JACOB TWINGER VON KÖNIGSHOFEN.

[Scherer D. 267, E. 262.]

Geboren zu Strassburg 1346, trat in den geistlichen Stand, starb 1420 zu Königshofen. Er schrieb eine grössere Chronik, die bis auf das Jahr 1415 reichte, und eine kleinere, die bis auf das Jahr 1391 reichte. Er folgt meist der Chronik Closeners. Herausgegeben von Hegel, ‘Chroniken der deutschen Städte viii und ix’ (Leipzig 1870, 1871).

VON DER GRÔSSEN GEISCHELFART.

Dô men zalte M. CCC. xlix. jôr, viertzehen nacht nôch sungichten[574], dô kôment gên Strôsburg wol CC. geischelære[575]; die hettent leben und wîse an in alsô ich hie ein teil sagen wil. Zuom êrsten sô hettent siu gar kostbere vanen von samîttüechern und von baldeken[576], ûf[577] zehen oder acht vanen, und alsô menige gewunden kertzen: die truog men in vor wô siu in stette oder in dörfer giengent, und stürmede alle glocken gegen in. und die geischelære giengent den vanen nôch ie zwêne und zwêne mittenander, und hettent alle {10} mentelîn an und hüete ûf mit rôten criucen. zwêne sungent vor und denne die andern alle nôch. und ir leis[578] und ir gesang was alsô.

Nu ist die betevart[579] alsô hêr[580].

Crist reit selber gên Jerusalêm;

er füerte ein criuce in sîner hant.

nu helfe uns der heilant!

Nu ist die betevart alsô guot.

hilf uns, herre, durch dîn heilges bluot

das du an dem criuce vergossen hest

und uns in dem ellende gelôssen hest.

Nu ist die strôsse alsô bereit 20

die uns zuo unser frowen treit[581],

in unser lieben frowen lant.

nu helfe uns der heilant!

Wir sullent die buosse an uns nemen,

das wir gotte deste bas gezemen[582]

aldort in sîns vatter rîch.

des bitten wir dich alle glîch.

sô bitten wir den heilgen Crist

der aller welte gewaltig ist.

Sô siu alsus in die kirchen kôment, sô kniuweten[583] siu nider und sungent:

Jhêsus der wart gelabet[584] mit gallen:

des sullent wir alle an criuce vallen. 10

und dô vielent siu alle criucewys an die erden das es clapperte. und sô siu ein wîle alsus gelôgen, sô huop ir vorsenger an und sang:

Nu hebent ûf iuwer hende,

das got dis grôsse sterben wende.

Nu hebent ûf iuwere arme,

das sich got über uns erbarme.

und denne stuondent siu ûf, und dôtend sus dristunt[585]. und denne luodent siu die liute heim zuo imbisse[586], und eins luod zweinzig, {20} eins zehen, und ieglîches nôch sînen statten, und buttentz in wol[587].

Und dis was ir regel. Wer in die bruoderschaft wolte und an die buosse tretten, der muoste xxxiiij. tage dar inne sîn und blîben, und muoste alsô vil phennige hân, das ime alle tage vier phennige an geburtent[588]: das wôrent xj. schillinge phennige und vier phennige. und dar umbe sô entorstent siu nieman heischen[589]. siu getorstent ouch keine herberge heischen noch in kein hûs komen, men lüede[590] in denne drin, und füerte siu denne ône heischen drin. siu getorstent ouch zuo keiner frowen gereden. welcher aber das brach, der kniuwete vor sînen meister und bîchtet es ime. sô satte {30} ime der meister buosse und sluog ime mit der geischeln ûf sînen rucke und sprach:

Stant ûf durch der reinen martel[591] êre,

und hüete dich vor den sünden mêre.

Siu hettent ouch ein gesetzede das siu phaffen under in hettent: aber ir keiner solte meister under in sîn noch an iren heimelîchen rôt gôn.

Wenne siu nu woltent büessen: alsô nantent siu das geischeln; das was zuom tage zwürent[592], früege und spôte; sô zogetent siu zuo velde ûs: sô liute men die glocken, und giengent ie zwêne und zwêne und sungent iren leich alsô vor geseit ist. und wenne siu kôment an die geischelstat, sô zugent siu sich ûs nacket und barfuos untz an die bruoch[593] und dôtent kittele oder wîsse lînen an, und die giengen in von dem nabel untz ûf die füesse, und leitent sich nider {10} an einen wîten creis. und wie ieglîcher gesündet hette, dernôch leit er sich. was er ein meineidiger bœsewicht, sô leit er sich ûf eine sîte und rekete sîne drîe vingere ûf. was er ein êbrecher, sô leit er sich ûf den bûch. sus leitent siu sich in meniger hande wîs nôch maniger hande sünde. dô by erkante men wol was sünde ieglîcher getôn hette. sô siu sich alsus hettent geleit, sô vieng ir meister an wô er wolte und schreit über einen und rüerte in mit sîner geischeln und sprach:

Stant ûf durch der reinen martel êre,

und hüete dich vor den sünden mêre.

{20} Sus schreit er über siu alle, und über welchen er schreit, der stuont ûf und schreit dem meister nôch über die vor ime lôgent, untze siu alle ûf gestuondent. und sungent denne und geischeltent sich mit riemen: die hettent vornân knöpphe und nôlden[594] dar in gestecket; und sungent maniger hande leis. die stônt in der crôniken ûf unser frowen hûs geschriben: dar umbe lôsse ich siu hie under wegen durch kürze willen. und wenne siu sich alsus gegeischeltent und gesungent, sô las einer under in einen brief; und siu sprôchent der engel hette in von himel her abe brôcht. und in dem briefe stuont wie das got erzürnet wære über der welte sünde und wolte siu hân {30} under lôssen gôn: dô wurde er gebetten von sîner muoter und von sînen engeln das er sich solte erbarmen über die welte; und vil anders dinges stuond in dem selben briefe geschriben. und wenne der brief gelesen wart, alsô zogetent siu wider in die stat singende ie zwêne und giengent iren vanen und kertzen nôch.

Ouch wenne siu sich geischeltent, sô wart gar grôs zuo loufen, und das volk weinte und hette grôsse andâht: wan das volk wônde[595] und gloupte das der brief von dem himele her abe wære komen, und alles das siu seitent, das es alles wôr wære. und wenne die phaffen sprôchent wô by men erkennen solte das die geischelvart gerecht wær und wer den brief besigelt hette, dô entwurtent siu und sprôchent wer die ewangelien besigelt hette. Sus brôchtent siu die liute das zuo, das men den geischlæren mê gloubete denne den priestern. und wô siu in die stette kôment, dô kam gar vil volkes in ire bruoderschaft, die ouch geischelære wurdent.

{10} Zuo Strôsburg kam mê denne tûsent manne in ire geselleschaft, und siu teiltent sich zuo Strôsburg: eine parte der geischelære gieng das lant abe, die ander parte das lant ûf. und kam sô vil volkes in ire bruoderschaft, das es verdrôs den bôbest und den keiser und die phafheit. und der keiser verschreip dem bôbeste das er etwas hie zuo gedæchte: anders die geischeler verkêrtent alle die welt. wan siu nôment sich grôsser heilekeit an, und sprôchent das grôsse zeichen durch siu geschæhent. und men truog zuo Strôsburg ein dôt kint umbe iren ring dô siu sich geischelten, und woltent es lebendig hân gemachet: aber es geschach niut. dise {20} geischelvart werte lenger denne ein halp jôr, das alle wuche etwie menige schar kam mit geischelern. dô nôch machtent sich ouch frowen ûf und giengent ouch after lande und geischeltent sich. dô nôch fuorent junge knaben und kint ouch after lande in der geischelvart. dô nôch woltent diu von Strôsburg niut mê gegen in stürmen[596], und men wart ir alsô müede, das men diu niut mê zuo hûse luot alsô vor. und men geriet sagen den falsch und die trugende dô mit sin umbe giengent, und das der brief ein lugener was den siu bredigetent. und ze jungest verbôt der bôbest ire vast und gebôt allen bischoven das siu in iren bistuomen soltent die geischeler {30} abe duon und verbieten. und zuo Strôsburg gebôt men ouch das kein geischeler geturste mê das komen; und wer sich geischeln wolte, der solte sich heimelîch in sîme hûse geischeln wie vil er wolte. sus nam die geischelvart in eime halben jôre ein ende: die solte nôch ire sage geweret hân xxxiiij. jôr.