Fünfter Auftritt.

Frau Prostakowa, Prostakow und Skotinin.

Skotinin. Wie kommt’s denn, daß ich meine Braut nicht sehe? Wo ist sie? Am Abend findet die Verlobung statt: wär’ es da nicht Zeit, ihr mitzuteilen, daß man sie verheiratet?

Frau Prostakowa. Dazu haben wir noch Zeit, Bruder. Wenn man’s ihr vorher sagt, so kann sie gar denken, daß wir sie nach ihrer Einwilligung fragen! Ich bin nur durch meinen Mann mit ihr verwandt und liebe, daß mir fremde Menschen gehorchen.

Prostakow (zu Skotinin). Der Wahrheit die Ehre! Wir haben Sophie behandelt, als sei sie eine echte und rechte Waise. Als ihr Vater starb, war sie noch ein ganz kleines Kind. Ein halbes Jahr darauf bekam ihre Mutter, meine Verwandte, den Schlag –

Frau Prostakowa (sich das Herz bekreuzigend). Die Kraft des Kreuzes sei mit uns!

Prostakow. Dank welchem sie auch mit Tode abging. Des Mädchens Onkel, ein Herr Starodum, fuhr nach Sibirien, und da er schon seit mehreren Jahren völlig verschollen ist, so halten wir ihn denn auch für verstorben. Als wir merkten, daß Sophie mutterseelenallein dastand, nahmen wir sie zu uns aufs Dorf und verwalten nun ihr Gut, als sei es unser eignes.

Frau Prostakowa. Bist heute ganz ins Lügen hineingeraten, mein Lieber! Der Bruder könnte gar glauben, daß wir sie aus Interesse zu uns genommen haben.

Prostakow. Wie sollte er das glauben?! Ihr unbewegliches Vermögen können wir doch nicht in unsre Tasche hineinwandern lassen!

Skotinin. Das bewegliche ist zwar schon hineingewandert, aber ich bin kein Verräter. So was macht Scherereien, die ich nicht liebe, die ich fürchte. Wie oft mich auch die Nachbarn übervorteilt, wieviel Schaden sie mir gebracht – ich habe auf keinen eine Klage eingerichtet. Statt mir den Schaden durch Laufereien einzubringen, zwack’ ich’s mir von den Bauern ab, und kein Hahn kräht danach.

Prostakow. Es ist wahr, Schwager: die ganze Nachbarschaft meint, du verstehest es meisterhaft, den Obrok[1] einzukassieren.

[1] Abgaben der zinspflichtigen Bauern. Anm. d. Übers.

Frau Prostakowa. Wenn du’s uns doch lehren wolltest, lieber Bruder; wir verstehn’s gar nicht. Seitdem wir alles, was die Bauern besaßen, uns zugesteckt haben, können wir sie gar nicht mehr rupfen. Ein wahrer Jammer!

Skotinin. Gern, Schwester, will ich’s euch lehren – macht nur, daß ich Sophie heirate.

Frau Prostakowa. Gefällt dir denn das Mädchen so ungeheuer?

Skotinin. Nun, nicht gerade das Mädchen –

Prostakow. Also ihre Dörfer?

Skotinin. Auch nicht gerade die Dörfer, sondern das, was sich in diesen Dörfern aufhält und meine größte Leidenschaft ist.

Frau Prostakowa. Was denn, lieber Bruder?

Skotinin. Schweine sind meine Leidenschaft, Schwester. In unserm Umkreis gibt’s dermaßen große Schweine, daß jedes, sollte es sich auf die Hinterfüße stellen, uns alle um Kopfeslänge überragen würde.

Prostakow. Es ist doch sonderbar, Schwager, wie die Verwandten einander gleichen können! Unser Mitrofan ist ganz nach dem Onkel geraten: auch er hatte von Kindesbeinen an dieselbe Leidenschaft für Schweine wie du. Als er drei Jahr zählte, so zitterte er vor Freude beim Anblick eines Schweinchens.

Skotinin. In der That, höchst wunderbar! Nun, mag Mitrofan die Schweine lieben: er ist mein Verwandter, und hierbei spielt die Ähnlichkeit eine Rolle. Wie erklärt sich denn aber meine Leidenschaft für die Schweine?

Prostakow. Auch hierbei spielt die Ähnlichkeit eine Rolle, denk’ ich.

Sechster Auftritt.

Die Vorigen. Sophie tritt auf mit einem Brief in der Hand; ihr Gesicht strahlt vor Freude.

Frau Prostakowa. Was bist du denn so lustig, meine Beste? Worüber freust du dich?

Sophie. Soeben hab’ ich eine freudige Nachricht erhalten. Der Onkel, von dem wir so lange nichts vernommen, den ich liebe und ehre wie einen Vater, ist dieser Tage in Moskau angelangt. Da ist der Brief, den ich soeben von ihm erhalten habe.

