III.

Als ich am nächsten Tage von meinem gewohnten Morgenspaziergange nach Hause zurückkehrte, stand Herr Hirsch unten am Tore. Er sah wieder ganz frisch und munter aus und hatte einen von Neuheit funkelnden Zylinderhut unternehmend auf dem rechten Ohre sitzen; in der Hand hielt er eine kleine Reisetasche. Er schien mich kaum wiederzuerkennen und erwiderte meinen Gruß fast wie den eines Fremden.

„Nun, wie haben Sie geschlafen?“ fragte ich in meiner Betroffenheit.

„Vortrefflich!“ entgegnete er herablassend. „Und jetzt fahre ich nach M... Es ist zwar ein wenig frostig heute; aber das tut nichts. Kennen Sie den Ort?“

Ich verneinte.

„Ein ganz stattlicher Marktflecken, wo jeden Tag herrschaftliche Beamte zusammenkommen. Sie haben eine Art Kasino errichtet, und da geht es ganz lustig zu. Ich bin in diesem Sommer öfter dort gewesen und begreife gar nicht, daß ich diese Gesellschaft nicht schon längst wieder einmal aufgesucht habe, statt mich hier wie ein Mops zu langweilen. Kommen Sie vielleicht mit? Die Züge gehen ganz bequem; um zehn Uhr abends sind wir wieder zurück.“

Ich lehnte dankend ab.

„Nun dann Adieu!“ Er legte einen Finger an die Hutkrämpe und schlug den Weg nach dem Bahnhofe ein, der, außerhalb des Ortes liegend, mit einem kurzen Gange zu erreichen war.

So also benahm sich heute der Mann, der mir gestern sein ganzes Herz ausgeschüttet! Sein Entschluß aber, nach M... zu fahren, konnte mir nur angenehm sein. Denn trotz der Teilnahme, die ich für ihn zu hegen begonnen, hatte ich doch mit einem gewissen Bangen einer erneuten Einladung zum Billardspiel und sonstigen geselligen Anforderungen entgegengesehen.

Als er nachts zurückkehrte, saß ich in meinem Zimmer und las.

„Famos hab’ ich mich unterhalten — famos!“ rief er jemandem, wahrscheinlich Herrn Matzenauer, im Flur so laut zu, daß ich es bis herauf hörte. „Das sind ganz andere Leute, als die hiesigen. Gleich morgen fahre ich wieder hin!“

In der Tat war Herr Hirsch am nächsten Tage nicht zu sehen, auch nicht am nächstfolgenden — und am dritten blieb er sogar über Nacht weg.

„Herr Hirsch wird Ihnen ja ganz und gar untreu“, sagte ich beim Frühstück zu unserem Wirte.

„In Gottes Namen!“ entgegnete dieser ärgerlich. Es schien ihm doch nicht recht zu sein, daß der anspruchsvolle Gast sein Geld anderswohin trage. „Aber wissen Sie, was er in M... macht? Er spielt — und das ziemlich hoch. Denn dort ist eine richtige Bande beisammen. Der Verwalter und der sogenannte Forstmeister eines freiherrlichen Gutes, beide so verschuldet wie der Besitzer selbst, und ein verlotterter Winkelschreiber, der früher einmal in der Gegend Amtmann gewesen, die drei rupfen den alten Vogel, was das Zeug hält. Gestern mußte er von mir schon hundert Gulden borgen, und in der Hitze des Gefechts hat er sicherlich den Zug versäumt. Wenn er nur bis Mittag heimkommt. Es liegt oben ein Telegramm für ihn — wahrscheinlich von seinem Sohn.“

Wirklich traf Herr Hirsch um zwölf Uhr ein. „Ein Telegramm!? Ein Telegramm!?“ schrie er, während er die Treppe hinauf in sein Zimmer polterte. „Wo ist das Telegramm?“ Dann nach einer Pause: „Mein Sohn kommt! Mein Sohn! Also jetzt gilt’s, Herr Matzenoër! Machen Sie Ihrem Hotel Ehre! Das andere Zimmer ist doch, wie ich befohlen, in den letzten Tagen geheizt worden? Und dann einen Wagen! Einen Wagen auf sechs! Mein Sohn kommt zwar leider allein — nicht mit Familie, wie ich gehofft — aber zu Fuß kann er nicht gehen. Zu Fuß nicht! Und sagen Sie Ihrer Frau, daß sie sich zusammennehmen soll. Das Essen muß exquisit sein. Ein Diner! Ein Diner! Mein Sohn wird Appetit haben; denn ich weiß, daß er während der Fahrt nie etwas zu sich nimmt.“

Als er sich jetzt allein befand, rannte er bald in seinem, bald in dem für seinen Sohn bestimmten Nebenzimmer hin und her. Ich dachte, er würde vielleicht, erregt, wie er war, zu mir herüberkommen, um mich von dem großen Ereignisse in Kenntnis zu setzen. Aber es geschah nicht; er hatte mich offenbar bereits ganz vergessen.

Nun war ich aber denn doch ein wenig neugierig auf Herrn Hirsch junior, und da meine Essensstunde mit der betreffenden Bahnzeit zusammenfiel, so konnte ich voraussetzen, daß ich ihn im Speisezimmer würde sehen können.

Ich hatte auch eben mein Mahl beendet, als der Wagen angefahren kam und gleich darauf Vater und Sohn eintraten; der letztere eine distinguierte, aber keineswegs anspruchsvolle Erscheinung. Kleiner und viel zarter gebaut als sein Vater, wies er mit diesem überhaupt keinerlei Ähnlichkeit auf. Er hatte ein ausgesprochen jüdisches, scharf geschnittenes Profil; seine hohe und breite Stirn erschien infolge einer frühen Glatze noch ausdrucksvoller und bedeutender; die Augen blickten etwas müde durch eine feine Stahlbrille. Er nahm geräuschlos an dem Tische Platz, den Herr Matzenauer mit großer Sorgfalt gedeckt hatte und auf welchem vier Kerzen in einer silberplattierten Girandole brannten.

„Da siehst du das Speisezimmer!“ rief Herr Hirsch senior pathetisch. „Zwar nicht elegant, aber gemütlich. Laß dir nur gleich ein Glas Bier geben; ich weiß, du trinkst es gern. Es ist auch ganz ausgezeichnet — eigentlich das einzige Gute, das man hier haben kann. — Aber den Richard hättest du doch mitbringen können!“

„Ich habe dir schon gesagt, lieber Vater,“ erwiderte der andere mit gedämpfter Stimme, „daß beide Kinder stark erkältet sind. Man mußte also trachten, sie so rasch wie nur möglich nach Hause zu bringen.“

„Nun ja, nun ja — aber an der Bahn hätt’ ich sie doch sehen können.“

„Dann hätte man auch den langsamen Postzug benützen müssen — und das ist überhaupt unangenehm für Frauen und Kinder. Der Eilzug hält ja hier nur während der Badesaison.“

„Es ist wahr, es ist wahr — — Nun, ich werde ja die lieben Engel morgen in Wien ans Herz drücken!“

Der Sohn erwiderte nichts. Er schien nachdenklich und kostete zerstreut von dem Biere, das man ihm gebracht. Ich aber wollte nicht länger Zeuge dieses Familiengespräches sein, das der Alte in seiner gewohnten Ungebundenheit mit lautester Stimme führte, stand auf und entfernte mich.

Draußen war es mondhell. Ich ging, meine Zigarre zu Ende rauchend, eine Zeitlang auf dem verödeten Platze des Ortes auf und nieder; dann zog ich mich in mein Zimmer zurück.

Nach Ablauf einer Stunde kamen auch die beiden anderen die Treppe hinangestiegen und traten gleich von außen in das Gemach, welches für den Angekommenen in Bereitschaft stand. Dort begann nun eine Unterredung, die immer lebhafter wurde, so daß der Ton der Stimmen mehr und mehr zu mir herüberdrang. Plötzlich hörte ich den Alten ausrufen:

„Nach Venedig?! Was soll ich in Venedig?“ Er war dabei in sein Zimmer getreten und durchmaß es mit heftigen Schritten.

Sein Sohn, der offenbar keine Ahnung hatte, daß außer ihnen noch irgend jemand hier oben wohne, war ihm nachgefolgt und sagte jetzt begütigend: „Aber lieber Vater, du hast doch schon oft den Wunsch ausgesprochen, Venedig zu sehen.“

„Ja, mit euch! Mit euch wollt’ ich es sehen — mit euch wollte ich reisen. Aber allein! Was soll ich alter Mann allein in Venedig? Ich kann kein Wort Italienisch.“

„Das ist auch gar nicht notwendig. In dieser Familie wirst du dich wie zu Hause fühlen. Man wird in jeder Hinsicht für dich sorgen — und auf diese Art wirst du nach und nach ganz bequem das eigentümliche Leben der Stadt kennen lernen.“

„Ich will es aber nicht kennen lernen! Was kümmert mich das Leben von Venedig? Ich habe an meinem eigenen genug. Und bei diesen Schnorrern will ich schon gar nicht sein!“

„Es sind keine Schnorrer. Der Mann hat einen sehr ansehnlichen Posten bei einem dortigen Bankhause.“

„Durch wen aber hat er ihn erhalten? Durch dich! Durch dich! Ich sehe schon, unter Aufsicht soll ich stehen. Überwachen soll man jeden meiner Schritte!“

„Das bildest du dir ein.“

„Nichts bild’ ich mir ein! Nichts! Ihr verschwört euch hinter meinem Rücken! Ihr verbannt mich! O, ich weiß, ich weiß! Schon diesen Sommer sollte ich nicht bei euch in Hietzing zubringen — die Villa wäre doch groß genug — und so ist es geschehen, daß mir der Arzt eine Kaltwasserkur und längeren Aufenthalt im Gebirge verordnet hat. Mir fehlt gar nichts! Ich bin ganz gesund!“

„Gott sei Dank, daß du es bist, lieber Vater. Desto mehr wirst du in Venedig genießen können.“

„Wenn ich aber nicht will und nicht mag! Und wenn ich auch möchte, wie könnt’ ich’s — ferne von euch! Bernhard!“ fuhr er flehentlich fort, „lieber Bernhard, verstoße mich nicht! Ich weiß, der Vorschlag kommt nicht aus deinem Herzen, die Frau will mich weg haben!“

„Du irrst. Die Stellung, welche ich gegenwärtig anstrebe, die Verbindungen, die ich infolgedessen unterhalten muß — mit einem Wort, die Verhältnisse machen es durchaus notwendig, daß du diesen Winter nicht in Wien zubringst.“

„Ich werde auch nicht dort sein — für keinen Menschen werde ich dort sein! Einmieten will ich mich in irgend einer Vorstadt — kein Auge soll mich erblicken! Nur alle acht Tage laßt mich kommen auf eine Viertelstunde, daß ich dich sehen kann — und umarmen die Enkelchen!“

„Wie oft hast du das schon gesagt! Derlei unwürdige und unnatürliche Abmachungen wären ja auch gar nicht notwendig, wenn du nur ein wenig Vernunft annehmen wolltest. Aber darin liegt es. Wenn du nicht den ganzen Tag im Hause sein kannst, wenn du nicht zu jedem Diner, zu jeder Gesellschaft mitgeladen wirst, so fühlst du dich aufs tiefste gekränkt, machst uns die heftigsten Vorwürfe, die unerquicklichsten Szenen. Und dann — so weh es mir tut, es dir neuerdings sagen zu müssen —“

Er verstummte; denn ich hatte mich jetzt sehr nachdrucksvoll geräuspert. Die unfreiwillige Lauscherrolle, die ich spielte, war mir bereits höchst peinlich geworden. Man zog sich drüben sofort in das anstoßende Zimmer zurück und schloß die Verbindungstür.

Nun war es still. Aber nicht lange. Der Auftritt setzte sich drei Zimmer weit von mir fort. Allerdings verstand ich jetzt nicht mehr, was gesprochen wurde; aber die Stimme des Alten drang von Zeit zu Zeit an mein Ohr: bald klagend, bald drohend, bald flehend. Endlich ein dumpfer Aufschrei — dann trat vollständige Ruhe ein.

Bald darauf kam Herr Hirsch in sein Zimmer geschlichen und legte sich zu Bett. Aber das gewöhnliche Schnarchen erfolgte nicht. Ich hörte ihn seufzen, leise stöhnen — und, wie ich glaubte, auch leise weinen — bis ich einschlief.

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Am nächsten Morgen war der Angekommene bereits wieder abgereist. Sein Vater hatte ihn zur Bahn begleitet und kam jetzt im Wagen zurückgefahren. Er trat in das Speisezimmer, wo ich soeben gefrühstückt, und sah sehr bleich und angegriffen aus. Als er meiner ansichtig wurde, machte er eine Anstrengung, sich zu ermuntern, und schüttelte mit erkünstelter Lustigkeit seinen Hut aufs rechte Ohr. „Aha, Sie hier? Guten Morgen! Guten Morgen! Haben Sie meinen Sohn gesehen? Der ist schon wieder fort — denn er muß noch heute abend in Wien sein. Und wissen Sie, wohin ich zur Abwechslung gehe? Nach Venedig! Was sagen Sie! Nach Venedig! Es ist schon lange mein Wunsch gewesen — und mein Sohn hat es mir möglich gemacht, den Winter dort zuzubringen. Ich werde bei einer sehr feinen Familie wohnen und mir nichts entgehen lassen, was die wunderbare Stadt bietet. Ich freue mich schon auf die Gondelfahrten. Schade, daß ich nicht jünger bin — denn die Venezianerinnen sollen einzig sein!“ Er versuchte ein frivoles Gelächter aufzuschlagen, verstummte aber plötzlich; man sah, daß ihm das Weinen nahe war.

Ich wünschte ihm glückliche Reise und ließ ihn allein.

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Noch am selben Tage zog Herr Hirsch ohne weitere Verabschiedung von dannen. Ich aber verblieb, während nun der Winter mit aller Macht hereinbrach, in dem Gasthause zu den „Drei Monarchen“.