WOLFRAM VON ESCHENBACH.

[Scherer D. 170, E. 161.]

Ein bairischer Ritter, lebte viel am Hofe Hermanns von Thüringen zu Eisenach, wurde in der Liebfrauenkirche zu Eschenbach begraben. Er konnte nicht lesen und schreiben, verstand aber, wenn auch nur unvollkommen, französisch. Er dichtete ausser lyrischen Gedichten den ‘Parzival’ 1205–1215; den ‘Titurel’ (Bruchstück; von einem gewissen Albrecht zwischen 1260 und 1270 umgearbeitet und vervollständigt) und ‘Wilhelm von Oranse’ (unvollendet), vor 1216 begonnen, ergänzt und fortgesetzt von Ulrich von Türheim und Ulrich von dem Türlein. Seine Werke herausgegeben von Lachmann (Berlin 1833, vierte Ausg. 1880); ‘Parzival und Titurel’ von Bartsch (3 Bde. Leipzig, 1870–71, 1875–77). Übersetzungen von Simrock (Stuttgart 1842, fünfte Aufl. 1876), San-Marte (Marburg 1836, 1858).

1.
PARZIVAL.

Ez machet trûric mir den lîp,

daz alsô mangiu heizet wîp.

ir stimme sint gelîche hel:

genuoge sint gein valsche snel,

etslîche valsches lære:

sus teilent sich diu mære.

daz die gelîche sint genamt,

des hât mîn herze sich geschamt.

wîpheit, dîn ordenlîcher site,

dem vert und fuor ie triwe mite. 10

Genuoge sprechent, armuot,

daz diu sî ze nihte got.

swer die durch triwe lîdet,

hellefiwer die sêle mîdet.

die dolte ein wîp durch triuwe:

des wart ir gâbe niuwe

ze himel mit endelôser gebe.

ich wæne ir nu vil wênic lebe,

die junc der erden rîhtuom

liezen durch des himeles ruom.

ich erkenne ir nehein.

man und wîp mir sint al ein: 10

die mitenz al gelîche.

frou Herzeloyd diu rîche

ir drîer lande wart ein gast:

si truoc der freuden mangels last.

der valsch sô gar an ir verswant,

ouge noch ôre in nie dâ vant.

ein nebel was ir diu sunne:

si vlôch der werlde wunne.

ir was gelîch naht unt der tac:

ir herze niht wan jâmers phlac. 20

Sich zôch diu frouwe jâmers balt

ûz ir lande in einen walt,

zer waste in Soltâne;

niht durch bluomen ûf die plâne.

ir herzen jâmer was sô ganz,

sine kêrte sich an keinen kranz,

er wære rôt oder val.

si brâhte dar durch flühtesal

des werden Gahmuretes kint.

liute, die bî ir dâ sint,

müezen bûwn und riuten.

si kunde wol getriuten

ir sun. ê daz sich der versan, 10

ir volc si gar für sich gewan:

ez wære man oder wîp,

den gebôt si allen an den lîp,

daz se immer ritters wurden lût.

‘wan friesche daz mîns herzen trût,

welch ritters leben wære,

daz wurde mir vil swære.

nu habt iuch an der witze kraft,

und helt in alle rîterschaft.’

Der site fuor angestlîche vart. 20

der knappe alsus verborgen wart

zer waste in Soltâne erzogn,

an küneclîcher fuore betrogn;

ez enmöht an eime site sîn:

bogen unde bölzelîn

die sneit er mit sîn selbes hant,

und schôz vil vogele die er vant.

Swenne abr er den vogel erschôz,

des schal von sange ê was sô grôz,

sô weinder unde roufte sich,

an sîn hâr kêrt er gerich.

sîn lîp was clâr unde fier:

ûf dem plân am rivier

twuog er sich alle morgen. 10

erne kunde niht gesorgen,

ez enwære ob im der vogelsanc,

die süeze in sîn herze dranc:

daz erstracte im sîniu brüstelîn.

al weinde er lief zer künegîn.

sô sprach si ‘wer hât dir getân?

du wære hin ûz ûf den plân.’

ern kunde es ir gesagen niht,

als kinden lîhte noch geschiht.

Dem mære gienc si lange nâch. 20

eins tages si in kapfen sach

ûf die boume nâch der vogele schal.

si wart wol innen daz zeswal

von der stimme ir kindes brust.

des twang in art und sîn gelust.

frou Herzeloyde kêrt ir haz

an die vogele, sine wesse um waz:

si wolt ir schal verkrenken.

ir bûliute unde ir enken

die hiez si vaste gâhen,

vogele würgn und vâhen. 10

die vogele wâren baz geriten:

etslîches sterben wart vermiten:

der bleip dâ lebendic ein teil,

die sît mit sange wurden geil.

Der knappe sprach zer künegin

‘waz wîzet man den vogelîn?’

er gert in frides sâ zestunt.

sîn muoter kust in an den munt:

diu sprach ‘wes wende ich sîn gebot,

der doch ist der hœhste got? 20

suln vogele durch mich freude lân?’

der knappe sprach zer muoter sân

‘ôwê muoter, waz ist got?’

‘sun, ich sage dirz âne spot.

er ist noch liehter denne der tac,

der antlitzes sich bewac

nâch menschen antlitze.

sun, merke eine witze,

und flêhe in umbe dîne nôt:

sîn triwe der werlde ie helfe bôt. 10

sô heizet einr der helle wirt:

der ist swarz, untriwe in niht verbirt.

von dem kêr dîne gedanke,

und och von zwîvels wanke.’

Sîn muoter underschiet im gar

daz vinster unt daz lieht gevar.

dar nâch sîn snelheit verre spranc.

er lernte den gabilôtes swanc,

dâ mit er mangen hirz erschôz,

des sin muoter und ir volc genôz. 20

ez wære æber oder snê,

dem wilde tet sîn schiezen wê.

nu hœret fremdiu mære.

swennerrschôz daz swære,

des wære ein mûl geladen genuoc,

als unzerworht hin heim erz truoc.

Eins tages gieng er den weideganc

an einer halden, diu was lanc:

er brach durch blates stimme en zwîc.

dâ nâhen bî im gienc ein stîc:

dâ hôrter schal von huofslegen.

sîn gabylôt begunder wegen:

dô sprach er ‘waz hân ich vernomn? 10

wan wolt et nu der tiuvel komn

mit grimme zorneclîche!

den bestüende ich sicherlîche.

mîn muoter freisen von im sagt:

ich wæne ir ellen sî verzagt.’

Alsus stuont er in strîtes ger.

nu seht, dort kom geschûftet her

drî ritter nâch wunsche var,

von fuoze ûf gewâpent gar.

der knappe wânde sunder spot, 20

daz ieslîcher wære ein got.

dô stuont ouch er niht langer hie,

in den phat viel er ûf sîniu knie.

lûte rief der knappe sân

‘hilf, got: du maht wol helfe hân.’

Der vorder zornes sich bewac,

dô der knappe im phade lac:

‘dirre tœrsche Wâleise

unsich wendet gâher reise.’

ein prîs den wir Beier tragn,

muoz ich von Wâleisen sagn:

die sint toerscher, denne beiersch her,

unt doch bî manlîcher wer. 10

swer in den zwein landen wirt,

gefuoge ein wunder an im birt.

