HARTMANN VON AUE.
[Scherer D. 155, E. 148.]
Aus einem Dienstmannengeschlecht von Aue; geboren gegen 1170 in Schwaben. Er erhielt Unterricht im lateinischen und französischen, schloss sich einer Kreuzfahrt an 1197. Die Reihenfolge seiner Dichtungen ist abgesehen von den Liedern (herausg. in Lachmann und Haupts ‘des Minnesangs Frühling,’ Nr. 21) vermuthlich die folgende: vor 1197 sind verfasst Erec (herausg. von Haupt, Leipzig, 1839, zweite Ausg. 1871), Gregorius (herausg. von Lachmann, Berlin, 1838; Paul, Halle 1873, 1882), erstes Büchlein (herausg. von Haupt ‘Die Lieder und Büchlein und der arme Heinrich,’ Leipzig 1842, zweite Ausg. 1881); nach dem Kreuzzuge der arme Heinrich (herausg. ausser von Haupt von Brüder Grimm 1815, Müller 1842, Paul 1882; übers. von Simrock), zweites Büchlein (s. o.), Iwein (herausg. von Benecke und Lachmann, Berlin 1827, vierte Aufl. 1877; übers. von Graf Baudissin). Sämmtl. Werke herausg. von Bech (3 Bde. Leipzig 1867–1869 u. ö.).
1.
DER ARME HEINRICH.
Dô dô der arme Heinrich
driu jâr dâ getwelte 10
unde im got gequelte
mit grôzem jâmer den lîp,
nû saz der meier und sîn wîp
unde ir tohter, diu maget
von der ich iu ê hân gesaget,
bî im in ir unmüezekeit
und begunden klagen ir herren leit.
diu klage tet in michel nôt:
wan sî vorhten daz sîn tôt
sî sêre solte letzen
und vil gar entsetzen
êren unde guotes
und daz herters muotes
würde ein ander herre.
si gedâhten alsô verre 10
unz dirre selbe bûman
alsus frâgen began.
Er sprach ‘lieber herre mîn,
möht ez mit iuwern hulden sîn,
ich frâgte vil gerne.
sô vil ze Sâlerne
von arzenîen meister ist,
wie kumet daz ir deheines list
ze iuwerme ungesunde
niht gerâten kunde? 20
herre, des wundert mich.’
dô holte der arme Heinrich
tiefen sûft von herzen
mit bitterlîchem smerzen:
mit solher riuwe er dô sprach
daz ime der sûft daz wort zerbrach.
‘Ich hân disen schemelîchen spot
vil wol gedienet umbe got.
wan dû sæhe wol hie vor
daz hôh offen stuont mîn tor 30
nâch werltlîcher wünne
und daz niemen in sîm künne
sînen willen baz hete dan ich:
und was daz doch unmügelich,
wan ich enhete niht gar.
dô nam ich sîn vil kleine war
der mir daz selbe wunschleben
von sînen gnâden hete gegeben.
daz herze mir dô alsô stuont
als alle werlttôren tuont, 10
den daz saget ir muot
daz si êre unde guot
âne got mügen hân.
sus troug ouch mich mîn tumber wân,
wan ich in lützel ane sach
von des genâden mir geschach
vil êren unde guotes.
dô dô des hôhen muotes
den hôhen portenære verdrôz,
die sælden porte er mir beslôz. 20
dâ kum ich leider niemer in:
daz verworhte mir mîn tumber sin.
got hât durch râche an mich geleit
ein sus gewante siecheit
die niemen mag erlœsen.
nu versmæhent mich die bœsen,
die biderben ruochent mîn niht.
swie bœse er ist der mich gesiht,
des bœser muoz ich dannoch sîn:
sîn unwert tuot er mir schîn,
er wirfet d’ougen abe mir.
nû schînet êrste an dir
dîn triuwe die dû hâst,
daz dû mich siechen bî dir lâst
und von mir niht enfliuhest.
swie dû mich niht enschiuhest,
swie ich niemen liep sî danne dir, 10
swie vil dîns heiles stê an mir,
du vertrüegest doch wol mînen tôt.
nû wes unwert und wes nôt
wart ie zer werlte merre?
hie vor was ich dîn herre
und bin dîn dürftige nû.
mîn lieber friunt, nû koufest dû
und mîn gemahel und dîn wîp
an mir den êwigen lîp
daz dû mich siechen bî dir lâst. 20
des dû mich gefrâget hâst,
daz sage ich dir vil gerne.
ich kunde ze Sâlerne
keinen meister vinden
der sich mîn underwinden
getörste oder wolte.
wan dâ mite ich solte
mîner sühte genesen,
daz müeste ein solch sache wesen
die in der werlte nieman
mit nihte gewinnen kan.
mir wart niht anders dâ gesaget
wan ich müeste haben eine maget 10
diu vollen êrbære
und ouch des willen wære
daz sî den tôt durch mich lite
und man sî zuo dem herzen snite,
und mir wære niht anders guot
wan von ir herzen daz bluot.
nû ist genuoc unmügelich
daz ir deheiniu durch mich
gerne lîde den tôt.
des muoz ich schemelîche nôt 20
tragen unz an mîn ende.
daz mirz got schiere sende!’
Daz er dem vater hete gesagt,
daz erhôrte ouch diu reine magt:
wan ez hete diu vil süeze
ir lieben herren füeze
stânde in ir schôzen.
man möhte wol genôzen
ir kintlîch gemüete
hin ze der engel güete. 30
sîner rede nam sî war
unde marhte sî ouch gar:
si enkam von ir herzen nie
unz man des nahtes slâfen gie.
dô sî zir vater füezen lac
und ouch ir muoter, sô sî pflac,
und sî beide entsliefen,
manegen sûft tiefen
holte sî von herzen.
umbe ir herren smerzen
wart ir riuwe alsô grôz
daz ir ougen regen begôz 10
der slâfenden füeze.
sus erwahte sî diu süeze.