Frau Prostakowa (erschrickt; mit verbissener Wut). Was? Starodum, dein Onkel, lebt? Und du wagst es, ihn für auferstanden auszugeben? Diese Lüge ist wirklich einzig!

Sophie. Er war ja gar nicht gestorben!

Frau Prostakowa. Nicht gestorben! Hätte er denn nicht sterben können? ... Nein, meine Beste, das sind deine Erfindungen, um uns mit deinem Onkel ins Bockshorn zu jagen, damit wir dir Freiheit lassen! Du denkst: der Onkel ist ein kluger Mensch, er wird schon Wege finden, mich aus euren Händen zu befreien! Und darüber freust du dich ... aber bitte, freue dich nur nicht zu sehr: dein Onkel ist natürlich von den Toten nicht auferstanden.

Skotinin. Schwester! Wenn er aber gar nicht gestorben wäre?

Prostakow. Verhüt’ es Gott, daß er nicht gestorben wäre!

Frau Prostakowa (zum Mann). Wie: „nicht gestorben?“ ... Mache mich nicht wirr! Weißt du denn nicht, daß ich schon seit mehreren Jahren Totenmessen für den Frieden seiner Seele halten lasse? Es ist unmöglich, daß meine Gebete nicht bis zu Gott gedrungen seien! (Zu Sophie.) Gib mal den Brief her (ihn an sich reißend). Eine Wette geh’ ich ein, daß es ein Liebesbrief ist, und ich errate auch den Schreiber: es ist jener Offizier, der dir einen Antrag machte, und den du auch heiraten wolltest ... Und welche Bestie händigt dir ohne meine Erlaubnis Briefe ein? Wart, das werd’ ich schon herausbekommen! Das sind Zeiten: jungen Mädchen werden Briefe geschrieben! Junge Mädchen können lesen und schreiben!

Sophie. Bitte lesen Sie selbst den Brief, und Sie werden alsdann sehen, daß er das Unschuldigste von der Welt enthält.

Frau Prostakowa. „Lesen Sie selbst den Brief!“ Nein, meine Beste, ich bin, Gott sei Dank, nicht so erzogen. Ich empfange Briefe, lasse sie jedoch immer andre lesen. (Zum Mann.) Lies vor.

Prostakow (nachdem er lange hineingeblickt). Das dürfte schwer fallen.

Frau Prostakowa. Auch dich hat man, scheint’s, wie ein junges Mädchen aus der guten alten Zeit erzogen ... Bruder, bitte, lies du.

Skotinin. Ich? Ich habe nie in meinem Leben etwas gelesen, Schwester! Gott hat mich mit solchem langweiligen Zeug verschont.

Sophie. Erlauben Sie, daß ich lese.

Frau Prostakowa. O, meine Beste, ich weiß wohl, daß du eine Meisterin darin bist – nur trau’ ich dir nicht so recht ... Der Lehrer Mitrofans wird wohl bald kommen; er soll mir lesen.

Skotinin. Wird denn der Junge schon im Schreiben und Lesen unterrichtet?

Frau Prostakowa. Ach, lieber Bruder, schon gegen vier Jahre unterrichtet man ihn. Ja, Sünde wär’s, zu sagen, daß wir uns nicht alle Mühe geben, Mitrofan zu erziehen: drei Lehrer werden bezahlt! Im Lesen und Schreiben unterweist ihn Kutejkin, Vorsänger in der Kirche zu Mariä Schutz- und Fürbitte. Rechnen lehrt ein abgedankter Sergeant, Namens Zyfirkin. Beide kommen sie aus der Stadt hierher. Den Unterricht im Französischen und in den übrigen Wissenschaften erhält mein armer Mitrofan von einem Deutschen, Adam Adamytsch Wralmann. Diesem zahlen wir dreihundert Rubelchen jährlich; er sitzt mit uns an einem Tische, seine Wäsche wird von unsern Dienstboten gewaschen; ein Pferd steht immer zu seiner Verfügung; zu Mittag bekommt er ein Glas Wein, zur Nacht ein Talglicht, und selbst die Perücke wird ihm umsonst von Fomka in stand erhalten ... Doch, was wahr ist, bleibt wahr: auch wir sind mit ihm zufrieden, Bruder: er überbürdet den Knaben nicht. Und man muß doch Mitrofan ein wenig pflegen, solange er noch jung ist: wenn er denn noch zehn Jährchen etwa – was Gott verhüten möge – dienen muß, wird ihm kein Schmerz erspart bleiben! Übrigens – wie’s einem bei der Geburt bestimmt ist! Schon mancher aus der Familie der Prostakows ist im Schlaf zu Rang und Würden gestiegen – ist denn Mitrofan schlechter als sie? Ei – da kommt ja wie gerufen unser teurer Mieter!