DER WEINSCHWELG.
[Scherer D. 228, E. 220.]
Eine satirische Novelle, nach 1260 gedichtet. Der Verfasser ist wie bei den meisten gleichzeitigen Gedichten dieser Gattung unbekannt. Herausgegeben von Grimm ‘altdeutsche Wälder’ 3, 13; Schröer (Jena, 1876) mit Übersetzung.
Swaz ich trinkens hân gesehen,
deist gar von kinden geschehen;
ich hân einen swelch gesehen: 10
dem wil ich meisterschefte jehen.
den dûhten becher gar enwiht,
er wolde näpf noch kophe niht:
er tranc ûz grôzen kannen.
er ist vor allen mannen
ein vorlouf allen swelhen.
von ûren und von elhen
wart solher slünd nie niht getân.
ez muos alle zît vor im stân
ein grôz kanel wînes vol.
er sprach ‘wîn, ich erkenn dich wol;
ich weiz wol, daz du guot bist.
die wîl dîn in dem vazze iht ist,
sô wil ich bûwen dise banc.’
Dô huob er ûf unde tranc
ein trunc von zweinzec slünden.
er sprach ‘nu wil ich künden,
waz tugent du hâst, vil lieber wîn. 10
wie möhtestu tugenthafter sîn?
du hâst schœne und grôze güete,
du gîst uns hôhgemüete,
du machest küene den zagen.
swer dîn wâfen wil tragen,
der wirt wîse unde karc,
er wirt snel unde starc,
er fürhtet niemannes drô.
du machst die trûrigen vrô,
du gîst dem alten jungen muot, 20
du rîchst den armen âne guot,
du machst die liute wol gevar.
du bist ouch selbe schœne gar:
du bist lûter unde blanc.’
Dô huob er ûf unde tranc
ein trunc der für die andern gie.
er sprach ‘war umbe oder wie
sold ich den wîn vermîden?
ich mac in wol erlîden,
sît er allen mînen willen tuot.
er dunkt mich bezzer denne guot;
ich geniete mich sîn nimmer.
ich wil in loben immer
für bûhurdieren und für tanz.
krône, tschapel unde kranz, 10
pfell, samît unde scharlât,
swaz gezierde disiu werlt hât,
die næme ich niht für den wîn.
in hât in dem herzen mîn
Minne alsô behûset,
versigelt und verklûset:
wir mugen uns niht gescheiden.
swer mir in wolde leiden,
der mües immer haben mînen haz.
er kürzet mir die wîle baz 20
denn sagen, singen, seiten klanc.’
Dô huob er ûf unde tranc
ein trunc noch grœzer vil dann ê.
er sprach ‘gras, bluomen unde klê
und aller krûte meisterschaft,
die würze und aller steine kraft,
der walt und elliu vogelîn,
die möhten dîn, vil lieber wîn,
die liute niht ergetzen;
si möhten dich niht ersetzen
mit allem dem, daz si künnen,
ich wil dir gerne günnen,
daz du mir kürzest die zît.
swaz fröude mir diu werlt gît, 10
diu kumt vil gar von dîner tugent.
dîn lop hât immer jugent;
dîn werdekeit wirt nimmer kranc.’
Dô huob er ûf unde tranc
einen trunc alsô starc:
und solde er ein halbe marc
ze lôn dâ mit verdienet hân,
ern dörft niht bezzers hân getân.
‘beidiu ich und der wîn
müezen immer ensamt sîn, 20
mir ist an im gelungen.
er hât mich des betwungen,
deich ie tet swaz er mir gebôt.
der wîn ist guot für manige nôt.
künde er iht wan fröude geben,
diu werlt sold immer gein im streben.
sîn fröude ist vor allen dingen.
ich wil nâch fröuden ringen,
sît mir der wîn fröude gît.
nu wil ich ringen unz an die zît,
daz er mir sô vil fröuden gebe,
daz ich mit fröuden immer lebe:
wie kan ich denne verderben?
ich wil nâch fröuden werben.
des habe mîn lîp immer danc.’ 10
Dô huob er ûf unde tranc,
daz man mê solhes niht vernam.