Dô sî der trehene enpfunden,
si erwachten und begunden
sî frâgen waz ir wære
und welher hande swære
sî alsô stille möhte klagen.
nu enwolte sî es in niht sagen.
und dô ir vater aber tete
vil manege drô unde bete 20
daz sî ez ime wolte sagen,
sî sprach ‘ir möhtent mit mir klagen.
waz möht uns mê gewerren
danne umb unsern herren,
daz wir den suln verliesen
und mit ime verkiesen
beide guot und êre?
wir gewinnen niemer mêre
deheinen herren alsô guot
der uns tuo daz er uns tuot.’ 30
Sî sprâchen ‘tohter, dû hâst wâr.
nû frumet uns leider niht ein hâr
unser riuwe und dîn klage:
liebez kint, dâ von gedage.
ez ist uns alsô leit sô dir,
leider nû enmuge wir
ime ze keinen staten komen.
got der hât in uns benomen:
het ez iemen anders getân,
der müese unsern fluoch hân.’
Alsus gesweigeten sî sî dô. 10
die naht bleip sî unfrô
und morne allen den tac.
swes iemen anders gepflac,
diz enkam von ir herzen nie
unz man des andern nahtes gie
slâfen nâch gewonheit.
dô sî sich hete geleit
an ir alte bettestat,
sî bereite aber ein bat
mit weinenden ougen: 20
wan sî truoc tougen
nâhe in ir gemüete
die aller meisten güete
die ich von kinde ie vernam.
welch kint getete ouch ie alsam?
des einen sî sich gar verwac,
gelebetes morne den tac,
daz sî benamen ir leben
umbe ir herren wolte geben.
Als so der arme Heinrich
Drei Jahre dort geblieben war, 10
Während Gott ihm immerdar
Mit Jammer schlug den siechen Leib,
Da sass der Meier und sein Weib
Und ihre Tochter, die Magd,
Von der euch eben ward gesagt,
Bei ihm in kurzer Mussezeit
Und beklagten ihres Herren Leid.
Ihnen that wohl solche Klage Noth,
Denn sie fürchteten, sein Tod
Möchte sie schwer verletzen
Und sie gar entsetzen
Der Ehren und des Gutes,
Wenn ungnädgern Muthes
Ein Andrer Gutsherr würde.
Lange trugen sie die Bürde 10
Der Sorgen, bis der Bauersmann
So zu fragen begann:
Er sprach: ‘Lieber Herre mein,
Möcht es mit euern Hulden sein,
so fragt’ ich euch gerne:
Da doch zu Salerne
Viel Meister sind der Arzenei,
Wie kommts, dass keiner war dabei,
Der eure Sucht zu heilen
Rath wusste zu ertheilen? 20
Herr, darüber wundr’ ich mich.’
Da zog der arme Heinrich
Einen Seufzer tief vom Herzen
Herauf mit bittern Schmerzen,
Worauf er so bekümmert sprach,
Dass der Seufzer ihm das Wort zerbrach:
‘Ich habe diesen Schimpf und Spott
Nur zu wohl verdient um Gott:
Denn du sahest wohl hievor,
Dass weit offen stand mein Thor 30
Weltlicher Lust und Eitelkeit,
Und dass Niemand weit und breit
Seinem Willen nachhieng so wie ich.
Daran that ich freventlich,
So ohnmächtig wie ich war.
Denn wenig nahm ich dessen wahr,
Dessen Gnade mir dies Leben
Nach allen Wünschen gegeben.
So verirrt war da mein Herz
Wie Weltkindern allerwärts: 10
Immer wähnt ihr blöder Sinn,
Dass sie Ehr und Glücks Gewinn
Möchten ohne Gott empfahn.
So trog auch mich mein dummer Wahn,
Denn ich achtet’ ihn gering,
Von des Gnaden ich empfieng
Der Ehren viel und Gutes.
Als da des Übermuthes
Den hohen Himmelsherrn verdross,
Des Heiles Thor er mir verschloss: 20
Da geh ich leider nimmer ein:
Mein Leichtsinn schuf mir diese Pein.
Zur Strafe hat mir Gott gesandt
Ein Siechthum, aus dessen Band
Niemand mich erlösen kann.
Nun verschmäht mich der geringste Mann;
Der Biedre selbst vor mir erschrickt.
Wie gering er sei, der mich erblickt,
Er glaubt, dass ich noch schlechter sei.
Er legt mir seinen Unwerth bei
Und kehrt die Augen ab von mir.
Nun wird erst offenbar an dir
Die grosse Treue, die du hegst,
Dass du mich Siechen hier erträgst
Und nicht vor meinem Anblick fliehst.
Doch wie du ohne Scheu mich siehst,
Wie Niemand sonst mir Liebes thut, 10
Wie sehr dein Wohl auf mir beruht,
Du ertrügest doch wohl meinen Tod.
Nun, wessen Schmach und wessen Noth
War je so auserlesen?
Der zuvor dein Herr gewesen,
Spricht dein bedürftig bei dir zu.
Nun, lieber Freund, verdienest du,
Dein gutes Weib und mein Gemahl,
An mir den ewgen Freudensaal,
Dass ihr mich Siechen hier ertragt. 20
Doch was du mich vorhin gefragt,
Das sag ich dir gerne.
Ich konnte zu Salerne
Keinen Meister finden,
Der mein sich unterwinden
Dürfte oder wollte.
Denn womit ich sollte
Genesen meiner Noth und Pein,
Das musste eine Sache sein,
Die auf dieser Erde man
Um keinen Preis erlangen kann.
Mir ward nichts anders da gesagt,
Als ich brauchte eine Magd, 10
Die bei vollen Jahren rein
Und entschlossen müsste sein
Den Tod für mich zu leiden.
Man würd ihr Herz zerschneiden,
Denn nichts anders wär mir gut
Als des Mädchens Herzeblut.
Nun findet sich, das ist wohl klar,
Solch ein Mädchen nimmerdar,
Die für mich leiden will den Tod.
Drum muss ich schmähliche Noth 20
Tragen bis an mein Ende,
Dass Gott es bald mir sende!’
Was dem Vater ward gesagt,
Das hörte auch die reine Magd,
Denn es hielt die Süsse
Ihres lieben Herren Füsse
In ihrem Schoose stehen.
