IV.
Seitdem war fast ein Jahr verstrichen, als eines Vormittags an meine Tür geklopft wurde und ein jüngerer Schriftsteller eintrat, der sich bei seinen Berufsgenossen keiner besonderen Beliebtheit erfreute. Nicht ohne Begabung schon sehr früh in die Literatur getreten, hatte er sich auf allen möglichen Gebieten versucht und betätigte sich, da der Erfolg seinen Erwartungen nicht entsprach, zuletzt fast nur mehr als Kritiker. In dieser Eigenschaft hielt er — gewissermaßen schon ein Vorläufer der heutigen „neuesten Schule“ — als leitenden Grundsatz die Behauptung aufrecht, daß alles bisher Geleistete veraltet sei und in unsere Zeit nicht mehr passe. Er selbst fühlte sich durchaus „modern“, sprach stets von einer Literatur der Zukunft und erwies sich infolgedessen gegen Anfänger sehr nachsichtsvoll und ermunternd, besonders wenn diese dem weiblichen Geschlecht angehörten. So stand er denn auch bei einigen Schriftstellerinnen und solchen, die es werden wollten, in großem Ansehen. Sie übersendeten ihm ihre Werke, zogen ihn zu Rate, wogegen er, wie behauptet wurde, stets die Gelegenheit wahrnahm, mit der einen oder der anderen dieser Damen, die er nach seinem Geschmacke fand, in intimere Beziehungen zu treten. Nebenher aber wollte es ihm nicht gelingen, sich eine feste und unbestrittene literarische Stellung zu schaffen, was ihn, eitel und selbstbewußt wie er war, immer mehr in einen schwarzgalligen Hochmut hineintrieb. Ich selbst hatte mich ihm bei irgend einer Gelegenheit gefällig erwiesen, und seitdem besuchte er mich öfter, als mir gerade erwünscht war. Denn trotz der Anerkennung, die er mir gegenüber gnädigst an den Tag legte, konnte er doch nicht umhin, beständig durchfließen zu lassen, wie sehr er sich mir und meinen Leistungen überlegen fühle.
„Obgleich Sie sich gar nicht um mich kümmern, muß ich Sie doch wieder einmal in Ihrer Einsiedelei aufsuchen“, sagte er jetzt, indem er mir die Hand reichte und sich seines abgegriffenen Hutes entledigte. Dann schüttelte er das lange, straffe Haar und blickte im Zimmer umher. „Mein Gott! wie kann man sich nur so vergraben! Eine schöne Aussicht haben Sie allerdings“, setzte er, ans Fenster tretend, hinzu. „Aber was nützt das alles? Dabei bleibt man doch nur ein Romantiker, ein elegischer Lorenz Kindlein. Heutzutage muß der Dichter mitten im Kampfe des Lebens stehen, muß ein scharfes Auge, ein stets bereites Ohr haben für die Zeichen und Forderungen der Zeit — sonst wird er mit Recht beiseite liegen gelassen.“
Da ich auf diese oft vernommenen Bemerkungen mit einem Schweigen antwortete, das er auslegen konnte, wie er mochte, fuhr er, nach mir zurückgewendet, in seinem Sermon fort: „Aber so seid Ihr nun einmal, Ihr Herren von der alten Schule! Ihr könnt Euere überlieferten Ideale nicht los werden. Da treffen es die Frauen wahrlich besser. Die haben den Mut, mit der Vergangenheit zu brechen, und besitzen den richtigen Instinkt für die Bedürfnisse der Gegenwart. Sehen Sie nur, was ich da wieder in die Hand bekommen!“
Er zog bei diesen Worten ein ziemlich umfangreiches Heft, das in der Mitte zusammengelegt war, aus der Tasche seines Überziehers und reichte es mir hin. Ich bog es auseinander und las den Titel: „Der Roman einer Frau, von Elsa Röber“.
Ich blickte sinnend auf.
Er bemerkte es nicht und warf sich in seinem Eifer auf den nächsten Stuhl. „Grandios, sage ich Ihnen! Der Griff einer Löwin! Da wird mit dem hergebrachten flauen Gefasel über die Heiligkeit der Ehe gründlich aufgeräumt und das Evangelium der freien Liebe höchst eindringlich gepredigt. Die betreffenden Stellen und Schilderungen sind um so schlagender, als sie von der Feder einer Frau herrühren. Ganz so, wie sie hier vorliegt,“ fuhr er nach einer Pause fort, „ist die Geschichte freilich nicht zu brauchen. Die Form ist sehr mangelhaft; auch steht die Verfasserin mit der Grammatik und hin und wieder mit der Orthographie noch auf ziemlich gespanntem Fuße. Aber mit der gehörigen Nachhilfe kann der Roman, wenn er erscheint, Furore machen.“
„Und ist Ihnen die Verfasserin persönlich bekannt?“ fragte ich aus meinen Gedanken heraus.
