Sechstes Kapitel.

Festung Ambarawa. — Samarang. Schule. Waisenhaus. — Surabaya. Maschinenfabrik. — Tempel um Malang. — Ardjuno. Legende. — Semeru. — Lamongan. Gewitter. — Rückkehr nach Batavia.

Von Solo reiste ich über Bojolali und Salatiga, wo ein Regiment Kavallerie liegt, nach Ambarawa, traf daselbst wieder den Oberst, den seine Dienstgeschäfte dort einige Tage aufhielten, und hatte dadurch Gelegenheit die bedeutende, erst vor wenigen Jahren begonnene, aber beinahe vollendete Festung zu sehen. Sie soll sehr zweckmässig angelegt sein; jedenfalls liegt sie sehr schön. Wir gingen bis zur Dunkelheit auf den langen Reihen flacher Dächer spazieren und erfreuten uns an der herrlichen Aussicht auf die den weiten Thalkessel rings umschliessenden Berge. Der Merapi, Merbabu, Lawu, Sumbing, Sindoro, traten in der durchsichtigen feuchten Abendluft so klar hervor, dass man alle Schluchten dieser schönen Kegelberge deutlich erkennen konnte. Der Ungaru liegt in unmittelbarer Nähe und begrenzt den Kessel von Ambarawa im Norden durch seine flachen Vorberge. Auf diesen sieht man eine Menge weiss getünchter Stein-Häuser durch die Bäume schimmern, ein im Innern Javas seltener Anblick. Gegen Osten lehnt sich die Festung an die Rawa, einen grossen Sumpf, dem sie ihre Stärke verdankt. Die Festungsgräben sind an der inneren Seite mit dornigen Bambusen bepflanzt, die eine undurchdringliche Hecke bilden. Ambarawa soll der Hauptwaffenplatz für Niederländisch-Ostindien werden. Es laufen von hier drei Hauptstrassen auseinander; die eine nördlich nach dem grossen Handelsplatz Samarang, eine SW. über Kadu nach den westlichen, die dritte SO. über Surakarta nach den östlichen Provinzen. Die früheren Bewohner des Thales sind auf loyale Weise expropriirt worden, und haben ihre Desas auf den umliegenden Hügeln erbaut. Rings um Ambarawa sieht man nichts als Soldaten und Leute, die von ihnen leben. Zu den Erdarbeiten, die der Festungsbau nöthig machte, ist das bereits früher erwähnte Schwemmverfahren in sehr ausgedehntem Maasse angewendet worden (pg. 146). Die Javanen sind Meister im Wasserbau. Auch wissen sie nach blossem Augenmaas geringe Niveauunterschiede zwischen entfernten Punkten richtig aufzufassen, die ein Europäer nur mit Hülfe von Instrumenten zu ermitteln vermag.

Am folgenden Morgen besichtigten wir die noch unvollendeten Gebäude zu einem „Militärkampement” von 12000 Mann. Die Kasernen einiger Regimenter waren bereits fertig und bewohnt. Sie sind sehr geräumig, reinlich, luftig. An beiden Seiten laufen der ganzen Länge nach breite Veranden hin. In den Schlafsälen fielen mir die fast quadratischen Betten auf; der Soldat schläft hier nicht allein, jeder hat eine Soldatin; ich sah diesen interessanten Truppentheil aber nur aus der Ferne, da sie um 7 Uhr früh, wo die Offiziere Musterung halten, die Schlafsäle verlassen haben müssen; sie ziehen sich dann in ein abgesondertes Kampong zurück. Die Inländerinnen, die mit den Soldaten wie treue Ehefrauen leben, werden von den Offizieren nicht als ein störendes Element, sondern als ein nützliches Komplement betrachtet. Auf dem Marsch sollen sie wichtige Dienste leisten, ohne besondere Mühe oder Kosten zu verursachen, da sie von der reichlichen Ration des Soldaten leben. Sie putzen diesem, wenn er vom Marsch ermüdet im Bivuak ankommt, Waffen und Zeug, besorgen seine Wäsche, kochen das Essen und erhalten ihn bei guter Laune, da sie selbst immer unverdrossen sind. Der afrikanische Reisende Galton macht in seinem „Art of travel” die Reisenden ebenfalls auf den grossen Nutzen aufmerksam, den eine Expedition aus der Begleitung inländischer Weiber zieht, und giebt dieselben Gründe an.

Trotz der Rawa und der vielen Gräben soll die Lage von Ambarawa nicht ungesund sein; wahrscheinlich wegen der starken Ventilation, die sich in einzelnen Fällen aber bis zu gefährlichen Wirbelwinden steigert. „Da wo in niedrigen Zwischenräumen zwischen hohen Bergen z. B. auf dem Gunung Djambu, über welchen der Weg von Ambarawa nach Kadu führt, die beiden entgegengesetzten Luftströme (Land- und Seewind), die von N. und S. kommen, einander in der Mitte der Insel begegnen, da entstehen zuweilen, aber selten Wirbelwinde, höchst gefährliche Stürme, wodurch Bäume und Häuser vom Boden gehoben, eine Zeitlang in der Luft herumbewegt und auf weite Abstände mit fortgerissen werden.” (Jungh. I. 164.) Der Oberst erzählte mir von einem solchen Sturm, den er hier erlebt hatte. Sein Haus wurde völlig zertrümmert, Cocospalmen unter der Blätterkrone abgedreht, Bäume entwurzelt und nebst Steinen durch die Luft geführt. Gerade als dieser Sturm ausbrach, lagen sämmtliche eben erst vollendete Pläne zur Festung, behufs einer nochmaligen Durchsicht auf einem grossen Tische nebeneinander ausgebreitet; der Wind ergriff sie und vernichtete fast alle, so dass die Arbeit noch einmal begonnen werden musste.