Dô kom geleischieret

und wol gezimieret

ein ritter, dem was harte gâch.

er reit in strîteclîchen nâch,

die verre wâren von im komn:

zwên ritter heten im genomn

eine frouwen in sîm lande.

den helt ez dûhte schande: 20

in müete der juncfrouwen leit,

diu jæmerlîche vor in reit.

dise drî wârn sîne man.

er reit ein schœne kastelân:

sîns schildes was vil wênic ganz.

er hiez Karnahkarnanz

leh cons Ulterlec.

er sprach ‘wer irret uns den wec?’

sus fuor er zuome knappen sân.

den dûhter als ein got getân:

ern hete sô liehtes niht erkant.

ûfem touwe der wâpenroc erwant.

mit guldîn schellen kleine

vor iewederm beine

wârn die Stegreife erklenget 10

unt ze rehter mâze erlenget.

sîn zeswer arm von schellen klanc,

swar ern bôt oder swanc.

der was durch swertslege sô hel:

der helt was gein prîse snel.

sus fuor der fürste rîche,

gezimiert wünneclîche.

Aller manne schœne ein bluomen kranz,

den vrâgte Karnahkarnanz

‘junchêrre, sâht ir für iuch varn 20

zwên ritter die sich niht bewarn

kunnen an ritterlîcher zunft?

si ringent mit der nôtnunft

und sint an werdekeit verzagt:

si füerent roubes eine magt.’

der knappe wânde, swaz er sprach,

ez wære got, als im verjach

frou Herzeloyd diu künegîn,

dô sim underschiet den liehten schîn.

dô rief er lûte sunder spot

‘nu hilf mir, hilferîcher got.’

vil dicke viel an sîn gebet

fil li roy Gahmuret.

der fürste sprach ‘ich pin niht got,

ich leiste ab gerne sîn gebot. 10

du maht hie vier ritter sehn,

ob du ze rehte kundest spehn.’

Der knappe frâgte fürbaz:

‘du nennest ritter: waz ist daz?

hâstu niht gotlîcher kraft,

sô sage mir, wer gît ritterschaft?’

‘daz tuot der künec Artûs.

junchêrre, komt ir in des hûs,

der bringet iuch an ritters namn,

daz irs iuch nimmer durfet schamn. 20

ir mugt wol sîn von ritters art.’

von den helden er geschouwet wart:

dô lac diu gotes kunst an im.

von der âventiure ich daz nim,

diu mich mit wârheit des beschiet.

nie mannes varwe baz geriet

vor im sît Adâmes zît.

des wart sîn lob von wîben wît.

Aber sprach der knappe sân

dâ von ein lachen wart getân.

‘ay ritter guot, waz mahtu sîn?

du hâst sus manec vingerlîn

an dînen lîp gebunden,

dort oben unt hie unden.’ 10

aldâ begreif des knappen hant

swaz er îsers ame fürsten vant:

dez harnasch begunder schouwen

‘mîner muoter juncfrouwen

ir vingerlîn an snüeren tragnt,

diu niht sus an einander ragnt.’

der knappe sprach durch sînen muot

zem fürsten ‘war zuo ist diz guot,

daz dich sô wol kan schicken?

ine mages niht ab gezwicken.’ 20

der fürste im zeigete sâ sîn swert:

‘nu sich, swer an mich strîtes gert,

des selben wer ich mich mit slegn:

für die sîne muoz ich an mich legn,

und für den schuz und für den stich

muoz ich alsus wâpen mich.’

aber sprach der knappe snel

‘ob die hirze trüegen sus ir vel,

so verwunt ir niht mîn gabylôt.

der vellet manger vor mir tôt.’

Die ritter zurnden daz er hielt

bî dem knappen der vil tumpheit wielt 10

der fürste sprach ‘got hüete dîn.

ôwî wan wær dîn schœne mîn!

dir hete got den wunsch gegebn,

ob du mit witzen soldest lebn.

diu gotes kraft dir virre leit.’

die sîne und och er selbe reit,

unde gâhten harte balde

zeinem velde in dem walde.

dâ vant der gefüege

frôn Herzeloyden phlüege. 20

ir volke leider nie geschach;

die er balde eren sach:

sie begunden sæn, dar nâch egen,

ir gart ob starken ohsen wegen.

Der fürste in guoten morgen bôt,

und frâgte se, op si sæhen nôt

eine juncfrouwen lîden.

sine kunden niht vermîden,

swes er vrâgt daz wart gesagt.

‘zwêne ritter unde ein magt

dâ riten hiute morgen.

diu frouwe fuor mit sorgen:

mit sporn si vaste ruorten, 10

die die juncfrouwen fuorten.’

ez was Meljahkanz.

den ergâhte Karnachkarnanz,

mit strîte er im die frouwen nam:

diu was dâ vor an freuden lam.

si hiez Imâne

von der Beâfontâne.

Die bûliute verzagten,

dô die helde für si jagten.

si sprâchen ‘wiest uns sus geschehen? 20

hât unser junchêrre ersehen

ûf disen rittern helme schart,

sone hân wir uns niht wol bewart.

wir sulen der küneginne haz

von schulden hœren umbe daz,

wand er mit uns dâ her lief

hiute morgen dô si dannoch slief.’

der knappe enruochte ouch wer dô schôz

die hirze kleine unde grôz:

er huop sich gein der muoter widr,

und sagt ir mær. dô viel si nidr:

sîner worte si sô sêre erschrac,

daz si unversunnen vor im lac.

Dô diu küneginne

widr kom zir sinne,

swie si dâ vor wære verzagt, 10

dô sprach si ‘sun, wer hât gesagt

dir von ritters orden?

wâ bist dus innen worden?’

‘muoter, ich sach vier man

noch liehter danne got getân:

die sagten mir von ritterschaft.

Artûs küneclîchiu kraft

sol mich nâch rîters êren

an schildes ambet kêren.’

sich huop ein niwer jâmer hie. 20

diu frouwe enwesse rehte, wie

daz si ir den list erdæhte

unde in von dem willen bræhte.

Der knappe tump unde wert

iesch von der muoter dicke ein pfert.

daz begunde se in ir herzen klagn.

si dâhte ‘in wil im niht versagn:

ez muoz abr vil bœse sîn.’

do gedâhte mêr diu künegîn

‘der liute vil bî spotte sint.

tôren kleider sol mîn kint

ob sîme liehten lîbe tragn.

wirt er geroufet unt geslagn,

sô kumt er mir her wider wol.’ 10

ôwê der jæmerlîchen dol!

diu frouwe nam ein sactuoch:

si sneit im hemde unde bruoch,

daz doch an eime stücke erschein

unz enmitten an sîn blankez bein.

daz wart für tôren kleit erkant.

ein gugel man obene drûfe vant.

al frisch rûch kelberîn

von einer hût zwei ribbalîn

nâch sînen beinen wart gesnitn.

dâ wart grôz jâmer niht vermitn. 20

Diu küngin was alsô bedâht,

si bat belîben in die naht.

