Achtzehnter Brief.
Fahrt zum Niagara.
Im November 1839.
Meinem Reiseplan zufolge, wollte ich bis Buffalo die Fahrt auf dem Kanal machen und von da aus mit dem Dampfschiff nach dem Niagara-Fall abgehen um dort eine der größten Naturerscheinungen mit anzusehen. Da aber das Boot, mit welchem ich gekommen, hier einige Tage verweilte und ich nicht gern Zeit verlieren wollte, so ging ich in den Vorschlag zweier Rheinländer ein und bestieg mit diesen und fünf Amerikanern die Postkutsche, wodurch uns mehr Gelegenheit ward, das Land besser kennen zu lernen, da wir hier nicht, wie es auf dem Boote der Fall ist, Tag und Nacht die Gegend durchreisten, sondern nur die Tageszeit dazu benutzt wurde.
Noch war der Morgen des 8. Dezember nicht angebrochen, als ich und meine Reisegefährden die Kutsche bestiegen. Dieselbe ging in der ersten Zeit nur langsam vorwärts, da die Wege in Folge des Regens schlecht und das bergige Terrain auch das Schnellfahren verhinderte. Die Gegend selbst ist ziemlich wild und die Urwälder noch wenig gelichtet.
Bei Oneida führte der Weg durch die Niederlassung eines Indianerstammes, welches Volk, von den Nachbarn verachtet, äußerst ärmlich sich von der Jagd und einigem wenigen Ackerbau zu nähren sucht. Das Dorf der Wilden selbst besteht aus den erbärmlichsten Hütten, welche aus übereinandergelegten Baumstämmen hie und da im Walde errichtet sind. Auf einer Anhöhe erblickt man eine kleine ebenfalls von Holz aufgeführte Kirche, für den Gottesdienst der Indianer bestimmt, welche Missionäre zum Christenthume bekehrt haben. Links vom Wege ist ein freier Platz, von alten Bäumen beschattet, wo die Häupter des Stammes sich zu versammeln pflegen, wenn sie über ihre Angelegenheiten berathen wollen. Ihre braungelbe Farbe, runden Gesichter, lang geschlitzten Augen, dicken Nasen und langen bis auf die Schultern hängenden Haare, haben, wenn man solche Gestalten noch nicht gesehen, etwas Imposantes. Viele sind nur in elende Lumpen gewickelt, Andere dagegen tragen blaue Hosen, über welche sie Hemden ziehen und diese sind wieder mit Röcken von Tuch bedeckt. Die Weiber hüllen sich in weiße oder blaue wollene Decken ein. Ihre Kinder, meist nackend, benutzen den Durchzug der Reisenden und verfolgen bettelnd die Wagen, welche Erscheinung dem Europäer um so auffallender ist, da das Betteln in Amerika nicht Sitte und man nirgends von Wegelagerern um eine Gabe angegangen wird.
Hinter dem Dorfe, wo der Weg nach einer beträchtlichen Höhe führt, genießt man eine schöne Aussicht auf den Oneida-See. Die Landschaft selbst wird jedoch, je weiter man kömmt, wilder, und mit Ausnahme einzelner Ortschaften ist solche wenig bevölkert. Selten sieht man Häuser von Backsteinen, sondern nur von leichtbehauenen Baumstämmen, sogenannte Blockhäuser, welche Erbauung schnell von Statten geht und gewöhnlich das erste Asyl der Ansiedler ist. Sind die Baumstämme gefällt und entastet, so werden ihre beiden Enden mit Einschnitten versehen und so zusammen gekämmt, über einander gelegt. Vorkommende Lücken zwischen den Balken füllt man mit Steinen, Moos und Erde aus.
Die mitunter vorkommenden fernen Aussichten sind äußerst einförmig und unromantisch, da sie mit nichts als einzeln stehenden Häusern ausgeschmückt sind; um so überraschender ist daher ein kleiner See mitten im Walde, an dessen Ufer zwei kleine Städtchen sehr malerisch liegen.
Im Ort Chittenango zerbrach die Deichsel des Wagens, wodurch ein kleiner Aufenthalt verursacht wurde. Der Ort selbst hat mehre Mühlen und Fabriken, weshalb, um den Verkehr zu erleichtern, ein Kanal mit kleinem Hafen angelegt worden ist, welcher aus dem großen Erie-Kanal ausläuft.