er sprach ‘der herzoge Ytam,
der was gar âne wîsheit,
daz er einem wisent nâch reit,
er und sîn jäger Nordiân.
si soldenn wîn gejagt hân;
sô wærn si wîse, als ich pin.
mir ist vil samfter denne in;
ich kann jagen unde vâhen; 20
mich enmüedet niht mîn gâhen.
ich jage den vil lieben wîn;
des jäger wil ich immer sîn:
er hât mir ie sô wol getân.
swaz ich sîn her getrunken hân,
und swaz ich sîn noch immer tac
in mînen lîp geswelhen mac,
daz ist wan ein anevanc.’
Alrêst huob er unde tranc
vil manigen ungefüegen slunt.
‘wîn, mir ist dîn tugent kunt
ich erkenne wol dîne kraft,
dîn kunst und dîne meisterschaft.
du bist meister der sinne;
du liebest mir die minne; 10
du machest stæte manigen kouf,
du machest manigen wettelouf,
du machest maniger hande spil,
mit fröuden kurzewîle vil.
diu werlt ist gar mit dir erhaben.
du kanst die durstigen laben,
du machst die siechen gesunt.
sît du mir êrst würde kunt,
sô bin ich dir gewesen bî,
swie vil dîner diener sî, 20
daz mich doch niemen von dir dranc.’
Dô huob er ûf unde tranc,
daz die slünde lûte erklungen.
unde einander drungen.
dô wart von starken slünden
ein sturm, daz den ünden
diu drozze wart ze enge,
daz sich von dem wâcgedrenge
diu güsse begunde werren,
blôdern unde kerren
als ein windes prût ûf dem mere.
Dô huob er ûf unde tranc
ein trunc, der wart swære.
swie grôz diu kanel wære,
si was zem trunke niht volgrôz, 10
wan man zeiner nôt în gôz.
er hiez et vaste în giezen
und lie daz in sich vliezen,
daz dâ noch solhez niht geschach.
dô saz er nider unde sprach
‘der wîn ist rehte ein gimme.
ich hœre ein süeze stimme
in mînem houbet singen.
die hœre ich gerne klingen.
ez ist reht, daz ich in krœne. 20
er singet mêre süezer dœne
denn aller slahte klingen
und aller vogele singen,
mir wart solhes nie niht bekant.
er singt sô wol, daz Hôrant
daz dritteil nie sô wol gesanc.’
Dô huob er ûf unde tranc,
daz diu banc begunde krachen.
er sprach ‘des muoz ich lachen.
des ist ze lachen harte guot.
daz krachen freut mir den muot.
ez machet des wînes güete.
ich hân allez mîn gemüete
in den fröuden wol getrenket.
dar in hân ich mich gesenket.
ich sanc ie sît der stunde, 10
daz ich êrste trinken kunde
und mir der wîn sô wol geviel.
ich weiz wol daz dehein kiel
in daz mere sô tiefe nie gesanc.’
Dô huob er ûf unde tranc
einen vierschrœtigen trunc.
er sprach ‘ich pin worden junc
an lîbe unde an muote.
wol mich’ sô sprach der guote,
‘daz ich sô gar ein meister bin 20
an trinken, seht, daz heiz ich sin.
ich weiz wol, datz Parîs,
ze Padouwe und ze Tervîs,
ze Rôme und ze Tuscân
vindet man deheinen man,
ich ensî sîn meister gewesen,
daz mir nie gein einer vesen
ir deheiner möhte gelîchen.
halt in allen diutschen rîchen
kom mir nie deheiner zuo, 30
der beidiu spât unde fruo
sô wol an trinken tûre.
wînes nâhgebûre
wil ich hiute und immer wesen.
mîn sêle muoz mit ime genesen,
im ist mîn sêle immer holt.
swenne er schœne als ein golt
von dem zaphen schiuzet,
wie wênic mich des verdriuzet,
swaz man sîn in mich giuzet! 10
vil wol mîn lîp des geniuzet.
man sagt von turnieren:
vaste swelhen under vieren
daz kan ich wol; des hab ich danc.’