Da mochte man wohl sehen,
Ihr kindlich Gemüthe
Glich englischer Güte. 30
Seiner Rede nahm sie wahr
Und behielt sie immerdar;
Nur auf ihn war sie bedacht,
Bis man zu Bett gieng in der Nacht
Und die Gute, wie sie pflag,
Zu ihrer Eltern Füssen lag.
Als sie nun beide schliefen,
Holte sie manchen tiefen
Seufzer aus ihrem Herzen.
Um ihres Herren Schmerzen
Ward ihr Kummer so gross,
Ihrer Augen Regen begoss 10
Der Schlafenden Füsse:
So erweckte sie die Süsse.
Als der Thränen gewahr
Ward das fromme Elternpaar,
Fragten sie, was ihr wäre,
Dass sie so manche Zähre
Vergösse unter Klagen?
Da wollte sie’s nicht sagen.
Doch als der Vater in sie drang,
Erst bittend, drohend dann mit Zwang, 20
Da that sie ihm den Kummer kund.
‘Ihr hättet selbst zu klagen Grund,
Denn was möcht uns näher gehn,
Als was unserm Herrn geschehn,
Den wir bald sollen missen,
Denn dann wird uns entrissen
Gut und Ehre werden:
Finden wir doch auf Erden
Keinen Herrn so mild und gut,
Der uns thu, was er uns thut.’ 30
Sie sprachen: ‘Tochter, das ist wahr,
Nur frommt uns leider nicht ein Haar
Das Leid, und weinten wir uns blind.
Darum schweig, liebes Kind,
Es ist uns auch so leid wie dir;
Aber leider mögen wir
Ihm nicht zu Statten kommen.
Gott hat ihn uns benommen:
Hätt es ein Andrer gethan,
So müsst er unsern Fluch empfahn.’
Zum Schweigen ward sie so gebracht. 10
Doch blieb ihr weh die ganze Nacht
Und morgen den vollen Tag.
Was Jemand that, was Jemand sprach,
Dies kam von ihrem Herzen nie,
Bis des andern Abends sie
Wie gewöhnlich schlafen gieng.
Als sie ihr altes Bett umfieng,
Wieder, wie sie gestern that,
Machte sie ein Thränenbad
Und weint’ in ihren Sorgen, 20
Denn sie trug verborgen
Im innersten Gemüthe
Die grösste Herzensgüte,
Die Gott noch einem Kind verlieh.
Wann that auch je ein Kind wie sie?
Sie nahm sich ernstlich in den Sinn,
Brächte sie die Nacht nur hin
So wollte sie ihr Leben
Um ihren Herren geben.
SIMROCK.
2.
IWEIN.
Daz smæhen daz vrou Lûnete
dem herren Îweine tete,
daz gæhe wider kêren,
der slac sîner êren,
daz sî sô von ime schiet
daz si in entrôste noch enriet,
daz smæhlîche ungemach,
dazs im an die triuwe sprach, 10
diu versûmde riuwe
und sîn grôziu triuwe
sînes stæten muotes,
diu verlust des guotes,
der jâmer nâch dem wîbe:
die benâmen sîme lîbe
beide vreude unde den sin.
nâch eime dinge jâmert in,
daz er wære etswâ
daz man noch wîp enweste wâ 20
und niemer gehôrte mære
war er komen wære.
Er verlôs sîn selbes hulde:
wan ern mohte die schulde
ûf niemen anders gesagen:
in het sîn selbes swert erslagen.
ern ahte weder man noch wîp,
niuwan ûf sîn selbes lîp.
er stal sich swîgende dan
(daz ersach dâ nieman)
unz er kom vür diu gezelt
ûz ir gesihte an daz velt.
dô wart sîn riuwe alsô grôz
daz im in daz hirne schôz
ein zorn unde ein tobesuht, 10
er brach sîn site und sîne zuht
und zarte abe sîn gewant,
daz er wart blôz sam ein hant.
sus lief er über gevilde
nacket nâch der wilde.
Dô diu juncvrouwe gereit,
dô was dem künege starke leit
hern Îweines swære,
und vrâgte wâ er wære
(er wold in getrœstet hân) 20
unde bat nâch ime gân.
und als in nieman envant,
nû was daz vil unbewant
swaz man ime dâ gerief,
wander gegen walde lief.
er was ein degen bewæret
und ein helt unerværet:
swie manhaft er doch wære
und swie unwandelbære
an lîbe unde an sinne,
doch meistert vrou Minne
daz im ein krankez wîp
verkêrte sinne unde lîp.
der ie ein rehter adamas
rîterlîcher tugende was,
der lief nû harte balde
ein tôre in dem walde.
Nû gap im got der guote, 10
der in ûz sîner huote
dannoch niht volleclîche enliez,
daz im ein garzûn widerstiez,
der einen guoten bogen truoc:
den nam er im und strâlen gnuoc.
als in der hunger bestuont,
sô teter sam die tôren tuont:
in ist niht mêre witze kunt
niuwan diu eine umbe den munt.
er schôz prîslichen wol: 20
ouch gienc der walt wildes vol:
swâ daz gestuont an sîn zil,
des schôz er ûz der mâze vil.
ouch muose erz selbe vâhen,
âne bracken ergâhen.
sone heter kezzel noch smalz,
weder pfeffer noch salz:
sîn salse was diu hungernôt,
diuz im briet unde sôt
daz ez ein süeziu spîse was
und wol vor hunger genas.
Dô er des lange gepflac,
er lief umb einen mitten tac
an ein niuweriute.
dane vander nie mê liute
wan einen einigen man: 10
der selbe sach im daz wol an
daz er niht rehtes sinnes was.
der vlôch in, daz er genas,
dâ bî in sîn hiuselîn.
dane wânder doch niht sicher sîn
unde verrigelt im vaste de tür:
dâ stuont im der tôre vür.
der tôre dûht in alze grôz:
er gedâhte ‘tuot er einen stôz,
diu tür vert ûz dem angen, 20
und ist um mich ergangen.
ich arme, wie genise ich?’
ze jungest dô verdâhter sich
‘ich wil im mînes brôtes gebn:
sô lât er mich vil lîhte lebn.’
Hie gienc ein venster durch die want:
dâ durch rahter die hant
und leit im ûf ein bret ein brôt:
daz suozt im diu hungers nôt;
wand er dâ vor, daz got wol weiz,
sô jæmerlîches nie enbeiz.
waz welt ir daz der tôre tuo?
er az daz brôt und tranc dâ zuo
eines wazzers daz er vant
in einem einber an der want,
unde rûmtez im ouch sâ.
der einsidel sach im nâ
und vlêget got vil sêre 10
daz er in iemer mêre
erlieze selher geste;
wand er vil lützel weste
wie ez umbe in was gewant.
nu erzeicte der tôre zehant
daz der tôre und diu kint
vil lîhte ze wenenne sint.
er was dâ zuo gnuoc wîse
daz er nâch der spîse
dar wider kom in zwein tagen, 20
und brâhte ein tier ûf im getragen
und warf im daz an die tür.
daz machte daz er im her vür
deste willeclîcher bôt
sîn wazzer unde sîn brôt:
erne vorht in dô niht mê
und was im bezzer danne ê,
und vant ditz ie dâ gereit.
ouch galt er im die arbeit
mit sînem wiltpræte.
daz wart mit ungeræte
gegerwet bî dem viure.
im was der pfeffer tiure,
daz salz, unde der ezzich.
ze jungest wenet er sich 10
daz er die hiute veile truoc,
unde kouft in beiden gnuoc
des in zem lîbe was nôt,
salz unde bezzer brôt.
Sus twelte der unwîse
ze walde mit der spîse,
unze der edele tôre
wart gelîch eim môre
an allem sîme lîbe.
ob im von guotem wîbe 20
ie dehein guot geschach,
ob er ie hundert sper zebrach,
gesluoc er viur ûz helme ie,
ob er mit manheit begie
deheinen loblîchen prîs,
wart er ie hövesch unde wîs,
wart er ie edel unde rîch:
dem ist er nû vil ungelîch.
Er lief nû nacket beider,
der sinne unde der cleider, 30
unz in zeinen stunden
slâfende vunden
drie vrouwen dâ er lac,
wol umb einen mitten tac,
nâ ze guoter mâze
bî der lantstrâze
diu in ze rîten geschach.
und alsô schiere do in ersach
diu eine vrouwe von den drin,
dô kêrte sî über in
und sach in vlîzeclîchen an. 10
nû jach des ein ieglich man
wie er verlorn wære:
daz was ein gengez mære
in allem dem lande:
und daz sî in erkande,
daz was des schult; und doch niht gar,
sî nam an im war
einer der wunden
diu ze manegen stunden
an im was wol erkant, 20
unde nande in zehant.
Sî sprach her wider zuo den zwein
‘vrouwe, lebt her Îwein,
sô lît er âne zwîvel hie,
oder ichn gesach in nie.’
Ir höfscheit unde ir güete
beswârten ir gemüete,
daz sî von grôzer riuwe
und durch ir reine triuwe
vil sêre weinen began, 30
daz eim alsô vrumen man
diu swacheit solte geschehn
daz er in den schanden wart gesehn.
Ez was diu eine von den drin
der zweier vrouwe under in:
nû sprach sî zuo ir vrouwen
‘vrouwe, ir mugt wol schouwen
daz er den sin hât verlorn.
von bezzern zühten wart geborn
nie rîter dehein
danne mîn her Îwein,
den ich sô swache sihe lebn. 10
im ist benamen vergebn,
ode ez ist von minnen komen
daz im der sin ist benomen.
und ich weiz daz als mînen tôt
daz ir alle iuwer nôt,
die iu durch sînen übermuot
der grâve Âliers lange tuot
und noch ze tuonne willen hât,
schiere überwunden hât,
ober wirdet gesunt. 20
mir ist sîn manheit wol kunt:
wirt er des lîbes gereit,
er hât in schiere hin geleit:
und sult ir ouch vor ime genesn,
daz muoz mit sîner helfe wesn.’
Diu vrouwe was des trôstes vrô.
sî sprach ‘unde ist der suht also
daz sî von dem hirne gât,
der tuon ich im vil guoten rât,
wand ich noch einer salben hân
die dâ Feimorgân
machte mit ir selber hant.
dâ ist ez umbe sô gewant
daz niemen hirnsühte lite,
wurd er bestrichen dâ mite, 10
erne wurde dâ zestunt
wol varende unde gesunt.’
sus wurden sî ze râte
und riten alsô drâte
nâch der salben alle drî:
wand ir hûs was dâ bî
vil kûme in einer mîle.
nû wart der selben wîle
diu juncvrouwe wider gesant,
diu in noch slâfende vant. 20
Diu vrouwe gebôt ir an daz lebn
dô sî ir hâte gegebn
die bühsen mit der salben,
daz si in allenthalben
niht bestriche dâ mite
wan dâ er die nôt lite,
dâ hiez sî sî strîchen an:
so entwiche diu suht dan,
under wær zehant genesn.
dâ mite es gnuoc möhte wesn,
daz hiez sî an in strîchen;
und daz si ir nämelîchen
bræhte wider daz ander teil:
daz wære maneges mannes heil.
ouch sante sî bî ir dan
vrischiu kleider, seit von gran
und cleine lînwât, zwei,
schuohe und hosen von sei. 10
Nû reit sî alsô balde,
daz sî in in dem walde
dannoch slâfende vant,
und zôch ein pfert an der hant,
daz vil harte sanfte truoc
(ouch was der zoum rîche gnuoc,
daz gereite guot von golde),
daz er rîten solde,
ob ir daz got bescherte
daz sî in ernerte. 20
Dô si in ligen sach als ê,
nûne tweltes niuwet mê,
sî hafte zeinem aste
diu pfert beidiu vaste,
und sleich alsô lîse dar
daz er ir niene wart gewar.
mit ter vil edelen salben
bestreich si in allenthalben
über houpt und über vüeze.
ir wille was sô süeze
daz sî daz alsô lange treip
unz in der bühsen niht beleip.
des wær doch alles unnôt,
dâ zuo und man irz verbôt;
wan daz si im den willen truoc,
esn dûhtes dannoch niht genuoc, 10
und wær ir sehsstunt mê gewesn:
sô gerne sach sî in genesn.
Und dô siz gar an in gestreich,
vil drâte sî von im entweich,
wand sî daz wol erkande,
daz schemelîchiu schande
dem vrumen manne wê tuot,
und barc sich durch ir höfschen muot,
daz sî in sach und er sî niht.
sî gedâhte ‘ob daz geschiht 20
daz er kumt ze sinnen,
und wirt er danne innen
daz ich in nacket hân gesehn,
sô ist mir übele geschehn:
wan des schamt er sich sô sêre
dazer mich nimmer mêre
willeclichen an gesiht.’
alsus enoucte sî sich niht
unz in diu salbe gar ergienc
und er ze sinnen gevienc.
Dô er sich ûf gerihte
und sich selben ane blihte
und sich sô griulîchen sach,
wider sich selben er dô sprach
‘bistuz Îwein, ode wer?
hân ich geslâfen unze her? 10
wâfen, herre, wâfen,
sold ich dan nimmê slâfen!
wand mir mîn troum hât gegebn
ein vil harte rîchez lebn.
Ouwî waz ich êren pflac
die wîl ich slâfende lac!
mir hât getroumet michel tugent:
ich hete geburt unde jugent,
ich was schœne unde rîch
und diseme lîbe vil unglîch; 20
ich was hövesch unde wîs
und hân vil manegen herten prîs
ze rîterschefte bejagt,
hât mir mîn troum niht missesagt.
ich bejagte swes ich gerte
mit sper und mit swerte:
mir ervaht mîn eines hant
ein schœne vrowen, ein rîchez lant;
wan daz ich ir doch pflac,
sô mir nû troumte, unmanegen tac,
unze mich der künec Artûs
von ir vuorte ze hûs.
mîn geselle was her Gâwein,
als mir in mîme troume schein. 10
sî gap mir urloup ein jâr
(dazn ist allez niht wâr):
do beleip ich langer âne nôt,
unz sî mir ir hulde widerbôt:
die was ich ungerne âne.
in allem disem wâne
sô bin ich erwachet.
mich hete mîn troum gemachet
zeime rîchen herren.
nû waz möhte mir gewerren, 20
wær ich in disen êren tôt?
er hât mich geffet âne nôt.
swer sich an troume kêret,
der ist wol gunêret.
Troum, wie wunderlich dû bist!
dû machest rîche in kurzer vrist
einen alsô swachen man
der nie nâch êren muot gewan:
swenner danne erwachet,
sô hâstû in gemachet
zeime tôren als ich.
zwâre doch versihe ich mich, 10
swie rûch ich ein gebûre sî,
wær ich rîterschefte bî,
wær ich gewâfent unde geriten,
ich kund nâch rîterlîchen siten
alsô wol gebâren
als die ie rîter wâren.’
Alsus was er sîn selbes gast,
daz im des sinnes gebrast:
und ober ie rîter wart
und alle sîn umbevart 20
die heter in dem mære
alss im getroumet wære.
er sprach ‘mich hât gelêret
mîn troum: der bin ich gêret,
mac ich ze harnasche komen.
der troum hât mir mîn reht benomen:
swie gar ich ein gebûre bin,
ez turnieret al mîn sin.
mîn herze ist mîme lîbe unglîch:
mîn lîp ist arm, mîn herze rîch.
ist mir getroumet mîn lebn?
ode wer hât mich her gegebn
sô rehte ungetânen?
ich möhte mich wol ânen
rîterlîches muotes: 10
lîbes unde guotes
der gebrist mir beider.’
als er diu vrischen cleider
einhalp bî im ligen sach,
des wuudert in, unde sprach
‘ditz sint cleider der ich gnuoc
in mîme troume dicke truoc.
ichn sihe hie niemen des sî sîn:
ich bedarf ir wol: nû sints ouch mîn.
nû waz ob disiu sam tuont? 20
sît daz mir ê sô wol stuont
in mîme troume rîch gewant.’
alsus cleiter sich zehant.
als er bedahte de swarzen lîch,
dô wart er eime rîter glîch.
Nu ersach diu juncvrouwe daz
daz er unlasterlichen saz:
sî saz in guoter kündekheit
ûf ir pferit unde reit,
als sî dâ vür wære gesant
und vuorte ein pfert an der hant.
weder si ensach dar noch ensprach.
dô er sî vür sich rîten sach, 10
dô wærer ûf gesprungen,
wan daz er was bedwungen
mit selher siecheite
daz er sô wol gereite
niht ûf mohte gestân
sô er gerne hete getân,
unde rief ir hin nâch.
dô tete sî als ir wære gâch
und niht umb sîn geverte kunt,
unz er ir rief anderstunt. 20
dô kêrte sî sâ
unde antwurt ime dâ.
sî sprach ‘wer ruofet mir? wer?’
er sprach ‘vrouwe, kêret her.’
sî sprach ‘herre, daz sî.’
sî reit dar, gehabt im bî.
sî sprach ‘gebietet über mich:
swaz ir gebietet, daz tuon ich,’
und vrâget in der mære
wie er dar komen wære.
Dô sprach her Îwein
als ez ouch wol an im schein
‘dâ hân ich mich hie vunden
des lîbes ungesunden.
ichn kan iu des gesagen niht
welch wunders geschiht
mich dâ her hât getragen: 10
wan daz kan ich iu wol gesagen
daz ich hie ungerne bin.
nû vüeret mich mit iu hin:
sô handelt ir mich harte wol,
und gedienez immer als ich sol.’
‘rîter, daz sî getân.
ich wil mîn reise durch iuch lân:
mich het mîn vrouwe gesant.
diu ist ouch vrouwe über ditz lant:
zuo der vüer ich iuch mit mir. 20
ich râte iu wol daz ir
geruot nâch iuwer arbeit.’
sus saz er ûf unde reit.
Nû vuorte sî in mit ir dan
zuo ir vrouwen. diu nie man
alsô gerne gesach.
man schuof im guoten gemach
von cleidern spîse unde bade,
unz daz im aller sîn schade
harte lützel an schein.
hie het her Îwein
sîne nôt überwunden
unde guoten wirt vunden.
