IX.
Von Musemanjana nach Moschaneng.
Aufbruch nach Moschaneng.—Quaggaflats.—Hyänenjagd bei Mondschein.—Makalahari-Reiter—Konana.—Barolongenstolz.—Acht Löwen.—Eine Begegnung mit Löwen am Setlagole.—Thierleben auf der Hochebene.—Gnujagd bei Nacht.—Boly verirrt sich.—Zebrajagd.—Skeletthügel.—Eine abenteuerliche Gansjagd.—Südafrikanischer Frühling.—An Ufer des Molapo.—Molema's Town.—Rev. Webb und die Mission daselbst.—Chef Meloma.—Kranken-Ordination.—Siedlersperlinge.—Huß-Höhe.—Ankunft in Moschaneng.—Hohe Gäste.
Abends fand sich der Schmied mit seinem Meisterstücke ein, das kaum zur Noth brauchbar war. Als man im Dorfe unsere Vorbereitungen wahrnahm, kamen die Leute herbeigeströmt und ein Jeder begehrte ein Geschenk; nur die, welche uns behilflich waren, bekamen etwas Tabak und je ein färbiges Tuch. Als wir schon eingespannt hatten, kam noch der Chef mit einem Ansuchen. »Mein Kind (der ihm verwandte Schwarze) geht mit Euch, er war einer meiner Diener, deshalb verliere ich einen Arbeiter, ich kann ihn nicht ziehen lassen, bevor Ihr mir nicht 8 Shilling bezahlt, d.h. so viel, als Ihr ihm wöchentlich Lohn gebt!« Um nur loszukommen und die ausgeglichenen Differenzen nicht vielleicht im letzten Augenblicke durch andere erneuert zu sehen, gab ich dieser Erpressung nach und wir zogen ab.
Unter der Führung des oben erwähnten Dieners setzten wir unsere Reise fort und machten erst in später Nachtstunde Halt. Beim Anzünden des Lagerfeuers hatten wir viel Mühe, um einen Grasbrand zu verhüten, da sich der Wind zu einem wahren Orkan gesteigert hatte. Dagegen war der folgende Morgen (21. November) schön und warm, wir begegneten einigen Makalahari- und Barolongfrauen, welche junge, kaum aus den Puppen gekrochene Heuschrecken emsig sammelten. Nach einer 3½ stündigen Tour erreichten wir eine seichte Vertiefung, in welcher wir in einigen Löchern schönes klares Trinkwasser fanden. Unsere Weiterfahrt führte uns in einer nordöstlichen Richtung über unabsehbare, sehr spärlich bebuschte Ebenen. Das trockene Gras verbreitete einen angenehmen Heugeruch, frisches Gras sproßte allenthalben unterhalb der trockenen Stengel. Der Boden war nach allen Richtungen von den Eingängen zu den unterirdischen Bauten der Springhasen, Stachelschweine und Erdferkeln durchfurcht. Doch mangelte es auch nicht an solchen der Schakale, während die Hyänen die von den Erdferkeln verlassenen Löcher bezogen hatten. In diesen von Weißen unbewohnten Gegenden werden die Schakale, die Kaamafüchse und die Proteleswölfe ihres Balges halber, der zu Carossen verarbeitet wird, von den Eingebornen häufig gejagt. In den wildreichen, von Weißen bewohnten Localitäten sind es wieder die Hyänen, die meist mit Strychnin ausgerottet werden.
[Barolongmädchen Heuschrecken sammelnd.]
Nachdem wir 14 englische Meilen zurückgelegt, kamen wir in ein zweites, doch breiteres Thal, das wieder zahlreiche Wasserlöcher aufwies. Man hatte hier das Gras im September niedergebrannt, das frische stand schon 12 Zoll hoch. In diesem Thale trafen wir auch die äußerste von Chef Hendriks Ansiedlungen, d.h. Viehposten, und an dieser allein zählten wir über 100 Rinder. Um uns nach allen Seiten hin erstreckte sich die Ebene bis an den Horizont.
Wir betraten die Quaggaflats und damit Montsua's Gebiet. Der nächste Tag war schön und warm, auch hatte sich der Wind gelegt, dagegen hatten wir auf dem die ganze Strecke entlang morastigen Boden mit zahllosen Schwierigkeiten im Fortkommen zu kämpfen. Wir begegneten aus Marokana kommenden und auf die Jagd ausgehenden Barolongen und knüpften mit ihnen Verhandlungen über den Austausch einiger Zugthiere an, die indeß resultatslos waren, da die Barolongen in einem Athem ihre Forderungen hinaufschraubten und Schließlich 8 £ St. für je ein Thier begehrten.
Am folgenden Tage, den 23., verließ ich, von F. und einem unserer Schwarzen (Boy) begleitet, den Wagen, um zu jagen. Ich beobachtete auf diesem Jagdausfluge, daß die Springbockgazelle ihre Kälbchen den Tag hindurch sich selbst überläßt, oft sich auf weite Strecken entfernt und erst gegen Abend zu den Kleinen zurückkehrt und dann bis gegen Sonnenaufgang bei ihnen verbleibt. Geht man ruhig durch das zwei Fuß hohe Gras jener Ebenen, so kann man sich den im Grase verborgenen Thieren bis auf 20-25 Schritte nähern, ohne im Geringsten ihre Gegenwart zu bemerken. Die schönen Thierchen bleiben, ohne sich gleich den Orbekigazellen, um dem Beobachter zu entgehen, flach ausgestreckt auf den Boden zu legen, selbst im kurzen Grase völlig unbemerkt.
Nachmittags kamen wir auf einen nach Norden führenden Weg, der sich später als die Verbindungsstraße zwischen Mamusa und Konana herausstellte und dem wir auch folgten. Dieser Weg bestand in einem vielleicht vor drei Monaten zuletzt befahrenen Geleise und schien auch häufig als Fußpfad von den Eingebornen benutzt zu sein. Wir waren an den Rand einer von Osten nach Westen unabsehbaren, nach Norden zu in ihrer Mitte von Höhenkuppen begrenzten und nach dieser Richtung in der Entfernung einiger Meilen von isolirten Gehölzen unterbrochenen Ebene gelangt. Abend und Nacht waren ungewöhnlich schön, der bleiche Mond mit einem Nebelkreis um seine runde Scheibe lächelte so freundlich und die flimmernden Sternlein blickten so hell zur Erde, daß ich trotz der Müdigkeit stundenlang die Pracht dieser Nacht bewunderte. Meine Gefährten hatten einer nach dem Andern sich in Morpheus Arme geworfen. Nur die Hunde blieben bei mir, ich konnte mich von der dunklen, mit einem grauen Schimmer—dem Abglanz von Luna's Strahlen—übergossenen unabsehbaren Fläche und dem leuchtenden Gestirn über mir nicht trennen.
Eine plötzliche Bewegung Niger's riß mich aus meinen Gedanken. Von »Onkel«, einem zweiten Hunde gefolgt, sprang Niger einige Schritte vorwärts und fing an zu knurren. Ich sollte über die Ursache dessen nicht lange im Zweifel bleiben. In die Stille der Nacht tönte von der etwas niedriger liegenden Ebene vor mir ein langgezogenes, äußerst unangenehmes, klagendes Geheul. Der häßliche Laut, dieses tiefe, entfernte Stöhnen einer gefleckten Hyäne fiel wie ein Mißton in die Idylle der schönen Nacht um mich. Eben im Begriffe, es meinen Gefährten gleichzuthun, die alle bereits im Reiche der Träume lebten, wurde ich durch die gesteigerte Unruhe der Hunde auf die Annäherung der Raubthiere aufmerksam und faßte den Entschluß, auf diese lästigen Ruhestörer Jagd zu machen. Ich kroch zu Pit und Boy, rüttelte sie auf und hieß sie die Hunde halten, holte dann Gewehr und Munition aus dem Wagen, weckte F. auf und ohne mich mehr nach ihm umzusehen, hielt ich nach der Richtung zu, von der mir das Geheul zu kommen schien. Die Hunde am Wagen gaben aber den Dienern tüchtig zu schaffen, da die afrikanischen Hunde die Hyäne stets als ihren Erzfeind betrachten und sie anzugreifen suchen. Theils gebeugt, theils auf Händen und Füßen vorwärts schleichend, hatte ich etwa 100 Schritte zurückgelegt, als mir ein dumpfes Knurren auffiel. Ich hielt an, legte mich flach hinter einen der niedrigen Termitenhügel und nachdem ich mich umgesehen, ob alles auch hinter mir in Ordnung sei, legte ich den Hinterlader zum Schusse bereit neben mir nieder. Das Knurren kam näher, doch schien es mir mehr wie ein Scharren denn ein Knurren—vielleicht ein Stachelschwein oder Erdferkel? »Hu—hu,« tönt es plötzlich vor mir, und das »Hu—hu« wiederholt sich, noch ein zweites und tieferes, dann ein Scharren und Knurren, alles klar und deutlich hörbar und doch vermag ich nichts zu sehen.
[Hyänenjagd.]
Vergebens beuge ich mich mit dem halben Körper über den Hügel, ich sehe nichts als Termitenhügel—es wird stille. Das Knurren und Scharren hört auf und ich mußte annehmen, daß ich durch meine Unvorsichtigkeit die Raubthiere verscheucht hatte—ich hocke mich wieder hinter den Erdhügel nieder und verhalte mich still, um selbst die leiseste Annäherung der Thiere wahrnehmen zu können. Doch ich harre vergebens, einige Termiten machen mir das Liegen recht unbequem, ja unmöglich. Plötzlich erschallt, kaum einige Dutzend Schritte vor mir das Doppelgeheul und das grunzende Stöhnen abscheulicher wie je—doch trotz Mondscheins und der äußersten Anstrengung meiner Sehkraft kann ich nichts erspähen, nichts als Termitenhaufen starren mich an. In diesem spannungsvollen Momente vernahm ich ein Rauschen, ein Knurren und Fauchen hinter mir, mich umwendend, will ich schon losdrücken, ich sehe eben einen dunklen Gegenstand an mir vorübergleiten, als glücklicher Weise ein bekanntes Gebell mich rechtzeitig an den Irrthum mahnt, den ich mit dem Niederstrecken eines meiner Hunde begangen hätte. Bei dem letzten Geheul der Hyäne hatte sich Niger losgerissen und Boy, fürchtend, daß die Hyäne den Hund erwürgen könnte, hatte sofort auch dem starken Onkel die Freiheit gegeben, der nun in Sätzen nach Niger gesprungen kam. Sie jagten die Ebene weit nach abwärts, doch die Hyänen waren rechtzeitig geflüchtet und verdrießlich mußte ich den Rückzug antreten.
[Von acht Löwen überrascht.]
Unter den südafrikanischen Raubthieren ist die gefleckte Hyäne in Bezug auf Lebenskraft das zäheste Thier, sowohl dem Hunger, als auch den schlimmsten Verwundungen setzt ihr Organismus zähen Widerstand entgegen. In einem Falle war einer Hyäne am Schascha-River (Matabele-Land) durch einen Streifschuß der Unterleib aufgeschlitzt worden, so daß die Eingeweide heraushingen, trotzdem lief sie noch lange, mindestens die doppelte Zeit als es ein anderes Säugethier ausgehalten hätte, um dieselbe Einfriedigung, aus welcher der Schuß gefallen war. Die in Gangrän übergegangene Wunde eines durch eine Löwin verwundeten Bamanquato hatte sie angezogen. Ich werde noch mehrmals Gelegenheit haben, auf diese Raubthiere zurückzukommen.