Dô huob er ûf unde tranc
ein trunc, der vil grôz was.
er sprach ‘swaz man ie gelas
von den, die minne pflâgen
und tôt von minne lâgen,
die wâren mir niht glîche wîs. 20
wie starp der künic Pârîs
der durh Helênam wart erslagen!
des tumpheit sol man immer klagen.
er solden wîn geminnet hân:
sô het im niemen niht getân.
vrô Dîdô lac von minnen tôt.
Grâlanden sluoc man unde sôt
und gab in der vrowen zezzen.
want si sîn niht wolde vergezzen.
Pîramus und Tispê,
den wart von minne sô wê,
daz si sich rigen an ein swert.
mîn minne ist bezzers lônes wert,
denn ir aller minne wære:
mîn minne ist fröudebære. 10
ich bûw der minne strâze.
mir ist baz denn Curâze,
der von minne in dem sê ertranc.’
Dô huob er ûf unde tranc
ein trunc mit grôzer île;
der wert unz an die wîle,
daz im diu gürtel zebrast.
er sprach ‘daz bant ist niht ein bast,
dâ mit ich zallen stunden
zuo dem wîne bin gebunden. 20
daz ist mîn sælde und mîn heil;
und sint ouch driu vil starkiu seil.
daz eine ist des wînes güete,
daz ander mîn stæte gemüete,
daz dritte ist diu gwonheit.
er mac mir nimmer werden leit:
ich muoz in immer minnen.
ich mac im niht entrinnen;
wie zebræche ich ein sô starken stranc!’
Dô huob er ûf unde tranc
sô sêre, daz si alle jâhen,
die sîn trinken rehte ersâhen,
swaz er getrunken het unz dar,
des solde man vergezzen gar:
der trunc behielte gar den prîs. 10
er sprach ‘diu werlt ist unwîs,
daz si niht ze wîne gât,
sô si deheinen gebresten hât,
und trunke dâ für allez leit,
für angest und für arbeit,
für alter unde für den tôt,
für siechtuom und für alle nôt,
für schaden und für schanden slac,
und für swaz der werlt gewerren mac,
für nebel und für bœsen stanc.’ 20
Dô huob er ûf unde tranc
sô sêr, daz sich diu kanel bouc.
‘swaz ie gevlôz ode gevlouc,
daz sol billîch erkennen mich.
die liute solten alle sich
ze mînem gebote neigen.
diu werlt ist gar mîn eigen.
ich hân gewaltes sô vil,
daz ich tuon daz ich wil.
swaz ich wil, daz ist getân,
deich allen mînen willen hân,
dâ von heiz ich ungenôz.
mîne tugende sint sô grôz;
wær der werlde sô vil mê,
daz daz mer und ieslich sê
als guot wær als daz beste lant, 10
daz müese stên ze mîner hant
und mües mir dienen âne wanc.’
Dô huob er ûf unde tranc
sô lange und sô sêre,
sô vil und dannoch mêre,
sô vaste und sô harte,
daz sich daz hemde zarte.
er sprach ‘des wirt guot rât:
ich weiz wol waz derwider stât;
ich kan wol wâfen mich.’ 20
er zôch ein hirzhals an sich:
den hiez er vaste brîsen;
darzuo von guotem îsen
ein vestez banzier enge.
er sprach ‘des wînes gedrenge
lât mich nu ungezerret.
ich hân mich sô versperret:
ern mac mich niht entsliezen.
des sol ich wol geniezen,
daz ich ze fröuden mînen lîp
getwungen hân, daz man noch wîp
sîn lîp sô sêre nie getwanc.’
Dô huob er ûf unde tranc.
Was ich von Trinken gesehen habe,
das war alles Kinderspiel;
einen Säufer jedoch hab ich kennen gelernt: 10
dem will ich die Meisterschaft zuerkennen.
Dem galten Becher für nichts,
er wollte von Näpfen noch Schalen etwas wissen:
er trank aus grossen Kannen.
Er ist vor allen Menschen
ein Vorläufer aller Zecher.