„Selbstverständlich. Nachdem ich das Manuskript, das sie mir durch zweite Hand übersenden ließ, geprüft hatte, habe ich mich auch sofort bei ihr eingeführt. Eine wunderschöne Frau! Im interessantesten Alter — so im Anfang der Dreißiger. Vielleicht ist sie Ihnen sogar nicht fremd; denn wenn ich nicht irre, hat sie während der Ehe, die sie da schildert, hier in Döbling gewohnt.“
„Und jetzt?“ fragte ich weiter, während immer bestimmtere Vermutungen in mir auftauchten.
„Jetzt? Jetzt lebt sie in der Stadt.“
„Allein?“
„Keineswegs. Mit ihrem Geliebten, den sie zwar ihren Mann nennt; aber ich glaube nicht, daß sie verheiratet sind. Er ist Agent — oder ähnliches; es scheint ihnen nicht am besten zu gehen.“ Er sah nach der Uhr. „Teufel, schon Zwölf! Da muß ich Sie verlassen. Ich soll zu Tisch nach Weinhaus hinüber, wo Verwandte von mir den Sommer zubringen. Habe die Gelegenheit benützt, zu Ihnen einen Abstecher zu machen. Wissen Sie was? Ich lasse das Manuskript hier. Sie erweisen mir einen Gefallen, wenn Sie es durchsehen. Ich bin zwar meiner Sache sicher; allein es wäre mir doch von großem Werte, auch Ihr Urteil zu vernehmen. Wenn es Ihnen recht ist, hol’ ich es gegen Abend bei Ihnen ab.“
Da meine Vermutungen inzwischen fast zur Gewißheit geworden waren, so interessierte mich jetzt das Ganze sehr lebhaft, und ich sagte ihm, daß er mich nach fünf Uhr ganz bestimmt zu Hause antreffen werde.
Kaum war er aus dem Zimmer getreten, als ich mich auch schon setzte und das Heft zur Hand nahm. Elsa Röber! Es konnte kein Zweifel sein! Röber hieß ja der Mann, um dessen willen Frau Stadler Heim und Familie verlassen hatte. Alles traf zu: sie war die Verfasserin!
Ich begann zu lesen. Es wurde mir nicht ganz leicht; denn die Schrift war ungleich und verworren, an manchen Stellen so flüchtig, daß ich einzelne Wörter kaum entziffern konnte. Dennoch, je mehr Blätter ich umwendete, je mehr mußte ich mich in gewissem Sinne mit der Ansicht des begeisterten Entdeckers einverstanden erklären. Nicht, daß mir die Arbeit so bedeutend wie ihm erschienen wäre. Sie erwies sich vielmehr als ganz schülerhafte Nachahmung einer Erzählung, die unter dem Titel „Die Geschiedene“ vor einigen Jahren erschienen war und von einem hochbegabten Autor herrührte, welcher als eigentlicher Eröffner dieser Richtung eine stark naturalistische Erotik in die neuere deutsche Literatur eingeführt hatte. Und die kurzen Gedichte, welche sich hin und wieder eingestreut fanden, riefen sofort die genialen Lieder der Ada Christen ins Gedächtnis. Trotzdem: neben vielem Platten und Gewöhnlichen — ergreifende Schilderungen; neben manchem Falschen und Verlogenen, neben Rohem und Verletzendem — Laute einer tiefen, eigentümlichen Empfindung, erschütternde Schreie des Schmerzes und der Lust, welche namentlich in unbefriedigten weiblichen Herzen mächtigen Widerhall hervorrufen mußten. —
Ich ließ das Heft sinken. Seltsam! So war denn diese einst so behäbige, jeder höheren geistigen Anregung fernstehende Frau, die, als echtes, genußfrohes Wienerkind herangewachsen, vor Jahren verächtlich das Näschen gerümpft hatte, als sie erfuhr, daß ich ein Dichter sei: zuletzt auch von dem schriftstellerischen Drange der Zeit erfaßt worden, und die Macht ihrer Schicksale hatte ihr die Feder in die Hand gedrückt!
