HUGO VON TRIMBERG.
[Scherer D. 228, E. 220.]
Ein gelehrter Dichter, wirkte als Schulmeister einer Vorstadt von Bamberg. Sein bedeutendstes Werk ist ein Lehr- und Strafgedicht, ‘der Renner’ 1300–1313 verfasst, herausgegeben vom historischen Vereine in Bamberg (Bamberg, 1833).
DER RENNER.
Ein wolf, ein fuhs und ouch ein nôz
gein Rôme wolten: ir riuw was grôz.
und dô si nâhten gein der stat, 10
dô sprach der wolf ‘sît got uns hât
mit sînen gnâden her brâht,
eins dinges hân ich mich bedâht:
alsô daz ouch süllen wir
vor bîhten, daz gevellet mir,
ê wir den bâbest ane sehen.’
dô sprach der fuhs ‘daz sol geschehen:
wan der bâbst hât vil ze schaffen
beide mit leien und mit pfaffen:
des hât er selten muoze.
bîhte wir, und setzen buoze,
und bittenn daz er si bestete
durch got und durch unser bete.’
dô sprach der wolf ‘nu sît gemein,
und bîhte ie einr den andern zwein 10
daz grœste daz er habe getân.
sô hebich ze dem êrsten an.
ich tet ein sünde, ze der ich hân
grôze vorhte. ez het ein man
ein zuhtmuoter bî dem Rîn.
diu het zwelf kleiniu verchelîn
ligen in einer stîgen.
diu hôrtich vaste schrîgen
des morgens nâch ir ammen,
wan si mit voller wammen 20
gie am velde, unde ir jungen
mit grôzem hunger rungen.
daz jâmerte mich, wan ichz sach.
an der ammen ich mich rach
eins tages dô sir niht enpflac:
ich beiz si, daz si tôt gelac,
und fulte mit ir mînen magen.
nu lât iu grœzer sünde sagen.
dar nâch, dô ich mich es versan
daz ich vil übele hæt getân,
erbarmten mich diu verchelîn
ellende unde ir hungers pîn,
und half in gar ûz aller nôt:
si lâgen elliu von mir tôt;
von rehter herzeleide 10
beslôz ichs in mîn gweide:
weinende ich iu daz künde.
setzet buoz umb mîne sünde.’
‘alsô ich iuch vernomen hân,
so enhât ir niht missetân’
sprach der fuhs: ‘ir tâtz durch guot,
als manec ander man noch tuot,
den dicke muoz erbarmen
ellender und hûsarmen.
ir sult knien für unser klôster 20
unde sprechen ein paternôster:
daz ist umb die sünd ze vil.
ein sünde ich ouch bîhten wil’
sprach der fuhs, ‘diu mich vil sêre twinget
unde mir manc siufzen bringet.
bî einem dorf saz ein gebûr:
der het ein hanen. der was sô sûr,
daz er all die hanen beiz
die zuo im giengen in den kreiz,
und het dâ bî vil grôzen braht
mit zwelf hennen tac und naht,
daz dick von im betoubet
wart siecher liute houbet.
daz tet mir wê von herzen.
eins tages sach ich in scherzen 10
mit sînen gspunsen ime garten.
ich nam in bî der swarten,
und truog in durch die barre
vür baz in ein ander pfarre,
dâ ich den lîp im an gewan:
in sîner pfarr vorhtich den ban.
dar umbe schriuwen sîniu wîp
al tage über mînen lîp:
daz betoubte mir den sin,
und rach ich mich ouch an in, 20
daz ich eine nâch der ander az:
wie sold ich mich gerechen baz?
wan si truogen nâch mir haz.
herr, nu sprechet mir antlâz
umb die grôze missetât.’
dô sprach der wolf ‘sîn wirt guot rât,
daz daz schrîen und der braht
ist zeinem guoten ende brâht.
du enhâst niht sêre missetân,
als ich mich nu versinnen kan.
iedoch faste an drîn frîtagen,
ob du fleischs enmüges bejagen.
ich geloube dir: als tuost du mir.
wol, her esel, nu bîhtet ir.’
‘ich enweiz waz ich bîhten sol:
ir wizzet beide selben wol
daz ich bin martelær genôz: 10
wan mîniu arbeit ist sô grôz,
daz ich von leid mac immer sagen.
ir seht mich ûf und abe tragen
wazzer, holz, korn unde mist,
und swaz teglîch ze tuonne ist
ûf einer hôhen bürge,
daz ich ân danc mich würge
mit maneger herten arbeit.
ich tet ein sünde: diust mir leit,
und hât mich vil gerûwen sît. 20
ein kneht der mîn pflac zaller zît
gienc zeimâl für mich durch den snê.
dô tet mir frost und hunger wê,
und wart gewar daz im ein strô
ragete ûz beiden schuohen dô.
des zuctich im her ûz ein teil:
daz was sîn schade, und mîn unheil:
an der sêle bin ichs schuldic.
nu sît gein mir geduldic
und setzt mir buoze gnædiclîch.’
si sprâchen ‘wê dir êwiclîch!
morder, waz hâstu getân!
du hâst verderbet einen man, 10
dem sîne füeze sint erfrorn:
der mort hât dir die sêle vlorn.
so ensol der ouch niht genesen,
der diep und morder ist gewesen.’
sus nâmens beide im sîn leben.
sô gtân buoze künnen noch geben
in klôstern übel platten:
swem si niht sint gerâten,
wirt hin und her gediuset
biz er sêle und lîp verliuset 20
als der esel umb kleine schulde:
der fuhs behielt des wolves hulde.