Nächsten Morgens fanden wir uns am Rande eines die eben durchschrittene Ebene nach Norden begrenzenden Gehölzes. Wir fanden hier einige elende Hütten aus in die Erde eingetriebenen und mit Gras überworfenen Aesten errichtet, welche von Jochoms, einem Zweigstamme der Makalahari, bewohnt wurden. Diese Eingebogen waren Vasallen eines eine Stunde weit ab in einem anderen Gehölze wohnenden Barolongen, mit Namen Mokalana, beide Gehöftgruppen führten auch den Namen des Besitzers. Es wiederholt sich unter den Betschuana's häufig, daß neue Städte und Dörfer, nach dem Erbauer oder Besitzer benannt werden, eine Gepflogenheit, die oft zu Irrungen Anlaß gibt, indem ein Ort zuweilen zwei bis drei Namen, seinen herkömmlichen, den nach dem letzten und den nach dem gegenwärtigen Häuptling führt, oder daß der Häuptling seinen Wohnsitz ändert und einige Meilen weit ab eine zweite gleichnamige Stadt erbaut. Die Jochoms hatten eine Heerde Kühe und Schafe zu hüten und zugleich für ihren Herrn und Gebieter zu jagen. Zu letzterem Zwecke hatten sie einige Pferde zu Gebote und schienen sich weit besser im Sattel zu fühlen als je ein Betschuana.
Für das Geschenk eines Taschenmessers bewog ich einen der Eingebornen zu dem »Baß« zu reiten und ihn zu ersuchen, mir gegen Geldentschädigung und Munition einige junge Ochsen gegen unsere matteren auszutauschen. Während unseres Imbisses sahen wir einen Makalahari hoch zu Rosse von der Jagd heimkehren. Der nur in glatt gargearbeitete Lederstücke gehüllte und mit Assagaien, die mit ihrem unteren Schaftende in eine Ledertasche am Steigbügel eingelassen waren, bewaffnete rothbraune Sohn der südafrikanischen Hochebene sah ganz stattlich aus, er ritt eine starke Fuchsstute und hatte vorne über seinen primitiven Sattel und den Nacken des Pferdes einen Bläßbock liegen. Dem von Jugend auf an die Ebene, ihr hohes meist in Büscheln wachsendes Gras, ihre zahllosen, kleinen und größeren Löcher gewöhnten Pferde die Zügel lassend, jagt der Reiter der flüchtigen Heerde nach (Springböcke sind zu rasch für ihn, um sie vollkommen einzuholen), bis er sie nach einem halbstündigen Ritte eingeholt, dann ist der Assagaie auch schon wurfbereit und bohrt sich in das Thier, an dem er vorübersaust; der Jäger begnügt sich mit diesem einen und verfolgt fast nie ein zweites, sondern wendet das Pferd und wirft seinen zweiten Wurfspeer, der dem flüchtigen Thiere meist den Garaus macht. Je weniger Wunden, desto gnädiger wird das Fell von dem Baß entgegen genommen.
Da der ausgesandte Bote nicht kam, ließ ich einspannen. Kaum hatten sich jedoch meine Diener an diese Arbeit gemacht, als einer der Makalahari den von der Ferne ankommenden Genossen entdeckte. Die Antwort lautete dahin, daß der Baß nur ein Gespann (Zug) Ochsen hätte, die er selbst benöthige, daß er uns aber ein Schaf für einen Becher Schießpulver (etwas über ein Pfund) geben wolle. Ich nahm dieses Anerbieten an und erhielt einen feisten »Fettschwanz« für die geforderte Quantität Schießpulver, dem ich einige Kleinigkeiten (Feuerdosen, Kettchen, Nadeln etc.) als Geschenk beifügte, das zu entgegnen die Makalahari sich beeilten und mir einige Protelesfelle und einige Bläßbock- und Hartebeesthörner überbrachten.
Der Morgen des folgenden Tages brachte mir eine sehr unangenehme Ueberraschung, eines der Zugthiere war verendet, es blieb mir nun nichts übrig, als die schwere Last des Wagens den übrigen drei Zugthierpaaren aufzubürden. In das Thal, das wir nun verfolgten, mündeten einige Querthäler, deren Sohle bebaute Felder bedeckten; nach einigen Meilen gelangten wir in ein von Süden nach Norden sich erstreckendes Thal, das uns von einigen vorübergehenden Koranna's als das des Konana-Rivers, welcher sich durch ein Höhenland nach dem Maretsane zuwendet, bezeichnet wurde. Dieses Höhenland wird von Koranna's und Barolongen sowie deren Vasallen bewohnt und steht unter der Gerechtsame des Häuptlings Schebor, der selbst wieder Montsua's Unterthan ist.
[Jochom-Makalahari einen Bläßbock jagend.]
Nach einer einige englische Meilen langen Fahrt kamen wir zu dem sich in einem Höhensattel und am Abhange mit Bäumen bestandener Höhen ausbreitenden, an 1000 Einwohner zählenden Konana. Auf einer freien, von der Stadt nach Osten und nach dem tiefen, engen Thale des Konana-Rivers abfallenden Lehne sich ausbreitenden Rasenstelle hielt ich an, um mit meinem Wagen besser die Aufmerksamkeit der Bewohner auf uns zu lenken, denn ich hoffte hier einige frische Zugthiere eintauschen zu können. Es währte auch nicht lange und wir waren von zahlreichen Besuchern belagert, unter welchen die Koranna's das Hauptcontingent stellten. Ich hatte vor dem Wagen einige der auszutauschenden, ursprünglich für den Kauf von ethnographischen Gegenständen bestimmten Waaren ausgebreitet. Es waren ein guter Plüsch-Anzug, ein Paar Schuhe, zwei bunte Wollhemden, ein Hut, ein halbes Dutzend Taschentücher und eine halbe Rolle Tabak. Der Häuptling des Dorfes kam selbst, um die Waaren zu besehen, und trank eine Tasse Kaffee mit uns, doch die Leute zeigten keine Neigung, auf meinen beabsichtigten Tausch einzugehen. Von einem der Barolongen kaufte ich für ein Kalikohemd eine Holzschüssel, von einem Anderen für einen Becher Schießpulver zwei Kiri's und zwei Schakalfelle, von einer Frau zwei aus Glasperlen gearbeitete Schmucksachen. Von einigen der Besucher erfuhren wir, daß die umliegenden Höhen, wie auch jene am Setlagole- und Maretsane-Flüßchen zahlreiche Löwen beherbergen. Die Löwen waren hier so dreist und dies namentlich (was ich bestätigt fand), weil sie oft den Knall des Gewehres zu hören bekamen und an des Menschen Anblick gewöhnt waren. Obgleich die Umgegend von Wild wimmelte, bekundeten die Könige des Waldes trotzdem eine besondere Vorliebe für die Heerden des Menschen.
Einer der Barolongen brachte mir das Fell eines nicht vollkommen ausgewachsenen Löwen, für das er 3 £ St. in Gold begehrte. Ich bot einen alten Rock dafür, doch er bestand auf dem geforderten Preis, da er schon früher ein anderes Löwenfell in Klipdrift für 3 £ St. verkauft hatte. Ich rieth ihm an, es auf den Rücken zu nehmen und damit nach Klipdrift zu wandern, eine Zumuthung, die den Barolongen in Aufregung versetzte. Um mich vielleicht nachgiebiger zu stimmen, begann sein Freund mir in wahrhaft mustergiltigem Holländisch zu erzählen, auf welche Art der schmollende Gefährte zu diesem Löwenfelle gekommen sei.[[1]]
[1] Ich lasse hier absichtlich den vollen Wortlaut dieser Erzählung folgen, um die Umständlichkeit der Eingebornen bei solchen Anlässen zu charakterisiren.
»Der Mann,« meinte unser Vis-à-vis und zeigte auf den grollenden Helden, »hatte blos eine Kuh, die Kuh war sein, auch hat er zwei Frauen und ein gutes Stück Feld. Ein Hirt, der noch andere Rinder aus dem Dorfe zu beaufsichtigen hatte, hütete auch die Kuh. Dieser Junge kommt nun eines Tages gelaufen und klagt unter Heulen, daß ein Löwe die Kuh erwürgt hätte. Mein Gefährte lud schweigend sein Gewehr und folgte dem Jungen, der das Pulverhorn tragen mußte. An einer Stelle, von welcher man den Löwen und sein Opfer erblicken konnte, kroch mein Freund auf einen Baum, um Rundschau zu halten. Ja, dort sah er die Kuh liegen, aber keinen Löwen dabei. Mein »Bruder« näherte sich deshalb und kroch mit dem Jungen auf einen nahen Baum, von welchem herab er den Räuber wie eine Meerkatje (Scharrthier) todtschießen wollte. Mein armer »Bruder« hatte bis zum nächsten Morgen auf dem Baume zu sitzen, er wollte gegen den Abend heruntersteigen, da es ihm auf dem Dornbaume—er saß da drinnen (der Erzähler ahmte mit ausgespreizten Fingern eine Gabel nach)—nicht gefiel und sein Körper »hart« (steif) wurde, doch dachte er wieder auf die Abends aus den Gebüschen ausbrechenden Löwen und so blieb er mit dem Jungen, der, weil ihm die Füße von dem Stehen auf einem dünnen Aste schmerzhaft geworden waren, fürchterlich heulte. In der Nacht kamen sie, »nicht einer« (der Erzähler warf sich in die Brust), sondern viele (er begann von dem kleinen Finger der linken Hand nach rechts zu zählen), acht Löwen, he Makoa (Weißer)—acht Löwen!« Dabei sah er sich nach meinen Gefährten und den Dienern um, ob es wohl auch alle gehört hätten und wiederholte »acht Löwen«, wobei er sich etwas bückte, den Körper vorstreckte und beide Hände vor sich haltend mit acht Fingern die Zahl noch deutlicher zu verdolmetschen suchte, während sein Freund finster dareinblickend, noch immer ob der vorerwähnten Zumuthung beleidigt, unaufhörlich etwas in sich hineinmurmelte, wovon nur die Worte dree pund—dree pund (drei Pfund) hörbar waren.
Nachdem sich der Erzähler vergewissert hatte, daß wir alle die acht Löwen begriffen hatten, setzte er seinen Bericht fort. »Mein Bruder am Baume und das Kind bei ihm wollten keinen Löwen vor Tagesanbruch todtschießen; erst dann schoß der Mann auf einen, dessen Haut hier liegt und der zu dem Baume gekommen war, um sich mit dem Schädel daran zu reiben. Mein Bruder hielt sich mit den Füßen auf dem Baume und nachdem er dem Jungen zugeschrieen, sich mit Hand und Fuß festzuhalten, um nicht durch den Schrecken, den in ihm der Schuß hervorrufen könnte, herunter zu fallen, legte er an. »Tla-bumm« (hier folgte ein tüchtiger Schnalzer mit den Fingern, der den Schuß versinnlichen sollte) und (der Erzähler ahmte nun das Fallen nach) det Leu wat dod, morsh dod (der Löwe war todt, mausetodt). Die Andern aber grollten und brüllten und wiesen meinem Bruder und dem Kinde die Zähne so grimmig, daß dieses wieder zu heulen begann. Allein als die Sonne warm wurde und sie die Kuh abgenagt hatten, liefen sie davon. Mein Freund aber sprang herab, ließ den Jungen als Schildwache auf dem Baume und zog die Haut des geschossenen Löwen ab, die er dann heimbrachte und für die er 3 £ St. bekommen mut (muß), weil die Löwen seine einzige Kuh erwürgt haben, er konnte nicht einmal ihr Fell brauchen. Zudem bekam mein Bruder 3 £ St. für das Fell eines Löwen, welcher keine Kuh getödtet hatte.«
[Erzählender Barolonge.]
[Der Betschuana findet seinen zerfleischten Bruder.]
