Fünftes Kapitel.
Hochebene von Dïeng. Vulkane. Solfataren. Tempel. — Vogelscheuchen. — Tempel Perot. — Affengemeinde. — Bad. — Fliegende Hunde. — Borobudor. Pavon. Mundut. — Sultan von Jokjokarta und seine Familie. — Salzgewinnung. — Karang-tritis. — Getäuschter Gastfreund. Landpächter. — Indigofabriken. — Begräbnissplatz Imogiri. — Tempel bei Kalasan und Prambanan. — Surakarta. — Der Kaiser und sein Hofstaat. — Betelkauen. — Pangerans. — Tanz. — Der alte Blücher. — Batek. — Berg Lawu. Raden Rio. — Neujahrsfest in Surakarta.
Von Banjumas führt eine schöne Strasse im Serajuthal auf der linken (südl.) Seite des Flusses nach Bandjar-negara. Der Ort hat eine sehr hübsche Lage. Den Hintergrund bildet eine Berglandschaft mit schönen vulkanischen Profilen, überragt vom Sindoro und Sumbing, den beiden Brüdern, wie sie die Schiffer nennen, die sie von der Rhede von Samarang erblicken; im Vorgrund ziehen sich die Terrassen der Reisfelder an den Seiten der steilsten Hügel hinan. Eine Wasserleitung, die Bandjar-negara mit gutem Trinkwasser versorgt, überschreitet in doppelter Bogenreihe den Fluss und sieht fast wie ein Römerwerk aus. Der Fahrweg folgt dem Laufe des Flusses bis Wonosobo; ich setzte aber die Reise zu Pferde über Karang-kobar und Batur nach dem berühmten Plateau von Dïeng fort. Gleich bei Bandjar-negara führt eine malerische Bambusbrücke über den Fluss.[92] In einem kleinen Warong daneben sah ich Yams (Dioscorea sp.) von intensiv violetter Farbe feil bieten.
Hier beginnt die Strasse, die in Bezug auf grossartige Landschaften wohl jede andre in Java übertrifft: zwischen Hügeln, die ganz mit Sawas bedeckt sind, erheben sich kühne Felsen; einer derselben, der Gunong-labet, besteht aus dem Rest einer einzigen riesigen, konzentrisch schaligen Trachytkugel. In weiterer Ferne thürmen sich durch tiefe Schluchten zerrissene Gebirge immer höher auf bis zum Slamat, dessen 10,630' hoher Gipfel alles überragt. Hinter Karang-kobar wird die Landschaft noch ernster, die fast kahlen Berge zeigen ihre Modellirung um so deutlicher. Für Reisfelder ist es hier oben zu kalt; Mais, Tabak, Weizen und Gemüse treten an ihre Stelle. Auch Bambusen sieht man wenig in dieser Höhe, deshalb führen hölzerne Brücken über die Bäche. Von den Häusern sind die besseren aus Holz, die ärmeren aus Glaga, dem mehrfach erwähnten Rohr, die Wände bestehen aus den Halmen, die Dächer aus den Blättern.
BRÜCKE AUS BAMBUS U. ROTANG. WONOSOBO, JAVA.
Bei Batur (5000') betritt man im NW. die Hochebene von Dïeng, Javas phlegräische Felder. Der Weg führt zuerst durch braune Tuffschluchten, ganz wie bei Rom, und das Plateau ist kahl wie die Campagna. Links von der Hauptstrasse liegt Kawa-dringu, eine Vertiefung in einem Bergabhang, der aus abwechselnden Lagen von Rapilli und Trachytblöcken besteht, ein graubrauner Schlammsee, etwa 20' lang und 50' breit bedeckt den Boden; die Dampfentwickelung ist so heftig, dass der Schlamm stellenweise 4 Fuss in die Höhe geworfen wird. In geringer Entfernung, NzO., liegt Telaga-dringu, ein Wasserbecken im Boden eines alten Kraters mit etwa 120' hohen, sanft ansteigenden Wänden. Das Wasser ist nicht tief, selbst aus der Mitte ragen Binsen hervor. Der westliche Abhang ist mit Gras, der östliche mit Gesträuch und Bäumen bewachsen, die sich in Gruppen bis auf eine etwas erhabenere Felsbank in den See hineinziehen, auf welchem viele Tauchenten den Fischen nachstellten.
Sumor-djalatunda, Junghuhn nicht bekannt, daher auf seiner Karte von Dïeng nicht angegeben, liegt ca. 11/2 Paal in gerader Linie östlich von Batur, SSW. von Kaputschuan. Dicht dabei schneidet die Strasse Batur-Dïeng am Kali-puti (weissen Bach), der aus der Kawa-dringu kommt und hier am äusseren Abhang des Sumor vorbeifliesst; hier hat er schon alles Sediment unterwegs abgesetzt, ist völlig klar, kalt und geruchlos. Sumor (Brunnen) wird dieser Kratersee genannt, der ringsum von fast senkrechten, üppig bewaldeten Wänden eingefasst ist. Der See, der den Boden einnimmt, ist oval, seine grösste Länge in der Richtung von N. nach S. beträgt gegen 100', sein Wasser ist dunkelgrün. Das ganze Becken erinnert sehr an Telaga-warna am Megamendong, nur betritt man dies letztere im Niveau des Wassers durch eine Spalte in der Kraterwand, während hier das Seebecken unzugänglich ist. Die Wände sind 130–150' hoch und ringsum geschlossen, wie der Kessel eines Brunnens. Die äusseren Abhänge dieses Kraters bestehen an der einzigen Stelle, wo ich sie entblösst fand, aus sehr feinen weissen Tuffen, in welchen einige Schichten trachytischer Rapilli vorkommen.
Vierhundert Schritt östlich ist das Todtenthal. Im Boden eines Kraters mit sanft geneigten Wänden, die mit Gras und Bäumen bewachsen oder mit Kohl und Tabak bepflanzt sind, liegt halb vergraben in der Rapillischicht, die den Boden bildet, ein grosser, flacher Stein, der schönste Trachytporphyr, den ich bis jetzt auf Java getroffen; dies ist die Stelle, wo früher die Mofette (siehe S. [147], Anmerkung) am heftigsten war. Ein paar Kulis erwarteten uns hier mit einem Hund und einem Huhn, um zu versuchen, ob die Ausströmung des Gases hinreichen würde, die Thiere zu betäuben; diese empfanden aber gar keine Wirkung. Der Auftritt erinnerte lebhaft an die neapolitanischen, zum Prellen der Fremden ersonnenen Kunststückchen in der Hundegrotte; hier war es indessen eine uneigennützige Aufmerksamkeit des Häuptlings. Die Ausströmungen scheinen fast ganz aufgehört zu haben, nur periodisch bemerkt man noch Spuren, wie sich aus einigen am Boden liegenden gebleichten Skeletten, sämmtlich kleinen Thieren angehörend, schliessen liess. Der schönste Sonnenschein beleuchtete die Kohlfelder dieses nach den Schilderungen des älteren Darwin so grausigen Ortes.
Telaga-leri. Von üppigem Wald umschlossen, mit schön bewachsenen Inseln geschmückt, breitet sich ein grosser Schlammsee aus, mit graugrün schimmerndem, heftig wallendem Wasser, aus welchem hohe Dampfwolken aufwirbeln. Durch die ringsum thätigen, das Gestein zersetzenden Solfataren sind unzählige Buchten, Inseln und Landzungen entstanden. Der Mittelpunkt der vulkanischen Thätigkeit liegt gegenwärtig am Ostufer, aus dessen Sprudeln und Pfützen mehrere siedend heisse Bäche abfliessen, so dass wir die Eier und Kartoffeln zu unserer Mahlzeit durch Eintauchen darin kochen konnten. Mitten in dieser Verwüstung steht ein Schuppen, zwischen dessen Dielen eine dichte Vegetation von Faseralaun effloreszirt, der auch um denselben einen Teppich bildet. Dicht am Ostrande, unmittelbar neben den kochenden Wassern fliesst ein klarer, kalter, reiner Bach vorbei. Gegen Abend erreichten wir das eigentliche Plateau von Dïeng, ein ovales, ringsum von Bergen eingeschlossenes Thal. Indem wir über seine Fläche nach dem am jenseitigen Abhang (im Osten) gelegenen Pasanggrahan ritten, zeigten sich in geringer Entfernung von uns, zur Rechten, 4 kleine 20–25' hohe Tempel in einer Reihe, und ein fünfter, kleinerer, etwas seitwärts.[93]
Auf der Südseite des Plateaus erhebt sich am Abhang eines kleinen Hügels der mit schöner Skulptur reich verzierte Tempel Werkodoro und hinter ihm eine trotz ihrer Entstehung durch Solfataren liebliche Landschaft: kleine türkisblau und smaragdgrün glänzende Seen in blendend weissem Tuffboden von einer zackigen Bergwand umschlossen. Die Sohle des Thales von Dïeng ist an vielen Stellen versumpft, man kann aber grosse Strecken weit auf Lavafliesen gehen, überall liegen Trümmer behauener Steine umher. Auf den Abhängen stehen noch mehrere kleine mit Gesträuch bewachsene Tempel, die meisten sind aber umgestürzt und bilden nur noch Schutthaufen. Die gewaltigen Naturerscheinungen, die hier in seltener Fülle als Vulkane, Solfataren, kochende Seen auftreten, scheinen dem religiösen Aberglauben grossen Vorschub geleistet, die Bildung einer mächtigen Priesterkaste begünstigt und die Gründung zahlreicher Tempel veranlasst zu haben. Junghuhn entdeckte hier eine merkwürdige Inschrift, von der bis jetzt nicht ausgemacht ist, welchem Volk und welcher Zeit sie zugeschrieben werden muss. — Ein mit dem Brahma- und Buddhakultus und seinen Monumenten vertrauter Forscher würde gewiss hier sowohl als weiter östlich in Java ein reiches Feld für seine Thätigkeit finden.
