EZZOS GESANG VON DEN WUNDERN CHRISTI.
[Scherer D. 89, E. 80.]
Ezzo, Scholasticus zu Bamberg, verfasste das Gedicht im Auftrag des Bischofs Günther von Bamberg, vermuthlich auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem, 1064. Herausgegeben in den Denkmälern Nr. 31; vgl. auch Zeitschrift für deutsches Alterthum XXIII, 210.
Duo got mit sîner gewalt
sluoch in êgyptisce lant,—
mit zehen blâgen er se sluoch,—
Môyses der vrônebote guot,
er hiez slahen ein lamb:
vil tougen was der sîn gedanc.
mit des lambes pluote
die ture er segenôte,
er streich ez an daz uberture:
der slahente engel vuor dâ vure. 10
swâ er daz pluot ane sah,
scade dâ inne nien gescah.
Daz was allez geistlîch,
dàz bezeichnôt christenlîchiu dinc:
der scate was in hanten,
diu wârheit ûf gehalten.
duo daz wâre ôsterlamp
chom in der Juden gwalt
unt daz opher mâre
làg in crûcis altâre,
duo wuoste der unser wîgant
des alten wuotrîches lant:
den tievel unt al sîn here,
dèn versualh daz rôte toufmere.
Von dem tôde starp der tôt.
diu helle wart beroubôt,
duo daz mâre ôsterlamp 10
fur unsih geopheret wart.
daz gab uns frîlîche vart
in unser alterbelant,
beidiu wege unte lant,
dar hab wir geistlîchen ganc.
daz tagelîche himelprôt;
der gotes prunno ist daz pluot:
swâ daz stuont an dem uberture,
der slahente engel vuor dâ fure.
Spiritalis Israel, 20
nû scowe wider dîn erbè.
wante dû irlôset bist
de jugo Pharaonis.
der unser alte vîant
der wert uns daz selbe lant,
er wil uns gerne getaren:
den wec scul wir mit wîge varen.
der unser herzoge ist sô guot:
ub uns ne gezwîvelôt daz muot,—
vil michel ist der sîn gewalt,—
mit im besizze wir diu lant.
O crux benedicta,
àller holze beszista,
an dir wart gevangan
der gir Levîâthan.
lîp sint dîn este, wante wir
den lîb ernereten ane dir. 10
jâ truogen dîn este
die burde himelisce.
an dich flôz daz frône pluot.
dîn wuocher ist suoz unte guot,
dâ der mite irlôset ist
manchunn allez daz der ist.
Trehtîn, dû uns gehieze
daz dû wâr verlieze.
du gewerdôtost uns vore sagen,
swenn dû wurdest, hêrre, irhaben 20
vòn der erde an daz crûci,
dû unsih zugest zuoze dir.
dîn martere ist irvollôt.
nû leiste, hêrre, dîniu wort.
nû ziuch dû, chunich himelisc,
ùnser herze dar dâ dû bist,
daz wir die dîne dienestman
von dir ne sîn gesceidan.
O crux salvatoris,
dû unser segelgerte bist.
disiu werlt elliu ist daz meri,
mîn trehtîn segel unte vere,
dîu rehten werch unser seil:
dîu rihtent uns die vart heim.
der segel, der wâre geloubo,
der hilfet uns der wole zuo. 10
Der heilige âtem ist der wint,
der vuoret unsih an den sint.
himelrîche ist unser heimuot,
dâ sculen wir lenten, gotelob.
Als Gott mit seiner Gewalt
schlug in Egyptenland,—
mit zehn Plagen schlug er sie,—
Moses, der treffliche heilige Bote,
er hiess ein Lamm schlachten:
sehr geheim war seine Absicht.
Mit des Lammes Blute
segnete er die Thür,
er strich es an den Überpfosten:
der Würgengel fuhr da vorüber. 10
Wo er das Blut erblickte,
in dem Hause geschah kein Schade.
Das war Alles geistlich zu verstehn,
das bezeichnet christliche Dinge.
Das Schattenbild war vorhanden,
die Wahrheit aufbewahrt.
Als das wahre Osterlamm
kam in der Juden Gewalt,
und das herrliche Opfer
lag auf des Kreuzes Altar,
da verwüstete unser Held
des alten Wüthrichs Land:
den Teufel und sein ganzes Heer,
die verschlang das rothe Taufmeer.
Von dem Tode starb der Tod.
Die Hölle war beraubt,
als das herrliche Osterlamm 10
für uns geopfert ward.
Das gab uns freie Fahrt
in unser altererbtes Land,
über Weg und Steg
thun wir einen geistlichen Gang.
Das tägliche Himmelsbrot;
Gottes Brunnen ist das Blut:
wo das stand an dem Überpfosten,
da schritt der Würgengel vorüber.
Geistliches Israel, 20
nun erblicke von neuem dein Erbe,
dieweil du erlöset bist
von dem Joche Pharaos.
Unser alter Feind
der verwehrt uns nun dasselbe Land,
er will uns gerne schädigen:
den Weg müssen wir mit Kampf zurücklegen.
Wenn uns nicht zweifelt das Gemüth,
gar gross ist seine Gewalt,—
mit ihm behaupten wir das Land.
O gebenedeites Kreuz,
aller Hölzer bestes,
an dir ward gefangen
der gierige Leviathan.
Leben sind deine Äste, dieweil wir
das Leben gerettet an dir. 10
Ja es trugen deine Äste
die himmlische Bürde.
Auf dich floss das hehre Blut.
Dein Wuchs ist lieblich und gut,
damit erlöset ist
die ganze Menschheit, die da ist.
Herr, du hast uns verheissen,
was du in Wahrheit vollführen wolltest.
Du geruhtest uns zu versprechen,
wenn du würdest, Herr, erhoben 20
von der Erde auf das Kreuz,
du würdest uns zu dir ziehen.
Deine Marter ist erfüllt.
Nun erfülle, Herr, deine Worte.
Nun zieh du, himmlischer König,
unser Herz dahin, wo du bist,
damit wir, deine Vasallen,
von dir nicht getrennt sind.
O Kreuz des Erlösers,
du bist unsere Segelstange.
Diese ganze Welt ist das Meer,
mein Herr der segelnde Ferge,
die guten Werke sind unser Seil:
die bestimmen unsere Heimfahrt.
Das Segel, der wahre Glaube,
der hilft uns wohl dazu. 10
Der heilige Geist ist der Wind,
der führt uns über die Fluth.
Das Himmelreich ist unsre Heimat,
da sollen wir landen, Gottlob.