»Und warum hat denn Dein »Bruder« nicht alle die Löwen erschossen?«—Der Berichterstatter wandte sich nach den nach immer grollend dastehenden Gefährten und dieser, der sich durch die Frage beleidigt hielt, antwortete in der Setschuana mit vor Zorn entstellten Zügen. »Sagte nicht das Kind als es zu mir kam. »Ra« (Vater, Herr), ein Löwe hat Deine Kuh erwürgt? Und so nahm ich eine Kugel mit.« Darauf ergriff er seine Löwenhaut und trug sie von dannen.
Auch Schebor, der später hinzutretende Häuptling, betätigte, daß die Löwen in den Büschen und auf den Höhen an den drei Flüssen Konana, Setlagole und Maretsane »schlimm« (böse) seien und ihm schon so Manchen seines Volkes, so manches seiner Rinder getödtet hätten. Er ermahnte uns, namentlich während der Auffahrt auf die gegenüberliegenden bebuschten Höhen vorsichtig zu sein, da diese ein besonders beliebter Aufenthalt der Löwen seien. Er berichtete mir folgenden traurigen Fall, der sich an diesen Flüssen zugetragen und der mir auch später in Linokana (Stadt der Baharutse) wiedererzählt wurde.
Eine Schaar Eingeborner aus der Nähe von Maraba (Maraba's Stadt) passirte auf ihrem Wege nach den Diamantenfeldern jene Gegend. Diese Menschen, die oft ihre Heimat (z.B. das Makalakaland, von den Diamantenfeldern über 800 englische Meilen entfernt) nur mit einem Assagai und einem Stück Fell ausgerüstet verlassen und sich auf der ganzen langen Strecke bis nach den Diamantenfeldern nur von Wurzeln, wilden Früchten, nur hie und da vom Fleische kleinerer Wildbeute ernähren, bieten häufig dem Reisenden, der mit ihnen auf seiner Wanderung nach Norden zusammentrifft, einen Anblick, der den Hartherzigen erweichen müßte. Es sind förmlich zu Skeletten abgemagerte, oft tagelang hungernde Gestalten, die ihres Weges dahinschleichen und die den Hunger dadurch bekämpfen, daß sie die Leibriemen, die meist neben dem Stückchen Fell ihre einzige Bekleidung bilden, fester zusammenziehen. Eine solche Schaar war auf ihrem Marsche bis an den benachbarten Setlagolefluß gekommen. Wie gewöhnlich folgte Einer dem Andern auf dem von den Eingebornen dieser Gegend benützten Pfade. Der Kräftigste, noch Ungebeugteste, übernahm die Führung, die Schwächeren blieben zurück, der schwächste, oder ein Kranker sich selbst überlassen, gewöhnlich als letzter weit hinter seinen Genossen. Bei dieser Schaar befanden sich zwei Brüder, von denen der eine seit acht Tagen schon der »letzte« war. Am Ufer des Setlagole angekommen, wollte sich die Schaar etwas ausruhen und fahndete nach rübenartig geformten Knollen, die auf Kohlenfeuer gebraten, den ersehnten Nachtimbiß liefern sollten. Das Ufer des Flusses erwies sich an solchen so ergiebig, daß man hier zu übernachten beschloß. Der gewöhnliche Kreis schloß sich jedoch diesen Abend nicht vollkommen—einer der dunklen Männer fehlte. Sie sahen sich gegenseitig an, worauf Einer, des Vermißten leiblicher Bruder, aufstand, seine und des Bruders Knollen in sein kleines Fell nahm, das er sich von der Schulter zog, den Assagai ergriff und seinen Bruder suchen ging. Die Uebrigen setzten sich näher zum Feuer, schlossen den Kreis, verzehrten ihren Imbiß und nachdem sie mehrere Feuer errichtet, legten sie sich zwischen diese und ein Gebüsch zur wohlverdienten Ruhe.
Der kranke, durch Hunger geschwächte, von wunden Füßen gequälte Betschuana (ein Batloka) mußte häufig ausruhen und so war er vom rechten Pfade abgekommen und einem gefolgt, der in einen felsigen, durch zahllose Kareebäume und Büsche zu einem stellenweisen Dickicht umgewandelten und unter den Eingebornen als Löwenhöhle notorisch bekannten Thalstrich führte. Unter einer blühenden, schattigen Mimose ausruhend, wurde der Arme durch einen plötzlichen Sprung von einem dem ganzen Schwarm seiner Freunde und ihm unbemerkt folgenden Löwen niedergeworfen und im nächsten Momente auch getödtet.
Sein Bruder geht den Pfad zurück, läuft im Grase, um desto deutlicher die Stelle zu erkennen, an der die Fußspuren den Pfad verlassen, er findet die Stelle und den Irrpfad, den der Kranke eingeschlagen, doch er sieht auch schon des Löwen Spur im Sande. Statt umzukehren und die Hilfe der Genossen anzusprechen, eilt er vorwärts—er hat ja eine Waffe, doch was ist diese Waffe in der Hand eines Halbverhungerten gegen einen Löwen, der schon warmes Menschenfleisch genossen und Blut gerochen? So kommt er zu der Stelle wo der Bruder ohne Gegenwehr von dem Löwen getödtet wurde, des Bruders Stock liegt auf der Erde—die Leiche selbst mußte von dem Löwen fortgeschleppt worden sein—er blickt herum, geht einige Schritte—dort des Bruders aus Stroh geflochtener Hut und sein Kürbißgefäß, er springt näher, um einen Baum herum—unter diesem liegt die halbbenagte Leiche des Gesuchten. Ein Schrei dringt durch die Stille des Abends am Setlagole-Ufer. Aber auch der Löwe, der den Ankömmling schon lange bemerkt, hatte sich hinter ein nahes Gebüsch in Hinterhalt gelegt und sein zweites Opfer in dem Momente erfaßt, als es sich über den zerfleischten Körper seines Bruders zu werfen im Begriffe war.
Am folgenden Morgen als die Batloka's aufwachten und sich zur Weiterreise rüsteten, vermißte man die beiden Brüder. Nichts Gutes ahnend, liefen erst einige zu einem, am anderen Ufer einige hundert Schritte abseits liegenden Barolongen-Gehöfte, um sich Hilfe, d.h. Männer mit Gewehren zu erbitten, die man ihnen auch bereitwilligst mitgab. Man folgte dem Pfade, fand die Löwenspur theilweise von den Fußspuren des zweiten Bruders verwischt und endlich beide Leichen; die Leute konnten auch deutlich wahrnehmen, daß das Raubthier erst vor sehr kurzer Zeit, wahrscheinlich vor den lärmenden Menschen zurückweichend, den Ort verlassen haben mußte. Man nahm nun seine Spur auf und folgte ihr 500 Schritte weit längs des Flußufers. Bei einer Biegung glaubten einige in den Vaalbüschen einen gelbschimmernden Gegenstand zu sehen, riefen die Uebrigen herbei und obgleich man den Gegenstand nicht für einen Löwen hielt, schlugen sämmtliche Schützen auf das kleine Gebüsch, respective das gelb durchscheinende Object an und drückten los. Das Erstaunen aber war groß, als sie einen ausgewachsen, männlichen, von sechs Kugeln durchbohrten Löwen todt im Gebüsche vorfanden.[[1]]
[1] Siehe [Anhang 16].
Drei Meilen von Konana auf dem gegenüberliegenden Abhange (nachdem wir den zur Zeit unseres Besuches bis auf einige Lachen trockenen Fluß durchschritten hatten) wählten wir uns einen Lagerplatz aus und trafen alle nöthigen Vorkehrungen, um etwaigen Ueberraschungen von Seite der Löwen vorzubeugen. Am nächsten Morgen—es war ein wahrhaft lieblicher, klarer Morgen—drangen die goldenen Strahlen warm durch die Zweige über uns und ermunterten die in diesen Zweigen sich tummelnde gefiederte Welt zur Eröffnung ihres Concertes. Namentlich zahlreich waren Würgerarten, kleinere Singvögel und Tockus plavirostris (Tukans) vertreten.—Die Fahrt ging sehr langsam von statten, da wir den Zugthieren oft einige Rast gönnen mußten und die dichtbebuschte Strecke nur vorsichtig durchfahren werden konnte. Ohne eines der königlichen Thiere auch nur ansichtig zu werden, traten wir nach einigen Stunden aus der bebuschten Partie des Weges heraus. Unvergeßlich wird mir und meinen Gefährten der Ausblick auf die Gegend bleiben, der sich uns nun darbot, als wir einen freien Ueberblick über die sich vor uns ausbreitende Hochebene gewannen. Tage wie der 26. November 1873 werden mir, als Jagdfreund, doch in höherem Grade als Beobachter des freien Thierlebens, mein ganzes Leben hindurch in frischem, unvergeßlichem Angedenken bleiben und mich manche bittere Erfahrung vollkommen vergessen lassen, sie mögen auch dem geehrten Leser meine Sehnsucht, nach jenen Gefilden zurückzukehren, begreiflich erscheinen lassen.
Auf die Höhe des Plateaus gelangt, sahen wir eine etwa 20 Meilen lange, von Süden nach Norden sich hinziehende, nach Osten von einigen Mimosengehölzen begrenzte und hier durch freie Zwischenräume mit einer nachbarlichen zusammenhängende, 6-7 englische Meilen breite Grasebene. Dieser mit zahllosen röthlichbraunen, niedrigen Termitenhügeln bedeckte und von frischem, kurz zuvor aufgesproßtem und nur stellenweise, wie in der Nähe der Wassertümpel, aus hohem Gras gebildete, dunkelgrüne Teppich war durch Tausende von Thieren aller Gattungen belebt. Dunkelbraun und schwarz, rothbraun und hellbraun, gelblich und gescheckt waren die Farben der Roben, mit denen Mutter Natur die hier versammelte Gesellschaft bekleidet hatte. Es waren meist schwarze und gestreifte Gnu's, Bläßböcke und Hartebeest-Antilopen, Springbockgazellen und Zebra's (Quagga's). Die einen grasend, die andern einander neckend und spielend, dort eine Heerde Gnu's eines hinter dem andern wie in tiefes Nachdenken versunken gemächlich dahinschreitend. In ähnlicher Weise grasten mehrere Bläßbockheerden, während eine uns zunächst stehende, etwa 150 Thiere starke Zebraheerde, sich in weitem Bogen langsam nach dem Süden zu bewegte. Zahllose Hartebeeste weideten in kleineren Heerden und, wie immer, näher an den Gebüschen, schwarze Gnu's in Rudeln von 10-80 Stück über die ganze Ebene zerstreut, während es zwischen ihnen und den Zebra's, ja überall, wohin man auch sehen mochte, von Springbockgazellen wimmelte. Eine artenreiche Vogelwelt brachte in dieses reizende Bild erhöhte Bewegung. Vor Allem waren es die großen Trappen Eupedotis Kaffra und Kori zwei der schon oft erwähnten Zwergtrappen, Chenalopes, Enten, Kibitze, Ibise, Kraniche, Fischreiher, Regenpfeifer und viele andere, welche durch ihr buntes Gefieder und ihre schlanken Gestalten, durch ihren meist nahe über den Boden dahinstreichenden Flug und durch ihr in allen Modulationen ertönendes Gepfeife und Geschnatter in die Augen sprangen.
Obwohl ich auf der ersten Reise so manche Scene südafrikanischen Thierlebens gesehen, dieses Bild auf dem zwischen der von mir Jungmanns-Pfanne benannten Salzpfanne und dem Konanaflüßchen gelegenen Hochplateau übertraf die kühnste Phantasie, es mußte selbst den Gleichgiltigsten zum Naturfreunde machen. Nachdem wir uns—unsere armen, müden Zugthiere völlig vergessend—wohl eine Stunde lang an diesem Anblick geweidet hatten, beriethen wir uns über die Wahl eines geeigneten Lagerplatzes. Der eben genossene Anblick hatte in mir den Entschluß gereift, hier einige Tage zu verweilen.
