MORIZ VON CRAON.

[Scherer D. 151, E. 143.]

Das Gedicht ist von einem Nachahmer Veldekes verfasst, und erzählt das Liebesabenteuer des französischen Dichters Moriz von Craon. Herausgegeben von Haupt in den ‘Festgaben für Homeyer’ (Berlin, 1871).

Ditz was in der stunde

dô ez sumern begunde.

die vogele in dem walde

lûte unde balde

sungen manege stimme.

die rôsen und die brimme

bluoten alle widerstrît.

ez was rehte an der zît

sô man unfreude hazzet.

sich hâte gevazzet 10

der walt unde schœniu kleit

gegen dem sumer an geleit,

diu loup grüene und drunder gras,

daz ez schône gemuoset was

mit maneger hande blüete.

ditz machet guot gemüete,

swer an freude hât gedanc,

und ouch der vogele süezer sanc.

fruo an einem morgen

dô mohte si von sorgen 20

geslâfen noch geligen dâ.

diu frouwe stuont ûf sâ.

dô gienc si durch ir trûre

dâ über die burcmûre

ein loube was gehangen.

dar kam si eine gegangen:

in ein venster si gestuont,

als senendiu wîp ofte tuont

den leit von liebe ist geschehen;

diu muoz man trûrende sehen.

alsô was ez ir ergân.

ir wîze hant wol getân 10

leites an daz wange

und loste dem vogelgesange.

dô sanc vil wol diu nahtegal.

si sprach ‘wol in der leben sal

mit freuden, als ich tæte

ob ich mirs gestatet hæte.

nû muoz ich immer mêre

mit grôzem schaden ân êre

mîne jugent verslîzen.

wem sol ich daz nû wîzen 20

daz ich hin für vergebene

eim tôtlîchen lebene

muoz sîn bereit und undertân?

des gunde ich mir: des sol ichz hân.

daz muoz gote sîn geklaget.’

nû was diu juncfrouwe, ir maget,

geslichen ouch durch baneken dar

und hôrte ir frouwen klage gar.

swie schuldic si wære,

si muote doch ir swære,

daz si dâ mohte niht gestên,

und wolte wider in gên:

ir klage was sô jâmerlich.

dô sach diu frouwe hinder sich

und sprach zehant wider sie

‘bistû deheine wîle hie?’ 10

‘jâ ich hân ez gar vernomen

daz iu ist in daz herze komen.

daz müejet mich und ist mir leit.

ich sagte iu ê die wârheit:

dô moht ir des gelouben niet.

sô wizzet doch daz ichz iu riet.’

‘jâ ich weiz rehte,

der mich fröuwen mehte,

der swante sîne sünde

als stille des meres ünde. 20

ich mac ab nimmer werden frô,

ez füege sich mir dannoch sô

daz er mich noch frô gesetze

und ouch mit güete ergetze

von dem ich disen kumber trage

beide naht unde tage.

mich riuwet daz im ie geschach

von mir dehein ungemach.

diu riuwe kumet ze spâte.

hete ich dînem râte

gevolgt, daz wære mir guot.

swer âne rât dicke tuot 10

nâch sînem willen für sich,

den geriwet ez, alse mich.

nû riuwet mich ez z’unzît.

ich wânde daz der wîbe strît

ze rehte vor solte gân.

dâ von ich disen schaden hân.

nû ist daz reht an mir gebrochen.

er hât sich an mir gerochen

dâ mite daz er mich mîdet.

mîn herze kumber lîdet 20

und nôt biz an mîn ende.

an ditz gestrakt gebende

bin ich von schulden gevallen.

von diu râte ich in allen,

swer stæteclîcher minne

hin für beginne,

daz der an mînen kumber sehe

und hüete daz im same geschehe.’

Nû lâzet dise rede varn.

tiuschiu zunge diu ift arn:

swer dar in wil tihten,

sol diu rede sich rihten,

sô muoz er wort spalten

und zwei zesamen valten.

daz tæte ich gerne, kunde ich daz,

meisterlîcher unde baz.

Das war zu der Zeit,

da der Sommer nahte:

die Vögel in dem Walde

laut und keck

sangen mit mancherlei Stimmen.

