GOTTFRIED VON STRASSBURG.
[Scherer, D. 166, E. 157.]
Meister Gottfried war bürgerlichen Standes, erhielt eine gelehrte Erziehung, dichtete nach französischer Quelle den ‘Tristan’ gegen 1210. Das Gedicht ward nicht von ihm vollendet und später von Ulrich von Türheim und Heinrich von Freiberg fortgesetzt. Herausgegeben von von der Hagen (Breslau 1823), Massmann (Leipzig 1843), Bechstein (Leipzig 1869). Übersetzungen von Simrock, Kurtz, Hertz (Stuttgart 1877).
1.
EINLEITUNG.
Ich hân mir eine unmüezekeit
der werlt ze liebe vür geleit
und edelen herzen zeiner hage,
den herzen, den ich herze trage,
der werlde, in die mîn herze siht. 10
ich meine ir aller werlde niht
als die, von der ich hœre sagen,
diu deheine swære müge getragen
und niwan in fröuden welle sweben:
die lâze ouch got mit fröuden leben!
Der werlde und diseme lebene
enkumt mîn rede niht ebene:
ir leben und mînez zweient sich.
ein ander werlt die meine ich,
diu sament in einem herzen treit
ir süeze sûr, ir liebez leit,
ir herzeliep, ir senede nôt,
ir liebez leben, ir leiden tôt,
ir lieben tôt, ir leidez leben:
dem lebene sî mîn leben ergeben, 10
der werlde wil ich gewerldet wesen,
mit ir verderben oder genesen.
ich bin mit ir biz her beliben
und hân mit ir die tage vertriben,
die mir ûf nâhe gêndem leben
lêr unde geleite solten geben:
der hân ich mîne unmüezekeit
ze kurzewîle vür geleit,
daz sî mit mînem mære
ir nâhe gênde swære 20
ze halber senfte bringe,
ir nôt dâ mit geringe.
wan swer des iht vor ougen hât,
dâ mite der muot zunmuoze gât,
daz entsorget sorgehaften muot,
daz ist ze herzesorgen guot.
ir aller volge diu ist dar an:
swâ sô der müezige man
mit senedem schaden sî überladen,
dâ mêre muoze seneden schaden.
bî senedem leide müezekeit,
dâ wahset iemer senede leit.
durch daz ist guot, swer herzeklage
und senede nôt ze herzen trage,
daz er mit allem ruoche
dem lîbe unmuoze suoche:
dâ mite sô müezeget der muot
und ist dem muote ein michel guot; 10
und gerâte ich niemer doch dar an,
daz iemer liebe gernde man
deheine solhe unmuoze im neme,
diu reiner liebe missezeme:
ein senelîchez mære
daz trîbe ein senedære
mit herzen und mit munde
und senfte sô die stunde.
Nu ist aber einer jehe vil,
der ich vil nâch gevolgen wil: 20
der senede muot, sô der ie mê
mit seneden mæren umbe gê,
sô sîner swære ie mêre sî.
der selben jehe der stüende ich bî,
wan ein dinc daz mir widerstât:
swer inneclîche liebe hât,
doch ez im wê von herzen tuo,
daz herze stêt doch ie dar zuo.
der inneclîche minnenmuot,
sô der in sîner senegluot
ie mêre und mêre brinnet,
sô er ie sêrer minnet.
diz leit ist liebes alse vol,
daz übel daz tuot sô herzewol
daz es kein edele herze enbirt,
sît ez hie von geherzet wirt. 10
ich weiz ez wârez alse den tôt
und erkenne ez bî der selben nôt:
der edele senedære
der minnet senediu mære.
von diu swer seneder mære ger,
derne var niht verrer danne her:
ich wil in wol bemæren
von edelen senedæren
die reine sene wol tâten schîn:
ein senedære, ein senedærîn, 20
ein man ein wîp, ein wîp ein man,
Tristan Îsot, Îsot Tristan.
