Ein und dreyßigster Brief.
— — Ich bin außerordentlich vergnügt darüber, daß Sie meinen Brief vollkommen nach den Gesinnungen erklärt haben, in denen ich ihn geschrieben hatte. Sie haben mir eine große Probe abgelegt. Ich fürchtete nicht, daß Sie über meine Freymüthigkeit böse werden würden; aber ich erwartete doch eine kleine Empfindlichkeit über einen so beherzten Widerspruch. Bey jedem andern Frauenzimmer, als bey einer solchen Philosophin, wie Sie sind, wäre meine Erwartung ganz gewiß eingetroffen. — Diese Materie ist jetzo erschöpft, oder ich will sie doch wenigstens dafür ansehen. Wenn Sie nur wahrhaftig glücklich sind, so will ich es Ihnen verzeihen, wenn Sie es auch zum Theil durch ein Vorurtheil wären. — Ich habe diese Woche eine ganze Gesellschaft von Leuten gesehen, die es noch durch ein weit handgreiflicheres Vorurtheil sind, oder wenigstens vorgeben es zu seyn.
Ich bin mit einer großen Gesellschaft von Frauenzimmern in einem Nonnenkloster gewesen, und zwar bey denen, die barmherzige Schwestern heißen, und sich mit der Wartung armer Kranken beschäftigen. Ein wirklich verehrungswürdiger Orden, der großen und beschwerlichen Dienste wegen, die seine Mitglieder der Gesellschaft leisten. Sie sind dabey arm; und da die Anzahl reicher Katholiken bey uns in B*** immer mehr abnimmt, und die eignen Kapitalien des Klosters nicht nur an sich klein, sondern auch jetzt ohne Nutzen für sie sind, weil sie bey einem Hause ausgeliehen stehen, das im Begriff ist, banquerout zu machen (ehemals einem Besitzer von 500000 Thalern), so müssen die 21 geistlichen Jungfrauen, aus denen das Kloster besteht, sich auf das äußerste einschränken, weil sie nicht nur sich, sondern auch ihre Kranken zu ernähren haben, und noch dazu Aerzte und Arzeneyen bezahlen müssen. Meine Mutter und verschiedene unsrer Bekannten, die ihnen deswegen von Zeit zu Zeit eine kleine Beysteuer schicken, werden in dem Kloster als große Wohlthäter angesehen. So sehr ist die Dürftigkeit auch für kleine Erleichterungen empfindlich.
Wir wurden also sehr wohl aufgenommen. Wir tranken in der Apotheke, wohin auch Mannspersonen kommen dürfen, in Gesellschaft der artigsten und vernünftigsten Schwestern, Kaffee. Die Frauenzimmer wurden hierauf im ganzen Kloster, ich nur in der Kirche und im Krankenzimmer, herum geführt. — Sie können nicht glauben, wie sehr mich diese Leute für sich interessirt haben. — Es giebt Personen von den besten Familien, von gutem Verstande und von einer wirklichen Schönheit darunter. Besonders ist die würdige Mutter eine höchst vernünftige, gesetzte und von dem klösterlichen Wesen ziemlich freye Person. Ausser ihr zieht ein Fräulein Mucius, eine ehemalige Bekannte einer Dame aus unsrer Gesellschaft, die auch deswegen von der Superiorin die Erlaubniß erhielt, bey uns zu bleiben, die Augen auf sich. Ungeachtet sie schon 16 Jahre im Kloster ist, so hat sie doch noch alle Züge von Schönheit. Ein feuriges und schönes Auge, das durch die Kopfbinde ihres Habits halb verdeckt, und auf eine gewisse Weise schmachtend und zugleich einnehmend gemacht wird; — in ihrem Betragen eine gewisse stille und ruhige Zufriedenheit mit ihrem Zustande, die man bey den glücklichsten Personen so selten antrifft; eine Stimme, die sehr angenehm und sanft ist; — und wenn man sich dieses noch junge Frauenzimmer denkt (deren Vater ein reicher und vornehmer Mann ist), in einem sehr schlechten Kleide (ob es sie gleich nicht verstellt), allen Bequemlichkeiten des Lebens und der Gesellschaft entzogen, zum strengsten Gehorsam verpflichtet, und oft mit den niedrigsten, beschwerlichsten und ekelhaftesten Dienstleistungen der Kranken beschäftigt: so muß man Hochachtung und Mitleid für sie zugleich haben u. s. w.