Die ganze Nacht hindurch wüthete ein heftiger Sturm aus Ost, der einen Theil des Pasanggrahans abdeckte; er hielt den ganzen Tag über an und legte sich erst gegen Abend. Der Wind war kalt und unbequem in dieser Höhe (über 6000') und noch unangenehmer auf den Bergen, die sich aus dem Plateau erheben und wie dieses baumlos sind. Die aus der heissen Ebene mit heraufgekommenen Leute froren den ganzen Tag trotz der reichlichen Bewegung; die hier oben Ansässigen aber ertrugen die Kälte sehr gut, und völlig nackte kleine Jungen kauerten müssig vor den Häusern in anscheinender Behaglichkeit. Wir verliessen das Kesselthal von Dïeng im Süden und ritten an dem schönen Tempel Werkodoro und dem tiefblauen See Telaga-warna vorbei, der etwas nach Schwefelwasserstoff roch. Bevor wir den Vulkan Pakuodjo erreichten, sahen wir rechts von der Strasse einen hohen Felspfeiler, Gunong-batu, von wo aus man eine schöne Uebersicht des Pakuodjo hat, der aus einem geschlossenen Krater und einer grossen Schlucht besteht. Der Sturm war jetzt so heftig, dass wir den Gipfel nicht besteigen konnten. Der Boden des Kraters ist ganz flach, mit einer hohen Erdschicht ausgefüllt, auf dem das herrliche rothe Rhododendron Javanicum in ziemlicher Menge unter andern Sträuchern wächst. Eine niedrige Zwischenwand führt in die daneben liegende Schlucht. Diese streicht von S. nach N. mit steilem Fall; in der Mittellinie derselben zieht sich ein grosser gewölbter Schuttberg herab und stürzt sich im N. über den flachen Rand. Er sieht von ferne täuschend wie ein erstarrter Lavastrom aus, ist aber nur das Ergebniss der höher oben an den Bergwänden thätigen Solfataren, die das Gestein zersetzen und in grossen Blöcken oder als Schuttmassen hinabstürzen; so entsteht ein langer, schmaler Rücken von Bergtrümmern, der durch die Wirkung des herabrieselnden Wassers auf der stark geneigten Sohle allmälig weiter geschoben wird. Der Boden des daneben liegenden Kraters ist viel höher und wird durch das an seinen Wänden zersetzte Gestein immer mehr aufgehöht, da sein Rand völlig geschlossen ist. (Mittags im Schatten 12,8°R.)
Von hier besuchten wir die am Fuss des Berges Pangonan gelegene Solfatara Tjondro di muka, wo im Jahre 1834 ein Kontrolör in den heissen Schlamm einsank und, obgleich schnell herausgezogen, an den Brandwunden starb. Die Stelle ist durch einen Stock bezeichnet, der von Zeit zu Zeit erneuert wird; die Eingebornen nennen auch wohl die ganze Solfatara „tuwan Kontrolör punja tjelaka” (das Unglück des Herrn Kontrolör). Sie nimmt den Grund eines alten Kraters ein, dessen Wände fast zerstört sind und dessen Boden mit grünem Rasen bedeckt ist, mit Ausnahme derjenigen Stellen, wo die Fumarolen thätig sind. Am Abhange des Berges Pangonan, dicht bei Tjondro di muka, ist eine ähnliche Solfatara, aus welcher ein grosser Schlammstrom herabgeflossen ist, der jetzt im verhärteten Zustande auf den ersten Anblick wie ein Lavastrom aussieht. Auch zeigt er an den Stellen, wo der Abhang steiler ist, die eigenthümliche strickförmige Textur schnellgeflossener Laven. Verfolgt man den Strom nach oben, so findet man auf einem flachen Absatz des Bergabhanges neben mehreren noch kochenden Schlammseen ein entleertes Becken mit zerborstener Wand als Ursprung des erwähnten Schlammstromes. Der Berg Pangonan enthält zwei Krater; in den südöstlichen kann man hineinreiten, sein Boden ist sehr versumpft, weshalb ein gleichnamiges Dorf, das früher darin stand, verlassen wurde. Auf den flachen Terrassen, die den Kessel fast in seinem ganzen Umfange umgeben, wurde Mais, Tabak und Kohl gebaut, der Boden war mit Binsen und grobem Gras, die Pfützen mit Brunnenkresse bedeckt. Von zehn kleinen Tempelchen, welche Junghuhn's Karte auf dem äusseren Abhang angiebt, fand ich nur noch drei aufrecht, und den Schutthaufen eines vierten. Sie sind im Grundriss quadratisch, jede Seite von 2,25 Meter Breite und 5,34 M. Höhe, die Eingänge 0,85 M. breit, 1,83 M. hoch. Ringsum ist der Boden mit behauenen Steinen und zertrümmerten Skulpturen bedeckt. Der Boden des Nebenkraters wird fast ganz von einem See ausgefüllt, Telaga-werdoto der Junghuhn'schen Karte, die Eingebornen nannten ihn aber Merredada. Vom Zwischenrücken übersah man die Topographie des Berges mit einem Blick. Der Abhang des Pangonan fasst die W.-Seite des Plateaus von Dïeng ein und grenzt im N. an die Strasse Batur-Dïeng; jenseit derselben und des Baches Dolog, im N., erhebt sich ein anderer erloschener Vulkan, der Pager-kendeng. Am SW.-Abhange dieses Berges liegt das früher beschriebene Telaga-leri; ein bequemer Reitweg führt über die Kratermauer auf den Boden des Pager-kendeng-Kraters, in welchem sich einige Menschen in elenden Hütten aus Farnstämmen und Glaga angesiedelt hatten. Sie leben vom Anbau und der Bereitung des Ricinusöls und Tabaks. Die Tabakbereitung ist sehr einfach. Die grünen Blätter werden zusammengerollt, viele Rollen über einander zwischen zwei senkrecht neben einander befestigte Bretter gelegt, fest gedrückt und nach und nach vorgeschoben, wobei der die Bretter überragende Theil mit einem scharfen Messer abgeschnitten wird, wie beim Häckselschneiden. Die Streifen sind nicht dicker als ein Zwirnfaden. Man trocknet sie zuerst an der Sonne, später über Feuer. Eine weitere Behandlung erfährt der Tabak nicht; er wird hauptsächlich zum Kauen verwendet, für sich allein oder mit Betel vermischt, auch macht man Cigaretten daraus, indem man ihn in junge Seitenblätter der Nipapalme wickelt. Am Nordostabhang liegt die Solfatara Panduh oder Sepanduh, die wir erst bei völliger Dunkelheit erreichten. Die schwierigsten Stellen der Strasse nach Dïeng wurden beim Schein der Fackeln zurückgelegt, die schnell improvisirt waren, indem die Kulis im Vortrab ohne Weiteres grosse Bündel Glaga aus den Umzäunungen rissen und anzündeten.
TEMPEL PEROT. JAVA.
Leider konnte ich in Dïeng nicht länger verbleiben, da meine Ankunft in Wonosobo bereits angemeldet war. Wir ritten in SSO.-Richtung zuerst durch tief eingeschnittene Tuffwände nach Badak-banteng, kamen Abends nach Telaga-mendjer, einem den Eifeler Maaren ganz ähnlichen Wasserbecken in weissem Tuff, und am folgenden Tage nach Wonosobo. Auf einem Maisfelde sah ich ein eigenthümliches System von Vogelscheuchen: senkrecht gegen die Richtung eines schnellen Baches waren lange Reihen schlanker Bambushalme in den Boden gesteckt, von deren übergebogenen Spitzen lange in der Sonne stark glänzende Pisangblattstreifen herabhingen. Die Spitzen der Bambusen jeder Reihe waren durch eine straffe Schnur verbunden, die aber, wo sie den Bach überschritt, sich bis in das Wasser hinabsenkte und ein dünnes Brett trug, das von dem Wasser hin- und hergeschleudert wurde, und die ganze Reihe Vogelscheuchen in Bewegung setzte.
Von Wonosobo aus bestieg ich den wegen seiner schönen regelmässigen Kegelform ausgezeichneten Gunong-sindoro. Am Nordost-Abhang hinabsteigend, erreichte ich spät Abends Adiredjo, wo ich bei dem Bedana nach langem Zögern nicht sehr freundliche Aufnahme fand, da mein Besuch nicht amtlich angemeldet war.