Ich weiz wol, ir ist vil gewesen,
die von Tristande hânt gelesen;
und ist ir doch niht vil gewesen,
die von im rehte haben gelesen
Tuon aber ich diu gelîche nuo
und schephe mîniu wort dar zuo
daz mir ir iegelîches sage
von disem mære missehage,
sô wirbe ich anders danne ich sol.
ich entuon es niht: si sprâchen wol
und niwan ûz edelem muote
mir unde der werlt ze guote.
benamen sie tâten ez in guot: 10
und swaz der man in guot getuot,
daz ist ouch guot und wol getân,
aber als ich gesprochen hân,
daz sî niht rehte haben gelesen,
daz ist, als ich iu sage, gewesen:
sine sprâchen in der rihte niht,
als Thômas von Britanje giht,
der âventiure meister was
und an britûnschen buochen las
aller der lanthêrren leben 20
und ez uns ze künde hât gegeben.
Als der von Tristande seit,
die rihte und die wârheit
begunde ich sêre suochen
in beider hande buochen
walschen und latînen,
und begunde mich des pînen,
daz ich in sîner rihte
rihte dise tihte.
sus treip ich manege suoche,
unz ich an einem buoche
alle sîne jehe gelas,
wie dirre âventiure was.
waz aber mîn lesen dô wære 10
von disem senemære,
daz lege ich mîner willekür
allen edelen herzen vür,
daz sî dâ mite unmüezic wesen:
ez ist in sêre guot gelesen.
guot? jâ, inneclîche guot:
ez liebet liebe und edelt muot,
ez stætet triuwe und tugendet leben,
ez kan wol lebene tugende geben;
wan swâ man hœret oder list 20
daz von sô reinen triuwen ist,
dâ liebent dem getriuwen man
triuwe und ander tugende van:
liebe, triuwe, stæter muot,
êre und ander manic guot
daz geliebet niemer anderswâ
sô sêre noch sô wol sô dâ,
dâ man von herzeliebe saget
und herzeleit ûz liebe klaget.
lieb ist ein alsô sælec dinc, 30
ein alsô sæleclîch gerinc,
daz niemen âne ir lêre
noch tugende hât noch ere.
sô manec wert leben, sô liebe frumet,
sô vil sô tugende von ir kumet,
owê daz allez, daz der lebet,
nâch herzeliebe niene strebet,
daz ich sô lützel vinde der,
die lûterlîche herzeger
durch friunt ze herzen wellen tragen 10
niwan durch daz vil arme klagen,
daz hie bî zetelîcher zît
verborgen in dem herzen lît.
War umbe enlite ein edeler muot
niht gerne ein übel durch tûsent guot,
durch manege fröude ein ungemach?
swem nie von liebe leit geschach,
dem geschach ouch liep von liebe nie.
liep unde leit diu wâren ie
an minnen ungescheiden. 20
man muoz mit disen beiden
êr unde lop erwerben
oder âne sî verderben.
von den diz senemære seit,
und hæten die durch liebe leit,
durch herzewunne senedez klagen
in einem herzen niht getragen,
sone wære ir name und ir geschiht
sô manegem edelen herzen niht
ze sælden noch ze liebe komen.
uns ist noch hiute liep vernomen,
süeze und iemer niuwe
ir inneclîchiu triuwe,
ir liep ir leit, ir wunne ir nôt,
al eine und sîn si lange tôt, 10
ir süezer name der lebet iedoch,
und sol ir tôt der werlde noch
ze guote lange und iemer leben,
den triuwe gernden triuwe geben,
den êre gernden êre:
ir tôt muoz iemer mêre
uns lebenden leben und niuwe wesen;
wan swâ man noch gehœret lesen
ir triuwe, ir triuwen reinekeit,
ir herzeliep, ir herzeleit: 20
Deist aller edelen herzen brôt.
hie mite sô lebet ir beider tôt.
wir lesen ir leben, wir lesen ir tôt,
und ist uns daz süez alse brôt.
Ir leben, ir tôt sint unser brôt.
sus lebet ir leben, sus lebet ir tôt.
sus lebent si noch und sint doch tôt,
und ist ir tôt der lebenden brôt.
Und swer nu ger daz man im sage
ir leben ir tôt, ir fröude ir klage,
der biete herze und ôren her:
er vindet alle sîne ger.
Ich hab ein neues Thun mir jetzt
der Welt zu Liebe vorgesetzt
und edeln Herzen zum Genuss,
den Herzen, die ich lieben muss,
der Welt, die meinem Sinn gefällt: 10
nicht mein’ ich aller Andern Welt,
die Welt, von der ich höre sagen,
dass sie kein Mühsal möge tragen
und nur in Freuden wolle schweben;
die lass auch Gott in Freuden leben!
