Das Historische.

Im Juli 1919 war in München eine aufgeregte Zeit. Am 1. Mai war die Räterepublik gefallen. Die Kämpfe und Verhaftungen hatten durch Wochen gedauert, noch jetzt war das große Aufräumen in Gang: täglich Verhaftungen, Verhandlungen, täglich Gefahr.

p. 45 In dieser Zeit verkehrte in Münchener Kommunistenkreisen ein gewisser Blau. Kommunistenkreise waren damals illegal und bedroht; Blau lief in dieser Illegalität und Bedrohung herum und führte vermutlich das Leben der Geflüchteten: Übernachten da und dort bei Genossen, Treffpunkte in entlegenen Wirtshäusern da und dort, alles geheim und verborgen.

p. 46 Am 29. Juli fuhr Blau mit drei Begleitern nach Magdeburg. Deren Namen sind Schreiber, Herm und ein gewisser Schuster. Vermutlich war die Partei die Mittlerin ihrer Bekanntschaft; ob sie persönlich voneinander gewußt haben, ist unbestimmt. Jedenfalls steht der Name Schuster in Fragezeichen.

p. 46 In Magdeburg scheinen sich die vier getrennt zu haben: von Schuster ist keine Erwähnung mehr, Schreiber fuhr nach Hötensleben zu den Eltern des Herm und blieb dort bis nach Auffindung der Leiche (7. August).

p. 47 Wo Herm geblieben war, ist nicht nachgewiesen; doch kam er noch vor der Ermordung des Blau am 2. August abends bei seinen Eltern in Hötensleben an; nach Angabe des Schreiber aus Berlin.

p. 46 Blau war am 31. Juli vormittags allein bei einem gewissen Mahlig in Sangerhausen, am p. 49 1. August nachmittags, wieder ohne Begleitung, in Berlin, Bayreuther Straße 10, beim Portier Nowak des Hauses, in dem seine Frau wohnte.

p. 49 Vom 1. August abends an ist Blaus Aufenthalt lückenlos festgestellt. Er taucht auf in einer Kommunistenversammlung in der Mittenwalder Straße zu Berlin. Die Versammlung wurde von dem Lederarbeiter p. 50 Leuschner geleitet. Noch während der Versammlung geriet Blau mit Anwesenden in lebhafte Besprechung; nachher bewegte er sich mit einem Trupp in der Richtung zum Viktoriapark.

Als seine Begleiter wurden festgestellt: Acosta, Geißler, Gentz, Kluft, Leuschner, Pohl jun. und sen., Schmidt, Schröder. Später kamen dazu noch Hoppe und noch ein Mann, der als erster Unbekannter mit (1) bezeichnet sei.

p. 50 In der Nähe des Viktoriaparkes trennte sich der Trupp und Blau ging mit Hoppe und Geißler in die Wohnung der beiden Pohl, wo anscheinend geschlafen wurde.

Am Morgen des 2. August ging Geißler weg. Später kam der Mann (1), rief Hoppe und sprach mit ihm auf dem Flur; ging und kam mit zwei Feldgrauen (2), (3) zurück; weitere vier Mann (4), (5), (6), (7) waren auf der Straße und bewachten das Haus.

Weiter kam ein Mann in braunem Anzug (8), der eine Flasche hatte, in der nach seinen Angaben Morphium war; dieser sprach mit Hoppe und ging dann.

p. 51 Im Laufe des 2. August fand der Umzug in die zur Zeit leere Wohnung der Eheleute Winkler statt. Der junge Winkler verließ die Wohnung, ehe Blau und seine Begleiter ankamen und händigte auf der Straße den Schlüssel entweder dem Hoppe oder einem der Wachleute (1)-(7) aus.

In die Wohnung ging zuerst dieser Wachmann, später erst kamen Blau und Hoppe; einige andere, vermutlich welche der Wachleute (1-7), werden nachgefolgt sein, der Rest soll als Posten auf der Straße gestanden haben. Auch Fichtmann soll das Haus betreten haben.

p. 52 Auf der Straße trafen sich Neugierige; Pohl, Winkler, Acosta sind genannt; sie standen dort bis in die Nacht. Dann gingen Winkler und Acosta zu Schröder, um dort zu schlafen; sie trafen Schröder zu Hause und sprachen mit ihm.

Schröder ging daraufhin fort und begegnete Pohl in der Nähe der Winklerschen Wohnung; zu beiden trat einer der Wachleute und forderte sie auf, die Leiche mittragen zu helfen.

Schröder folgte dem Mann; der Körper, in eine Decke gewickelt, war schon auf der Straße. Schröder nahm ihn auf und warf ihn in den Kanal – aus dem er am 7. gezogen wurde.

