VI.

Rückreise nach Dutoitspan.

Wolmaran's Farm.—Ein junger Boer.—Tabakbau im Moi-Riverthale.—Ueppige Vegetation.—Optische Täuschung.—Transportkosten und Schwierigkeiten.—Gestörte Mahlzeit.—Ein Hinterhalt.—Farm Rennicke.—Eine Vogel-Colonie.—Gildenhuis.—Eine Löwenjagd an den Maqwasihöhen.—Gekränkte Hottentotten-Ehre.—Auswanderer nach den Leydenburger Goldfeldern.—Hallwater-Farm und Saltpan. (Vermeintliche Ruine von Monopotapa.)—Batlapinen-Gerichte.—Eine unliebsame Entdeckung.—Hebron.—Ostersonntag im Vaal-River.—Ankunft in Dutoitspan.

Ich schied von Wonderfontein mit dem dankbarsten Herzen seinem Besitzer, wie der gütigen Natur gegenüber. Mit Wonderfontein war das Endziel meiner ersten Reise erreicht und ich begab mich auf den Heimweg nach Dutoitspan, bis Bloemhof dieselbe Route wie auf der Herreise benutzend.

Am zweiten Marschtage bemerkte ich, daß Gert mit seltenem Eifer die Kaufertigkeit seiner Kinnbacken erprobte; auf meine Frage, welche Delicatesse er wohl erhascht, zeigte er mir eine Handvoll Gummi, von den Mimosen herrührend, die unseren Weg säumten, und pries die durstlöschende Eigenschaft desselben. Ich fand später wiederholt Gelegenheit, zu diesem Ersatzmittel des Wassers meine Zuflucht zu nehmen. Am folgenden Tage, in der Nähe von Wolmaran's Farm, begegneten wir einem etwa 12jährigen, von der Jagd heimkehrenden Boerjungen. Obwohl das Gewehr, das er nachlässig geschultert trug, beinahe größer war als er selbst, sprach dennoch aus allen seinen Mienen großes Selbstbewußtsein und er schien die Ehre einer Ansprache von Seite meines Begleiters F. ganz gleichgiltig hinzunehmen.

Der junge Jäger hatte sich inzwischen auf sein Gewehr gelehnt und reichte mit einem »Guten Tag, Ohm« Einem nach dem Andern die Hand. Von seinem Hute hing das Schwänzchen einer frisch erlegten Deukergazelle.—»Und Du hast sie selbst erlegt?«—»Ja, Ohm.«—»Hast Du das Thier im Laufen oder Stehen geschossen?«—»Ungefähr 200 Schritte vor mir sprang sie auf, lief ein Stückchen, blieb stehen, ich war niedergeknieet und hatte das Stillstehen erwartet, so wie sie stehen blieb, blies ich ihr die Kugel durch den Leib.« Ohne auf unsere weiteren Fragen zu warten, schulterte er sein Gewehr, berührte den Hut, reichte wieder einem Jeden die Hand und ging seiner Wege.

Um die bereits erwähnte morastige Straßenstelle jenseits der Brücke über den Moi-River bei Potschefstroom am nächsten Tage bei Tageshelle zu passiren, beschloß ich, nachdem wir Wolmaran's Farm im Rücken hatten, die ganze Nacht hindurch zu reisen und nur einige Stunden zu rasten.

Während einer solchen Rast wurde ich durch eigentümliche volle Töne aus meinen Betrachtungen gerissen. F. machte mich auf ein Pärchen großer Vögel aufmerksam, welche kaum 100 Schritte vor uns ihre Stimme ertönen ließen. Die Dunkelheit ließ jedoch ihre Art nicht erkennen. Bevor wir uns noch anschleichen konnten, hatten uns die Thiere bemerkt und hoben sich in die Lüfte. Den schönen, langgezogenen und vollen, durch die Stille der Nacht erschallenden Ton, den sie dabei ausstießen, erkannte ich sogleich als den Warnungsruf des grauen südafrikanischen Kranichs. Dieser voll schallende Ton, der wie über einem Resonanzboden ausgestoßen so voll klingt und so deutlich und von großen Entfernungen her hörbar ist, wird durch die einigen wenigen Vogelarten (auch den Schwänen) zukommende Eigentümlichkeit bedingt, daß sie ein weit ausgehöhltes Brustbein besitzen und die Luftröhre in diese Höhlung eintritt, um, nachdem sie eine Curve gebildet, sich wieder nach auswärts zu wenden und herauszutreten.

Am Abend des nächsten Tages schlugen wir wieder in Potschefstroom an der bereits bekannten Stelle unser Lager auf.

Von einigen Bekannten, die zu unserem Wagen gekommen waren, erfuhr ich, daß sich Mauch mehrmals in Potschefstroom aufgehalten und in Herrn Foßmann einen guten und opferwilligen Freund gefunden, und daß in den nach Osten zu sichtbaren Bergen Versteinerungen und Pflanzenabdrücke anzutreffen wären. Als ich zu den Besuchern über das Innere des Landes sprach, meinten sie, daß hier mehrmals im Jahre mit Elfenbein, Straußenfedern und allerhand Häuten und Fellen beladene Wägen von der Stadt der Bamanquato, »Schoschong«, auf dem Wege nach Natal ankämen, die einem Brüderpaar, den Händlern Drake (die ich später auf meiner zweiten Reise in Schoschong auch kennen lernte und den einen zu behandeln hatte), angehörten. Sie kämen den Limpopo herab, wobei sie den Marico kurz vor seiner Mündung überschritten. Von denselben Besuchern hörte ich noch, daß sich in Potschefstroom zwei Männer aufhielten, welche Elephanten im Matabeleland gejagt hatten.

Wie die meisten Hottentotten so sind auch die Griqua's und Koranna's leidenschaftliche Raucher und gleich manchen (doch meist den ärmeren) Holländern leidenschaftliche Tabakkauer; weil nun der im Moi-Riverthale angebaute Tabak ein ziemlich gutes Renommé besitzt, hatten mich Gert und David mehrmals ziemlich unverblümt daran erinnert, bevor ich die Stadt zum zweiten und letzten Male verließ, doch eine ganze Rolle (etwa 5 Pfund) von dem »notwendigen Ding« zu kaufen. Jeden Tag verbrauchten sie per Mann ein fingerlanges Stückchen der daumenstarken Rollstange. Bis jetzt wurde—wenn ich nicht irre—der größte Theil des hier angebauten Tabaks im Lande selbst verbraucht, doch wird er unstreitig, in größerer Menge angebaut und etwas billiger auf den Markt gebracht, in nächster Zeit einen nennenswerthen Exportartikel bilden.

Obgleich ich keine statistischen Daten bezüglich des Tabakbaues vor mir habe, glaube ich doch, daß von den gesammten südafrikanischen, civilisirten Staaten die Transvaal-Provinz den meisten Tabak producirt. Unter den unabhängigen, im Westen und Nordwesten dieser Colonie wohnenden Betschuanastämmen sind es namentlich die in dem Lande der Bakwena wohnenden Bakhatla, welche ihre Zeit meist als Diener der Farmer in der Transvaal-Provinz zugebracht und die Tabakcultur in ihrer primitivsten Weise nach ihrer Heimat verpflanzt haben.

Die Strecke nach Klerksdorp legten wir ziemlich rasch (in zwei Tagen) zurück. Auf dem Wege längs eines in den Moi-River einmündenden Querthales auswärts gegen einen Höhensattel zu, den wir zu überschreiten hatten, beobachtete ich an den feuchteren, kurzbegrasten Partien—trotzdem, daß wir die Stelle noch keine zwei Wochen vorher passirt hatten, neue Amaryllisspecies und andere mir noch nicht zuvor bekannte Pflanzenspecies im Sprossen begriffen. Mit Leichtigkeit könnte man in Süd-Afrika ebenso wie die aus dem wilden Zustande in Töpfe und Gärten verpflanzten Zwiebelgewächse, die sehr artenreichen Staphelien und Euphorbiaceen verpflanzen und es wäre wünschenswerth, daß diese beiden ersteren als Garten- wie Zimmerschmuck so leicht zu gewinnenden Familien häufiger als nur bei einigen wenigen Amateurs und als die von Europa, Australien und Süd-Amerika eingeführten Gewächse gepflegt würden. Man kennt leider in Süd-Afrika im Allgemeinen mehr von europäischen Gartenpflanzen und von australischen und neuseeländischen als von den einheimischen in diese Kategorie einschlagenden Pflanzenproducten. Die schönen Gladiolus-, Amaryllis-, Iris- und ihnen verwandte Species könnten in Gärten und Töpfen sehr gut gedeihen, nicht minder zahlreiche zartblüthige Malvaceen, Scabiosaceen, Cinneen, namentlich aber die im Süden so artenreichen Ericaceen. Unzählig sind die Species der Bodenkriecher, die, wenn etwas cultivirt, noch bedeutend gewinnen würden, zahlreich sind die lianenartig sich emporschlingenden Gewächse. Im Süden, in den Küstendistricten, werden mit Ausnahme der schon erwähnten botanischen Gärten, die einheimischen Pflanzen doch nur von wenigen Liebhabern cultivirt, und da sind es meist nur die aloëartigen, Encephalartos, Strelitzien, Staphelien, Euphorbiaceen, Geranium-Arten, Farrenkräuter und einige wenige mehr.—Doch zurück zu unserer Rückreise nach Klerksdorp.

[Junger Boer.]

[Jagd auf Zibethyänen am Klipspruit.]

Auf der Höhe des Bergsattels befindet sich eine kleine, weniger tiefe Wasserlache, welche, obgleich seicht, wegen der steinigen Unterlage, bedeutend länger als tiefere Lachen in der Ebene und in manchen der Spruits ihr Wasser hält. Diese kleinen Höhenlachen sind zuweilen ein nennenswerthes Charakteristicum vieler Höhen, besonders der Sattel und Kämme des centralen südafrikanischen Hochplateaus, der Reisende begrüßt sie mit freudigem Herzen und den Neuling überraschen sie nicht selten da, wo er sie am wenigsten erwartet. Nachdem er oft lange, ebene Strecken durchreist, vergebens da, wo das Land eine Neige zeigte, nach Wasser geforscht, fruchtlos einem trockenen Flußbett stundenlang gefolgt und sich mühevoll—nur um seinen und den peinlichen Durst der am Wagen harrenden Gefährten zu stillen—durch Schilfbrüche Bahn gebrochen, ohne das begehrte Element zu finden, endlich zu dem Wagen zurückkehrt, die Reise fortsetzt, um noch die vor ihm liegende Höhe oder die sich quer über seine eingeschlagene Route ziehende Bodenerhebung oder Hügelkette zu erreichen und von den höheren Punkten Rundschau zu halten, findet er unerwartet oben auf der Höhe eine, wenn auch oft trübe, so doch volle Wasserlache. Welch' eine beseligende Ueberraschung für den Neuling, ein Schatz für den Veteran, der, ohne nach rechts oder links abzubiegen, ohne sich durch noch so viel trocken scheinende Schluchten oder Flußdickichte täuschen zu lassen, gerade auf die ihm schon bekannten oder Wasser versprechenden Bodenerhebungen lossteuert. Zur heißen Tageszeit wird leider das Wasser in diesen seichten Becken bedeutend erwärmt, doch in der Abendkühle ist es bedeutend kälter als jenes in den Morästen oder Spruitlachen und wenn es nicht durch häufig hier zur Tränke kommende Viehheerden verunreinigt wird, bedeutend reiner und namentlich frei von faulenden Substanzen.

Während ich auf der Reise vaalaufwärts meine Zeit meist zur Croquirung der Strecke verwendete, konnte ich mich nunmehr meinen Sammlungen und der Jagd widmen. Ich ging mit meinem treuen und bereits gute Dienste als Hühnerhund leistenden Niger in der Grasebene auf der einen, F. mit seinem Karabiner auf der anderen Seite, 2-400 Schritte vom Wagen entfernt, demselben als Eclaireurs voran. Die grauen und schwarzen Zwergtrappen (die großen Trappen Eupodotis caffra und Kori waren zu scheu), Rebhühner, Steppenhühner, rothfüßige Kibitze (in den Flügeln schwarzweiß gescheckt) und an den Flügeln bespornte Hoplopteri (an den feuchteren Stellen) bildeten meist unsere Beute. Niger (ein bei der während meines Aufenthaltes in den Diamantenfeldern unternommenen und bereits geschilderten Pavianjagd erworbener Hund) that sein Möglichstes.

Zwischen dem Baken- und Matschavisspruit hielt uns ein Vorfall, der zu den heiteren Zufällen dieser ersten Reise gerechnet werden muß, einige Stunden auf. Auf einer der Grasebenen zu unserer Linken erspähte Gert vom Bock aus, etwa zwei Meilen vom Wege entfernt, einen dunklen Gegenstand, der bald als ein einzelnes grasendes Thier erkannt war. Nach der Größe schien es ein Rind zu sein, doch war von einer Heerde oder einem Hirten nichts zu sehen, und so wurde der dunkle Gegenstand trotz den Einwendungen der beiden Diener, die uns Weißen nicht beistimmen wollten, für einen jener alten, von den Heerden wegen ihrer Reizbarkeit und Kampflust ausgestoßenen Gnu-Stiere angesehen, der allein, sein ferneres Dasein in der Verbannung fristen mußte. »Deinen Gefährten bist du nutzlos, desto eher kannst du in einem europäischen Museum paradiren, dachte ich und meine Freunde stimmten mit ein.« Die Vorsicht, mit der ich mich in die Nähe des vermeintlichen Wildes schlich, erwies sich jedoch bald überflüssig, denn schon auf 500 Schritte erkannte ich einen Bullen, der seinerseits nun mir eine größere Aufmerksamkeit zuwendete als mir lieb sein konnte und mit gesenkten Hörnern auf mich losging. Einige blinde Schüsse brachten ihn jedoch schließlich zum Nachgeben und verstimmt über diese Täuschung kehrte ich zum Wagen zurück. Das scharfe Korannagesicht hatte seine Ueberlegenheit über uns Europäer bewiesen.

Ohne Unfall passirten wir die Furth über den Schoenspruit und lagerten bald auf dem freien, zwischen dem Flusse und der nach Klerksdorp führenden Wasserleitung liegenden Rasenplatze. In unserer Nähe standen zwei einem Transvaaler Fuhrmann (Transportrider) gehörende Wägen. Der Eigentümer derselben kam an unseren Wagen und da wir eben Kaffee nahmen, wurde ihm ein »Becher« offerirt. Der Transportrider führte Güter, wie er glaubte, Kistchen mit französischen Weinen und Brandy, rothe Kistchen mit holländischem Gin, große Kisten mit englischem Bisquit, ferner solche mit eingelegten Früchten (Jam), sowie Picken, Schaufeln etc. im Ganzen 13.000 Pfund Gewicht auf den beiden Wägen, die ihm in den Diamantenfeldern aufgeladen wurden und die er nach den Goldfeldern zu schaffen hatte.

Nach der Berechnung unseres Gastes, der ziemlich geläufig englisch sprach, hoffte er nach Abzug aller Kosten 140 £ St. an diesem »Trip« (Fahrt) zu verdienen, so daß wir mit Zurechnung der Frachtauslagen von Port Elizabeth annehmen müssen, daß das Heraufschaffen der Güter von diesem Hafenorte bis Pilgrims-Rast (Leydenburger District) auf 300 £ St. zu stehen komme. Die Strecke von Port Elizabeth über Hope-Town, Kimberley (Diamantenfelder), Christiana, Klerksdorp, Potschefstroom, Pretoria, Middleburg und Leydenburg (Lydenburg) beträgt nahezu 1100 englische (etwas über 255 geographische) Meilen; für den Transport von 130 Centner war mithin die Fracht von 3450 fl. eine sehr hohe. Die meisten dieser sogenannten Transportrider (sprich »raider«) stehen sich gut, nur in trockenen Jahren und wenn sie Schneegestöber im Winter auf den Karoohochebenen ereilen, haben sie oft sehr viel zu leiden und können ihr gesammtes Zugvieh einbüßen. So weiß ich mich vor drei Jahren eines Falles zu erinnern, wo ein einziger Fuhrmann, der mit sechs Wägen nach der Cap-Kolonie fuhr, in einigen kalten Nächten 75 Stück Ochsen verlor. Die Weide war sehr schlecht, wenn er die Thiere auch drei Tage lang grasen ließ, hatten sie sich nicht genügend erholt und erfroren um so eher. Ich kenne auch Fälle, wo solche Fuhrleute beim Durchfahren größerer Flüsse, wie des Oranje-Rivers, im Flusse stecken blieben und bevor noch ausgiebige Hilfe ankam, war der Fluß gestiegen und der Fuhrmann verlor Wagen und Güter, die er ersetzen mußte, Vorfälle, die schon so manchen an den Bettelstab gebracht.

Am nächsten Morgen verließen wir das Weichbild von Klerksdorp und schlugen die Richtung nach dem Estherspruit ein. Die letzten Tage hatte es nicht geregnet und so durften wir auf schönes Wetter hoffen, doch wurden die Nächte empfindlich kälter als zur Zeit, da wir uns von den Diamantenfeldern verabschiedet hatten.

Unter dem einladenden Schatten einiger jener mehrstämmigen, hutförmigen, nach abwärts mit ihrem verschlungenen Kronengezweige sich neigenden Zwergbäumchen hielten wir am folgenden Tage Mittagsrast. Die beschatteten Stellen waren grasarm, beinahe nackt und kahl und zeigten zahlreiche Mäuselöcher. Doch ringsum in einigen unbedeutenden Vertiefungen wucherte um so üppiger ein dichter Graswuchs.

Freund E. wollte eine hübsche Stelle für den Mittagstisch und unsere Sitze aussuchen, er schien endlich unter dem schattigsten der oben erwähnten Zwergbäumchen den gesuchten Ort gefunden zu haben, als er die Mäuselöcher zu zerstampfen begann. Ich wollte eben mit dem Insectennetze in der nächsten Umgebung eine Razzia halten, als mich Freund E.'s wunderliches Betragen zu der Frage veranlaßte, was er hier thue. »Sehen Sie, diese Löcher sind nach ihrer Umgebung zu urtheilen, verlassen und da gibt es keinen unbequemeren Ort, als deren Nähe sich zum Rasten auszusuchen, weil eben diese Löcher mit Vorliebe von Schlangen—«. »Eine Schlange, eine Schlange, Doctor, nehmen Sie den Schambock (Bileamspeitsche), passen Sie auf, sie läuft auf Sie zu!« schrie plötzlich aus der nächsten Vertiefung der erschreckte F., der hinabgestiegen war, um einige an den Grashalmen erspähte Käfer für mich zu erbeuten. Das »ausgesucht werden« blieb Freund E. in der Kehle stecken, er hatte nicht nöthig, seinen Satz zu beschließen, denn da kam schon pfeilschnell das Reptil hervorgeschossen, schnurstraks auf eines der zugestopften Löcher zueilend. Dieses und ein anderes verschlossen findend, wandte sich die etwa vier Fuß lange, fingerdicke Schlange nach dem Zwergbäumchen, wo sie mir über eine halbe Stunde harte Arbeit machte, bevor ich sie in dem dichten Geäste bemeistern konnte. Es war eine als Giftschlange in Süd-Afrika wohlbekannte Scap- (Skap-) stecker.

[Verlassener Jagdplatz.]

Im blumigen Thale des Estherspruit angekommen, widmete ich am folgenden Morgen, wie an der letzten Raststelle, einige Stunden dem Insectenfange, da hier viele Doldengewächse, auch Orakelblumen und Liliaceen von kleinen Coleoptera-Arten strotzten. Mylabris, Cetonia Marienkäfer, Erdflöhe etc. fanden sich artenreich vor. Dann wurde noch ein allgemeiner Ausflug mit Gewehr, Pinzette und Schambock zwischen den das enge Spruitthal zur Linken umgebenden Felsen versucht. Das Resultat war der Fang einiger Echsen, zweier Schlangen, von denen sich (nach der Breite der Spur zu urtheilen) hier viele Buffadern aufhalten mußten. Sie mußten auch gut gedeihen, denn alle Bedingungen dazu waren hier in den geschützten Felsenlöchern vorhanden, in denen sich kleine, braune und große, graue, schwarz gestreifte Rohrrüßler aufhielten, während in den nahen Zwergbüschen gestreifte Mäuse und im nahen Thale Lurche in großer Zahl anzutreffen waren. Die Rohrrüßler sind kleine muthige Raubthiere, der Gestalt nach müßte man sie Spring-Spitzmäuse nennen. Die großen (von der Größe einer Ratte) leben paarweise in Löchern unter umfangreichen Blöcken, sind sehr wachsam und nähren sich von Insecten und Insectenlarven. Sie springen sehr behende und pflegen sich auf der Flucht zeitweilig umzusehen, was ihnen natürlich oft zum Verderben gereicht.

Spät am Nachmittage erreichten wir den durch die bereits geschilderten Raubritter—jene holländischen Quälgeister, deren ich schon auf der Hinreise gedacht—berüchtigten Matjesspruit. Ich nahm mir vor, in dem Thale gar nicht zu halten, sondern noch drei Meilen darüber hinaus zu fahren, um nicht belästigt zu werden. Als wir ungefähr das erste Drittel des zum Spruit führenden Abhanges erreicht hatten, machte mich der mit der Peitsche neben dem Gefährte schreitende Gert auf den »Wächter« des in dem Gebüsche zur Rechten liegenden Raubgehöftes aufmerksam. Einer der Bauern stand unter einem Bäumchen auf dem Wege und lugte aus. Als wir auf etwa 300 Schritte nahegekommen waren, verschwand er plötzlich und lief buscheinwärts, um die Annäherung einer »Prise« zu melden.