Der Welt und solchem Leben
scheint mein Gedicht uneben.
Solch Leben ist nicht meine Welt,
eine andre Welt mir wohlgefällt:
die zusammen hegt in einer Brust
das süsse Leid, die bittre Lust,
das Herzensglück, die bange Noth,
das sel’ge Leben, leiden Tod,
den leiden Tod, das sel’ge Leben.
Dem Leben hab ich meins ergeben, 10
der Welt will ich ein Weltkind sein,
mit ihr verderben und gedeihn.
Bei ihr bin ich bisher geblieben,
mit ihr hab ich die Zeit vertrieben,
die mir in vielbedrängtem Leben
Geleit und Lehre sollte geben.
Der hab ich Thun und Thätigkeit
zu ihrem Zeitvertreib geweiht,
dass sie durch meine Märe,
welch Leid sie auch beschwere, 20
zu halber Lindrung bringe,
ihre Noth damit bezwinge;
denn hat man des zuweilen Acht,
was uns die Weile kürzer macht,
das entbürdet bürdeschweren Muth,
das ist für Herzenssorgen gut.
Es zweifelt Niemand daran:
wenn der müssige Mann
mit Liebesschaden ist beladen,
so mehrt die Musse Liebesschaden;
bei Liebesleiden Müssigkeit,
so wächst nur noch der Liebe Leid.
Drum rath ich, trägt wer Schmerzen
und Liebesleid im Herzen,
so widm’ er sich mit Kräften
zerstreuenden Geschäften,
damit das Herz in Musse ruht:
das ist dem Herzen herzlich gut. 10
Doch ist es nimmer wohlgethan,
wenn ein liebesiecher Mann
sich solchen Zeitvertreib erkührt,
der reiner Liebe nicht gebührt:
mit edeln Liebeskunden
versüss’ er seine Stunden,
die mag ein Minner minnen
mit Herzen und mit Sinnen.
Noch hört man eine Rede viel,
die ich nicht ganz verwerfen will: 20
je mehr ein Herz, das Liebe plage,
sich mit Liebesmären trage,
je mehr gefährd’ es seine Ruh.
Der Rede stimmt’ ich gerne zu,
wär eins nicht, das mir Zweifel regt:
wer innigliche Liebe hegt,
dass er im Herzen Schmerzen spürt,
der bleibt von Schmerz nicht unberührt.
Der innigliche Liebesmuth,
je mehr in seines Triebes Glut
der brennt und liebend lodert,
je mehr er Liebe fodert.
Dies Leiden ist so voll der Lust,
dies Übel thut so wohl der Brust,
dass es kein edles Herz entbehrt,
weil dies erst Muth und Herz gewährt. 10
Mir ist gewisser nicht der Tod,
nicht sicherer die letzte Noth,
fühlt Einer Liebeswunden,
so liebt er Liebeskunden.
Wer solcher Mären trägt Begier,
der hat nicht weiter als zu mir.
Ich weiss ihm wohl ein Märchen,
ein edles Liebespärchen,
das reiner Lieb’ ergab den Sinn:
ein Minner, eine Minnerin, 20
ein Mann ein Weib, ein Weib ein Mann,
Tristan Isold, Isold Tristan.
Ich weiss wohl, Mancher ist gewesen,
der schon von Tristan hat gelesen;
und doch, nicht Mancher ist gewesen,
der recht noch hat von ihm gelesen.
Tret ich nun aber hin sofort
und sprech ein scharfes Richterwort,
als wolle mir ihr Aller Sagen
von dieser Märe nicht behagen,
so thu ich anders, als ich soll;
ich thu es nicht: sie sprachen wohl
und nur aus edelm Muthe,
wir und der Welt zu Gute.
Bei meiner Treu, sie meintens gut, 10
und was der Mann in Güte thut,
das ist auch gut und wohlgethan.
Und stellt’ ich doch das Wort voran,
als hätten sie nicht recht gelesen,
damit ists so bewandt gewesen:
sie sprachen in der Weise nicht,
wie Thomas von Britannien spricht,
der sich auf Mären wohl verstand
und in britannschen Büchern fand
all dieser Landesherren Leben, 20
davon er Kund uns hat gegeben.