* *
*
Gegen sechs trat der neue Frauenlob (diesen Namen hatte ich dem Erwarteten schon seit längerem so für mich im stillen beigelegt) wieder bei mir ein.
Sein erstes Wort war: „Haben Sie gelesen?“
„Gewiß“, bestätigte ich.
„Nun und was sagen Sie?“ drängte er.
„Ich bin Ihrer Meinung“, erwiderte ich ohne jede Einschränkung, da ich doch wußte, daß er keine einzige würde gelten lassen.
„Bravo!“ rief er, indem er stolz das Haupt erhob. Dann fügte er herablassend hinzu: „Welch ein Triumph für die Dichterin, daß auch Sie — —“
Ich überlegte einen Augenblick. Es konnte, wie gesagt, kein Zweifel mehr obwalten, aber ich wünschte die vollständigste Überzeugung. Aus dem Roman selbst konnte diese nicht unmittelbar gewonnen werden. Wie bei den meisten Anfängerarbeiten waren die Lokalfarben absichtlich verwischt, die Charaktere ziemlich allgemein gehalten, die Begebenheiten weit hergeholt. Ich sagte also: „Ich will Ihnen nur gestehen, daß ich die Verfasserin in der Tat zu kennen glaube. Das heißt, ganz oberflächlich — gewissermaßen bloß vom Sehen. Dennoch kann ich mich täuschen. Teilen Sie mir also Genaueres über sie mit — beschreiben Sie mir ihr Äußeres —“
„Wozu auch? Sehen Sie sich die Dame an, und es wird sich zeigen, ob Sie auf der richtigen Fährte waren.“
„Wie sollte das geschehen?“
„Ganz einfach. Man erwartet mich heute abend dort zum Tee — und ich nehme Sie mit. Das günstige Urteil, das Sie gefällt, wird die schöne Frau doppelt freuen, wenn sie es aus Ihrem eigenen Munde vernimmt.“
Ich gestehe, dieser Vorschlag hatte etwas Verlockendes. Es reizte mich, die Frau, deren Lebensgang ich so lange beobachtet hatte, in nunmehr ganz veränderten Verhältnissen wiederzusehen. Dennoch fühlte ich das Unstatthafte eines solchen Vorgehens, um so mehr, als ja meine Anerkennung keineswegs eine so rückhaltlose war, wie der selbstbewußte Protektor voraussetzte. Ich erwiderte daher: „Es wird doch wohl nicht angehen — so ganz ohne weiteres —“
„Welche Bedenklichkeiten, Verehrter! Sie können doch annehmen, daß Sie unter allen Umständen willkommen sein werden. Und dann offen gestanden, es kommt mir sehr erwünscht, wenn ich Sie dort einführen darf. Und zwar dieses Röber wegen, der trotz seiner fatalen Lebensstellung ein äußerst hochmütiger Geselle ist. Er schätzt die Begabung seiner Geliebten — oder seiner Frau nicht im geringsten; vielmehr bespöttelt er ihr Streben und betrachtet mich mit offen zur Schau getragenem Mißtrauen. Er glaubt jedenfalls, daß ich mit — Gott weiß welchen eigennützigen Absichten ins Zeug gehe. Wenn er aber sieht, daß ein Mann wie Sie — —“
„Ich wüßte nicht, warum gerade ich diesem Herrn Röber imponieren sollte“, erwiderte ich, die jetzt so plötzliche Hochschätzung abweisend. „Und dann noch eins. Es wäre doch eigentlich sehr unzart, wenn ich jener Frau so ganz ohne jegliche Vorbereitung entgegentreten würde. Denn so gut ich sie im Gedächtnis zu haben glaube, wird auch sie sich meiner Person erinnern und könnte dadurch höchst unliebsam an die Vergangenheit gemahnt werden.“
Er lachte laut auf. „Da irren Sie gewaltig, lieber Freund! Frau Elsa hat mit allem, was hinter ihr liegt, gründlich abgerechnet. Das sollte Ihnen doch schon der Roman beweisen; sie hat jetzt nur eines im Auge: daß dieser zur Geltung gelangt. Also machen Sie sich keine Skrupel und kommen Sie mit!“
Eine Zeitlang schwankte ich noch; dann aber gab die Neugierde den Ausschlag. Ich machte mich fertig und fuhr mit Frauenlob nach der Stadt.