Wir wähnten, als von Gert angetrieben das Gespann sich in Trab gesetzt hatte, der drohenden Gefahr glücklich entronnen zu sein, und konnten uns nicht enthalten, ob der gelungenen List in ein lautes Gelächter auszubrechen. Doch wie gewöhnlich, wir hatten zu früh gelacht. Plötzlich erscheint eine schmutzige Hand an dem Seitenbrette und dann folgt ein bestürztes Gesicht. »Chun (guten) Dag, Mynheer, ah, ah Dokter, wart doch bichi—ras ni so banje (viel) mit det ow (alte) wachen (Wagen).« Dann erschien neben Gert ein zweiter Raubritter in zerrissenen Hemdärmeln und beide bemühten sich, ihn zu überreden, das Gespann zum Stehen zu bringen. So hatten uns doch die unbarmherzigen Quälgeister ereilt! Doch Gert ließ vom Peitschen nicht ab und das Gefährte eilte bis zu dem Flüßchen, das wir zu durchschreiten hatten. Kaum daß wir das Spruitbett überschritten hatten, als ein Troß von Kindern und Frauen dem Wagen nachgerannt kam. »Ja warum lauft Ihr denn so vorbei,« hieß es von allen Seiten, »bleibt doch ein bischen stehen.« Wir sprangen vom Wagen ab, um wenigstens der Sitte gerecht zu werden und den zwölf Anwesenden Einem nach dem Andern ihre nichts weniger als reinen Hände zu schütteln und sie zu versichern, daß wir es sehr eilig hätten und unter keiner Bedingung hier bleiben könnten. Da nahmen die diesmal glücklich zurückgeschlagenen Freibeuter zu einer anderen List ihre Zuflucht, wobei sie jedoch vergaßen, daß wir dieselbe schon kannten. »Aber Ihr könnt' nicht weiter, denn wo Ihr noch heute Nacht hinkommt, da ist kein Gras für Eure Ochsen, kein Wasser für Euren Thee, der Boden ist kahl gebrannt, ohne Gras wie dieser Weg, bleibt doch hier über die Nacht.« Doch es half alles nichts, wir kannten unsere Pappenheimer zu gut und so blieb ihnen nichts übrig, als mit leeren Händen den Heimweg anzutreten.

Die Sonne stand schon ziemlich hoch, als wir am folgenden Tage am Klipspruit (steinigen Spruit) Rast hielten. Etwa 1½ englische Meilen an demselben auswärts stand ein Wagen und nahebei grasten einige Pferde. Hinter dem Wagen schien ein Zelt zu stehen. Ich hoffte holländische Jäger zu finden, von denen ich, im Falle wir ohne Erfolg gejagt hätten, einige frisch erlegte Thiere, der Häute halber, zu erstehen gedachte. Wir hatten auch ganz richtig geurtheilt, denn wir fanden den Besitzer der Landstrecke, auf der wir rasteten und der weiter auswärts sein Farmhaus hatte und mit seiner Familie auf einer Erholungsreise begriffen war, wobei er sich seine Zeit mit Jagen vertrieb. Um den Wagen waren mehrere Aeste in den weichen Boden eingelassen und mit Ochsenriemen verbunden, an denen zahllose, längliche Fleischstücke hingen, um zu dem bekannten Beltong getrocknet zu werden. Auf der Erde lag ein Gnu-Stier, den eben ein Koranna abzuhäuten bemüht war.

Wohin wir auch unsere Blicke wenden mochten, überall begegneten sie einem überraschenden Reichthum an Wild jeder Gattung. Wir waren Zeugen eines Kampfes zweier Gnu-Stiere, die mit unglaublicher Vehemenz aufeinander eindrangen; nichtsdestoweniger aber hatten sie ihren gemeinschaftlichen Gegner in uns bald gewittert und folgten der fliehenden Heerde rasch nach.

[Eine Vogel-Colonie.]

Bei dem Präpariren des mir von dem Farmer überlassenen Gnufelles hatte ich mich an den spitzen Knochen des Kopfskelettes verletzt, im Eifer der Arbeit, zu deren Beschleunigung ein drohender Regenguß mich anspornte, achtete ich nicht darauf. Heftige Schmerzen und angeschwollene Hände belehrten mich nächsten Tages, daß ich unvorsichtig genug vorgegangen und das Arsenikpräparat in die Wunden eingedrungen war. Ich wurde erst später eindringlich an die Gefahr dieser Sorglosigkeit gemahnt.

[Löwenjagd in den Maqwasibergen.]

Am nächsten Morgen verließen wir Klipspruit, überschritten den Löwen- und Wolfsspruit und erreichten gegen Abend die schon erwähnte Farm Rennicke, deren Besitzer uns auf der Hinreise anfangs ziemlich unfreundlich empfangen hatte. Diesmal hatte er gegen unser Vorhaben, im Gehölze zu jagen, nichts einzuwenden, ja er gab uns sogar seinen Jungen als Führer mit. Der kleine Bursche geleitete uns an den nördlichen Rand des Gehölzes, an dem angelangt er uns niederbeugen und ihm stille folgen hieß.

Nach etwa 60 Schritten standen wir an einem niederen, kaum fünf Fuß hohen, hie und da mit Zwergsträuchern überwucherte Erddamme. Der Junge vor uns kroch aufwärts und sah sich um, dann hieß er uns vorsichtig folgen und durch eines der Büschchen gedeckt auslugen. »Kick, Ohm« (schau, Onkel), flüsterte er mir in's Ohr, und wies mit seiner Linken über den Damm. Ein unvergeßlicher Anblick bot sich uns dar. Ich wünschte ein Netz über diese Scene ausgespannt zu sehen und das Leben darunter als »Leben« zu erhalten.

Der Damm, an dem wir lagen, war die südliche Umzäunung einer dreiseitigen, eingedämmten Vertiefung, die von Gras und Binsen überwachsen, nur vom Regenwasser gespeist zu sein schien. In diesem Gewässer watschelte, schwamm und tauchte ein Heer von Vögeln umher, Die auffallendsten waren die heiligen Ibise, wenigstens fünfzig, die Einen in ihrem schneeweißen Gefieder auf einem Fuße schlummernd, die andern langsam und gravitätisch ausschreitend und den kleineren Genossen (den Tauchern etc.) zuweilen Hiebe austheilend, während die meisten rasch hin und herliefen und dabei unter der Wasserfläche mit dem dunkelgefärbten Kopfe und dem Schnabel hin- und herfahrend fischten. Außer ihnen stand nach der einen Dammseite, wie aller Welt vergebend, ein graues Fischreiherpärchen. Zwischen dem Grase und in den Binsen gackerten graue und schwarzweiß gescheckte Wildenten, während unzählige Bläßhühner ihre tiefen Stimmen hören ließen. Dazwischen tummelten sich die kleinen behenden Taucher. Am Rande des schräg zu dem trüben Wasser abfallenden Dammes liefen laut pfeifend einige Kampfläufer (Philomachus pugnux) auf- und nieder, während kleine Strandläufer in dichten Schaaren von dem einen zum andern Ufer flogen, ohne lange auf derselben Stelle zu verweilen. Später fand ich die Erklärung zu dem lauten Treiben dieser an das flüssige Element gebundenen Vogelwelt. Ein heftiger Platzregen hatte eine Unmasse von Insecten und Würmern von der Ebene in die Vertiefung herabgeschwemmt, auch todte Eidechsen, sogar Mäuse fanden ihren Weg dahin; an dieser reich besetzten Tafel ließ es sich nun die befiederte Gesellschaft recht wohl schmecken.

Einer von uns mußte wohl unvorsichtig den Kopf vorgestreckt haben, denn bevor ich mich dessen versah, hatten sich alle die Langstelzen mit lautem Geschrei in die Lüfte erhoben. Unwillkürlich und wohl auch in der Angst, sie alle davonfliegen zu sehen, legte ich auf einen der Ibise an und brachte ihn wie auch ein Bläßhuhn herunter. Auf dem Heimwege die Moräste berührend, erbeutete Freund E. eine Wildente.

Am Wagen angekommen, erfuhr ich von Freund K., daß der Farmer mich zum Besuch eingeladen habe. Obgleich derselbe wohlhabend zu nennen, war doch sein Haus höchst einfach aus Backsteinen aufgeführt. Er klagte mir sein Leid über die Verluste, die er durch die herrschende Pferdekrankheit alljährlich erleide und bat mich um meinen Rath, da eben sein Reitpferd von der Krankheit befallen war.

Am Nachmittage verließen wir Rennicke's Farm und langten in der Dunkelheit an »Gildenhuis Place« an, derselben am Südfuße der hier vorbringenden Maqwasihöhen erbauten Farm, welcher ich auf der Hinreise bereits erwähnte.

Auf der dritten Reise—zwei Jahre später—traf ich weit im Innern einen herumwandernden Elephantenjäger, der seine Heimat an den nördlichen Ausläufern der Maqwasihöhen hatte, zu deren südlichem Abhange wir eben lagerten. Er war ein tüchtiger Jäger, und ich will im Folgenden, bevor ich von den Maqwasihöhen scheide, eine seiner Jagdepisoden erzählen. Weinhold Schmitt hielt sich in seiner Junggesellenzeit in einer an den Quellen des Maqwasi-Rivers liegenden Farm auf. Zu dieser Zeit waren die nördlichen Schluchten der Maqwasihöhen durch das Treiben von vier in der Regel gemeinschaftlich jagenden Löwen arg verrufen. Keiner von den in der Umgebung wohnenden Boer's hatte sich bisher erkühnt, den verwegenen Löwen an den Leib zu gehen. Da kam eines Tages der Sohn des einen Farmers mit der traurigen Botschaft heimgeritten, daß er die Leichen dreier Pferde—es waren »gesoute« (gesalzene, d.h. gegen die Pneumonie gefeite), welche er abzuholen hatte—vorfand, die schon halb aufgezehrt im Grase lagen, und an den zahllosen Spuren waren die Urheber der ruchlosen That nur zu deutlich zu erkennen.

Diese Nachricht brachte es zu Stande, daß sich die Boer's endlich zur That aufrafften und gemeinschaftlich die Raubthiere zu erlegen beschlossen. Der Farmer und sechs Reiter fanden sich ein, der junge Mann, der die getödteten Pferde aufgefunden, wurde zum Führer gewählt; die Spur der Löwen war bald gefunden. Es ging durch ein Thal, über eine, über eine zweite Höhe, dann kamen sie auf eine Ebene, die leider kurzbegrast war; der Boden war hart und wohl auch deshalb verloren sie die Spur der Thiere und mußten die Verfolgung aufgeben. Es ist jedoch wahrscheinlicher, daß den Löwenjägern der Muth etwas gesunken war und daß alle nur zu sehr einverstanden waren, lieber heimzukehren, als noch, abgemüdet nach einer längeren Verfolgung, den Kampf mit den Raubthieren aufzunehmen. Auf ihrer Heimkehr trennten sich die enttäuschten Jäger nahe an Schmitt's Wohnung. Doch wie erstaunten er und sein Freund, als sie in unmittelbarer Nähe des Gehöftes ein Löwenpärchen im hohen Grase erblickten. Nach der Stellung, welche die Raubthiere eingenommen hatten, schienen sie auf der Lauer zu liegen. Beim Annähern der beiden Reiter, deren Pferde sich brav in der Nähe ihres Erzfeindes hielten, erhoben sich die Löwen, und Schmitt, um einen sichern Schuß zu gewinnen, sprang ab, nahm die Zügel, machte einige Schritte nach vorwärts und legte gerade auf den nach ihm stierenden Löwen an, als ihn sein Gefährte anrief; als sich Schmitt umwandte, sah er, daß ihn dieser verlassen und eben in einer Entfernung von 50 Schritten Posto gefaßt hatte. Dies war unserem Jäger sehr unangenehm. Zwei Löwen sah er vor sich, die übrigen durften wohl nicht ferne sein, sein Freund hatte ihn in dieser ungemüthlichen Situation verlassen.

So blieb ihm nichts übrig als selbst an den Rückzug zu denken. Sein Pferd am Zügel führend wich er zurück, doch so, daß er stets die Raubthiere im Auge behielt. Bevor jedoch der Schütze seinen Gefährten erreicht hatte, wandten sich die Löwen zur Flucht nach den Höhen. Dies gab unsern Jägern Muth und beide galoppirten ihnen nach, Schmitt mit der Absicht—wie es jeder berittene und etwas erfahrene südafrikanische Löwenjäger in einem solchen Falle versucht—den Löwen einen Vorsprung abzugewinnen und ihnen den Weg zu verlegen. Es gelang ihm und die beiden Löwen befanden sich nun zwischen ihm und seinem Gefährten, der mit Geschrei und Hutschwenken die Freunde, von denen sie kurze Zeit zuvor geschieden und die noch nicht aus Schußweite gekommen waren, auf den Fund aufmerksam zu machen sich bemühte. Bevor jedoch diese—obwohl mit verhängten Zügeln einhersprengend—zur Stelle waren, hatte sich die Löwin nach links gewendet und war in einer trichterförmigen, bebuschten doch seichten Felsenvertiefung verschwunden, während der Löwe mit fletschenden Zähnen den Augenblick, wo beide Jäger dem Dickicht näher gerückt waren, benutzend, mit einigen Sätzen im Gestrüppe der nahen Höhe verschwand und—nachdem er wohl noch durch den Anblick der heranjagenden Menschen eingeschüchtert—seine Flucht längs der Höhe auch so eilig fortsetzte, daß er seinen Verfolgern nicht mehr zu Gesichte kam.

Als die übrigen fünf Jäger sich zur Stelle eingefunden hatten, beschloß man, die Vertiefung zu umzingeln und namentlich den dem Hügel zugekehrten Rand derselben scharf im Auge zu behalten, weil man nach dieser Seite einen Fluchtversuch der Löwin befürchtete. Hier postirten sich auch drei der Jäger und begannen mit Geschrei und Steinwürfen die Löwin zu beunruhigen und zu einem Fluchtversuche zu bewegen. Die Steinwürfe mochten sie wohl kaum belästigt haben, umsomehr aber schien die Löwin über das entsetzliche »Holländisch« empört, in welchem die drei Jäger sich mit ihr unterhielten, denn nach einiger Zeit erschien sie am Rande der Vertiefung, um die Situation auszuspähen. Anstatt gerade nach dem schützenden Dickicht des Hügels zu halten, bog sie etwas nach links ein, um in einer schiefen Linie das Ziel zu erreichen. Bei der Ausführung dieses Vorhabens stand ihr jedoch das Unangenehme bevor, vor den drei Schützen vorbeidefiliren zu müssen. Sie zögerte nicht lange und folgte der letzterwähnten Richtung. Drei Schüsse knallten zur selben Zeit. Die Löwin machte einen Versuch, ihre Bahn fortzusetzen, den auszuführen jedoch ihre Lebenskräfte nicht mehr ausreichten. Sie war mit dreifach durchbohrter Brust zur Erde gesunken.

»Und die anderen Löwen?« fragte ich.

»Wir hatten für längere Zeit Ruhe vor den Raubthieren, sie zogen sich nach dem Hart-River zu und hausten da im Lande der Barolongen. Doch kamen sie zuweilen noch immer herüber und selbst gegenwärtig kann man in trockenen Wintern daselbst von Westen her zugelaufenen Löwen begegnen.«

Nächsten Mittag spannten wir im Schatten einiger schöner Cameeldornbäume unfern der Furth des Maqwasi-River aus. Der vor wenigen Wochen hoch angeschwollene Fluß war nunmehr wieder zu einem dünnen in der Ebene sich hinschlängelnden Wasserfaden herabgesunken. Am jenseitigen Ufer standen einige Wägen ausgespannt. Sie waren sämmtlich mit Wein- und Branntweinfässern geladen, welche nach den Goldfeldern gebracht werden sollten. In einem nahen Ziegelhäuschen ging es sehr lärmend zu, man credenzte auch hier den Feuertrank, und vor dem Häuschen lagen auf der Erde im betrunkenen Zustande einige der zu den Wägen gehörenden schwarzen Diener, während zwei andere—auch unter demselben Einflusse—schreiend ihre Fertigkeit im Boxen an sich versuchen wollten. Der eine hatte seine schmutzige Jacke abgeworfen und schlug die Hemdärmel zurück, um sich für den Zweikampf »klar« zu machen, während sein Gefährte mit in der Hose steckenden Händen und mit ausgespreizten Beinen ihm die ärgsten Schmähworte zuschleuderte. »Du bist kein Hottentot nicht, nur ein elendige Boschman,« warf dieser ein. Das war zu viel für das erhitze Gemüth des braun-gelblichen Stammesbruders. »Ik ke Hottentott ni, so wahr ich eine Mutter habe (dies der gewöhnliche Schwur der Koranna) bin ich einer—nimm das—dafür Du drunken lap Du.« Und die eine der an die Brust gezogenen Fäuste traf den sich kaum im Gleichgewicht haltenden Gegner so dreist und wuchtig auf die Nasenwurzel, daß er mit einem »Allmachtag« nach rückwärts fiel und hoch mit den Beinen aufschlug.

Auf unserer Weiterfahrt nach Bloemhof begegneten wir zwei Fußgängern (Weißen), die nach monatelangem, erfolglosem »Diggen« in den Diamantenfeldern ihr Heil in den Leydenburger Goldfeldern zu finden gedachten. Der eine der Männer trug zusammengerollte Decken, der zweite in einem Ledersack Brod etc., sowie eine Theekanne und einen Becher. In dieser Verfassung dachten sie die Gesammtstrecke von über 115 geographischen Meilen Länge zurückzulegen. »Nachts schlafen wir unter einem Busche, polstern uns die Stelle weich mit Gras aus und überrascht uns ein Regen, so bleiben wir—wenn wir gerade nicht nahe an einem Farmhause sind, um Schutz in dem Wagenschuppen zu suchen—ruhig liegen, ist's ja nur Wasser, und reines Wasser, das da vom Himmel auf uns kommt.« Das war ein Paar jener Wettergebräunten, die man oft in den Diamantenfeldern begegnet und die von dem Glanze der Diamanten und des Goldes angezogen, die rauhesten Seiten des menschlichen Daseins kennen, ertragen und verachten gelernt hatten; und haben sie sich an dieses rauhe Leben, an dieses mit den größten Mühen und großen Kosten verbundene, selten oder fast nie zu befriedigende Jagen nach Reichthum gewöhnt, so sind sie den gesellschaftlichen Formen des Lebens entfremdet; außer daß sie—was ihnen jedoch in Süd-Afrika nicht leicht möglich ist—die eleganten Säle der Spielhöhlen besuchen.

Spät am Abend langten wir am Bamboesspruit an und übernachteten am diesseitigen Ufer, um die Furth nicht in der Nacht passiren zu müssen. Wir blieben bis gegen Mitternacht um das lodernde Feuer geschaart und besprachen die Gladiatorscene am Maqwasi-River, der wir ohne Eintrittskarten gelöst zu haben, beigewohnt hatten.

Am nächsten Tage legten wir die Tour durch die schon vorher erwähnten Grasebenen zurück, berührten die beiden an Salzpfannen liegenden Farmen Rietfontein und Coetzee's Farm und erreichten den folgenden Tag Bloemhof.

[Hallwater Farm.]

Nach kurzem Aufenthalte brachen wir noch am selben Tage nach der Hallwater Saltpan auf, um auf diesem kürzeren Wege nach Christiana zu gelangen. Diese Salzpfanne war im Jahre 1872 dadurch in Süd-Afrika berühmt geworden, daß man daselbst die Ruinen von Monopotapa (Monomotapa, Motapa, Mosogra etc.), einer in einem Reiche desselben Namens (das vor 200 Jahren noch existirte) liegenden Stadt, gefunden zu haben glaubte. Aus alten Chroniken ersehen wir, daß das ganze Centrum Süd- und des südlichen Central-Afrika von diesem Reiche eingenommen wurde, daß mit seinen Bewohnern—meist durch die an der Küste wohnenden Eingebornen als Zwischenträger—von Seite der portugiesischen und holländischen Händler ein lebhafter Handel getrieben wurde und man glaubte auch, daß bereits portugiesische Missionäre von Osten her bei den Bewohnern Monopotapa's gewirkt hätten. Den Chroniken entnehmen wir auch, daß die Städte meist in der Nähe von Goldminen erbaut und in unmittelbarer Nähe der Stadt Monopotapa selbst an 3000 bearbeitete Erdlöcher (Minen) zu finden waren. Man hatte nun in der Nähe der Hallwater Salzpfanne Steine vorgefunden, welche menschliche Arbeit und zwar meist Bruchstücke von Säulen, ferner Gesimsstücke—jedoch nur diese beiden Formen—darzustellen schienen, und da die Entfernung dieses Fundortes von Kapstadt mit der, in den Büchern als Entfernung zwischen der Stadt Monopotapa und Kapstadt angegebenen ziemlich übereinstimmt, glaubte man Monopotapa gefunden zu haben. Ich hielt deshalb die Stelle eines Besuches werth, um so mehr, als sie nicht weit, nur einige Meilen nordwärts von meinem Wege liegen sollte.

Am selben Tage, nachdem ich Bloemhof verlassen, traf ich bei der bezeichneten Salzpfanne ein. Obgleich nahe am Vaalflusse gelegen und zum Gebiete der Transvaal-Republik gerechnet, und obschon hier eine weiße Frau mit ihren Töchtern in einem Moodhouse wohnte, die uns sogar einlud, uns in ihrem Palaste niederzusetzen, fand ich, daß die Koranna's von Mamusa die eigentliche Herrschaft führten und diese auch bis zu Beginn des Jahres 1879 aufrecht zu halten wußten.

Die Stelle bildete die Südspitze eines Dreieckes mit der Basis gegen Mamusa und dem Hart-River zu, welches von Gassibone und Mankuruan (damals beide unabhängig), den Batlapinenchefs, Old-David Maschon, dem Korannakönig von Mamusa und den Holländern beansprucht wurde; bei dieser Sachlage waren nur die hier angesiedelten Farmer zu bedauern, denn auf sie fiel die Last aller Quälereien, sie waren der Sündenbock in allen Streitigkeiten.

In der Nähe der Salzpfanne, welche wohl das beste Kochsalz in dem Bloemhofer District liefert, und deshalb neben dem Graslande als Weide durch den Salzgewinn einen Erwerb in cash (in Baarem) abwarf, war eine Farm, ein besonders hervorstechender Punkt in »the disputed territory« (streitigem Gebiete). Außer dem aus rohem Thonboden verfertigten und nothdürftig mit Gras gedeckten Häuschen, das von der erwähnten Frau, entweder um ihr Vieh an der Pfanne weiden oder das Salz durch ihre Diener gewinnen zu lassen, bewohnt wurde, standen noch am Nordrande der Salzpfanne einige Korannahütten. Zwei etwa 12 Fuß tief in die Erde gegrabene Löcher lieferten einen kleinen Wasserstrahl, der durch einen Graben in eine Bucht geleitet, die Bewohner mit Wasser versah. An diesem äußerst schmutzigen Tümpel tummelten sich zahlreiche rothfüßige und einige Sporen-Kibitze, während im Wasser zahlreiche Wasserschildkröten und Frösche ihr genügsames Dasein fristeten.[[1]]

[1] Siehe [Anhang 9].

