freie Verlagsanstalt wäre nicht zustande gekommen, hätte ich nicht einen Buchdrucker gekannt, der ebenso gutmütig wie rund und massiv war. Wegen seiner Statur nannten wir ihn den Elephantenwillem, wobei wir aber auch an den treuen Eifer und die Intelligenz des Elefanten dachten. Seine schwere Hand hatte der Elefantenwillem auf meine Schulter gelegt und mit einem freimütigen Blick seiner blauen Augen das Geständnis getan: „Ick schätze Ihnen, Wille — Sie sind ’n Aas uf de Jeije — un ick stunde Sie de Druckkosten.“ So wurde es möglich, daß ich wenige Wochen später das berauschende Erlebnis durchkostete, meine Verse für den Druck herzurichten. Eines schönen Tages kam das Paket Bücher — da lag das Werk wie ein neugebackener Kuchen: „Einsiedler und Genosse ... Freie Verlagsanstalt, Berlin.“

Für meine Chronik kommt der vorliegende Fall insofern in Betracht, als er bei der Pfändung meines Mobiliars mitspielte. Nachdem mir die Geldstrafe seit geraumer Zeit aufgebrummt war, ohne daß ich Zahlung leistete, konnte jeden Tag das Zwangsverfahren eintreten, und ich hatte mit meiner Frau bereits überlegt, wie wir uns verhalten wollten.

Es klingelte, und gleich dachten wir: „Der Exekutor!“ Es war aber mein Freund Benno Streitmüller. Sein gutmütiges Lächeln war nicht ohne Schelmerei, als er seinem Portefeuille ein Schriftstück entnahm und auf den Frühstückstisch breitete. Da las ich, daß der Elephantenwillem den Rest seiner Forderung für Druck meines Gedichtbuches an Benno abgetreten hatte. „Sieh mich an!“ sprach Benno, „ich bin jetzt dein Gläubiger — Junge, Junge! Zahl mal sofort vierhundertachtzig Mark. Ich schicke dir sonst den Gerichtsvollzieher. Mensch, ich presse dich aus wie eine Zitrone.“ Dabei faßte er mich bei den Schultern. Meine Frau starrte ihn an, den Mund geöffnet. „Keine Witze!“ stammelte ich. Benno lächelte grausam: „Witze? Das Fell zieh ich dir über die Ohren.“ — „Du weißt doch, daß die Wohnungseinrichtung meiner Frau gehört.“ — „Nicht gänzlich! Zum Beispiel das Gemälde über deinem Schreibtisch ist dein Eigentum. Diese köstliche Kopie des Abendmahls von Leonardo hat dir der Maler geschenkt, wie du mir mal erzählt hast. Auf dies Stück hab ich’s besonders abgesehen. Das lasse ich durch den Gerichtsvollzieher versiegeln und dazu noch die goldene Uhr, die du in Bukarest zum Andenken bekommen hast. Das Gemälde ist gut und gern zweihundert Mark wert, die Uhr ebensoviel. Den Hauptteil meiner Forderung hab ich dann sicher; sonst kommt mir das Amt Friedrichshagen zuvor und pfändet Bild und Uhr — was du leichtsinniger Mensch wohl nicht bedacht hast — ja ha ha!“ — „Ich verstehe dich, Freundchen.“ Lächelnd schüttelten wir einander die Hände, und meine Frau, die jetzt begriff, meinte kopfschüttelnd: „Hätte ich je gedacht, daß Benno so grausam pfiffig ist?“

Bald nach diesem Gespräch erhielt ich richtig vom Amtsgericht Cöpenick den Befehl, vierhundertachtzig Mark an Benno Streitmüller zu zahlen. Da ich nicht zahlte, kam etliche Tage später der Cöpenicker Gerichtsvollzieher zu mir, ein freundlicher alter Herr, die Amtsmütze auf dem Kopfe. Mit bedauerndem Achselzucken kündigte er an, daß er mich pfänden müsse: „Ich bitte um Ihr Portemonnaie — und die Uhr da!“ Was er im Portemonnaie fand, war nicht der Rede wert; die Pariser Ankeruhr aber besah er mit Hochachtung. Unter den geöffneten Golddeckel klebte er ein rundes Papiersiegel und reichte mir die zugeklappte Uhr zurück. „Na, und? was kann man sonst noch kriegen? Alles nette und leidlich wertvolle Sachen! Ich darf wohl mal durch die Wohnung gehn?“ — „Das können Sie sich sparen,“ versetzte meine Frau, „nahezu alles gehört mir — ich hab’s mit in die Ehe gebracht, Gütergemeinschaft ist bei uns ausgeschlossen. Bloß die Uhr gehört meinem Mann — und das Gemälde — natürlich auch die Bibliothek — aber die braucht er ja zu seinem Beruf.“ Der erfahrene Gerichtsvollzieher legte die Hand ans Kinn: „Glaub’s schon! Aber versiegeln muß ich doch. Es steht Ihnen frei, zu intervenieren, indem Sie den Nachweis bringen, daß die Sachen Ihr Eigentum sind.“ Er ging in den sogenannten Salon und klebte mit raschem Kunstgriff unter die Möbel und Teppiche seine blauen Papiersiegel. Schließlich nahm er ein Protokoll auf und verabschiedete sich.