Diese Ebene reicht mit anderen zusammenhängenden bis gegen den oberen Hart-River nach Osten, bis zum Maretsane-Fluß nach Norden und bis gegen Mamusa nach Süden, bedeckt einen riesigen Flächenraum und gehört zum größten Theile zum Gebiete des Königs Montsua. Sie hat keinen merklichen Abfall, kaum hinreichend, daß das überschüssige Regenwasser mit Ausnahme der unmittelbaren Uferpartien einen Abfluß nach dem Hart-River, dem Maretsane, Konana und Mokara findet, daher treffen wir auf derselben zahlreiche größere und kleinere Salzseen und eine Unmasse seichter Vertiefungen, die zur Regenzeit durch Wasserlachen gefüllt sind. Diese Salzpfannen scheinen zum Gedeihen des Wildes wesentlich beizutragen.
Eine solche Vertiefung, etwa drei Meilen von der Stelle, wo wir standen, wurde zum Lagerplatze auserwählt. Als wir mit unserem Wagen durch die Ebene zogen, waren es zuerst die Zebra's und die Bläßbockantilopen, welche die Flucht ergriffen; einige der zahlreicheren Heerden, wie die Zebra's, jagten gegen eines der Gehölze, um durch eine der vielen Lichtungen in demselben auf die nächste Ebene zu flüchten.
Am Nachmittag machte ich mit E. und B. einen Ausflug in südlicher Richtung, wobei wir Gelegenheit hatten, die Gnu's ziemlich nahe beobachten zu können, einige der Thiere blieben ohne Scheu stehen, andere rannten südwärts, als wir auf der Rückkehr etwas näher an das eine Gehölz herantraten, setzten sich sämmtliche Thiere—eine wenigstens 300 Stück zählende Gnuheerde—eine hohe Staubwolke aufwirbelnd, in Bewegung und wandten sich an uns vorbei nach Süden (windabwärts). Das interessante Schauspiel wiederholte sich auch am folgenden Morgen und war durch eine nicht weniger anziehende Fata Morgana noch erhöht, welche die einzelnen Thiere riesig gestaltete und die hüpfende Bewegung ihres Laufes in den über dem fernen Horizonte liegenden Luftschichten widerspiegelte.
Am folgenden Abend beschlossen wir an einem der zahlreichen, von den Regenlachen gebildeten, seichten Löcher auf den Anstand auszugehen. Deutlich konnten wir das Brummen der Gnu-Stiere hören, die ihre Heerden nach den Lachen zur Tränke führten. Am Morgen versuchten wir im südlichen Theile der Ebene eine Treibjagd, doch ohne Erfolg. F. und Pit hatten eine falsche Richtung eingeschlagen, und das Wild benützte eine entstandene, etwa 360 Schritte breite Lücke, um durchzujagen.
Zum Wagen zurückgekehrt fanden wir einige Barolongen, die von Konana kamen und auf eines der Mimosengehölze lossteuerten, in dem schon ihre Gefährten bei der beabsichtigten Treibjagd harrten. Sie trugen uns ihre Hilfe an, von der ich jedoch keinen Gebrauch machte, da ich weniger der Jagd als vielmehr der Beobachtung der Wildspecies obliegen wollte. Endlich kam der Abend und mit ihm eine Nacht, die mir ebenso unvergeßlich bleiben wird, wie der vorhergehende Tag, unstreitig die schlimmste Nacht in der ersten Hälfte meiner zweiten Reise. Bei Anbruch der Nacht war ich mit Boly ausgegangen, wir hielten uns nahe an unserem Bestimmungsorte und Jeder von uns suchte es sich in dem engen Erdloche so bequem wie möglich zu machen. Da ich mich kriechend einer Lache genähert, gelang es mir, meinen Platz einzunehmen, ohne die Vögel an dem Gewässer aufzuscheuchen. Dieser Vielen vielleicht unscheinbar dünkende Umstand ist aber für den Jäger auf den südafrikanischen Ebenen insoferne wichtig, als die aufgescheuchte Vogelwelt solch ein Zetergeschrei erhebt, daß das Wild, auf eine nahende Gefahr aufmerksam gemacht wird und dann die gewöhnlichen Pfade meidet.
[Wild auf den Quaggaflats.]
Die Nacht war ziemlich dunkel, im Norden blitzte es unaufhörlich, ein Gewitter zog dort nach Osten zu. Außer dem zeitweiligen Gepfeife und Geschnatter in dem Gewässer vor mir war die Stille um mich nicht unterbrochen; einigemale schien es mir, als ob ich das Grunzen des schwarzen Gnu's hören würde, doch es mochte nur Einbildung sein, die meine Gedanken in der Erwartung dieser Thiere eben nur auf sie concentrirte. Einmal hörte ich deutlich das Schlürfen von Wasser, ähnlich wie es die Hunde thun, ich strengte mich an, den Gegenstand zu erkennen, doch war dies nicht möglich, es mochte wohl ein Schakal sein, der sich mir windabwärts genähert hatte.
Ich lauschte noch in der Stille der Nacht hin, als ich plötzlich das erwartete Grunzen vernahm. Ich richtete mich etwas auf, um desto deutlicher hören zu können, richtig, ja das sind schwarze Gnu's; ich lege das Ohr an eine vom Gras entblößte harte Stelle und vernahm deutlich den dumpfen Schall, den eine auf dem Wildpfade dahinschreitende Gnuheerde hervorbringt.
Freudig und in gehobener Stimmung ducke ich mich wieder nieder, sowie ich jedoch wieder aufschaue und mit dem Blicke die Richtung suche, in der ich die Annäherung des Wildes erwartete, blizt es ziemlich hoch am nördlichen Himmel auf, dort, wo ich zuvor das Gewitter beobachtet.
Ich unterschied ein mehrstimmiges Brummen und etwas später erschien ein dunkler Gegenstand am gegenüberliegenden Ufer der Lache. Das Gnu ging um das Gewässer nach mir zu, kehrte um, kam wieder zurück und nun sah ich es von mehreren anderen gefolgt. Sie standen eine geraume Zeit, ohne sich zu nähern, dann trat der Leitstier von einem zweiten Thiere begleitet vor und kam auf das sandige Ufer zu. Da steht das Thier einige Schritte vor mir mit dem Kopfe nach mir zugekehrt, daß ich nur diesen Theil und die Lache darunter sehe. Ich ziele so wie es die Dunkelheit erlaubte, auf den Schädel und mit einem lauten Krach schlägt die Kugel ein. Ich springe auf, um meine Jagdbeute zu suchen, ohne mich weiter um die enteilende Heerde zu kümmern. Doch ich sehe nichts, ich reibe mir die Augen, mit dem Gewehrlaufe auf der Erde herumtastend, hoffte ich jeden Augenblick den Körper des gefallenen Thieres zu finden.—Doch alles war Täuschung. Der Schuß traf, trotzdem war das verwundete Thier noch mit den anderen geflohen. Das Aufleuchten des Blitzes am nördlichen Firmament brachte mich wieder zur Besinnung. Ich mußte für diese Nacht das Jagen aufgeben und zum Wagen zurückkehren.
Boly, der mit mir auf den Anstand gezogen, war noch nicht zurückgekehrt. Ich ließ F. mit einem Feuerbrande etwa 200 Schritte aufwärts gehen, um damit den vielleicht irre Gehenden sein richtiges Ziel zu weisen. Allein F. schwenkte den Feuerbrand bis es zu regnen anfing und noch immer war von B. nichts zu hören und zu sehen. Der Wind hatte sich inzwischen gesteigert und bald raste ein wahrer Orkan über die Ebene hin. Theilweise kam uns nun—und auch später als Blitz auf Blitz auf die Ebene niederfuhr—unsere etwas tiefere Lage zu Gute, allein sie hatte auch ihre Schattenseiten. Das Wasser fiel nicht allein in Strömen, es floß auch in solchen von der Ebene herab in die Tiefe und machte unsere Lage recht unbequem. Doch es war weniger diese, die uns beunruhigte, Boly's Zustand machte uns Alle sehr besorgt, sogar die Schwarzen sprachen von nichts Anderem, als wo doch der Baß B. sein möge. Blitz folgte auf Blitz, kaum war der Nachhall des einen Donners verhallt, folgte schon ein anderes Donnergebrüll und dazwischen schlug der Regen, von der rasenden Windsbraut getragen, so heftig gegen den Wagen an, daß wir uns kaum durch Schreien einander vernehmbar machen konnten. Die Atmosphäre war auch bedeutend abgekühlt worden, welcher Temperaturfall uns nach der furchtbaren Tageshitze und bei den bis auf den Leib durchnäßten Kleidern durchaus nicht willkommen war.
[Gnujagd bei Nacht]
Stunde auf Stunde verrann, das Gewitter war vorübergezogen, Regen und Wind hatten sich gemäßigt, endlich hörte der Regen gänzlich auf. Die Sorge um Boly's Schicksal ließ uns kaum zwei Stunden der Ruhe pflegen, zu der uns die Müdigkeit zwang. Am frühen Morgen sandte ich einen der schwarzen Diener nach Boly aus. Schon nach einigen hundert Schritten sah dieser den Gesuchten kommen, er war über und über mit Koth bedeckt und sah recht erbärmlich aus. Sein Körper zitterte vor Kälte, doch was uns alle erstaunte, war, daß er das Gewehr so rein zurückbrachte wie er es mitgenommen. Der Aermste hatte an einem Termitenhügel zusammengekauert das Unwetter über sich ergehen lassen müssen und hatte überdies, um seine Waffe schußbereit zu erhalten, dieselbe mit seiner Jacke umwickelt.
Am Abend fanden sich einige berittene Barolongen bei uns ein, welche uns ein Zebra für einen Sack Pulver (5 Pfund Gewicht) und zwei Stangen Blei (12 Pfund) zum Kaufe anboten. Sie hatten eine Treibjagd veranstaltet, dabei eine Zebraheerde »eingejagt« und von ihren Pferden eines mit den Assagaien so verwundet, daß das Thier zurückblieb und von den zu Fuße mit Gewehren nacheilenden Genossen erlegt wurde. Schon wollte ich den Kauf eingehen, als ich noch rechtzeitig bemerkte, daß das Fell sehr beschädigt und zum Präpariren ungeeignet war.
Die gesammten bis nach Mamusa reichenden Ebenen sind von etwa 70, in der Regel 100-300 Schritte breiten, 200-800 Schritte langen Mimosengehölzen bedeckt. Beinahe in jedem dieser Gehölze stoßen wir auf eine Eingebornentruppe, welche über dem Winter oder Sommer auf den wildreichen Ebenen der Jagd obliegt; trotzdem wird, da die Barolongen und Batlapinen meist schlechte Schützen sind, höchstens alle 2-4 Tage ein Stück Wild erlegt.
Die Formation dieser Ebene ist der harte, graue, im südlichen Transvaal-Gebiete erwähnte Kalkstein, dem hie und da das Vaalgestein aufliegt, im Gerölle sind häufig Rosenquarzstücke zu finden. An den Abhängen zum Konanaflusse sah ich mäßige Quarzitadern, einige Fuß hoch jenen Kalkstein durchbrechend, weithin in ihrer weißlichen Farbe schimmern.