Die vorgehende Zeichnung der Hallwaterfarm habe ich im Jahre 1875 (zwei Jahre später) auf meiner dritten Reise aufgenommen. Wir sehen ein aus Thon aufgeführtes Häuschen und einige Hütten, in denen Koranna's hausten. Die Weißen hatten die Stelle bald nach meinem Abgange verlassen. Die Koranna's gewannen nun selbst das Salz, von dem sie 25 Pfund für eine halbe Krone verkauften. Einem Reisenden, der nach dem Innern Afrika's seine Schritte lenken will, würde ich es anrathen, sich hier mit einer genügenden Menge Salz zu versorgen, da er beim Einsalzen des Wildfleisches und Präpariren der Haut großer Säugethiere viel davon brauchen, allein nicht leicht wieder ein ähnlich gutes auf seiner weiteren Reise finden wird. Die hier lebenden Koranna's ernähren sich von Viehzucht, halten meist Rinder und Ziegen und besitzen einige schadhafte Wägen, in denen sie das Salz nach Bloemhof, Potschefstroom und den Diamantenfeldern zum Kaufe bringen und daselbst für 1 £ St. per mule (d.i. 200 Pfund) feilbieten. Oberhalb der Stelle, wo die trockenen Bäche einmünden, könnte die nächste Umgebung der Pfanne mit einem niedrigen Damm versehen, und von dem so gebildeten Weiher hinreichendes Wasser zur Bewässerung von Feldern gewonnen werden. Doch es gehört mehr als Koranna-Energie dazu, um einen solchen Versuch zu wagen; vielleicht wird es doch möglich werden, wenn hier, wie in Griqualand-West, die Eingebornen nicht mehr Gelegenheit haben, ihre Gedanken und Kräfte im Brandygenusse verkümmern zu lassen.

Während unseres ersten Aufenthaltes an der Hallwater Salzpfanne hatten wir auch Gelegenheit, das Batlapinengericht, »die Wanderheuschrecken«, zu verkosten. In der Asche gebraten wurden sie von einigen durchreisenden Batlapinen genossen, die Einen aßen sie mit »Haut und Haaren«, Einer riß die Füße und Flügel, der Klügste von Allen auch den Darmkanal aus; in der letzteren Verfassung versuchten wir dieses Gericht. Ich benützte die Gelegenheit, dieses noble Betschuana-Gericht allen Gourmands, wenn sie so weit gediehen sind, daß sie nichts mehr zu essen haben, oder daß ihnen nichts mehr pikant genug erscheint, als ein billiges und doch ungewöhnliches Ultimatum zu empfehlen. Wenn ich mich jedoch zu diesem freundschaftlichen Rath erkühne, ist es auch nöthig, des »Geschmacks« dieser Wildgattung Süd-Afrika's mit einigen Worten gedenken zu wollen. Derselbe ist jenem getrockneter, etwas ausgelaugter italienischer Sardellen ähnlich. Benützt wird nur die eigentliche südafrikanische Heuschrecke. Ich für meinen Theil fand das Thier als Köder zum Angeln ausgezeichnet, besser als Regenwürmer etc.; bei ihrem Schwärmen fallen Hunderte in die Flüsse den Fischen zur willkommenen Beute, sowie sie in den Lüften sowohl von dem kleinen Vogel, der sie mit beiden Fängen halten muß und stückweise verzehrt, bevor er mit ihnen fertig wird, als auch vom Adler und Kranich als besondere Leckerbissen angesehen und jeder anderen Nahrung vorgezogen werden.

Nachdem wir die kürzere Wegrichtung nach Christiana erfahren hatten, nahm ich mir vor, um die Gegend kennen zu lernen, meinen Weg nach Westen fortzusetzen, und erst unterhalb Christiana gegen Hebron auf die Route einzulenken, so daß ich auf diese Weise den südlichen Theil von Gassibone's Gebiet von Ostnordost nach Westsüdwest durchzog. In der Richtung, die wir einschlugen, gab es keinen fahrbaren Weg, wir mußten uns durch Gebüsche und über begraste Ebenen unseren Weg bahnen. Mir war es hauptsächlich darum zu thun, einen Ueberblick über die Gegend zu gewinnen, leider war mir dies nicht gestattet und ich entschloß mich, wegen der Beschwerden, die uns diese Reise bereitete, lieber die kürzeste Strecke nach dem Vaal einzuschlagen. Im selben Verhältnisse als die jede Aussicht benehmenden Büsche abnahmen, traten nun leider wieder die Kameeldornbäume in größeren Beständen auf.

Zahlreiche fahle Zwergtrappenpärchen, Deuker- und Steinbockgazellen wurden sichtbar, die ersteren Gazellen ruhig grasend, die letzteren nur wenn aus dem Gebüsch aufgescheucht, bemerkbar. Wir fanden auch Spuren von Hartebeest-Antilopen und solche, die den des Gnu ähnlich, doch wahrscheinlich jene des gestreiften Gnu's (Catoplepas Taurina, Gorgon) sind. Diese Spuren und die Hoffnung, das Wild selbst beobachten zu können, ließ uns den Wald willkommen heißen, allein um uns nicht zu sehr der Freude über den Wechsel im Charakter der Gegend und den damit in Aussicht gestellten Eroberungen genießen zu lassen, wurde unsere allgemeine Zufriedenheit schon während der ersten Stunden dieser, zwischen den wenn auch wenig dicht stehenden Bäumen unbequemen Fahrt durch den Umstand getrübt, daß wir kein Wasser aufzufinden vermochten.

[Koranna.]

Gegen Mittag stießen wir auf einen, den Fußspuren nach zu schließen, ziemlich betretenen Pfad und hielten in Mitte einer Lichtung Rast. Schon seit einigen Tagen war mir ein penetranter Fäulnißgeruch aufgefallen, welcher einer Kiste entströmte, in der ich die erbeuteten und präparirten Felle untergebracht hatte; es waren im Ganzen zwei schwarze Gnu-, drei Bläßbock- und zwei Springbockfelle, ferner solche von Schakalen, Proteles, Springhasen, Scharrthieren, Erdeichhörnchen und Klippschliefern. Da in der Kiste auch die Hörner der erlegten Thiere obenauf lagen, so schrieb ich diesen den fatalen Geruch zu; um mich aber darüber zu beruhigen, machte ich mich daran, die Kiste zu öffnen. Meine schlimmsten Befürchtungen waren noch weit überholt, alle Mühe und Plage war verloren, meine Wunden an den Händen schmerzten mich bei dem Anblicke der aller Haare entblößten, vom Regen aufgeweichten und in Folge dessen in Fäulniß vergangenen Felle doppelt heftig. Es blieb mir nichts übrig als die Felle zu opfern und mich mit den Hörnern zu begnügen, die ich von den Kopfskeletten herabsägen mußte. Während dieser Arbeit wurden wir durch Gäste überrascht, Batlapinen, die durch den Rauch des Lagerfeuers angelockt, nicht wenig erstaunt waren, im Walde Weiße mit einem Wagen zu finden.

Dem Rathe der Batlapinen nachkommend, verfolgten wir den Fußpfad und es währte nicht lange, so waren wir aus dem Walde heraus auf eine begraste, stellenweise dicht, doch niedrig bebuschte Ebene gekommen, welche ich für eine der an Kleinwild reichsten Stellen in Gassibone's Lande halte. Unter dem Kleinwild war die schmucke, kleine Steinbockgazelle vorherrschend, doch sahen wir auch drei Springböcke, die sich bald empfahlen, ohne uns auf Schußweite nahekommen zu lassen, sowie auch zwei gravitätisch neben einander einherschreitende Sekretäre, welche die weniger dicht und hochbegrasten Partien aufsuchend, eine Razzia auf Schlangen und Eidechsen hielten. Unter dem Federwild waren Rebhühner (meist paarweise) das häufigste Wild. Wir hielten einige 20 Minuten an der Batlapinen-»Post«, die Frauen waren mit der Herstellung einer neuen Umzäunung beschäftigt, die sie für ihre Ziegen aus Dornbüschen bereits halb aufgebaut hatten. Die Männer hatten zwei Hartebeestfelle, die rauhgar gegerbt waren, mit feuchter Erde überschüttet, um sie noch weicher und nachgiebiger zu machen und dann daraus eine Carosse verfertigen zu können.

Da ich in der Folge rasch reisen und mich nirgends länger als unumgänglich notwendig aufhalten wollte, entschloß ich mich, in der Nähe des Vaal angelangt, noch einen Tag am Ufer desselben zuzubringen, um zu fischen. Wir hatten kaum am Lagerplatze Feuer angezündet, als auch schon aus dem kaum eine halbe englische Meile entfernten Farmhause (unmittelbar am Flusse gelegen) der Farmer erschien und mir bedeutete, daß er mir nicht gestatten könne, hier zu übernachten. Ich wäre vom Wege »abgefahren« und auf dieses Vergehen stünde in der Republik 5 £ St. Strafe.

Ohne mich in weitere Unterhandlungen einzuladen, traf ich Anstalten zum Aufbruche. Unser Gefährte F. war noch so glücklich, vor unserer Abfahrt aus den Fluthen des Vaal einen etwa dreipfündigen Wels herauszufischen, ein Fang, der in das Menu unserer täglichen Mahlzeiten angenehme Abwechslung brachte.

Gegen Mitternacht hatten wir Christiana erreicht und gedachten nun, uns an einer Tasse heißen Thee's zu erwärmen, als wir die Entdeckung machten, daß wir die Kiste mit dem Kochgeschirr verloren hatten. Mich traf dieser Verlust sehr empfindlich, denn meine Mittel waren schon derart zur Neige gegangen, daß sie die Neubeschaffung des notwendigen Geschirres nicht zuließen. Freund E. half uns aus dieser Verlegenheit.

In Christiana hielten wir uns nur bis zu Mittag des folgenden Tages auf. Nach einer halbtägigen Fahrt erreichten wir den am Wege erbauten kleinen Eingebornenkraal, an dem wir, von Gassibone kommend, auf die Klipdrift-Christiana-Route gestoßen waren. Von hier bis nach den Diamantenfeldern zu hatte ich eine für mich vollkommen neue Strecke zu durchreisen. Den interessantesten Theil derselben bildet unstreitig die mittlere Partie, d. h. das Hebroner Höhennetz.

Der erste Theil der Strecke bis zum Fuße der Höhen ist flach, zeigt einige der bekannten, doch kleinen, von Wildgänsen (Chenalopes) und Kranichen aufgesuchten, länger als gewöhnlich mit Wasser gefüllten Salzpfannen. Der Vaalfluß entfernt sich von uns nach links in einem weiten Bogen und wir treffen ihn erst nach einem langen Doppelmarsche, indem wir die Secante zu diesem Kreisabschnitte beschreiben. Das Land nach links, eine prachtvolle Grasebene (das Land innerhalb des vom Flusse betriebenen Bogens), gehörte zu der Transvaal-Republik, jenes zu unserer Rechten, hochbegrast, hie und da von Büschen und kleinen Niederwald-Complexen bedeckt, Gassibone an; jetzt gehört beides zu der Transvaal-Colonie. Die Grasebene zu unserer Linken war eine der von den schon oft erwähnten Knurrhühnern (Otis afra) am dichtesten bevölkerten Jagdstellen, die ich auf meinen südafrikanischen Wanderungen kennen gelernt, es rauschte vor uns, neben uns, in der Ferne, auf beiden Seiten des Weges.

[Von der Arbeit heimkehrende Batlapinen.]

Unser Gefährte F. wollte, als er die Trappen so häufig auffliegen sah, wieder einmal Proben seiner weidmännischen Ausbildung geben und rühmte sich, mindestens einem halben Dutzend den Garaus zu machen. Doch bald kehrte er zum traulichen Herde am Wagen heim, traurig mit gesenktem Kopfe und—ohne Jagdbeute. Sein Gewehr war gut, sein Auge scharf, und die Rechte sicher wie immer, doch sein Pulver war »krumm« und warf die Schrote in jeder, nur nicht—wenn auch wohlgezielt—in der entsprechenden Richtung. Wer hätte auch dagegen ankämpfen können, wenn Diana neckend die Schrote zerstreute. Freund E. brachte zwei Knurrhühner und für mich zwei Stück schwarzweiß-gescheckte, unserer ähnlich gefärbten Art naheverwandte Würger.

[Ostersonntag im Vaal-River.]

Ich ging mit Gert in das nahe liegende Gehölz Insecten suchen und gewann einige Bockkäfer, sowie zwei Species der Borkenkäfer (Bostrichidae). Hie und da stießen wir auf Gnuschädel, ein Beweis, daß alle diese Gegenden vor kurzer Zeit noch von Gnu's bevölkert waren, während sie sich jetzt mehr im Innern von Gassibone's Lande aufhalten und sich nach Norden in die zwischen dem Hart- und Molapo-River liegenden Wildebenen und jene an der Klipspruit, die freier und gebüschlos sind und daher das Anschleichen erschweren, zurückgezogen haben.

Von Bloemhof ab fuhren wir parallel mit dem Freistaatufer, das bis gegen Hebron höher als das rechte ist und an dem zahlreiche Farmen liegen. Ungefähr 18½ engl. Meilen von Christiana entfernt trafen wir wieder mit dem Vaalflusse zusammen. Hier stand eine Cantine, in der es wild zuging; an der Cantine theilt sich der Weg, der eine führt nach Hebron (weiter stromabwärts) zu, der andere nach einer Ueberfuhr über den Vaal, die gegenwärtig unter dem Namen Blignauts-Pont bekannt und die häufigst eingeschlagene Tour von den Diamantenfeldern nach der Transvaal-Republik bildet; sie ist die kürzeste, billigste und beste. Ich wählte die längere und beschwerlichere, weil ich die Hebroner Höhen, sowie die umliegenden verlassenen River-Diggings kennen lernen wollte. Von Blignauts-Pont bis gegen Delportshope (unweit der Vereinigung des Hart- und Vaal-Rivers), theils in dem Hauptthale, theils in den einmündenden Thälern wohnt in kleinen Dörfchen und in einzelnen Gehöften die Mehrzahl der als englische Unterthanen lebenden Koranna's. Ueberall sahen wir diese in europäische Kleider und Fetzen gehüllten Gestalten herumlungernd, oder mit ihren Hunden die Gebüsche durchstreifend, während die meist nackten Kinder kleine Viehheerden hüteten.

Von der oberwähnten Cantine ab, wurde die Scenerie etwas interessanter, theilweise schon dadurch, daß wir uns dem Vaalflusse wieder genähert hatten, an dessen Ufer ein geübtes Auge immer eine Jagdbeute erspähen kann und ein Forscher reichen Stoff für seine Studien und Sammlungen findet. Am Fuße der Hebroner Höhen kamen wir an ein theils aus Eisenblech, theils aus Segeltuch und Holz aufgeführtes Hotel und Waarenlager—nach dem Vaal-River, der hier zahlreiche Inseln bildet und eine sehr anziehende Scenerie darbietet »Fourteen Stream« genannt. Von hier erheben sich die Hebroner Höhen, welche den Vaal bis Delportshope begleiten und einige Ketten nach Norden, Nordwest und Nordnordost gegen den Hart-River zu ausstrecken, von denen eine mit dem schon erwähnten Spitzkopf, andere mit den Höhen um Taung, Mankuruana's Residenz, enden, und die sich endlich bis gegen Mamusa hinziehen. Diese Höhen sind dicht bebuscht und mit Bäumen bestanden und über sie führt die Grenze zwischen Griqualand-West und der Transvaal-Colonie. Sie beginnen etwa acht Meilen oberhalb Hebron, der früheren Missionsstation, und dem verlassenen Diamanten-Fundorte. Die Gesteinsformation ist auch hier wieder Vaalgestein (Grünstein mit mandelartigen Chalcedon-Einschlüssen), mit zahlreichen Quarzgeschieben und von eisenhaltigem, quarzkörnigem Thonsand bedeckt. Der Fluß hat sich über die Felsenblöcke Bahn brechen müssen und bildet Stromschnellen. Einen anziehenden Anblick gewährt die Scenerie nach Nordost in dem Momente, wenn wir Hebron erreicht haben und dann nach den eben überschrittenen Höhen und den Fluß aufwärts blicken. Zugleich breitet sich vor uns ein weites Panorama, das jenseitige Griqualand-West- und Oranje-Freistaat-Ufer mit einigen den Horizont begrenzenden Höhenzügen und dem 800 Fuß hohen abgeflachten Plattberg in der Ferne, mit seinen Flüßchen, Weidegründen und seinen Farmen aus.

So sehr die Landschaft auf der Strecke vom Fourteen-Streams-Hotel bis Hebron das Auge entzückte, um so schrecklicher war der Weg, den wir zu überwinden hatten; es war eine wahre Felsenstraße, die von der Natur mit Blöcken gepflastert worden war. Das Regenwasser hatte die befahrene Stelle als Abflußrinne benützt, die Blöcke waren theilweise aus- und der Boden zwischen ihnen abgewaschen worden. Dem Wagen, der in die bedenklichsten Stellungen kam, drohte auf Schritt und Tritt Verderben. Daß solch' eine Reise den in den Kisten im Wagen geborgenen, auf der Reise gesammelten Gegenständen nicht zum Vortheil gereichen konnte, ist selbstverständlich. Keiner von uns konnte es im Wagen aushalten, besonders wurde derselbe jedoch herumgeschleudert, als wir die letzten Höhen nach Hebron zu herabfuhren. Der Abhang war steil und zeigte mehrere rasche Biegungen, so daß wir alles aufbieten mußten, um den Wagen mit den Ochsen nicht die Höhe herabrollen zu sehen.

Ziemlich früh am Ostersonntag langten wir in Hebron an. Der Morgen war kalt, in jeder Beziehung höchst unfreundlich; der Himmel war mit dichten Wolken bedeckt, die von kalten Südwestwinden getrieben auf ihrer luftigen Bahn dahinstürmten, es war ein Tag, der das fröhlichste Herz trübe stimmen konnte. Der Blick auf die Ueberreste (Ruinen ist nicht der entsprechende Ausdruck dafür, denn das Material, mit dem das noch vor wenigen Jahren mehr denn 3000 Diamantendigger zählende Hebron so rasch aufgebaut wurde, war zu nichtig, zu vergänglich, um Ruinen hinterlassen zu können) dieses früher als Missionsstation wichtigen, dann als Diamanten-Fundort berühmt und endlich berüchtigt gewordenen und in diesem Zustande dahingesunkenen Ortes, war kaum geeignet, diese trübe Stimmung zu verscheuchen. Oede ist die Stätte, um so einsamer und trauriger an einem kalten, regnerischen Herbstmorgen, denn dann vermag selbst die schöne Aussicht, die man von dem Orte aus genießen kann und die uns an warmen, klaren Frühlings- und Sommertagen die Oede der Stelle vergessen läßt, die Gedanken nicht heiterer zu stimmen; das einstens belebte Hebron war auf zwei Krämerladen, ein »Hotel«, eine Schmiede, ein Schlachthaus und ein Gefängniß herabgeschmolzen.

Planlos zerstreute, vom Regen aufgeweichte und »zerfließende« Thonwände etc. deuteten auf einen bedeutenden Umfang der Niederlassung, deren Größe uns jedoch dann erst auffiel, als wir die River-Diggings aufsuchten. Hunderte von seichten Erdgruben zeigten, daß hier Tausende, Weiße und Farbige, nach dem werthvollsten der Edelsteine gefahndet hatten. Tausende Tonnen Geröll sind hier mit der bloßen Hand aufgehackt, herausgeschaufelt und auf das Emsigste durchsucht worden; jeder der Steine und dort die riesigen Sandhaufen, die aus dem Gerölle durch's Absieben gewonnen wurden, sind durch emsige Hände gegangen und doch war hier der Erfolg so gering, daß wohl kaum zwei von den 3000 Diggern Reichthum erwarben, und der Erfolg von 150-200 anderen unter ihnen so viel Reingewinn abwarf, daß sie ihre Auslagen hätten decken konnen.

Hebron sank so rasch als es emporgeblüht war, viel rascher als Klipdrift und andere Diamanten-Fundorte. In den angeschwemmten Geschieben, in denen die Diamanten gefunden wurden, konnte man deutlich Elemente nachweisen, die von den umliegenden Höhen, und solche, die weiter aus stromaufwärts liegenden Gegenden angeschwemmt worden waren. Nebst massenhaftem Grünstein, in kleinen Fragmenten wie in Blöcken, waren Quarzstücke als Milch- und Rosenquarz, Quarzit, Porphyr, Quarzitporphyr, sowie eigenthümlich kuchenartig geformte, länglich-viereckige Thonschieferstücke von einer gelblichen oder gelblich-grünen Farbe zu finden, welch' letztere durch eine schwarze Umhüllungskruste, wohl das Product einer Zersetzung der äußersten Lage, auffielen. An der Bruchfläche erschienen diese Thonschieferkuchen schön gebändert und zeigten concentrisch angeordnete, dunkelbraune oder röthliche Zeichnungen; irriger Weise wurden diese Thonschieferblöcke als Muttergestein der Diamanten angesehen.

Als ich bei einem der Krämer meine nöthigen Einkäufe besorgt hatte und meine Barschaft nachzählte, gewahrte ich, daß dieselbe auf 16 Shillinge herabgeschmolzen war. Mit diesem Gelde mußte ich bis nach den Diamantenfeldern gelangen. Ich mußte unter solchen Umständen trachten, so schnell als thunlich Dutoitspan zu erreichen, und da der Fährmann sich weigerte, uns des hohen Feiertags halber über den Fluß zu bringen, überdies seine Gehilfen derart betrunken waren, daß wir selbst am folgenden Tage keine Aussicht hatten über den Vaal zu kommen, entschloß ich mich nach abgehaltenem Kriegsrath selbst mein Glück zu versuchen und den Fluß an einer Furth zu übersetzen.

Mein Gefährte F., den ich auf Erkundigung ausgesandt hatte, kam bald mit der freudigen Nachricht zurück, eine sehr praktikable Furth gefunden zu haben. Wir waren bald darauf an der zwei Meilen stromabwärts befindlichen Stelle angelangt.

So einladend zur Rast die dicht bewachsenen Ufer auch waren, mein ganzes Sinnen und Trachten war auf die glückliche Durchfahrt durch den reißenden Fluß gerichtet. Aus dem Geäste der Bäume lockte so mancher schöne Vogel, doch vergeblich, denn meine Hände waren von kleinen Wunden wie besäet und schmerzten mich auf's Aeußerste, seitdem mich noch ein Scorpion gestochen hatte; das Gift des Arsenikpräparats und des Scorpion's vereinigten sich zu doppelter Wirkung.

Die Strahlen der scheidenden Sonne versprachen eine glückliche Ueberfahrt, doch sie zeigten sich trügerisch, der Fluß war wohl seicht, aber die Strömung so stark und das Bett des Flusses derart von Felsblöcken besäet, daß die Thiere sich entsetzlich abgemüht, bevor wir noch das erste Drittel der Flußbreite erreicht hatten, auch hatte die Strömung uns sichtlich von der Furth abwärts getrieben. Unsere Situation war sehr kritisch.

Trotz alles Antreibens und Schreiens von Seite der farbigen Diener konnten die Thiere nicht mehr von der Stelle und von der Strömung bedrängt, begannen sie sich zu bäumen, an den Jochen und dem Ziehtaue zu zerren, dabei sanken die vorderen Zugthiere immer tiefer ein und waren in Gefahr zu ersaufen. Da war rasches Handeln nöthig, und obgleich ich mit meinen wunden, verbundenen Händen nicht viel ausrichten konnte, so sprang ich sofort von F. gefolgt in's Wasser. Doch allen unseren vereinten Anstrengungen wollte es nicht gelingen, Thiere und Wagen aus der gefährlichen Situation zu befreien, es blieb uns nichts übrig, als die Thiere auszuspannen und mit unendlicher Mühe an das jenseitige Ufer zu bringen, sodann aus dem Wagen die Kisten mit dem heiklichsten Theile der Sammlungen hinüber zu transportiren und den Wagen im Flusse stehen zu lassen, bis Hilfe nahte. Ueber dieser anstrengenden Beschäftigung, während welcher ich auf den einzelnen Gängen zum Wagen zuletzt erliegen zu müssen glaubte, senkte die Nacht ihre dunklen Fittiche auf die Scene herab.

Es war eine traurige Nacht, die mich in steter Aufregung über das Schicksal unseres Wagens erhielt. Endlich dämmerte es im Osten und aus der Ferne vornahmen wir am jenseitigen Ufer Peitschengeknalle,—die ersehnte Hilfe nahte. Es waren vier je mit 6-8 Ochsenpaaren bespannte, von Korauna's geleitete Wägen. Ohne weiteren Aufenthalt gelangten dieselben an unser Ufer und gegen eine Entschädigung von 10 Shillingen willigten die Fuhrleute ein, unseren Wagen aus dem Flusse herauszubringen, was denn auch bald geschehen war.

Wir fuhren noch am selben Tage bis River-Town, einem der früher berühmten Diamanten-Fundorte, von welchem aus die Uferhöhen als Fortsetzung der Hebroner Höhen sich zu entwickeln beginnen. Der Fluß wird hier von mehreren Felsenriffen und riesigen Felsenblöcken durchsetzt, von welch' letzteren, einige jener Gravirungen von Thieren und Gestirnen (Säugethieren, Schildkröten, Schlangen, Sonne etc.) zeigen, mit denen sich die Buschmänner in Süd-Afrika unsterblich gemacht haben. Auch an einer der nahe anliegenden Höhen finden sich ähnliche Producte dieses Volksstammes, auf den und auf dessen Zeichnungen etc. ich bei meiner Rückreise durch die Colonie noch zurückkommen werde. River-Town war in einem ziemlich großen Umfange ausgemessen worden, ist aber, bevor noch die in Zelten Wohnenden ihre Mühe in den Diamantengruben gelohnt fanden und zum Baue stabiler Wohnungen schreiten konnten, von anderen Orten überflügelt worden, so daß wir nur zwei Familien noch diggend am Ufer des Vaalflusses antrafen; ein geräumiges Hotel und eine Segeltuchcantine waren die letzten Ueberbleibsel von River-Towns früherer Glanzperiode. Ich blieb in River-Town über Nacht und reiste erst am Nachmittage ab, da ich in den tiefen »Claims« einige interessante quarzhaltige Mineralien und so manche Coleoptera-Species an den Abhängen sammeln konnte.

Am nächsten Tage hatten wir einen so beschwerlichen Marsch, daß wir erst am folgenden in den Diamantenfeldern anlangten. Die Strecke beträgt 15 englische Meilen, allein der bei weitem größte Theil davon wird durch tiefsandige Flächen, eines der größten Hindernisse auf südafrikanischen Reisen, gebildet. Die Ebenen zeigten kaum nennenswerthe, wellenförmige Erhebungen, der stark quarz- und eisenhaltige Sand war mit hohem, büschelförmig wucherndem Gras bewachsen. Stellenweise fand ich eine kleine, kaum 2 Fuß hohe, mimosenartige Pflanze, welche große braune, mit 2-5 Körnern gefüllte Schoten trug. An Wild beobachteten wir in dem gruppenweise stehenden Niedergebüsch Deuker und Steinbockgazellen, Hasen, Tauben, Knurrhühner und Trappen; nach den vielen Löchern zu urtheilen, mußte es hier zahlreiche Erdthiere geben. Auch war die Ausbeute an Käfern trotz der Einförmigkeit der Gegend und der Vegetation eine recht lohnende.

[Aus den Diamantenfeldern heimkehrende Basutos begegnen dahinwandernden.]

Am dritten Tage nach jener trüben am Vaalflusse verlebten Nacht traf ich wieder in Dutoitspan ein. Obgleich ich mich auf das Möglichste eingeschränkt hatte, betrugen die Auslagen auf dieser ersten Versuchsreise doch mehr denn 4000 fl. Ich hatte durch meine zweimonatliche Abwesenheit die Hälfte meiner Patienten eingebüßt, und von jenen Familien, die in der Zwischenzeit nicht zu anderen Aerzten Zuflucht genommen, hatte die Mehrzahl—meist holländische Farmer—die Diamantenfelder verlassen, um sich im Freistaate anzusiedeln. Durch die Behandlung einiger schwieriger Fälle konnte ich mir nach einiger Zeit das verlorene Terrain zurückerobern und so war es mir möglich, K. sein Darlehen zurückzuzahlen, der bald nach unserer Rückreise Dutoitspan verließ, um sich in der Colonie niederzulassen.

Den Zweck und das eigentliche Ziel meiner ersten Reise, einen Ueberblick über die Art und Weise des Reisens, Einsicht in den landschaftlichen Charakter der zu durchreisenden Gegenden, Einblick in das häusliche Leben der Eingebornen und holländischen Farmer, einige Erfahrung über ihr Betragen zu Fremden u.s.w., hatte ich glücklicher Weise erreicht. Durch die Reise in der Spätsommerzeit und bei so unfreundlicher, regnerischer und stürmischer Witterung glaubte ich mich ziemlich acclimatisirt zu haben. Obgleich ich durch die häufigen Regengüsse einige der auf dieser Reise gesammelten werthvollsten Gegenstände, darunter die mühevoll präparirten Gnufelle etc., eine Unzahl von Vogelbälgen, getrocknete Pflanzen etc., eingebüßt hatte, brachte ich 30 anatomische Präparate, etwa 1500 getrocknete Pflanzen, 1 Kiste mit Mammaliafellen, 2 Kistchen Vogelbälge, über 200 Reptilien, einige Fische, 3000 Insecten, einige Fossilien und 300 Mineralien mit, ungerechnet die zahlreichen Duplicate bei letzteren, die ich namentlich aus den Diamantenfeldern am Vaal (River-Diggings) mitnahm, um daheim Museen und Schulen damit zu beschenken. Daß ich auf dieser Versuchsreise Manches gelernt hatte, versteht sich von selbst; ich sah namentlich ein, daß, um die sich oft weit verlaufenden Zugthiere rasch aufzufinden und zurückzubringen, um eine interessant erscheinende, rechts oder links in der Entfernung sichtbare oder aus diesem oder jenem Grunde von den Eingebornen als anziehend bezeichnete Oertlichkeit näher zu untersuchen, ohne den Wagen aufhalten zu müssen, um nach Wasser in wasserlosen Gegenden zu fahnden, ohne erst mit dem Wagen planlos herumzuwandern oder sich zu Fuße halbtodt zu laufen und sich zu verirren, doch auch, um sich des Wildes leichter zu bemächtigen, ein Reitpferd unumgänglich nothwendig sei; auch war es mir klar, daß ich besserer Waffen bedürfe.

Bezüglich meiner Gefährten machte ich die Erfahrung, daß E. auch für die nächste Reise mir willkommen sein würde, als Freund und Rathgeber in manchem kritischen Momente und herzlich gerne bereit, mir in allen schwereren Arbeiten nach Kräften beizustehen. Durch die reichen Erfahrungen auf seinen früheren Reisen in Amerika und Nord-Afrika, sowie durch die Erzählungen interessanter Episoden aus jener bewegten Zeit war er mir ein äußerst angenehmer Reisegefährte geworden.

Wir blieben die ganze Zeit meines siebenjährigen Aufenthaltes in Süd-Afrika treue Freunde und sind es bis zur Stunde. Von F. kann ich leider nicht dasselbe sagen, ein 17jähriger, unerfahrener Jüngling, war er nur gewöhnt, das Leben von der leichtesten Seite aufzufassen—er hatte wohl Mitleid mit jedem Geschöpfe das in Nöthen war, er nahm stets einen guten Anlauf, doch dieser gute Wille war nicht von langer Dauer etc. etc.—trotz Allem war ich ihm dankbar für Alles, was er auf der Reise für mich gethan und wofür ich ihm hiermit nochmals danke.

Freund E. ging wieder an das Diamantendiggen, um nochmals sein Glück zu versuchen, K. nahm auch sein Geschäft wieder auf und F. vermietete sich als Ladendiener, eine Beschäftigung, bei welcher er, wahrscheinlich um die Mannigfaltigkeit des menschlichen Charakters kennen zu lernen, vier- bis sechswöchentlich seinen Principal wechselte.

Als ich die Diamantenfelder verließ, um mich auf diese erste Reise zu begeben, hatte ich mein kleines Zelthäuschen, dem Gerichtsgebäude gegenüber, in Miethe behalten und zog wieder in dasselbe ein; der Wagen wurde hinter das Häuschen geschoben, und die Zugthiere sofort verkauft, um mit dem Erlöse die zweimonatliche Miethe von 10 £ St. und je 3 £ St. für die Diener zu begleichen, sowie einiges Baargeld in der Hand zu haben, da ich von allen Mitteln entblößt nach den Diamantenfeldern zurückgekehrt war.

Obgleich nur von sechsmonatlicher Dauer—war doch dieser Aufenthalt eine sehr bewegte Zeit für mich. Es gibt wenige Orte der Erde, wo der Arzt nicht allein als solcher, sondern auch als Freund seiner Patienten angesehen und angesprochen wird, und so ist es ihm ermöglicht, interessante psychologische Studien zu machen; die Beschränktheit der Räumlichkeiten, namentlich in der ersten Periode der Diamantenfelder, in denen die Kranken wohnen mußten—selbst bei Wohlhabenden oft eine zahlreiche Familie in einem Zelte—macht es ihm möglich, nolens volens das häusliche Glück, die edlen, schönen Seiten des häuslichen Lebens, doch leider auch manch' trübe und traurige, manch' herzerschütternde Scene zu beobachten. Und aus dem Arzte mußte der Rathgeber, aus dem Arzte mußte der Fürsprecher werden, zuweilen sah er sich selbst zu Zurechtweisungen veranlaßt, wenn es auch oft allen Muth erforderte—mehr Muth als im Kampfe mit einem wilden Thiere, an ein in Jahren vorgeschrittenes, an ein graues Haupt mahnende, warnende Worte richten zu müssen.—Was ich während meines Aufenthaltes in den Diamantenfeldern erlebt und beobachtet, hätte mir die reichste Praxis in dem hundertthürmigen Prag nicht im vierfachen Zeitraume bieten können.

Ein eigentümlicher Fall verhalf mir wieder zum großen Theile zu meiner ehemaligen Praxis. Eines Morgens, etwa um 5 Uhr wurde ich—wie es sich später herausstellte irriger Weise statt eines anderen Arztes—zu einem Unglücklichen gerufen, der sich im Delirium tremens die Kehle durchschnitten hatte. Meine Verlegenheit in diesem Falle war keine geringe, da der größte Theil meiner chirurgischen Instrumente auf der Reise in Folge ihrer Verwendung zu nichts weniger denn chirurgischen Operationen, zerbrochen oder unbrauchbar war. Doch zum Ueberlegen war keine Zeit, der Mann drohte zu verbluten, und so lief ich mit dem Boten um die Wette.

Ich fand einen ältlichen Mann in seinem Blute liegend mit einer klaffenden, 13 Zentimeter langen Halswunde, die er sich mit einem Rasirmesser beigebracht hatte. Nach den zwei Schnitten hatte der Mann noch dreimal in die so entstandene klaffende Wunde das Messer angesetzt, so daß der Kehlkopf im Ganzen fünf Schnitte zeigte.[[1]] Meinen aufopfernden Bemühungen und meiner Pflege gelang es aber zu meiner größten Befriedigung den Mann dennoch zu retten, trotzdem er nach den ersten drei Tagen in einem Deliriumsanfalle sich den Nothverband herabgerissen hatte.

[1] Siehe [Anhang 10].

Da sich meine Patienten englischer Nationalität mehrten, sah ich mich nun genöthigt, mich mit Eifer auf das Studium der englischen Sprache zu werfen. Ein Drittel meiner Kunden waren Deutsche, ein Drittel machten die Holländer aus, ein Viertel der Patienten waren Engländer und den Rest bildeten Eingeborne, Halfcasts aus der Colonie, Koranna's Fingo's, Basuto's und Zulu's. Die Medicamente für meine Kranken bezog ich aus der Apotheke eines Engländers, mit Namen Anthony Davison, dem ich auch seiner prompten Bedienung wegen, während meines Gesammtaufenthaltes in den Diamantenfeldern treu geblieben bin.

Die Basuto-, die Zulu- und die Transvaal-Betschuanastämme stellten damals das größte Kontingent zu den Tausenden der in den Diamantenfeldern sich als Diener verdingenden Schwarzen. Sie bekamen 7 Sh. 6 P. bis 10 Sh. per Woche und die meisten blieben nur sechs Monate in den Feldern, um, nachdem sie um 3 Sh. bis 4 £ St. ein Gewehr, dann um 15 Sh. fünf Pfund Schießpulver, etwas Blei und Kapseln, sowie eine oder zwei Wolldecken, oder einen Hut etc. erstanden hatten, heimzukehren und sich daheim eine Lebensgefährtin zu kaufen. Jeder der Diener war seinem Herrn durch einen, von einem eigens dazu angestellten Beamten ausgefüllten Schein zum Dienste verpflichtet, den er bei jedesmaligem Platzwechsel erneuern mußte, und ohne den angetroffen, er einer Strafe verfallen war. Hatte er sich gut betragen und wollte er heimgehen, so gab ihm sein Herr auf Ansuchen einen Zettel an die Magistratsbehörde, von der dann für den Diener ein Waffenschein ausgestellt, d.h. ihm die Erlaubniß ertheilt wurde, sich ein Gewehr zu kaufen. Auf diese Weise hatten sich Tausende von den sowohl in der Kolonie als in ihren eigenen, unabhängigen Staaten wohnenden Eingebornen Schießwaffen verschafft.

Ich erwähnte der Basuto's unter den obigen Stämmen. In den Jahren 1872 und 1873 bildeten sie wohl als Diener das größte Contingent unter ihren dunkelhäutigen Stammesverwandten. Es sei mir gestattet, ihnen hier einige Worte zu widmen, um so das allgemeine Bild der Bantufamilie zu vervollständigen. Ich unterscheide in Süd-Afrika drei Eingebornenracen, die Buschmänner, die Hottentotten und die Bantu's. Zu der ersteren gehören die eigentlichen Buschmänner, zu der zweiten die eigentlichen Hottentotten, die Griqua's und die Koranna's, zu der dritten die Colonial-Kaffern, die Zulu's, Basuto's, Betschuana's, Makalaka's etc., mehr als 40 Stämme, doch kennen wir auch Uebergangsformen, wie zwischen den Buschmännern und den Bantu etc. Obgleich es dieser Stoff verdienen würde, gründlich behandelt zu werden, habe ich weder Raum noch Zeit, es hier zu thun.[[1]] Von den obgenannten Familien hatten wir bisher theilweise die Koranna und zwei Stämme der Batlapinen kennen gelernt. Die Basuto's (ihre Sprache heißt »Sesuto«) wohnen zum größten Theile an dem Cornetspruit und am Caledon-River, zwischen diesen und den Dracken-Bergen, also auf einem Gebiete, das vom Freistaat, vom Capland, Normansland und Natal begrenzt wird. Sie leben unter englischer Oberhoheit und dies seit ihrem Kriege mit dem Oranje-Freistaat, während ein zweites Bantuvolk, die südlichen Barolongen, als ihre westlichen Nachbarn, Unterthanen der Oranje-Republik sind.

[1] Während meines Aufenthaltes in London im Jänner bis März 1880 von der Anthropological Institute of Great Britain and Ireland aufgefordert, über diesen Gegenstand zu sprechen, behandelte ich dieses Thema in einem speciellen Vortrage.

Unter allen Bantustämmen haben es die Basuto's in Bezug auf den Ackerbau am weitesten gebracht. Ihnen zunächst stehen die Baharutse im Maricodistrict der Transvaal-Colonie, deren ich auf meiner zweiten Reise gedenken werde. Hunderttausende Centner Getreide werden in dem kleinen Ländchen in guten Jahren producirt und man muß zugeben, daß diese Stämme jährlich an Wohlhabenheit zunehmen. Sie besitzen auch große Heerden von Pferden und Rindern.

Als sich letzthin der südlichste der Basutohäuptlinge, der allerlei unruhige Elemente, weggelaufene Diener, Diebe, aus dem letzten Kaffernkriege flüchtige Gaika's und Galeka's etc. bei sich aufnahm, gegen die Engländer erhob und den Krieg mit Diebstahl eröffnete, waren es die übrigen Basuto's, die freiwillig 2000 bewaffnete Reiter in's Feld stellten, um den Engländern beizustehen. In der Bauart ihrer Hütten und in den übrigen Arbeiten kommen sie bis auf wenige unbedeutende Abweichungen den Betschuana's gleich, und nehmen in der eigenen Industrie etwa die Mittelrolle unter den Bantuvölkern ein. Eines der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale ihrer Industrie von jener der übrigen Bantustämme ist, daß sie aus Holz geschnitzte Fetische (Götzenbilder) verfertigen und diese meist roth und schwarz tünchen. Thaba Bosigo ist der bedeutendste Kraal (Stadt) des Landes und Thaba Unschu jener des von den Barolongen im Freistaate bewohnten Striches. Gegen Norden sind die Basuto's bis an die Vereinigung des Tschobe und Zambesi vorgedrungen.


Zweite Reise in das Innere von Süd-Afrika

Nach Musemanjana—Moschaneng—Molopolole—Schoschong—und Rückkehr über Linokana nach den Diamantenfeldern.

VIII.

Von Dutoitspan nach Musemanjana.

Vorbereitungen und Ausrüstung zur Reise.—Meine diesmaligen Reisegefährten.—Aufbruch von Dutoitspan.—Klipdrift.—Platberg in Gefahr.—Diamantenfund.—Afrikanische Wegmauth.—Hebron.—Wassermangel.—Ein Grasbrand auf der Hochebene.—Hartebeest-Antilopen.—Ein theuerer Labetrunk.—Gassibone's Kraal.—Rigers Abenteuer mit einer Cobra.—Taung.—Ein Holländischer Schmied.—Reverend Brown und die Missionsstation in Taung.— Maruma.—Monkey's Freuden und Leiden.—Eine dornenvolle Jagd.—Billige Diamanten.—Von Pavianen genarrt.—Unser Empfang in Musemanjana.

[Ein Broddieb.]

Während meines sechsmonatlichen Aufenthaltes machte ich unter anderen Bekanntschaften (unter meinen Patienten) auch die dreier mit einander nahe verwandter deutscher Familien, welche, um mir ihre Dankbarkeit für einige gelungene Curen zu beweisen, mich aufforderten, mir ein Häuschen in ihrem Hofe zu bauen, wohl in meiner Office, wo ich bisher wohnte, zu praktiziren, allein in dem ersteren zu wohnen, damit ich eine bessere Kost etc. und andere Bequemlichkeiten genießen und mich auch besser für meine zweite Reise vorbereiten könnte. Ich nahm ihren gütigen Antrag an, und wohnte etwa zwei Monate unter ihnen, gerade die Zeit vor meiner zweiten Abreise in's Innere. Ich betrachtete die Sprossen dieser Freunde als meine Brüder und Schwestern und wir haben immer dies freundschaftliche Verhältniß zu einander bewahrt. Sie waren mir alle zu den Vorbereitungen zur Reise behilflich, und als ich, bis auf 120 £ St., die gesammten Kosten (gegen 900 £ St.) für diese Reise zurückgelegt hatte, da wurde es mir durch die Güte des einen der drei Familienväter ermöglicht, Güter zu denen, die ich schon für baares Geld erkauft hatte, von einem der Handelshäuser in Dutoitspan im Werthe von 117 £ St. geliehen zu erhalten, und schon vier Wochen vor der anberaumten Zeit die Reise antreten zu können.

Diese Güter bestanden in Schießmaterial, baumwollenen gefärbten Decken, Tüchern, Kleidern und Draht, und ich gedachte die Objecte als Tauschgegenstände zu benutzen, um uns, wenn nöthig, Nahrung zu verschaffen, hauptsächlich aber, um ethnographische Gegenstände und Carossen aus verschiedenen Thierfellen für meine Sammlungen zu erstehen.

Seitdem sich die Diamantenfelder zu purificiren begannen, viele Elemente ausschieden und nur jene geblieben waren, die auf einen längeren Aufenthalt vorbereitet, sich wohnlich eingerichtet hatten, seitdem die gesetzlichen und socialen Verhältnisse einen Umschwung zum Guten erfuhren, haben sich die Central-Diggings einer europäischen Großstadt genähert. Früher herrschte zwar auch der Luxus der letzteren auf der traurigen Ebene zwischen dem Modder- und Vaal-River, allein dieser Luxus wohnte in Zelten und elenden Bretter- und Eisenhütten und war mehr Waare als Gegenstand ruhigen und praktischen Genusses.