Rosen und Ginster

blühten alle um die Wette.

Es war gerade zu der Zeit,

wo man Freudlosigkeit hasst.

Es hatte sich geschmückt 10

der Wald und schönes Gewand

für den Sommer angelegt,

grünes Laub und drunter Gras,

dass es ein schöner Teppich war

von mancherlei Blüthen.

Dies schafft ein gut, zufriednes Gemüth,

wenn man auf Freude sinnen darf,

und dazu der Vögel süsser Sang.

Früh, an einem Morgen

da konnte sie vor Sorgen 20

nicht schlafen noch länger liegen dort.

Da erhob sich die Herrin sofort

und gieng, ihrer Trauer nachzuhängen

dorthin, wo über der Burgmauer

eine Laube hieng.

Dahin kam sie alleine gegangen:

in ein Fenster sie trat,

wie sehnsüchtige Frauen oftmals thun,

denen die Liebe Leid gebracht;

die muss man in Trauer sehen.

So war es ihr ergangen.

Ihre weisse schön geformte Hand 10

lehnte sie an die Wange

und lauschte dem Vogelsange.

Da sang gar süss die Nachtigall.

Sie sprach ‘Wohl ihm, der leben darf

in Freuden, wie ich es thun könnte,

wenn ich mirs gegönnt hätte.

Nun muss ich aber immerdar

zu meinem grossen Schaden und ohne Ehre

meine Jugend verderben.

Und wem soll ich daraus einen Vorwurf machen, 20

dass ich hinfür vergebens

einem todähnlichen Leben

verfallen und unterthan sein muss?

Ich gönnt’ es mir: drum muss ich’s haben.

Das muss Gott geklagt sein.’

Nun war die Jungfrau, ihre Dienerin,

auch leise dahin gegangen, um zu spazieren,

und hörte ihrer Herrin Klage ganz an.

Wenn sie auch schuldig war,

so dauerte sie doch ihr Kummer so sehr,

dass sie da nicht stehn bleiben mochte

und wieder in’s Haus gehn wollte:

so jämmerlich war jener Klage.

Da sah sich die Dame um

und sprach sofort zu ihr

‘Bist du schon einige Zeit hier?’ 10

‘Ja, ich habe alles vernommen

was euch in’s Herz gedrungen ist.

das schmerzt mich und thut mir leid.

Ich hab euch vordem die Wahrheit gesagt,

da aber wolltet ihrs nicht glauben.

ihr wisst doch noch, dass ich euch meinen Rath gegeben habe.’

‘Ja, ich weiss recht wohl,

der mich zu erfreuen vermöchte,

der würde sein Vergehen so stille

zu Nichte gemacht haben wie des Meeres Wogen. 20

Ich kann aber nimmermehr froh werden,

es sei denn, dass mir das Glück noch werde,

dass er mich fröhlich macht

und mit Güte entschädigt,

von dem ich bei Tag und bei Nacht

diesen Kummer trage.

Mich reut, dass ihm je von mir

ein Ungemach geschehen.

Die Reue kommt zu spät.

Hätte ich deinem Rathe

gefolgt, das wäre mir gut gewesen.

Wer häufig ohne Rath handelt 10

nach seinem Willen für sich,

den reut es so wie mich.

Doch kommt mir die Reue zur Unzeit.

Glaubt’ ich doch, dass Weiberlaune

mit Recht den Vorrang hätte.

davon hab’ ich diesen Schaden.

Nun ist das Recht an mir gebrochen.

Er hat sich damit an mir gerächt,

dass er mir aus dem Wege geht.

In meinem Herzen leid’ ich Kummer 20

und Noth bis an mein Ende.

In diese ausgespannte Fessel

bin ich durch meine Schuld gefallen.

Deshalb rathe ich allen,

die sich mit stäter Liebe

fürder befassen,

dass sie auf mein Leid blicken

und sich hüten, dass ihnen so geschehe.

Lasst diese Sache nun gehn

Deutsche Sprache die ist arm:

wenn einer darin dichten wolle,

so muss er, soll seine Rede glatt werden,

die Worte spalten

und zwei zusammen falten.

Das hätte ich gerne, wenn ich es vermöchte,

meisterlicher und besser gemacht.