Am 29. November Morgens machte ich einen Ausflug und kehrte mit einem Hyänenschädel heim. Im Allgemeinen hatten wir hier eine große Anzahl von Gnu-, Bläßbock- und Springbock-Schädeln gesammelt. Um Mittagszeit verließ ich den Ort und zog nach Osten, um den vom östlichen Taung nach Molema's Town führenden Weg zu treffen und auf diesem meine Reise nach Norden fortzusetzen. Nach einer sechs Meilen langen Tour hielten wir in einem Mimosengehölze Rast und trafen mehrere Barolongen, außerdem sahen wir zahlreiche verlassene Hütten. Um diese Hütten lagen förmliche Knochenhügel; mit Ausnahme der Hörner waren alle Knochen zerschlagen, es mußte wohl unzähligen der auf den Ebenen ringsum flüchtigen Thieren das Leben in den letzten Jahrzehnten gekostet haben, bevor diese Knochenhaufen aufgestapelt werden konnten. Ich suchte unter den Knochenresten nach pathologischen Mißformen und fand nur zwei verunstaltete Hörner. Beide Hörner waren durch Kugelschüsse abgeschossen, die entstandene Wundfläche zugeheilt und durch neuen Hornüberzug bedeckt worden; ich fand außerdem ein zum Lederarbeiten von den Eingebogen gebrauchtes, zugespitztes und durchlöchertes, an einem Riemchen hängendes Hornstück.
Bei einbrechender Dunkelheit schlugen wir an einem dicht bebuschten, in der Nähe eines Salzsees sich erhebenden Hügel, unter einigen schattigen Kaameeldornbäumen unser Nachtlager auf. Der sich unter uns ausbreitende Salzsee war trocken, allein an seinem Ufer, am Abhange des Hügels und der Ebene, fanden sich überall süße Quellen, die uns mit reinem Trinkwasser versahen. Zeitlich am nächsten Morgen machte ich einen kleinen Gang durch das Gehölz und fand abermals Knochenstätten und mehrere Gruppen verlassener Jagdhütten der Eingebornen; da ich auch mehrfach Hasen, Perlhühner, Rebhühner und Deukerantilopen bemerkte, entschloß ich mich, hier einen Tag zu bleiben. Der Tag war schön und lohnte meinen Aufenthalt in jeder Beziehung. Vogelbälge, zahlreiche Schlangen, Insecten und Krustenthiere, doch auch Pflanzen hatten am Abend meine Sammlungen bereichert. Meine Gefährten erbeuteten so manchen schönen Vogelbalg, darunter namentlich Bienenfänger, schwarze und kleine graue Würger, Regenpfeifer etc., während es mir gelang eine Chenalopes zu überlisten.
Der bewaldete Hügel erhob sich über der westlichen Ecke der Salzpfanne, doch auch das südliche und nördliche Ufer waren von felsigen, niederen Höhen begrenzt. Zwischen dem ersteren und den nördlichen Höhen öffnete sich ein Thal und hier führte ein gegenwärtig trockener Bach von der Ebene das überschüssige Regenwasser herab, der vorgestrige heftige Regen, der uns kaum 12 englische Meilen von dieser Stelle entfernt überraschte, hatte hier keine Spuren hinterlassen, war also, wie immer in dieser Gegend, im engsten Sinne des Wortes local gewesen. Von der Höhe herab vernahm ich das Geschnatter mehrerer egyptischer Gänse. Durch einen Busch am Abhange gedeckt, übersah ich die gesammte Pfanne, folgte dem Ufer und doch konnte ich nirgends das schreiende Thier zu Gesicht bekommen. Erst nach langem Suchen erblickte ich das Thier auf dem hervorragenden Aste einer halbvertrockneten Mimose. Da ich nur mit kleinem Schrot geladen hatte, mußte ich mich näher anzuschleichen trachten. Hier durch einen Busch, dort durch einen Block gedeckt, war es mir gelungen, unbemerkt in das Thal hinabzusteigen. Das Thälchen war mit niedrigen, blos stellenweise höheren, schütteren Büschen und einigen wenigen Bäumen bewachsen, doch der Boden war steinig, und ich mußte nun meine Fußbekleidung zurücklassen und barfuß weiter schleichen. Der Vogel saß hochaufgerichtet auf dem dicken Aste, gegen den Stamm zu sah ich ein Nest, welches ich später als das seine erkannte. Auf 60 Schritte nahegekommen, feuerte ich und erlegte die Gans, deren schöner Balg meiner Sammlung einverleibt wurde. Die Formation um diese Pfanne, welche ich Jungmanns Salzsee oder Chuai Jungmann taufte, war ähnlich jener des Vaalgesteins bei Bloemhof, die Grünsteinblöcke bis drei Kubikfuß groß.
[Verlassener Jagdplatz der Barolongen.]
Nach Sonnenuntergang setzten wir unsere Reise wieder fort. Wir übernachteten auf einer unabsehbaren Ebene, die deutliche Spuren von Regenlosigkeit trug, der Boden war zersprungen, das Gras so trocken, daß es bei der Berührung bröckelte, und selbst die dahinjagenden Springböcke wirbelten Staubwolken auf. Der Wassermangel gab uns auch Veranlassung am nächsten Tage tüchtig auszugreifen, so daß wir an diesem Tage 18 englische Meilen zurücklegten. Auch das Wild war in diesem wasserarmen, nördlichen Striche recht spärlich geworden; zweimal trafen wir mit Barolongentruppen zusammen, welche Schießpulver erhandeln wollten; sie brachten Milch als Tauschartikel. In Folge ihrer Ungeschicklichkeit als Jäger und ihrer Arbeitsscheu schauten die Leute recht verhungert aus; wir gaben ihnen Schießpulver und etwas Beltong (getrocknetes Wildfleisch). Die Entdeckung einer mit reichlichem Wasser gefüllten Bodeneinsenkung gab das Signal, den heutigen Marschtag zu beschließen.
[Barolongen Zebra's jagend.]
Am Morgen des 1. December wurden wir durch den Besuch eines Boers überrascht, dessen Mitteilungen uns dahin belehrten, daß wir an der westlichen Grenze der Transvaal-Republik angelangt waren. Der in der Nähe unseres Lagers angesiedelte Boer wartete auf den Besuch des Präsidenten Burger, von dem er endlich Abhilfe von den unausgesetzen Grenzstreitigkeiten mit den Barolongen erwartete. Er theilte uns auch mit, daß zwei seiner Söhne in das Innere auf Elephantenjagd ausgezogen waren und ersuchte uns, ihnen im Begegnungsfalle seine Grüße zu entbieten. Von dem gesprächigen Farmer scheidend, setzten wir unsere Fahrt in nordwestlicher Richtung fort und gelangten auf eine reichlich mit Mimosen bestandene Ebene, zwischen dem Molapo- und Maretsaneflusse, dessen Quellen wir in der verflogenen Nacht, ohne es zu wissen, passirt hatten.
Einige der weißdornigen Mimosen waren auf dieser Ebene in voller Blüthe, mit hunderten und aber hunderten kleiner, grellgelber, kugelförmiger und duftender Blüthen behangen. Die Blüthen wie Blätter der bis zu 18 Fuß hohen Bäumchen waren äußerst zart und mit hunderten von verschiedenartigen Blumenkäfern (Cetonidae), sowie einigen rothgebänderten Holzböcken bedeckt; es wunderte mich, daß unter den zahlreichen Bäumchen blos zwei von den Insecten ausgesucht wurden, während an den Aesten zahlreiche weiße, über einen Zoll lange Puppen der großen Cicade klebten, die allenthalben ihre laute Stimme erschallen ließen, bei unserer Annäherung mit lautem Summen davonflogen und sich mit einem hörbaren Schlag auf dem nächsten Mimosenbäumchen niederließen. Auch buntfärbige Blattwanzen fehlten nicht und große stahlblaue Raubwespen zogen summend und nach Fliegen haschend um die Büsche. In gewohnter emsiger Weise schnurrend flogen zahlreiche Hummeln über den kräftig emporsprießenden Grasteppich hin, um für sich und die im nahen verlassenen Termitenhaufen eingenistete Brut Vorräthe zu sammeln.
[Pürsch auf egyptische Wildgänse.]
Der südafrikanische Frühling war mit aller Macht in die Gegenden am oberen Molapo eingezogen, all' das kleine Gethier fühlte seine Herrschaft und war zum Leben erwacht, um ein neues Dasein zu beginnen; fremd, weder ersehnt noch willkommen schien er dem Menschen am oberen Molapo zu sein. Friede, neues Leben, vereinigtes Schaffen, Lust und Freude, das war um mich her an jenem Morgen auf den Fluren am Molapo der Hauch der verstandeslosen Natur. An Hader, Brand und blutige Thaten dachten, davon sprachen und damit drohten—die Herren der Schöpfung.
Nach einer kurzen Fahrt am Morgen des 2. Decembers langten wir bei dem Dorfe der Makuben an, welches am südlichen (linken) Ufer des Molapo gelegen, zu Molema's Town (d.h. die Stadt Molema's, eines Bruders des Königs Montsua) gehörte. Das Thal des oberen Molapo ist in den ersten 15 Meilen seiner Länge eng, von dem steilen Abfall des Hochplateaus eingeengt, in seinem weiteren Verlaufe ist es flach, ein mäßiger Einschnitt in die etwas nach Westen abfallende Hochebene. Wir hatten es in der letzteren Partie zu überschreiten. Das Bett des Flusses war hier von Kalktuff gebildet, der zahlreiche fossile Pflanzen enthält und deutlich darauf hinweist, daß dieser Thaleinschnitt schon vor Jahrtausenden als ein geräumigeres Flußbett benützt worden war. Dieser Kalktuff wird von dem harten, grauen Kalkstein überlagert und ist durch eine Unzahl kleiner Grotten, Höhlen, Löcher charakterisirt, welche die Tümpel der fast monatelang trockenen Flußrinne bilden. Oberhalb dieser Stellen und in den eingeengten oberen, wie auch in dem Bergthale ist das Bett schlammig und sumpfig und dieser Umstand ist wohl der Grund, daß in der trockenen Jahreszeit große Wassermengen verloren gehen und der Fluß schon nach wenigen Meilen seines Oberlaufes versiegt.
In dem marschigen Theile des Thales finden sich die westlichsten, die sogenannten Molapo-Farmen des Marico-Districtes, deren Besitzer ihre Felder continuirlich irrigiren können; in dem mehr offenen Theile finden sich die Niederlassungen der Barolongen[[1]], welche ihre hie und da nach europäischem Vorbilde angelegten Grundstücke zu bewässern im Stande sind.
[1] Nach Westen erstreckt sich ihr Gebiet bis gegen Namaqualand.
Den Molapo (d.h. ein Fluß) überschreitend, lagerten wir an seinem rechten Ufer in der Nähe einiger Wartebichi-Mimosen. Gegen Sonnenuntergang blickend sahen wir Molema's Town vor uns, an einem mäßigen Abfall der im Hintergrunde bewaldeten Hochebene; im Osten ist die Stadt durch zwei interessante Felsenpartien begrenzt und im Schutze der einen, zwischen ihr und dem Flüßchen, stand das geräumige, im Style der Eingeborenen ausgeführte Missionshäuschen der Wesleyan Missionsgesellschaft.[[1]]
[1] Dieselbe besitzt in Molema's Town, in Lothlakane und Poolfontein (zu der Zeit meines Besuches war die eine, die sich jetzt in Lothlakane befindet, in Moschaneng) je eine Station, von denen früher die in Molema's Town, gegenwärtig die in Lothlakane von einem weißen Missionär dirigiert wird. Außerdem ist Poolfontein auch der Sitz eines Predigers der deutschen Hermannsburger Missionsgesellschaft, der jedoch unter den meist der Wesleyan'schen Kirche angehörenden aus der südcentralen Transvaal-Republik nach der Poolfonteiner Ebene (auf Montsua's Gebiet) verpflanzten Borolongen eine schwierige Stellung hat. Poolfontein liegt zwischen Lothlakane und Lichtenburg.