Im Jahre 1873, eben nach meiner Rückkehr von der ersten Reise, griff eine lebhafte Auswanderung nach den Goldfeldern im Leydenburger District der Transvaal-Republik um sich, und dies namentlich, weil aus dem letzteren Staate sehr gute Nachrichten über die Goldfelder einzulaufen pflegten, und die Regierung der Transvaal-Republik mit der Idee der Delagoa-Pretoria-Eisenbahn sich zu befassen begann. Diese Nachrichten ermuthigten Viele, nach Leydenburg zu pilgern und Golddiggers zu werden, ihnen schloß sich eine große Zahl, der aus allen Erdtheilen meist mit kleinen Baarschaften Zugewanderten an, die sich in den Diamantenfeldern arm »gediggt« oder ihre Mittel zu gutem Theile vertrunken oder verspielt hatten und daher begierig die Idee aufnahmen, an einer anderen Stelle dem in Australien, Amerika, Neu-Schottland etc. vergebens gesuchten Glücke wieder nachjagen zu können.

Je näher die Zeit des beabsichtigten Aufbruches rückte, desto eifriger und umfangreicher wurden die Vorbereitungen betrieben. So wurde der Wagen mit neuen Eisenbändern versehen, und um das Brechen der Dachleisten—denn meine zweite Reise sollte mich durch bewaldete Partien führen—zu verhüten, ein Eisendrahtnetz zwischen drei wasserdichte Leinwandlagen eingelegt, was sich jedoch, sowie ein kleines Aussichtsthürmchen, das am Wagen angebracht wurde, später auf der Reise als unnöthig erwies. Ich selbst benützte die Zeit, um mich in der Reitkunst zu üben; an Gelegenheiten, meine Fertigkeit in dieser Hinsicht zu erproben, sollte es auf der zweiten Reise nicht fehlen. Die ungesunde Jahreszeit forderte auch bei mir ihren Tribut, ich verfiel in ein heftiges Fieber, von dem ich mich nur allmälig erholen konnte, und welches mich veranlaßte, die Abreise aus den Diamantenfeldern thunlichst zu beschleunigen.

Freund E., der in der Old de Beers-Mine sein Glück als Diamantendigger, allein mit immer gleichem Mißerfolg erprobte, willigte ein, mich auch auf dieser zweiten Reise zu begleiten. Er wollte auch ein Stückchen mehr von Afrika sehen und nach seinen Worten »mir helfen wo er konnte«. Ich bat ihn, die Oberaufsicht über den Wagen zu übernehmen (wie auf der ersten Reise), was er auch that, und derselben in der besten und redlichsten Weise gerecht wurde.

Die zweite Reise sah ich keineswegs als meine Hauptreise an, sondern als eine zweite, doch größere Versuchsreise, auf der ich wenigstens die Hälfte der Strecke zwischen den Diamantenfeldern und dem Zambesi zurücklegen und neue Erfahrungen für meine geplante große Reise nach Central-Afrika sammeln wollte.

Unter meinen früheren Patienten befand sich auch ein junger Mann aus Preußisch-Schlesien, der gewillt zu sein schien, mich auf dieser zweiten Reise zu begleiten. Doch eines schönen Tages, nachdem ich für ihn bei seinen Gläubigern gutgestanden und einen Theil seiner Verpflichtungen getilgt, war er auf Nimmerwiedersehen verschwunden, mir es überlassend, seine Gläubiger zu befriedigen. Es war dies eine der gewöhnlichen Erfahrungen in den Diamantenfeldern, die damals noch ein Heer zweifelhafter Existenzen beherbergten.

Durch Freund Eberwald's Fürsprache ließ ich mich trotz aller meiner schlimmen Erfahrungen mit F. erweichen, ihn wieder als Begleiter auf die Reise mitzunehmen. Als dritten Gefährten brachte Freund E. eines Tages einen seiner Bekannten, Herrn Boly aus Hannover mit und sprach sehr zu seinen Gunsten; ich habe es später nie bereut, daß ich ihn acceptirte. Einer meiner Kunden hatte mir ein Gespann von acht Ochsen und einen Griqua als Triber besorgt.

Im Allgemeinen war ich diesmal viel besser ausgerüstet als auf der ersten Reise, ich hatte auch einen Sextanten erstanden, in dessen Gebrauch mich ein gewesener Schiffsofficier unterrichtet hatte; leider war es mir nicht vergönnt ihn benützen zu können, da ich auf keine Weise ein Exemplar des »Nautical Almanach« auftreiben konnte.

Am 3. November verließ ich endlich in Begleitung von Herrn Eberwald, Boly, F. und einem Griquadiener, sowie neun Hunden, darunter meinem treuen Niger, meinem Reitpferd und acht Zugthieren die Diamantenfelder. Von Dutoitspan nahm ich den kürzesten Weg nach Klipdrift; von Klipdrift jedoch wollte ich bis Hebron, im Vaal-Thale aufwärts fahren und von Hebron querfeldein die Richtung nach Gassibone's Stadt und dann weiter nach dem von mir noch nicht besuchten Taung, dem Sitz des Batlapinenkönigs Mankuruan nehmen. Ich wollte auf diese Weise ein Stück des rechten Vaalufers besuchen, das mir noch neu war und Gassibone's Land von Süden nach Norden durchschneiden, während ich es auf der ersten Reise von Westen und Ostsüdost durchzog. Unseren ersten Reisetag beschlossen wir an der Old de Beers-Farm.

Am folgenden Morgen ausbrechend, gelangten wir zu einem Trümmerhaufen, einige Meilen vor den Ruinen eines Missionsgebäudes in der Nähe der jetzigen Pnieler Missionsstation gelegen, deren bereits Erwähnung geschah. Auf dieser Strecke beobachtete ich eine Niederung in dem Hochplateau, bevor wir noch seinen Abhang nach dem Vaal zu abzusteigen begannen, in einen Binnensee von etwa 1½ Meilen Länge und Breite verwandelt. Zahlreiche schwarze Störche und Kraniche liefen am Rande des Gewässers umher. Als ich mich ihnen mit Niger näherte, folgte dieser einer Spur in den Binsen am Ufer, blieb dann plötzlich stehen und machte mich durch sein Wedeln auf ein kleines Binsendickicht aufmerksam, ich machte mich schußbereit, gab dem Hunde das Zeichen und er sprang vorwärts; mit ihm zugleich sprang ein rothlöffliger Hase aus den Binsen, der unseren ersten Mittagstisch auf dieser Reise bereicherte. Wir benützten auf der Weiterfahrt die neue, unmittelbar über dem Flusse von den Sträflingen in den Felsen gehauene Straße und wichen so dem tiefen Sande auf dem Hochplateau, der uns auf der ersten Reise so viele Schwierigkeiten bereitet hatte, aus; Abends hatten wir jene Stelle erreicht, an der wir im Februar 1873 eine schlimme Nacht verlebt hatten.

Am folgenden Morgen wollte ich in den Büschen der Umgebung jagen, wurde aber bald durch F. zurückgerufen, der mir berichtete, daß bei dem Tränken der Zugthiere, die zeitlich früh von Pit, unserem Griquadiener, auf die Weide getrieben waren, eines derselben bis zum Halse im Ufer-Schlamme eingesunken sei. Nur B. am Wagen zurücklassend eilten wir zur Stelle und fanden »Platberg«, eines unserer Zugthiere in einer schrecklichen Lage. Es war ein hartes Stück Arbeit, das Thier aus seiner mehr denn ungemütlichen Situation zu befreien, doch gelang es; der Tag war indeß verloren, da wir dem an den Füßen fast erlahmten Thiere Erholung gönnen mußten.

Am nächsten Tage hoffte ich das Versäumte nachholen zu können und brach mit Morgengrauen auf. Die Fahrt ging flott von statten, denn zu meiner Ueberraschung fand ich die Straße seit meiner ersten Recognoscirungstour in bedeutend besserem Zustande. Nach sechsstündiger Fahrt standen wir am Ufer des Vaal.

Bevor ich noch den Fluß in Klipdrift erreichte, hatte ich den Verlust zweier Hunde zu beklagen, einer war während unseres nächtlichen Aufenthaltes am Flusse, wohl zur Tränke gelaufen und da wahrscheinlich von einer Hyäne getödtet worden, der zweite kam nahe an Klipdrift unter das Wagenrad und wurde getödtet.

Der Fährmann am Vaal verweigerte uns den Dienst, indem er bei dem niedrigen Wasserstande und dem Gewichte meines Wagens mit dem Boote aufzufahren befürchtete; er verwies uns auf eine flußabwärts befindliche Furth. Nach den unerquicklichen Erfahrungen des Ostersonntags, hieß es mit aller Vorsicht diese Furth untersuchen. Der Vaalfluß war bis auf eine kaum sechs Meter breite und ½ Meter tiefe Rinne ausgetrocknet, diese Stelle war sandig, doch der übrige Theil des Bettes ein einziges aus kopfgroßen und noch bedeutend größeren Grünsteinblöcken gebildetes Gerölle. Ohne jeglichen Unfall wurde der Fluß übersetzt und in der Nähe von Klipdrift gelagert. Während der Rast überraschte mich Pit mit einem etwa ¼ Karat schweren Diamanten. Während die Ochsen grasten, lag er stundenlang auf der Erde und durchsuchte den ausgesiebten Sand, der schon früher von den Diamantengräbern ausgebeutet worden war. So hatte er das Steinchen gefunden, ich nahm es an, um es meiner Sammlung einzuverleiben, später verlor ich es auf eine mir unerklärliche Weise.

[Platberg's Befreiung aus dem Schlamme des Vaal.]

Wir brachen noch am selben Abende auf und fuhren eine steinige Höhe hinan, auf der oben eine, dicht von jauchzenden, d.h. betrunkenen Korauna's umlagerte Cantine stand. Der wiederholte Zuruf »Wach mit det wagon, Wach« machte uns stutzig und bewog mich, anhalten zu lassen. Es dauerte nicht lange und von rechts und links erschien ein durch das Nachlaufen, doch auch von einem nicht zu seltenen Genusse des gambrinischen Gebräues geröthetes Gesicht; das plötzliche Emportauchen der zwei fleischigen mit mehreren dunklen Punkten und Stellen markirten Gesichter war von einem mit heftigen Athembewegungen und Hustenausbrüchen unterbrochenen Redeschwall begleitet. Von der einen Seite klang es holländisch, von der andern englisch, was wollten eigentlich die beiden Kerle? Pit war der erste, der die anscheinend hochtönenden in Wahrheit aber unverständlichen Phrasen aufzufassen vermochte. Der eine war der Sheriff (Polizeibeamte), der zweite ein Policeman, die »Herren« kamen nachgelaufen, um 10 Shillinge Schadenersatz für den Mann zu fordern, dessen Grund und Boden unsere Zugthiere während unseres Aufenthaltes bei Klipdrift so schrecklich zugerichtet haben sollten. Ich müsse die 10 Shillinge begleichen, sonst würden sie mich nicht einen Schritt weiterziehen lassen. Obwohl ich mir bewußt war, daß die beiden übereifrigen Diener der Gerechtigkeit eine plumpe Finte gebrauchten, willfahrte ich ihren Forderungen; wir hatten ihnen kaum den Rücken gekehrt, als F., den das Schicksal der 10 Shillinge beunruhigte, uns aufmerksam machte, daß die beiden Gehilfen der heiligen Hermandad in der Cantine verschwunden waren, um hochstwahrscheinlich auf das Wohl des durch unsere Thiere geschädigten Grundherrn ein Gläschen Brandy zu leeren.

[Grasbrand auf der Hochebene.]

Wir fuhren bis spät in die Nacht hinein, wobei wir uns von dem zur Rechten nach Südsüdosten einen Bogen beschreibenden Vaalflusse entfernten. Die bereiste Gegend waren bebuschte, steinige Höhen, die oft von meilenlangen, ebenen Alluvialflächen gekrönt oder von solchen, allmälig gegen den Fluß abfallenden Strecken von einander getrennt waren. Zahlreiche Feuer an beiden Seiten wiesen auf Korannagehöfte hin, aus den näheren konnten wir das deutliche Geblöke der Böcklein und Ziegen hören. Diese Gehöfte schienen alle am Abhange der Höhen, gewöhnlich in einem Winkel, an vor Nord- und Nordwestwinden geschützten Stellen zu liegen. Wir begegneten noch zu solch' später Stunde zwei Halfcastmännern, die von der Transvaal-Republik nach Klipdrift wanderten und da sie uns auf zwei tiefe Regenschluchten, die wir bald zu durchschreiten gehabt hätten, aufmerksam machten, hielt ich es für das Gerathenste, nicht weiter die Götter zu versuchen, sondern hier unser Nachtlager aufzuschlagen. Bald loderte ein lustiges Feuer und prasselte und sang mit unseren aufthauenden Lebensgeistern, ja auf F. wirkte dieses und der duftende Mocca so mächtig ein, daß er sich während des Nachtimbisses feierlich erhob und den gefüllten Blechbecher hochhaltend, einen Toast auf die in Klipdrift weilenden Gerichtsmandarinen des 25. Ranges ausbrachte; in welchen die Runde, das Blaßgesicht wie der Schwarze einstimmte, daß die Becher hell in die stille Nacht hinein zusammenklangen.

Am 7. November blieb die Scenerie gleich der, die wir am Abend zuvor beobachtet, nur hatten wir darüber zu klagen, daß kein Wasser in der Nähe des Weges gefunden werden konnte, die mitgenommene Quantität war am Abend, Morgen und Mittag verbraucht worden und wir konnten früher denn am Flusse auf keines hoffen.

Gegen 4 Uhr langten wir in Hebron an, wo wir uns jedoch nicht aufhielten, sondern blos durchfuhren, um noch bei Tage zu der Stelle zu gelangen, wo ich den Hebron-Christiana-Weg verlassen und querfeldein nach Gassibone zu einhalten wollte. Seit den wenigen Monaten, die während meines ersten Besuches des Ortes verflossen, waren die Ueberreste der einst blühenden Stadt noch mehr zusammengeschmolzen. Der schlechte Zustand des Weges gebot uns bald Halt. Ein junger Batlapine, dem wir begegneten, offerirte sich uns am nächsten Morgen als Führer. Gegen Mittag hielten wir unter dem Schatten eines breitkronigen Mimosenbaumes unsere gewohnte Siesta und schlugen endlich, nach mehrstündigem Marsche unser Nachtlager mitten auf der Hochebene auf.

Es war eine herrliche, eigentümlich anmuthende Scenerie, die sich uns hier bot. Nach Süden und Westen umrahmten die Hebroner Höhen und ihre dunklen von Purpurschimmer übergossenen Ausläufer den Horizont, der nach Norden und Osten die unabsehbare Ebene in wunderbar dunkler Färbung überlagerte, und ein sicherer Vorbote einer, wenn wolkenfreien, so überaus schönen südafrikanischen Nacht war. Ein leiser Windhauch bewegte um uns das blumenreiche, hie und da von dunkelgrünen, gruppenweise zusammenstehenden Büschen überschattete Gras, dessen Keime der Wind gesäet, das flüchtige Wild in den Boden gebettet und das im Sommer die unabsehbare Ebene mit einem grünen duftenden Teppich überzieht und im Winter kaum je von weichem flockigen Schnee gedeckt wird,—nur die gelblich-braune Färbung der Halme läßt uns erkennen, daß die Sonne dem Norden zulächelt. Bald züngelt es überall unter und zwischen dem dicht übereinander gelagerten trockenen Gezweige und die Flämmchen zu einer Flamme sich vereinigend, streben nach einer Seite hin—nach Nordnordost. Ob etwa nach der trauten Heimat zu? Der leise Abendwind, der sie angefacht, eilt heute nach jener mir liebsten, nach jener gesuchten Richtung hin, nach welcher so oft unwillkürlich das Auge in banger Sehnsucht schweift. Das Feuer, die Ebene, Gassibone's Land, Afrika, sind vergessen, das Ohr hört nur zeitweilig menschliche Laute, Laute, die der Gedanke sofort mit der fernen Heimat verknüpft. Ein schwarzer, vor dem mein Auge blendenden Feuer vorbeihuschender Schatten—es war der unseres jungen Führers—gibt mich der Gegenwart zurück. Es war ein friedlicher Abend, ihm folgte eine friedliche Nacht, ein Gegensatz zu der letzten, eine gute Rast, gleichsam eine Stärkung für das, was uns Ahnungslose am nächsten Tage erwartete.

Die Zugthiere, die etwas abseits grasten, kamen von selbst herbeigelaufen und lagerten sich in des Wagens Nähe, während wir unsere Decken in das duftende Gras werfend, weich gebettet, und überwoben von den überhängenden zarten Stengeln, Rispen und Blüthen, bald in den wohlverdienten Schlummer fielen. Zeitlich machten wir uns nächsten Morgens auf den Weg. Nach des Führers Worten schätzte ich die Entfernung bis zur Stadt des Batlapinenkönigs auf 35 englische Meilen; was uns jedoch etwas erschreckte, war, daß der Führer die Wassernoth der zu bereisenden Gegend eingestand. Wir mußten uns auch den Tag über damit begnügen, Wasser für das Mittagsmahl gefunden zu haben, ein Labetrunk blieb ein unerreichbarer Wunsch.

Oft bei Nord-Richtung verfolgend zogen wir bald weiter und mußten wohl den von unserem Führer bezeichneten, monatelang Regen entbehrenden Strich erreicht haben, denn je weiter wir zogen, desto gelblicher und trockener wurde das Gras. Trotz des vorgeschrittenen Frühlings konnten wir anfangs nur wenig, weiterhin gar keine neu aufgesprossenen Halme sehen, nur selten gewahrte das Auge die erste, doch in Folge der Dürre schon halb vertrocknete Blattanlage der Amarillys.

Wir zogen allmälig bergaufwärts auf eine kleine Plateauhöhe; je höher wir kamen, desto seltener wurden die Büsche, desto dürrer die ganze Vegetation. Aus Nordwest erhob sich ein ziemlich starker Wind, der sausend durch die hohen Grasstengel fuhr, daß sich diese wie ein Saatfeld bogen und hoben, und der uns höchst willkommen war, denn er linderte die große Hitze und kühlte unsere brennenden Lippen. Die Zugthiere, die 30 Stunden zuvor zum letzen Male getrunken hatten, kamen nur sehr langsam vorwärts, wir konnten sie auch nicht in solcher Hitze antreiben, da es bergan ging; seit zwei Stunden folgten wir einem Fußpfade und unser Führer meinte, daß wir, auf dem höchsten Punkte des Plateau's angelangt, uns etwas nach rechts wenden müßten (West bei Nord) und da auf Wagenspuren stoßen würden, da der Morena (König) zuweilen jene Strecke mit Wägen befahren lasse—um Holz nach den Diamantenfeldern zu bringen. Wenn wir dann ohne zu halten bis in die Nacht den Spuren nach links folgten, würden wir zu den erwähnten Eingebornenhütten kommen. Das war für uns halb Verdurstete eine trostlose Aussicht.

Während einer kurzen Rast am Abhange des Hochplateau's wurden wir auf eine dunkle, lange Zeit hindurch gleichsam unmittelbar über dem Plateau schwebende Wolke aufmerksam, die von meinem Diener, von dem gemietheten Führer, wie auch von uns allen als ein riesiger Heuschreckenschwarm angesehen wurde. Am Rande der Hochebene angelangt, schreckte mich plötzlich ein von den Gefährten im Wagen ausgestoßener Schrei aus meinen Träumereien.—Ein Anblick, der mir und meinen Freunden einen Schrei des Entsetzens entlockte, bot sich uns.—Die vor uns liegende, mit hohem, trockenem Gras und Gebüsch bedeckte Ebene, die wir durchziehen sollten, war ein Flammenmeer. Der Brand kreuzte unsere Wegrichtung und war 5-6 englische Meilen weit entfernt, die graue Wolke, die wir eine Stunde zuvor erblickt, waren die aufsteigenden, nach Ostsüdost getriebenen, dichten Rauchmassen. Der erste, der sich erholte, war der dunkle Führer, der uns auf die kaum 20 Schritte entfernten Wagenspuren aufmerksam machte, welche nach seiner Beschreibung mitten durch das Feuer führten. Wir hatten uns auf 600 Schritte dem Feuer genähert, das nach rechts bis an einem sozusagen parallel mit denselben laufenden Höhenzuge reichte, das Land war nach dieser Richtung hin eben; nach links senkte sich das Plateau nach der rechten Feuerflanke in eine etwa 300 Schritte breite Mulde, an deren Ende das Feuer eben zu nagen begann; diese Mulde lag im Hochplateau und war nach links von einem nach Norden felsig und steil abfallenden, etwas bebuschten, etwa 40 Fuß hohen Hügel begrenzt, der zugleich den nördlichen Abfall der Plateau-Erhebung bildete, die wir eben erreicht hatten. Was war zu thun! Rasches, sofortiges Handeln war nöthig. Wir mußten dem Feuer zu entkommen, und unsere schreckliche Wassernoth berücksichtigend, deßungeachtet vorwärts nach dem Wasser zu gelangen trachten. Die Zugthiere waren auch zu müde, um einen sofortigen Rückzug nach Süden oder Osten nach dem Vaalflusse zu nehmen, nach Osten war es auch wegen dem rasch vorwärts schreitenden Feuer nicht möglich, um so weniger, da die Zugthiere eine Hetzjagd durch das Gras wohl auf eine Meile, allein kaum auf 10 oder 15 Meilen aushalten konnten, und eine solche wäre nach Osten unvermeidlich gewesen.

Es blieb nichts übrig als vorwärts zu kommen; ja, vorwärts, allein wie, um dem Feuer auszuweichen, vom rasenden Elemente verschont zu werden? Das Gras um uns abzubrennen und so das Feuer zu erwarten war unmöglich, weil wir nebst einigen tausend Patronen 300 Pfund Schießpulver am Wagen hatten, unmöglich, weil die Wagenleinwand und das Holz durch die sengende Sonnenhitze erhitzt, kaum das Anlegen der Hand gestattete und von den vom Winde fortgetragenen brennenden Zweigen und glühenden Blättern leicht in Brand hätte gesetzt werden können und wir wohl Spiritus und Branntwein, aber kein Wasser mit uns führten. Mein Blick blieb an dem Hügel zur Linken hasten, wäre es möglich, da unten in der Schlucht durchzukommen?—Bis jetzt schien das Feuer etwa 300 Schritte von dem Hügel entfernt, doch es näherte sich uns wie dem Hügel, wenn auch dem letzteren, weil dieser etwas aus der Windrichtung lag, weniger schnell. Ja, wenn wir nur mit dem Wagen schon an dem Hügel in dem noch freien Zwischenraume angelangt wären, und so das Feuer, das etwa 100 Schritte breit war, umfahren hätten können.