In Onendezes sind ebenfalls Fabriken, auch hat dieser Ort, wie Marcellus, zwei Kirchen, welches gewöhnlich in jedem Ort von einiger Bedeutung der Fall ist, daß sie eine Anglikanische und Presbyderianische Kirche besitzen. Jenseits Marcellus liegt am Scomatelass-See das Städtchen gleiches Namens, welches wegen eingetretener Nacht nicht mehr gesehen werden konnte. Erst spät trafen wir in der Stadt Auburn ein, wo übernachtet wurde.
Am Morgen des folgenden Tages passirte der Wagen eine lange Brücke, welche über den an dieser Stelle nur eine englische Meile breiten Cayuga-See erbaut ist, welches stehende Wasser zwanzig Meilen lang sein soll. Die Gegend gestaltet sich immer einsamer und wilder, da zwischen den 6–8 Stunden auseinander liegenden Städten ewiger Wald angetroffen wird, in welchem nur dann und wann ein Blockhaus zwischen verdorrten Bäumen zum Vorschein kommt. Die Pflanzer, der Arbeiten zu viel habend, fällen die Bäume nicht, sondern machen 1 Fuß von der Erde, rund um 1 Zoll breit Rinde und Splind bis aufs Holz ab, wodurch der Stamm abstirbt, damit, wenn er faul von Regen und Wind umgeworfen, er sich so leichter beseitigen läßt. Doch währenddem benutzt man das Land schon, rottet unter den dürren Aesten, die nicht mehr beschatten, das Gesträuch aus, und bestellt hierauf den Boden. Doch will man noch schneller das Holz beseitigen, so wird Feuer an die Bäume gelegt, weshalb man oft ganze Striche brennender Wälder antrifft.
Bis Waterloo, einer wohlhabenden Stadt, war der Boden fest, doch darüber hinaus wurde er morastig, weshalb der Weg mit Baumstämmen belegt war, welche Knüppeldämme die Fahrt äußerst beschwerlich machen und mich an die gepflasterte Chaussée zwischen Hannover und Bremen erinnerte.
Genovo, an der Spitze des Seneca-Sees, hat ein Kollegium mit einigen hundert Studenten, ansehnliche Gebäude, schöne Landhäuser und Gärten.
Canandaigua, an der Spitze des Sees gleichen Namens, wo Mittag gemacht wurde, ist ebenfalls eine wohlhabende handeltreibende Stadt mit einer Bank und einem Gerichtshof. Am Nachmittag wurden die Orte Victor, Mendon und Pittsfort passirt, wo wir unterwegs nur theilweise Ansiedler in Blockhäusern antrafen, Abends 8 Uhr erreichten wir Rochester und machten daselbst Halt.
Vor dem Jahr 1812 war hier noch Alles Wald, wo man den Acker für 1¼ Dollar kaufte und jetzt ist dieser Ort eine der blühendsten Städte, hat sechs Kirchen, eine Bank, Tribunalgebäude, mehre Mühlen und Fabriken, und zählt 6000 Einwohner.
Der große Erie-Kanal geht hier mittels einer steinernen Brücke von 780 Fuß Länge über den Genesse-Fluß; letztere hat 11 breite Bogen von 40–50 Fuß Weite und ist mit einem eisernen Geländer versehen. Ein Trottoir für die Pferde geht längs der einen Seite. Dieses großartige Werk führt eine durch Kunst und ungeheuren Geldaufwand geschaffene Wasserstraße über einen breiten natürlichen Fluß.
Am folgenden Morgen fühlte ich mich äußerst unwohl, da ein Wechselfieber mich heftig schüttelte, wie solches meinen beiden deutschen Reisegefährden, dem Einen mehr, dem Andern weniger, ebenfalls begegnete, indem wir uns gestern bei der ungünstigen naßkalten Witterung eine Erkältung zugezogen hatten. Es wurde daher beschlossen, hier zu bleiben, uns gut abzuwarten und erst morgen die Reise fortzusetzen. Die zweite Nacht fühlte ich mich noch kränker und so gern ich auch hier länger verweilt hätte, so trieb doch die späte Jahreszeit, welche kein Säumen erlaubte, wie mein unruhiger Geist selbst, von Neuem in den Wagen. Fest in die Mantel gehüllt und in die Wagenecken zurückgelehnt, wurde wenig von der Gegend, welche wir passieren, gesehen und die ewigen Schauer, welche die Zähne unwillkührlich zusammenschlugen, verbitterten den Vorgeschmack des großen Naturereignisses, worauf ich mich so lange gefreut und wir schon, obgleich noch vier Stunden weit vom Wasserfall entfernt, sein Brausen vernehmen konnten. — Mit einbrechender Nacht hielt der Wagen in dem am Ufer des Niagara-Flusses gelegenen Louristoba an, wo ich mich sogleich bis über die Ohren ins Bett begrub und zu schwitzen versuchte, ohne etwas Speise und Trank zu mir zu nehmen.
Umsonst war mein Bemühen den erquickenden Schlaf herbeizulocken. Die aufgeregte Phantasie hielt mich wach und meiner selbst nicht recht bewußt, schwebte der Geist im Fiebertraum aus der Vergangenheit in die Zukunft über. — Also hier, so weit von den Meinen entfernt, in den unermeßlichen Wäldern Amerikas, hier also, so nahe am Ziele des lang gehegten Wunsches, den größten der Wasserfälle mit eigenen Augen zu sehen, sollte ich vielleicht das Daseyn enden? — Und von bösen Träumen erwacht, richtete ich mich hastig auf und fühlte mich noch stark genug, selbst mit den Wilden zu kämpfen; dann hörte ich, wieder entschlummert, die lieben Kinder nach dem Vater fragen, welchen sie schon so lange vermißt und sehnlich seiner Rückkunft harrten. Immer nur vorwärts trieb’s mich, um dann um so schneller in die Heimath zurückzukehren, da nur der Körper schwach war, dieser aber nicht den regen Geist zu zügeln vermochte. So mag’s denn kommen wie es will! Fort und immer weiter führt es dem Ziele zu!
Noch war es Nacht und ein sanfter Schlummer suchte die matten Glieder von Neuem zu stärken, da der Geist sich abgetobt, denselben die Ruhe gönnte, als man uns weckte, weil nach dem Wunsche der übrigen Reisenden, bald aufzubrechen, der Wagen dazu bereit sey. So ungern ich auch das Lager verließ und meine Freunde mir riethen, länger zu verweilen, so raffte ich doch alle Kräfte zusammen, da die Füße noch nicht den Dienst versagten und bestieg, fieberkrank, den Wagen.
In kurzer Zeit war der Fuß eines Hügels erreicht und auf der Höhe angelangt, entfaltete sich dem Auge ein herrliches Gemälde, welches Alle hoch entzückte. Nur für mich verlor es viel von seinem Reiz, da das trübe Auge nicht vermögend war, das verstimmte Gemüth von Neuem zu begeistern.
Noch umhüllte ein blauer Nebelschleier den Gesichtskreis und mit bangem Sehnen sah Alles der aufgehenden Sonne entgegen, da man einen unfreundlichen Tag befürchtete, gleich denen der letztvergangenen Zeit. Doch bald fing im Osten der Himmel an, sich allmählich zu röthen und die Sonne lüftete den Schleier. Fantastisch gestaltete Wolkengebirge wetteiferten an Schönheit mit der romantischen Gegend und zogen den trunkenen Blick von der Erde zum Himmel. — Zu unsern Füßen breitete sich der Ontario-See aus, in dessen Spiegel sich die Strahlen der aufgehenden Sonne brachen. Nordwärts begrenzte den See der breite dunkle Raum von Canada’s unübersehbaren Wäldern, westwärts ein langer blauer Streifen von Gebirgen. An der Ausmündung des Niagara-Stromes stehen zwei Festen, am Canadischen Ufer die St. Georg-, auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten die Niagara-Feste. Aus dem Hintergrunde schimmerten am jenseitigen Ufer des Ontario-Gestades, Kirchthürme und Gebäude aus der Ferne hervor, welche dem Städtchen York angehörten, das acht Stunden von uns entfernt lag. Nach der Mittagsseite zu sieht man in der Ferne eine mächtige Dampfsäule aus dem Schooß der Erde in die Lüfte wirbeln, welche der Fall des Niagara verursacht.
Nachdem wir uns Alle an diesem imposanten Anblicke hinlänglich geweidet, wurde der Pfad zu Fuß weiter verfolgt, da von hier aus der Wagen zurückging. Das dumpfe Getöse vernahm man bei jedem Schritt deutlicher und zwischen Bäumen kamen mitunter Wassermassen zum Vorschein, welche dem Niagara-Fall angehörten. Gegen 10 Uhr langten wir endlich bei einem Gasthause an, wo gefrühstückt und dann in Begleitung von Führern dem Falle selbst zugeeilt wurde.
Um zur Insel Goad-Island zu gelangen, welche den Stromfall in zwei ungleiche Theile trennt, von wo aus der Wasserfall und seine Pracht am schönsten ins Auge fällt, muß man eine Brücke passiren, welche über einem Arm des Flusses errichtet ist.
Ein Zweig des Allaghanig-Gebirges, welches den Niagara-Fluß in der Quere durchschneidet, verursacht den ungeheueren Sturz dieses Gewässers, welches der Abfluß der großen Seen und des Erie-Sees ist, und bis zu seiner Mündung in das weite Becken des Ontario einen mächtigen Strom von 1000–1200 Schuh Breite und großer Tiefe bildet.
Bis zum Chippeway-Strome, der zwischen dem Erie- und Ontario-See in ihn hineinstürzt, fließt er langsam und still, dort aber, enger zwischen Felsen geklemmt und von dem Wasser des Chippeway verstärkt, wird er unruhig, und sein Fall reißender. Stürmend kämpfen seine Wellen gegen Klippen und Felsen an, die ihm den Weg versperren wollen. Zwei Inseln spalten den Fluß in drei Theile, welche sich aber stürmisch wieder vereinigen, und dann mit mächtigem Ungestüm in den über 150 Fuß tiefen Abgrund hinunter stürzen. Die Breite des Flußbettes beträgt vor dem Sturze gegen 4000 Fuß, in welchen die wildkämpfenden Wogen durcheinander wüthen, bis sie am Fuße des Falles sich wieder vereinigen und ihren Lauf friedlich fortsetzen.
Die Masse der niederstürzenden Fluthen, von unten herauf gesehen, scheint aus dem Himmel herabzufallen, um sich in einen bodenlosen Abgrund begraben zu wollen. Die Felsenlager, welche unterhalb einige Absätze bilden, drohen unter dem Gewicht der zermalmenden Wassersäulen zu zersplittern und zu zerstäuben. Man steht inmitten eines ewigen betäubenden Donners, während rings umher die ganze Natur, wie von Entsetzen erstarrt, schweigt. Aus der Tiefe, wo alles kocht und gährt, steigen silbergraue Staubwolken und Wassersäulen hastig empor, um von Nachkommenden wieder ereilt und zerstört zu werden. Sie heulen in allerlei Tönen zwischen den Klippen die gräßlichsten Stimmen, bis sie im Abgrunde durch das einförmige Brausen übertönt werden.
Die Felsen von beiden Seiten gehen schroff hinab, es ist aber eine hölzerne Treppe angebracht, auf welcher man bis zur tiefsten Stelle des Flusses steigen kann. Ein Führer geleitete uns hinab, allein man wird in seinen Erwartungen betrogen, da alles in Schaum und Dampf eingehüllt, keinen imposanten Anblick gewährt, und der feine Regen, vom Wasserstaub verursacht, bald zum Rückwege nöthigt.
Um an das gegenseitige Ufer zu gelangen, wo man, wie unser Führer versicherte, vom Table-Rock (Tafelfelsen) aus, die schönste Aussicht nach dem ganzen Falle genießen soll, bestiegen wir einen kleinen Nachen, welcher uns in einer halben Stunde mitten durch die wüthenden Wellen nach dem kanadischen Ufer brachte. Während der Ueberfahrt hat man nochmals die schönste Gelegenheit das Bild obiger Verwandlung zu übersehen. Das kanadische Ufer ist ebenfalls wie das jenseitige, der schroffen Felsen halber, mühsam zu ersteigen; doch bald bietet sich Gelegenheit, in einem nahen Gasthause sich zu erholen.
Obgleich es Herbst war, trafen wir hier doch viele Reisende, welche die großartige Naturerscheinung herbeigelockt, und da so eben eine Parthie zu dem Table-Rock abging, so schlossen wir uns an. — Auf diesem sich weit ins Wasser hervorstreckenden Felsen, welchen dieses Element ganz unterwaschen hat, genießt man in der That mit einem Blick das Ungeheuere des großen Schauspiels.
Fortwährende Fieberschauer nöthigten mich, bis zum Abgange des Dampfbootes, auf welchem wir die Reise nach dem 6 Stunden entfernt liegenden Buffalo machten, die Nähe des Feuers zu suchen, und wohlthuender und erquickender wirkte dieses Element auf mich ein, als es die großen Wassermassen gethan hatten.