Schon lange bevor man Samarang erblickt, verkündet der immer lebhafter werdende Verkehr die Nähe der grossen Handelsstadt. Beladene Büffelkarren, Lastträger und Saumthiere beleben die Strasse; die Warongs werden immer zahlreicher. Plötzlich sieht man von einer Anhöhe hinter einer wohlbebauten Ebene die grosse Stadt mit dichtgedrängten Häusern, und im Hintergrunde das Meer und die belebte Rhede. Ein dunkelgrüner Saum von Cocospalmen zieht sich am Gestade hin und lässt nur stellenweise einen weissen Sandstreifen dahinter erkennen. Im Vordergrund liegen mehrere mit Waringis bestandene Hügel, die sich reiche Chinesen mit vielem Geschmack, und wahrscheinlich auch mit vielem Geld zu Begräbnissplätzen erkoren haben. Die Aussicht verschwindet bald wieder; aber der Verkehr wird immer reger. In einer prächtigen Tamarinden-Allee legt man die letzte Station zurück.[101] Beim Schlendern durch die Stadt fielen mir Gruppen von Frauenzimmern auf, die inmitten der belebten Strassen niedergekauert, im Kartenspiel vertieft waren.

Am folgenden Morgen hatte der Resident die Güte mich an der Besichtigung mehrerer öffentlichen Anstalten Theil nehmen zu lassen. Wir sahen zuerst das Hospital der Gefangenen, es stand fast leer. Darauf besuchten wir einige Schulen, in denen Kinder von Europäern und diesen gleichgestellte Mischlinge Elementarunterricht empfingen. Sie wurden in meiner Gegenwart im Rechnen und in der Geographie examinirt — man hatte uns die Wahl der Unterrichtsgegenstände überlassen — es ging recht gut. Ueberraschend waren die Leistungen einiger Schüler in der Geographie. Ein 16 jähriger Knabe zeichnete in einem Zug ein gutes Bild von Asien auf die Tafel und fügte beiläufig Europa hinzu. Auf Verlangen trug ein anderer den Lauf der Hauptströme ein und gab die Lage der grössten Städte richtig an. Ein Dritter zeichnete die Grenzen der grossen Reiche. Hierauf besichtigten wir das protestantische Waisenhaus, das 64 Knaben, 128 Mädchen enthielt. Jene bleiben bis zum 18., diese bis zum 23. Jahr in der Anstalt, wenn sie nicht früher versorgt werden. Viele Knaben gehen in die Militärschule von Gombong über (vgl. S. 205), andere werden bei Privatleuten und als Subalternbeamte untergebracht. Nur wenige Kinder sind von europäischer Abkunft; die meisten sind Mischlinge, besonders Soldatenkinder, und nicht Waisen im eigentlichen Sinne. Die Verwaltung der Anstalt scheint musterhaft. Ueberall herrschte untadelhafte Ordnung und Reinlichkeit, ausser in den Kammern der ganz neu eingetretenen, die gewöhnlich so jung sind, dass sie noch der inländischen Mutter bedürfen. Man sollte kaum glauben, dass die netten jungen Mädchen, die in der grossen kühlen Veranda weibliche Handarbeiten machten, aus so schmutzigen kleinen Wilden hervorgegangen waren. Die Mädchen verlassen die Anstalt häufig als Bräute; denn sie stehen in solchem Ruf der Sittlichkeit und Wirthschaftlichkeit, dass namentlich Unteroffiziere und Subalternbeamte sich gern aus ihnen eine Ehefrau wählen. So gross ist das Zutrauen zum Vorstand, dass mancher Bräutigam, der es eilig hat, oder die Reise nach Samarang nicht machen kann, sich wegen der Wahl einer seinen Bedürfnissen und Neigungen entsprechenden Frau vertrauensvoll an diesen wendet, und in fast allen Fällen soll das Ergebniss das Zutrauen des Heirathskandidaten gerechtfertigt haben. Auch jetzt waren zwei Bräute in der Anstalt, die uns ihre kleine durch Fleiss und Sparsamkeit erworbene Ausstattung zeigten. Den Knaben sowohl als den Mädchen werden, sobald sie arbeiten können, ihre Leistungen bezahlt. Die Knaben arbeiten in Werkstätten ausser dem Hause, die Mädchen machen Handarbeiten. Das erworbene Geld wird den Zöglingen aufbewahrt, bis sie die Anstalt verlassen. Jede der beiden Bräute hatte auf diese Weise ein Kapitälchen von 150 Gulden erspart. Die meisten Mädchen waren nicht hübsch von Gesicht, die malayische Rasse scheint sich schlecht mit der Europäischen zu vermischen (bessere Resultate giebt die Mischung von Chinesen und Malayen). Wir besahen die Schlafsäle, die sehr luftig und reinlich sind; jedes Mädchen hat eine eiserne Bettstelle und darüber an der Wand ein Schränkchen, deren einige geöffnet wurden; sie enthielten wohl geordnete, blendend weisse Wäsche, und allerlei kleine Habseligkeiten. Zum Schluss erfreute uns die gesammte männliche und weibliche Jugend mit einem grossen Vokal-Konzert, ich fand es sehr hübsch, aber Oberst von S., der sich darauf zu verstehen scheint, sagte mir später, es hätte ihm fast die Ohren zerrissen.

Das katholische Waisenhaus, das wir darauf besuchten, war im Vergleich zu jenem schlecht gehalten, die Anzahl der Zöglinge etwa ebenso gross. Nachmittags durchstreifte ich die Stadt mit einem gefälligen Landsmann, der mir aber wenig Auskunft geben konnte. Eine der Sehenswürdigkeiten Samarangs, Haus und Garten des „Major” der Chinesen entging uns, da der Hausherr, der als Opiumpächter ein Vermögen von 5 Millionen Gulden erworben hatte, nicht anwesend war. Wir begegneten einem Brautzug von Arabern. Ueber dem mit Blumenschnüren behangenen Bräutigam wurde ein grosser Sonnenschirm getragen. Alle waren reich in Seidengewänder gekleidet, den Zug schloss eine Musikbande. — In Samarang druckt man Batekmuster vermittelst kupferner Formen auf die Zeuge, das übrige Verfahren gleicht dem (S. 229) beschriebenen. Auch werden hier golddurchwirkte seidene Sarongs gewebt, die hoch im Preise stehen.

Von Samarang fuhr ich in einem alten schlecht gehaltenen Dampfboot, „Koningin der Nederlande” nach Surabaya. Die langsame Fahrt dauert 24 bis 28 Stunden und kostet 100 Gulden. Auf dem Vorderdecke sah es ziemlich bunt aus; es enthielt Malayen, Klings, Araber und Mischlinge. Angetrunkene Soldaten sangen Abends ein wildes lautes Lied; dicht neben, fast zwischen ihnen, verrichteten zwei Araber ihre Andacht mit vielen Prosternationen so ungestört als wären sie allein. Das Boot war so voll, dass keine Kabine mehr zu haben war. Die beiden einzigen Sophas, die auf dem Verdeck standen, wurden mir wiederholt von den glücklichen Besitzern dringend und anscheinend aufrichtig angeboten; soweit geht hier die Höflichkeit gegen Fremde.

AM KALI-MAS. SURABAYA.

Surabaya. — In einem Sampan fuhr ich den langen Kalimas hinauf, an vielen malerischen sonderbaren Küstenfahrern vorbei. Am rechten Ufer liegt eine Reihe von Offizierswohnungen, dann folgte ein Kampong, in dem viele auffallend geschminkte Mädchen am Ufer spazieren gingen oder badeten. Am folgenden Morgen besichtigte ich eine Fabrik, die namentlich Maschinen für Zuckerfabriken liefert. Der Besitzer, ein geborner Aachener, beschäftigt nur inländische Arbeiter, ist sehr mit ihnen zufrieden, und mag von Europäern nichts wissen, obwohl er zugiebt, dass ein solcher in Europa unter Umständen viermal so viel zu leisten vermag als ein Javane. In Java aber wollen alle Europäer die grossen Herren spielen und sind daher nicht gut zu brauchen. Herr B. beschäftigt gegen 500 Arbeiter und hat sie alle selbst aus gewöhnlichen Kulis herangebildet. In vier Jahren wird aus einem solchen ein guter Former, oder Schmied; in sechs Jahren ein Modellmacher. Die Löhne betragen für Knaben 30 bis 40 Cents, Erwachsene verdienen 40 bis 120 c. (120 c = 1 fl. holl.), die Mandore (Aufseher) erhalten 240 c. per Tag. Die Arbeitszeit dauert von 6 bis 12 Uhr und von 1/21 bis 1/25. Fast jeden Morgen fehlen einige Arbeiter bei dem Appell. Sie werden dann aus ihrer Wohnung geholt und kommen auch ohne Widerrede; holt man sie aber nicht, so bleiben sie ruhig zu Hause liegen. Strafe erhalten sie für diese kleinen Anwandlungen von Arbeitsscheu niemals. Alle Arbeiter empfangen Vorschüsse, sonst würden Unregelmässigkeiten im Dienst wohl viel häufiger sein. Kleine Diebstähle von Nägeln, Schrauben u. s. w. kommen zuweilen vor. Wird ein Dieb ertappt, so erhält er eine Ehrenstrafe; mit einer Art von Halsband, an dem die gestohlenen Sachen hängen, und einem Zettel am Kopf, welcher seinen Namen und sein Vergehen anzeigt, wird der Dieb an die Thür den Vorübergehenden zur Schau gestellt. Diese Strafe soll ausserordentlich wirksam sein, wie bei dem starken Ehrgefühl der Javanen nicht anders zu erwarten ist. — Von hier besuchten wir ein Hospital, das keinen günstigen Eindruck machte; es fehlte an Raum, Ventilation und Kühlung. Dysenterie, Fieber, Typhus sind die Hauptkrankheiten.