Die Härte, mit der Lunete
den guten Ritter schmähte,
ihr rasches Zurückkehren,
der jähe Sturz all’ seiner Ehren,
dann dass sie also von ihm schied
und weder ihn tröstet’ noch ihm rieth:
die grimme Kränkung und Schmach,
also sie ihm die Treu absprach, 10
die verspätete Reue
und die grosse Treue
seines festen Muthes;
der Verlust des Gutes,
die Sehnsucht nach dem Weibe,
die nahmen seinem Leibe
beides, die Freude und den Sinn.
Nach dem Einen treibt und drängt’s ihn hin,
er möchte von aller Welt getrennt,
hinausziehn, wo ihn keiner kennt. 20
Und niemand hörte Märe,
wohin er kommen wäre.
Da ward er sich selber verhasst,
denn seines Vergehens Last
mochte kein Andrer für ihn tragen;
sein eignes Schwert hatt’ ihn erschlagen.
Von allem Äussern abgelenkt
brütet er ganz in sich versenkt,
und als ihn Niemand ersah,
schweigend stahl er sich da,
bis fern vom Lager und Gezelt
er hatt’ erreicht das freie Feld.
Da wurden die Schmerzen ihm so gross,
dass in das Hirn ihm schoss
ein Rasen und tobende Sucht; 10
da brach er alle Sitt’ und Zucht,
ab zerrt’ er sein Gewand,
dass er bloss ward wie eine Hand.
So lief er übers Gefilde
nackt hinaus und suchte die Wilde.
Als die Jungfrau sich heimgewandt,
viel Kummer der König da empfand
über Herr Iweins Schwere.
Er fragte, wo er wäre;
denn er wollt’ ihm mit Trost beistehn, 20
und befahl nach ihm zu gehn.
Und als ihn Niemand sah,
viel sehr vergeblich blieb es da,
wie man ihn sucht’ und nach ihm rief,
während er in den Wald entlief.
Er war ein Degen kühn bewährt,
in seiner Fassung nie gestört,
und wie mannhaft er immer war,
und wie unwandelbar
in seinem Leben und Sinne,
doch bewältigt’ ihn Frau Minne,
dass ihm ein schwaches Weib
Seele verkehrt’ und Leib.
Er, den man sonst recht als Demant
aller Rittertugend erfand,
lief nun umher gar balde
als ein Verrückter im Walde.
Nun wollte Gott der Gute, 10
der ihn aus seiner Hute
nicht völlig entliess, für ihn das thun,
dass er ihm zuschickt einen Garzun,
der einen guten Bogen trug;
den nahm er ihm ab, und Pfeile genug.
Als der Hunger ihn nicht liess ruhn,
da that er, wie die Tollen thun;
kein andres Wissen ist ihnen kund
als allein um ihren Mund.
Er traf ausbündig scharf und wohl; 20
auch war die Waldung Wildes voll,
und wo ihm das erschien als Ziel,
da schoss er aus der Massen viel.
Auch musst’ er selbst es fangen
und ohne Bracken erlangen:
dann hatt’ er auch Kessel nicht noch Schmalz,
weder Pfeffer noch Salz;
seine Brühe war die Hungersnoth,
die alles ihm briet und sott,
und süsse Speise bereiten lehrt;
also hat er dem Hunger gewehrt.
Solches Lebens er lange pflag.
Da lief er an einem mitten Tag
zu einem neuen Gereute.
Da fand er nicht mehr Leute
als einen einzigen Mann; 10
derselbe sah ihm das wohl an,
er sei der Sinne nicht mächtig:
drum flüchtet’ er sich bedächtig
nah bei in seine Klause hinein.
Auch da nicht glaubt’ er sicher zu sein,
und verriegelte schnell die Thür:
da stellt der Tolle sich dafür.
Der däucht dem Siedler allzugross:
er dachte: thut er einen Stoss,
so wird er die Thür ausheben 20
und vergreift sich an meinem Leben.
Ich Armer, wie errett’ ich mich?
Zu allerletzt besann er sich:
‘ich will ihm meines Brodes geben,
so lässt er vielleicht mich am Leben.’
Ein Fenster hatt’ er in der Wand,
dadurch streckt’ er die Hand
und legt auf ein Brett ihm ein Brod,
das stillt’ ihm des Hungers Noth;
während ihm sonst, das mag Gott wissen,
nicht hätte genügt so schmaler Bissen.
Was wollt ihr, dass ein Toller thu’?—
Er ass das Brod und trank dazu
eines Wassers, das er fand,
in einem Eimer an der Wand,
und leert’ ihn aus auf einen Zug.
Der Einsiedel grosse Angst da trug,
er flehte zu Gott viel sehr, 10
dass er in Zukunft ihn nicht mehr
heimsuche mit solchem Gast;
denn er hatte noch nicht gefasst,
wie’s mit dem Ritter sei bewandt.
Nun zeigt ihm der Tolle zuhand,
dass ein Verrückter und ein Kind
gar lenksam zu gewöhnen sind.
Er war noch just so weise,
dass er wegen der Speise
wieder hinkam nach zween Tagen, 20
und bracht’ ein Reh getragen,
das warf er hin vor die Thür.
Das machte, dass ihm der Seidler hinfür
desto williglicher bot
sein Wasser und sein Brot;
er fürchtet’ ihn schon nicht so sehr,
sorgt’ besser für ihn als vorher,
und hielt’s ihm ferner so bereit.
Auch vergalt ihm jener die Müh allzeit
mit seinem Wilde, das er fieng.
Das ward, so gut es eben gieng,
gebraten bei dem Feuer:
nur war der Pfeffer da theuer,
das Salz und auch der Essig.
Später war er nicht lässig, 10
dass er zum Markt die Häute trug,
und kauft’ ihnen beiden genug,
was ihnen zum Leben war noth,
Salz und besseres Brot.
So weilte der Unweise
im Wald mit solcher Speise,
bis endlich der edle Thor
gebräunt ward wie ein Mohr
an seinem ganzen Leibe.
Wenn ihm von theuerm Weibe 20
viel Liebes sonst geschach,
wenn er an hundert Speere brach,
und Feuer aus den Helmen schlug,
mit Mannheit aus dem Kampfe trug
viel oft sich Dank und Preise,
wenn er einst höfisch war und weise,
edlen Gemüths und reich:
dem ist er nun viel wenig gleich.