Hinter dem Feuermeere breitete sich eine meilenweite, schwarze Fläche, das abgebrannte Feld, aus, über welche hie und da Flammen, die Ueberreste eines brennenden Busches aufflackerten. Meine den Gefährten mitgetheilte Ansicht fand einstimmigen Beifall. Der dunkle Diener begriff es »a Bass sol dun« und der Blick seines dunklen Auges zeigte, daß er sein Bestes thun wolle, um die Zugthiere in der angegebenen Richtung zu führen und in derselben zu halten.

Nun erst, nachdem ich mich auf mein Pferd geschwungen hatte, ließ ich meinen Blick über die Strecke schweifen, die wir zu durchfahren, nein,—zu durchfliegen hatten. Ich konnte mich eines Ausrufs nicht enthalten, denn die circa 1000 Schritt messende Entfernung (bis an den Hügel) war ein mäßiger, in den unteren Partien etwas steiler, mit niedrigen Büschen und Gras bewachsener, und mit Felsblöcken übersäeter Abhang; wie, wenn ein Rad bei dem raschen Fahren an einem der braunen Steine zerschellen würde?—Doch ich hatte keine Zeit zum Denken, meine Gefährten hatten ihre Posten eingenommen, Boly schwang die Peitsche und gab mit dem gebräuchlichen »Fat an« das Zeichen zur schleunigen Flucht—dem Feuer entgegen, um dem Feuer zu entrinnen.

Durch das Geschrei, Hiebe mit Peitsche und Aesten, doch auch durch den grauenhaften Anblick der Feuerwoge zur Rechten angetrieben, der wir mit jedem Schritte näher kamen, jagten die Ochsen mit ihrer Last, wie mit einem leeren Karren dahin. Oft wähnte ich, daß der Wagen schon auf der Seite liege, so hoch kam zuweilen ein Rad auf einen der Felsenblöcke, während die beiden Vorderräder im nächsten Momente gegen das Gestein so heftig anfuhren, daß die Stangenthiere durch den Anprall niedergeworfen wurden. Die Hitze wurde unerträglich, da wir noch immer den Wind gegen uns hatten, das Prasseln des trockenen Grases und der Büsche, von denen jedoch die meisten grünten, erfüllte die mit dichtem Qualm und brennenden Grasstengeln, Aestchen, Blättern etc. geschwängerte Luft mit einem sinnebetäubenden Getöse; das Pferd, das ich auf dieser Reise ritt, war kein scheues Thier, allein der Anblick zu seiner Rechten machte es wild und unbändig, daß ich es kaum bemeistern konnte.

Doch wir rasten weiter. Mehrmals stolperte mein Reitthier an Felsen und fiel gegen Büsche an, denn ich mußte die Wagenleinwand im Auge behalten, um etwaige, sich da ansetzende Brandstücke rasch zu beseitigen und mußte auch noch Pit dem »Führer« und Boly dem »Lenker« die einzuschlagende Richtung angeben, um den größeren Blöcken vor uns, die ich von dem Pferde aus wahrnehmen konnte, auszuweichen. Das Schreien und das Antreiben der Ochsen, welche dichte Schaumflocken abgeiferten, das Laufen über Stock und Stein, durch die brennende Tageshitze und die Gluth der nahen Flamme, hatte meine Gefährten im höchsten Grade abgehetzt; als wir endlich die Niederung erreichten, mußten wir einige Minuten Athem schöpfen, alle hatten sich mehr oder minder im Gesicht und an den Händen verwundet, waren unzählige Male gestolpert und gefallen.

In der Niederung angelangt, fanden wir, daß das Feuer sich bereits auf 100 Schritte der Anhöhe genähert hatte, während 200 Schritte weiter ab es über 100 Schritte von ihr entfernt, zu erlöschen begann, es war hier durch eine trockene Regenschlucht gehemmt, während es nach uns zu eine sehr seichte Stelle derselben, über die wir ohne Mühe gesetzt, durchgezüngelt hatte. Mein Pferd zitterte, daß es sich kaum auf den Beinen erhalten konnte und die Ochsen »bliesen« (athmeten) schwer mit zur Erde gesenkten Köpfen und doch hatten wir noch die schwierigste Aufgabe zu lösen, wir mußten, nur 30 Schritte vom Feuer entfernt, etwa 100 Schritte neben dem Brande zurücklegen, bevor wir nach links abbiegen konnten. So kurz auch die Strecke war, die wir zurückzulegen hatten, sie drohte uns sicherer Verderben zu bringen als jene, die wir von den felsigen Höhen herabgestürmt hatten. Ein zwischen mir und dem Feuer kaum 15 Schritte vom Wagen entfernter, durch einen brennenden Zweig in Flammen gesetzter, trockener Vaalbusch wurde uns zum zweiten Losungswort dieser Hetzjagd.

»Halloh an,« die Zugthiere legten sich in's Joch, doch nach kaum fünf Schritten, drängen sie von dem dichten Qualm betäubt, nach dem Felsenhügel, wobei sie den Wagen unwiderruflich umwerfen mußten. In diesem kritischen Momente setzt der neben ihnen an meiner Seite laufende Genosse auf die andere, die Hügelseite über, wo es ihm, den übrigen Genossen und dem dunklen Führer gelingt, durch Schlagen und Schreien die Thiere wieder auf die ebene Fläche herabzudrängen. Schlagt zu, schreit, sonst sind wir verloren und fliegen in die Luft! Und nun ging es durch den dichten Qualm, dicht herabnieselnde, von dem Winde aufgewirbelte Asche, durch brennende Grashalme, Rindenstücke, glühende und brennende Zweige—als wären wir bis auf das Gefühl der Selbsterhaltung sinnlos geworden—mitten durch das Verderben vorwärts, um jene freiere, nur noch 80, 70, ja nur noch 50 Schritte entfernte, uns Rettung verheißende Stelle zu erreichen. Die Hize wurde so furchtbar, daß ich jeden Moment die Wagenleinwand aufflackern zu sehen wähnte.

Nur noch 20 Schritte—ob es die Zugthiere nur aushalten, sie keuchen und wanken im Joche!—Endlich, Gottlob, da sind wir, zu unserer Linken ein freies Grasfeld, zu unserer Rechten die etwa 10 Fuß tiefe und 12 Fuß breite Schlucht und darüber hinaus das schwarz verkohlte Gras. Ich springe aus dem Sattel, nehme ihn rasch ab und lenke meine Schritte zu den Gefährten, die sich in's Gras geworfen hatten. Sie konnten kaum ein Wort hervorbringen. Ihre Gesichter sind blutroth, die Hände, von den knorrigen Aesten und dem häufigen Fall blutig geritzt und geschunden, die Augen drohen aus den Höhlen zu springen. Pit's Kleider, der mit den Frontochsen zuerst die Hindernisse (Büsche etc.) zu bewältigen hatte, sogar sein Hemd war in Fetzen zerrissen, vom Rücken und von der Brust tröpfelte Blut aus langen, doch glücklicher Weise nicht tiefen Rißwunden.

Weiterziehend, trachteten wir, uns einen Anhang hinaufbewegend, die quer durch das Feuer nach Gassibone's Stadt führenden Wagenspuren wieder zu erreichen, was uns wohl gelang, obgleich wir der müden Thiere halber jede 200 Schritt stehen bleiben mußten. Wir folgten den Wagenspuren in nördlicher Richtung über ein ebenes Land, was den armen Zugthieren wesentliche Erleichterung bot. Der Abend war inzwischen eingetreten. Ein entsetzlicher Durst quälte uns, wir nahmen zum Essig unsere Zuflucht und netzten damit die Lippen. Ein Ausruf Pits, der voranschritt, riß uns alle aus dem dumpfen Hinbrüten. »Bass, kick (sieh) da so sin (sind) ye det Hartebeeste?« Wir alle beugten uns vor, ja, richtig, der Junge hat ein gutes Auge. Quer über unsere Richtung, einige 300 Schritte vor uns, trappten drei Hartebeest-Antilopen an uns vorüber. Doch wir waren zu abgehetzt, zu müde, um ihnen mehr als unsere Blicke zu widmen.

In Afrika habe ich drei Hartebeest-Antilopenarten beobachtet, das gewöhnliche Hartebeest, das von der Colonie bis gegen den Zambesi, doch häufiger in den südlicheren und mittleren hochbebuschten Partien Süd-Afrika's gefunden wird, ferner das Sesephi oder Zulu-Hartebeest, welches dasselbe Terrain bewohnt, doch auch nördlich vom Zambesi angetroffen wird, woselbst ich auch die dritte Art vorfand, welche jedoch der ersten näher als der zweiten Species verwandt ist, indem sich die letzteren mehr dem Buntbock nähert. In Folge seines hammerförmigen Kopfes, sowie auch seiner winkelig gebogenen Hörner ist das eigentliche Hartebeest die häßlichste der Antilopenarten. Auf das Sesephi werde ich noch zurückkommen, dem eigentlichen Hartebeest will ich in Folgendem einige Worte widmen. Ich fand es am häufigsten zwischen dem Vaal und dem Soa-Salzsee, doch hörte ich, daß es auch im Osten und Nordosten der Transvaal-Colonie und im nördlichen Theile der Cap-Colonie häufig vorgefunden wird. Das Thier ist mehr als andere Antilopenarten ausgerottet und dies wohl, weil es weniger flüchtig und dreister als andere ist. Es lebt in kleineren Rudeln und wir finden es nicht selten in den von dem gestreiften Gnu bewohnten Gegenden. Daß es in dem nördlichen Theile des zentralen Süd-Afrika seltener als in den südlichen ist, hat wohl seinen Grund darin, daß es von den Bamanaquato's ob seines Felles anderem Wilde vorgezogen wird, und dies darum, weil sich der östliche Bamanaquato zu seiner kleinen Carosse, seinem Nationalmäntelchen, das Fell dieses Thieres gewählt hat.

In den bebuschten, doch weniger bewaldeten Gegenden jagt man es zu Pferde; verfolgt, zeigt das Thier einen schwerfälligen Lauf, der wohl in seinem hohen Vorderleib und Widerrist seinen Grund hat. Ich glaube, daß diese Species (Antilopa caama), obwohl die gemeinste von den drei genannten, doch zu den Seltenheiten in den europäischen Thiergärten gehört und daß die transzambesische Art gar nicht in denselben vorhanden ist. In den Wäldern wie im Lande der mittleren Betschuana's sucht man sich ihnen durch Bäume und Büsche gedeckt zu nähern, an solchen Stellen trachten die Thiere sich womöglich am Rande einer Lichtung oder in den weniger bebuschten Partien aufzuhalten, um eine bessere Rundschau halten zu können, während sie in den waldlosen Gegenden nur hoch und gruppenweise bebuschte Partien und im Allgemeinen die Ebene bewohnen. Von weißen Jägern werden sie meist nur neben anderem Wilde, Elephanten, Straußen etc. gejagt und erlegt.

[Hartebeest-Gazellen.]

Der entsetzliche Tag war zu Ende, unser Führer hatte Mühe, den durch den Brand mit Asche gefüllten und unkenntlich gewordenen Wagenspuren zu folgen und uns in der wahren Richtung nach der kleinen Niederlassung der Eingebornen zu bringen. Nicht blos die Lippen waren heiß, der ganze Mund schien uns wie verkohlt und die quälende Trockenheit war bis in den Schlund hinein zu fühlen. Wir sprachen nicht mehr und jeder suchte so still als möglich sein Leid zu tragen. Wir hatten auf die Kühle Nacht gehofft, doch diese war ausnahmsweise warm und selbst der Wind hatte aufgehört uns etwas Erfrischung zu spenden. Endlich vernahmen wir Hundegebell und bald darauf den monotonen Gesang der dunklen Mädchen, ein Himmelsgesang für unsere niedergedrückten Geister. Nie wieder mehr auf meinen späteren Wanderungen habe ich diese monotonen, diese einfachen, stets sich wiederholenden, mit Holzkastagnetten begleiteten Weisen der farbigen Mädchen mit solcher Wonne, mit solchem Nachhall in meinem Herzen begrüßt, wie an jenem Abend. Der Durst ist doch eines der schrecklichsten Gefühle, welche die menschliche Natur niederdrücken, abquälen können.

[Kopf der Hartebeest-Gazelle. (Antilopa caana).]

Endlich erblicken wir am Abhang zu unserer Linken und etwas vor uns einige rothleuchtende Stellen, welche auf ebenso viele Feuer hindeuteten; ich ließ den Wagen stehen, mit demselben Entschlusse hatten meine Gefährten und der Führer ein Gleiches gethan und wir alle eilten nach den menschlichen Wohnungen zu. Die Köter kamen nun herangeflogen, während das Singen verstummte und vor uns erschien eine dunkle Gestalt, ein Bewohner der Häuschen, nicht wenig überrascht, um diese Zeit und an diesem Orte einen Wagen vorbeifahren zu sehen. So wie ich den Menschen vor mir sah, stürzte ich auf ihn los, faßte ihn bei den Armen und schrie ihm mit meiner heiseren Stimme »Meci, Meci« zu. Der so Angefallene stieß einen Schrei aus, wohl den Warnungsruf, denn unser Führer konnte, von einem Lachkrampf darob erfaßt, gar nicht zu Worte kommen. In einem großen Ochsenhorn brachte der Mann nach einiger Zeit eine übelriechende Flüssigkeit, die er als seinen ganzen Wasservorrath bezeichnete und für deren Ueberlassung er eine halbe Krone forderte. Weder die Menge noch die Qualität dieser Flüssigkeit waren jedoch hinreichend, um den heftigsten Durst zu löschen. Es gelang uns endlich, unsere Wünsche dem Manne verständlich zu machen und in kurzer Zeit darauf brachte er und zwei Frauen mehrere große Töpfe mit Milch gefüllt, deren Inhalt von uns gierig verschlungen wurde. Nun galt es auch den Hunger zu stillen und bald loderte ein großes Feuer, an dem eine Hammelkeule briet.

Der Steppenbrand bildete natürlich das Hauptgespräch; im Süden stand noch immer eine hohe Röthe am Himmel, ein Beweis, daß das Feuer weiterschritt. Diese Brände werden zuweilen durch Unvorsichtigkeit verschuldet, doch in jenen Partien, wo Büsche und Bäume seltener sind, von Farmern oder von Eingebornen im Spätwinter angezündet und dies namentlich in trockenen Jahren, um, wie die Leute sagen, das Wachsthum des Grases zu befördern. Dasselbe thaten früher die Straußenjäger im Innern, um die Strauße, die das grün aufsprossende Gras mit Begierde aufsuchen, an solche Stellen zu locken. Diese Brände sind sehr oft in den von den niederen, kaum 18 Zoll hohen Büschen (Scap [Schaf-]büschen) bewachsenen Ebenen der Colonie und des Freistaates zu bemerken; auf etwa drei englische Meilen nahegekommen, sehen wir dann in dunklen Nächten einen oder mehrere gerade, längere oder kürzere »glühende Streifen« langsam über die Erde hinkriechen.

Am folgenden Morgen wieder aufbrechend fanden wir uns eine halbe Stunde später in dem schon zu einem Wege ausgefahrenen Wagenspuren, denen wir im März nach der Abreise von Gassibone gegen den Vaal-River zu gefolgt waren. Hier verabschiedete sich unser freundlicher Führer und wir fuhren bergab eine der Schluchten hinunter nach Gassibone's Residenz zu. Die Seiten (d.h. Abhänge) der durchfahrenen breiten, sich nur nach der Stadt gegen ihre Mündung zu verengenden Schlucht zeigten einen terrassenförmigen Abfall der Gebirgsschichten, die trotz des üppigen Graswuchses deutlich hervortraten; die ebenen Partien dieser Terrassen waren von der Natur mit Mimosenbäumchen bepflanzt worden und boten so einen, unseren auf Berglehnen angebauten Kirschbaumgärten nicht unähnlichen Anblick.

Gegen Mittag fuhren wir in Gassibone's Stadt ein, durchschritten dieselbe und lagerten unter einigen Bäumen, etwa in der Mitte des thalförmigen Kessels, unmittelbar an einer Regenschlucht. Der Boden des ganzen Kessels war ein üppiger Rasen, der, weil in der Tiefe liegend und durch die oben in einer Schlucht liegenden Quellen befeuchtet, sich in diesem Zustande erhielt. Pit trieb, von E. und F. gefolgt, die Ochsen nach den Quellen, allein sie fanden dieselben von mehr denn 20 Frauen umlagert und hatten über 1½ Stunden zu warten, bevor sie an die Reihe kamen.

Es ist staunenswerth, unter diesen östlichen mit den Bamairen gemengten Batlapinen so wenig Energie zu finden. Am Tage müssen in der trockenen Zeit die Farmer stundenlang auf ihren Wasserbedarf harren. Wenn man die Quellen ausreinigen und unterhalb derselben den feuchten, marschigen Boden ausgraben und einen Damm errichten würde, könnte man in der so gewonnenen Cisterne nicht allein hinreichendes Trinkwasser für die Bevölkerung von Gassibone's Residenz-Kraal, sondern auch in dem errichteten Teiche das nöthige Trinkwasser für eine große Anzahl von Hausthieren gewinnen.—Inzwischen war Gassibone selbst, von seinem Bruder und einigen Männern begleitet, herangekommen, die meisten in gewöhnliche graue Baumwollkleider gehüllt, einige noch trotz der Hitze mit überhängenden Carossen, um zu forschen, was wir in seiner Stadt begehrten. Ich ersuchte ihn, mir einen Ziegenbock zu verkaufen, da ich auf der zwischen dieser Stadt und jener Mankuruan's am Hart-River von Eingebornen häufig begangenen Strecke nicht allzuviel Wild anzutreffen glaubte.

Es würde das Ansehen Seiner königlichen Hoheit geschmälert haben, wenn er sofort eingewilligt hätte. Es wären keine—später meinte er—nur wenige Ziegen da, dann begehrte er ein Glas Branntwein, setzte sich auf unser Wasserfäßchen und begann den Verkauf der Ziege mit seinem Bruder und dem herum im Grase hockenden und an einigen Bäumen angelehnten Gefolge bis in's Detail zu ventiliren. Da sie die Setschuana sprachen, verstand ich sie nicht, vernahm jedoch unzählige Male ein und dasselbe Wort, welches ich später Pit mittheilte und das mir von diesem als Kalpater (Ziegenbock) verdolmetscht wurde. Endlich stand einer der Männer auf, kam auf mich zu, und meinte, indem er auf den Chef (König) hinwies, daß Morena Botlazitse Gassibone mir einen Bock für ein »half pund« überlassen wolle, ein Anbot, das ich sofort annahm. Seine Herrlichkeit geruhte mich noch mit einem längeren Gespräche zu beehren, nach dessen Beendigung wir unsere Reise fortsetzten.

[Ersehnter Labetrunk.]

Als wir durch eine der Stadt gegenüberliegende Schlucht die Höhe erreicht hatten, waren dunkle Wolken aufgestiegen, welche auf Sturm und den so heißersehnten Regen deuteten. Wir hielten Kriegsrath und da Pit meinte, daß der Sturm sicher auf uns heranzöge, spannten wir kaum drei englische Meilen von der Stadt entfernt aus.

[Niger und Cobra.]

Pit hatte richtig geurtheilt, die Wollen hatten sich zu dichten Massen aufgethürmt, welche näher und näher heranrückten und bevor eine Stunde verging, kam ein tüchtiges Sturzbad auf uns herabgeströmt. Was hätten wir tagszuvor für eine solche Wohlthat geboten! Es war einer der heftigsten, etwa zweistündigen Platzregen, die ich in Süd-Afrika beobachtet. Noch während des Regens kamen zwei halbnackte, einen höchst widerstrebenden Ziegenbock heranschleppende Batlapinen auf uns zu.

Gegen Sonnenuntergang, als die »schäumenden« Wasser abgeflossen, nur noch in dünnen Stränchen der erzürnten Fluth nacheilten, verließen wir den Abhang und zogen weiter. Derselbe führte durch ein nur stellenweise erweitertes Felsenthal, das zu unserer Linken dicht bebuscht war. Niger, der voran eilte, fing plötzlich in dem hohen Grase zur Rechten zu bellen an und schien dann etwas, was wir jedoch nicht sehen konnten, über den Weg zu verfolgen. Ich bemerkte, wie er nachsprang und dann stets wieder zurückfuhr, was mich nicht wenig befremdete. Wir hielten sofort an und eilten Niger nach. Er stand nun an dem, einen der riesigen Termitenbauten—eine hohe nach oben zu offene Röhre—umgebenden Dickicht und bellte die darin versteckte Beute heftig an, worin ihm nun unsere übrigen Köter treulich halfen. Unser Erstaunen war nicht gering, als wir eine über 7 Fuß lange, gelbliche Cobra capella, welche sich um die Röhre geschlungen und den Hund mit dick aufgeblasenem Halse laut anzischte, erblickten. Ein Dunstschuß machte ihr bald den Garaus und ich zog das Reptil aus dem Busche um es meiner Sammlung einzuverleiben.

Gegen Abend erreichten wir ein breites Thal, verließen hier das Hauptthal und wandten uns längs eines Felsenabhanges nach Norden, auf den uns als kürzest bezeichneten Weg nach Taung zu. Kaum einige Wagenlängen die neue Richtung verfolgend, drang von den mit Sykomoren bewachsenen sandigen Felsenzinnen ein vielstimmiges, wenn auch verschieden modulirtes, doch in der Mehrzahl im tiefen Bariton gebelltes »Cha-Cha«, der Ruf der Paviane zu uns herab; unsere Hunde antworteten und rannten gegen den Felsen an, während wir die flüchtigen, gelenkigen Affen im saftigen Grün der Sykomoren und im dürren Mimosendickicht verschwinden sahen; wir trachteten zwar, unsere Gewehre ergreifend, einen Vorsprung zu gewinnen, allein sahen bald das Nutzlose unserer Verfolgung ein und schlugen, zum Wagen zurückgekehrt, unser Nachtlager auf.

Ein kühler, frostiger, umwölkter Tag folgte. Wir überschritten einen Kessel; an einer der kahlen Berglehnen standen einige Batlapinenhütten. Es waren schon des neuen Herrschers Leute, Mankuruana's Unterthanen, die hier etwas Feld anbauten und in gewisser Hinsicht die Grenze gegen Gassibone's Heerden zu bewachen hatten.[[1]]

[1] Siehe [Anhang 11].

Wir kamen über einen Höhensattel in ein dichtbebuschtes Thal, dessen Abhänge mit mannigfachem Gebüsch bewachsen waren. Das Thal öffnete sich in einen andern weiten Kessel, der hunderte kleine, kaum 200 Schritt im Umfange zählende, aufgegrabene Grundstücke barg.