Da wegen der vorgerückten Jahreszeit keine Zeit zu verlieren war, so fuhr ich am folgenden Tage im Omnibus nach Pasuruan durch das Deltaland des Kali-Brantes, welcher sich bei Modjo-kerto in zwei Arme theilt, deren einer unter dem Namen Kalimas bei Surabaya mündet, während der andere, wasserreichere, in östlicher Richtung weiterfliesst. Zwischen diesen beiden Armen und der Küste, die von Surabaya bis zur Mündung des Brantes fast genau dem Meridian folgt, liegt ein durch viele natürliche und künstliche Kanäle reich bewässertes, sehr fruchtbares Schwemmland, ein fast gleichseitiges Dreieck von etwa 6 Meilen Seite. Die Chaussee läuft der Küste ungefähr parallel und ist die schönste von allen, die ich bisher hier oder in Europa gesehen, breit, fest, eben, gut unterhalten, von hohen, alten Tamarinden beschattet. Unter diesen liegen zahlreiche Wachthäuser von Stein, zu beiden Seiten der Strasse Reis-, Indigo-, Zuckerfelder. Ausgedehnte Fabriken mit Dampfschornsteinen deuten auf die grosse Entwickelung der Zuckerindustrie, die hier ihren Hauptsitz hat und Fleiss und Wohlstand unter der Bevölkerung verbreitet.

Nach kurzem Aufenthalt in Pasuruan ritt ich südlich nach Malang, in einem sanften Bogen zwischen den im Westen gelegenen Vulkanen Ardjuno und Kawi und den im Osten liegenden Tengger und Semeru, jener durch die ungewöhnliche Grösse seines Kraters (der Sandsee), dieser als der höchste Berg Javas (11,480') ausgezeichnet.

In Malang waren Resident und Regent wegen einer Inspektionsreise abwesend; ich traf aber einen ebenso herzlichen als wissenschaftlich gebildeten deutschen Arzt, der hier ein grosses Hospital gegründet, das, ähnlich wie Gadok im westlichen Java, ein Sanatarium für die Bewohner des östlichen werden soll. Ausser der gesunden, kühlen Lage machen herrliche Umgebungen, vortreffliche Strassen und viele in der Nachbarschaft vorhandene Kunstdenkmäler den Aufenthalt zu einem der angenehmsten in Java.

Da die Reise, die ich nach dem Semeru vorhatte, vor Rückkehr des Regenten nicht unternommen werden konnte, gab mir Dr. G. seinen Verbandmeister, einen ehemaligen Barbier aus Leipzig mit, der mich nach den schönen Tempelruinen von Tumbang und Pakis begleitete. Am nächsten Tage ritt ich nach Singosari, wo einige malerische Tempelruinen und auf einem Rasenplatz aufgestellte Skulpturen, die ihre Erhaltung ihrer Schwere verdanken,[102] an die Hauptstadt eines ehemals mächtigen Reiches erinnern. Singosari soll schon im 3ten Jahrhundert erwähnt, im 13ten seine höchste Blüthe erreicht, die erste Gründung der Tempel im Jahre 656 stattgefunden haben. (Hagemann Schetsen omtrent Malang). Am folgenden Morgen stieg ich auf den Ardjuno, gegen 1 Uhr erreichten wir die südöstliche Kuppe, die nach Junghuhn Widodaren, nach Versicherung des Regenten von Malang aber Indrogeni heisst; die zweite, in NW. gelegene Kuppe, die höchste des ganzen Berges, auf der auch das trigonometrische Signal steht, heisst Pedodarén, und besteht aus grossen, über einander gehäuften Trachytblöcken. In einer natürlichen Höhle, gross genug, um zwei oder drei Menschen als Schlafplatz zu dienen, lag wahrscheinlich seit vielen Monaten völlig trockenes Heu, das für die geringe Feuchtigkeit zeugte, welche hier, oberhalb der Monsunwinde herrscht. Auf diesem Gipfel standen, wie auf dem des Lawu, einige jener merkwürdigen aus Steinquadern aufgeführten Baue, an die sich eine Legende knüpft, die mir der in der altjavanischen Literatur wohl belesene Regent von Malang bei meiner Rückkehr erzählte.

Vor langer, langer Zeit lebten fünf Brüder, Pendówo, Königssöhne von gewaltiger Körperkraft. Um noch stärker zu werden, zogen sie sich auf den Gipfel des Ardjuno zurück und bauten sich auf der Kuppe Indrogeni fünf Häuser, in welchen sie als Einsiedler lebten. Sie beteten täglich um Vermehrung ihrer Körperkraft, und da sie Allah so viel näher waren, drang ihr Gebet um so deutlicher zu ihm. Zu derselben Zeit lag auf dem Südabhang des Semerugipfels eine grosse von Geistern bewohnte Stadt, die einem mächtigen König gehorchte. Der Geisterkönig hatte viele Töchter von ausserordentlicher Schönheit. Um eine derselben bewarb sich der mächtige Radjah von Melusina; sein Gesuch wurde aber mit Hohn zurückgewiesen. Da wandte er sich um Hülfe an einen der fünf starken Brüder auf dem Ardjuno. Dieser begab sich nach der Geisterstadt, kämpfte lange mit dem stolzen König, ward aber endlich überwunden und zog sich nun auf den höchsten Gipfel (Pedodaren) des Ardjuno zurück, wo er noch inbrünstiger betete, als zuvor. Bald fühlte er sich auch so gestärkt, dass er zu neuem Kampf gegen den Geisterkönig aufbrach. Noch ehe er die Geisterstadt erreichte, kamen ihm die schönen Prinzessinnen (Widodari = Genien), die sich in den starken Helden verliebt hatten, bis zu einer Bergkuppe am Südabhang des Semeru entgegen, der in Folge davon noch bis auf den heutigen Tag Widodaren heisst. Diesmal erschlug der Held den Geisterkönig, welcher Usu hiess, gab seinem Freunde, dem Radjah von Melusina, die schöne Prinzessin, und heirathete alle ihre Schwestern.