Jetzt lief er ledig beider
der Sinne wie der Kleider, 30
bis einst zu seiner Stunden
schlafend ihn hatten gefunden
drei Frauen, wo er lag.
Es war um einen mitten Tag,
nah in guter Masse
im Felde von der Strasse
auf der sie geritten waren.
Kaum mocht’ ihn da gewahren
die eine Fraue von den Drein,
da hielt sie gleich den Zelter ein,
stieg ab und sah ihn emsig an. 10
Nun wusste die Kunde Jedermann,
wie er verloren wäre;
das war eine gänge Märe
von seinen Leiden und Thaten;
drum hatte sie gleich auf ihn gerathen.
Doch war’s ihr noch nicht völlig klar:
da nahm sie endlich an ihm wahr
eine Narbe breit,
die seit langer Zeit
an dem Ritter war bekannt, 20
und nannt’ ihn mit Namen zuhand.
Sie sprach alsbald zu den Zwein:
‘Frauen, lebt Herr Iwein,
so liegt er ohne Zweifel hie,
oder ich sah ihn noch nie.’
Ihr höfischer Sinn und ihre Güte
betrübten ihr Gemüthe,
dass sie vor grossen Schmerzen
und aus viel treuem Herzen
viel sehr zu weinen begann, 30
dass einem also werthen Mann
solch Elend sollte geschehn,
und er so schmachvoll ward gesehn.
Es war die Eine dieser Drei
Gebieterin über die andern Zwei.
Nun sprach die Magd zu ihrer Frauen:
‘Herrin, Ihr mögt wohl schauen,
dass er den Sinn verloren.
Von edlerem Blut geboren
mag nimmer ein Ritter sein,
als mein Herr Iwein,
den wir hier sehn so elend leben. 10
Ihm ward ein Zaubertrank gegeben,
oder es ist durch Minne gekommen,
dass ihm der Sinn benommen.
Und weiss ich so sicher als meinen Tod,
dass ihr alle eure Noth,
die euch straflos und ungescheut
der Graf Aliers so lange dräut
und noch zu bringen sich rüstet,
alsbalde hättet gefristet,
wenn dieser Ritter würde gesund. 20
Mir ist seine Mannheit völlig kund.
Wüsst’ ich ihn wieder hergestellt,
er hätt’ euch gleich den Feind gefällt,
und sollt ihr jemals Rettung finden,
er kann allein sichs unterwinden.’
Die Fraue war des Trostes froh.
Sie sprach: ‘Und ist die Krankheit so,
dass sie den Sitz im Hirne hat,
so weiss ich für ihn viel guten Rath;
denn eine Salbe hab’ ich stehn,
die von Morganen, der weisen Feen,
bereitet ward mit eigner Hand.
Um die nun ist es so bewandt,
dass wo an Hirnsucht einer litt,
wurd’ er bestrichen damit, 10
so ward er gleich zur Stund’
hergestellt und gesund.’
So hielten sie Rath zur Stelle,
und ritten sofort und schnelle
nach der Salbe alle Drei:
denn ihr Haus lag nahe dabei,
kaum weiter als einer Meilen;
dann ward ohne Verweilen
die Jungfrau wieder zurückgesandt,
die ihn schlafend allda noch fand. 20
Die Frau befahl ihr bei ihrem Leben,
als sie ihr mitgegeben
die Büchse mit der Salben,
dass sie ihn allenthalben
nicht solle bestreichen damit;
nur wo er die Entzündung litt,
da hiess sie den Balsam streichen,
so werde die Sucht entweichen,
und der Ritter des Wahnsinns quitt und frei.
Nicht mehr als eben genügend sei
solle sie verwenden allhie:
und ausdrücklich verlangte sie,
dass sie den Rest ihr trage zurück,
der sei vielleicht noch Vielen zum Glück.
Auch sandte sie mit ihr hindann
frische Kleider, Sayett in Gran
und feine Leingewande zwei,
Schuh und Hosen von wollnem Sey. 10
Nun ritt sie also balde,
dass sie ihn in dem Walde
annoch schlafend da fand,
und zog ein Pferd an der Hand,
das viel sanft und eben trug
(auch war der Zaum ihm reich genug,
Sattel und Zeug von reinem Golde),
dass er hinreiten sollte,
wenn Gott ihr dass gewährte
und ihr Gebet erhörte. 20
Als sie ihn liegen sah wie zuvor,
keinen Augenblick sie da verlor;
sie heftet’ an einem der Äste
der Rosse Zügel feste,
und schlich zu ihm heran so sacht,
dass er mit nichten erwacht;
Mit der viel edlen Salben
bestrich sie ihn allenthalben
über das Haupt und die Füsse.
Ihr Wille war ihm viel hold und süsse,
dass sie also lange rieb,
bis nichts mehr in der Büchsen blieb.
Da hatt’ es keine Noth,
dass man ihr’s so strenge verbot;
denn wie sie’s für ihn im Willen trug,
däucht’ ihr alles noch nicht genug, 10
und wär’ es sechsmal mehr gewesen:
so gerne sah sie ihn genesen.
Als sie die Salbe verstrichen,
viel schnelle war sie drauf entwichen,
weil sie das wohl erkannte,
wie sehr Erröthen und Schande
einem edlen Manne wehe thut.
Drum barg sie sich in höfischem Muth,
dass sie ihn sah und er sie nicht.
Sie gedachte, ‘wenn das geschicht, 20
dass er erwacht und kommt zu Sinnen,
und wird hiernach des innen,
dass ich ihn also nackt gesehn,
so ist viel übel mir geschehn;
denn das beschämt ihn so sehr,
dass er nich nimmermehr
mit Willen hernach ansicht.’
Also zeigte sie sich nicht,
bis ihn die Salbe ganz durchdrungen
und seinen irren Sinn bezwungen.
Auf richtet’ er sich alsbald,
und als er schaut’ seine eigne Gestalt,
und sich so schwarz und schrecklich sah,
zu sich selber sprach er da:
‘Bist du Iwein? oder wer?
Hab’ ich geschlafen bisher? 10
Weh, o weh mir, und ach!