Von Auerochsen und Elenthieren
wurden solche Schlucke nie gemacht.
Jeder Zeit musste vor ihm stehn
eine grosse Kanne voll Wein.
Er sprach: ‘Wein, ich kenne dich wohl;
ich weiss wohl, dass du gut bist.
So lange von dir noch etwas im Fasse ist,
weich’ ich nicht von dieser Bank.’
Da setzte er an und trank
einen Trunk von zwanzig Schlucken.
Er sprach: ‘Nun will ich künden,
was du alles vermagst, viel lieber Wein. 10
Wie könnt es etwas volkommneres geben?
du besitzest Schönheit und grosse Güte,
du verleihst uns frohen Muth,
du machst den Zaghaften kühn.
Wer Deine Rüstung tragen will,
der wird weise und sparsam,
der wird schnell und stark,
er fürchtet Niemandes Dreun.
Du machst die Traurigen froh,
du giebst den Alten Jugendmuth, 20
du bereicherst den Armen ohne Gut,
du machst die Leute wohl aussehn.
Du bist auch selber gar schön:
du bist lauter und blinkend.’
Da setzte er an und trank
einen Trunk, der die andern übertraf,
er sprach: ‘Warum oder wie
sollt’ ich von dem Weine lassen?
Ich mag ihn recht wohl leiden,
da er allen meinen Willen thut.
Er dünkt mich besser als gut;
ich bekomme ihn nimmer satt.
Ich will ihn immerdar mehr loben
als Buhurdieren und als Tanz.
Nicht Krone, Kopfschmuck noch Kranz, 10
Seide, Sammet und Scharlachzeug,
nicht allem Putz, den diese Welt hat,
Gäb ich je den Vorzug vor dem Wein.
Ihn hat in meinem Herzen
die Liebe also einquartiert,
versiegelt und eingeschlossen,
dass wir uns nicht trennen können.
Wer mir ihn verleiden will,
den verfolge stäts mein Hass.
Er kürzt mir die Zeit besser 20
als Sagen, Singen und Saitenklang.’
Da hub er die Kanne empor und trank
einen noch viel grösseren Trunk als vorher.
Er sprach: ‘Gras, Blumen und Klee
und aller Kräuter Heilgewalt,
die Gewürze und aller Steine Kräfte,
der Wald und alle Vöglein,
die vermöchten dich nicht, mein lieber Wein,
bei den Leuten in Vergessenheit zu bringen;
sie könnten dich nicht ersetzen
mit alle dem, was sie vermögen.
Ich will dir gerne gönnen,
dass du mir kürzest die Zeit.
Die Freude, die mir die Welt verleiht, 10
die kommt durchaus von deiner Tugend.
Dein Lob hat ewige Jugend;
dein Werth wird nimmermehr krank.’
Da hub er die Kanne und trank
einen so gewaltigen Trunk:
ja hätte er eine halbe Mark
Belohnung damit verdient,
er hätt es nicht besser machen können.
‘Wir beiden, ich und der Wein,
Wir müssen immer beisammen sein! 20
Ich bin mit ihm ganz einig.
Er hat mich dazu gezwungen,
dass ich das stäts that, was er geboten.
Der Wein ist gut in mancher Noth.
Und vermöchte er auch nicht nur Freude zu geben,
die Welt sollte doch immer zu ihm streben.
Seine Freude steht über allen Dingen.
Ich will nach Freuden ringen,
da mir der Wein Freude giebt.
Jetzt ringe ich bis auf die Zeit,
dass er mir so viel Freuden giebt,
dass ich immerdar in Freude lebe.
Wie kann ich dann verderben?
Um Freude will ich werben.
Mein Leib empfange dafür Dank.’ 10
Da hub er die Kanne auf und trank
so gewaltig, dass man solches nie mehr erlebte.
Er sprach: ‘Der Herzog Itam
der war von Weisheit ganz verlassen,
dass er einem Wisent nachritt,
er und sein Jäger Nordian.
Hätten sie auf den Wein Jagd gemacht:
dann wären sie so weise, wie ich bin.
