HEINRICH VON VELDEKE.

[Scherer D. 145, E. 138.]

DIE ÆNEIDE.

Heinrich von Veldeke, der Begründer des höfischen Minneepos, in der Nähe von Maestricht geboren, aus ritterlichem Geschlechte, lebte am Hofe zu Cleve und am thüringischen Hofe des Landgrafen Hermann. Die Æneide verfasste er nach einem französischen Vorbild und vollendete sie vor 1190. Herausgegeben von Ettmüller (Leipzig, 1852) und Behaghel (Heilbronn, 1882). Ausserdem dichtete er eine Servatiuslegende (her. von Bormans, Maestricht 1858) und Lieder (her. von Lachmann und Haupt, Minnesangs Frühling Nr. 9).

Dœ der hêre Ênêas

te herbergen komen was, 10

der rîke end der mâre,

sîne kamerâre

hiet he dœ tœ hem gân.

dœ sand der edele Troiân

nusken ende bouge,

sô nieman met sînen ougen

beter dorchte beskouwen,

tœ Laurente den frouwen,

gordel ende vingerlîn,

die niet beter dorchten sîn, 20

want he was Lâvînen holt.

he sand er ein dûre houvetgolt,

herre meisterinnen

te gâven end te minnen.

dar nâ sande Ênêas

sîn gâve, die vel gœt was,

den frouwen al besonder,

want der was ein wonder

dâ te kemenâden.

des was wale berâden 10

Ênêas der hêre,

dat he gœt gaf omb êre.

Dœ Ênêas der wîgant

sîn kleinôde hade gesant

te Laurente den frouwen,

dœ sî’t begonden skouwen,

do was et vel lovebâre.

skiere vernam die mâre

die alde koninginne.

si was nâ ût heren sinne 20

komen dorch den grôten toren.

here witte hade sî nâ verloren;

sî wart vel ovele gedân.

her dochter hiet sî tœ her gân,

die joncfrouwe lussam.

dœ die maget dare quam,

dœ sprac die koningin over lût:

‘wie frô du nu bist, ovel hût,

mines herten rouwen !

du macht mir des getrouwen: 30

mir es leit, dat ich dich ie gedrœch,

dat ich dich niet te dôde slœch

als skiere, alse ich dich gewan,

nu Turnus der edel man

van dînen skulden es erslagen.

et moet wal al die werelt klagen,

dat du ie worde geboren.

dorch dînen willen hât verloren

menich man sînen lîf.

dat ich ie wart dîns vader wîf, 10

dat quam van onheile,

dat ich hem ie wart te deile.’

Aver sprac die koninginne

met grôten onsinne

end met grôten torne:

‘ôwê mir verlornen,

dat ich den onnutten man

dînen vader ie gewan,

dat mir met hem ie wart vergeven!

ich ensal niet lange mogen leven, 20

end al mochte ich, ich enwolde,

sint dat ich gesien solde,

dat du end der Troiân

vor mir gekrônet solde gân,

dat doch skiere mœt wesen,

sô mochte ich ovele genesen.

dat gienge mir harde ût den spele.

nu dîn vader wele

Ênêâse sîn rîke

lâten, he dœt bôslîke.

ich mochte et ovele gesien.

leide mœte û geskien,

dir van hem end hem van dir.’

‘frouwe, wes ontgelde wir?’

sprac Lâvînâ die maget,

‘dat ir den goden van ons klaget

end ons geflœket sô vele?

onheil hebbe, swe et hebben wele. 10

Vrouwe,’ sprac dat megedîn:

‘des ander rât enmach sîn,

des mœt man sich getrôsten.

ich love es got den hôsten,

dat he mich wale hât gewert,

des ich lange hân gegert

omb den edelen Troiân,

want nie wart nehein man

der dogende sîn gelîke.

end mocht ich tien konincrîke 20

met einen andern man gewinnen,

ich enmochte en niet geminnen.

ich wolde ê kiesen den dôt.

ir moget ûch mouwen âne nôt,

welt ir ûch sterven dorch den toren:

sô hât ir ovele verloren

ûwer lof end ûwern lîf.

dœt alse ein wetich wîf

end bedenket ûch bat.

ich wele û râden dat, 30

dat ir dorch toren niet endœt,

dat niemanne donke gœt’,

sprac sî, ‘frouwe mœder mîn.’

‘des mœtes du onsâlich sîn,’

sprac die frouwe weder

end viel an her bedde neder.

met menegen rouwen sî lach

ich enweit wie menegen dach,

went her der dôt in’t herte quam,

de her den lîf onsachte nam.

