Vierter Auftritt.
Die Vorigen. Jeremejewna und Mitrofan.
Jeremejewna. Du solltest doch ein ganz klein wenig lernen!
Mitrofan. Sprich noch ein Wort, alte Hexe, so will ich’s dir eintränken: werde mich wieder bei der Mutter beklagen, und sie wird dich, wie gestern, durchwalken!
Skotinin. Komm mal her, Freundchen.
Jeremejewna. Geh zum Onkel, Kind.
Mitrofan. Guten Tag, Onkel ... Was bist du so borstig?
Skotinin. Mitrofan, blicke mir frei und gerade in die Augen.
Jeremejewna. Thu’s, mein Süßer!
Mitrofan (zu Jeremejewna). Was ist denn der Onkel für ein Wundertier, daß ich ihn angucken soll?
Skotinin. Noch einmal: blicke mir frei und gerade in die Augen!
Jeremejewna. Erzürne doch den Onkel nicht! Sieh nur, mit welchen Glotzaugen er dich anstarrt! ... Nun, glotz ihn ebenso an! (Skotinin und Mitrofan blicken aufeinander mit weit aufgerissenen Augen.)
Milon. Das ist ein absonderliches Zwiegespräch!
Prawdin. Was es wohl für ein Ende nehmen wird?
Skotinin. Mitrofan, dein Leben hängt an einem Haar. Sprich die volle Wahrheit! Wenn ich die Sünde nicht scheute, so würde ich, ohne weitere Worte zu verlieren, dich bei den Beinen packen und deinen Schädel an der Wand zerschmettern. Doch möchte ich nicht meine Seele verderben, indem ich einen Unschuldigen richte.
Jeremejewna (zitternd). Wehe, er tötet ihn! Wehe meinem armen Kopfe!
Mitrofan. Bist du toll, Onkel? Ich habe keine Ahnung, wofür du über mich herfällst!
Skotinin. Ich warne dich: leugne nicht, damit ich dir nicht im Jähzorn den Todesschlag versetze – deine Hände werden dich wenig schützen. Ich nehm’s auf mich und werde Rechenschaft geben Gott und Kaiser. Doch auch unschuldig nimm keine Schuld auf dich, um nicht unverdient geprügelt zu werden!
Jeremejewna. Gott schütze vor unverdienten Prügeln!
Skotinin. Möchtest du heiraten?
Mitrofan (schmachtend). Schon längst, Onkelchen ...
Skotinin (stürzt auf Mitrofan). Ach, du verwünschter Racker!
Prawdin (Skotinin zurückhaltend). Herr Skotinin, keine Handgreiflichkeiten!
Mitrofan. Amme, decke mich!
Jeremejewna (stellt sich vor Mitrofan, wütend mit erhobenen Fäusten). Krepieren will ich auf der Stelle, aber dem Kinde laß ich kein Haar krümmen! Komm du nur, die Augen kratz’ ich dir aus dem Kopfe!
Skotinin (zitternd und mit der Faust drohend, ab). Ihr sollt an mich denken!
Jeremejewna (ihm nach). Meine Krallen sind scharf genug!
Mitrofan (dem Onkel nachrufend). Packe dich, Onkel, hol’ dich der Geier!
Fünfter Auftritt.
Die Vorigen. Frau Prostakowa und Prostakow.
Frau Prostakowa (zum Mann). Lüg du nur! Bist zeitlebens ein Maulaffe gewesen!
Prostakow. Er und Prawdin sind wie in die Erde gesunken! Bin ich schuld?
Frau Prostakowa (zu Milon). Ach, Herr Offizier! Ich habe Sie im ganzen Dorfe gesucht; mein Mann hat sich die Beine ablaufen müssen, um Ihnen meinen tiefsten Dank für das vortreffliche Kommando auszusprechen.
Milon. Wofür denn, gnädige Frau?
Frau Prostakowa. Wie denn, wofür? Ihre Soldaten sind prächtige Menschen: haben bis jetzt mit keinem Finger etwas angerührt. Zürnen Sie nicht, bester Herr, daß diese Mißgeburt (auf den Mann zeigend) mit seinem ewigen Gaffen Ihnen nicht wie nötig begegnet ist. Er war von Kindheit an ein Tölpel.