Mir geht’s viel leichter von der Hand als ihnen:
ich kann ihn jagen und fangen; 20
mich ermüdet nicht mein Hasten.
Ich jage den viel lieben Wein;
des Jäger will ich immer sein:
er hat mir stäts so wohl gethan.
Was ich seither getrunken habe,
und was ich dessen mein Lebtag auch
noch schlingen kann in meinen Bauch,
das ist ja nur ein Anfang.’
Erst recht nun hub er auf und trank
gar manchen ungefügen Schluck.
‘Wein, mir ist dein Wesen kund.
Ich kenne wohl deine Kraft,
deine Kunst und deine Meisterschaft.
Du bemeisterst die Sinne;
du reizest zur Minne; 10
du bestätigst manchen Kauf,
du machst manchen Wettlauf,
du treibst mancherlei Spiel,
mit Freuden unterhältst du viel.
Die Welt wird durch dich ganz erhaben,
du kannst die Durstigen laben,
du lässt die Siechen gesunden.
Seit deine Freundschaft ich gefunden,
so war ich bei dir immerdar,
wie gross auch deiner Diener Schar, 20
dass mich doch keiner bracht zu Wank.’
Da hub er die Kanne empor und trank,
dass die Schlucke laut erklangen
und stossend durcheinander drangen.
Da ward von der Schlucke Schwall
ein Sturm, dass dem Wogenprall
der Schlund ward zu enge,
dass in der Wellen Gedränge
die Fluth sich durch einander schlang,
ein wildes Rauschen erklang,
als führ die Windsbraut übers Meer.
Da hub er auf und trank
einen schweren Trunk.
Wie gross die Kanne auch war,
sie war für den Trunk nicht gross genug, 10
mit Mühe brachte man etwas hinein.
Da hiess er tüchtig hinein giessen
und liess das in sich fliessen,
dass so etwas noch nie geschehen.
Darauf setzte er sich nieder und sprach:
‘Der Wein ist ein wahrer Edelstein.
Ich höre eine süsse Stimme
in meinem Haupte singen;
die höre ich gerne klingen.
Es gehört sich, dass ich ihn kröne. 20
Er singt mehr süsse Töne
als aller Art Wohlklang
und aller Vögel Gesang.
Nie ward mir so etwas bekannt.
Er singt so schön, dass Horant
nicht den dritten Theil so schön gesungen hat.’
Da hub er auf und trank,
dass die Bank zu krachen begann.
Er sprach: ‘Darüber muss ich lachen.
Darüber ist gut lachen.
Das Krachen macht mir Vergnügen.
Das thut des Weines Güte.
Ich habe meine Seele
ganz in Freuden getränkt.
Da hinein hob ich mich versenkt.
Ich sank stäts von der Stunde an, 10
wo ich zuerst trinken konnte,
und mir der Wein so wohl gefiel.
Ich weiss wohl, dass kein Schiff
je in das Meer so tief gesunken.’
Da hub er die Kanne auf und trank
einen vierschrötigen Trunk.
Er sprach: ‘Ich bin jung geworden
an Leib und an Seele.
Wohl mir,’ so sprach der Gute,
‘dass ich solch ein Meister bin 20
im Trinken. Seht, das nenn ich mir Verstand.
Ich weiss wohl dort in Paris,
in Padua und Treviso,
in Rom und in Toscana
findet man keinen Menschen,
dessen Meister ich nicht wäre,
der sich auch nur ein Linschen
mit mir vergleichen könnte.
In allen deutschen Landen
ist mir nie einer begegnet, 30
der früh und spät
sich in Trinken so auszeichnete.
Mit dem Weine will ich heute und immerdar
gute Nachbarschaft halten.
Meine Seele muss mit ihm gesunden,
ihm ist sie immerdar hold.
Wenn er schön wie Gold
von dem Zapfen schiesst,
hei wie wenig mich das ärgert,
mag man noch so viel in mich giessen. 10
Meinem Leibe bekommt das sehr wohl.
Man redet viel von Turnieren:
tüchtig schlucken unter Vieren
kann ich wohl; das ist mein Fall.’