Dat dœ der hêre Ênêas 10

gefrouwet ende gêret was,

dat liet he wale skînen

end sach dœ Lâvîne

als decke als hen geluste.

he halstes ende kuste,

dat sî van hem gerne nam,

went dat dagedinc quam

ende die brûtlocht wart.

mekel wart die tœvart.

dare quâmen in allen sîden 20

die vorsten vele wîden

in skepen end an der strâten

end ridder ûter mâten.

Die speleman end die varende diet,

sî versûmden sich niet,

die wereltlîken lûde.

dat dâden sî noch hûde,

dâ solîch hôtît wâre;

gefriesken sî die mâre,

sî togen allenthalven tœ. 30

alsô dâden sî dœ,

die et hadden vernomen.

sî mochten gerne dare komen

ende frôlîke,

want sî worden dâ rîke,

alsô dat billîch was.

dœ wart der hêre Ênêas

te koninge gekrônet.

dœ war hem wale gelônet.

sînre arbeide

met grôter rîcheide.

te êren er oppert sînen goden,

die hem die vart dare geboden,

end lônde den sînen.

dœ krônde man Lâvîne

t’einre koninginnen. 10

sî was dœ herre minnen

komen te lieven ende

ân alle missewende.

mekel was die hôtît

end dat gestœle dat was wît.

hêrlîke man’t dâ ane vienc.

der koninc dœ te diske gienc

end die vorsten edele

iegelîch an sîn gesedele,

arme ende rîke, 20

harde frôlîke.

met flîte dâ gedienet wart.

dâ wart die spîse niet gespart.

de sich des flîten wolde,

dat he seggen solde,

wie dâ gedienet wâre,

et wâre ein lange mâre,

wan als ich seggen wele:

man gaf hen allen te vele,

eten ende drinken. 30

des ieman konde erdenken

end des sîn herte gerde,

wie wale man sî’s gewerde.

Do sî alle frô sâten

end dronken ende gâten

vel wale nâ heren willen,

do enwas et dâ niet stille.

dâ was gerochte sô grôt,

dat es die bôsen verdrôt.

dâ was spil end gesanc

end behurt ende dranc,

pîpen ende singen,

vedelen ende springen, 10

orgeln ende seitspelen,

meneger slachte frouden vele.

der nouwe koninc Ênêas,

de dâ brûdegome was,

he bereide die speleman.

der gâven er selve began,

want he dâ was alre hêrest.

van dû hœf he’t alre êrest,

so et wale koninge getam.

swe dâ sîne gâve nam, 20

dem ergienc et sâllîke,

want he was es rîke

iemer sint went an sîn ende

ende halp ouch sînen kinden,

die wîle dat sî mochten leven,

want he konde wale geven

ende hadde ouch dat gœt,

dar tœ den willigen mœt.

Dar nâ die vorsten rîke

gâven vollîke, 30

her iegelîch met sînre hant,

dûre pellîn gewant

ende ros ende skat,

silver ende goltvat,

mûle ende ravîte,

pelle ende samîte

gans ende ongeskrôden

end menegen bouch rôden

dorchslagen guldîn,

tsovel ende harmîn

gâven die vorsten.

die wale geven dorsten,

hertogen ende grâven,

den speleman sî gâven

grôtlîke ende sô, 10

dat si alle dannen skieden frô

end lof den koninge songen

iegelîch an sînre tongen.

Dâ was mekel hêrskap,

wonne ende wertskap.

iedoch klagede Ênêas,

dat her sô wênich dâ was,

die sînes gœdes gerden.

einen mânôt dœ werde

die brûtlocht end die hôtît, 20

dat man dâ gaf enwederstrît.

dâ wâren vorsten hêre,

die dorch her selves êre

end dorch den koninc gâven.

hertogen ende grâven

end ander koninge rîke,

die gâven grôtlîke,

die wênich achten den skaden.

si gâven soumâr wale geladen

met skatte end met gewande. 30

ich enfriesc in den lande

neheine hôtît sô grôt,

der alsô menich genôt.

Dâ vane sprac man dœ wîden.

ich envernam van hôtîde

in alre wîlen mâre,

die alsô grôt wâre,

als dœ hadde Ênêas,

wan die te Meginze was,

die wir selve sâgen.

des endorfe wir niet frâgen.

die was betalle onmetelîch,

dâ der keiser Frederîch

gaf twein sînen sonen swert,

dâ menich dûsont marke wert 10

vertert wart ende gegeven.

ich wâne, alle die nu leven,

neheine grôter hân gesien.

ich enweit, wat noch sole geskien:

des enkan ich ûch niet bereiden.

ich envernam van swertleiden

nie wârlîke mâre,

da so menich vorste wâre

end alre slachte lûde.

her levet genœch noch hûde, 20

die’t weten wârlîke.

den keiser Frederîke

geskîede sô menich êre,

dat man iemer mêre

wonder dâ vane seggen mach

went an den jongesten dach

âne logene vor wâr.

et wert noch over hondert jâr

van hem geseget end geskreven,

dat noch allet es verholen bleven. 30

Als der Herr Æneas

zur Herberge gekommen war, 10

er, der mächtige und berühmte,

da hiess er seine Kämmerer

zu sich kommen.

Da sandte der edle Trojaner

Spangen und Armringe,

wie Niemand mit seinen Augen

bessere sehen konnte,

den Frauen nach Laurente,

Gürtel und Ringe,

die nicht besser sein konnten: 20

denn er war ihr sehr hold.

Er sandte ein kostbares Hauptgold

ihrer Meisterin

zur Gabe und zum Andenken.

Danach sandte Æneas

seine Gabe, die sehr gut war,

all den Frauen besonders,

denn deren war eine grosse Menge,

hin zu den Gemächern,

die sehr wohl bestellt waren. 10

Æneas, der berühmte,

gab das Gut um der Ehre willen.

Als Æneas, der Held,

sein Kleinod geschickt hatte

nach Laurente zu den Frauen,

da sie es zu beschauen anfiengen,

da war es sehr lobenswerth.

Bald vernahm die Kunde

die alte Königin.

Da war sie von Sinnen gekommen 20

durch ihren grossen Zorn;

sie hatte ihren Verstand verloren;

sie ward sehr böse.

Sie liess ihre Tochter herauskommen,

die liebliche Jungfrau.

Als sie da zu ihr kam,

da sprach die Königin überlaut:

‘Wie froh du nun bist, böse Haut,

meines Herzens Kummer.

Du magst mir das glauben: 30

mir ist es leid, dass ich dich je gebar;

dass ich dich nicht zu Tode schlug

sobald als ich dich gewann!

Nun Turnus, der edle Mann,

durch deine Schuld erschlagen ist,

muss es die ganze Welt beklagen,

dass du je geboren wurdest.

Denn deinetwillen hat mancher Mann

sein Leben verloren.

Dass ich deines Vaters Frau ward, 10

das kam von Unheil,

dass ich ihm zu Theil ward.’

Wieder sprach die Königin

mit grosser Wuth

und mit grossem Zorne:

‘Wehe mir Verlorenen,

dass ich den unnützen Mann,

deinen Vater, je gewann,

dass mir mit ihm eine böse Gabe wurde.

Nun werde ich nicht länger leben, 20

und könnte ich, ich wollte nicht.

Seit ich das erleben sollte,

dass du und der Trojaner

vor mir gekrönt gehn solltet,

was doch bald geschehn muss,

so würde ich übel am Leben bleiben:

dass ist mir sehr ausser dem Spass.

Nun dein Vater dem Æneas

sein Reich geben will,

so handelt er sehr böslich.

Ich könnte es schwer ansehn.

Leid müsse euch geschehn,

dir von ihm, und ihm von dir.’

‘Frau, womit verdienen wir,’

sprach Lavine, die Jungfrau,

‘dass ihr den Göttern von uns klaget

und uns so sehr verflucht?

Unheil habe, wer es haben will.’ 10

‘Frau,’ sprach das Mädchen,

‘wogegen es keinen andern Rath giebt,

des muss man sich trösten.

Ich lobe darob Gott den Herrn,

dass es mir wohl gewährt hat,

dessen ich lang begehrt habe

wegen des edlen Trojaners:

denn nie gab es einen Mann,

der an Tugend ihm gliche.

Und könnt ich zehn Königreiche 20

mit Turnus gewinnen,

ich könnte ihn nicht lieben,

ich wollte lieber den Tod wählen.

Ihr mühet euch ohne Noth.

Wollt ihr euch aus Ärger tödten,

so habt ihr übel verloren

euer Lob und euren Leib.

Nun thut wie ein weises Weib

und bedenkt euch noch besser.

Ich will euch das rathen, 30

dass ihr aus Zorn nicht thut,

was Niemand gut dünkt.’

‘Frau Mutter mein,’ sprach sie.

‘Du musst darum unselig sein,’

sprach die Königin wieder

und fiel auf ihr Bette nieder.

Sie lag in voller Betrübniss,

ich weiss nicht wie viel Tage,

bis ihr der Tod ans Herz kam,

der ihr unsanft das Leben nahm.

Dass da der Herr Æneas 10

erfreut und geehrt war,

das liess er wohl sehn,

und sah da Lavinen,

so oft als er wünschte.

Er halste und küsste sie,

was sie gern von ihm annahm;

bis der Tag kam

und die Heimführung statt fand.

Gross war da der Zudrang.

Da kamen von allen Seiten 20

weither die Fürsten,

auf Schiffen und auf Strassen,

und Ritter ohne Zahl.

Die Spielleute und die fahrenden Leute,

die versäumten sich nicht,

und die aussätzigen Menschen.

