IV.
In den Sälen des Wiener Musikvereins fand ein großer Ball statt. Es war eines jener glänzenden Wohltätigkeitsfeste, wie sie jetzt infolge der steigenden Not — aber auch der zunehmenden Eitelkeit — immer häufiger veranstaltet werden. Seit einer Reihe von Jahren hatte ich an derlei Vergnügungen nicht mehr teilgenommen; hauptsächlich schon deshalb, weil ich oft und lange von Wien ferne gewesen. Heute aber hatte ich mich eingefunden, um wieder einmal die „große Welt“ auf mich wirken zu lassen und sie in ihren neuen und neuesten Erscheinungen zu beobachten. Diese letzteren waren in der vorwiegenden Mehrzahl, und so kam es, daß ich mich bald in dem bunten Gewühl, das die strahlenden Räume durchwogte, fremd und vereinsamt fühlte. Selbst ältere Bekannte hatten einige Mühe, sich meiner zu entsinnen, und reichten mir dann bloß mit einem flüchtigen: „Ah, Sie sind wieder da!“ im Vorübergehen die Hand.
Etwas nachhaltiger, wenn auch mit ähnlichen Worten, wurde ich von einem stattlich und vornehm aussehenden Herrn begrüßt, der, als ich mich jetzt eben in eine Ecke zurückziehen wollte, auf mich zugeschritten kam.
Dieser Mann war eine stadtbekannte Persönlichkeit und nahm in der Gesellschaft eine eigentümliche Stellung ein. Aus einer sehr angesehenen jüdischen Familie stammend, hatte er von seinen Vätern zwar Reichtum, jedoch nicht die Gabe ererbt, ihn zu vermehren oder auch nur zu bewahren. Früh auf Reisen gegangen, hatte er längere Zeit in Paris gelebt — und war dann später in Wien durch allerlei noble Passionen mit seinem Vermögen glücklich zu Rande gekommen. Da er aber fast mit der gesamten Geldaristokratie in verwandtschaftlichen und sonstigen Beziehungen stand, so konnte man ihn von jener Seite nicht fallen lassen und verschaffte dem Ärmsten allerlei geschäftliche Sinekuren, die ihm keine andere Verpflichtung auferlegten, als zu gewissen Terminen gewisse Dividenden einzustreichen. Infolgedessen konnte er mit einiger Einschränkung seinen bisherigen Gewohnheiten treu bleiben und war in der Lebewelt, männlichen sowohl, wie weiblichen, daher auch in Künstlerkreisen, ob seines beweglichen Geistes und schlagfertigen Witzes sehr beliebt; im übrigen aber wurde er nicht besonders geachtet. Da er dies, je länger, je tiefer empfand, so überkam ihn bei zunehmenden Jahren das Bedürfnis sich zu rächen, und zwar damit, daß er die ätzende Lauge seines Spottes über alles und jedes — und nicht am wenigsten über seine eigenen Stammesgenossen ausgoß. Kein eingefleischter Antisemit konnte gegen das jüdische Wesen ärger losziehen, als dies Herr X bei jeder Gelegenheit mit dem breitesten Behagen zu tun liebte.
„Also wo haben Sie denn wieder so lange gesteckt?“ fragte er. „Auf dem Lande? Sie werden noch ganz und gar verbauern. — Aber was sagen Sie zu der heutigen Crême der Gesellschaft? Zu unseren modernen Größen? Unseren modernen Schönheiten? Schwindel! Pofel! Glänzender Pofel — nichts weiter! Und finden Sie nicht das nationale Element (damit meinte er das jüdische) sehr in den Vordergrund gerückt? Ich möchte wetten, daß zwei Drittel der verehrten Anwesenden mosaischer Konfession sind — wie man sich in meiner Jugend euphemistisch auszudrücken pflegte. Und auch die Ball-Patronessen sind zur Hälfte Jüdinnen.“ Er wies dabei auf eine Gruppe von Damen, die nicht allzuweit von uns im Gespräche beisammen standen. „Betrachten Sie nur gefälligst diese Nasen! Diese runden Rücken! Die gute Baronin Hirtburg ist auch dabei. Zehn Jahre lang war es ihr kühnster Traum, mit der Fürstin M... als Patronesse zu figurieren — nun hat sie’s erreicht. Was ihr an Haltung abgeht, hat sie durch Schmuck ersetzt. Dort — die dicke Person meine ich, die eben mit der Fürstin spricht. Sieht sie nicht aus wie in Brillanten gefaßt?“
Ich blickte nach der bezeichneten Dame, die in der Tat eine geradezu fabelhafte Kleider- und Diamantenpracht entfaltet hatte.