‘dune solt niht hinnen kêren

ich wil dich list ê lêren:

an ungebanten strâzen

soltu tunkel fürte lâzen:

die sîhte und lûter sîn,

dâ solte al balde rîten în.

du solt dich site nieten,

der werlde grüezen bieten,

Op dich ein grâ wîse man

zuht wil lêrn als er wol kan,

dem soltu gerne volgen, 10

und wis im niht erbolgen.

sun, lâ dir bevolhen sîn,

swâ du guotes wîbes vingerlîn

mügest erwerben unt ir gruoz,

daz nim: ez tuot dir kumbers buoz.

du solt zir kusse gâhen

und ir lîp vast umbevâhen:

daz gît gelücke und hôhen muot,

op si kiusche ist unde guot.

Du solt och wizzen, sun mîn, 20

der stolze küene Lähelîn

dînen fürsten ab ervaht zwei lant,

diu solten dienen dîner hant,

Wâleis und Norgâls.

ein dîn fürste Turkentâls

den tôt von sîner hende enphienc:

dîn volc er sluoc unde vienc.’

‘diz rich ich, muoter, ruocht es got:

in verwundet noch mîn gabylôt.’

Des morgens dô der tag erschein,

der knappe balde wart enein,

im was gein Artûse gâch. 10

Herzeloyde in kuste und lief im nâch.

der werlde riwe aldâ geschach.

dô si ir sun niht langer sach

(der reit enwec: wemst deste baz?)

dô viel diu frouwe valsches laz

ûf die erde, aldâ si jâmer sneit

sô daz se ein sterben niht vermeit.

Ir vil getriulîcher tôt

der frouwen wert die hellenôt.

ôwol si daz se ie muoter wart! 20

sus fuor die lônes bernden vart

ein wurzel der güete

und ein stam der diemüete.

ôwê daz wir nu niht enhân

ir sippe unz an den eilften spân!

des wirt gevelschet manec lîp.

doch solten nu getriwiu wîp

heiles wünschen disem knabn,

der sich hie von ir hât erhabn.

Es betrübt mir Seel’ und Leib,

dass so manche heisset Weib.

Die Stimme lautet allen hell,

doch viele sind zum Falsche schnell,

andre frei von falschem Wandel:

so theilt sich dieser Handel.

Dass die mit gleichem Namen prangen,

das hat mein Herz mit Scham befangen.

Weibheit, dein ordentlicher Brauch,

Treue hielt und hält der auch. 10

Viele sprechen, Armut

sei zu keinem Dinge gut;

wer sie um Treue will erleiden,

der mag doch Höllenfeuer meiden.

Armut trug ein Weib um Treu:

da ward ihr immer wieder neu

im Himmelreich gegeben.

Nun werden wen’ge leben,

die jung der Erde Reichthum

liessen um des Himmels Ruhm.

Ich kenne keinen, der das will,

Mann und Weib sind mir gleich viel, 10

sie gleichen alle sich darin.

Frau Herzeleid, die, Königin

floh ihren dreien Landen fern:

sie trug der Freuden Mangel gern.

Aller Fehl so ganz an ihr verschwand,

dass ihn nicht Ohr noch Auge fand.

Ein Nebel war ihr die Sonne;

sie mied die weltliche Wonne.

Auch war die Nacht ihr wie der Tag,

ihr Herz nur stäten Jammers pflag. 20

Sie zog sich vor des Grams Gewalt

aus ihrem Land in einen Wald,

in der Wildniss von Soltane;

nicht um Blumen auf dem Plane:

ihr Herz erfüllte Leid so ganz,

sie kehrte sich an keinen Kranz,

ob er roth war oder fahl.

Sie flüchtete dahin zumal

des werthen Gahmuretes Kind.

Leute, die da bei ihr sind,

müssen reuten und pflügen.

Ihre Pflege konnte wohl genügen

dem Sohn. Eh der Verstand gewann, 10

rief sie ihr Volk zu sich heran,

wo sie Mann und Weib zumal

bei Leib und Leben anbefahl,

dass von Rittern schwieg’ ihr Mund:

‘Denn würd’ es meinem Herzlieb kund,

was ritterliches Leben wär,

so hätt ich Kummer und Beschwer.

Nun legt die Zunge klug in Haft

und hehlt ihm alle Ritterschaft.’

Allen Leuten schuf das Sorgen. 20

Der Knabe ward verborgen

in der Wüste von Soltan erzogen,

um königlichen Brauch betrogen,

ausser in dem einen Spiel:

der Bogen und der Bolzen viel

schnitt er sich mit eigner Hand

und schoss die Vögel, die er fand.

Wenn er jedoch das Vöglein schoss,

dem erst Gesang so hold entfloss,

so weint’ er laut und strafte gar

mit Raufen sein unschuldig Haar.

Sein Leib war klar und helle:

auf dem Plan an der Quelle

wusch er sich alle Morgen. 10

Nie meint’ er sich geborgen,

bis ob ihm war der Vöglein Sang;

die Süsse ihm das Herz durchdrang:

das dehnt’ ihm seine Brüstlein aus.

Mit Weinen lief er in das Haus.

Die Kön’gin sprach: ‘Wer that dir’s an?

Du warst ja draussen auf dem Plan.’

Da wusst er ihr kein Wort zu sagen,

so geht es Kindern noch in unsern Tagen.

Solches macht’ ihr viel zu schaffen. 20

Einst sah sie ihn nach Bäumen gaffen,

davon der Vögel Lied erscholl.

Sie ward wohl inne, wie ihm schwoll

von dem Gesang die junge Brust;

in seiner Art lag solch Gelust.

Frau Herzleid trug den Vögeln Hass

seitdem, sie wusste nicht um was:

sie wollt’ ihr Singen gern beschränken.

Ihre Bauern und Enken

schickte sie mit Netz und Stangen,

Vöglein zu würgen und zu fangen. 10

Die Vöglein waren gut beritten,

sie haben den Tod nicht all’ erlitten:

etliche blieben noch am Leben,

die hört man neuen Sang erheben.

Der Knabe sprach zur Mutter sein:

‘Was giebt man Schuld den Vögelein?’

Er erbat ihnen Frieden gleich zur Stund.

Seine Mutter küsst’ ihn auf den Mund.

Sie sprach: ‘Was brech’ ich Sein Gebot,

der doch ist der höchste Gott? 20

Sollen Vöglein trauern meinethalb?’

Der Knappe sprach zur Mutter bald:

‘Höre, Mutter, was ist Gott?’

‘Das sag’ ich, Sohn, dir ohne Spott:

er ist noch lichter denn der Tag,

der einst Angesichtes pflag

nach der Menschen Angesicht.

Sohn, vergiss der Lehre nicht,

und fleh ihn an in deiner Noth,

dessen Treu’ uns immer Hülfe bot. 10

Ein Andrer heisst der Hölle Wirth,

der schwarz Untreu nicht meiden wird;

von dem kehr die Gedanken

und auch von Zweifels Wanken.’

Seine Mutter unterschied ihm gar,

was finster ist, was licht und klar.

Waldein dann eilt’ er hin zu springen.