Die erwähnten Felsenpartien, das mit Bäumen bestandene Ufer des kaum vier bis zehn Schritte breiten Flüßchens, sowie die vielen zwischen den Gehöften sich erhebenden Karie-, Kameeldorn- und Weidenbäume, welche den ganzen Abhang des Plateaus bedecken, verleihen Molema's Town eine der schönsten Lagen unter den Eingebornenstädten des centralen Süd-Afrika. Seine Gehöfte stehen weniger dicht aneinander und sind mit Zäunen versehen, aus denen sich die spitzig zulaufenden mit den Stauden der Kalebaß-Kürbisse überwucherten Dächer der Hütten erheben.
Zahlreiche Wägen zeugen von der zunehmenden Wohlhabenheit des Stammes, die namentlich dem Umstände zugeschrieben werden darf, daß König Montsua den Branntweinverkauf im Lande sistirte, eine Verfügung, welche Molema, der Unterchef und Gouverneur von Molema's Town, mit seiner ganzen Autorität zur Geltung brachte, ferner daß der früher hier ansäßig gewesene Missionär, europäischen Getreidearten in Molema's Town Eingang verschaffte.[[1]]
[1] Siehe [Anhang 17].
Was mich in Molema's Town besonders angenehm berührte, war das Verbot Molema's, der nebenbei gesagt ein Christ und Prediger ist, im Bereiche der Stadt keinen Baum zu fällen; wir hatten kaum unser Lager ausgeschlagen, als ein Eingeborner (einen Polizisten vertretend) im Namen des Fieldcornets (Sheriff, oberster Sicherheits-Beamter) bei uns erschien, um uns Weideplätze für die Zugthiere anzuweisen und das eben erwähnte Verbot zur Kenntniß zu bringen.
Bevor ich noch meinen Entschluß, Rev. Webb aufzusuchen, ausführen konnte, kam aus dem Missionshäuschen ein blondbärtiger, untersetzter Mann, ein kleines Mädchen an der Hand führend, auf mich zu. Es war der Gesuchte. Wir waren bald in ein eifriges Gespräch über Molema's Town und die Grenzfrage verwickelt. Von Montsua, dem Herrn des Landes, erfuhr ich, daß er in Moschaneng, in einer im Gebiete seines königlichen Freundes, des Banquaketse-Herrschers Chatsitsive, erbauten Stadt wohne und entschlossen sei, sich in Poolfontein niederzulassen, wohin jedoch, wohl um den unabhängigen Barolongenfürsten zuvorzukommen, die Transvaal-Regierung ihr unterthane Barolongen bereits angesiedelt hatte. Montsua war darüber sehr verdrießlich und im Begriffe, Moschaneng zu verlassen und sich in seinem Gebiete eine andere Stelle zum Baue der Residenz auszusuchen.[[1]]
[1] Er hat dies auch später gethan, indem er der englischen Regierung die Oberhoheit über sein Gebiet antrug.
Des Missionärs Häuschen war nur auf das Nothdürftigste eingerichtet, denn aus den eben erwähnten Gründen betrachtete Rev. Webb seinen Aufenthalt nur als provisorischen, überdies war Molema selbst Prediger und den weißen Missionären nicht sehr gewogen. Rev. Webb und seine Frau, die ihrem Lebensgefährten in dieser Abgeschiedenheit treu zur Seite stand, riethen mir, baldigst nach Moschaneng aufzubrechen.
Herr Webb begab sich hierauf zum Chef Molema, um ihm meine Ankunft anzuzeigen. Als er heimkehrte, kam er mit dem an Asthma leidenden alten Manne zurück, der mich herzlich willkommen hieß und meinte, daß außer dem Naka (Doctor) Livingstone noch kein Naka zu ihm gekommen sei, er zeigte sich über meine Ankunft sehr erfreut, denn er hoffe, daß ich ihm doch ein Molemo (Medicament) bereiten werde, das ihm den garstigen Husten benehmen und ihm ein freieres Athmen gestatten würde. Zugleich lud er mich ein, ihn am folgenden Morgen zu besuchen, sowie meinen Aufenthalt auf einige Tage auszudehnen, er wolle mir als Gegenleistung ein fettes Schaf senden.
Am Morgen des 2. Decembers machte ich einen Ausflug thalaufwärts und fand dieses in allen, mächtige Humuslagen aufweisenden Partien dicht mit Kafirkorn angebaut. Ich war durch die ersten Anzeichen einer von Grahamstown bis zum Molapo vermißten tropischen Vegetation überrascht, welche sich durch manche Species bemerkbar machte, anderseits traf ich hier auch Pflanzen der gemäßigten Zone, in artenreicher Zahl, so Campanula Saponaria, Veronicae, mehrere der doldenblüthigen Euphorbiaceen und andere; auf den Wiesenflächen stand das Gras 4 Fuß hoch. Ich erlegte einen Fischreiher, mehrere Finkenarten, darunter zwei Feuerfinken und zwei Spornkibitze, die mich durch ihr lautes »Tik-Tik« angelockt hatten. Die auf den Feldern arbeitenden Frauen sahen bedeutend reinlicher als die Batlapinen aus und ich mußte auch später, als ich von Molema's Town schied, diesen sogenannten nördlichen Barolongen eine höhere Stufe als den Batlapinenstämmen und selbst als den Mokalana, Marokana etc. oder südwestlichen Barolongen einräumen, obgleich sie im Ackerbau und der Viehzucht von den südöstlichen Barolongen, die unter Maroka in Taba Unschu und der Umgebung dieser über 10.000 Einwohner zählenden Stadt wohnen, übertroffen werden; jenen kommt allerdings die Pferdezucht zu Gute, welche am Molapo wie in der Transvaal-Republik durch die grassirende Pferdekrankheit vereitelt wird.
[Feldapotheke.]
[Die Ueberbringer der Arznei.]
Ich bereite für Mrs. Webb und den Häuptling einige Medicamente, darunter auch Pulver, bei welcher Manipulation ich von den zahlreichen uns besuchenden Eingebornen angestaunt und bewundert wurde. Einer der Männer setzte sich neben Pit am Feuer nieder und fragte hier mit gedämpfter Stimme, was ich da thue, Pit meinte, ich bereite ein Medicament. Der Fragesteller mischte sich nun sofort unter die gaffende Menge und verbreitete unter ihr die Nachricht, daß ich ein Naka sei und eben ein Molemo bereite. Das dadurch hervorgerufene Erstaunen war in den Zügen Aller, der Männer, Frauen, ja selbst der Halberwachsenen deutlich zu bemerken. Einer raunte dem Andern die Worte »Naka und Molemo« zu und man konnte an den Lippenbewegungen beobachten, wie es sich die Einzelnen wiederholten. Ich hatte damit bedeutend an Ansehen und Respect gewonnen und es wurde so stille um mich, daß man jedes Wort der abseits am Feuer sprechenden Diener vernehmen konnte. Jede, auch die geringste meiner Bewegungen wurde mit dem größten Interesse verfolgt, am meisten jedoch das Abwägen der gleichen Theile und das Einschütteln der Pulver in die von F. am Wagenbrette zubereiteten Papierhülsen. Als ich meine Arbeit beendet, frug ich, ob einer das Molemo zum Chef Molema tragen wolle; Alle, die Männer wie die Knaben, schrieen durcheinander, manche eine, manche beide Hände darnach ausstreckend. Jeder wollte der Ehre theilhaftig werden, des weißen Naka's Medicin dem geliebten Häuptlinge zu überbringen. Bei solcher Auswahl hatte ich die Laune, auch wirklich wählerisch zu sein, ich suchte mir den Aeltesten im Haufen aus, ein gebeugtes, weißhaariges Männchen, das gar nicht seinen Augen trauen wollte, und gab ihm die zu einem Päckchen geformten Pulver; er wollte sie jedoch nicht berühren, sondern bat mich, sie ihm an seinen Stock zu binden, den er nun vor sich hertragen wollte. Da ihm dies jedoch, beschwerlich fiel, so ergriff ich einen der zunächst stehenden Jungen, seine Peitsche fassend befestigte ich an dieser das Päckchen und hieß ihn dem Alten folgen, was diesem erwünscht war, und den Haufen um mich zu befriedigen schien, denn wiederholt hörte ich den Ausruf monati, monati (schön).
Am folgenden Tage hatte ich den Häuptling wieder zu besuchen. Molema empfing mich in seinem Höfchen, stellte mir seine Frau und seine um ihn herum wohnenden Söhne vor. Dann ließ er für mich und Herrn Webb je ein hölzernes Stühlchen bringen und bat mich, ihm die letzten Ereignisse und Tagesneuigkeiten aus der Cap-Colonie und den Diamantenfeldern mitzutheilen, erkundigte sich nach den Verfügungen der englischen Regierung im Süden, klagte über die Anmaßungen der Boers im Osten und frug mich endlich, ob ich ein Engländer oder Boer wäre. Die ihm von Herrn Webb ertheilte Antwort, daß ich ein Böhme (Bohemian) sei, konnte er nicht begreifen und ließ, nachdem er noch nach meinem Namen gefragt, die beiden ihm so fremd erscheinenden Worte von den im Höfchen herumsitzenden alten Barolongen so oft wiederholen bis er sich dieselben eingeprägt hatte. Als ich von ihm schied, mußte ich ihm versprechen, ihn so oft ich in das Land der Barolongen käme, zu besuchen, ich würde ihm stets willkommen sein. Ich traf hier auch den Häuptling Schebor von Konana, der zu Molema auf Besuch gekommen war, und dieser entschuldigte sich, daß seine Leute, von denen wir drei Ochsen für einen Hinterlader eintauschen wollten, sich verspätet hatten, wodurch der Handel nicht zu Stande kam.
Den kommenden Nachmittag verbrachten wir mit Fischfang, der ein äußerst ergiebiger war (wir fingen nicht weniger als 42 Welse). Als Köder benützten wir die überall häufigen, 1½ Zoll langen Grasheuschrecken. Das Wasser in den Grotten der Tufffelsen war so klar, daß man auch jedes größere Sandkörnchen auf eine Tiefe von 2½-6 Fuß unterscheiden konnte. Wir hatten kaum unsere Angeln ausgeworfen, als die dunkle Gestalt eines schildköpfigen Welses (Glanis siluris) aus einer der Seitengrotten herauskam, den Köder langsam umschwamm und dann ahnungslos verspeiste. Die Thiere wogen alle ¾-1 Pfund; als ich im Jahre 1875 während meines zweiten Besuches an derselben Stelle fischte, fand ich nur kleine, braune, 6 Zoll lange Thiere; die Trockenheit des Jahres 1874 hatte die meisten der Grotten trocken gelegt und die Fische getödtet, die neue Brut war mit den Regenfluthen aus den Sümpfen des oberen Molapo herabgekommen.
Herr Webb versah mich mit zwei Briefen, an Herrn Martin, einen in Moschaneng wohnenden Händler, und an den König Montsua, den ihm der Erstgenannte vorlesen sollte. Montsua's Titel lautete: »Morena Montsua (Montsiwe, Montsiva) Khoschi ca Barolong.« Außerdem machte mich mein neuer Freund auf zwei alte, unter den Barolongen noch vor ihrer Kenntniß des Christenthums geläufige Sagen aufmerksam. Die eine berichtet von einem Chef, der nach Belieben die Gewässer eines Flusses theilen und durch die so entstandene trockene Stelle schreiten konnte, und die zweite erzählt von einem Chef, der gleich Salomon zwischen zwei Frauen zu entscheiden hatte, von welchen jede ihr Mutterrecht an einem und demselben Kinde geltend machen wollte.