Anwesend waren noch Pohl, Schröder, Hoppe und ein Wachmann (die in das Lokal von Maß gingen). Vier weitere Leute, darunter nach Aussage des Pohl auch Fichtmann, zerstreuten sich.

Die Nachzählung der Personen ergibt, daß im Laufe des Tages etwa acht Unbekannte auftauchten, von denen nach der Tat fünf noch anwesend waren.

Die Gespräche der Beteiligten.

Die bezeugten Aussagen und Gespräche lassen einen Zusammenhang zwischen den Münchener und Berliner Kommunistenkreisen zweifelhaft erscheinen:

p. 45 In München hielt man Blau für entlarvt; man hatte ihn erkannt; Herm äußerte sich in diesem Sinne, und Schreiber sowie Frau Baumeister geben als Ziel der Reise an, Blau nach dem Norden vor die Berliner Genossen p. 47 zu bringen. Blau hatte einen Ausweis der Fahndungsabteilung München, den Herm ihm abnahm; an der Spitzeltätigkeit des Blau war kein Zweifel.

p. 48 (Daß Herm nach Auffindung der Leiche sofort an Mord dachte und bemüht war, seine Berührung mit Blau zu verwischen und Aufzeichnung und Briefe zu vernichten, ist leicht verständlich, wenn man das Risiko langmonatiger Untersuchungshaft berücksichtigt – wie sie in diesem Prozeß der unbeteiligte Leuschner erlitt –.)

p. 49 In Berlin lagen die Dinge anders: als man den Mann in der Versammlung erkannt hatte, ließ man sich in eine Diskussion mit ihm ein und sandte Hoppe mit einem Begleiter ab, um einen Genossen Stolz oder Strolz zu holen, der den Verdächtigten bestätigen p. 55 sollte. Hoppe gibt an, bis zuletzt die Gegenüberstellung der beiden gefordert zu haben: unzweifelhafte Klarheit scheint nicht bestanden zu haben.

Auch Blau selbst hat die gegen ihn erhobenen Anklagen nicht sehr ernst genommen. p. 46 Die Warnungen des Schreiber wies er ab.

p. 46 Er wußte aber, daß ihm nach dem Leben getrachtet wurde und daß es um Leben und Tod ging. Dem Mahlig erzählte er, daß er große Dinge vorhabe: ob es der Mordplan gegen den Kommunistenführer Eichhorn war, die 50000 M., von denen Acosta dem Schröder erzählte? Schwer sind die Reden dieses Mannes mit seinen Handlungen zu vereinen: warum geht er mit seinen Feinden, bleibt dort über Nacht, geht in eine zweite Wohnung? Er mußte die Gefahr nicht so nahe geahnt haben – oder er sah seine eigentlichen Feinde gar nicht in den Kommunisten? Denn während dieser vierundzwanzig langen Stunden hätte er sicher entfliehen, unbedingt aber Lärm schlagen können; doch er blieb.

Auch ein anderes ist auffällig: wenn man einen Spitzel entlarvt hat, schlägt man ihn gleich tot oder man stellt seine Persönlichkeit fest, photographiert ihn usw. und läßt ihn dann laufen. Aber man zieht ihn nicht von Wohnung zu Wohnung, um ihn dann zu ermorden. (Daß man den Mann von München abschob oder weglockte, ist begreiflich: unter den damaligen Zuständen in München war der Mann zu gefährlich.)

p. 50 In Berlin soll der Plan zur Ermordung schon bei den Teilnehmern der Versammlung aufgetaucht sein. Greifbare Formen hat dieser Plan erst gefunden, als man die Ausführung bespricht. Der junge Pohl gibt an, daß ein Korb für die Leiche besorgt werden sollte; seine Eltern weigern sich, in ihrer p. 51 Wohnung die Tat ausführen zu lassen. Vor dem Winklerschen Hause, auf der Straße stehen Leute; Wachleute? Neugierige? Es wird geraunt, daß oben mit Blau etwas vor p. 52 sich gehe. Man beobachtet, erörtert, berichtet sich. Man spricht wieder von einem Korb für die Leiche, sieht Wein holen usw.: sie reden alle von dem, was vermutlich oben geschieht.