Das Gabilot auch lernt’ er schwingen,

womit er manchen Hirsch erschoss,

davon der Mutter Haus genoss. 20

Ob man Grund sah oder Schnee,

dem Wilde thät sein Schiessen weh.

Hört aber fremde Märe:

wenn er erschoss das schwere,

einem Maulthier wär’ die Last genug,

die er unzerlegt nach Hause trug.

Er kam auf seinem Waidegang

eines Tages einer Hald’ entlang,

und brach zum Blatten einen Zweig.

In seiner Nähe gieng ein Steig:

da vernahm er Schall von Hufschlägen:

er begann sein Gabilot zu wägen.

‘Was hab’ ich da vernommen? 10

Dass nun der Teufel kommen

wollte grimm und zorniglich!

Ich bestünd’ ihn sicherlich.

Meine Mutter Schrecken von ihm sagt:

mich dünkt, sie ist auch zu verzagt.’

So stand er da in Streits Begehr.

Seht, da traben dortenher

drei Ritter in der Rüstung Glanz,

von Haupt zu Fuss gewappnet ganz.

Der Knappe wähnte sonder Spott, 20

jeglicher wär’ ein Herregott.

Wohl stand er auch nicht länger hie,

er warf sich in den Pfad aufs Knie;

mit lauter Stimme rief er gleich:

‘Hilf Gott, du bist wohl hilfereich!’

Der Vordre zürnte drum und sprach,

als ihm der Knapp’ im Wege lag:

‘Dieser täppische Waleise

wehrt uns schnelle Weiterreise.’

Ein Lob, das wir Baiern tragen,

muss ich von Waleisen sagen:

Sie sind täppischer als Bairisch Heer

und leisten doch gleich tapfre Wehr. 10

Wen dieser Länder eins gebar,

wird der gefüg, ists wunderbar.

Da kam einher galoppiert,

an Helm und Harnisch wohl geziert

ein Ritter, welchem Zeit gebrach:

streitgierig ritt er denen nach,

die ihm schon weit vorausgekommen.

Zwei Ritter hatten ihm genommen

eine Frau aus seinem Lande:

das däuchte diesen Schande. 20

Der Jungfrau Leid betrübt’ ihn schwer,

die erbärmlich ritt vor ihnen her.

Die dreie sind ihm unterthan.

Er ritt ein schönes Kastilian;

an seinem Schild war wenig ganz.

Er hiess Karnachkarnanz,

Le Comte Ulterleg.

Er sprach: ‘Wer sperrt uns hier den Weg?’

So fuhr er diesen Knappen an;

dem schien er wie ein Gott gethan:

er sah noch niemals lichtre Schau.

Sein Wappenrock benahm den Thau.

Mit goldrothen Schellen klein

waren an jedwedem Bein

ihm die Stegereif’ erklängt 10

und zu rechtem Mass gelängt.

Sein rechter Arm von Schellen klang,

wenn er ihn rührt’ oder schwang;

er war von Schwertschlägen hell.

Der Degen war zur Kühnheit schnell.

Also diesen Wald durchstrich

der Fürst gerüstet wonniglich.

Aller Mannesschöne Blumenkranz,

den fragte da Karnachkarnanz:

‘Knapp, saht ihr hier vorüberfahren 20

zwei Ritter, die nicht können wahren

das Gesetz der Rittergilde?

Gewaltthat tragen sie im Schilde

und sind an Würdigkeit verzagt:

sie entführten eine Magd.’

Was er auch sprach, doch hielt ihn noch

der Knapp für Gott: so malt Ihn doch

die Königin, Frau Herzeleid,

die vom lichten Schein ihm gab Bescheid.

Da rief er laut sonder Spott:

‘Nun hilf mir, hilfereicher Gott!’

Niederwarf sich zum Gebet

Le Fils du Roi Gahmuret.

Da sprach der Fürst: ‘Ich bin nicht Gott;

doch leist’ ich gerne sein Gebot. 10

Vier Ritter möchtest du hier sehn,

wenn du besser könntest spähn.’

Der Knappe fragte fürbass:

‘Du nennest Ritter: was ist das?

Hast du keine Gotteskraft,

so sage, wer giebt Ritterschaft?’

‘Die theilt der König Artus aus.

Junker, kommt ihr in sein Haus,

so mögt ihr Ritters Namen nehmen,

dass ihrs euch nimmer habt zu schämen. 20

Ihr seid wohl ritterlicher Art.

Von den Helden er beschauet ward:

da sahn sie Gottes Kunst und Fleiss.

Von der Aventür ich weiss,

die mich mit Wahrheit des beschied,

dass Mannesantlitz nie gerieth

so schön wie seins von Adams Zeit:

drum lobten Fraun ihn weit und breit.

Da hub der Knappe wieder an,

dass sein zu lachen Der begann:

‘Ei Ritter gut, was soll dies sein?

du hast so manches Ringelein

an den Leib gebunden dir,

dort oben und auch unten hier.’ 10

Der Knapp befühlte mit der Hand,

was er eisern an dem Fürsten fand.

Den Panzer wollt er gern beschauen:

‘Meiner Mutter Jungfrauen

wohl an Schnüren Ringlein tragen,

die nicht so in einander ragen.’

Noch sprach der Knappe wohlgemuth

zum Fürsten: ‘Wozu ist dies gut,

was sich an dir so wohl will schicken?

Ich kann es nicht herunter zwicken.’ 20

Da wies der Fürst ihm sein Schwert:

‘Nun sieh, wer Streit mit mir begehrt,

des erwehr ich mich mit Schlägen.

Gegen seine muss ichs an mich legen,

und dieser Schild behütet mich

vor dem Schuss und vor dem Stich.’

Wieder sprach der Knappe laut:

‘Hätten die Hirsche solche Haut,

sie versehrte nicht mein Gabilot;

so fällt doch mancher vor mir todt.’

Die Ritter zürnten, dass er sprach

mit den Knappen, welchem Sinn gebrach. 10

Da sprach der Fürst: ‘Gott hüte dein!

O wäre deine Schönheit mein!

Dir hätte Gott genug gegeben,

besässest du Verstand daneben.

Die Gottesgabe liegt dir fern.’

Da ritt er weiter mit den Herrn.

Sie gelangten alle bald

zu einem Feld im tiefen Wald.

Da fand er an der Pflugschar

Frau Herzeleidens Bauernschar. 20

Dem Volke nie so leid geschah.

Die man künftig ernten sah,

sie mussten säen erst und egen,

starken Ochsen dräun mit Schlägen.

Der Fürst ihnen guten Morgen bot

und frug sie: ‘Sahet ihr nicht Noth

eine Jungfrau erleiden?’

Da konnten sies nicht meiden,

sie sagten ihm, was er gefragt:

‘Zwei Ritter und eine Magd

sahn wir reiten heute Morgen.

Das Fräulein schien in Sorgen.

Kräftig mit den Sporen rührte 10

die Pferde, der die Jungfrau führte.’

Es war Meliakanz,

dem nachritt Karnachkarnanz

und ihm im Kampf die Jungfrau nahm;

sie war an aller Freude lahm.

Sie hiess Imäne

von der Bellefontäne.