Was der von Tristans Lebensfahrt
uns Zuverlässges hat bewahrt,
das war ich lang beflissen
aus Büchern zu wissen,
lateinischen und wälschen,
damit ich ohne Fälschen
nach seinem Berichte
berichte die Geschichte.
So sucht’ ich denn und suchte lang,
bis mir des Buches Fund gelang,
darin all seine Meldung stand,
wie es um Tristan war bewandt.
Was ich nun so gefunden 10
von diesen Liebeskunden,
leg ich nach freier Wahl und Kür
allen edeln Herzen für,
dass sie durch Zeitvertreib genesen:
es ist sehr gut für sie zu lesen.
Gut? Ja ohne Zweifel gut:
es süsst die Liebe, höht den Muth,
befestigt Treu, verschönt das Leben,
es kann dem Leben Werth wohl geben;
denn wo man höret oder liest, 20
dass reiner Treu ein Paar geniesst,
das weckt in treuen Mannes Brust
zu Treu und aller Tugend Lust.
Liebe, Treue, stäter Muth,
Ehr’ und noch manches hohe Gut
gehn dem Herzen nie so nah,
gefallen nie ihm so wie da,
wo man von Herzensliebe sagt
und Herzeleid um Liebe klagt.
Lieb’ ist so reich an Seligkeit, 30
so selig macht ihr Glück, ihr Leid,
dass ohne ihre Lehre
Niemand Tugend hat noch Ehre.
So viel die Liebe Gutes frommt,
so manche Tugend von ihr kommt,
weh, dass doch Alles, was da lebt,
nicht nach Herzensliebe strebt;
dass ich so Wenige noch fand,
die im Herzen lautern Brand
um Herzensfreunde wollen tragen 10
und einzig um das Bischen Klagen,
das dabei zu mancher Stund
verborgen liegt im Herzensgrund!
Wie litte nicht ein edler Sinn
ein Übel für so viel Gewinn,
ein Ungemach um so viel Lust?
Wer nie von Liebesleid gewusst,
wusst’ auch von Liebesfreude nie.
Freud und Leid, stäts waren die
bei Minne nicht zu scheiden. 20
Man muss mit diesen beiden
Ehr und Lob erwerben,
oder ohne sie verderben.
Die, welchen ich dies Buch geweiht,
hätten die um Liebe Leid,
um Herzenswonne sehnlich Klagen
vereint im Herzen nicht getragen,
so würd ihr Nam und dies Gedicht
so manchem edeln Herzen nicht
zu Trost und Freude frommen.
Noch heut wird gern vernommen,
noch dünkt uns ewig süss und neu
ihre minnigliche Treu,
ihr Glück und Leid, ihre Wonn und Noth;
und sind sie nun auch lange todt, 10
so lebt ihr süsser Name doch,
und soll ihr Tod den Leuten noch
zu Gute lang und ewig leben,
den Treubegiergen Treue geben,
den Ehrbegiergen Ehre.
Ihr frühes Sterben währe
und leb uns Lebenden immer neu;
denn wo man liest von ihrer Treu
und ihrer reinen Stätigkeit,
ihrem Herzensglück, ihrem Herzeleid: 20
Das ist der edeln Herzen Brot,
hiermit so lebt der Beiden Tod.
Man liest ihr Leben, ihren Tod,
und ist uns das so süss wie Brot.
Ihr Tod, ihr Leben ist uns Brot,
so lebt ihr Leben, lebt ihr Tod.
Sie leben noch, sind sie auch todt,
und ist ihr Tod uns Lebensbrot.
Und wer nun will, dass man ihm sage
ihr Leben, Sterben, Glück und Klage,
der biete Herz und Ohren her,
so wird erfüllt all sein Begehr.
2.
TRISTANS SCHWERTLEITE.