Ein Versuch, Javas höchsten Vulkan, den Semeru zu ersteigen, scheiterte an der Zaghaftigkeit und Böswilligkeit des Bedana von Madjang-tenga. Ich kam aber bis zur Kuppe von Widodaren, und hatte somit Gelegenheit, eine der eigenthümlichsten, wildesten und grossartigsten Landschaften zu sehen, die Java enthält. Von Malang läuft die Strasse SO., fast rechtwinklig fünf wasserreiche Bäche durchschneidend, die vom Westabhang des Berges Semeru her in den dicht am Ostabhang des Berges Kawi hinfliessenden Kali-Brantes fallen. Dieser umfliesst die Vulkanengruppe des Kawi, Kelut und Ardjuno in einem Bogen und mündet nicht weit von seiner Quelle an der Grenze von Surabaya und Pasuruan. Südlich von Malang kamen wir durch einen ganzen Wald von merkwürdigen, dem Waringi verwandten Feigenbäumen. Zwischen Madjang-tenga und Widodaren am Südwest-Abhang des Semeru, ist alles mit dichtem, feuchtem Wald bedeckt, in welchem riesige Bambusen auftreten und bald vorherrschend werden. Ich mass einige von 26 Zoll Umfang, es sollen noch dickere vorkommen; ihre Höhe beträgt 60–70', sie haben sehr dünne Wände und sind bis zur Spitze mit Wasser gefüllt, das krystallhell hervorsprudelt, wenn man die Halme anschneidet. Die Kulis kochten ihren Reis in diesem Wasser und zogen es dem der Bäche vor. Die hohen, dünnen, mit Wasser gefüllten Halme brechen leicht ab und bilden auf dem Boden ein viele Fuss hohes Durcheinander von mehr oder weniger morschen Röhren, auf denen man zuweilen wie auf einem Gerüst geht, häufig aber auch einbricht und dann tief in den morschen Boden einsinkt. Die Feuchtigkeit war sehr gross, selbst Nachmittags wehte jeder Luftzug einen Thauregen von den Blättern. Ein prachtvolles Stück Landschaft entfaltete sich am Bach Mandjing. Man überschreitet ihn kurz vor der Stelle, wo die flache Lavabank, auf der er bisher geflossen, plötzlich abbricht. Da der damals wasserarme Bach nur einige flache Rinnen in der Bank ausfüllte, so konnte man trockenen Fusses auf festem Gestein bis an den Rand des Abgrundes treten. Steht man in der Richtung des Wasserlaufes, so erhebt sich vor Einem eine beträchtlich höhere Tuffwand, in welche der Bach eine mehrere hundert Fuss tiefe Kluft mit senkrechten Wänden ausgewaschen hatte, so schmal, dass die hohen Bambusen, die auf den beiden oberen Rändern wachsen, sich darüber kreuzen. Auf der Kuppe Widodaren, wo wir übernachteten, war es so feucht, dass wir nur mit grosser Mühe Feuer anzünden konnten. Der innerste Kern des trockensten Holzes, das zu finden war, wurde in dünne Stäbchen, so fein wie Zahnstocher, geschnitten, ein anderer Theil wurde fein geschabt und in den Händen zu Pulver zerrieben; nachdem erst dieses, dann die Stäbchen in Brand gebracht, wurden immer grössere Stückchen angelegt, bis zuletzt ein munteres Feuer entstand. Der Bedana traf erst eine Stunde später im Bivuak ein und fuhr fort, seine Zweifel gegen die Möglichkeit der Besteigung des Semeru auszusprechen. Gegen Abend hörten wir deutlich starke Schläge, wahrscheinlich Ausbrüche des Kraters, konnten aber wegen des dichten Nebels nichts sehen. Früh um 3 donnerte der Semeru abermals. Es war eine klare, sternhelle Nacht, der Gipfel deutlich sichtbar, ein Feuerschein aber nicht wahrzunehmen. Um 61/2 Uhr früh waren wir endlich marschfertig, der Bedana stellte sich so müde, dass er schon nach 200 Schritten zusammensank und sich erst nach langem Zureden wieder ermannte. Nachdem wir auf Banteng- (wilde Büffel) Wegen eine Strecke weiter gestiegen, gelangten wir an eine Stelle, wo der Bedana das Weitergehen hartnäckig verweigerte. Quer vor uns lag eine tiefe Schlucht, deren beide Seitenwände aber durch einen Zwischenrücken aus Rapilli verbunden waren, es war derselbe Rücken, auf welchem Junghuhn früher die Schlucht überschritten, die einzige schwierige Stelle auf dem ganzen Wege. Er mag damals vielleicht etwas leichter zugänglich gewesen sein; denn jetzt erhoben sich auf dem scharfen Grat einzelne Pfeiler aus Rapillimasse, zu lose und zu steil, um darüber fortklettern zu können, aber leicht zu beseitigen. Der Bedana hielt es für zu gefährlich, den Rücken zu betreten, und verweigerte auch den Leuten die Erlaubniss. Ich bot meine ganze Beredsamkeit auf, räumte mit einem langen Bambus die ersten beiden Pfeiler so weit ab, dass man hinüber konnte; aber mein Beispiel war eben so unwirksam, als meine Bitten, keiner verliess den Rand der Schlucht. Nachdem ich so eine Stunde gearbeitet hatte, während der Bedana und seine Leute, Betel kauend, ruhig zusahen, überlegte ich, was zu thun sei. In einer Stunde hätten die Leute das Hinderniss beseitigen können, in 4–5 Stunden hätten wir dann den Gipfel erreicht. Wäre der Bedana nicht dabei gewesen, so wären mir die Leute gewiss gefolgt, wie schon so häufig auf schwierigen Stellen; sein Befehl hielt sie zurück. Ich musste mich zur Umkehr entschliessen. Ohne ein Wort zu sprechen, kehrten wir nach Madjang-tenga zurück, das wir an demselben Abend erreichten. Während ich gestern in gespannter Erwartung und fröhlichster Stimmung nur für die Pracht des Waldes Augen hatte, sah ich heut, niedergeschlagen durch das verfehlte Unternehmen, nur die Hindernisse, die die üppige Vegetation dem Reisenden in den Weg legt, und roch überall nur den Moder der faulenden Pflanzen. Die Einförmigkeit der Heimreise wurde nur durch die Ausbrüche des Semeru unterbrochen. Ein erster lauter Knall erfolgte um 11, dem andre um 12, 121/4, 1, 2 Uhr folgten. Von 4 Uhr an donnerte es fast eine Stunde lang mit ganz kurzen Unterbrechungen, jeder Ausbruch dauerte etwas weniger als eine Minute, die Pausen waren gewöhnlich nicht viel länger. Welch prachtvolles Schauspiel müssten wir auf der Gipfelplatte gehabt haben!

Auf dem Wege nach Malang begegnete uns ein eigenthümliches Brautpaar, der Bräutigam über 20, die Braut kaum 9 Jahre alt. Beide sassen mit Blumen geschmückt, gelb bemalt, in einem offenen Wagen neben einander; die Braut sah schüchtern und gelangweilt, der Bräutigam sehr albern aus. Ueber sie hielt man einen grossen Sonnenschirm. Ein Zug geputzter Leute mit Gamelang-Musik folgte dem Wagen. Ich erfuhr, dass sich häufig erwachsene Männer Kinder antrauen lassen, die dann bis zu ihrer Mannbarkeit bei den Eltern bleiben. Einen Paal östlich von der Strasse, die von Malang nach Pasuruan führt, liegt der Wasserfall Kali-Baong, ein von Reisenden oft besuchter schöner Punkt. Vor etwa 8 Tagen besichtigte ihn ein Engländer, den ich in Malang kennen lernte, mit seiner Frau. Als sie wieder nach ihrem Wagen zurückgingen, sprang ihnen plötzlich ein grosser Tiger in den Weg, glotzte sie an und lief weiter, ohne sie anzugreifen.

Ohne mich in Pasuruan aufzuhalten, reiste ich nach der etwa 20 Paal weiter östlich an der Küste gelegenen Hafenstadt Probolingo, um von dort aus noch das Tengger-Gebirge und den Lamongan zu besuchen. Das Küstenland behält denselben Charakter, wie zwischen Surabaya und Pasuruan, die Zuckerfelder bedecken einen sehr grossen Raum; die Einförmigkeit der flachen Reisfelder wird angenehm unterbrochen durch einzelne Fächerpalmen und sehr zierliche Wächterhäuschen auf hohen Gestellen, die mitten aus den Feldern hervorragen. Häufig gehen von ihnen nach allen Richtungen lange Stricke aus, an denen Bambusklappern hängen. Ein kleiner Junge setzt sie in Bewegung und vermehrt den Lärm nach Kräften, um die Vögel zu verscheuchen. Von Probolingo führt eine fahrbare Strasse bis Paras-goang an der Südküste; die Entfernung beträgt in gerader Linie 45 Paal (9 deutsche Meilen), das ist die schmalste Stelle der ganzen Insel. Westlich von der Strasse erheben sich das Tengger- und Semeru-Gebirge, östlich der fast immer thätige Lamongan. Nur in der Mitte wird die sonst ebene Strasse von einer kleinen Erhebung unterbrochen; südlich davon breitet sich eine weite Fläche aus, die weiter nach Osten versumpft und an der südlichen Küste durch eine niedrige Dünenwand eingefasst wird. In der Mitte dieser Ebene bei Lemadjang fand ich einen pensionirten deutschen Arzt, der damit umging, für eine Gesellschaft europäischer Kapitalisten eine Cocospflanzung von 100,000 Bäumen anzulegen. Er erwartete den Landvermesser, der ihm das von der Regierung bereits bewilligte Pachtland überweisen sollte, um dann gleich an die Arbeit gehen zu können. Die Pläne schienen wohl erwogen. Zwischen den Cocos, die vor dem 9ten Jahr kaum einen nennenswerthen Ertrag geben, sollten Cacao, die schon nach 4 Jahren, und Erdnüsse gezogen werden, die gleich im ersten Jahre eine Ernte gewähren. Die Erwartung, dass eine solche Pflanzung, wenn sie erst einmal in vollem Betriebe ist, jährlich einen Nutzen von 1 Dollar per Baum, also 100,000 Ds. abwerfen werde, so übertrieben sie auch denen scheinen mag, die nur mit den Erträgen europäischer Kulturen bekannt sind, stimmten genau mit den Notizen überein, die ich in Malacca darüber gesammelt hatte; nur rechnet man hier die Kosten der Anlage auf einen D. per Baum, in Malacca auf einen halben, so dass hier jemand, nachdem er 8–9 Jahre gewartet, jährlich 100%, dort 200% Zinsen von seinem Kapital pflücken würde.