Am 5. brachen wir endlich auf, und zogen nordwärts am Fuße einer bewaldeten Erhebung. Die nächste Umgebung unserer Route bot mir reichlich Gelegenheit, meine Insectensammlung zu bereichern; unter anderen fand ich eine schöne große, mir bisher unbekannte Schildkäferart, deren Flügeldecken grünlichgolden und braun punktirt waren und die ich häufig an einer der gemeinsten Nachtschattenarten Süd-Afrika's antraf. Meine Aufmerksamkeit war auch auf die zahlreichen, den Weg säumenden Kameeldornbäume gerichtet, die mit den Nestern des Siedelsperlings (Philetaerus socius) dicht bedeckt waren.
In einer Bodenvertiefung nahe einem nach Nordosten dem Taung oder Notuani-River zufließenden Bache beendeten wir unsern heutigen Marsch. Die zu einem förmlichen Niederwald angewachsen Kameeldornbestände durchziehend stießen wir am nächsten Morgen auf ein Makalaharidorf, dessen Insassen Hirten und Jäger Montsua's waren. Sie schilderten uns den weiten Weg bis nach Moschaneng in sehr düsteren Farben und meinten, wir würden mit den schwachen Zugthieren kaum die Königsresidenz erreichen. Der Weg war auch thatsächlich äußerst beschwerlich, der tiefe Sand ermüdete die Thiere in hohem Grade, dazu war der Wald von zahllosen kleinen, 1-2 Fuß tiefen Senken (in der Regenzeit Tümpel) durchsetzt; der von dem Sandboden aufsteigende Staub trocknete Mund und Luftröhre in bedenklicher Weise aus und schmerzte im Gesichte. An einer kleinen der eben genannten ausgetrockneten, mit frischem Gras überwachsenen Senken fand ich zu hunderten eine metallischblau glänzende Lytta mit einem rostrothen Flecke (ich traf sie später nur noch einmal und unter ähnlichen Verhältnissen auf meiner dritten Reise im Schescheker Walde, etwa 15 Meilen nordwestlich von Schescheke an), auch schoß ich einen über uns kreisenden Honigbussard (Pernis apivorus).
Dieser Zustand des Weges blieb sich auch am folgenden Tage gleich und an zwei zum größten Theil trockene Salzpfannen angelangt, schien es kaum möglich, die mit 14 Zoll tiefem Sand bedeckten Pfannen zu passiren. Unter Anwendung aller erdenklichen Auskunftsmittel und mit vereinten Kräften gelang es nach stundenlanger Arbeit, das jenseitige bewaldete Ufer zu erreichen. Die nun folgende Rast war redlich verdient. In dem Walde fanden wir zwei eßbare Beerenfrüchte, und zwar die schon vom Hart-River bekannte rostrothe Beere des Blaubusches (die Samenkerne derselben werden von den Koranna's als Schrot verwendet) und gelbliche, unseren Johannisbeeren nicht unähnliche Beeren, die von den Boers wilde Granaten, von den Koranna's geip genannt und gerne genossen werden.
Wir näherten uns am nächsten Tage einem unseren Weg kreuzenden Höhenzuge, der uns von vorbeiziehenden Barolongen als Malau's Höhen bezeichnet wurde und dessen höchste, bisher namenlose Kuppe ich Hußhöhe nannte. Ich hatte an diesem Tage Gelegenheit, meine Sammlungen um eine Zwergeule und den Balg eines Milans zu vermehren. Am Fuße der Höhen stießen wir auf zahlreiche Viehposten der Baharutse und Barolongen von Moschaneng, welche ihr Vieh an Regenlachen tränkten, während sie selbst ihren Wasserbedarf den natürlichen Felsencisternen entnahmen. Die Abhänge der Höhen waren zum größten Theile hochbegraste Triften, zur Viehzucht wie geschaffen. In der Nacht begegneten wir zwei mit Elfenbein beladenen von Schoschong, der Stadt der östlichen Bamanquato kommenden und von den Elfenbeinhändlern Francis and Clark nach Grahamstown abgesandten Wägen.
[Nest des Siedelsperlings.]
Am 9. hatten wir den Sattel der Malauhöhen erreicht und lagerten zwischen grünen, gruppenweise zusammenstehenden mit Zaunrüben, Cucurbitacaeen und Lianen überspannten Büschen, auch schattige Kameeldornbäume fehlten nicht, in denen sich namentlich die langschwänzigen, schwarzweiß gescheckten Würger bemerklich machten. Große Turteltauben waren nicht selten und zum ersten Male vernahm ich hier einen Pfiff, der einem Psittacus anzugehören schien. Dem Rufe folgend hatte ich auch die Freude, ein Pärchen kleiner, graulicher, am Kopfe und den Flügelwurzeln gelb gefleckter und an der Brust schön grün gefärbter Papageien zu entdecken. Diese Species (Psittacus Rupelii) ist bis über den Zambesi verbreitet, lebt meist paarweise und nistet in Baumlöchern.
Auf unserer Weiterfahrt fand ich neben dem Wege einen getödteten Schlangenadler, den wohl ein einfältiger Barolonge aus Muthwillen erlegt und dann abseits vom Wege in den Busch geworfen haben mochte. Wir hatten mehrere Thäler zu überschreiten und steile, äußerst steinige Höhen zu erklimmen. Auf einem der Hügel hatte Niger eine Schlange entdeckt und sie in einen Dornbaum gejagt; und da ich den Schlangen Süd-Afrika's, nachdem man mir überall von den vielen Opfern, die jährlich den giftigen Schlangen dieses Kontinentes anheimfallen, berichtet, ewige Feindschaft geschworen hatte (alle, die nicht in Spiritus untergebracht werden konnten, wurden abgehäutet oder wenigstens enthauptet und der Kopf aufbewahrt), war ich auch bald mit dem Gewehre zur Stelle, um dem Hunde beizustehen. Das von ihm verfolgte Reptil war mehr denn daumenstark, grün und über vier Fuß lang und hatte sich in ein Bäumchen (Acacia giraffe) geflüchtet, in dessen dichtem Geäste es sich blitzschnell auf- und nieder bewegte. Ein Dunstschuß betäubte die Schlange, ohne sie zu tödten, ich ergriff nun das Schwanzende des Thieres, um es aus dem Dornengeäste herauszuziehen. Ich zerrte etwas heftiger—da gibt der neben mir stehende Pit einen Schrei von sich, ich kehre mich nach ihm, als durch ein schmerzliches Gefühl an meinem rechten Daumen meine Aufmerksamkeit rasch zu dem Object zurückgeführt wurde. Die Schlange hing mit ihren Kinnladen an meinem Finger. Mir wurde recht warm um's Herz, ich riß an dem Schwanzende, daß ich beinahe die Schlange entzwei gerissen hätte, wodurch das Thier vollends getödtet zur Erde fiel. Sofort rief ich nach Salmiak, beugte mich jedoch gleichzeitig zu dem Reptil nieder, um die Art zu bestimmen. Ist das nicht ein Bucephalus viridis (cupensis)? Eine gift- und harmlose Schlange? Das Köpfchen ergreifend öffne ich die Kinnladen, kein Giftzahn zu sehen, noch zu fühlen. Auf F. hatte dieser Zwischenfall einen tiefen Eindruck gemacht und ihn zum erbitterten Feinde aller Reptilien umgewandelt; während wir unsere Fahrt fortsetzten, ließ er kein Akazienstämmchen unbehelligt, seine Rache spähte eifrig nach einem Opfer, doch stundenlang mußte er nur über sich selbst die Rache der Dornen ergehen lassen.
»Hurrah, Halloh, Hurrah,« und ebenso viele Luftsprünge von Seite F.'s unterbrachen unseren Gedankenlauf; wir hielten den Wagen an, Weiß und Schwarz eilte auf den vor Freude übersprudelnden Jüngling zu. Da stand er, selbstbewußt, und wies siegesgewiß nach der Spitze des nächsten Busches. Doch nur einen Augenblick währte sein vermeintlicher Triumph, in das krampfhafte Gelächter, welches B. und E. mit den Schwarzen im Chorus anstimmten, mußte auch ich einfallen, als ich ein harmloses Chamäleon erblickt hatte. Der arme F. hatte aber auch entschiedenes Unglück mit seinen Anläufen zu Heldenthaten.
Der Wassermangel wurde am nächsten Tage schon äußerst fühlbar und obwohl wir von vorbeiziehenden Barolongen einige Töpfe mit Milch erstanden, war unseren lechzenden Zugthieren nicht gedient. In einem breiten Thale nach Norden bei Osten vordringend, hatten wir endlich die bewaldeten Abhänge der Ausläufer der Malauhöhen erreicht, eine frische Brise fächelte uns Armen Kühlung zu und zu unserer größten Freude versprach ein aufsteigendes Gewitter das heißersehnte Naß zu spenden.
Unsere Hoffnung ward nicht getäuscht, ein mäßiger Regenschauer füllte unsere Wassergefäße und gestattete die Thiere zur Noth zu tränken. Nun hieß es frisch weiterziehen, da ich die Absicht hatte, noch am selben Tage Moschaneng zu erreichen. Ein dumpfer Schall, der sich uns deutlich zu nähern schien, verzögerte unsere Abfahrt. Ueber die Ursache desselben wurden wir bald aufgeklärt.
[Auffangen von Regenwasser.]
Es erschien ein berittener Barolonge und ihm folgte eine Heerde von gegen 50 Pferden, welche von zwei anderen Barolongen angetrieben und deren seitliches Ausweichen von je einem an jeder Seite in dem Gehölze galoppirenden Eingebornen verhindert wurde. Unsere Ueberraschung, hier eine solche Pferdetruppe zu sehen, war nicht gering. Einer der Nachtreiber sprang auf einen Augenblick aus dem Sattel und berichtete uns, daß dies Montsua's, des Barolongenkönigs, Pferde seien, die er jährlich zu seinem Vetter Maroka nach dem Freistaat schicke, um sie daselbst während der Dauer der in den Betschuanaländern grassirenden Pferdekrankheit weiden zu lassen. »Hat denn Dein König so viel Pferde, wie die Zahl derer beweist, die an uns vorbeigejagt hatte?«—O, Master. Morena (der König) hat mehr denn diese, in der Stadt behält er sich nur die gesouten (gesalzenen) Pferde, welche eben die werthvollsten sind.«
[Wald am Fuße der Malau-Höhen.]
Nach einer kurzen Fahrt hielt ich eine Stunde Weges vor Moschaneng. Der Regen hatte hier alle Vertiefungen mit Wasser gefüllt, und die Stelle war ein anziehendes, gegen den Wind geschütztes, leicht bewaldetes, für einen zweitägigen Aufenthalt wie geschaffenes Thal, so daß ich hier von den Anstrengungen der Molapo-Reise auszuruhen und dann erst nach Moschaneng zu gehen gedachte, wo ich außerdem recht beschäftigt zu sein und für meine Zugthiere, der vielen in der Stadt gehaltenen Heerden halber, keine gute Weide zu finden glaubte.
In dem Gehölze gab es schöne (von den Boers so genannte) Buchenholzbäume, sowie die unter dem (fälschlichen) Namen wilde Syringa bekannten, wilden Oliven- und Kareebäume, Mohatla- und Morethwabüsche, Bäume und Sträucher mit ahornartigen, geflügelten Samen, mehrere Arten von Mimosen (Acacia detinens, Acasia giraffe, Acacia horrida), an den Höhen die von Süden her bekannten (doch wie es mir schien in neuen Formen vertretenen) Aloën. Hier schoß ich auch einen großen, grauen Lori (Go-away von den Engländern, grote Mausevogel von den Holländern genannt), ferner eine braune Gabelweihe und zwei gelbgeschnäbelte Tukane. Der erstere Vogel nistet auf den höchsten Spitzen der Bäume, von wo er mit nach rechts und links bewegendem Köpfchen Alles ihm fremd erscheinende beäugelt, und dabei so oft er sein häßliches Geschrei go-a-wäh ausstößt, seinen Schopf hoch ausrichtet. Am 11. December machte ich mehrere Ausflüge in die Umgegend, die meinen Sammlungen sehr zu Statten kamen. Unter der Ausbeute befanden sich Papageien, sechs jener Lori's, Witwen, Tukane und zwei Kukuksarten, eine kleine, grün und grau melirte, rothbeschopfte Spechtart und Würger.