Bald kündigte die Flurklingel neuen Besuch an. Benno Streitmüller war’s; schalkhaft strahlten die blauen Augen des edlen Jünglings. „Eben bin ich ihm begegnet. Nun wäre ja wohl alles in Ordnung, und du bist deine letzte Habe los, Jungeken!“ — „Blutsauger!“ deklamierte ich hohl.

Er amüsierte sich über die angeklebten Papierdinger, da er sowas noch nie gesehen. „Und nun, Frau Lieschen, lassen Sie ruhig den anderen Exekutor kommen! Er findet alles bereits versiegelt. Wenn er gleichwohl glaubt, pfänden zu dürfen, so mag er sich an Ihre Sachen halten. Dann los mit Ihrer Interventionsklage gegen das Amt Friedrichshagen! Das kann ja die Kosten tragen.“ Und er kicherte. — „Aber die Sachen sind doch schon alle versiegelt,“ wandte ich ein. — „Macht nichts,“ versetzte Benno, „ich gebe sie frei, großmütig, wie ich nu mal bin. Bloß die Uhr und das Gemälde behalte ich, lasse dir aber den Gebrauch dieser beiden Stücke — zunächst bis Ende dieses Jahres. Hier hab ich schon den Leihkontrakt. Kannst gleich unterschreiben. Wenn dann morgen jemand vom Amte pfänden will, zeig ihm den Kontrakt.“ — „Morgen schon?“ fragte meine Frau, und Benno erwiderte: „Ich habe vor zehn Minuten den jüngsten Leutnant getroffen, gleich hinter dem Gerichtsvollzieher kam er. Na, jüngster Leutnant? hab ich gesagt, geben Sie man Herrn Rat Hegel einen Wink! sonst kommt ihm der Cöpenicker Onkel da bei Doktor Wille zuvor. Sie wissen doch? Andere Leute könnten früher aufstehen als das Amt — verstehen Sie? So sagte ich, und nun paßt mal auf, Kinder, der jüngste Leutnant erzählt die Geschichte brühwarm dem Igel, dann schickt dieser schleunigst seinen Exekutor.“ Notabene: der jüngste Leutnant war ein Amtsdiener, der vor wenigen Monaten frisch vom Militär gekommen war und sich in seiner nagelneuen Uniform benahm wie ein Äh-bäh-Stutzer.

Andern Tages erschien in der Tat in meiner Wohnung ein Amtsdiener, es war der olle Schäffer, der mit seinem Biedergesicht, seiner Brille und dem grauen Vollbart an meinen alten Oberlehrer erinnerte. Auch Schäffer begann seine strenge Rolle durchaus human. Er redete gut zu, ich solle auf die geforderten Strafgelder doch wenigstens eine Anzahlung machen: „Denn sehen Se, sonst muß ick Sie Ihre Möbel nehmen.“ — „Die sind aber mein Eigentum,“ entgegnete meine Frau. — „Wenn Sie det jerichtlich nachweisen können, jut! Aber vorleifich muß ick vasiejeln.“

„Die Sachen sind ja schon versiegelt,“ wandte ich ein und kehrte einen der Stühle um, so daß man das untergeklebte Siegel sah. Schäffer wurde schweigsam und schien die Schlacht bereits aufzugeben. Da entstand durch mein Verhalten eine Verwicklung. „Ich muß Ihnen allerdings gestehen, daß Herr Streitmüller, der die Sachen gestern versiegeln ließ, schon alles wieder freigegeben hat. Bloß diese Uhr und ein Gemälde hat er behalten, und darüber haben wir einen Leihkontrakt; hier ist er.“ — „So?“ meinte Schäffer gedehnt und las das Schriftstück. „Darf ick mal de Uhr sehn?“ Ich zeigte das Siegel im Innern. „Nu bitte det Jemälde!“ Als ich vor meinem Schreibtisch auf das „Abendmahl“ wies, nicht ohne Befriedigung über die treffliche Wiedergabe des Meisterwerkes, zeigte er gar kein Interesse für die Kunst, nahm das Bild von der Wand und suchte nach dem Siegel. Doch sieh, ein Siegel war hier gar nicht vorhanden — der Gerichtsvollzieher hatte es vergessen oder das Bild allzu gering geschätzt.