Sit die gesellen sint bereit
mit bescheidenlîcher rîcheit,
wie gevâhe ich nû mîn sprechen an, 10
daz ich den werden houbetman
Tristanden sô bereite
ze sîner swertleite,
daz man ez gerne verneme
und an dem mære wol gezeme?
ine weiz, waz ich dâ von gesage,
daz iu gelîche und iu behage
und schône an disem mære stê.
wan bî mînen tagen und ê 20
hât man sô rehte wol geseit
von ritterlîcher werdekeit,
von rîchem geræte,
ob ich der sinne hæte
zwelve, der ich einen hân,
mit den ich umbe solte gân,
und wære daz gefüege,
daz ich zwelf zungen trüege
in mîn eines munde,
der iegelîchiu kunde
sprechen, alse ich sprechen kan,
ine weste, wie gevâhen an,
daz ich von rîcheite
sô guotes iht geseite,
mane hæte baz dâ von geseit.
ja ritterlîchiu zierheit 10
diu ist sô manege wîs beschriben
und ist mit rede alsô zetriben
daz ich niht kan gereden dar abe,
dâ von kein herze fröude habe.
Hartman der Ouwære,
ahî, wie der diu mære
beid’ ûzen unde innen
mit worten und mit sinnen
durchvärwet und durchzieret!
wie er mit rede figieret 20
der âventiure meine!
wie lûter und wie reine
sîn kristallîniu wortelîn
beidiu sint und iemer müezen sîn!
si koment den man mit siten an,
si tuont sich nâhe zuo dem man
und liebent rehtem muote.
swer guote rede ze guote
und ouch ze rehte kan verstân,
der muoz dem Ouwære lân
sîn schapel unde sîn lôrzwî.
swer nû des hasen geselle sî
und ûf der wortheide
hôchsprünge und wîtweide
mit bickelworten welle sîn
und ûf daz lôrschapelekîn
wân âne volge welle hân,
der lâze uns bî dem wâne stân,
wir wellen an der kür ouch wesen: 10
wir, die die bluomen helfen lesen,
mit den daz selbe loberîs
underflohten ist in bluomen wîs,
wir wellen wizzen, wes er ger:
wan swer es ger, der springe her
und stecke sîne bluomen dar.
sô nemen wir an den bluomen war,
op sî sô wol dar an gezemen,
daz wirz dem Ouwære nemen
und geben ime daz lôrzwî. 20
sit aber noch niemen komen sî,
der ez billîcher süle hân,
sô helfe iu got, sô lâze wirz stân.
wirn suln ez niemen lâzen tragen,
sîniu wort ensîn vil wol getwagen,
sîn rede ensî ebene unde sleht,
op iemen schône unde ûfreht
mit ebenen sinnen dar getrabe,
daz er dar über iht besnabe.
vindære wilder mære,
der mære wildenære,
die mit den ketenen liegent
und stumpfe sinne triegent, 10
die golt von swachen sachen
den kinden kunnen machen
und ûz der bühsen giezen
stoubîne mergriezen:
die bernt uns mit dem stocke schate,
niht mit dem grüenen meienblate,
mit zwîgen noch mit esten.
ir schate der tuot den gesten
vil selten in den ougen wol.
op man der wârheit jehen sol, 20
dane gât niht guotes muotes van,
dane lît niht herzelustes an.
ir rede ist niht alsô gevar,
daz edele herze iht lache dar.
die selben wildenære
si müezen tiutære
mit ir mæren lâzen gân:
wir enmugen ir dâ nâch niht verstân,
als man si hœret unde siht;
sone hân wir ouch der muoze niht,
daz wir die glôse suochen
in den swarzen buochen.
Noch ist der värwære mêr:
von Steinahe Blikêr
diu sîniu wort sint lussam.
si worhten frouwen an der ram 10
von golde und ouch von sîden,
man möhtes undersnîden
mit kriecheschen borten.
er hât den wunsch von worten:
sînen sin den reinen,
ich wæne daz in feinen
ze wundere haben gespunnen
und haben in in ir brunnen
geliutert unde gereinet:
er ist benamen gefeinet. 20
sîn zunge, diu die harphen treit,
diu hât zwô volle Sælekeit:
daz sint diu wort, daz ist der sin:
diu zwei diu harphent under in
ir mære in fremedem prîse.
der selbe wortwîse,
nemet war, wie der hier under
an dem umbehange wunder
mit spæher rede entwirfet;
wie er diu mezzer wirfet
mit behendeclîchen rîmen.
wie kan er rîme lîmen,
als ob si dâ gewahsen sîn!
ez ist noch der geloube mîn,
daz er buoch unde buochstabe
vür vedern an gebunden habe; 10
wan welt ir sîn nemen war,
sîn wort diu sweiment alse der ar.