Über die Vorfälle in der Wohnung selbst liegen widersprechende Aussagen vor. Die p. 55 ausführlichsten stammen vom Zeugen Pohl, der aber weder im Haus, noch in der Wohnung, sondern auf der relativ dunklen Straße sich aufhielt. Dieser gibt an, daß Fichtmann für die Leute Wein geholt habe (in dem Blau das Morphium verabreicht worden sei) und daß Fichtmann beim Leichentransport vorausging; p. 53 ferner, daß nach der Tat Hoppe und der eine Wachmann erzählt haben, sie beide hätten den Blau erdrosselt, die anderen beiden Anwesenden, darunter Fichtmann, ihn p. 53 festgehalten. Hoppe selbst gibt an, die Wohnung verlassen zu haben, als er sah, daß die anderen vom Mord nicht zurückzuhalten p. 54 waren. Auch in seinem Kassiber vertritt er p. 55 diesen Standpunkt und gibt als Nachrichtenquelle für die Details der Ermordung Acosta p. 55 an. Fichtmann leugnet überhaupt seine p. 56 Anwesenheit, die Anwesenheit des Winkler ist unwahrscheinlich; auch Schröder, der nachher dazukam, vermag Näheres nicht anzugeben. –

Zieht man die Bilanz, so findet man das Vorauszusehende: der äußere Gang der Ereignisse steht ziemlich fest. Man kennt den Schauplatz und weiß ungefähr, was passierte; außer den Festgestellten waren noch unbekannte Leute beteiligt, Leute, die vermutlich auch den Zeugen und Angeklagten namentlich nicht bekannt waren. Wie die Rollen verteilt waren, ist nicht klar; klar ist nur, was geschah: der Mord.

Fragt man weiter nach dem Zusammenhang des Geschehens: der Abtransport aus München erscheint motiviert und logisch; die Entlarvung in der Versammlung und Diskussion über das „Was nun?“ ist erwiesen. Dann kommt eine Lücke, in der man die Initiative nicht mehr erkennen kann. Diese Dunkelheit wird durch das Verhalten des Blau noch mehr getrübt: was geschah in der Wohnung des Pohl und des Winkler und wer waren die treibenden Kräfte? Die Angeklagten, oder die Unbekannten? Man kann nur raten, man weiß es nicht. Man weiß nur, daß außerhalb der betreffenden Häuser, auf der Straße Zufällige, die von den Dingen wußten, herumstanden und kombinierten – und daß dann die Leiche kam.

Dies ungefähr sind die Bruchstücke, die der Kritik standhalten; man kann damit nicht mehr tun, als die Leute taten, die auf der Straße standen: kombinieren, – was nicht allzu schwer erscheint. Aber der Verlauf der Verhandlung wird zeigen, wie all diese Kombinationen zusammenfallen, weil ein ganz neues Element hinzukommt: das Spitzeltum.

Die Gegenschrift des Verteidigers Dr. Weinberg beschränkte sich, wie meist bei Schwurgerichtssachen, auf die Betonung und Beantragung einiger für die Beschuldigten vorteilhaften Punkte, so daß sie der Eröffnung des Hauptverfahrens nicht im Wege stand.

2 c J 2691, 10

Beschluß.

Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wird gegen

1. den Lederarbeiter (Schankwirt) Max Fichtmann aus Berlin, Parochialstr. 35, zur Zeit in der Strafanstalt Brandenburg a. H. in Sachen 67 J 2699, 10 Staatsanwaltschaft I Berlin in Strafhaft, geb. am 22. November 1898 Berlin, mosaisch,

2. den Kaufmann (Verkäufer von Broschüren) Erwin Hoppe aus Berlin, seit 13. November 1919 hier in Untersuchungshaft, geb. 1. April 1899 Berlin, religionslos, unverheiratet,

3. den Schneidergesellen Willi Winkler aus Berlin, seit 13. November 1919 hier in Untersuchungshaft, geb. 16. September 1899 Berlin, evangelisch, unverheiratet,

welche hinreichend verdächtig erscheinen, in Berlin zu Anfang August 1919

a) Fichtmann und Hoppe gemeinschaftlich mit anderen den Inspektor Blau (Karl) vorsätzlich getötet und diese Tötung mit Überlegung ausgeführt zu haben,

b) Winkler den Angeschuldigten Fichtmann und Hoppe und den Mitgliedern bei Begehung des Verbrechens zu a durch Rat oder Tat wissentlich Hilfe geleistet zu haben,

Verbrechen gegen §§ 211, 47, 49, StGB.

das Hauptverfahren vor dem Schwurgericht des Landgerichts II in Berlin eröffnet.

Die Untersuchungshaft gegen die Angeklagten Hoppe und Winkler dauert aus den bisherigen Gründen fort.

Die Ausführungen des Verteidigers Rechtsanwalt Dr. Weinberg in der Schutzschrift vom 1. Juni 1920 stehen der Eröffnung des Hauptverfahrens nicht entgegen.

Berlin, den 7. Juni 1920.

Landgericht II, Strafkammer 5
gez. Scheringer David Gerhard.

DIE VERHANDLUNG.