Die Bauern waren sehr verzagt,

da diese Helden sie befragt.

Sie sprachen: ‘Wie ist uns geschehn!’ 20

Hat unser Junker ersehn

an diesen Rittern schartges Eisen,

so dürfen wir das Glück nicht preisen.

Uns trifft mit Recht nun immerhin

darum der Zorn der Königin,

weil er mit uns zu Walde lief

heute früh, da sie noch schlief.’

Gleich galts dem Knappen, wer nun schoss

im Wald die Hirsche klein und gross;

heim zu der Mutter lief er wieder

und sagt es ihr. Da fiel sie nieder,

seiner Worte sie so sehr erschrak,

dass sie bewusstlos vor ihm lag.

Als darauf die Königin

wieder fand bewussten Sinn,

wie sie zuvor auch war verzagt, 10

doch sprach sie: ‘Sohn, wer hat gesagt

dir von ritterlichem Orden?

Wie bist du’s inne worden?’

‘Mutter, ich sah vier Männer licht,

lichter ist Gott selber nicht:

die sagten mir von Ritterschaft.

Artusens königliche Kraft

soll mich mit ritterlichen Ehren

des Schildes Amt und Pflichten lehren.’

Das war ihr neuen Leids Beginn. 20

Die Königin sann her und hin,

wie sie eine List erdächte

und ihn von solchem Willen brächte.

Der einfältge Knappe werth

bat die Mutter um ein Pferd.

Das begann sie heimlich zu beklagen.

Sie gedacht: ‘Ich will ihm nichts versagen;

aber grundschlecht muss es sein.

‘Es giebt noch Leute,’ fiel ihr ein,

‘die gar lose Spötter sind.

Thorenkleider soll mein Kind

an seinem lichten Leibe tragen.

Wird er gerauft dann und geschlagen,

so kehrt er wohl in kurzer Frist.’ 10

O weh der jammervollen List!

Da nahm sie grobes Sacktuch

und schuf daraus ihm Hemd und Bruch (Hose),

aus Einem Stück jedoch geschnitten

bis zu des blanken Beines Mitten;

eine Kappe dran für Haupt und Ohren:

so trugen damals sich die Thoren.

Zwei Ribbalein statt Strümpfen auch,

als Kalbshäuten frisch und rauch,

mass man seinen Beinen an,

da weinten alle, die es sahn. 20

Die Königin mit Wohlbedacht

bat ihn zu bleiben noch die Nacht;

‘du darfst dich nicht von hinnen heben,

ich muss dir erst noch Lehren geben:

du sollst auf ungebahnten Strassen

dich nicht auf dunkle Furt verlassen;

ist sie aber seicht und klar,

so hat der Durchritt nicht Gefahr.

Du sollst auch guter Sitte pflegen,

jeden grüssen auf den Wegen.

Will dich ein grauweiser Mann

Zucht lehren, wie ein solcher kann,

so folg ihm gerne mit der That, 10

und zürn ihm nicht, das ist mein Rath.

Eins lass dir, Sohn, befohlen sein:

wo du guter Frauen Ringelein

erwerben mögest und ihr Grüssen,

da nimms: es kann dir Leid versüssen.

Magst du auch ihren Kuss erlangen

und herzend ihren Leib umfangen,

das giebt dir Glück und hohen Muth,

wenn sie keusch ist und gut.

Du sollst auch wissen, Sohn mein, 20

dass der stolze kühne Lähelein

zwei Länder dir hat abgefochten,

die dir sonst nun zinsen mochten:

Waleis und Norgals.

Deiner Fürsten Einer, Turkentals,

den Tod von seiner Hand empfieng:

all dein Volk er schlug und fieng.’

‘Das räch ich, Mutter, will es Gott:

ihn verwundet noch mein Gabilot.’

Da Morgens schien des Tages Licht,

der stolze Knappe säumte nicht:

Herr Artus ihm im Sinne lag. 10

Sie küsst’ ihn oft und lief ihm nach.

Das grösste Herzleid ihr geschah.

Da sie den Sohn nicht länger sah,

(der ritt hinweg: wen mag das freun?)

da fiel die Fraue Falsches rein

zur Erde, wo sie Jammer schnitt,

bis sie den Tod davon erlitt.

Ihr getreulicher Tod

bewahrt sie vor der Hölle Noth.

O wohl ihr, dass sie Mutter ward! 20

So fuhr die lohnergiebge Fahrt,

diese Wurzel aller Güte,

aus der das Reis der Demuth blühte.

Weh uns, dass uns nicht verblieb

ihre Sippe bis zum eilften Glied!

Drum muss man so viel Falschheit schaun.

Doch sollten die getreuen Fraun

Heil erwünschen diesem Knaben,

den sie hier sehen von ihr traben.

2.
TITUREL.

Al die minne phlâgen ‖ und minne an sich leiten,

nu hœret magtlîch sorge ‖ unde manheit mit den arbeiten:

dâ von ich wil âventiure künden

den rehten, die ........ ‖ durch herzeliebe ie senende nôt erfünden.

Der süeze Schîonatulander genante, 10

als sîn gesellekeit ‖ in sorgen manecvalt in kûme gemante:

dô sprach er ‘Sigûne helferîche,

nu hilf mir, süeziu maget, ‖ ûz den sorgen: sô tuostu helflîche.

Ducisse ûz Katelangen, ‖ lâ mich geniezen:

ich hœre sagen, du sîst erboren ‖ von der art, die nie kunde verdriezen,

sine wæren helfec mit ir lône,

swer durch si kumberlîche nôt ‖ enphienc: dîner sælden an mir schône.’

‘Bêâs âmîs, nu sprich, ‖ schœner vriunt, waz du meinest.

lâ hœrn, ob du mit zühten ‖ dich des willen gein mir sô vereinest,

daz dîn klagendiu bet iht müge vervâhen.

dune wizzest es vil rehte ‖ die wârheit, sone soltu dich niht vergâhen.’

‘Swâ genâde wonet, dâ ‖ sol man si suochen.

frouwe, ich ger genâden: ‖ des solt du durh dîne genâde geruochen.

werdiu gesellekeit stêt wol den kinden.

swâ reht genâde nie niht ‖ gewan ze tuonne, wer mac si dâ vinden?’ 10

Si sprach ‘du solt dîn trûren ‖ durch trœsten dâ künden,

dâ man dir baz gehelfen mac ‖ danne ich: anders du kanst dich versünden,

ob du gerst daz ich dir kumber wende:

wan ich bin reht ein weise ‖ mîner mâge, lands und liute ellende.’

‘Ich weiz wol, du bist landes ‖ und liute grôziu frouwe.

des enger ich alles niht, ‖ wan daz dîn herze dur dîn ouge schouwe

alsô daz ez den kumber mîn bedenke.

nu hilf mir schiere, ê daz dîn ‖ minn mîn herze und die fröude verkrenke.’