Das grosse Geschick der Javanen in der Beurtheilung geringer Höhenunterschiede habe ich bereits früher gerühmt; dass sie mit grosser Genauigkeit nach dem Stand der Sonne die Zeit zu bestimmen vermögen, ist kein Wunder; im östlichen Java aber fand ich die Leute so ausgezeichnet orientirt, dass sie selbst im Hause statt der Ausdrücke rechts, links, vorn, hinten u. s. w. gewöhnlich die Himmelsrichtungen gebrauchten, z. B, gieb mir die nordwestliche Schüssel, stelle Dich südl., komm nach Osten u. s. w.

Nach einem mehrtägigen Aufenthalt im Tengger-Gebirge, dessen rein geognostische Ergebnisse hier nicht am Platz sind, besuchte ich noch den Lamongan. In angenehmer Gesellschaft verlebte ich den Abend am stillen Ufer des waldumsäumten von Tigern umschlichenen Klakasees und brach am folgenden Morgen mit dem Adjudanten des Obersten v. S. auf, um den so selten ruhenden Lamongan zu ersteigen, dessen Gipfel sich in unserm See spiegelte. Man zweifelte sehr an der Ausführbarkeit unseres Unternehmens. Junghuhn hatte bei seinen verschiedenen Besuchen nicht einmal den Versuch machen können, da der Vulkan dann immer in voller Thätigkeit war. Wir ritten zuerst SW. um den Rand des Sees herum, durch Kaffeegärten, dann Ost, geradeaus durch dichten Wald, in welchem nur zwei Stellen zur Anlage neuer Desas frisch gelichtet waren. Nach zweistündigem Ritt erreichten wir mit der Grenze des Waldes ein ebenes Lavafeld von etwa 9° Neigung, durch tiefe Sprünge vertikal zerklüftet und mit einem dichten Teppich von schönen Flechten bekleidet, auf dem wir bequem an den Fuss des Auswurfskegels gelangten. Er bestand an dieser, der Südseite, aus ziemlich festem Sand, der stellenweis mit Auswürflingen überschüttet war, die der Regen vom oberen Gehänge herabgespült hatte. Das Aufsteigen auf diesem Boden war äusserst beschwerlich, weshalb denn auch unsere Kulis nach ostjavascher Sitte allmälig zurückblieben und einer nach dem andern hinter grossen Steinen untertauchten. Alles Zureden, Schelten, Drohen brachte sie nicht wieder zum Vorschein, so dass wir schliesslich mit unsichtbaren Zuhörern sprachen. Mit ihnen verschwanden auch unsere Instrumente, darunter ein Barometer. Nach einigen Stunden mühsamen Kletterns erreichten wir im obersten Drittel des Kegels eine feste Lavabank, ohne Schlackendecke, welche letztere wohl längst durch Regen und Wind in die Tiefe gestürzt worden. Das Vorkommen einer solchen festen Bank an einem Abhang von mehr als 30° Neigung war gewiss interessant! Sie gewährte uns ein ziemlich sicheres Auftreten und reichte fast bis an den Gipfel. Nur die letzten 40' etwa bestanden aus gelbem Sand. Aus allen Spalten der Kuppe, bis auf 100' abwärts, drangen sehr heisse Wasserdämpfe; schweflige und salzsaure waren durch den Geruch nicht wahrzunehmen. Links von uns, im W. zog sich in NO.-SW.-Richtung eine gegen 100' breite, flache, muldenförmige, bolusrothe Rinne auf 2/3 des Kegels hinab, an ihrem oberen Ende war die Dampfentwickelung besonders stark. Die Spitze des Kegels war schon seit einer Stunde in dichten Nebel gehüllt, der ganze Krater mit kondensirten Dämpfen erfüllt; ich sah nichts als das Segment des Randes, auf welchem ich stand. Nur einmal schimmerten zwei Felsenpfeiler durch den dicken Nebel, deren Entfernung und Richtung auf eine grosse Dimension und senkrechte Wände des Kraters schliessen liessen. Nachdem wir vergeblich eine kurze Zeit auf etwas Aussicht gewartet, verkündete ein Donnerschlag, von einigen grossen Regentropfen begleitet, den Anfang eines Gewitters. Wir entschlossen uns zum Rückzug und verliessen ohne Ergebniss den mühsam erklommenen Gipfel. Der Regen wurde zu einem wahren Sturzbad; vorsichtig rutschten wir die nun glatte Lavabank hinab, wobei uns beiden die Stöcke entfielen, die in gerader Richtung in die Tiefe glitten. Der Sand, durch den Regen in einen schweren, schwarzen Brei verwandelt, floss in breiten, flachen Massen träge abwärts. Die Steine, durch das Wasser wie belebt, stürzten mit reissender Schnelle die neu entstandenen Rinnen entlang, wie Sturzbäche, deren grösseres Volumen aus Steinen bestand. In einer solchen, die ich wegen ihrer stufenförmigen Sohle zum Hinabsteigen gewählt hatte, wurde ich mehrere Klafter weit aufrecht stehend fortgerissen, ehe ich mich auf das Ufer retten konnte. Die elektrischen Entladungen waren sehr stark; ein Schlag, der den Berg traf, warf meinen Begleiter und mich gleichzeitig zu Boden, was aber wohl hauptsächlich unserer unsicheren Basis zuzuschreiben war. Wir hatten nun etwa die Hälfte des Abhangs zurückgelegt und folgten einer flachen Rinne. Die durch den Regen und Wind vom oberen Gehänge gelösten Steine hatten hier schon solche Fallkraft erlangt, dass sie in mehr als haushohen Bögen den Berg hinabsprangen. Von beiden Seiten gelangten sie in unsere Mulde und bildeten ein wahres Kreuzfeuer. Zeitweis flogen sie so dicht, dass wir darauf gefasst sein mussten, zerschmettert zu werden. Einige wenige hatten reichlich 1' Durchmesser, die meisten waren kaum 5–6'' gross. Aber selbst den grossen vorsätzlich auszuweichen, war nicht möglich, da sie bei jedesmaligem Aufschlagen ihre Richtung änderten. Wir waren hier hülflos dem blinden Zufall preisgegeben, retteten uns aber endlich auf den höher gelegenen Rand, wo wir nur selten in Gefahr kamen. Den Umständen nach befanden wir uns wohl, mein Begleiter hatte einige schmerzhafte Quetschungen erhalten, die ihm das Athmen sehr erschwerten, ich war mit einer starken Kontusion und einem Loch im Bein davongekommen. Indem wir hier einige Augenblicke ausruhten, musste ich mir gestehen, kaum jemals ein prachtvolleres, grossartigeres Naturschauspiel in grösserer Nähe beobachtet zu haben; der peitschende Regen trat neben den übrigen Erscheinungen ganz in den Hintergrund. Als wir den Fuss des Kegels erreichten, hörte der Regen auf. Mein Begleiter hatte sich auf der ganzen Tour sehr wacker gehalten, wie es sich für einen jungen Krieger ziemt, erklärte aber zum Schluss, dass er sich das Studium der Geologie ganz anders vorgestellt habe und keine besondere Neigung dafür empfinde. Gegen Sonnenuntergang erreichten wir den Pasanggrahan, gleichzeitig mit dem Oberst, der in einem Nachen von einer Jagdpartie zurückkehrte und uns ungläubig auslachte, als wir behaupteten, den Gipfel des Berges erstiegen zu haben.

Beinwunden heilen in heissen Ländern ausserordentlich schwer, der Arzt in Probolingo sagte zwar, ich habe gutes „Geneesvleesch”, unterwegs verschlimmerte sich aber die Wunde wieder und heilte erst, nachdem ich eine Woche in völliger Ruhe unter der Pflege eines vortrefflichen deutschen Arztes in Plantungan zugebracht hatte. Ueberdies trat auch jetzt die Regenzeit mit solcher Entschiedenheit ein, und mein Aufenthalt in Java hatte so sehr die ursprünglich dafür bestimmte Zeit überschritten, dass ich theils im Dampfboot, theils zu Lande der flachen nördlichen Küste folgend, nach Batavia zurückeilte. Besonders bedauerte ich, von Surabaya und seiner Umgebung bei meiner ersten Anwesenheit so wenig gesehen zu haben, da die interessanten Exkursionen nach den vielen Regierungs- und Privatetablissements dieser in hohem Grade gewerbthätigen Stadt nun unterbleiben mussten. Surabaya hat bei weitem den besten Hafen von Java; hier mündet auch der bedeutendste Fluss der Insel und die Regierung hat dort grosse Schiffswerften und Maschinenbauanstalten, in denen unter Leitung weniger europäischer Offiziere alle Arbeiten von Inländern ausgeführt werden.

Es war Anfang Dezember geworden, alle Tage hatten wir starke Regen; bei Tagal, einer kleinen Hafenstadt zwischen Cheribon und Samarang, war der Fluss so angeschwollen, dass er kaum in seinem Bett Platz hatte. Zu beiden Seiten der durch 1 - 11/2 Fuss hohe Dämme geschützten Landstrasse waren die flachen Reisfelder (nicht künstlich bewässerte Sawas) in Seen verwandelt, aus denen einzelne Häuser wie Schiffe hervorragten. Der Eintritt der Regenzeit hatte grosse Thätigkeit hervorgerufen, überall wateten hoch aufgeschürzte Frauen im Sumpf und pflanzten Reis, Männer betheiligen sich nicht an dieser Arbeit. — Korrespondenz, Verpacken und Versenden von Sammlungen, nahmen die wenigen Tage bis zum Abgange des Dampfers nach Singapore fast gänzlich in Anspruch, so dass ich von Batavia und seinen interessanten Museen nur wenig sah.

Eine Geschichte von Java, so kurz, wie die am Schluss von Singapore und Malacca gegebenen, würde wenig mehr enthalten, als sich in jeder grösseren Geographie findet; eine ausführlichere liegt nicht im Plan des Buchs. So schliesse ich denn die flüchtigen Skizzen dieses Reiseabschnitts mit dem Wunsch, dass der Spruch: „Wer Vieles bringt, wird Manchem etwas bringen”, sich auch hier bewähren möge.