Unsere Ankunft führte, da ich F. nach der Stadt entsendet hatte, um den dort ansässigen holländischen Schmied zu entbieten, bald mehrere Besucher herbei, deren erste scheu hervorgebrachte Frage dem Feuerwasser galt. Ihre Verlegenheit bewies mir, daß Montsua's Ruf als Gegner des Branntweins begründet war.
Nachmittags erhielten wir einen andern Besuch aus Moschaneng, und zwar den ehrendsten im Lande der Banquaketsen, deren Gebiet wir (ungefähr unter 25° 10' südlicher Breite) etwa halben Weges zwischen Molema's Town und dem jetzigen, 70 englische Meilen davon entfernten Aufenthalte überschritten hatten. Ein gedeckter, zweirädriger mit vier Pferden bespannter Karren kam angefahren, bog im Gehölze um und dann gerade auf uns zu. Während Stephan die Pferde hielt, stiegen die Insassen, vier Eingeborne, aus. Zuerst ein junger Mann von etwa 25-28 Jahren, der sich uns als Mobili, den Sohn eines Basutohäuptlings vorstellte und der F. von Kimberley aus kannte, wo er ob seiner englischen Erziehung und seiner Fertigkeit in der englischen Sprache durch einige Zeit als Dolmetsch bei dem Gerichtsamt angestellt und ein Lebemann südafrikanischen Anstrichs war. Er war auf einer Rundreise unter den Betschuanahäuptlingen begriffen und eben vor wenigen Tagen vom Könige der Bakwena's angekommen. Mobili stellte uns nun, nachdem er mit F. Händedrücke ausgetauscht, die übrigen drei Personen mit den Worten vor. »These are two of the most distinguished Bechuana Kings (zwei der hervorragendsten Betschuanakönige), Montsua, jener der Barolongen, of a wealthy and mighty tribe (über einen wohlhabenden und mächtigen Stamm), hier Chatsitsive, König der Banquaketsen und dort der Hauptrathgeber oder der Vice-Kanzler des Banquaketse-Reiches.«
Montsua, ein Mann von über 50 Jahren, wohlbeleibt mit einem stets lächelnden, gutmüthigen Gesicht, flößte mir sofort Zutrauen ein. Chatsitsive, ein großer, hagerer Mann, zeigte deutlich, wie auch sein Reichskanzler, daß sie ihr faltenreiches Antlitz den Umständen anzupassen verstanden. Alle waren europäisch gekleidet, Chatsitsive mit einem langen Ueberrock und Cylinder und sein Factotum mit einem Mentschikoff. Nachdem wir während des Gesprächs, das Mobili und Pit als Dolmetscher leiteten, scharf gemustert worden waren, meinte Montsua, daß er mich im Weichbilde seiner Stadt willkommen heiße, er wäre wohl nicht eigentlich auf seinem Gebiete, er lebe hier auf dem Boden seines Freundes Chatsitsive und habe vor langer Zeit schon den Molapo verlassen, weil er von den Boers bedrängt worden war; er sei nun aber ihres Treibens satt und wolle Moschaneng verlassen, um sich am Molapo oder in Poolfontein oder am Lothlakaneflüßchen eine Stadt zu bauen, dann müsse ich kommen und ihn besuchen.
[Königliche Besucher.]
Hierauf wurde ich über Ziel und Zweck meiner Reise befragt. Als Antwort zeigte ich einige der Vogelbälge, welche mit Staunen betrachtet wurden. Mobili verdolmetschte dem König die Bearbeitung des Balges, was dieser jedoch nicht begreifen konnte und darüber unaufhörlich den Kopf schüttelte. Als ich den König zur Vorsicht mahnte, da Gift in der Haut des Balges enthalten sei (Mobile übersetzte es mit molemo maschwe, schlechte, böse Medicin) stieß der alte König einen leisen Schrei aus und ließ den Balg fallen; die Betschuana's fürchten nichts mehr als künstlich zubereitetes Gift, jedes Medicament, das nicht hilft und eine Verschlechterung des Kranken herbeiführt oder den Tod nicht verhüten kann, wird als Gift betrachtet »O,« seufzte Montsua, und er wie seine beiden Genossen besahen sich die Hände und fingen an, die Aermel ihrer Röcke aufzuschlagen, um sich die Finger im Sande abzureiben. Ich ließ Wasser und Seife bringen und holte eines meiner Handtücher, das Montsua noch immer mit einem besorgten Gesichte annahm und sich nicht eher beruhigte, als bis ich ihm durch Mobili die Wirkungslosigkeit des Giftes auf der menschlichen Haut erklären ließ.
Größeres Erstaunen aber als der Vogelbalg, und laute Ausrufe selbst auch von Seite des sich den Anschein eines Gelehrten gebenden Mobili folgten, als ich zwei meiner mit Reptilien, Schlangen, Eidechsen, Fröschen und Spinnen gefüllten Flaschen vorwies. Alle vier Besucher waren dabei zurückgewichen und Montsua, seinen Kiristock gegen die Flasche vorhaltend, wollte nicht näher herantreten. Bald mich, bald die Flasche anstaunend beruhigte er sich erst, nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Schlangen in dem Butshuala a Makao (im Biere des Weißen) »schliefen« und nicht heraus konnten.
Inzwischen war ein Mokka fertig geworden und die Blechbecher wurden herumgereicht. Unterdessen besah sich Montsua den Wagen, frug die Jungen (Diener), woher sie kämen und mich endlich, was sein Bruder Molema thue, ob er wohl sei; ich antwortete ihm, daß er an seinem alten Uebel leide und daß ich ihm ein Molemo gab, was ihm wohl helfen dürfe. Montsua nahm diese Nachricht mit beifälligem Schmunzeln auf.
Sowie sich auch Chatsitsive gesetzt, frug Mobili, ob ich den »hohen Herren« keine andere Erfrischung zu bieten hätte. Ich verneinte, ich wüßte nicht, was ich ihnen antragen könnte. Mobili stand auf, kam zu mir herüber und meinte, ich solle Pit und Stephan um Wasser schicken, er wollte mir etwas sagen, die Diener dürften jedoch nicht dabei sein. Ich that es und nun entpuppte sich das Geheimniß. Ich sollte jedem einen Schluck Brandy anbieten. Ich that es und Montsua meinte, daß er seinen Unterthanen Brandy anzubieten nicht gestatte, daß er ihn selbst nur ein oder zwei Mal im Jahre und dann nur zu einem halben Glas Wein trinke. Ich schenkte ein, Montsua trank etwa einen halben Löffel voll, griff aber darauf sofort nach Wasser. Chatsitsive brachte zwei Löffel voll hinunter, verzog aber dabei sein langes Gesicht derart, daß selbst Montsua (mit uns) in ein krampfhaftes Lachen ausbrach. Chatsitsive ließ etwa einen Löffel in dem Blechbecher übrig, reichte ihn dem Vize-Kanzler, und dieser leerte ihn rasch, worauf er den Rest mit dem Finger zu erhaschen sich bemühte. Mobili spülte den halben Becher hinab, ohne eine Miene zu verziehen.
Nachdem die hohen Herren uns allen die Hände geschüttelt hatten, und sogar die Diener mit einem Kopfnicken bedachten, stiegen die Besitzer von einigen hundert deutschen Quadratmeilen Landes in ihren Karren, Mobili nahm die Zügel zur Hand, um sich zur Abfahrt fertig zu machen; da legte sich Montsua's Linke an seine Schulter, während er mir mit der Rechten noch einmal an den Karren heranzukommen winkte. Mit zwei Sätzen war ich an seiner Seite und der Dolmetscher frug mich in des Königs Namen, wo ich den für ihn bestimmten »Rumela« (Empfehlungsbrief) des Missionärs Webb habe. Ich holte beide Schreiben und bat nun den König, den zweiten an seine Adresse zukommen zu lassen, konnte jedoch nicht umhin, meiner Verwunderung Ausdruck zu geben, daß man am Hofe zu Moschaneng schon von der Sache vernommen hatte. Montsua lachte. »Ja,« meinte er, »ich weiß es seit drei Tagen, denn an Euch gingen eines Tages, während Ihr schliefet, zwei Barolongen von Molema's Town vorüber, welche mir die Nachricht von Deinem Besuche der Stadt, Deinem Thun daselbst und von dem Zwecke Deiner Reise, von den beiden Briefen und der guten Wirkung Deines Molemo an Bruder Molema zu berichten hatten.«
Am folgenden Morgen besuchte mich Herr Martin, einer der besten Männer unter den Weißen, die ich unter den central-südafrikanischen Eingebornen gefunden, zugleich mit Gentuña, dem Häuptling der Baharutsestadt, welche den nördlichen, durch einen Bach getrennten Theil von Moschaneng bildet. Wir hatten eine längere Unterredung, die mir sehr willkommen war.[[1]] Ich benutzte jeden freien Augenblick zum Sammeln und war mit dem Aufenthalte in dem traulichen Gehölze sehr zufrieden.
[1] Kanja (Kanje) die Hauptstadt der Banquatetsen (oder Ba-N'Quatetsen) und Chatsitsive's Residenz liegt neun englische Meilen, Süd bei Ost, von Moschaneng; eine Tagreise weit ostnordöstlich (zwischen 17 und 20 Meilen liegen die Ruinen der früheren Residenz des Balwenakönigs Seschele, doch in ihrer Nähe, nur durch ein Flüßchen entfernt, gegenwärtig zwei Eingebornenstädte, die diesseitige, welche an Chatsitsive's Gebiet liegt von den Manupi und eine zweite an Seschele's Gebiet grenzend, die von den Makhosi bewohnt wird (seitdem sind die Makhosi ausgewandert). Herr Martin sprach sich sehr lobend über Gentuña aus. Herr Martin hatte mit einem anderen Händler auch einen Jagdzug nach dem westlichen Matabeleland unternommen, dabei jedoch durch Krankheit, die Tsetse und andere Unannehmlichkeiten viele Zugthiere und im Allgemeinen sehr viel eingebüßt. Er war an die Tochter des vor Kurzem verstorbenen Districtbeamten des Maricodistrict verheiratet und seine Frau wohnte theils bei ihren Verwandten in Zeerust, theils lebte sie mit ihm in einem kleinen Häuschen in Moschaneng, das er mir gastlich zur Verfügung stellte.
Am 14. Nachmittags setzte ich meine Reise nach Moschaneng fort. Die Fahrt dahin ging durch angebaute Felder und in einem offenen sich nach Osten ausbreitenden, nach Westen durch Felsenhöhen und zu unserer Linken nach Süden durch bebuschte Höhen begrenzten Thale; die letzteren bildeten als die nördliche Kette von Malau's Rand die Höhen von Moschaneng. Malau's Rand ist wiederum als der südcentrale Theil der Banquaketsehöhen zu betrachten, welche durch die Lekhutsa und Makarupuhöhen in östlicher Richtung mit dem westlichen Gebirgsknoten des zentralen Süd-Afrika zusammenhängen.[[1]]
[1] Ich unterscheide drei Gebigsknoten im centralen Süd-Afrika; einen östlichen, die Magalisberge; einen westlichen, das Marico-Höhennetz; und einen nördlichen, den im Matabeleland.