Nach einer 1½stündigen Fahrt durch diese öden Gefilde verließen wir den Kessel und einige Höhen überschreitend, sahen wir das Thal des centralen Hart-Riverlaufes vor uns liegen. Diese Höhen um Taung bilden ein förmliches Netz, und obgleich sie wohl kaum 800 Fuß über das Bett des Flusses emporragen, sind sie die höchsten des Hart-Riverthales und bieten manche recht anziehende Scenerie. Wir hatten den östlichen Abhang der Höhen, an die wir zuerst gekommen waren entlang zu fahren und dann uns nach Norden zu wenden, um zu der Furth zu gelangen; Taung, oder Mahuras-Town, wie es auch nach dem früheren Herrscher genannt wird, liegt am rechten Ufer des Flusses, etwas ab von dem Flusse im Schutze und am Abhange einiger Felsenhöhen. Der Fluß wälzte einen Schwall gelblichen Wassers durch sein stellenweise mit Schilfrohr durchwachsenes, doch auch sehr steiniges Bett. Dem Abhange der Höhen entlang fahrend erblickten wir unter uns ein Eingebornendorf am Abhange liegen, in dem es lebendig wurde, als man den Wagen bemerkt hatte. Es währte auch nicht lange, als sich eine der unangenehmsten Scenen vor uns entrollte, die ich in Afrika unter den Wilden beobachtet habe. Halbnackte, in schäbige Carossen und zerfetzte europäische Kleider gehüllte Männer, später auch nackte Kinder und nur mit kurzen schmutzigen Lederschürzen versehene Frauen kamen aus den Wohnungen heraus und auf uns zugestürzt. Die einen hielten uns leere, schwarze Flaschen, andere Töpfchen entgegen, während sie »Suppy«—»Bass, verkup Brandwen«—andere »Brandy, Brandy« schrieen. Die Einen hielten uns ein Schakal- oder Deukerfell, die anderen Ochsenriemen, Peitschen, Einer ein Joch, sein Nachbar hölzerne Löffel, ein Greis eine Holzschüssel entgegen, für welche Gegenstände sie Branntwein eintauschen wollten. Als wir auf all' dies wie auf eine Märchenscene herabschauten und ohne uns um die Halbnackten zu kümmern weiter fuhren, da stellten sie sich gegen den Wagen, ergriffen die Ochsen an den Hörnern und suchten sie zum Stillstehen zu bringen, was ihnen auch gelang.

»Wir haben keinen,« gaben wir allseitig als Antwort zurück. Da brachten Einzelne einige schmutzige Shillinge hervor und glaubten uns dadurch nachgiebiger zu stimmen. Inzwischen hatten einige ihren Frauen zugerufen und diese kamen mit Milchsäckchen, auch eine Ziege brachten zwei derselben geschleppt. Wir waren förmlich umlagert. Doch all' das Schreien, Gesticuliren und der Widerstand gegen unseren Weitermarsch nützte nichts. Ich gab nicht einen Tropfen des Feuerwassers her und es blieb ihnen nichts übrig, als Einer nach dem Andern abzutreten und uns ziehen zu lassen. Einige jedoch folgten uns bis zur Furth, sie dachten, hier würde ich ihnen, abseits von ihren Genossen, ihren Willen thun und boten mir fünf Shillinge für eine Flasche, doch vergeblich.

Wir alle waren froh, nach einem so anstrengenden, unangenehmen Marsche endlich auf einige Stunden rasten zu können. Der Fluß war an der Drift etwa 60 Schritte breit, zeigte eine einzige steinige Insel in der Mitte, so daß wir gleichsam zwei Arme zu überschreiten hatten, die Strömung war jedoch so bedeutend, daß meine Gefährten zu warten vorschlugen. Ich konnte jedoch ihre Ansicht nicht theilen. Kaum einen Büchsenschuß von uns entfernt, im Schatten eines großen Cameeldornbaumes, stand ein Wagen und zwei Zelte, wie wir sehen konnten, von einer weißen Familie bewohnt, daneben mehrere alte, gebrechliche Wägen und ringsherum lag Schmiedematerial. Die Stadt war durch den Aufenthalt zweier Schmiede beglückt, von denen einer nahe an der Furth, der zweite weiter aufwärts in der am Eingange von dem Missionär bewohnten Schlucht seinen Aufenthaltsort genommen hatte. Der Eine hatte sich schon eine Heerde von Rindern und Schafen, mit denen er für seine Arbeiten bezahlt wurde, erworben (doch klagte er, daß sein Verdienst in der letzten Zeit ob der Verarmung der Leute ein karger sei), während der andere seinen Erwerb bei der nächsten sich ihm darbietenden Gelegenheit in Branntwein verjubelte. Daß natürlich diese beiden großartigen Schmiedewerkstätten, d.h. die Firmen und die Handwerker, in grimmiger Feindschaft lebten, ist selbstverständlich.

Um Auskunft über die Brauchbarkeit der Furth befragt, theilte uns der Schmied mit, daß die Händler, die Elephanten- und Straußenjäger, sowie die Missionäre, wenn sie von den Diamantenfeldern kommen, kurz alle, welche die kürzere Tour über Kuruman einschlagen, hier durchkämen, daß aber ein Drittel der Reisenden an dieser »Drift« Schaden an ihren Wägen leide. Der Chef that nichts, um sie zu verbessern und es hätte auch eigentlich nicht viel geholfen, da der Fluß große Mengen Sand, Erde und oft große Steine herabschwemmte und auf diese Weise die Furth nach jedem Hochwasser ein mehr oder weniger verändertes Aussehen erhielt.

Seinem Rathe folgend übersetzten wir den Fluß im Laufe des Nachmittags und kamen glücklich an das jenseitige Ufer, an dem wir Halt machten und uns dann auf den Weg nach Taung begaben. Nachdem wir einen Theil der Stadt der Eingebornen durchschritten hatten, kamen wir an das von einem Gärtchen umgebene, aus Stein erbaute und mit einem mit Gras gedeckten Giebeldach versehene Missionsgebäude. Wir traten in dasselbe ein und fanden uns einem etwa dreißig Jahre alten Manne mit langem blonden Bart gegenüber, der uns erstaunt, namentlich den bewaffneten F., anblickte. Ich stellte mich vor, legte ihm mit wenigen Worten den Zweck meiner Reise dar, was den Missionär, Herrn Brown, gleich freundlicher stimmte. Er entschuldigte sich über die Einfachheit seiner library (Studirzimmers), das ihm auch für seine Kranken als Ordinationszimmer diente und theilte mir mit, daß er eben an einem Setschuana-Wörterbuch arbeite.[[1]] Nachdem er mich über die Dauer meines Aufenthaltes in Taung befragt, lud er mich ein, um nicht von den Eingebornen des Branntweins halber belästigt zu werden—meinen Wagen in die Nähe seines Gehöftes zu bringen und daselbst mein Lager aufzuschlagen da selbst Mankuruana die Reisenden oft unnütz aufhielt und belästigte, war ich in der Nähe des Missionärs auch gegen ihn am besten gesichert. Doch er war diesmal nicht daheim, sondern in Kuruman bei dem Chef Mora zu Besuche, wohin auch die Gemahlin des Rev. Brown mit ihren Kindern abgereist war, um einige Wochen in der Gemeinschaft der Frauen der dortigen Seelsorge zuzubringen.

[1] Es ist seither veröffentlicht worden.

Unter den Batlapinenstädten nimmt Taung unstreitig den ersten Rang ein, einesteils durch seine malerische Lage an einem der Haupt-Verkehrswege nach dem Innern, anderntheils durch seine Einwohnerzahl. Leider war seine Wohlfahrt von Jahr zu Jahr gesunken und ich glaube, daß sich Taung wohl jetzt, nachdem der Export von Spirituosen nach Mankuruana's Land von der Regierung in Griqualand-West möglichst erschwert wurde, wieder heben und namentlich Getreide, Vieh etc. nach den Diamantenfeldern exportiren wird, wozu ihm seine relativ geringe Entfernung von diesem Markte sehr zu Gute kommt; außerdem ist der Stadt durch ihre Lage in der Nähe des Hart-Rivers die Möglichkeit geboten, die bebauten Niederungen regelmäßig und ergiebig bewässern zu können. Die frühere Einwohnerzahl von Taung läßt sich mit 5-6000, die gegenwärtige (1879) mit 3500-4000 angeben. Die Zahl variirt um 500, weil sich manche Familien periodenweise zu ihren Viehposten, auf denen ihre Diener das Vieh hüten, entfernen, die Männer oft in größerer Zahl auf Jagd ausgehen und andere wieder ihre Makalahari-Diener mitbringen.

Um die Zeit meines Besuches und drei Jahre nachher (1877) gab es für Taung schlimme Zeiten, die theils durch die Aufregung während der Kämpfe gegen den Vasallenchef Mora und gegen Gassibone, theils durch große Trockenheit und deren überall fühlbare Folgen bedingt waren. Im Jahre 1872 starben mehrere Familien in Taung Hungers, weil sie alles, selbst das letzte Fell, auf dem sie lagen, das Holz von den Dächern ihrer Hütten den Brandyverkäufern opferten.

Im Jahre 1843 wurde die »London Missionary-Station in Taung« durch Mr. Roß eröffnet. König Mahura (der Onkel Mankuruana's) verließ jedoch die Stadt, um sich auf der Höhe des Mamusaberges (zwei Tagreisen stromaufwärts) anzusiedeln, wohin ihm, nach der Mitteilung meines hochgeehrten Freundes, Rev. S. Mackenzie von Kuruman, der weiße Prediger nachfolgte, und dort auch verblieb, als es Mahura einige Jahre später wieder einfiel, Taung zu seiner Residenz zu machen. Herr Roß hatte an beiden Orten Kirchen erbaut, die seitdem in Ruinen verfallen sind, und schlug dann seinen Sitz in dem auf der ersten Reise erwähnten Lekatlong auf.[[1]] Im Jahre 1858 spielte sich in Taung die Scene eines grausamen Kampfes ab, dessen Opfer wir noch als bleichende Gebeine in den Felsenklüften der Taung überragenden Höhen finden konnten. Das Schicksal der Mahuras-Batlapinen war um so härter, als sie unschuldiger Weise in diesen Krieg, der mit dem Kampfe in Taung seinen Abschluß fand, einbezogen wurden.[[2]]

[1] Herr Roß, der ein hartes, beschwerliches Leben unter den Batlapinen führte, starb im Jahre 1863.

[2] Siehe [Anhang 12].

Die alte verfallene Kirche war durch eine neue ersetzt worden, welche einem unserer gewöhnlichen, ländlichen Arbeiterhäuschen nicht unähnlich, in Taung außer dem Missionshause das einzige im europäischen Style gehaltene Gebäude war und von der hiesigen Gemeinde mit nicht geringem Stolze angesehen wurde. In ihrer Nähe hing in einer eingepflanzten Baumgabel ein Glöckchen, deren Schall hinreichte, die kleine Gemeinde zur Versammlung aufzufordern.

Der Schmied in der Schlucht, hinter dem Missionsgebäude war mit dem Schmieden eines jener schweren Rosenkränze beschäftigt, deren sich die Gerechtigkeit bedient, um Uebelthäter zu strafen und an den Ort ihrer Einsamkeit zu fesseln; er war für einen Cap-Bastard bestimmt, der einen Jungen in der Stadt erschossen, und nun an die Behörde von Klipdrift ausgeliefert werden sollte.

Am Nachmittage des 12. November setzten wir unsere Reise in nordnordöstlicher Richtung und in mäßiger Entfernung vom Hart-River aufwärts bis zu dem von Barolongen bewohnten Kraal (Stadt) Maruma fort, welcher Ort unter der Oberaufsicht eines gleichnamigen Chefs stand. Bevor wir diese, am Abhange einiger Höhen und in einem engen in das Hart-Riverthal einmündenden Seitenthale gelegene Stadt erreichten, begegneten wir zahlreichen von der Feldarbeit heimkehrenden Frauen, welche sehr primitive eiserne Hauen und Holzbündel trugen.

Das Thal, in dem Maruma liegt, würde dem Maler eine anziehende Felsenscenerie bieten und ich bedaure nur, von anderweitigen Beschäftigungen während des Aufenthaltes in derselben so sehr in Anspruch genommen worden zu sein, daß ich es selbst nicht skizziren konnte. Felsenthore und schroff abfallenden Ruinen nicht unähnliche Felsen wechseln hier ab, und durch sie einerseits, sowie durch die an dem gegenüber liegenden Abhange sichtbaren dunklen Eingebornengehöfte andererseits wird das den Boden des engen Thales schmückende Grün sehr gehoben.

Trotz der letzten heftigen Regen war das Flüßchen des Thales bis auf einige in demselben gegrabene Löcher vollkommen trocken, der Regen war nur auf gewissen, äußerst beschränkten Partien gefallen.

Bevor ich Dutoitspan verließ, hatte ich eine Meerkatze erstanden, welche ich der Unterhaltung halber mit mir nahm. »Monkey« hatte ihren Sitz oben am hinteren Wagenende und war mit einem Kettchen an eines der Seitenbretter gebunden. Komisch war es anzusehen, mit welcher Angst der Affe die Gebüsche und Bäume beobachtete, an denen wir knapp vorbeifuhren, und welche oft die Seiten des Wagens oder das Dach streiften. Er legte sich flach auf das Wagendach, um dürre Aestchen über sich hinwegstreichen zu lassen, während er bei stärkeren hinten auf das untere Wagenbrett herabsprang, um, so wie wir die vermeintliche Gefahr passirt hatten, seinen früheren Sitz sofort einzunehmen. Dieses zeitweilig recht bissige Affendämchen hatte Tag für Tag längere Zeit einer äußeren Besichtigung und Untersuchung des Thürmchens am Wagen gewidmet. Steckte Einer von uns seinen Kopf zu einem von dessen vier, nur mit einem Drahtnetz überzogenen Fenstern heraus, so kam sie, leise die Zähne aneinanderschlagend—was bei ihr eine Bitte oder Zufriedenheit ausdrücken sollte—heran und trachtete in das Innere des Wagens hineinzuschlüpfen, was wir natürlich nicht gestatten konnten, da unter dem Thürmchen die eine der beiden Zucker, Reis, Kaffee, Thee, Zwieback etc. enthaltenden Speisekisten aufbewahrt lag. Monkey wußte uns indeß doch zu überlisten und sehr geschickt in das Drahtnetz Bresche zu legen. Obgleich wir den Einbruch bemerkt hatten und das Dämchen zur Flucht zwangen, hatte sie sich doch schon ihre Backen mit Reis gefüllt, während sie mit beiden Händen ein riesiges Brodstück nachzuschleppen sich bemühte.

Zur Mittagsstunde des 13. November verließen wir das Thal und hielten schon nach einer kurzen Fahrt zwischen einigen Felsenhügeln, an einer üppigen Weidestelle. Während der Rast erlegte ich einen schönen Raubvogel (Melierax canorus) und die schon früher erwähnte Art eines Landleguans.

[Bei Taung um Branntwein bestürmt.]

An einem seichten Bache bemerkte ich einen schuppigen Gegenstand, der sich bei näherer Besichtigung als eine der genannten Riesenechsen entpuppte, welche sich bei meiner Annäherung zu verbergen suchte. Ein Schrotschuß tödtete sie auf der Stelle und verschaffte mir den ersten Balg dieser Species, dem später noch mehrere folgten. Zum Wagen zurückgekehrt, traf ich einige mit einem alten, dachlosen Wagen auf ihre Viehposten ausziehende Barolongen von Maruma. Der Wagen, dessen vier Räder nicht in einer und derselben Werkstätte gearbeitet waren, schien jeden Moment auseinanderfallen zu wollen, welcher Befürchtung ich dem Eigentümer desselben gegenüber Ausdruck gab; doch dieser lachte, daß seine Perlenzähne glänzten und meinte, der Koluj (Wagen) müsse noch oft den Weg hin und zurück machen. Um uns von der Reisetüchtigkeit desselben zu überzeugen, setzte er das Gespann vor unseren Augen in Bewegung; das war ein Getöse, Geklapper, Geknarre und Gepolter, jedes Rad hing anders und lief anders, die Seitenbretter bogen sich und die Bodenbretter schnellten auf und nieder zum nicht geringen Vergnügen der in einer dichten Gruppe auf dem Wagen sitzenden Frauen und Kinder.

Wir näherten uns nunmehr der nordöstlichen Grenze des Batlapinenreiches und ich hoffte bald jenes schon erwähnte, kleine unabhängige Königreich der Mamusa-Koranna's zu erreichen.[[1]]

[1] Siehe [Anhang 13].

Am 14. November wandten wir uns direct nach Norden und kamen auf eine sehr ausgedehnte, mit hohem Buschwerk bewachsene Ebene, auf welcher heftige Regengüsse uns zu öfterem Stillstande nöthigten. Zwischen den hohen Marethwa-Büschen sprangen häufig Antilopen auf und entfachten meine Jagdlust. Doch diesmal war die Jagd keine leichte, ich mußte unaufhörlich das Pferd bald nach rechts, bald nach links wenden, um den gruppenförmig beisammenstehenden Büschen auszuweichen. Ich sah jedoch bald ein, daß ich auf diesem Wege nicht zum Ziele gelangen könne, ich mußte meine Taktik ändern und geradewegs durch die Büsche jagen. Schon setzt das Pferd in einen kleinen Busch, doch plötzlich hielt es an; es ist in ein niederes, kaum 1½ Fuß hohes, mit Doppeldornen versehenes Mimosengebüsch gerathen; ehe ich das Pferd zurücklenken kann, macht es, wohl in der Absicht um darüberzukommen, einen zweiten, einen dritten Satz, doch leider nur immer tiefer in den Dornbusch hinein, es fängt endlich an auszuschlagen—armes Thier; ich sehe zwar vor mir eine kleine offene Stelle in dem größeren Gebüsche, doch derart mit Wartebichidorn überhangen, daß ich keine Lust verspüre, den Versuch eines Durchbruchs zu wagen. Aufwiehernd macht das Pferd noch einen Satz, der Vorderleib des Thieres war nun wohl aus den Dornen, doch war mir Hut und Jacke zerrissen; mit den Hinterfüßen noch immer in den Dornen gefangen, schlägt der Rappe wieder und wieder aus und hopp—hopp—gerathe ich selbst immer tiefer in die Dornen hinein.

[In Dornen gefangen.]

Nicht alle Kinder Flora's spenden Wohlgerüche und Honig, manche, die Armen, sind von ihr stiefmütterlicher bedacht worden und diese lassen nun ihren Unmuth, wo sie nur können, an den Sterblichen aus; Mutter Flora hat viele solcher Stiefkinder nach Süd-Afrika verbannt; mich haben sie oft geherzt und geküßt, doch wenn ich auch Afrika wieder aufzusuchen gedenke, nach ihnen sehne ich mich wahrhaftig nicht.—Je mehr ich mich der dornigen Umarmung zu entwinden suchte, desto fester wurde diese endlich kam der Gaul mit den Beinen aus dem niederen Dorngebüsch heraus, wurde ruhiger und ich konnte nun, das Gewehr auf den nächsten niederen Busch werfend, abzusitzen trachten. Es gelang mir schließlich, das Pferd durch eine schmale Spalte aus dem Gebüsche heraus zu ziehen und uns beide von den Dornen zu befreien. Gesicht und Nacken, Hände und Arme, sogar die Schenkel brannten wie Feuer; ich kam zum Wagen zurück wie ein Held aus einer Katzenschlacht.

[Billige Diamanten.]

Ungefähr um die Mittagszeit fuhren wir in einen seichten Thalkessel ein. Am Abhange der Felsenhöhen erblickten wir einige Eingebornen-Gehöfte. Der Kessel öffnete sich nach Osten zu auf eine große, mit hohem, dürrem Gras bewachsene Ebene, auf der sich eine Heerde der zierlichen Springböcke in Neckereien erging. Als wir nach unserem Mahle und einer etwa zweistündigen Rast weiter ziehen wollten, sahen wir von Norden her einen Kafirwagen herankommen. Pit begrüßte den Eigenthümer, einen in einen langen Ueberrock gekleideten Batlapinen, den er von Klipdrift her kannte. Dieser Mann war früher arm, jetzt, meinte Pit, wäre er reich, hätte große Heerden und zwei Wägen und wandere unter den Barolongen zwischen dem Hart-River und dem Molapo, um ihnen allerlei Artikel, die er in den Diamantenfeldern einhandle, zu verkaufen. Als der Ankömmling von Pit hörte, daß wir von den Diamantenfeldern kämen, fragte er, welcher der Baß (der Herr) des Wagens sei. Nachdem er es erfahren, grüßte er mich mehrmals mit seinen kleinen listigen Augen, ging zweimal um den Wagen herum und dann an mich herantretend berührte er mit der Hand seinen Hut und sagte »Sir«. Dabei brachte er aus seiner Tasche eine etwa drei Zentimeter hohe und sechs Zentimeter im Durchmesser haltende Blechdose, wie sie in der Regel den Eingebornen als Schnupftabaksdose verkauft wird, zum Vorschein. Grinsend schüttelte er das Döschen. Ich begriff sofort, auf welche Weise der Mann reich geworden war. Mit der Hand nach den bei seinem Wagen stehenden Dienern weisend, meinte er, die hätten in den Diamantenfeldern gearbeitet und ihm dies—dabei öffnete er die Dose—heimgebracht. In der Dose lagen etwa 20 Diamanten, der größte etwa 3 Karat. Obgleich er blos 30 Shillinge für die Edelsteine verlangte, ging ich auf den Kauf nicht ein, denn die Steinchen waren jedenfalls von den Dienern des Schwarzen in den Diamantenfeldern gestohlen.[[1]]

[1] Siehe [Anhang 14].

Auf dem nachmittägigen Marsche fing ich eine größere Anzahl von Rüsselkäfern unter den Blättern einer lilienartigen Pflanze, sowie mehrere, noch nicht beobachtete Heuschreckenarten. Als wir Abends bei strömendem Regen unter dem Schutze eines ausgespannten Segeltuches unser Lager ausgeschlagen hatten, entfesselte unser Affendämchen die Lachlust Aller. Ich reichte ihr einige Käfer, die kleineren nahm sie in ihre Hände, beroch sie, und dann den Kopf ohne oder mit dem Thorax vom Hintertheile abreißend, verspeiste sie dieselben. Mit Heuschrecken that sie ein Gleiches, dagegen warf sie übelriechende Insecten, der letzteren Species angehörend, sowie eine Meloë weg, dasselbe that sie mit einigen Silpha's (Silpha). Zwei erlegte Eidechsen, die ich ihr reichte, warf sie vom Wagen, anders jedoch geberdete sie sich, als ich ihr eine frisch erlegte Buffadder gab. Im Nu war sie auf der anderen Wagenseite, dann lugte sie vorsichtig nach mir aus, und als ich mich ihr wieder nahte, lief sie das Wagendach entlang und zerrte mit voller Kraft an dem Kettchen.