Wen mac ich nû mêr ûz gelesen?
ir ist und ist genuoc gewesen
vil sinnec und vil rederîch.
von Veldeken Heinrîch
der sprach ûz vollen sinnen:
wie wol sanc er von minnen!
wie schône er sînen sin besneit!
ich wæne, er sîne wîsheit 20
ûz Pegases urspringe nam,
von dem diu wîsheit elliu kam.
ine hân sîn selbe niht gesehen;
nu hœre ich aber die besten jehen,
die dô bî sînen jâren
und sît her meister wâren,
die selben gebent im einen prîs,
er impete daz êrste rîs
in tiutescher zungen:
dâ von sît este ersprungen,
von den die bluomen kâmen,
dâ sî die spæhe ûz nâmen
der meisterlîchen fünde;
und ist diu selbe künde
sô wîten gebreitet, 10
sô manege wîs geleitet,
daz alle, die nu sprechent,
daz die den wunsch dâ brechent
von bluomen und von rîsen
an worten unde an wîsen.
Der nahtegalen der ist vil,
von den ich nû niht sprechen wil:
sine hœrent niht ze dirre schar.
dur daz sprich’ ich niht anders dar,
wan daz ich iemer sprechen sol: 20
si kunnen alle ir ambet wol
und singent wol ze prîse
ir süeze sumerwîse;
ir stimme ist lûter unde guot,
si gebent der werlde hôhen muot
und tuont reht in dem herzen wol.
diu werlt diu wære unruoches vol
und lebete rehte als âne ir danc,
wan der vil liebe vogelsanc:
der ermant vil dicke den man,
der ie ze liebe muot gewan,
beidiu liebes und guotes
und maneger hande muotes,
der edelen herzen sanfte tuot.
ez wecket friuntlîchen muot.
hie von kumt inneclîch gedanc,
sô der vil liebe vogelsanc
der werlde ir liep beginnet zalen.
nu sprechet umb die nahtegalen; 10
die sint ir dinges wol bereit
und kunnen alle ir senede leit
sô wol besingen unde besagen.
welhiu sol ir baniere tragen,
sît diu von Hagenouwe,
ir aller leitevrouwe,
der werlde alsus geswigen ist,
diu aller dœne houbetlist
versigelt in ir zungen truoc?
von der denk ich vil unde genuoc, 20
(ich meine ab von ir dœnen
den süezen, den schœnen),
wâ sî der sô vil næme,
wannen ir daz wunder kæme
sô maneger wandelunge.
ich wæne, Orphêes zunge,
diu alle dœne kunde,
diu dœnete ûz ir munde.
Sît daz man der nu niht enhât,
sô gebet uns, etelîchen rât!
ein sælic man der spreche dar:
wer leitet nû die lieben schar?
wer wîset diz gesinde?
ich wæne, ich sî wol vinde,
diu die baniere füeren sol:
ir meisterinne kan ez wol,
diu von der Vogelweide. 10
her, wie diu über heide
mit hôher stimme schellet!
waz wunders sî gestellet!
wie spæhe s’organieret!
wi si ir sanc wandelieret!
(ich meine ab in dem dône
dâ her von Zithêrône,
dâ diu gotinne Minne
gebiutet ûf und inne).
diu ist dâ z’hove kamerærîn: 20
diu sol ir leitærinne sîn!
diu wîset sî ze wunsche wol,
diu weiz wol, wâ si suochen sol
der minnen mêlôdîe.
si unde ir cumpânîe
die müezen sô gesingen,
daz sî ze fröuden bringen
ir trûren unde ir senedez klagen:
und daz geschehe bî mînen tagen!
Nun die Gesellen sind bereit
mit wohlgemessner Kostbarkeit,
wie fahe ich meine Rede an, 10
dass ich den werthen Held Tristan,
meinen Hauptmann zur Schwertleite
so rüste und bereite,
dass es der Märe bekäme
und man es gerne vernähme?