Schäffer blickte spitz: „Denn muß ick det Bild fänden, un nu wollen wir ooch mal die übrijen Sachen untasuchen.“ Er lehnte das Bild an die Wand, und los ging ein Durchschnüffeln der ganzen Wohnung. Unter die Tische kroch er, um die Siegel zu finden. Sofa und Diwan mußte er hochkippen, weil sein Vorgänger aus Cöpenick in zarter Rücksicht seine Zettelchen versteckt angebracht hatte. Ob der ungewohnten Arbeit schnaufte der ältliche Amtsdiener. Als meine Frau ihr Lachen nicht verhalten konnte, gab er weitere Bemühungen auf und begnügte sich, von den reichlich mitgebrachten Siegeln des Amtes Friedrichshagen eins hinten auf das Bild zu kleben. Nachdem er sein Protokoll aufgenommen, verabschiedete er sich kühl und ergriff das Bild. Ich protestierte: „Sie haben kein Recht, zu nehmen, was nicht mir gehört, sondern Herrn Streitmüller.“ Und Schäffer: „Wenn Herr Streitmüller anfechten will, so ist det eene Jerichtssache zwischen ihn un det Amt Friedrichshagen.“ Resolut setzte er die Amtsmütze auf und zog mit dem Bilde ab.

Ich hatte Mühe, unsern Terrier Schuftel, der ein Vorurteil gegen Uniform-Menschen hatte, von Angriffen auf die Staatsgewalt zurückzuhalten. Als ich den Köter eingesperrt hatte, vernahm ich einen Wortwechsel auf dem Hofe: unsere treue Schaffnerin Frau Pape redete auf den Amtsdiener ein. Aus dem Fenster beobachtete ich, wie sie ihm ein Paar olle Stiebel hinhielt und spöttisch antrug, auch die mitzunehmen.

Keine halbe Stunde nach diesem Auftritt, und Schuftel, den ich wieder freigelassen, verriet durch Straßengekläff, daß er abermals Händel habe. Die scheltende Menschenstimme gehörte dem Amtsdiener Schäffer. Mit raschem Griff hatte ich den Teppichklopfer, der mir gerade in die Quere kam, und eilte die Treppe hinab. Fürchterlich anzusehen, wie der Amtsdiener sich des Hundes erwehrte. Mit seinen glotzenden Augen und dem weißgezahnten Rachen gemahnte das Vieh an den Haifisch meines Traumes, wie er nach dem retirierenden Aktengespenst schnappte: „Hacke hacke!“ Der olle Schäffer, die Augen starr auf den Feind, nahm sich zusammen, um keinen Biß abzukriegen, und teilte fortwährend Fußtritte in der Richtung des Schnappenden aus. Ich staunte über die Gelenkigkeit der ältlichen Oberlehrerbeine. Da, mit einem Schwupp, hatte sich der Köter am Absatz des Amtsdieners festgebissen, daß dieser nicht loskam und auf einem Beine hüpfte, wobei er jämmerlich schrie. Sofort traf mein Teppichklopfer die Bestie, daß sie losließ und sich fletschend trollte. An den Gartenzaun gelehnt, hielt der Amtsdiener sein Bein hoch und betrachtete den Stiefel. „Hat er durchgebissen?“ fragte ich bestürzt. „Det nich, aber der Stiebel is kaputt.“ — „Bedaure sehr, Herr Schäffer, doch Hauptsache, daß Sie keine blutige Wunde haben. Den Stiefelschaden ersetze ich. Na, und was führt Sie denn nochmals zu mir?“ — „Ick habe mir eenen Schwupper zu schulden kommen lassen.“ — „So? Na denn kommen Se man wieder rauf!“ Oben spendierte ich dem Polizeimann einen herzstärkenden Trank, und nun gab er folgende Erklärung: „Ick habe also den Herrn Rat allens berichtet. Da wird e’ janz wild: Aber Schäffer, Mensch! Sie bringen so’n wertlosen Trödelkram? Wat soll ick mit det Bild? Man schleunigst retur, un bessere Stücke versiejelt. Ja, sehen Se, Herr Dokter, so leid et mich duht, den Schwupper muß ick nu wieder jut machen.“ Und nochmals durchmusterte er die Wohnung, nochmals mußte er Sofa und Diwan hochkippen und unter die Tische kriechen, seine Zettelchen anzubringen.

Zu solchen Scherereien gesellten sich andere, die schon verdrießlicher waren. Hin und wieder sah ich meiner Frau an, daß sie sich mit Sorgen trug, und auf mein Zureden gab sie den Bescheid: „Sowas ist doch keine Kleinigkeit! Wir haben noch nie mit Polizei und gar Gerichtsvollzieher zu tun gehabt — da kommen nu Männer mit Amtsmütze un blamieren einen im ganzen Ort. Die Nachbarn schwatzen, warum hier wohl versiegelt wäre, un nächstens soll ich in Cöpenick schwören — und weiß gar nicht, wie man das macht.“