Ein Wolf, ein Fuchs und auch ein Esel
wollten nach Rom: ihre Reue war gross.
Und da sie der Stadt nahe kamen, 10
da sprach der Wolf: ‘Da Gott uns hat
mit seiner Gnade hergebracht,
hab’ ich mich eines Dings bedacht:
also dass wir auch sollen
vorher beichten, das gefällt mir,
ehe wir den Pabst ansehn.’
Da sprach der Fuchs: ‘Das soll geschehn:
denn der Pabst hat viel zu schaffen
sowohl mit Laien als Pfaffen:
deshalb hat er selten Musse.
Beichten wir und bestimmen die Busse,
und bitten ihn, dass er sie bestätige
um Gott und unsres Gebets willen.’
Da sprach der Wolf: ‘Nun seid einig
und beichte je einer den andern zwein 10
das Grösste, was er gethan hat.
So heb’ ich zuerst an.
Ich that eine Sünde, vor der ich habe
grosse Furcht. Es hatte ein Mann
am Rhein eine Zuchtsau.
Die hatte zwölf kleine Ferkel
in einem Stalle liegen.
Die hört ich sehr schreien
des Morgens nach ihrer Amme,
während sie mit vollem Bauche 20
im Felde umhergieng, und ihre Jungen
mit grossem Hunger rangen.
Das jammerte mich, als ichs sah.
An der Amme rächte ich mich
eines Tags, da sie sie nicht pflegte:
ich biss sie, dass sie todt dalag,
und füllte meinen Magen mit ihr.
Nun lasst euch grössere Sünde sagen.
Danach, da ich mich besann,
dass ich sehr übel gethan hätte,
erbarmten mich die Ferkel,
die elenden, und ihres Hungers Pein,
und half ich ihnen ganz aus aller Noth:
sie lagen alle von mir todt;
aus rechtem Herzeleid 10
schloss ich sie in mein Eingeweide:
weinend künd’ ich euch das.
Bestimmt die Busse für meine Sünde.’
‘So wie ich euch vernommen habe,
so habt ihr nicht gesündigt,’
sprach der Fuchs, ‘ihr thatet es aus Güte,
wie mancher andre Mann noch thut,
den oft erbarmen muss
der Elenden und Hausarmen.
Ihr sollt vor unsrem Kloster knien 20
und ein Paternoster sprechen:
das ist für die Sünde zu viel.
Ich will auch eine Sünde beichten,’
sprach der Fuchs, ‘die mich recht sehr drückt
und mir manch Seufzen bringt.
Bei einem Dorfe wohnte ein Bauer,
der hatte einen Hahn; der war so böse,
dass er all’ die Hähne biss,
die zu ihm in den Kreis kamen,
und machte dabei sehr grosses Geschrei
mit zwölf Hennen Tag und Nacht,
dass oft von ihm betäubt ward
der Kopf kranker Leute.
Das that mir von Herzen weh.
Eines Tags sah ich ihn spielen 10
mit seinen Gemahlinnen im Garten.
Ich nahm ihn bei der Schwarte
und trug ihn durch den Zaun
fürbass in eine andre Pfarre,
wo ich ihm das Leben nahm:
in seiner Pfarre fürchtete ich den Bann.
Darum schrien seine Weiber
alle Tage über mich:
das betäubte mir den Sinn,
und rächte ich mich auch an ihnen, 20
dass ich eine nach der andern ass:
wie konnte ich mich besser rächen?
Denn sie trugen mir Hass.
Herr, nun sagt mir Ablass
für die grosse Missethat.’
Da sprach der Wolf: ‘Dessen wird guter Rath,
dass das Schreien und das Krähen
zu einem guten Ende gebracht ist.
Du hast nicht sehr gesündigt,
wie ich mich nun besinnen kann.
Jedoch faste an drei Freitagen,
wenn du kein Fleisch erjagen kannst.
Ich erlaube es dir, wie du mir es thust.
Wohl, Herr Esel, nun beichtet ihr.’
‘Ich weiss nicht, was ich beichten soll:
ihr wisst beide selber wohl,
dass ich ein Märtyrer-Genosse bin: 10
denn meine Arbeit ist so gross,
dass ich immer von Leid zu sagen habe.
Ihr seht mich auf und nieder tragen
Wasser, Holz, Korn und Mist,
und was täglich zu thun ist
auf einer hohen Burg,
dass ich ohne Dank mich plage
mit mancher harten Arbeit.
Ich that eine Sünde: die ist mir leid,
und hat mich seither viel gereuet. 20
Ein Knecht, der meiner zu aller Zeit pflegte,
gieng einmal vor mir durch den Schnee.
Da thaten mir Frost und Hunger weh,
und ich ward gewahr, dass ihm Stroh
aus beiden Schuhen da heraus ragte.
Da riss ich ihm etwas heraus,
das war sein Schade und mein Unheil:
an der Seele bin ichs schuldig.
Nun seid gegen mich geduldig
und bestimmt mir Busse gnädiglich.’
Sie sprachen: ‘Weh dir, ewiglich!
Mörder, was hast du gethan?
Du hast einen Mann zu Grunde gerichtet, 10
dem seine Füsse erfroren sind:
der Mord hat deine Seele vernichtet.
So soll der (Leib) auch nicht gerettet werden,
der Dieb und Mörder gewesen ist.’
So nahmen sie beide ihm sein Leben.
Solche Busse können noch austheilen
in den Klöstern die bösen Plattköpfe:
wem sie nicht günstig sind,
wird hin und her gezaust,
bis er Seele und Leib verliert, 20
wie der Esel wegen einer kleinen Schuld:
der Fuchs behielt des Wolfes Huld.