Da hub er die Kanne empor und trank
einen Schluck, der sehr gross war.
Er sprach: ‘Was man erzählt
von denen, die der Liebe pflagen
und von der Liebe todt gelegen,
die waren nicht so weise wie ich. 20
Wie starb der König Paris,
der um Helenas willen erschlagen ward?
Dessen Thorheit sollte man ewig beklagen.
Hätte er lieber den Wein geminnet,
so hätt’ ihm niemand etwas gethan.
Frau Dido fand durch die Liebe ihren Tod.
Graland wurde erschlagen und gesotten
und drauf seiner Herrin zu essen gegeben,
weil sie ihn nicht vergessen wollte.
Piramus und Thisbe,
denen geschah von der Liebe so viel Weh,
dass sie sich in ein Schwert stürzten.
Meine Liebe ist besseren Lohn werth,
als ihrer aller Liebe:
Meine Liebe ist freudebringend. 10
Ich wohne an der Liebe Strasse,
doch ist mir wohler als Curas,
der vor Liebe in der See ertrank.’
Da hub er die Kanne empor und trank
einen Trunk in grosser Eile,
den dehnte er so lange aus,
bis ihm der Gürtel zersprang.
Er sagte: ‘Das Band ist nicht von Bast,
womit ich jeder Zeit
mit dem Weine verbunden bin. 20
Das ist mein Glück und mein Heil;
und zwar sind es drei starke Seile.
Das eine ist des Weines Güte,
das andere mein starker Geist,
das dritte die Gewohnheit.
Niemals wird er mir leid,
ich muss ihn immer lieben.
Ich kann ihm nicht entrinnen.
Wie vermöcht ich einen so starken Strang zu zerreissen?’
Da hub er die Kanne auf und trank
so gewaltig, dass alle sagten,
die sein Trinken richtig sahen,
was er bis dahin getrunken hätte,
das sollte man ganz vergessen:
dieser Trunk verdiente den Preis vor allen. 10
Er sagte: ‘Die Welt ist unklug,
dass sie nicht zu Weine geht,
wenn sie irgend ein Gebresten hat,
und dass sie nicht gegen alles Leid trinkt,
gegen Angst und Mühsal,
gegen Alter und gegen den Tod,
gegen Siechthum und alle Noth,
gegen Schaden und der Schande Schlag,
und gegen alle Widerwärtigkeiten der Welt
gegen Nebel und schlimmen Gestank.’ 20
Da hub er empor und trank
so kräftig, dass sich die Kanne bog.
‘Was da fliesset und flieget,
soll mich billig anerkennen.
Die Leute sollten sich alle
meinem Gebote neigen.
Die Welt ist ganz mein Eigen.
Ich habe so viel Gewalt,
dass ich thue, was ich will.
Was ich will, das ist gethan,
so dass ich allen meinen Willen habe.
Davon heisse ich Ungenoss.
Meine Kräfte sind so gross,
wär der Welt so viel mehr,
dass das Meer und jeglicher See
so gut wäre wie das beste Land, 10
das müsste unter meiner Botmässigkeit stehn
und müsste mir ohne Wanken dienen.’
Da hub er die Kanne empor und trank
so lange und so gewaltig,
so viel und immer noch mehr,
so tüchtig und so heftig,
dass sein Hemd zerplatzte.
Er sprach: ‘Dem wird schon abgeholfen:
ich weiss wohl, was Allem widersteht;
ich kann mich wohl waffnen.’ 20
Er zog ein Koller von Hirschleder an,
da liess er sich fest hinein schnüren;
dazu von trefflichem Eisen
einen engen festen Panzer.
Drauf sagte er: ‘Des Weines Drängen
lässt mich nun ungezerrt.
Ich habe mich so versperrt:
er kann mich nicht mehr aufschliessen.
Das soll mir gut bekommen,
dass ich meinen Leib zum Vergnügen
mir eingezwängt habe, dass Mann
noch Weib sich nie so fest verschnürt haben.’
Und immer noch hub er die Kanne empor und trank.