Ich weiss nicht, wie ichs sage,
ob es euch wohl behage,
und ob es schön zur Märe steh:
In meinen Tagen und auch eh 20
hat man die Worte so wohl gestellt
von aller Herrlichkeit der Welt,
von reichem Geräthe, grosser Zier,
hätt ich der Sinne zwölfe hier,
davon ich hab nur einen,
und könnte sie vereinen,
und trüge ich zur Stunde
zwölf Zungen in diesem Munde,
und könnte mit einer jeden
also sprechen und reden,
als ichs mit meiner Einen kann,
ich wüsste es nicht zu fangen an,
wie ich so Gutes sänge
von Pracht und von Gepränge,
das nicht wär bass gethan vorher.
Ja, ritterlich Gewand und Wehr 10
ist also viel beschrieben,
mit Reden so zerrieben,
dass ich davon nichts reden kann,
da sich ein Herz erfreue dran.
Herr Hartmann von der Auen,
ah, der kann Mären bauen,
und kann sie aussen und innen
mit Worten und mit Sinnen
durchfärben und durchschmücken!
Wie seine Reden zücken 20
recht auf der Aventüre Sinn!
Wie fliessen rein und lauter hin
seine krystallene Wörtelein!
Sie sinds und mögen es immer sein!
Sie treten sittig zu dem Mann
und schmiegen sich dem Herzen an
und heimeln einem reinem Muth.
Wer gute Rede kann für gut
verstehn und recht erfassen,
muss dem von Aue lassen
sein Reis und seinen Lorbeerkranz.
Auf der Worthaide wer den Tanz
will machen mit dem Hasen,
hoch springen und weit grasen,
mit Worten würfeln, wies Gott bescheert,
und, unsrer Stimmen unbegehrt,
Wahnhoffnung zu dem Kranze fassen,
der möge uns nur den Wahn belassen,
wir wollen auch bei der Wahl nicht fehlen. 10
Wir, die die Blumen helfen wählen,
mit denen dieses Ehrenreis
durchflochten ist in Blumenweis,
wir wollen wissen, was er begehr!
Wer es begehr, er trete her
und stecke seine Blumen dar:
so nehmen wir an den Blumen wahr,
ob sie so schön am Kränzlein sehn,
dass wirs ihm müssen zugestehn
und dem von Aue herunterziehn. 20
Nun aber keiner noch erschien,
dems besser stünde zu dieser Frist,
helf Gott, so lassen wirs, wo es ist.
Das Reis darf uns Keiner haschen,
seine Rede sei denn wohl gewaschen,
und eben jedes Wort und schlicht,
dass Keiner den Hals darüber bricht,
der schön und aufrecht auf dem Plan
mit ebenen Sinnen kommt heran.
Die aber in Mären wildern
und wilde Mären bildern,
mit Riegel und Ketten klirren,
kurze Sinne verwirren, 10
und Gold von schlechten Sachen
den Kindern können machen,
die Büchsen schwingen und rütteln,
statt Perlen Staub draus schütteln,
die sinds! Vom Strunke kommt ihr Schatte,
und nicht vom grünen Lindenblatte;
die schirmen uns nicht mit Laub und Ästen.
Ihr dürrer Schatte thut den Gästen
viel selten in den Augen wohl.
Wenn man die Wahrheit sagen soll, 20
daran erwärmet keine Brust,
darin liegt keine Herzenslust,
ihre Rede hat die Farbe nicht,
die edlen Herzen dünket licht.
Dieselben wilden Jäger
sie müssen Wortausleger
mit ihren Mären lassen gehn:
wir können sie nicht so verstehn.
Mit Augen und mit Ohren;
auch ist die Zeit verloren,
dass man im schwarzen Buche
nach Noten und Glossen suche.
Noch sind der Farbenmeister mehr:
Bliker von Steinach tritt einher
mit Worten, lust- und wundersamen.
Die stickten Frauen an dem Rahmen 10
von Gold und auch von Seiden;
mann könnte sie überkleiden
mit griechischen Borten.
Er hat den Preis von Worten:
sein Sinn der ist so rein und klar,
ich wähne, dass ihn wunderbar
Feyen haben gesponnen,
und ihn in ihrem Bronnen
geläutert und geweihet:
er ist fürwahr gefeyet. 20
Seine Zunge mit den Harfensaiten
die hat zwo ganze Volkommenheiten:
Das sind die Worte und der Sinn;
die zwei die harfen zusammen hin
und folgen ihrer Märe Gang
zu seltenem Preise mit Einem Klang.