‘Swer sô minne hât, daz sîn ‖ minne ist gevære

deheime als lieben friunde ‖ als du mir bist, daz wort ungebære

wirt von mir nimer benennet minne.

got weiz wol daz ich nie ‖ bekande minnen flust noch ir gewinne.10

Minne, ist daz ein er? ‖ maht du minn mir diuten?

ist daz ein sie? kumet mir ‖ minn, wie sol ich minne getriuten?

muoz ich si behalten bî den tocken?

od fliuget minne ungerne ûf hant ‖ durh die wilde? ich kan minn wol locken.’

‘Frouwe, ich hân vernomen ‖ von wîben und von mannen,

minne kan den alten, ‖ den jungen sô schuzlîchen spannen,

daz si mit gedanken sêre schiuzet:

sie triffet âne wenken ‖ daz loufet, kriuchet, fliuget oder fliuzet.

Jâ erkande ich, süeziu maget, ‖ ê wol minn von mæren.

minne ist an gedanken: ‖ daz mag ich nu mit mir selbe bewæren:

des betwinget si diu stæte liebe.

minne stilt mir fröude ‖ ûz dem herzen, ez entöhte eim diebe.’ 10

‘Schîonatulander, ‖ mich twingent gedanke,

sô du mir ûz den ougen kumest, ‖ daz ich muoz sîn an fröuden diu kranke,

unze ich tougenlîche an dich geblicke.

des trûre ich in der wochen ‖ niht zeim mâl, ez ergêt alze dicke.’

‘Sone darft du, süeziu maget, mich ‖ niht frâgen von minne:

dir wirt wol âne frâge ‖ bekant minnen flust und ir gewinne.

nu sich wie minne ûz fröude in sorge werbe:

tuo der minne ir reht, ê ‖ diu minne uns beide in [den] herzen verderbe.’

Si sprach ‘kan diu minne ‖ in diu herzen sô slîchen,

daz ir man noch wîp ‖ noch diu magt mit ir snelheit entwîchen,

weiz abe iemen waz diu minne richet

an liuten die ir schaden nie ‖ gewurben, daz si den fröude zebrichet?’

‘Jâ ist si gewaltec ‖ der tumben und der grîsen.

niemen als künstec lebet, ‖ daz er künne ir wunder volprîsen. 10

nu sulen wir bêdiu nâch ir helfe kriegen

mit unverscharter friuntschaft ‖ minn kan mit ir wanke niemen triegen.’

‘Owê, kund diu minne ‖ ander helfe erzeigen,

danne daz ich gæbe ‖ in dîn gebot mîn frîen lîp für eigen!

mich hât dîn jugent noch niht reht erarnet.

du muost mich under schiltliem ‖ dache ê dienen: des wis vor gewarnet.’

‘Frouwe, als ich mit krefte ‖ diu wâpen mac leiten,

hie enzwischen unde ouch dan mîn lîp ‖ wirt gesehen in [den] süezen sûren arbeiten,

sô daz mîn dienst nâch dîner helfe ringe.

ich wart in dîne helfe erboren: ‖ nu hilf sô daz mir an dir gelinge.’

Diz was der anevanc ‖ ir geselleschefte

mit worten, an den zîten ‖ dô Pompeius für Baldac mit krefte

het ouch sîne hervart gesprochen,

und Ipomidôn der werde: ‖ ûz ir her wart vil niwer sper zebrochen. 10

Die je geminnet haben ‖ und Minneleid getragen,

Von magdlichem Kummer ‖ höret nun und Jünglingsschmerzen sagen.

Davon will ich euch Abenteuer künden,

Allen, die der Sehnsucht Pein ‖ je herzliche Liebe liess ergründen.

Der süsse Schionatu— ‖ lander entbrannte, 20

Als seiner Gespielin ‖ Huld sein leidend Herz übermannte.

Da sprach er: ‘Sigune, hülfereiche,

Hilf, süsse Magd, dass deine Hand ‖ mir aus diesen Sorgen Hülfe reiche.

Düschess von Katelangen, ‖ lass mich des geniessen,

Man sagt, du seist der Art entstammt, ‖ die es niemals mochte verdriessen

Mit Minnelohn ihm Hülfe zu gewähren,

Der Minnenoth durch sie empfieng: ‖ die Sitte solltest du an mir bewähren!’

‘Doux Ami, nun sprich, ‖ süsser Freund, was du meinest.

Lass hören, ob du solche ‖ Gesinnung gegen mich mir bescheinest,

Dass ich Gehör der Klage müss ertheilen:

Bist du des Schadens nicht gewiss, ‖ so solltest du dich nicht übereilen.’

‘Gnade soll man suchen, ‖ da wo sie wohnet:

Herrin, ich suche Gnade: ‖ nun sieh, wie deine Güte mir lohnet. 20

Freundschaft halten ziemt verständgen Kindern;

Aber wo sich Gnade ‖ nie gezeigt, da kann sie Schmerz nicht lindern.’

Sie sprach: ‘Du sollst um Linderung ‖ deinen Schmerz da künden,

Wo man dir besser helfen mag ‖ als ich, du möchtest sonst dich versünden,

Wenn du begehrst, dass ich den Schmerz dir heile.

Denn ich bin eine Waise, ‖ Land und Leuten fern, ach, manche Meile!’

‘Ich weiss wohl, dass dir Leut ‖ und Land gehorchen, ihrer Frauen;

Das begehr ich Alles nicht: ‖ nur lass dein Herz durch deine Augen schauen,

So dass es meines Kummers Noth bedenke:

Hilf bald, eh deiner Minne Flut ‖ mir das Herz und die Freuden ertränke.’

‘Wer solche Minne hat, dass er ‖ durch Minne gefährde

So lieben Freund, wie du mir bist, ‖ mir der liebste Freund auf der Erde, 20

Solch gefährlich Ding ist mir nicht Minne.

Gott weiss wohl, ich wusste ‖ nie von der Minne Verlust noch Gewinne.

Minne ist das ein Er? ‖ Kannst du Minne beschreiben?

Ist es ein Sie? Und kommt mir ‖ Minne, wo soll ich mit ihr bleiben?

Soll ich sie verwahren bei den Docken?

Fliegt sie uns auf die Hand ‖ oder ist sie wild? Ich kann ihr wohl locken.’

‘Herrin, ich hörte sagen ‖ von Frauen und von Mannen,

Minne kann auf Alt und Jung ‖ den Bogen so meisterlich spannen,

Dass sie mit Gedanken tödlich schiesset:

Sie trifft ohne Fehlen, ‖ was da läuft, kriecht, fliegt oder fliesset. 20

Ich kannte, süsse Magd, bisher ‖ Minne nur aus Mären:

In Gedanken wohnt die Minne, ‖ das kann ich mit mir selber nun bewähren.

Dazu treibt sie wandellose Liebe.

Minne stiehlt mir Freude ‖ aus dem Herzen gleich einem Diebe.’

‘Schionatulander, ‖ mich zwingen Gedanken,

Wenn du mir aus den Augen kommst, ‖ dass ich an den Freuden muss erkranken,

Bis ich dich heimlich wieder angesehn.

Drum traur ich in der Wochen ‖ nicht Einmal, zu oft ist mirs geschehen.’

‘So darfst du, süsse Magd, mich ‖ nicht fragen nach Minne:

Du erfährst wohl ohne Fragen ‖ von der Minne Verlust und Gewinne.