Unser Weg führte uns nächsten Tages über kurzbegraste Hochebenen, über welche Millionen beflügelter, großer Ameisen schwärmten. Die Regengüsse der letzten Tage ließen mich hoffen, überall Wasser zu finden, und hatten wir uns deshalb an unserer letzten Raststelle damit nicht versehen, noch die Thiere vor unserer Abfahrt getränkt. Leider fanden wir keines und mußten von Durst gequält unsere Wanderung bis zu später Abendstunde weiter fortsetzen. An der Abzweigung eines nach Norden streichenden Thales öffnete sich plötzlich eine Felsenschlucht vor uns, die nach Regengüssen augenscheinlich Wasser enthalten mußte. Diese Stelle umgehend stieg ich in das tiefe Felsenbett des nur nach Regen fließenden Spruits, eines Zuflusses des Mokara-Rivers, herab und fand hier mehrere an beiden Seiten einmündende Schluchten, und da die Wände dieser Schluchten theils von senkrechten nackten, theils von terrassenförmigen und überhängenden Felsen gebildet wurden, boten sie viele interessante und des Besuches werthe Punkte.

Vergebens suchte ich im sandigen und steinigen Bette nach Wasser und wollte eben die Tiefe verlassen, als einige von der gegenüber liegenden, steilen Felsenwand wie mir schien herabgekollerte Steine mich aufwärts blicken hießen. Oben in den Bäumen, sowie an den Felsen bewegte sich eine Truppe von Pavianen. Da mir die Thiere mit den herabkollernden Steinen über meinem Kopfe nicht gefielen, dachte ich sie mit einem oder zwei Schüssen zu verscheuchen. Auf einen der überhängenden Bäume zielend, feuerte ich auf den Stamm, in dessen kleiner Krone zwei Paviane saßen. Die in den Stamm eindringende Kugel erschütterte den ganzen, nur lose in den Felsenfugen hängenden Baum und erfüllte die beiden Insassen desselben derart mit Entsetzen, daß der eine hoch aufsprang, der andere sich fest an den Stamm anklammerte. Ein altes Männchen erschien nun bellend am Fuße des Baumes, ergriff jedoch, nachdem es einige große Felsstücke losgebröckelt hatte und ein zweiter Schuß neuerdings den Baum traf, mit den übrigen die Flucht.

[Von Pavianen überrascht.]

Der Hügel, den ich sodann bestieg, mußte den Makalahari- oder anderen hier vor 100 und mehr Jahren wohnenden Eingebornenstämmen zum Aufenthalte gedient haben, die Kuppe war nämlich von einer Unzahl kleiner, aus Steinen roh (ohne Zierat) ausgeführter 2-3 Fuß hoher, und 4-8 Meter im Gevierte haltender Umzäunungen bedeckt. Manche der Betschuanastämme behaupten, daß diese Stellen von ihren Voreltern bewohnt waren, allein es scheint mir unwahrscheinlich, daß die Nachkommen diese Gewohnheit ihrer jüngsten Vorfahren so bald aufgegeben hätten.

[Erschreckte Paviane.]

Wir gewannen nach und nach bis auf 15 englische Meilen Fernsicht und sahen, daß sich die Gegend nach Norden zu senkte. Fünf oder sechs Meilen vor uns sahen wir ein kleines, auf einer unbedeutenden Bodenerhebung erbautes Eingebornendorf; hier durfte ich doch auf Wasser hoffen. Als ich jedoch, in der Nähe des Dorfes angelangt, darnach fragte, wies man mich nach einer in nordwestlicher Richtung liegenden Vertiefung, die theilweise durch den Abhang, an dem ich stand, verdeckt war. Leider sah ich mich wieder, trotz eifrigen Suchens bitter enttäuscht und mußte, von Durst gefoltert, hier die Nacht zubringen.

Früh Morgens wieder aufbrechend lenkten wir in ein größeres nach Norden sich erstreckendes Thal und erblickten ein aus etwa 40 Hütten bestehendes Dorf am rechten Ufer eines bis auf einige Lachen ausgetrockneten Flüßchens, das nach der Form der Hütten von Koranna's und Betschuana's, wahrscheinlich Barolongen, bewohnt sein mußte. Sobald die Zugthiere das Wasser witterten, hatten wir alle Mühe sie zurückzuhalten; auf das Ufer lossteuernd, erstaunten wir nicht wenig, als wir den Weg plötzlich durch ein Dutzend meist in abgetragene, zerfetzte europäische Kleidungsstücke gehüllte Koranna's versperrt sahen. Laut gesticulirend bedeutete man mir, daß da kein Thier getränkt werden dürfe, bevor nicht der Eigenthümer des Wagens für jedes fünf Shillinge Tränkegeld bezahlt hätte. Ich wies diese Forderung zurück und bot einen vernünftigen Geldbetrag an, der nun wieder von den Farbigen abgewiesen wurde; auch Pit, der seine ganze Beredsamkeit aufbot, vermochte die Opposition der Koranna nicht zu beschwichtigen.

Die Leute sahen uns und den Thieren den Durst an und so dachten sie uns so hoch wie nur möglich zu schrauben; als kein vernünftiger Ausgleich zu erzielen war, bedeutete ich den Leuten, die Feigheit der Koranna's wohl kennend, daß ich um jeden Preis zum Wasser gelangen müsse. Unsere Opponenten dachten, daß ich dies mit den Waffen erzielen wolle und fingen jämmerlich zu schreien an, wobei sie ein und dasselbe Wort in der Begleitung verschiedener Eigennamen riefen, nach Pit's Erklärung riefen sie ihre Freunde zur Hilfe herbei.

Diese kamen auch rasch zum Succurs herbeigelaufen, die Koranna's mit Musketen, die Barolongen und Makalahari mit Assagaien bewaffnet; Frauen brachten den meisten der uns gegenüberstehenden, deren Zahl im Nu sich mehr als verzehnfacht hatte, Gewehre herbei. Wie auf ein Zeichen brach nun der ganze wüst durcheinander rennende Haufe in ein Höllenspektakel aus. Die Männer (Koranna's) fluchten theils in ihrer Sprache theils holländisch, die Barolongen stießen Verwünschungen und Beschwörungen aus, am ärgsten aber schimpften die Frauen, während hinter den nothdürftigen Umzäunungen der Hütten der Kinder ungezählte Schaar lustig darauf losheulte. Daß unsere Hunde nicht ruhig zusehen konnten, sondern auf den Haufen losbellten und darin von den Dorfkötern auf das Kräftigste secundirt wurden, ist leicht begreiflich. Mir schien das Ganze, trotzdem ich den Ernst der Lage begriff, ein Traum. Ich zog in diese Länder im Frieden ein, Frieden wollte ich den Farbigen bringen, und als Freund von ihnen scheiden. War ich der Schuldige in diesem unerwarteten Falle oder meine Gefährten; oder hatte ich es mit einem' Auswurfe von Schwarzen zu thun, die durch den Alkoholgenuß so tief gesunken waren, daß sie sich seinethalben zu wahnsinnigen Forderungen, zu Gewaltthätigkeiten hinreißen ließen.

Meine Begleiter griffen nun, angesichts der drohenden Haltung der Eingebornen auch zu den Waffen, was jedoch sofort unsere Gegner veranlaßte, ihre Gewehre auf uns anzuschlagen und die Assagaien über dem Kopfe zu schwingen. Unkenntniß des Koranna-Charakters hätte sich in diesem Augenblicke bitter gerächt—ich kannte aber die Leute zu gut, um mich zu voreiligen Schritten hinreißen zu lassen. Meine zwei mir folgenden Gefährten einige Schritte vor dem Wagen zurücklassend ritt ich mit meinem Rappen auf die Menge los; von den Waffen Gebrauch zu machen, fiel mir nicht ein, ich hielt es bei der Feigheit der Koranna's, trotzdem, daß der Wagen nur fünf Vertheidiger zählte, für nutzlos und hatte sofort erkannt, daß die Koranna's, obwohl in der Minderzahl, doch die Anführer waren und den Aufstand inscenirt hatten. Statt auf mich zu feuern, ließen die meisten die gehobenen Gewehre sinken, um jedoch nur heftiger zu schimpfen. Und ehe ich noch auf Wurfweite angeritten war, begannen schon die Vordersten sich nach rückwärts zu concentriren. »Kerle lup, det Kerle lup! (die Kerle laufen) schrie mir Pit nach; auch ich konnte nun deutlich sehen, daß die hinteren Reihen sich auffallend lichteten und setzte nun mein Pferd in Galopp. Die Wirkung dieses Manövers auf die Gegner war außerordentlich und rief in mir einen förmlichen Lachkrampf hervor. Der dichte Knäuel hatte sich wie auf Commando gelöst, die einen liefen nach links, die anderen nach rückwärts, um hinter den Umzäunungen ihrer Gehöfte Schutz zu suchen und einen den Pferdehufen weniger zugänglichen »Standpunkt« einzunehmen; während wieder andere gegen die Vertiefung nach rechts abbogen und in diese hinabsprangen, in ihr fortliefen, um erst am unteren Dorfende innezuhalten und aus ihr herauszulugen, und hinter den Zäunen ihrer Gehöfte gedeckt in ein ohrzerreißendes Geschrei auszubrechen, das mir wohl unverständlich, jedenfalls aber die vermeintliche Herzlosigkeit und Undankbarkeit der Weißen verdammen sollte. Ohne weiteren Zwischenfall wurden die Thiere getränkt und unser Wasservorrath ergänzt.

Wir brachen nun wieder auf. Am letzten Gehöfte gab es wieder viel Liebesworte und da wir ohne zu erwidern vorüberzogen, wurden diese süßen, freundlichen Reden so laut und heftig, daß die Ochsen sich darob scheuten und sich plötzlich nach rechts wandten, in Folge dessen die Vorderachse brach. Das war ein schlimmer Zufall und uns allen entfuhr ein Schrei des Erstaunens, es war das Aergste, was uns hier, in diesem Orte passiren konnte. In diesem Augenblicke schätzte ich mich glücklich, ohne Drohungen und ohne wirklichen Zusammenstoß meine Absicht erreicht zu haben; im entgegengesetzten Falle wäre es uns jetzt schlecht ergangen, denn selbst der Feigste hätte hinter diesem oder jenem Zaune, aus dieser oder jener Hütte seine rostige Muskete auf uns abfeuern können, und trotzdem die Bewohner keine treffsicheren Schützen waren, hätte manche Kugel ihr Ziel erreicht und mir vielleicht die Gelegenheit benommen, diese Episode niederzuschreiben. Wenn allein Barolongen oder Makalahari Musemanjana bewohnt hätten, würde es nie zu einem Mißverständnisse gekommen sein, die Leute hätten mäßige Forderungen und in entsprechender Weise gestellt.

Durch mein sicheres Auftreten in der Tränke-Angelegenheit hoffte ich den Bewohnern Musemanjana's Respect eingeflößt zu haben, und darauf baute ich in diesem Momente, da ich ihnen durch den Achsenbruch vollkommen preisgegeben war, meine Hoffnung. Lachend und schreiend, singend, die Mädchen und Halberwachsenen der edlen Vertheidiger Musemanjana's sogar tanzend, stürzten sich die Eingebornen aus ihren Gehöften, um sich uns von allen Seiten zu nähern. Den Gefährten, die am Bock mit den auf den Knien gelegten Waffen saßen, bedeutete ich, sofort die letzteren in den Wagen zu legen und mit in das Gelächter einzustimmen.

Das machte die meisten der Schwarzen stutzen. Ich benützte diesen Augenblick um einen baarfüßigen, mit einer langen Kranichfeder an Hute geschmückten Koranna, den ich für den Häuptling des Dorfes hielt mit lachender Miene anzusprechen und ihm zu bedeuten, daß wir nun trotz des Widerstrebens der Bewohner von Musemanjana noch öfters die Thiere zur Tränke führen müßten. Der Angesprochene war blos der Stellvertreter des Chefs oder Captain, wie sie ihn zu nennen geruhten, zeigte sich vernünftig und forderte für die Benützung der Tränke einen Shilling, den ich auch gern erlegte.

Nun kamen die Eingebornen bis an den Wagen und jeder gab seine Meinung kund, die Frauen blieben noch am längsten feindlich gesinnt. »Ja, es ist Euch recht geschehen, Weiße müssen nicht die Herren spielen, Schwarze sind die Herren von Musemanjana, und nicht Ihr, sondern Hendrick, der Koranna, der nach Bloemhof gefahren ist, um fette Ochsen zu verkaufen und Kleider und Branntwein dafür zu erstehen, ist unser Captain!« Die Männer wollten an der Achse die Bruchstelle untersuchen etc. etc., was ich jedoch ablehnte, da ich fürchten mußte, unversehens bestohlen zu werden.

Ich dankte für ihre Hilfe und fragte wo es hartes Mimosenholz gäbe, um eine neue Achse zu zimmern. »Wach, Sir,« meinte der Vicechef, »mut det ni dun, nicht weit von hier in einer Barolongenstadt mit Namen Marokana lebt ein alter Mann, der bei einem Schmiede in der Transvaal-Colonie gearbeitet, zu dem mußt Du senden.« Ein Barolonge erbot sich auch sofort für ein Sixpencestück nach Marokana zu reiten, um den Schmied zu holen.

Da wo sich das Hottentotten-Element mit dem der Bantu vermischt (ich spreche von den letzten Decennien), namentlich seitdem die Spirituosen in's Land Eingang gefunden hatten und wo der Häuptling der Batlapinen, Barolongen oder wie sie alle hießen, nicht ein einsichtsvoller Mann gewesen, wurden die letzteren Stämme von den alle Laster, doch nicht die Tugenden des weißen Mannes sich aneignenden Koranna's, Griqua's etc. verleitet, in Folge dessen griffen Trunkenheit, Faulheit, Arbeitsscheu, Diebstahl, ja sogar Mord unter ihnen immer mehr um sich. Um so folgenwichtiger und wie wir hoffen wollen wohlthätiger halten wir die von der Regierung in Griqualand-West in der letzten Zeit namentlich in Bezug auf die Koranna's getroffenen Maßregeln.

Mit dem Vice-Captain schloß ich einen Vertrag, demzufolge ich gegen Entrichtung eines Shillings per Tag meinen Wasserbedarf decken konnte, ja seine Leutseligkeit ging so weit, daß er mir andere, klares Wasser enthaltende Lachen angab, die selbst von den Eingebornen nicht benutzt wurden.

Am Nachmittage kam der alte Schmied, ein Griqua mit seinem Sohne, um den Schaden zu besichtigen. Als ein alter Bekannter der Koranna's im Dorfe, schüttelte er zuerst allen die Hände, wobei die Männer mit Bru'rs (Bruder) und Ohm, die Frauen mit Tante und die Jungen mit Kinders titulirt wurden. Der Künstler erklärte die Achse aus einem zwischen Marokana und Musemanjana stehenden Kameeldornbaume (Acacia giraffe) zimmern zu wollen, doch müsse er dies alles in Marokana thun und deshalb müßten wir die Räder und die gebrochene Achse mit der Deichsel nach Marokana befördern lassen. Als Lohn für seine Arbeit forderte er zwei Flaschen Branntwein und 2 £ St. und wollte unter keiner Bedingung von dieser Forderung abgehen und betonte besonders die Ueberlassung des Branntweins, dessen er zur Stärkung bedürfe.

Unterdessen hatte F., der sich mancher »Eroberung« unter den schwarzen Schönen rühmte, die Gelegenheit benützt, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Wohl um die an uns begangene Unbill zu rächen, griff er zu einem probaten Mittel, sich die Herzen der zahlreich versammelten Koranna-, Barolong- und Makalahari-Schönheiten im Fluge zu erobern und zog eine Concertina (sechseckige Handharmonika) hervor, um ihr die herzzerreißenden, dem Gehör der Musemanjana-Beauties jedoch sichtlich einschmeichelndsten Töne zu entlocken. Doch nicht Frauen allein, nicht blos das arme schwache Geschlecht, sondern auch die wackeren Herzen in der Heldenbrust der gelblich- und schwarzbraunen Krieger von Musemanjana waren von der Macht dieser Töne ergriffen und Stille—wie vielleicht noch nie—heilige, friedliche Stille herrschte weithin. Und der Mitleidslose, sehr geschmeichelt und von uns applaudirt, hätte bis zum Sonnenniedergange musicirt, wenn nicht die Hunde des Dorfes gegen diese himmlischen Laute einmüthig protestirt und den häuslichen Frieden der Familien Musemanjana's gerettet hätten.

Vielleicht des Effektes wegen, den die Musik auf die Schönen des Ortes ausübte, vielleicht jedoch auch aus anderen unbegreiflichen Gründen machte einer der Koranna's unserem Künstler den schmeichelhaften Antrag, ihm das Musikinstrument für einen Ziegenbock zu verkaufen. Wir alle dachten, daß F. ob einer solchen Zumuthung, seine Concertina zu verkaufen, in gerechter Entrüstung auflodern werde; doch wer beschreibt unser Erstaunen, als F. bereitwilligst auf den Antrag einging.

Am folgenden Morgen, den 17., wurde Pit mit den Rädern und der Achse nach Marokana gesandt und machte uns nicht wenig Sorgen, da er erst am Nachmittag heimkehrte.

Musemanjana ist die nördlichste Besitzung des Korannakönigs von Mamusa, nach Norden und Osten grenzen die wildreichen Ebenen (von mir »Quagga flats« benannt) an, welche Montsua angehören, in denen Batlapinen, Barolongen, Koranna's und holländische Farmer aus der westlichen Transvaal-Republik oder jene, die sich mit der Erlaubniß der Fürsten der genannten Stämme in deren Gebiet niedergelassen haben, friedlich neben einander jagen. Nach Westen liegt das kleine Gebiet des Marokana-Häuptlings, der Montsua, den König der Barolongen als Oberhaupt der nördlichen und westlichen Barolongen anerkennt, allein ihm keinen Tribut abliefert.[[1]]

[1] Siehe [Anhang 15].

Die Gebirgsformation der Umgegend bestand meist aus bläulich-grauem Kalkschiefer in Blöcken und Platten, Quarzitfelsen im Gerölle, zahlreichen Quarzstücken und »Vaalgestein« (Grünstein mit mandelartigen Chalcedon-Einschlüssen).

Am Abend besuchte mich der Schmied, um mir mitzuteilen, daß die Achse an der Bruchstelle schon früher geborsten war, doch in Wirklichkeit nur, um eine Flasche Branntwein als Abschlagszahlung zu fordern. Da ich befürchtete, daß der Genuß desselben den alten Mann arbeitsunfähig machen würde, verweigerte ich ihm denselben, worüber er sehr mürrisch wurde und den Rückweg antrat, nicht ohne in laute Klagen auszubrechen, daß ihm »det Medicin« verweigert wurde.

Am folgenden Tag meldeten sich zwei Eingeborne, um in meine Dienste zu treten. Ich nahm sie gegen 8 Shillinge Wochenlohn auf (Pit bekam 10 Shillinge), mußte mich jedoch ihrer Hauptbedingung, ihnen allabendlich einen Schluck Branntwein zukommen zu lassen, fügen. Der eine war ein Griqua, der Sohn des Schmieds, der uns bediente, klein, untersetzt mit sehr einfältigem Blick, der zweite eine Hopfenstange, ein Bastard und mit dem Häuptling Hendrik verwandt. So dumm als der erste, so verschmitzt sah der zweite aus. Der Schmied erschien zeitlich und wich nicht eher vom Platze als bis er seinen Branntwein erhalten hatte. Die Folgen meiner Nachgiebigkeit waren bald bemerkbar, denn er lag bald betrunken in des Häuptlings Hause, während der Vice-Häuptling, die Frau des Herrn von Musemanjana und ihre Dienerinnen, die alle vom Feuerwasser etwas erhascht hatten, wie besessen sangen und tanzten.

[Musemanjana.]

[Empfang in Musemanjana.]

Am Abend kehrte auch Hendrik, der Häuptling des Dorfes zurück. Allgemeiner Jubel aller seiner Ohm's und Tanten, denn ihre Hoffnungen waren erfüllt. Hendrik brachte eine riesige, wenigstens 10 Liter fassende Flasche Feuerwasser mit. Bevor er jedoch seine jubelnde Umgebung damit bewirthete, kam seine Frau herangetrippelt, ihren langen Ehegespons am Arme führend und präsentirte ihn uns mit den Worten. »Das ist der Herr dieses Ortes! Das ist der Herr der vielen Schafe, die Ihr täglich blöken hört, und ist auch mein Mann!« Hendrik, eine schwankende Hopfenstange, grinste verschämt, streckte mir seine Hand entgegen und hieß mich willkommen.

Mit Hendrik war der Häuptling eines anderen an der Mokara gelegenen Kraal's, angekommen. Er fiel mir auf, weil er sich an dem nun folgenden Saufgelage nicht betheiligte. Trotz des Unfalls murrte ich nicht mehr über den Aufenthalt, der mir in Musemanjana begegnete, da ich Gelegenheit fand, einen tiefen Einblick in das Leben und Wesen der Koranna, Barolongen und Makalahari zu gewinnen und bedauerte nur, daß ich nicht genug Geld mit mir führte, da mir der mit Hendrik angekommene Korannahäuptling einen vernünftigen Antrag machte. Er besah meine Zugthiere und hielt fünf von acht für reiseuntauglich. Er wollte mir für dieselben gute Zugochsen, die ich mir selbst aussuchen konnte, gegen eine Aufzahlung von 2 £ St. per Stück überlassen.

An diesem Tage hatte ich auch Gelegenheit, das Anfertigen irdener Töpfe von Seite der Barolongenfrauen zu beobachten. Auf einer hölzernen runden Schüssel wurde die aus Thon und Humus zubereitete Masse mit den Händen in die natürliche ausgebauchte Topfform geknetet, stehen gelassen, um nach einigen Tagen im Feuer eingebrannt zu werden. Diese Gefäße, von 7-12 Zoll Höhe und gleicher, oder noch um 2-3 Zoll größerer Breite, mit einer Oeffnungsweite von 5-7 Zoll und einer Wandstärke von ¼-½ Zoll wurden beinahe ausschließlich als Wassergefäße benützt.