Wär’ ich lieber noch nicht wach!
Denn im Traum ward mir gegeben
ein viel reiches Heldenleben.
Hei, was ich hoher Ehren pflag,
während ich schlafend lag!
Mir träumte gewalt’ge Rittertugend,
ich hatte edle Geburt und Jugend,
ich war schön von Gestalt und reich,
und diesem Leibe viel ungleich; 20
ich war höfisch und weise,
und hatte viel manche harte Preise
durch meinen Ritterdienst erjagt,
wenn mir der Traum nicht Lügen sagt.
Ich erkämpfte, was ich begehrte,
mit Speer mir und mit Schwerte;
ich allein gewann mit meiner Hand
eine schöne Frau, ein reiches Land;
und leider, wenn mir recht geträumt,
hab’ ich gar bald sie dann versäumt,
als der König Artus war gekommen
und hatte mich von ihr genommen.
Herr Gawein war mein Gefährt’ und Freund,
wie mir’s in meinem Traume scheint; 10
sie gab mir Urlaub auf ein Jahr—
ich weiss wohl, das alles ist nicht wahr!—
Da blieb ich länger ohne Noth,
bis sie mir ihren Zorn entbot,
und träumte da gar schwer und wilde;
aus all dem wirren Wahngebilde
bin ich jetzt eben erwacht.
Mich hatte mein Schlaf gemacht
zu einen reichen Herrn!
alle Noth ja lag mir fern; 20
wär’ ich in solchen Ehren begraben!
Er wollte mich nur zum Narren haben;
wer da glaubt an Träume,
dem werden sie eitel Schäume.
Traum, wie so wunderlich du bist!
Reichthum schaffst du in kurzer Frist
einem der also ärmlich lebt,
der nie nach hohen Ehren gestrebt.
Wenn er dann erwacht,
so hast du ihn gemacht
zu einem Thoren wie mich.
Und dennoch mein’ ich festiglich, 10
wie rauh ich sei und bauernhaft,
fasst’ ich nur eines Speeres Schaft
und wäre gewappnet und beritten,
ich könnte nach ritterlichen Sitten
ebenso wohl gebahren,
als Alle, die jemals Ritter waren.’
So fremd geworden war er sich,
dass sein Gedächtniss ihm ganz entwich;
und was er als Ritter errungen,
all’ seine Züg’ und Wanderungen, 20
dies Alles, sagt’ er sich nunmehr,
sei von ihm nur geträumt vorher.
Er sprach: ‘Mich hat gelehret
mein Traum, ich wäre geehret,
könnt’ ich zu Waffen kommen.
Er hat mir meinen Stand genommen;
denn ob ich ein armer Bauer bin,
kämpft und turniert mein ganzer Sinn.
Mein Herz ist meinem Leib ungleich,
mein Leib ist arm, mein Herze reich.
War denn ein Traum mein ganzes Leben?
Oder wer hat mir gegeben
solche Hässlichkeit und Ungestalt?
Ich ahne die volle Kraft und Gewalt
ritterlichen Muthes; 10
zwar an Schönheit und Fülle des Gutes
fehlt es durchaus mir leider!’
Als er die frischen Kleider
zur einen Seite ihm liegen sach,
wundert’ ihn das und er sprach:
‘Dies sind Kleider, wie ich genug
sie oft in meinem Traume trug;
ich sehe hier Keinen, wes mögen sie sein?
Ich bedarf ihrer sehr; gut, die sind mein.
Ob ich sie wohl auch tragen kann? 20
Denn vormals stand mir herrlich an
in meinem Traume reich Gewand.’
Also kleidet er sich zuhand,
und als er bedeckt die schwarzen Glieder,
da glich er einem Ritter wieder.
Nun ersah die Jungfrau das,
wie er ehrbar und ohne Tadel sass.
Sie steigt zu Pferd mit klugem Sinn
und reitet ihres Weges hin,
als sei sie eben vorausgesandt,
und führt’ einen Zelter an der Hand.
Weder sprach sie, noch sah sie auf ihn.
Als er gradaus sie sah ziehn, 10
da wär’ er aufgesprungen,
dafern ihn nicht bezwungen
jene selbige Schwachheit,
also dass er so schnell bereit
nicht vom Boden sich rafft,
als fühlt’ er noch die alte Kraft,
und rief ihr nach eine gute Weil.
Sie aber that, als habe sie Eil’,
und acht’ auf den Wandrer nicht,
bis dass er nochmals zu ihr spricht; 20
da machte sie Halt,
und gab ihm Antwort alsobald.
Sie sprach: ‘Wer ruft mir? wer?’
Er sprach: ‘Frau, kehrt zurück hieher.’
Sie sprach: ‘Herre, ich will.’
So wendet sie, und hält still
und spricht: ‘Gebietet über mich,
was ihr wünschet, das thue ich;’
und fraget ihn die Märe,
wie er dahin kommen wäre?
Da sprach Herr Iwein
(wie er des wohl trug den Schein):
‘Ich fand erkrankt und matt
hier im Wald eine Ruhestatt.
Noch kann ich euch nicht berichten,
durch was für Wundergeschichten
ich ward hieher getragen; 10
doch mag ich das wohl sagen,
dass ich ungern hier bin:
Fraue, führt mich mit euch hin,
so behandelt ihr mich gar liebevoll,
und dien’ ich dafür euch, wie ich soll.’
‘Ritter, das sei euch zugesagt
und meine Fahrt für euch vertagt.
Mich hatte meine Frau gesandt,
die ist auch Herrin über dies Land;
zu der führ’ ich euch mit mir, 20
Ich verhelf’ euch wohl, dass ihr
ausruht nach euerm Ungemach.’
So stieg er zu Pferd und ritt ihr nach.
Nun führte sie ihn hindann
zu ihrer Frau, der nie ein Mann
also willkommen war.
Man schuf ihm gute Pfleg’ alldar
an Kleidern, Speisen und Baden,
bis dass all’ sein Schaden
kaum noch an ihm erschien.
Hier hatt’ Herr Iwein alle Müh’n
und Drangsal überwunden,
und gute Wirthin funden.
W. GRAF VON BAUDISSIN.