Sieh, wie die Minne Freude kehrt in Schmerzen;

Thu der Minn ihr Recht, dass ‖ uns die Minne nicht verderbt in den Herzen.’

Sie sprach: ‘Kann die Minne ‖ die Herzen so beschleichen,

Dass ihr nicht Mann, nicht Weib noch Magd ‖ mit Behendigkeit mög entweichen: 20

Weiss denn Jemand, was die Minne rächen

Will an Leuten, die ihr nie ‖ geschadet, ihre Freuden so zu brechen?’

‘Ja, sie ist gewaltig ‖ der Jungen wie der Greisen:

Kein Meister lebt auf Erden, ‖ der ihre Wunder alle möge preisen.

Lass uns um ihre Hülfe beide werben

Mit wandelloser Freundschaft; ‖ so kann mit Wank uns Minne nicht verderben.’

‘O weh, könnte Minne ‖ doch andre Hülf erzeigen,

Als dass ich meinen freien Leib ‖ in dein Gebot dir gäbe zu eigen!

Deine Jugend war zu Dienst mir nie beflissen:

Du musst mich unter Schildesdach ‖ erst verdienen, das sollst du wissen!’

‘Herrin, wenn ich erstarke ‖ die Waffen zu führen,

In süsser, saurer Arbeit ‖ will ich heut und immer mich rühren,

Dass mein Dienst nach deiner Hülfe ringe;

Deine Hülfe thut mir Noth: ‖ hilf denn, dass mir an dir gelinge.’

So hatt ihre Minne ‖ den Anfang genommen

Mit Worten in den Zeiten, ‖ da Pompejus vor Baldag zu kommen

Sich gerüstet mit gewaltigem Heere,

Und Ipomedon der werthe; ‖ da zerbrachen sie viel neue Speere. 20

3.
WILLEHALM.

Durh Gyburge al diu nôt geschach.

diu stuont ûf, mit zuht si sprach,

ê daz sich schiet der fürsten rât.

‘swer zuht mit triwen hinne hât,

der ruoche hœren mîniu wort.

got weiz wol daz ich jâmers hort

sô vil inz herze hân geleit,

daz in der lîp unsamfte treit.’

Die gein ir ûf begunden stên,

die bat si sitzn und ninder gên.

dô si gesâzen über al,

si sprach ‘der tôtlîche val

der hiest geschehen ze bêder sît

dar umbe ich der getouften nît 10

trag und ouch der heiden,

daz bezzer got in beiden

an mir, und sî ich schuldic dran.

die rœmschen fürsten ich hie man,

daz ir kristenlîch êre mêrt,

ob iuch got sô verre gert,

daz ir mit strîte ûf Alischanz

rechet den jungen Vivîanz

an mînen mâgn und an ir her:

die vindet ir mit grôzer wer. 20

und ob der heiden schumpfentiur ergê,

sô tuot daz sælekeit wol stê:

hœrt eins tumben wîbes rât,

schônt der gotes hantgetât.

Ein heiden was der êrste man

den got machen began.

Nu geloubt daz Eljas unde Enoch

für heiden sint behalten noch.

Nôê ouch ein heiden was,

der in der arken genas.

Iop für wâr ein heiden hiez,

den got dar umbe niht verstiez.

nu nemt ouch drîer künege war, 10

der heizet einer Kaspar,

Melchîor und Balthasân:

die müeze wir für heiden hân,

diene sint zer flüste niht benant:

got selb enpfienc mit sîner hant

die êrsten gâbe an muoter brust

von in. die heiden hin zer flust

sint alle niht benennet.

wir hân für wâr bekennet,

swaz müeter her sît Even zît 20

kint gebâren, âne strît

gar heidenschaft was ir geburt:

etslîchz der touf het umbegurt.

getouft wîp den heiden treit,

swie dez kint der touf hab umbeleit.

der juden touf hât sundersite:

den begênt si mit eime snite.

wir wârn doch alle heidnisch ê.

dem sældehaften tuot vil wê,

ob von dem vater sîniu kint

hin zer flust benennet sint:

er mac sih erbarmen über sie, 10

der rehte erbarmekeit truoc ie.

Nu geloubt ouch daz diu mennescheit

den engelen ir stat ab erstreit,

daz si gesetzet wâren,

die unser künne vâren,

ze himele in den zehenden kôr.

die erzeigeten got alsölhen bôr,

daz sîn werdiu kraft vil stætec

von in wart anrætec.

dieselben nôtgestallen 20

von gedanken muosen vallen:

got enlie si niht zen werken komn,

der gedanc weiz wol unvernomn.

dar umbe des menschen wart erdâht.

sich heten mensch und engel brâht

beidiu in den gotes haz:

wie kumt daz nu daz mennisch haz

dan der engl gedinget?

mîn munt daz mære bringet.

daz mennisch wart durch rât verlorn:

der engel hât sich selb erkorn

zer êwigen flüste

mit sîner âküste, 10

und al die im gestuonden

die selben riwe fuonden.

die varent noch hiute dem mensche bî,

als ob der kôr ir erbe sî,

der den ist ze erbe lâzen

die sich des kunnen mâzen

daz gotes zorn erwirbet,

des sælde niht verdirbet.

Swaz iu die heiden hânt getân,

ir sult si doch geniezen lân 20

daz got selbe ûf die verkôs

von den er den lîp verlôs.

ob iu got sigenunft dort gît,

lâts iu erbarmen ime strît.

sîn werdeclîchez leben bôt

für die schuldehaften an den tôt

unser vater Tetragramatôn.

sus gab er sînen kinden lôn

ir vergezzenlîchen sinne.

sîn erbarmede rîchiu minne

elliu wunder gar besliuzet, 10

des triwe niht verdriuzet,

sine trage die helfeclîche hant

diu bêde wazzer unde lant

vil künsteclîch alrêrst entwarf,

und des al diu crêatiure bedarf

die der himel unbesweifet hât.

diu selbe [hant] die plânêten lât

ir poynder vollen gâhen

bêdiu verre und nâhen.

swie si nimmer ûf gehaldent, 20

si warment unde kaldent:

etswenne’z îs si schaffent:

dar nâch si boume saffent,

sô diu erde ir gevidere rêrt

unde si der meie lêrt

ir mûze alsus volrecken,

nâch den rîfen bluomen stecken.

Ich diene der künsteclîchen hant

für den heiden got Tervigant:

ir kraft hât mich von Mahumeten

unders toufes zil gebeten.

des trag ich mîner mâge haz;

und der getouften umbe daz:

durch menneschlîcher minne gît

si wænent daz ich fuogte disen strît.

dêswâr ich liez ouch minne dort, 10

und grôzer rîcheit manegen hort,

und schœniu kint, bî einem man,

an dem ich niht geprüeven kan

daz er kein untât ie begienc,

sîd ich krôn von im enpfienc.