Milon. Bitte, nicht im geringsten –
Frau Prostakowa. Er ist manchmal wie vor den Kopf geschlagen – steht stundenlang mit starr aufgerissenen Augen. Was hab’ ich schon alles mit ihm versucht, was hat er alles von mir aushalten müssen – nichts wirkt auf seine dicke Haut. Und geht mal sein Klotzzustand vorüber, so beginnt er ein solches Blech zu schwätzen, daß man zu Gott fleht, er möchte ihn nur wieder vor den Kopf schlagen!
Prawdin. Sie wenigstens, gnädige Frau, können nicht über seinen Charakter klagen: er ist sanftmütig –
Frau Prostakowa. Wie ein Kalb, bester Herr, wie ein Kalb! Deshalb auch sind alle bei uns im Hause so verwöhnt. Denn um Strenge walten zu lassen und die Schuldigen gehörig zu bestrafen – dazu ist er zu dämlich! Muß alles selbst thun, lieber Herr. Vom Morgen bis zum Abend hat weder meine Zunge noch meine Hand einen Augenblick Ruhe: bald muß ich schimpfen, bald hauen; nur auf solche Weise kann ich das Haus halten.
Prawdin (für sich). Es wird bald anders gehalten werden.
Frau Prostakowa (zu Sophie). Habe die Zimmer für deinen lieben Onkel in stand gesetzt. Ach, wie möcht’ ich ihn sehen, den ehrwürdigen Greis! Ich habe viel Gutes von ihm vernommen. Selbst böse Menschen behaupten, er sei nur ein wenig griesgrämig, doch außerordentlich klug; wen er einmal liebt, den liebt er von ganzer Seele.
Prawdin. Und wen er nicht liebt, der ist ein schlechter Mensch. (Zu Sophie.) Ich selber habe die Ehre, Ihren Onkel zu kennen. Ich habe manches über ihn vernommen, das mir aufrichtige Hochachtung für ihn ins Herz flößte. Was man so seine Griesgrämigkeit, seine Grobheit nennt, ist nur der Eindruck seiner Geradheit. Nie im Leben hat seine Zunge „Ja“ gesagt, wenn seine Seele ein „Nein“ fühlte.
Sophie. Dafür hat er auch nur mit großer Mühe sein Glück machen können.
Frau Prostakowa. Gott segnet uns, indem er seine Bemühungen mit Erfolg segnete. Nichts wünscht’ ich sehnlicher als sein väterliches Wohlwollen für meinen Mitrofan! ... Sophiechen, mein Herz, willst du nicht des Onkels Zimmer in Augenschein nehmen? (Sophie ab; zu Prostakow.) Hast du schon wieder Maulaffen feil? Begleite sie, die Beine sind dir nicht abgefallen.
Prostakow (im Fortgehen). Nicht abgefallen, jedoch eingeknickt.
Frau Prostakowa. Meine einzige Sorge, meine einzige Freude ist – Mitrofan. Ich habe gelebt, er muß erst leben und Mensch werden. (Hier erscheinen Kutejkin mit einer Fibel und Zyfirkin mit einer Schiefertafel und einem Griffel. Beide fragen durch Zeichen Jeremejewna, ob sie eintreten dürfen. Sie winkt herein, Mitrofan – heraus.) Nun, Gott wird wohl gnädig sein, wird ihn mit Glück segnen.
Prawdin. Sehen Sie sich um, gnädige Frau, was hinter Ihrem Rücken vorgeht.
Frau Prostakowa. Ach, das sind Mitrofans Lehrer; Ssidorytsch, Kutejkin –
Jeremejewna. Und Pafnutjitsch, Zyfirkin.
Mitrofan (beiseite). Hole sie der Henker mitsamt der Jeremejewna!
Kutejkin. Frieden der Herrin dieses Hauses und viele Jahre des Wohlseins ihr, den Kindern und Angehörigen!
