Die Gegner.
In den Novembertagen gab es eigentlich nur mehr Einzelne und zufällige Anhäufungen von Einzelnen: auf den größten dieser zufälligen Anhäufungen (dem Heer und den Arbeitermassen in den Betrieben) baute sich die erste Struktur auf. Es entstanden Richtlinien und damit die Schwierigkeit des Richtens: jeder Fortschritt mußte gegen den Widerstand des desorganisierten Einzelnen überwunden werden.
Doch darüber hinaus gaben die neuen Richtlinien zu Widerspruch Anlaß: die einen versuchten, wenn nicht die alte Regierungsform zu erhalten, so doch die Macht den Machtträgern des alten Regimes zuzuschieben. Die anderen wollten, wenn man schon aufbaut, einen von Grund aus neuen und verbesserten Bau – selbst, wenn es nötig war, vorher noch mehr zu zerstören. Beide warfen dem sich bildenden Staate die Charakterlosigkeit des feilschenden Maklers vor, die Angst um den billigsten Mittelweg.
Nun soll ja Politik die Kunst des Möglichen sein: aber in einem Trümmerfeld darf man nicht Politik verlangen, selbst wenn ein paar der Stücke Kristallisationskraft besitzen. Man muß auch bedenken, daß die rivalisierenden Kräfte sich gegeneinander organisierten und Tag um Tag die Möglichkeit sahen, sich durch Gewalt in den Besitz der wenigen Herrschaft zu setzen, die da war. Was die Arbeit und das Erbe der Räte bedeutsam macht, ist, daß es sich bis heute erhielt und durchsetzte; nicht: daß damals schon vorhanden war, was es ausgezeichnet hätte.
Drei feindliche Richtungen bekriegten sich auf einem Meere von Unordnung. Aber man darf die Zahl der zuverlässigen Anhänger nicht überschätzen; die Richtungen selbst haben sich erst allmählich gefestigt und durchgesetzt.
Der damalige Zustand ist etwa auf die Formel zu bringen: Jeder sein eigener Patriot; nach seinen Kräften. Wer einen Mund hatte, brüllte; wer eine Faust hatte, schlug. Der Besitz eines Maschinengewehrs war mehr wert als der einer Überzeugung; und, da die Verständigen ohnmächtig und ratlos verstummten, hatten’s die Dummköpfe leicht, laut zu sein. Sie fühlten sich sogar dazu berufen und angestellt.
In solchem Zustand wiegen die Köpfe nicht, da gilt ein Temperament alles, und die Temperamente kamen:
Die Unruhigen: Abenteurer, Wichtigtuer, Projektemacher, Querulanten; Die Phantasten: Fanatiker, Propheten, Halbirre, Ekstatiker; Die Schmarotzer: Intriganten, Hanswurste, Schmeichler, Faulenzer: eine wogende Masse, die brodelnd aufgerührt wurde und haltlos hin- und herschlug. Dazu kam die Unzahl derer, die aus Trägheit oder Gelegenheit leichtem Unterhalt nachging und dem nächsten sich anschloß; und endlich der unzuverlässigste unter allen Machtfaktoren innerpolitischer Auseinandersetzung: die, deren Stellungnahme in einer Stunde wechselt und unvorhergesehen entscheiden kann; die Legion derer, die ihrer Art nach Soldaten sind und gehorchen und siegen wollen, das Heer!
Drei hauptsächliche Richtungen, eine Anzahl Querköpfe auf eigene Faust, eine Unzahl von Mitläufern und ein desorganisiertes Heer: das waren die Figuren des damaligen politischen Spieles – abgesehen von ein paar Führern und ihrem organisierten Anhang unverantwortliche Außenseiter, wucherndes Fleisch, dessen Aufsaugung der Republik bis heute nicht gelang.