Tybalt von Arâbî

ist vor aller untæte vrî:

ich trag al ein die schulde,

durh des hœhsten gotes hulde,

ein teil ouch durh den markîs 20

der bejaget hât sô manegen prîs.

ey Willalm, rehter punjûr,

daz dir mîn minne ie wart sô sûr!

waz werder diet ûz erkorn

in dîme dienste hânt verlorn

ir lîp genendeclîche!

der arme und der rîche,

nu geloubt daz iwerr mâge flust

mir sendet jâmer in die brust:

für wâr mîn vreude ist mit in tôt.’

si weinde vil: des twanc si nôt. 10

Kyburg, der Quell all dieser Leiden,

stand auf, und nimmt das Wort bescheiden,

bevor der Fürstenrath sich trennt:

‘Wer Zucht und Treue hier bekennt,

geruh zu hören, was ich sage.

Gott weiss, dass solchen Schatz der Klage

ich habe in mein Herz gelegt,

dass ihn mit Müh der Leib nur trägt.’

Die vor ihr begannen aufzustehn,

bat sie zu sitzen und nicht zu gehn.

Als dann sie sassen überall,

hub an die Königin: ‘Den tödlichen Fall,

der beiderseits geschehen ist,

weshalb der Heide wie der Christ 10

mir zürnt, den wende Gottes Huld

zum Bessern Beiden, so wie mir,

bin ich allein auch daran schuld.

Die römischen Fürsten mahn’ ich hier,

dass ihre Christenehr’ es mehrt,

wenn Gott euch dazu nun begehrt,

dass ihr im Kampf auf Alischanz

rächet den jungen Vivianz

an meinen Verwandten und ihrem Heer.

Die findet ihr mit grosser Wehr. 20

Doch werft ihr die Heiden nieder im Streit,

so sorgt, zu wahren die Seligkeit.

Hört an einfält’ges Weibes Rath:

Achtet, was Gott geschaffen hat!

Ein Heide war der erste Mann,

den zu erschaffen Gott begann.

Für Heiden sind Elias und Henoch

gehalten auch, so glaubt ihr doch.

Gleichfalls ein Heide Noah war,

des Arch’ ihn trug aus der Gefahr.

Fürwahr ein Heid’ auch Hiob hiess,

den Gott doch deshalb nicht verstiess.

Auch nehmt die drei Kön’ge wahr, 10

Melchior, Kaspar und Balthasar;

wir müssen sie zwar Heiden nennen,

doch aber auch zugleich bekennen,

dass nimmer sie verdammet sind.

Gott selbst empfieng, das Jesuskind,

an Mutterbrust aus ihrer Hand

die erste Gabe. Nicht alle Heiden

sehn drum wir hin zur Hölle scheiden.

Es ist als wahr von uns erkannt:

Alle Kinder, die seit Evas Zeit 20

die Mütter gebaren, sind ohne Streit

im Heidenthum bei ihrer Geburt;

nur einige schirmt der Taufe Gurt.

Das Christenweib den Heiden trägt,

bis ihm die Taufe ist angelegt.

Der Juden Tauf’ ist eigner Sitte,

die sie vollziehen mit einem Schnitte.

Wie waren all’ drum heidnisch eh:

doch thut’s dem heiltheilhaft’gen weh,

wenn von dem Vater seine Kind

zu den Verdammten gezählet sind;

und es erbarme sich über sie, 10

der sein Erbarmen versagt noch nie.

Auch glaubet ihr, die Menschheit hat

den Engeln abgestritten die Statt,

wohin gesetzt sie ehbevor,

in des Himmels zehnten Chor,

die unser Geschlecht bedrohn mit Wuth.

Gott zeigten sie solchen Übermuth,

und suchten mit beharrlichem Werben

seine Herrlichkeit zu verderben.

Dieselben Jammerbrüder alle 20

kamen durch Gedanken zu Falle.

Gott, der die Gedanken unausgesprochen

doch weiss, hat ihr Sündenwerk gebrochen.

Drauf ward der Mensch von ihm erdacht.

Mensch und Engel haben gebracht

sich beide um die Gotteshuld.

Wie kommt’s nun, dass des Menschen Schuld

soll leichter als die der Engel wiegen;

Das sei euch nicht von mir verschwiegen.

Durch Verführung gieng der Mensch verloren;

die Engel haben sich selbst erkoren

durch ihren Verrath und Treuebruch

der ewigen Verdammniss Fluch, 10

wie gleiches Elend alle fanden,

die zu ihnen gleichfalls standen.

Sie umstricken den Menschen wie zuvor

noch heute, als sei ihr Erbe der Chor,

der doch als Erbe nur denen gelassen,

die vermeiden, was Gott muss hassen,

dass seinen Zorn sie nicht erwerben.

Ihr Heil entgehet dem Verderben.

Was auch die Heiden euch gethan,

so sollt ihr denken doch daran, 20

dass denen auch Gott selbst verzieh,

die seinen Leib getödtet hie.

Wenn Gott euch dort den Sieg verleiht,

so übt Erbarmen in dem Streit.

Sein würdereiches Leben bot

für die Schuldigen dem Tod

unser Vater Tetragrammaton[22].

So gab er seinen Kindern Lohn,

wie wohl sie seiner schwer vergassen.

Seiner reichen erbarmenden Lieb’ entfliessen

alle Wunder sonder Massen. 10

Nie kann es seine Treu verdriessen,

zu helfen mit hülfreicher Hand,

die beides, Wasser so wie Land

zuerst mit weiser Kunst entwarf,

des alle Kreatur bedarf,

die der Himmel umkreiset.

Dieselbe Hand den Planeten weiset

die Bahnen an in Fernen und Nähen,

den vorgeschriebnen Lauf zu gehen.

Wie unaufhaltsam ihren Kreis 20

sie vollenden, giebt ihre Kraft

Wärm’ und Kälte; sie schaffen das Eis,

sie giessen in den Baum den Saft,

wenn die Erd’ erneuert ihr Gefieder

und sie der Mai belehret, wieder,

um ihre Mause zu vollenden,

Blumen nach dem Reif zu spenden.

Ich diene der Einen, der kunstreichen Hand,

anstatt dem Gotte Tervigant.

Ihre Kraft hiess durch der Taufe Segen

mich ab den Glauben Mahoms legen;

deshalb trag’ ich den Hass der Meinen.

Doch den Getauften will es scheinen,

als ob durch menschlicher Minne Begier

ich diesen Streit entflammet hier.

Wahr ist’s, ich liess auch Minne dort, 10

und grosses Reichthums manchen Hort,

und schöne Kinder bei einem Mann,

dem niemals ich nachweisen kann,

dass irgend Unthat er begieng,

seit ich von ihm die Kron’ empfieng.

Tybald von Arabien sei

von allem Frevel gesprochen frei.

Ich trag allein die Schuld

durch des höchsten Gottes Huld

und theils durch den Marquis gezwungen, 20

der sich so manchen Preis errungen.

Weh, Wilhelm, rechter Pongneor, weh mir,

dass so meine Liebe verderblich dir!

Wie werthe Männer auserkoren

haben ihr edles Leben verloren

in deinem Dienst! Ihr Reich’ und Arme,

o glaubt es, dass mit tiefstem Harme

eurer lieben Verwandten Verlust

mir jammervoll beschwert die Brust.

Meine Freud’ ist wahrlich mit ihnen todt.’

Sie weinte sehr im Zwang der Noth. 10