Zyfirkin. Wir wünschen Ew. Wohlgeboren Gesundheit auf hundert Jahre, und noch zwanzig, und noch fünfzehn!
Milon. Ei, das ist ja unsresgleichen, ist Soldat! Wie kommst du her, mein Freund?
Zyfirkin. Diente in der Garnison, Ew. Wohlgeboren, und bin nun verabschiedet.
Milon. Wie verdienst du dir denn dein Brot?
Zyfirkin. Es geht schon zur Not, Ew. Wohlgeboren. Ich habe einige Begriffe vom Rechnen und verdiene meinen Groschen von den Beamten der Rechnungsexpedition. Nicht jeden hat der liebe Gott mit Bildung gesegnet: da bittet mich denn so einer, ihm eine Rechnung zu kontrollieren oder die Summe zu ziehen. Solcherart verdien’ ich mein täglich Brot, sitze nie die Hände im Schoß. In meinen Mußestunden erteil’ ich Kindern Unterricht. So unterricht’ ich auch bei Ihro Gnaden: schon das dritte Jahr quälen wir uns mit den Brüchen ab, aber es will und will nicht recht kleben. Natürlich: ein Mensch ist nicht wie der andre.
Frau Prostakowa. Was quasselst du da, Pafnutjitsch, ich habe nicht recht gehört?
Zyfirkin. Ich erklärte Sr. Wohlgeboren, daß man manchem Klotz in zehn Jahren das nicht einkeilen kann, was ein andrer im Fluge erhascht.
Prawdin (zu Kutejkin). Und du, Kutejkin, bist du nicht gar ein Studierter?
Kutejkin. Bin ein Studierter, Ew. Wohlgeboren. In dem Seminarium der hiesigen Eparchie kam ich bis zur Sekunda, machte jedoch laut dem Willen Gottes Kehrtum. Darauf hab’ ich ins Konsistorium eine Bittschrift eingereicht, so da zu lesen stand: „Der und der Seminarist, Sohn eines Kirchendieners, bittet, aus Furcht vor den Abgründen der Kenntnisse, ihn vom Studium der Wissenschaften zu dispensieren.“ Worauf denn auch alsbald eine gnädige Resolution einlief des Inhalts: „Den und den Seminaristen von jeglichem Studieren zu befreien, denn es stehet geschrieben: Ihr sollt nicht die Perlen vor die Säue werfen, auf daß sie dieselbigen nicht zertreten mit ihren Füßen.“
Frau Prostakowa. Wo ist denn unser Adam Adamytsch?
Jeremejewna. Bin auch zu ihm gegangen, habe aber mit Mühe auf den Füßen stehen können: ganz eingehüllt war er in Rauchwolken. Ich bin beinah’ von diesem verfluchten Tabak erstickt. Ist das eine Sünde!
Kutejkin. Hat nichts zu sagen, Jeremejewna! Im Tabakrauchen finde ich keine Sünde.
Prawdin (beiseite). Kutejkin will klugsprechen!
Kutejkin. In vielen Büchern ist’s gestattet. Im Psalter steht wörtlich: „Saat zu Nutz den Menschen.“
Prawdin. Und wo noch?
Kutejkin. Auch in einem andern Psalter stehen dieselben Worte. Unser Priester hat einen in Oktavformat, und auch dort steht’s.
Prawdin (zu Frau Prostakowa). Ich will beim Lernen Ihres Sohnes nicht hinderlich sein; ergebenster Diener.
Milon. Noch ich, gnädige Frau.
Frau Prostakowa. Wohin denn, meine Herrn?
Prawdin. Ich werde ihn auf mein Zimmer führen. Freunde, die sich lange nicht gesehn, haben einander vieles mitzuteilen.
Frau Prostakowa. Und wo werden Sie essen – mit uns oder auf Ihrem Zimmer? Am Familientische sitzen nur wir und Sophiechen –
Milon. Mit Ihnen, mit Ihnen, gnädige Frau.
Prawdin. Wir beide werden die Ehre haben. (Beide ab.)