Der Rede Meister, sehet dort,
mit sinnreich ausgedachtem Wort
wie er am Umhang Wunder bringt,
wie ihm der Messerwurf gelingt
mit wolgefügten Reimen!
Wie kann er Reime leimen,
als wärens einander gewachsen an!
Fürwahr, es ist und bleibt mein Wahn,
er müsse Buch und Schriftbuchstaben
für Federn angebunden haben, 10
denn, wollt ihr seiner nehmen wahr,
seine Worte die schweben gleich dem Aar.
Wer nun? Es sind doch viel gewesen,
an Rede reich, von Sinn erlesen.
Wen soll ich auferwecken?
Heinrich von Veldecken
der sprach aus ganzem Sinne!
Wie sang er wol von Minne!
Wie schön er meisselte seinen Sinn!
Ich wähne, dass er die Weisheit hin 20
vom Born des gefiederten Rosses nahm,
von dem die Weisheit alle kam.
Ich hab ihn selber nicht geschaut:
Es geben aber die Besten laut,
die noch zu seinen Jahren
und selber Meister waren,
ein Zeugniss ihm und einen Preis:
Er impfete das erste Reis
in unsrer deutschen Zungen;
davon sind Äste entsprungen,
von denen die Blumen kamen,
daraus die Meister nahmen
den Sinn zu schönem Funde;
und ist dieselbe Kunde
so mannigfach verbreitet, 10
von Gau zu Gau geleitet,
dass alle, die nun sprechen,
die höchsten Kränze brechen
von Blumen und von Reisen,
an Worten und an Weisen.
Der Nachtigallen der sind viel,
von denen ich nun nicht reden will:
Sie gehören nicht zu dieser Schaar.
Damit geb ich nichts andres dar,
als was ich immer sagen muss: 20
Sie können alle ihren Gruss
und singen wohl zu Preise
ihre süsse Sommerweise.
Ihr Ton ist lauter und ist gut,
sie geben der Welt einen hohen Muth
und thun so recht dem Herzen wol.
Die Welt die würde stumpf und hohl
und käme ausser allem Schwang
ohne den lieben Vogelgesang;
der mahnet und mahnet einen Mann,
der je zu Freuden Muth gewann,
an alles Gute und Liebe,
und spielt mit manchem Triebe,
der edlen Herzen sanfte thut.
Das wecket freundlich holden Muth;
hievon kommt inniglicher Drang,
wenn spricht der süsse Vogelsang
der Welt von ihren Freuden allen.
Nun saget von den Nachtigallen: 10
Die sind zu ihrem Amt bereit
und können alle ihr sehnend Leid
so wohl besingen und besagen.
Welche soll dem das Banner tragen,
seit die von Hagenaue,
der ganzen Schaar Leitfraue,
die aller Töne höchsten Flug,
versiegelt auf der Zungen trug,
der Welt also verstummet ist?
An die gedenk ich zu jeder Frist. 20
Ich wähne von ihren Tönen,
den süssen und den schönen,
dass wohl des Orpheus süsser Mund,
dem alle Töne waren kund,
(davon er ihr bescheerte,
und sie das Wunder lehrte
so mancher Wandelungen)
aus ihrem Mund erklungen.
Seit man nun diese nicht mehr hat,
so gebt uns aber einen Rath.
Ein frommer Mann der leg ihn dar:
Wer leitet nun die liebe Schaar?
Wer weiset dies Gesinde!
Ich wähne, dass ich sie finde,
die nun das Banner führen soll:
Ihre Meisterin die kann es wohl,
die von der Vogelweide. 10
Hei, was die über die Heide,
mit hoher Stimme klinget!
Was Wunder sie uns bringet!
Wie fein sie organiert,
ihr Singen moduliert!
Ich meine aber in dem Ton,
der klinget von jenem Berg und Thron,
da wo die Göttin Minne
gebietet drauf und drinne.
Die ist bei Hofe Kämmererin: 20
die soll sie leiten fürohin;
die weiset sie nach Wunsche wohl,
die weiss wohl, wo sie suchen soll
der Minnen Melodieen.
Sie und die mit ihr ziehen,
die mögen also singen,
dass sie zu Freuden bringen
ihr Trauern und ihr sehnendes Klagen:
und das gescheh noch in meinen Tagen!
SIMROCK.