„Auch ihr Gemahl ist, wie gewöhnlich, in der Nähe“, fuhr X mit einem Seitenblicke fort. „Ein höchst bemerkenswerter Mann. Man schätzt ihn bereits auf zwanzig Millionen. Und er kann’s noch weiter bringen, wenn sich die Herren Anarchisten nicht ins Mittel legen. Denn er ist ein außergewöhnlich feiner Kopf — eine Art Geschäftsgenie. Aber kein Lotos ohne Stengel. Das heißt, jeder Mensch hat seine besondere Dummheit. So auch er. Er liebt nämlich seine Frau bis zum Exzeß. Beachten Sie nur, wie er dasteht und in ihrem Anblick schwelgt. Wie ein Verzückter!“
Ich hatte mich nach der angegebenen Richtung hin gewendet und den Herrn ins Auge gefaßt. Je länger ich ihn betrachtete, desto bekannter kam er mir vor. „Wie haben Sie vorhin die Dame genannt? Baronin Hirtburg? Heißt denn jener Herr nicht Hirsch?“
Mein Cicerone lachte laut auf. „Man sieht, daß Sie weiß Gott wo leben. Hirsch hieß er — Hirtburg heißt er. Er hat sich diesen Namen mit dem Baronat erworben — oder sagen wir gekauft. Auch der Taufe war er schon nahe. Aber er würde sich damit um allen Kredit gebracht haben; denn Israel setzt gegenwärtig wieder mehr denn je seinen Stolz darein, dem Wasser auszuweichen.“
„Und wissen Sie vielleicht, was mit seinem Vater geschehen ist? Lebt er noch??“
„Der alte Seligmann? Haben Sie den gekannt?“
„Ganz oberflächlich. Ich bin vor Jahren irgendwo mit ihm zusammengetroffen.“
„Seien Sie froh, daß Sie ihn nicht näher kennen gelernt. Ein ganz unmögliches Individuum. Wissen Sie wirklich nicht, wie er geendet hat?“
„Nein.“
„Dann will ich’s Ihnen sagen. Selbst wenn Sie ihn nur einmal gesehen haben, werden Sie begreifen, daß man einen solchen Vater nicht im Hause haben kann. Das hätte sich übrigens in irgend einer Weise arrangieren lassen. Aber der alte Jobber, der selbst einmal ein ganz hübsches Vermögen besessen, konnte das Börsenspiel nicht lassen. Wie oft sein Sohn die Differenzen für ihn gezahlt haben mag, weiß ich nicht. Endlich aber wurde es diesem doch zu viel. Da griff denn der Herr Papa, um seine Leidenschaft befriedigen zu können, zu allerlei seltsamen Ressourcen — zuletzt verlegte er sich gar wieder auf unsaubere Wuchergeschäfte, mit welchen er einst seine Laufbahn begonnen hatte, und die ihn schließlich noch mit den Gerichten in Konflikt zu bringen drohten. Wie kompromittierend für das zukünftige freiherrliche Haus! Also mußte er um jeden Preis aus Wien entfernt werden. Man schickte ihn fürs erste in kleine Bäder — dann internierte man ihn in Venedig. Nun denken Sie sich den alten Hirsch in Venedig! Ein Rhinozeros in einem Aquarium! Aber Scherz beiseite. Der alte schwachsinnige Mann, der gleich allen Juden an seiner Familie hing, wie das Eiweiß am Dotter, ist darüber verrückt geworden, ohne daß es die Leute, die ihn in jeder Hinsicht überwachen sollten, gleich bemerkt hätten. Eines schönen Morgens, als er sich seiner Gewohnheit nach am Kinn eigenhändig den Bart abnahm, hat er das Messer um einen Zoll zu tief angesetzt und sich einen ganz kleinen Schnitt am Halse beigebracht. Und dieser Schnitt, sehen Sie, ist der wunde Fleck im Hause Hirtburg. Was sag’ ich Fleck! Ein Abgrund ist’s, den der Herr Baron gern mit ein paar Millionen ausfüllen möchte, wenn es ginge — denn er hat — auch das ist unbegreiflich! — seinen Vater außerordentlich geliebt. Aber sieh’ da: Hirtburg, der Jüngste!