Ganz in der Nähe liegen zwei kleine zierliche Tempel, Perot und Prengapus. Den Tempel Perot hat ein Feigenbaum zu seinem Postament erwählt und mit einem Netz von Luftwurzeln umstrickt; er erhebt sich darauf als eine dicke cylindrische Säule, die erst in 100' Höhe eine mächtige Blätterkrone trägt. Da er bisher nie abgebildet worden, so nahm ich eine sehr genaue Zeichnung davon auf. Am Nachmittag besuchte ich die Quelle des Progo, der die Provinz Kadu, „den Garten von Java”, bewässert und am Fuss von Borobudor vorbei, in den indischen Ozean fliesst. Die schöne Quelle, die klar und sehr wasserreich aus einer mit Farnen dicht bewachsenen Lavahöhle hervorbricht, geniesst bei den Javanen hohe Verehrung. Kaum waren wir angekommen, als von den umliegenden Bäumen eine Anzahl Affen (Semnopithecus maurus) herabstieg und zutraulich dreist uns umringte. Wir fütterten sie mit Mais. Diese Kolonie halbzahmer Affen existirt nach der später noch mehrfach bestätigten Aussage des mich begleitenden Häuptlings schon seit alter Zeit und überschreitet nie die Zahl 15; heute waren ihrer zwar eigentlich 16, da eine garstige alte Aeffin ein Junges trug, das unter dem Bauch der Mutter hing und den Kopf ängstlich hervorstreckte. Ist das Junge aber herangewachsen, so wird es gezwungen, die Kolonie zu verlassen, wenn es nicht ein anderes schwächeres Individuum zum Austritt zwingen kann; es werden nie mehr als 15 geduldet, so wenigstens erzählte man mir allgemein. Die Nacht brachte ich bei einem vornehmen Javanen, dem Regenten von Temangung, zu, und begleitete ihn am andern Tage zu einem ächt javanischen Bade. Wir ritten 11/2 Paal weit nach einem krystallhellen Quell inmitten eines Haines. Den Boden des geräumigen Beckens, in welchem Gold- und Silberfischchen umherschwammen, bedeckte glänzend weisser Sand. Die Aeste eines daneben stehenden Baumes hingen ganz voll Kalongs, während Schaaren derselben, durch einige Schüsse aus dem Tagesschlaf geweckt, in der Luft schwirrten. Diese Kalongs, auch fliegende Hunde oder Füchse genannt, Pteropus edulis, sind grosse obstfressende,[94] über den ganzen Archipel verbreitete Fledermäuse. Bei Tage hängen sie oft zu vielen Hunderten in einem grossen Baum mit der Kralle des Daumens reihenförmig an den Aesten, den Kopf nach unten, in ihre Flügel, die 4–5 Fuss Spannweite erreichen, wie in einen Mantel fest eingehüllt, so dass sie aus der Ferne wie riesige Birnen erscheinen. Werden sie nicht gestört, so setzen sie sich erst Abends in Bewegung und richten wegen ihrer grossen Menge beträchtlichen Schaden an, wenn sie statt über die Früchte des Waldes über die Obstgärten des Dorfes herfallen. Dr. Oxley erzählt (Journ. Ind. Arch. 1849), dass, als er in der Strasse von Malacca vor Anker lag, ein Schwarm dieser Thiere mehrere Stunden brauchte, um über ihn fortzuziehen, und Logan sah sie zu Millionen in den Mangrove-Sümpfen am Nordrand der Insel Singapore hängen. Es ist kaum möglich durch Netze das Obst gegen ihre Verheerungen zu schützen, denn bekanntlich ist bei den Fledermäusen der Gehör-, Geruch- und namentlich der Fühlsinn auf eine für uns so wunderbare Weise entwickelt, dass sie im Stande sind gewissermaassen in die Ferne zu fühlen, und bei völliger Dunkelheit im schnellsten Fluge jedem Hinderniss mit der grössten Sicherheit auszuweichen. Spallanzani und mehrere Andre nach ihm, überzeugten sich davon, indem sie geblendete Fledermäuse in hellen Räumen, in welchen nach allen Richtungen Drähte und Fäden gezogen waren, hin- und herfliegen liessen. Man nimmt an, dass, abgesehen von den besonderen Apparaten, mit welchen die Nasen und Ohren vieler Gattungen zur Verschärfung des Geruch- und Gehörsinns versehen sind, die dünne, nackte, nervenreiche Flughaut dazu dient, den Thieren die feinsten Unterschiede in der Temperatur, der Dichtigkeit, dem Druck, der Bewegung, den Schwingungen der Luft wahrnehmbar zu machen, und ihnen dadurch die Nähe fester Körper zu verrathen. — In Java wird der P. edulis, wie mir versichert wurde, selbst von den Eingebornen nicht gegessen, in den Philippinen scheinen ihn die Europäer zu verschmähen, obgleich sein Fleisch sehr wohlschmeckend ist, ähnlich dem Rebhuhn.
In wenigen Stunden erreicht man Magelang, Hauptstadt der Provinz Kadu. Der Garten des Residenten hat eine sehr schöne Lage und enthält eine Anzahl in der Umgebung gefundener Skulpturen, darunter einen mit kunstvollen Basreliefs bedeckten Stein in Form eines Sarkophags.
KALONGS. (FLIEGENDE HUNDE.) JAVA.
Von Magelang aus besuchte ich das 10–12 Paal gen Süden am Progofluss gelegene Borobudor, von allen Monumenten Javas das grösste, schönste, am besten erhaltene, weit berühmt nicht nur durch die Beschreibungen von Raffles, Crawfurd und anderen, sondern auch durch die darauf gegründeten Arbeiten von W. v. Humboldt und Burnouf. Aus der Ferne macht es keinen bedeutenden Eindruck; es erscheint als eine flache, breite Pyramide mit etwas verschwommenen Umrissen und fesselt das Auge nicht durch gefällige Gliederung der Masse. Sobald man aber näher herankommt und die grosse Fülle schöner Skulpturen gewahrt, für welche das Gebäude gewissermassen nur den Träger bildet, begreift man wohl den Enthusiasmus, mit dem fast Alle, die Borobudor gesehen, davon sprechen. Folgendes ist im Wesentlichen der Plan des Gebäudes: auf einem Hügel, dessen Seiten terrassirt sind, und der somit ein Postament für dasselbe bildet, erheben sich stufenförmig über einander 6 Terrassen, die mit Ausnahme der obersten und untersten an ihrem äusseren Rande von einer Mauer umgeben sind, so dass 4 ringsum laufende oben offene Gallerien von 2 Meter Breite entstehen, deren innere Wände doppelt so hoch als die äusseren sind. Der Grundriss der Terrassen ist, wenn man die in der Mitte jeder Front nach Aussen rechtwinklig vorspringenden Ausladungen nicht berücksichtigt, quadratisch. Auf der oberen Plattform erheben sich 3 kreisrunde Terrassen über einander von je 1,68 Meter Höhe, welche 34 + 24 + 14 zusammen 72 durchbrochene glockenförmige kleine Tempel tragen, in denen je ein Buddha sitzt. Auf der obersten Stufe erhebt sich eine Kuppel von 20' Höhe, 50' Durchmesser. Ausser derselben enthält der ganze Bau keinen hohlen Raum, und dieser jetzt zum Theil eingefallene, früher geschlossene Raum war leer. In der Mitte jeder Front ist ein Thor, durch welches eine Treppe bis zur Kuppel führt. Das ganze Gebäude besteht aus künstlich in einander gefügten Trachytquadern. Die grösste Breite des Monuments liegt wegen der bereits erwähnten Vorsprünge in den Mittellinien und beträgt nach Wilsen's Messungen 114 Meter, die Gesammthöhe mit Einschluss des Kegels, der früher auf der Kuppel stand, 30 Meter. Crawfurd giebt etwas grössere Dimensionen an, aber Wilsen's Maasse dürften wohl die richtigen sein.[95] Nach ihm enthält die äussere unterste Wand 480 Reliefs. Die schönsten Skulpturen befinden sich an der inneren Wand der ersten Gallerie; sie ist horizontal in zwei Theile getheilt und ganz bedeckt mit Reliefs von 2,70 Meter Breite, 0,90 M. Höhe. Aber alle senkrechten Wände sind mit Reliefs, Arabesken und Girlanden bekleidet. Wilsen giebt die Zahl der grossen Basreliefs auf 2000, die Gesammtzahl der Figuren überhaupt in den 5 Gallerien auf 20,000 an. Sämmtliche Mauern der Gallerien tragen reich verzierte Nischen, in denen überlebensgrosse Buddhas thronen. Die Zahl der Buddha-Figuren in den Nischen beträgt nach W. 500. Weit mehr als über den Reichthum der Skulpturen erstaunt man über die mannigfaltigen, sinnigen Kompositionen und die bis in die kleinsten Einzelnheiten sorgfältige Ausführung. Die beiliegende Zeichnung giebt eines der Bilder der ersten Gallerie wieder, das ich aufs Gerathewohl, und weil es etwas im Schatten lag, zu einer Skizze wählte. Diese Reliefs bewahren einen Schatz von Erinnerungen aus dem Leben der damaligen Zeit auf; eine Inschrift oder Jahreszahl enthält das Monument aber nicht. Crawfurd sagt, dass man aus einem räthselhaften Vers die Jahreszahl 1344 als die Zeit der Vollendung des Baues herausgedeutet habe, die ihm nicht unwahrscheinlich vorkommt. Andere, darunter Raffles und van Hoevell, halten das Monument für viel älter. Nach der allgemeinsten Ansicht wurde der Bau von buddhistischen Künstlern aus Vorderindien unter Mithülfe der Eingebornen errichtet. Die Javanen selbst haben wohl nie eine so hohe Kunststufe erreicht. Wie die Buddhisten nach Java gekommen, ist nicht genügend festgestellt; Friederich glaubt, Bekehrungseifer sei die Veranlassung gewesen; vielleicht kamen sie auch als Flüchtlinge nach den Glaubenskämpfen mit den Brahmanen, die mit der Vertreibung der Buddhisten aus Indien endigten (gegen 1000 n. Chr.). Das Monument ist noch sehr wohl erhalten und kann allem Anschein nach, wenn nicht Krieg oder Erdbeben es zerstören, noch viele Jahrhunderte bestehen. Im Kriege gegen Dipo-negoro (1825–30) hat es etwas gelitten, da es, wie das Grabmal der Caecilia Metella bei Rom, als fester Punkt benutzt wurde, wozu es sich wegen seiner Lage sowohl als wegen seiner Gliederung und Grösse sehr eignete. Sein gefährlichster Feind ist vielleicht ein kleines Lichen, das sich langsam, aber unaufhaltsam weiter verbreitet und schon manches schöne Bild unkenntlich gemacht hat.
RELIEF VON BOROBUDOR. JAVA.
In geringer Entfernung von Borobudor liegt ein kleiner Tempel, Pavon oder Dapor genannt, auf dessen Seite ein riesiger Feigenbaum emporgeschossen ist, ohne dem Monument sehr zu schaden. Nach Wilsen beträgt seine Höhe ungefähr 15 M., die Breite 10 M. Auf dem Rückweg nach Magelang in etwa 2 Paal Entfernung von Borobudor gelangt man an den Tempel Mundut, der früher vom vulkanischen Sand des Merapi verschüttet, erst 1834 durch den damaligen Residenten der Provinz wieder ausgegraben wurde. An seiner Aussenseite ist er mit schönen Figuren, Friesen und Arabesken bedeckt, welche letztere mich an die besten Sachen erinnerten, die ich in Italien gesehen. Herr Wilsen soll auch von diesem Tempel, dem allgemein dasselbe Alter und derselbe Kultus wie Borobudor zugeschrieben wird, die genauesten Zeichnungen angefertigt haben. Das Innere, dessen Decke aus einander überragenden Quadern gebildet wird, so dass eine hohle Pyramide entsteht, enthielt drei kolossale Figuren; den Boden bedeckte eine tiefe, fast betäubenden Moschusgeruch verbreitende Schicht von Fledermausmist.
Um einer Verabredung zu genügen, musste ich leider noch an demselben Abend nach Magelang zurückeilen, wo ich den Oberst v. S. traf, mit dem ich am folgenden Tage nach Jokjokarta reiste, der Hauptstadt des Sultans, eines der unabhängigen Fürsten auf Java. Seine Unabhängigkeit ist freilich nur eine beschränkte, da er von der holländischen Regierung, die einen Residenten an seinem Hofe hält, einen Gehalt empfängt. Das Waterkastell von Jokjokarta gilt für eine grosse Sehenswürdigkeit. Es ist der fast zerfallene Badeplatz eines früheren Sultans, in holländisch-chinesischem Zopfstil mit javanischen Schnörkeln. Abends hatte ich Gelegenheit, mit dem Residenten und Obersten dem Sultan einen Besuch zu machen. Wir fuhren in den von einer hohen Mauer umgebenen „Kraton”, der den Palast und die zum Theil sehr ärmlichen Häuser des Hofstaates enthält, und mit seinen Höfen und Gärten die Grösse einer kleinen Stadt hat, und gelangten durch zwei grosse von Waringibäumen beschattete Vorhöfe in den inneren Hof. Am Thor präsentirte die Wache, zerlumpte Kerle mit schwarzen cylindrischen Mützen. Der Sultan erwartete uns, auf einem europäischen Sopha sitzend, in einer offenen Halle. An den Wänden standen Stühle, ein Teppich lag auf dem Boden. Die Möbel waren von der Art, wie man sie in Gasthäusern zweiter Klasse in Europa findet. Der Fürst trug ein kattunenes Kopftuch, aus dessen Falten, seitlich vom Scheitel, ein kleiner Blumenstrauss hervorragte. Eine mit einem hohen holländischen Orden geschmückte Jacke, Sarong und europäische Pantoffeln vollendeten den Anzug. Gesichtsausdruck und Haltung des Sultans waren würdig und verbindlich; der Resident nahm zur Linken, der Oberst zur Rechten Platz. Die Unterhaltung wurde kaum hörbar leise geführt, so will es der Hofton. Auf eine Andeutung des Residenten, dass ich gern etwas von den Gebräuchen des Hofes sehen möchte, war der Fürst so artig, uns zu seiner Familie zu führen. Wir gingen über den Hof nach einem grossen Pendopo, dessen sehr hohes Dach von vielen niedrigen Holzsäulen getragen wird, zwischen denen Lampen und Vogelkäfige von der Decke herabhingen. Auf einer Estrade lagen grosse seidene, mit frischen Blumen bestreute Kissen, auf denen wir Platz nahmen. Bald erschien die Gemahlin (ratu = Königin) und drei Prinzessinnen, die den sonderbaren Titel tuwan = Herr führen. Jene setzte sich auf ein Kissen neben den Sultan, die Herren Prinzessinnen nahmen mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden, dem Sultan gegenüber, Platz. Eine Reihe alter Weiber mit nacktem Oberkörper und einem über die Brust gebundenen Tuche hockten in ehrerbietiger Entfernung. Nach einer kurzen Unterhaltung führten wir die Fürstinnen, die nur mit einem Sarong und einer dünnen Kattunjacke bekleidet und mit einigen Diamanten geschmückt waren, in die Empfangshalle zurück, indem wir ihnen den Arm gaben. Der Resident hatte die Ehre, die alte Fürstin zu führen, mir, ohne offiziellen Rang, fiel die jüngste Prinzessin zu, ein hübsches fünfzehnjähriges Mädchen mit grossen Augen, lebhaft und kokett und, was ich ihr besonders hoch anrechnete, mit ganz weissen Zähnen, da sie, die einzige in der ganzen Familie, nicht Betel kaute. In diesen vornehmen Familien ist wahrscheinlich viel arabisches Blut; sie haben nicht die kleinen Nasen mit breiten Flügeln der gemeinen Malayen. Nach kurzer Unterhaltung verliessen wir den Kraton in derselben Weise, wie wir gekommen waren. — Abends in einer Gesellschaft beim Residenten erschienen mehrere Pangerans (javanische Prinzen), die Obersten-Rang hatten und holländische Uniform trugen. Ihr langes Haar war in ein Bündel gesammelt und mit einem Kopftuch bedeckt. Einer derselben hatte einen kleinen, garstigen Zwerg als Pagen bei sich, dem er seine Militärmütze übergab; dieser setzte sie verkehrt auf den Kopf und spazierte damit unter den Gästen umher.
Am folgenden Morgen fuhr ich mit einem Tumongong durch die heisse Ebene bis Imogiri, von wo wir nach der Südküste ritten, an der sich eine niedrige Dünenreihe hinzieht. Die heisse vom schwarzen vulkanischen Sand des Merapi bedeckte Fläche wird von mehreren parallelen Bächen durchströmt, die sich in den Kali-opak ergiessen, welcher dicht am Fuss des die Ebene in Osten begrenzenden Kalkgebirges fliesst, und mit ihm zusammen bei Karang-tritis das Meer erreicht. Wir sahen eine Falle, um Wildschweine, deren es hier viele giebt, zu fangen: zwei mehrere hundert Fuss lange, mit Reisig verkleidete Bambusgitter bildeten einen sehr stumpfen Winkel und führten durch eine Oeffnung in einen langen Gang, von dessen Decke einige starke Thüren wie Klappventile schräg von vorn nach hinten hingen. Am flachen Strande waren viele Menschen beschäftigt, aus dem Meerwasser Salz zu gewinnen. So weit man nach Westen sehen konnte, war die Küste mit ihnen wie bestreut, im Osten setzten die in hohen, sonderbaren Formen ins Meer ragenden Felsen von Karang-tritis den Arbeiten eine Grenze. Das Verfahren war sehr umständlich: anstatt das Seewasser in einem System von Gräben, sogenannten Salzgärten, verdunsten zu lassen, wurde es mit Eimern, die je aus einem Blatt der Fächerpalme, Corypha gebanga, bestanden,[96] geschöpft und auf den aus schwarzem Sande bestehenden heissen Strand geschüttet, wo es verdampft. Ist die obere Erdschicht hinreichend mit Salz gesättigt, so wird sie oberflächlich aufgenommen, auf ein in Tischhöhe aufgestelltes Bambussieb gebracht und durch Aufgüsse von Seewasser unter fortwährendem Kneten ausgelaugt. Man lässt die abgelaufene Sole in einem Trog in der Sonne verdampfen und konzentrirt sie im nächsten Dorf durch Sieden in irdenen Töpfen. Das Salz ist sehr zerfliesslich, da es nicht einmal vom Chlormagnesium gereinigt wird. Zu jedem Gestell gehörten zwei bis drei Leute: einer trägt Wasser, der andere knetet, der dritte ruht aus, um den Wasserträger abzulösen. Bei Sonnenschein machen 2 Mann in 5 Tagen 80 Katti Salz nach Angabe des Tumongong. Die Salzgewinnung ist in den Fürstenländern eine Privatindustrie, im übrigen Java Regierungsmonopol.
In der Klippe Karang-tritis ist eine Tropfsteinhöhle, deren hohe senkrechte, dem Meere zugekehrte Wand dicht mit grauen und gelben Flechten überzogen ist. Das von oben herabsickernde kalkhaltige Wasser durchdringt diese wie einen Schwamm und inkrustirt sie mit Kalk; die feuchte zu Stein gewordene Kruste giebt einer neuen Vegetation von Flechten eine willkommene Unterlage, und so erhält die Felswand einen eigenthümlichen reich gefärbten Ueberzug, halb Stein, halb Pflanze.
Jenseits Karang-tritis ragen viele einzelne Kalkfelsen aus dem Meere hervor, die durch die Wirkung der Brandung so phantastische Gestalten erhalten haben, dass sie auch wohl bei aufgeklärteren Leuten als den Javanen, Veranlassung zu Aberglauben geworden wären. Hier ist es, wo nach Hagemann (Tijd. v. L. T. en V. 1853) die Geisterkönigin Loro-kidul, deren Gebiet sich längs der ganzen Südküste vom Semeru bis nach Nusa-kumbangan erstreckt und deren prächtiger Palast im Grunde des Meeres ist, sich ihren Vertrauten in Träumen offenbart.
Gegen Mittag kam eine stattliche Reiterschaar, Herren vom inländischen Adel mit ihrem Gefolge, zum Besuch und führten uns nach einem Pasanggrahan, der hübsch möblirt war, weil er oft von den einheimischen Fürsten benutzt wird, die hier das wegen der sehr starken Brandung geschätzte Seebad benutzen. Wir hatten ein vorzügliches malayisches Diner, bei welchem auch Büffelfell vorkam, welches wie Biskuit gegessen wird und sehr angenehm schmeckt. Das Fell wird zu dem Zweck in sehr feine Stücke geschnitten, in heissem Wasser eingeweicht und in Fett gebacken, wobei es zu einer sehr porösen, spröden Masse aufschwillt.
Als wir gegen Abend, von der starken Sonnengluth sehr ermüdet, nach Imogiri zurückritten, kamen wir an einer Indigofabrik vorbei. Schon lange, ehe wir sie erreichten, sah ich den Besitzer, einen stattlichen jungen Mann in leichtem Pflanzerkostüm sein Haus verlassen und durch die Felder grade auf uns zueilen. Als er uns erreicht hatte, fasste er zuerst der Sicherheit wegen mein Pferd am Zügel, dann grüsste er sehr freundlich und lud uns ein, die Nacht in seinem Hause zuzubringen, indem er zugleich das Pferd dahinführte mit dem zufriedenen Lächeln eines Mannes, der einen guten Fang gethan hat. Ein Freund aus Jokjokarta hatte ihm durch einen Boten gemeldet, dass wir hier vorbeikommen würden, und er hatte uns aufgelauert. An Loskommen war nicht zu denken, auch hatte ich keine Lust dazu; doch machte ich absichtlich einige Einwendungen, die indessen alle triumphirend beseitigt wurden. Mein Gastfreund, sehr gebildet und, wie ich später hörte, aus sehr guter holländischer Familie, lebte hier ganz isolirt auf der vor Kurzem von ihm gegründeten Fabrik, fern von allem Umgang mit Europäern. Er hatte gewiss eine angenehme Unterhaltung für den Abend gehofft, und alles aufgeboten um seinen Gast zu ehren, leider war ich so entsetzlich müde, dass ich über Tisch einschlief und so schnell als möglich ins Bett schlich.
In den Fürstenländern, wo die holländische Regierung keine Produkte baut, da der Grund und Boden dem Fürsten gehört, ist es Europäern gestattet Ländereien zu pachten und auszubeuten: jedoch ist ihre Zahl eine beschränkte, die Erlaubniss hängt vom Ermessen der Kolonial-Regierung ab. Nach dem Reglement für 1857 betrug sie 68 für Jokjo, 207 für Surakarta. Der Pächter tritt der Bevölkerung gegenüber in die dem Landesfürsten nach dem Adat zustehenden Rechte. 2/5 des Bodens darf er mit Produkten für den europäischen Markt bebauen, jede Familie leistet ihm 104 Tage Frohndienst, dafür zahlt er die Grundsteuer für die ganzen 5/5 des Bodens. Der Ertrag der übrigen 3/5 so wie die Verfügung über die nach Abzug von 104 Tagen verbleibenden 261 Tage gehört der Bevölkerung ohne weitere Abzüge oder Lasten.
Nach den Grundsätzen des Kultursystems sollten die Bauern in den Regierungsländern besser gestellt sein als in den Fürstenländern; in Wirklichkeit ist dies aber nicht der Fall, da ihre Arbeitskraft (vergl. Kaffeekultur) bei der mangelhaften Leitung durch Beamte zum grossen Theil verschwendet wird.
Vor allen hat sich in Jokjokarta als besonders gewinnbringend, schnell rentirend und wenig Anlagekapital erfordernd, die Indigokultur entfaltet, während sie in den unmittelbar unter holländischer Botmässigkeit stehenden Provinzen, wo sie einen Theil des Kultursystems bildet, so schlechte Resultate giebt, dass sich die Regierung veranlasst sah die Ursachen der so verschiedenen Ergebnisse von einem fähigen Beamten untersuchen zu lassen. Aus den Auszügen des amtlichen Berichts (Tydsch N. I. 1860) ergeben sich ganz ähnliche Thatsachen wie bei der Kaffee- und Theekultur (vergl. oben), die wohl allmälig die Regierung zwingen werden aus Eigeninteresse den Ackerbau der Privatindustrie zu überlassen. Schon jetzt hat sich die Regierung genöthigt gesehen den Indigobau immer mehr einzuschränken.
| 1840 | produzirte | sie | auf | 40844 | Bau | 2032097 | Amstrd | ℔ |
| 1858 | „ | „ | auf | 18314 | Bau | 614784 | „ | ℔ |
Wie bei der Kaffeekultur bestimmt die Regierung die Lokalität auf welcher die Eingebornen Indigo bauen müssen, das Risiko ist für Rechnung der letzteren; erst für das fertige Produkt erhalten sie einen Preis, der im Verhältniss zur gelieferten Arbeit so gering ist, dass der Kolonialminister v. Rochussen es sich den Kammern gegenüber zum Verdienste anrechnete, den Indigobau als zu drückend für die Bevölkerung und zu unvortheilhaft für den Staat, sehr eingeschränkt zu haben. Es ist höchst interessant und erfreulich, dass während derselben Zeit, wo die Zwangskultur so traurige Ergebnisse lieferte, der Indigobau in Jokjo auf gepachtetem Grund und Boden, durch freie Arbeit unter unmittelbarer Leitung von Unternehmern die für eigene Rechnung arbeiteten, die glänzendsten Resultate ergab.[97] Auch hierbei stellte sich wieder die so oft bestrittene Thatsache heraus, dass der Javane bei angemessenem Lohn gern arbeitet, und dass der Pächter über so viele Hände verfügen kann als er braucht. Die Regierung schreibt ihren schlechten Erfolg dem Umstand zu, dass die Pflanze den Boden aussaugt (wie bei dem Kaffeebau), die Privatunternehmer finden aber jeden Boden geeignet, behandeln ihn je nach seiner Beschaffenheit, melioriren und düngen ihn entsprechend.
Am folgenden Morgen begleitete mich mein lieber Gastfreund nach Imogiri, dem nahegelegenen Begräbnissplatz der fürstlichen Familien von Jokjokarta und Surakarta. Auf angeblich 360 unbequem hohen Backsteinstufen steigt man in gerader Richtung den steilen Abhang eines Hügels hinan, dessen von mehreren Umfangsmauern umschlossene Kuppe die schmucklosen Grabsteine einer Anzahl bis auf ein oder zwei Ausnahmen unbedeutender Personen aus fürstlichem Geblüt enthält — theils im Freien, theils in hölzernen Schuppen. In etwa 3/4 der Höhe sendet die Treppe rechtwinklig zwei Seitenarme aus, und wiederholt dies, nachdem sie unter dichtem Laubdach ein kleines künstliches Wasserbecken überschritten, in kurzen Zwischenräumen. Diese Seitengänge werden durch mehrere der Haupttreppe parallel laufende Gänge geschnitten, die den Unebenheiten des Terrains entsprechend, bald flach, bald durch Reihen von Stufen unterbrochen, verlaufen, und eine Anzahl viereckiger Räume von verschiedener Grösse, in verschiedenen Niveaus umschliessen, in denen Ziersträucher und viele Gewürzbäume und Oranien mit Sorgfalt kultivirt werden.[98] Das schon 100 Jahr alte Mauerwerk ist an vielen Stellen zerfallen; dicht belaubte Feigenbäume haben sich darauf angesiedelt. So entstehen eine Menge allerliebster Plätzchen. Man kann sich kaum eine passendere Lokalität für eine Picknickpartie wünschen.
Nach einem herzlichen Abschied von dem Residenten, der mich mit Liebenswürdigkeit und Güte überhäufte, setzte ich Nachmittags meine Reise nach Surakarta, der Hauptstadt des Kaisers oder Susuhanan fort.
Bei Kalasan, der zweiten Poststation, steht unweit der Strasse zur Rechten ein schöner Tempel, Tjandi-kali-bening. Es ist der erste, und wohl auch der schönste einer grösseren Anzahl, die bis jenseits der nächsten Station Prambanan zu beiden Seiten der Strasse zerstreut oder in Gruppen beisammen liegen. Sein Grundriss ist ein aus fünf gleichen Quadraten bestehendes Kreuz mit je einem ein Viertel so grossen Quadrat in den vier Winkeln; er ist gegen 70' hoch, schlank, schön gegliedert durch Pfeiler, Gesimse, Thüren und Nischen, zwischen denen sich in harmonischer Anordnung breite Bänder von Arabesken hinziehen. Das obere Gesims wird von einer Reihe von Figuren in Hochrelief getragen. In einigen Nischen sitzen noch Götterbilder auf ihrem Lotussessel. Die der Strasse zugekehrte Seite ist sehr zerfallen, ihr gegenüber liegt die Hauptfront mit einer hohen Eingangspforte. Das sehr zerstörte Innere enthält einen grossen Raum, an welchen vier kleinere stossen. Sie sind, wie die Tempel von Mundut und Dïeng, durch treppenartig vorspringende Steine überdacht. Um die schöne Ruine war ein so dichter Pisanggarten angelegt, dass es unmöglich war, sie zu zeichnen. Hoffentlich wird man bald von allen den herrlichen Monumenten gelungene Photographien besitzen.
Etwa 2000 Schritt weiter auf der andern Seite der Strasse, liegt der Tempel Tjandi-sari, welcher mehr kubisch als der vorige, gegen 50' hoch, reich ornamentirt, mit Nischen und hohen Reliefs, an unsere schönsten Renaissancebauten erinnert. Weniger elegant in seiner ganzen Anlage, als Kali-bening, ist er noch reicher als jener mit Skulpturen bedeckt, die ebenso sinnig entworfen, als kunstvoll ausgeführt sind. Man wird in Europa erstaunen, wenn man von den Java'schen Kunstdenkmälern aus der Zeit des Brahmakultus genaue Photographien in genügendem Maasstab besitzen wird; da man sich bis jetzt nicht von der Vorstellung lossagen mag, dass die Kunstwerke in jenen Ländern wohl den Beweis einer sehr gewandten Technik und grossen Fleisses, aber nicht reicher künstlerischer Phantasie zu liefern vermögen.
TJANDI SEWU. JAVA.
Bei der nächsten Station liegen die Ruinen von zehn oder zwölf Tempeln, Tjandi-prambanan oder Tjandi-loro-djongrang. Es sind nur noch hohe Trümmerhaufen quadratischer Prismen aus grauer Lava; bei manchen ist kaum noch die ursprüngliche Form zu erkennen. Das Ganze bildet eine grosse Ruine, die man am besten von der Mitte übersieht. Von einigen Tempeln fielen bei ihrem Einsturz die Steine einander zu und bildeten so Verbindungsrücken, die zum Theil mit hohen Bäumen bewachsen sind. Der Maler sowohl als der Alterthumsforscher findet hier viel schönen Stoff. Ueberall ragt, wenn man etwas genauer zusieht, ein Stück Skulptur hervor, weit umher liegen die Quadern über die Ebene zerstreut; wahrscheinlich hat ein Ausbruch des nahen Merapi den Einsturz bewirkt. — Etwa einen Paal weiter liegt Tjandi-lombok, neun kleinere Tempel einfach von Form, wenig verziert, ziemlich wohl erhalten, und nordwestlich davon, in etwa gleicher Entfernung, und ebensoweit von Tj.-loro-djongrang als von Tj.-lombok, die Ruinen von Tj.-sewu, (die tausend Tempel), eine wahre Stadt von Ruinen. Von keinem Punkt kann man das Ganze auf einmal übersehen, die Skizze giebt nur den Anblick von einem willkürlich gewählten Punkt aus. Wie gern wäre ich hier länger geblieben! und welche reiche Erndte steht auf Java dem Alterthumsforscher und Kunstkenner bevor, der durch gründliche Studien vorbereitet, die in so grosser Fülle vorhandenen Herrlichkeiten zum Gegenstand seiner Forschungen machen kann.
Eine herrliche Tamarinden-Allee führt auf die Hauptstadt des Susuhanan, „das erhabene Surakarta”, oder Solo. Hier giebt es kein Gasthaus, eben so wenig wie in Jokjo; ich fand aber die zuvorkommendste Aufnahme bei einem schon viele Jahre hier ansässigen deutschen Arzt. Bei ihm traf ich Oberst v. S. und bedauerte sehr, mich mit der Reise so übereilt zu haben, da die Vorstellung bei dem „Kaiser” erst morgen stattfinden sollte. Der Kraton ist wie in Jokjokarta von einer Mauer umschlossen und enthält eine eben so zahlreiche Bevölkerung von Abhängigen des Susuhanan. Sie wohnen in langen Reihen ärmlicher Hütten; schmutzige Weiber und Kinder laufen in Menge umher. Im Vorhof des Palasts kauerten einige Gruppen seiner Leibwache, ihr Oberkörper war nackt bis an den Ledergürtel, der den künstlich gefalteten Sarong festhielt. Das wohlgekämmte Haar hing lose über den Nacken; statt des Kopftuchs trugen sie einen schmalen Kranz aus buntem Kattun, an welchem hinten zwei grosse Flügel befestigt waren, vielleicht um die Schnelligkeit der kaiserlichen Boten anzudeuten. Zerlumpte Soldaten präsentirten in theatralischer Stellung Fahnen, Piken und sehr kurze Gewehre. Vor dem Pendopo, der Empfangshalle, stand ein Musikcorps, das Fanfaren blies. Der Kaiser, ein noch gut aussehender Greis von 72 Jahren, fast in demselben Kostüm wie der Sultan von Jokjokarta, nur mit mehr Diamanten geschmückt, erhob sich aus seinem Lehnstuhl und ging dem Residenten bis an die Stufen der Halle entgegen. Um ihn kauerten Gruppen von alten Weibern, Zwergen, Verwachsenen, Albinos, alle mit nacktem Oberkörper, das ist Hoftracht. Je zwei oder drei hatten eine grosse messingene Speichelurne zwischen sich. Hinter dem Kaiser sass ein recht hübsches Mädchen, das eifrig mit ihrem Betel beschäftigt war, sie nahm ihn mehreremale aus dem Munde, ballte mit ihren zierlichen Händchen die Masse zu einer Kugel von der Grösse einer Pflaume zusammen, tupfte den am Umfang ihrer Lippen haftenden Speichel damit auf und schob alles anmuthig lächelnd in den Mund zurück.
Die Gewohnheit des Betelkauens ist bekanntlich über alle Malayenländer, Hinterindien, einen grossen Theil von Vorderindien und China verbreitet, färbt Lippen, Zahnfleisch, Speichel blutroth, die Zähne schwarz, was im Lande für schön gilt. Die Chinesinnen und Mestizinnen der Philippinen, die andere Begriffe von Schönheit haben, wissen aber ihre Zähne durch häufiges Putzen mit der faserigen Hülle der Betelnuss weiss zu erhalten. Der Betel besteht aus dem mit etwas kaustischem Kalk bestrichenen sehr aromatischen Blatt des Betelpfeffers (Piper Betel oder Chavica Betel), einer zu dem Zweck in grosser Menge gebauten Schlingpflanze, und einem Stück des gerbestoffreichen Kernes der Arecapalme; häufig wird auch noch Gambir und Tabak dazu genommen. Der Anblick ist anfänglich wegen des reichlichen Speiens sehr hässlich; hat man sich einmal daran gewöhnt, so möchte man wünschen, dass die Sitte auch in Europa bestände, da Betelkauer nie schlecht riechenden Athem haben, während das Uebel bei uns namentlich unter älteren Leuten so häufig ist. Das Betelkauen wird wohl noch leidenschaftlicher getrieben als Tabakrauchen; seine spezifische Wirkung auf den Organismus scheint bis jetzt völlig unbekannt zu sein. Sir Emerson Tennent's Angabe (Ceylon I. pg. 112), dass keine ärztliche Verordnung besser als der Betel im Stande wäre die fast stickstofflose Nahrung der Eingebornen heilsam zu ergänzen, da er zugleich antacid, tonisch und karminativ wirken soll, entbehrt nach dem Urtheil mir befreundeter Physiologen jeder Begründung; der Betelgenuss muss aber entweder eine nützliche oder eine angenehme Wirkung auf den Organismus haben, sonst könnte unmöglich der Gebrauch so allgemein sein.[99]
Nach einem kurzem Besuch verliessen wir den Kraton mit denselben Zeremonien, wie bei der Ankunft und besuchten den unabhängigen Fürsten Mangko-negoro, einen hübschen Mann in rüstigem Alter. Das Zeremoniell war hier viel einfacher als bei dem Kaiser, als Ordonnanz hatte er ein einziges, aber schönes junges Mädchen. Ich durchsuchte mit meinem gefälligen Gastfreund fast alle Leihhäuser der Stadt in der Hoffnung unter den verfallenen Pfändern einige schöne Waffen und andere Kuriositäten kaufen zu können, fand aber nur wenig; noch unbefriedigter war ich von den Kaufläden (tokos); es war fast nichts zu haben, und das Wenige schlecht und theuer. Ein Bogen geringen Zeichenpapiers, der in Deutschland einen Silbergroschen kostet, gilt im Innern von Java einen Gulden, ein Bleistift schlechtester Qualität, — gute sind nicht zu haben, — einen Gulden, ein Bogen Packpapier grosses Format, 1/2 Gulden und so im Verhältniss. Hier lernte ich einen prächtigen alten Oberst kennen, „der alte Blücher” genannt, der, die Kriegsjahre doppelt gerechnet, 92 Jahre und fast in allen Welttheilen gedient hatte. Er wollte mir einen sehr werthvollen Kris für unser Museum schenken, da der Werth aber nur in der Zauberkraft liegt, die ihm der inländische Aberglaube beilegt, — wer ihn trägt, soll unverwundbar sein — und sich für den alten Herrn, der die ganze Geschichte des Zauberkris' auswendig weiss, ruhmvolle Kriegserinnerungen an den Besitz desselben knüpfen, so wäre es sehr unrecht gewesen, zu Gunsten der ungläubigen Berliner die scheinlose Waffe von ihm anzunehmen.
Wir besuchten noch einen javanischen Prinzen, den Pangeran Mangko-bumi, einen sehr lebhaften, thätigen alten Herrn, der in seinem Kraton alle möglichen Gegenstände fabrizirt, Flinten, Büchsen, Geschirre, selbst vollständige Gallawagen. Seine verstorbene Frau, eine Tochter oder Schwester des vorigen Kaisers, liebte ihn so sehr und besass so viel Selbstverläugnung, dass sie immer die schönsten jungen Mädchen ins Haus nahm, um sie für ihn zu erziehen, ein Gebrauch der nach ihrem Tode fortgesetzt wurde, so dass der alte Herr immer von einer Anzahl blühend junger Frauen umgeben ist. Er war sehr liebenswürdig und lud mich ein, einer Tanzstunde beizuwohnen, die er einer ausgewählten Zahl seiner weiblichen Familienglieder ertheilte. Sechs Paare junger Mädchen, darunter die schöne Prinzess Trinel (Bachstelze), sassen hintereinander mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden. Nach einigen Gamelangklängen erhoben sie sich langsam zu einem Tanz, der sehr anmuthig und schwungvoller als der der Bedajas war, und sowohl durch seine Wendungen, als durch das Kostüm: dünne, enganliegende Kleider, entblösste Schultern, flatternde Schärpen und nackte Füsse, an die Tänzerinnen auf antiken Wandgemälden erinnerte.
Vor Sonnenuntergang hatte ich noch das Vergnügen den Kaiser mit seinem ganzen Hofstaat eine Spazierfahrt machen zu sehen. Es war ein hübscher, etwas wilder, höchst pittoresker Zug: voran der Kaiser mit einigen kleinen Kindern in einem grossen offenen Wagen, dem eine lange Reihe anderer von allerlei verschollenen europäischen Moden folgte; in den vordersten sassen Frauen und einige sehr schöne Kinder, die folgenden enthielten die männlichen Hofbeamten und Verwandten des Kaisers. Jeden Wagen umgab ein bunter Trupp Reiter mit blossen Beinen, flatternden Sarongs, und enganliegenden Jacken. Der Zug bewegte sich in schnellem Trab.
Surakarta ist der Hauptsitz einer eigenthümlichen Kunst farbige Muster auf Kattun zu übertragen (Batek). Die Stellen des Zeuges, die beim Eintauchen in die Farbe weiss bleiben sollen, werden auf beiden Seiten durch einen Wachsüberzug geschützt. Zu dem Ende füllt die Zeichnerin über Kohlenfeuer flüssig gehaltenes Wachs in ein kleines Gefäss aus dünnstem Kupferblech und folgt mit der Spitze der wie ein Giftzahn geformten feinen Ausflussröhre den Umrissen eines unter dem durchscheinenden Zeuge liegenden Musters; vermittelst eines ähnlichen Instruments mit weiterer Oeffnung werden die Zwischenräume ausgefüllt, dieselbe Arbeit wird auf der andern Seite des Zeuges wiederholt, so dass sich die Figuren genau decken. Ist das Zeug durch Eintauchen gefärbt, so wird das Wachs ausgesotten. Soll noch eine Farbe aufgetragen werden, so wird das ganze umständliche Verfahren wiederholt. Nach Eintauchung in die zweite Farbe und Entfernung des Wachses erhält man ausser weiss, drei Farben: zwei reine, und eine aus diesen gemischte. Das Auftragen mancher Muster auf einen Sarong, der kaum die Grösse eines schottischen Plaids übersteigt, erfordert 40 bis 50 Tage anhaltender Arbeit. Das Batekmachen wird zwar auch von Lohnarbeiterinnen (monatl. für 2 fl. und Reis) ausgeübt, die geschicktesten Zeichnerinnen sind aber vornehme Frauen und diese Kunst bildet einen Theil ihrer Erziehung. Jedes Muster hat seinen besonderen Namen, manches darf nur in gewissen vornehmen Familien getragen werden und inländische Uebertreter verfallen, wenigstens in den Fürstenländern, einer Strafe; Männer und Frauen haben ihre besonderen Bateks. Das Muster, welches den Umschlag dieses Buches bildet, Batek-udan-iris, das zweitvornehmste in der Familie des Susuhanan, ist von einer Tochter des Prinzen Mangko-bumi gezeichnet, die für eine der geschicktesten Künstlerinnen gilt.
Von Solo (Surakarta) aus besuchte ich den in gerader Richtung etwa 25 Paal östlich von hier gelegenen Gunong-lawu, der auf dem Gebiete des Pangeran Mangko-negoro liegt. Mit javanischer Zuvorkommenheit hatte mir dieser zu meiner Reise seinen Postzug und die Begleitung seines eigenen Schwagers zur Verfügung gestellt. Wir überschritten den Solofluss auf einer Fähre und setzten die Fahrt auf guter ebener Strasse bis Karang-pandan fort. Nachdem die jungen muthwilligen Pferde allerlei kleineren Unfug getrieben, machte das Vorderste, auf welchem ein Postillon ritt, kehrt, die anderen folgten der Anregung, der ganze Zug wickelte sich zu einem Knäuel zusammen, das nur sehr schwer und nicht ohne Schaden für das Geschirr zu entwirren war.[100] In Karang pandan besass der Fürst ein geräumiges Landhaus auf dem Gipfel eines Hügels, mit herrlicher Aussicht auf die reich bebaute Ebene, und die immer malerischen Sawaterrassen; im Osten begrenzte das Bild der Gunong-lawu, im Westen der Merbabu und Merapi.
Mein Begleiter wünschte sehr, hier Halt zu machen, um von der bereits gehabten Strapaze auszuruhen. Seine Ueberredungskünste bestanden weniger in Worten als in Thaten und waren eines malayischen Kavaliers würdig: nach einem verschwenderischen Frühstück, bei dem sich die malayische Kochkunst in vollem Glanze gezeigt, erschienen, als ich mich eben auf mein Zimmer zurückgezogen hatte, zwei junge Mädchen auf Befehl ihres Herrn, um mich durch ihre Künste zum Bleiben zu bewegen; aber das drähtige Haar und das übersanfte Lächeln des durch Feilen fast zahnlosen Mundes vernichtete die Wirkung der einladenden Worte. Ich ritt nach Pablingan, wo mehrere warme und kalte Mineralquellen hervorbrechen, darunter ein angenehmer Sauerbrunnen, Ayer-wolanda, holländisches Wasser genannt, weil das über Holland eingeführte Selterwasser in Java unter diesem Namen bekannt ist. Als ich nach Karang-pandan zurückkam, hatte sich mein vornehmer Begleiter hinreichend erholt, um nach dem am Fuss des Lawu gelegenen Suku zu reiten, das wir gegen Sonnenuntergang erreichten. Der Pasanggrahan stand mitten unter den interessanten von Raffles abgebildeten und beschriebenen Tempelresten.
Am folgenden Morgen brachen wir auf, nachdem jeder vergeblich alle Ueberredungskunst aufgeboten hatte, um den andern von der Besteigung des Berges abzuhalten. Bis Tumba, einem kaum 2000 Schritt entfernten Dorf, konnte man reiten und der arme „Raden Rio” verschmähte selbst diese kleine Erleichterung nicht. Von dort aber ging es nur zu Fuss weiter. Kaum waren wir einige hundert Schritt gestiegen, als sich mein Begleiter, anscheinend ganz erschöpft, zu Boden warf, um etwas auszuruhen; ich verabschiedete mich daher von ihm bis zum folgenden Tage. Wir waren mit zahlreichem Gefolge aufgebrochen, nach einigen Stunden Steigens waren nur noch mein Diener und zwei Kulis bei mir, mit denen ich bald nach ein Uhr den Gipfel erreichte. An einer geschützten Stelle waren drei Hütten aus Grasmatten, eine für den Raden, eine für mich, eine für die Häuptlinge aufgeschlagen. Als eben die Dunkelheit einbrach, kam zu meiner grössten Ueberraschung Raden Rio an, ausser sich vor Ermüdung und rief mir zu: Um Gottes Willen, Herr, was suchen Sie hier oben! liess sich in eine wollene Decke wickeln und warf sich auf sein Lager. Der arme Teufel that mir sehr leid; es war mir gar nicht eingefallen, dass er den Berg besteigen würde, da ich seine am frühen Morgen zur Schau gestellte Ermüdung für eine List gehalten hatte, um unter einem anständigen Vorwand zurückbleiben zu können; aber der Gehorsam gegen Befehle von Höherstehenden ist in Java so absolut, dass er nicht gewagt hatte, unten zu bleiben, obgleich es sein eigener Schwager war, der ihm den Auftrag ertheilt hatte, mich zu begleiten. Er brachte einen Tross von 70 bis 80 Mann mit, von denen ein Theil Gepäck und Proviant trugen, während die anderen beschäftigt gewesen waren, ihren Herrn mit Tragesesseln, Stricken, Hebebäumen auf den Gipfel zu schaffen. Sein vortrefflicher Koch war auch mitgekommen und bald stand ein schmackhaftes malayisches Diner auf einer Matte ausgebreitet.
Von einem so absoluten Gehorsam gegen Befehle Höherer, wie er in Java besteht, hat man in Europa gar keinen Begriff. Raffles sagt an einer Stelle (History of Java): Ebenso wie in einem ungebildeten Volk wenig Theilung der Arbeit besteht, so auch keine Theilung der Macht im Despotismus; der Despot ist Besitzer, alles andere ist Besitz, dieselbe Vereinigung richterlicher, finanzieller, und exekutiver Gewalt, die im Souverän ruht, geht an die Guvernöre der Provinzen, und von diesen stufenweise auf die unteren Beamten über, so dass jeder Häuptling, welches auch sein Rang sei, fast unumschränkte Gewalt hat über die welche unter ihm stehen.
Den künstlich geebneten höchsten Punkt des Berges (10066'), den man auf rohen Stufen ersteigt, fand Junghuhn (1838) von einer viereckigen 3' hohen Mauer umgeben und innerhalb derselben ein hölzernes Haus, das wohlriechende Blumen und angebrannte Kohlen enthielt. Von dem Häuschen stand nur noch das Gerüst aufrecht, die Umfangsmauern waren unversehrt, einige hundert Fuss weiter unten, in der Höhe unseres Lagerplatzes, stand aber jetzt ein wohl erhaltenes Haus, das gleichfalls mit Blumen geschmückt und von einer Umfangsmauer umgeben war.
Der Morgen war wieder ganz trübe, wir kehrten nach Suku zurück, wo Raden Rio erst gegen Abend ankam, und ritten sogleich nach Karang-pandan, um am andern Morgen mit Tagesanbruch nach Solo zurückkehren zu können. Auf der reichen Kulturlandschaft erhoben sich viele steinerne geräumige Häuser, Etablissements grosser Landpächter, die auf ihren Feldern Produkte für den europäischen Markt, besonders Zucker und Indigo bauen.
Am 20. Oktober wurde in Solo das javanische Neujahrsfest Grebek gefeiert. Schon früh Morgens waren alle Strassen, die zur Hauptstadt führten, mit Zügen inländischer Häuptlinge bedeckt, die sich in ihrem besten Schmuck, von zahlreichen Dienern begleitet, zum Fest begaben. Um 10 Uhr versammelten sich alle Europäer in der grossen Halle des Residenzgebäudes. Gegen 11 Uhr erschienen zwei Abgesandte des Kaisers, um den Residenten nach Hofetikette, mit kaum hörbarer Stimme zum Besuch im Kraton einzuladen. Eine halbe Stunde später fuhr der Resident, gefolgt von den Europäern und mehreren Pangerans in europäischer Uniform, nach dem Kraton. Auf dem Alun-alun war ein grosser Menschenhaufen versammelt. Durch eine Menge kleiner inländischer Beamten und die kaiserlichen Leibwachen hindurch gelangten wir an die grosse Empfangshalle: der Kaiser ging dem Residenten bis an die Stufen entgegen; und sobald sich beide niedergesetzt, nahmen die Europäer und Pangerans auf Stühlen zur Seite Platz. Dies war die Anordnung:
| R | S | |||||||
| 9 | 1 | 10 | ||||||
| 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | ||
R Resident, S Susuhanan (Kaiser), 1 Speicheldosenträgerin (eine Alte), 2–8 sieben junge Mädchen mit nackten Schultern, ein goldenes Band um den Hals, Blumen und eine Feder im Haar, die Reichsinsignien haltend und zwar: 2 das Schwert, 3 die Pfeile, 4 den Bogen, 5 den Sonnenschirm, 6 den Schild, 7 den Säbel, 8 den Fächer. — 9 und 10 Zwerge, alte Weiber, Verwachsene, Albinos. Nach kurzem Verweilen begaben sich Kaiser und Resident, unter einem vergoldeten Sonnenschirm einherschreitend, von den Gästen gefolgt, nach der grossen Halle des Vorhofs, in welcher bereits die übrigen kaiserlichen Gäste versammelt waren. Jetzt war, nachdem alle Platz genommen, die Gruppirung folgende:
| S R | ||||
| ┏━┓ | ┏┓ | ┏━┓ | ┏┓ | ┏━┓ |
| B | E | V | E | B |
S Susuhanan, R Resident, V Verwandte und vornehmste Beamte in Reihen geordnet, B Beamte und Häuptlinge, alle nach ihrem Range in Reihen geordnet, E Europäer auf Stühlen. Alle Inländer mit alleiniger Ausnahme des Kaisers und der Pangerans kauerten am Boden. Der Kaiser trug eine cylindrische Mütze aus weissem Glanzleinen, im Uebrigen das schon beschriebene Kostüm. Auch die vornehmen Beamten (V) hatten cylindrische Mützen und Jacken, meist von dunkler Farbe. In den Reihen B waren alle bis zum Gürtel nackt; das Haar war nicht zusammengebunden, sondern einmal gedreht über den Kopf gelegt und mit einem Kamme befestigt. Rings um die offene Halle standen die kaiserlichen Leibwachen in bunten Kostümen und theatralischer Haltung, die gut zum Ganzen passte. Zwei vornehme Boten drängten sich kriechend in der Mittellinie durch die hohen Würdenträger (V), machten in grosser Entfernung vor dem regungslos sitzenden Kaiser Halt, und berichteten, als sie nach langer Pause einen Wink empfangen, dass die dem Volk bestimmten Geschenke bereitständen; dies geschah aber mit so leiser Stimme, dass der Schall wohl kaum bis zum Kaiser dringen konnte. Nach abermaligem langem ehrerbietigem Harren, erhielten sie einen zweiten Wink, und zogen sich rückwärts kriechend zurück. Nun wurden die kaiserlichen Geschenke, denen ein Musikcorps voranging, vorübergetragen; sie bestanden aus allerlei Esswaren und Näschereien auf kolossalen verzierten Körben, jeder von 12 Kulis getragen: bald hörte man aus dem Jauchzen des Volks auf dem Alun-alun, dass es sich in Besitz gesetzt hatte. Inzwischen waren an die Gäste Verzeichnisse der zu trinkenden Toaste vertheilt worden: 1. das neue Jahr, 2. der General Guvernör, 3. der Kaiser, 4. der Resident, 5. der Pangeran Adipati-anom (Kronprinz), 6. die kaiserliche Familie, 7. die Blüthe und Wohlfahrt der Insel Java. Zu jedem Toast erhielt man ein kleines Glas Madeira oder wenn man es vorzog, Thee von gleicher Farbe, eine anzuerkennende Vergünstigung, da das Glas jedesmal ausgeleert werden muss. Die Leibwache war in Schlachtordnung aufmarschirt und begleitete jeden Toast mit einer Gewehrsalve. Schliesslich geleiteten die Europäer den Kaiser in den inneren Kraton zurück, und gingen nach Hause. Das Schauspiel war nicht ohne Interesse und erinnerte unwillkürlich an die grossen Kirchenfeste in Rom, sowohl durch die aus einer vergangenen Zeit geretteten malerischen aber fadenscheinigen Kostüme, als durch die fast zur Anbetung gesteigerten Formeln der Ehrerbietung gegen zwei dem Grabe nahen Greise, die bezeichnend die Hauptrollen spielten; hier wie in Sankt Peter hatten die ungläubigen Fremden, für welche das Ganze nur ein buntes Schauspiel ist, die Ehrenplätze, während das gläubige Volk draussen steht.