So thäten sie noch heute,

wo solch ein Fest wäre;

hörten sie die Kunde,

sie zögen allenthalben zu. 30

So thaten sie da,

die es vernommen hatten.

Sie mochten gern dahin kommen,

und fröhlich,

denn sie wurden da reich,

wie das billig war.

So ward der Herr Æneas

zum König gekrönt.

Da ward ihm der Lohn

für seine Trübsal.

Mit grossem Reichthum

opferte er seinen Göttern zu Ehren,

die ihm die Fahrt dahin geboten hatten,

und belohnte die Seinen.

Da krönte man Lavinen

zu einer Königin. 10

Sie war da an das liebe Ende

ihrer Liebe gekommen

ohne alles Missgeschick.

Gross war das Fest,

und die Sitze waren weit.

Man fieng es da herrlich an.

Der König gieng zu Tische

und die edelen Fürsten,

jeder an seinen Platz,

Arme und Reiche, 20

alle sehr fröhlich.

Da ward gut bedient,

da ward die Speise nicht gespart.

Wer sich dessen befleissigen wollte,

dass er es merken sollte,

wie da bedient ward,

es wär eine lange Geschichte:

ich will euch denn also sagen,

man gab ihnen alles zu viel.

Essen und Trinken; 30

was Jemand nur denken konnte,

und das sein Herz begehrte,

wie wohl man ihnen das gewährte!

Als sie alle froh sassen

und tranken und assen

sehr gut nach ihrem Belieben,

da war es da nicht stille:

da war das Gerufe so gross,

dass es die Bösen verdross.

Da war Spiel und Gesang,

Turnieren und Drang,

Pfeifen und Singen,

Fiedeln und Springen, 10

Orgeln und Saitenspiel,

mancher Art Freude viel.

Der neue König Æneas,

der da Bräutigam war,

er bezahlte die Spielleute.

Er begann selbst sie zu beschenken,

denn er war der Allerhehrste,

deshalb begann er es zuerst,

wie ihm als König wohl geziemte.

Wer da seine Gabe empfieng, 20

dem gieng es selig:

denn er ward reich

für immer bis an sein Ende,

und half auch seinen Kindern,

so lange als sie leben mochten:

denn er konnte gut geben,

und hatte auch grosses Gut,

und dazu willigen Sinn.

Danach gaben die reichen

Fürsten sehr freigebig, 30

ihrer jeder mit seiner Hand,

theures Pfellelgewand,

dazu Pferde und Geld,

Silber- und Goldgefässe,

Maulthiere und Renner,

Pfellel und Sammet,

ganz und unzerschnitten,

und manchen goldnen Reif,

golden durchschlagen

Zobel und Hermelin

gaben die Fürsten.

die wohl geben durften,

Herzöge und Grafen

gaben den Spielleuten

grossartig und so, 10

dass sie alle froh von dannen schieden

und dem König Lob sangen,

ihrer jeglicher in seiner Zunge.

Da war viel Herrlichkeit,

Wonne und Gastmahl.

Dennoch klagte Herr Æneas

dass so wenig da waren,

die seines Gutes begehrten.

Einen Monat währte

die Heimführung und das Fest, 20

dass man da um die Wette gab.

Da waren hehre Fürsten,

die um ihrer eigenen Ehre

und um des Königs wegen gaben.

Herzöge und Grafen

und andre reiche Könige,

die gaben grossartig,

sie die wenig des Schadens achteten:

Saumpferde, gut beladen

mit Schätzen und Gewändern. 30

Ich hörte in dem Lande

von keinem Feste so gross,

dessen so Viele genossen.

Davon sprach man da weit.

Ich vernahm von keinem Feste,

in aller Zeit Kunde,

das so gross gewesen wäre,

als da Æneas hatte,

ausser dem, welches zu Mainz war,

das wir selber sahen.

Danach dürfen wir nicht fragen;

das war durchaus unermesslich,

als der Kaiser Friederich

seinen zwei Söhnen das Schwert gab.

Manch tausend Mark werth 10

ward da verzehrt und vergeben.

Ich wähne, alle die jetzt leben,

haben kein grösseres gesehn:

ich weiss nicht, was noch geschehen soll,

davon kann ich euch nichts berichten.

Ich vernahm von einem Ritterschlag

nie wahrhafte Kunde,

wo so viele Fürsten gewesen wären,

und so mancher Art Leute.

Es leben ihrer noch genug heute, 20

die es wahrlich wissen.

Dem Kaiser Friederich

geschah so manche Ehre,

dass man immer mehr

davon Wunder sagen mag

bis an den jüngsten Tag,

ohne Lügen fürwahr.

Es wird noch über hundert Jahr

von ihm gesagt und geschrieben.

Hier möge die Rede nun bleiben. 30

M.