“ Er deutete mit den Augen nach einem jungen Manne, der eben auf den Baron zuschritt. „Was sagen Sie zu diesem Exemplar? Ist er nicht ganz sein Großvater in nuce? Seit Darwin kennt man die Sache. Ein solcher Sohn könnte mir gestohlen werden. Dafür aber ist die Tochter desto reizender. Geradezu bezaubernd. Woher sie’s hat, weiß ich nicht. Eine der wenigen jüdischen Schönheiten, die ich gelten lasse. Kommen Sie, ich werde sie Ihnen zeigen“, setzte er, sich auf den Fußspitzen erhebend, hinzu. „Wenn ich nicht irre, tanzt sie dort eben wieder mit einem jungen Diplomaten, einem Marquis der république française. Der scheint es auf ihre goldene Hand abgesehen zu haben.“
Er hatte mich unter dem Arme gefaßt, und wir drängten uns durch den Kreis von Zusehern, der sich um die Tanzenden gebildet.
„Sehen Sie dort die hohe, schlanke Gestalt mit den Teerosen auf dem Kleide? Nun, was sagen Sie? Ist das ein Wuchs? Sind das Bewegungen? Die Grazie selbst. Und dieses Profil! Diese Augen — diese Haare —“
„In der Tat, ein wunderbares Geschöpf!“
„Voilà: die Enkelin von weiland Seligmann Hirsch.“
Die Troglodytin.
Vorwort des Herausgebers.
Die Novelle soll nach Saars Bericht an Stefan Milow 1887/88 in Blansko entstanden, nach dem Bericht an Bettelheim dagegen schon 1887 erschienen sein. Wenn diese letztere Angabe richtig ist, muß sie, wie die meisten übrigen, zuerst in einer Zeitschrift veröffentlicht worden sein. Ich kenne nur den ersten Abdruck in Buchform, in der dritten Novellensammlung „Schicksale“ 1889 (Seite 195-271). Für die zweibändige Ausgabe der „Novellen in Österreich“ 1897 (zweiter Band, Seite 129-178) kündigte Saar dem Verleger am 10. Januar 1897 an, daß eine kleine Änderung notwendig sei; sie befindet sich bei der Schilderung des Marktfleckens (Seite 123 unserer Ausgabe) die im ersten Druck so lautet: „... Marktflecken, der bereits städtische Aspirationen zu hegen begann. Das Gericht des Bezirkes und das Steueramt hatten dort ihren Sitz; desgleichen ein Advokat und ein Notar, welche, sowie einige andere wohlhabende Bürger, ganz stattliche Häuser bauen ließen; es entstand sogar eine nette, pompejanisch bemalte Villa, welche ihr Eigentümer an Sommergäste zu vermieten gedachte, denn die landschaftlichen Reize der Gegend erfreuten sich in der nahegelegenen Landeshauptstadt eines gewissen Rufes. Außerhalb ...“ In der zweiten Auflage der zweibändigen „Novellen aus Österreich“ 1904 (a. a. O.) ist neben diesen stilistischen Änderungen die Chiffre B... in Brünn aufgelöst worden. Auf diesem Text beruht dann der Abdruck in Reclams Universalbibliothek (1904, Nr. 4600, Seite 65-104), in welchem nur noch einige „welcher“ abgeschafft sind. Die zweite Auflage der „Schicksale“ (o. J. [1897]) beruht auch hier auf demselben Satz wie die Ausgabe der Novellen aus demselben Jahr.
„Ja, es ist eine Zeit her, daß ich die Geschichte erlebt,“ sagte der Forstmeister Pernett, indem er sich nachdenklich den angegrauten Bart strich, „und doch ergreift mich noch heute die Erinnerung daran ganz eigentümlich. Aber hören Sie: