WERNER DER GÄRTNER.

[Scherer D. 227, E. 218.]

Ein Dichter aus dem damals baierischen, jetzt österreichischen Innviertel, verfasste um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts den ‘Meier Helmbrecht’, eine baierische Dorfgeschichte. Herausgegeben von Haupt in seiner Zeitschrift, Bd. 4; von Lambel ‘Erzählungen und Schwänke’ Nr. 3.

Dô si dô mit freuden gâzen,

der wirt niht wolte lâzen,

er frâgte in der mære

wie der hovewîs wære

dâ er wære gewesen bî.

‘sage mir sun, wie der sî;

sô sag ich dir denne

wie ich etewenne

bî mînen jungen jâren

die liute sach gebâren.’

‘vater mîn, daz sage mir;

zehant sô wil ich sagen dir

wes dû mich frâgen wil:

der niuwen site weiz ich vil.’

‘Wîlen dô ich was ein kneht 10

und mich dîn ene Helmbreht,

der mîn vater was genant,

hin ze hove het gesant

mit kæse und mit eier,

als noch tuot ein meier,

dô nam ich der ritter war

und markte ir geverte gar.

sî wâren hovelîch unde gemeit

und kunden niht mit schalkheit,

als nû bî disen zîten kan 20

manic wîp und manic man.

die ritter heten einen site,

dâ liebtens sich den frouwen mite:

einez ist buhurdiern genant;

daz tet ein hoveman mir bekant,

dô ich in frâgte der mære

wie ez genennet wære.

si fuoren sam si wolten toben

(dar umbe hôrte ich si loben),

ein schar hin, diu ander her;

ez fuor diser unde der

als er enen wolte stôzen.

under mînen genôzen

ist ez selten geschehen

daz ich ze hove hân gesehen.

als si danne daz getâten, 10

einen tanz si danne trâten

mit hôchvertigem gesange:

daz kurzt die wîle lange.

vil schiere kam ein spilman;

mit sîner gîgen huop er an:

dô stuonden ûf die frouwen;

die möht man gerne schouwen;

die ritter gegen in giengen,

bî handen si si viengen.

dâ was wunne überkraft 20

von frouwen und von ritterschaft

in süezer ougen weide.

junkherren unde meide,

si tanzten frœlîche,

arme unde rîche.

alz des danne nie mê was,

sô gie dar einer unde las

von einem der hiez Ernest.

swaz ieglîch aller gernest

wolte tuon, daz vander. 30

dô schôz aber der ander

mit dem bogen zuo dem zil.

maneger freude was dâ vil:

ener jagte, diser birste.

der dô was der wirste,

der wære uns nû der beste.

wie wol ich etewenne weste

waz triuwe und êre mêrte

ê ez valscheit verkêrte!

die valschen und die lôsen,

die diu reht verbôsen

mit ir listen kunden, 10

die herrn in dô niht gunden

ze hove der spîse.

der ist nû der wîse,

der lôsen unde liegen kan;

der ist ze hove ein werder man

und hât guot und êre

leider michels mêre

danne ein man der rehte lebet

und nâch gotes hulden strebet.

als vil weiz ich der alten site. 20

sun, nû êre mich dâ mite

und sage mir die niuwen.’

‘Daz tuon ich entriuwen.

daz sint nû hovelîchiu dinc:

“trinkâ, herre, trinkâ trinc!

trinc daz ûz; sô trinke ich daz.”

wie möhte uns immer werden baz?

vernim waz ich bediute:

ê vant man werde liute

bî den schœnen frouwen:

nû muoz man si schouwen

bî dem veilen wîne. 10

daz sint die hœhsten pîne

den âbent und den morgen,

wie si daz besorgen,

ob des wîns zerinne,

wie der wirt gewinne

einen der sî alsô guot,

dâ von si haben hôhen muot.

daz sint nû ir minne:

“vil süeze lîtgebinne,

ir sult füllen uns den maser. 20

ein affe und ein narre waser,

der ie gesente sînen lîp

für guoten wîn umbe ein wîp.”

swer liegen kan, der ist gemeit,

triegen daz ist hövescheit;

er ist gefüege, swer den man

mit guoter rede versnîden kan;

swer schiltet schalclîche,

der ist nû tugentrîche.

der alten leben, geloubet mir,

die dâ lebent alsam ir,

der ist nû in dem banne

und ist wîbe und manne

ze genôze als mære

als ein hâhære.

âht und ban daz ist ein spot.’ 10

Der vater sprach ‘daz erbarme got

und sî im immer gekleit

daz diu unreht sint sô breit.

die alten turnei sint verslagen,

und sint die niuwen für getragen,

wîlen hôrte man kroyieren sô

“heyâ, ritter, wis et frô!”

nû kroyiert man durch den tac

“jagâ, ritter, jagâ jac!

stichâ stich! slahâ slach! 20

stümbel den der ê gesach;

slach mir dem abe den fuoz,

tuo mir dem der hende buoz:

dû solt mir disen hâhen,

und enen rîchen vâhen,

der gît uns wol hundert phunt.”

‘Mir sint die site alle kunt.

vater mîn, wan deich enwil,

ich trouwe dir gesagen vil

niuwan von den niuwen siten.

ich muoz slâfen: ich hân vil geriten;

mir ist hînte ruowe nôt.’

dô tâten si als er gebôt.

Als sie fröhlich assen,

da konnte der Wirth sich nicht länger zurückhalten,

er fragte ihn darnach,

wie man bei Hofe gelebt,

da wo er gewesen wäre.

‘Sage mir, Sohn, wie es damit steht,

so sag ich dir nachher,

wie ich einstmals

in meiner Jugend

die Leute sich benehmen sah.’

‘Vater, das sage mir,

so will ich sofort dir sagen,

was du mich fragen willst:

denn die neuen Sitten kenn ich sehr wohl.’

‘Früher als ich Knecht war, 10

und mich dein Grossvater Helmbrecht,

also mein Vater,

mit Käse und Eiern

nach Hof geschickt hatte,

wie die Meier noch thun,

da hab ich mir die Ritter angesehen

und ihr Treiben genau beobachtet.

Sie waren höfisch und fröhlich

und wussten nichts von niedriger Gesinnung,

die in unseren Tagen 20

manche Frau und mancher Mann besitzt.

Die Ritter hatten eine Gewohnheit,

womit sie sich bei den Damen beliebt machten:

das hiess ‘buhurdieren’;

so erklärte mir ein Diener bei Hofe,

als ich ihn darnach fragte,

wie das Ding genannt würde.

Sie jagten wie die Verrückten

(und dafür hört ich sie noch loben),

eine Schaar hin, die andere her;

der eine fuhr auf den andern los,

als wollte er ihn stossen.

Unter meines Gleichen

ist das nie geschehen,

was ich da bei Hof gesehen habe.

Als sie damit zu Ende waren, 10

da traten sie einen Tanz

unter heiterem Gesange:

das vertrieb die lange Weile.

Nun kam gleich ein Spielmann;

Sobald der zu geigen anfieng,

da erhoben sich die Damen;

es war eine Lust sie zu sehen;

die Ritter giengen ihnen entgegen

und fassten sie bei den Händen.

Da war an Wonne Überfluss 20

von Frauen und Ritterschaft

zu süsser Augenweide.

Junker und Mägdlein

tanzten fröhlich,

Arm und Reich durcheinander.

Als das nun vorüber war,

da kam einer und las vor

von einem Namens Ernst.

Jeder konnte thun,

wozu er am meisten Lust verspürte. 30

dort schoss wieder einer

mit dem Bogen nach dem Ziel.

Da gab es vielerlei Lustbarkeiten:

der eine jagte, der andere pirschte.

Und wer damals nicht viel bedeutete,

der wäre für uns heute noch der beste.

Wie wohl ich mich damals darauf verstand,

was Treue und Ehre zu mehren in Stande ist,

ehe Falschheit es in’s Gegentheil verwandelte!

Die Falschen und die Schlimmen,

die ihre Künste darauf gerichtet,

das Recht zu stürzen, 10

ihnen gönnten die (adelichen) Herren

damals bei Hof nicht einen Bissen.

Heute ist der weise,

der lügen und trügen kann;

der ist bei Hof ein angesehener Mann

und besitzt leider

weit mehr Gut und Ehre,

als ein Mann, der schlecht und recht lebt

und nach Gottes Huld strebt.

So viel weiss ich vom alten Brauch. 20

Mein Sohn, nun erweise mir die Ehre

und berichte mir von dem neuen.’

‘Das will ich thun meiner Treu.

Jetzt heisst das höfisches Benehmen:

“Trink zu, Herr, trink nur, trink!

trink den aus; ich trinke nach.”

Wie möcht’ es uns jemals besser ergehn?

Höre nur, was ich erzähle:

ehedem fand man anständige Männer

bei schönen Frauen:

jetzt muss man sie

bei feilem Weine suchen. 10

Das sind ihre grössten Schmerzen

am Abend und am Morgen,

wie sie es fertig bringen,

dass, wenn ihnen der Wein zu Ende geht,

der Wirth einen anschafft,

der ebenso gut ist,

daran sie sich ergötzen können.

Das ist heute ihre Liebe:

“Viel süsses Kellnermädchen,

füllt uns die Kanne! 20

Ein Affe und ein Thor war der,

der je in Sehnsucht seinen Leib verzehrt

nach einem Weibe statt nach gutem Wein.”

Wer lügen kann, der ist flott;

trügen, darin besteht die rechte höfische Lebenskunst;

es ist ziemlich, dass man den Leuten

mit geschickter Rede die Ehre abschneidet;

wer boshaft klatscht,

der ist heut tugendreich.

Der Alten Weise, glaubt mir nur,

die so leben wie ihr,

die ist heut verpönt,

und Frauen und Männer

wünschen sie

zum Henker.

Über Acht und Bann macht man sich lustig.’ 10

Der Vater sprach ‘Das erbarme Gott,

ihm sei’s ewig geklagt,

dass das Unrecht sich so breit macht.

Die alten Turniere sind dahin,

an ihre Stelle sind neue gesetzt.

Ehedem hörte man solch Feldgeschrei:

“Heisa, Ritter, sei wohlgemuth!”

Nun rufen sie den lieben langen Tag:

“Jage zu, Ritter, jage doch, jage!

Stich doch, stich! schlag zu, schlag! 20

verstümmle den, der vordem sehen konnte;

hau mir dem den Fuss ab,

hilf mir dem von den Händen:

diesen sollst du mir aufhenken,

den Reichen dort fangen,

der giebt uns wol hundert Pfund (als Lösegeld).”

‘Mir sind die Bräuche alle wohlbekannt.

Wollte ich, lieber Vater,

so konnte ich dir noch viel erzählen

nur von den neuen Bräuchen;

doch ich muss schlafen: ich bin weit geritten;

mir thut heut abend Ruhe noth.’

Da thaten sie, wie ers haben wollte.