Dreyßigster Brief.
Ihr Urtheil über den Romeo, und Ihr Wunsch wegen seines Schlusses ist mit meiner Mutter ihrem vollkommen einerley. In der That ist der letzte Auftritt mehr schrecklich als rührend, Julie mehr unsinnig als schwärmerisch, und ihre Liebe mehr Raserey als Leidenschaft. Ich bin begierig, auch von den beyden übrigen Stücken, die in eben diesem Theile stehen, Ihr Urtheil zu wissen. Marmontels Erzählungen lassen sich vielleicht um desto schwerer in Dramata verwandeln, je ausgearbeiteter schon der Dialog ist. Man kann schwerlich verhindern, daß der Leser nicht die neuen angesetzten Stücke von den alten unterscheide; und man geht gar zu leicht aus einem Charakter heraus, der nicht von Anfang an unser eigen ist. So geht es, dünkt mich, mit der Corally ihrem, der in dem Stücke, die Freundschaft auf der Probe, am meisten hervor sticht, und den er zuweilen verfehlt hat. — Aber ich höre, die Mademoisell Schulz verläßt das Theater. Versäumen Sie doch ja nicht, Romeo zu sehen, ehe sie fortgeht. Sie macht diese Rolle unnachahmlich schön; ich setze nur das Einzige an ihr aus, daß sie in den Stellen, wo ohnedieß schon der zu weit getriebene Affekt beynahe bis ins Widrige geht, noch einige Grade hinzu setzt.
Aber genug von dieser Materie, die ohnedieß schon erschöpft ist. Ich hätte mehr Lust, meinen Streit mit Ihnen, als meine Kritik zu verlängern. Sie wissen noch nicht, wie hartnäckig ich bin, wenn ich mir einmal in den Kopf gesetzt habe, etwas zu behaupten. Ihr Brief hat mir gefallen; und mit weniger Eigensinn, als ich habe, hätten mich Ihre Gründe verblendet oder überzeugt. In der Verfassung, in welcher ich bin, kann ich noch nicht sagen, welches von beyden. Denn wenn ich sagte, daß ich ohne Eigensinn hätte müssen überzeugt werden, so wäre dieß eben so viel, als gestünde ich zu, ich hätte Unrecht.
Sie wollen also zwischen dem Liebhaber und dem Ehemanne durchaus keinen Unterschied zulassen; und ich bildete mir ein, ich hatte es recht förmlich bewiesen, daß einer seyn müßte. So kann einem die Eigenliebe verblenden! Vielleicht richte ich durch eine Allegorie aus, was meine Metaphysik nicht vermochte. — Wenn zuerst nach einer langen Dürre, oder am Ende des Winters, Jupiter in einem fruchtbaren Regen in den Schoos der mütterlichen Erde herab steigt: dann wird auf einmal die ganze Gestalt der Natur geändert. Blumen und Gewächse von aller Art bedecken die erst nackte Oberfläche; die Bäume schimmern von jungem Grün, das nur noch wie zartes Moos auf die kahlen Aeste gestreut ist; die todte Stille der Natur wird rege und lebendig; Luft und Erde bekommen wieder Bewohner; der Wechsel ist eben so plötzlich, als schön. — Aber wenn nun diese erste Rückkehr der Natur zum Leben geschehen ist, dann kann der ganze liebliche Sonnenschein, und die schönsten, erfrischendsten Regen, durch die er unterbrochen wird, nicht gleich große und gleich merkliche Veränderungen hervor bringen. Im Stillen, ungesehen, wächst nunmehr durch eben die Kraft, die ihn zuerst hervor brachte, der Halm zur Aehre, das Gras zur Staude, und die Blüthe zur Frucht heran. Noch immer empfängt die Erde dieselben wohlthätigen und kräftigen Einflüsse des Himmels; aber sie kann jetzt nicht mehr durch sie eine ganz neue Schöpfung hervor bringen, sie kann nicht mehr die ganze Gestalt der Natur umändern. — Aber in ihrer geheimen Werkstatt empfängt und nutzt sie noch auf eben die Art den himmlischen Segen, sie verschließt ihn jetzt in sich, um ihn den Pflanzen ganz allein mitzutheilen, die sie hervor gebracht hat, und um Korn, Obst, Wein auf den stillern Herbst zu bereiten.
Sollten alle folgenden Eindrücke dem ersten gleich seyn? — Das ist wider die Natur der Seele. Sie selbst, Sie selbst, die die Natur mit der zärtlichsten von weiblichen Seelen beglückt, Sie würden sich blos selbst hintergehen, wenn Sie das als eine gemachte Erfahrung ansähen. — Soll die Leidenschaft niemals zum Grundsatze, zur Gesinnung werden? — Alsdann ist sie unnütz und gefährlich. Das stürmende Meer kann nur Schiffbruch und Untergang verursachen, wenn es ohne Aufhören wüthet. Aber wenn der heftige Sturm zu einer noch lebhaften aber ruhigern Bewegung gemäßigt wird, dann bringt er das Schiff mit vollen Segeln in den Hafen. — Soll die Seele immer nur von einem einzigem Gegenstande erfüllt seyn, wie es die Seele des Liebhabers ist? — Dann verschlingt und vernichtet dieser Gegenstand alle Kräfte derselben, er verbraucht alle ihre Fähigkeiten, und läßt für alle ihre übrigen Pflichten und Geschäfte nichts, als matte, unwillige und kraftlose Bestrebungen.
Aber wie muß die Liebe seyn, auf deren Flügeln der Geist erhoben, und seiner Bestimmung und seinem Schöpfer näher gebracht wird? Die Seele, deren ganze Neigungen und Fähigkeiten sich in einem einzigen würdigen Gegenstande koncentrirt hat, muß sich von ihm aus auf alles, was gut, schön und vortrefflich ist, verbreiten. Er muß das Band seyn, welches die Seele an alle ihre Pflichten verknüpft, und sie mit Freuden an die Sachen anzieht, die sie sonst aus andern Bewegungsgründen nur mit Widerwillen, oder doch ohne Vergnügen würde gethan haben. Das Feuer der Liebe muß sich in eine gleiche und fortdauernde Wärme verwandeln, die jeder andern gutthätigen Neigung zum keimen hilft, jede tugendhafte Handlung empor treibt, und jeden Widerstand aus dem Wege stößt. — Noch ein Mal: der Liebhaber und die Geliebte wollen nichts, als sich sehen, sich umarmen und sich genießen. Der Ehemann und seine Gattin wollen sich und die Welt glücklich machen, und diesen Zwecken zu Ehren entbehren sie jene Vergnügungen ohne Murren u. s. w.