V.
Der Stadtteil, in welchem Elsa Röber wohnte, war jenes alte, mehr oder minder licht- und luftlose Gassengewirre, das sich in der nächsten Nähe des Stephansdomes noch heute von allen Neuerungen fast unberührt erhalten hat. Die Mietzinse sind dort in den meisten Häusern billiger als anderswo, und so besteht auch ein großer Teil der Bewohner aus Leuten, die in beschränkten, öfter auch zweifelhaften Verhältnissen leben. In einer der engsten Gassen vor einem hohen, grau übertünchten Hause mit vorspringendem ersten Stockwerk angelangt, traten wir — es war im September — in eine dunkle, zugluftige Einfahrt. Dort lenkte mich mein Führer gleich links über ein paar Stufen nach einem schmalen, unbeleuchteten Seitengang, wo wir uns einer einzelnen Tür gegenüber befanden. Er zog die Klingel und, da drinnen alles still blieb, nach einer Weile ein zweites Mal. Endlich vernahm man ein Geräusch von leichten Schritten, die sich zögernd der Tür näherten; ein kleines Guckloch wurde geöffnet, und eine weibliche Stimme fragte in die Dunkelheit hinaus: „Wer ist da?“
„Ich bin es, Frau Elsa!“ rief Frauenlob eindringlich. „Machen Sie nur auf!“
Drinnen klang, während sich das Guckloch schloß, ein leichtes „Ah!“ Dann sehr vernehmlich: „Bitte nur noch einen Augenblick! Ich habe das Mädchen weggeschickt; ich muß erst den zweiten Schlüssel holen.“
Bald darauf drehte sich dieser im Schlosse, und eine nicht ganz deutlich werdende Gestalt ließ uns, indem sie die Tür öffnete, in das trübe Zwielicht einer nicht sehr geräumigen Küche treten.
„Ach, verzeihen Sie,“ sagte sie, indem sie den Schlüssel wieder umdrehte und abzog, „daß Sie sich so lange gedulden mußten. Ich hatte Sie so früh nicht erwartet. Aber — —“
Wie man bemerken konnte, verweilte jetzt ihr Blick befremdet und forschend auf mir.
„Ja, gnädige Frau, ich habe einen Besuch mitgebracht“, rief mein Begleiter feierlich. Dann vorstellend: „Mein hochverehrter Kollege, der berühmte —“ er nannte meinen Namen. „Er hat Ihren Roman gelesen und will Sie nun auch persönlich kennen.“
„O, ich bitte —“ erwiderte sie verwirrt. „Aber treten Sie doch ins Zimmer. Ich habe noch gar nicht Licht gemacht — ich werde gleich —“ Und indem sie sich jetzt mit einer Petroleumlampe zu schaffen machte, die in der Nähe des Herdes stand, traten wir in ein ziemlich weitläufiges, niedrig gewölbtes Gemach, wie solche in den Erdgeschossen alter Stadthäuser häufig anzutreffen sind. Da die Fenstervorhänge geschlossen waren, herrschte in dem Raume solche Dunkelheit, daß man die Einrichtungsstücke, außer einem runden Tische, der in der Mitte des Zimmers stand und auf welchem bereits Vorbereitungen zum Abendtee getroffen waren, kaum unterscheiden konnte.
Wir hielten uns, um nirgends anzustoßen, in der Nähe der Tür, und nun trat auch Frau Elsa herein, das Gesicht von der hellschimmernden Lampe beleuchtet, die sie vor sich her trug.
Wenn Frauenlob gesagt hatte, daß sie „wunderschön“ sei, so konnte man diesem Ausspruche jetzt ebenso wenig unbedingt beipflichten, wie der überschwenglichen Anerkennung des Romans. Daß sie sehr schön gewesen, das zeigte sich allerdings noch, und daß sie auch noch immer Anreiz auszuüben vermochte, mußte zugegeben werden. Allein welche Veränderungen waren da während der letzten drei Jahre vor sich gegangen! Sie war überraschend schlank, ja mager geworden, und zwar wies sie jene Magerkeit vorzeitig raschen Verfalles, welche Züge und Formen schlaff und verkümmert erscheinen läßt. Ihr vormals so ungemein üppiges Haar war auffallend gelichtet, und die hellen Goldaugen hatten sich zu einem scharfen Braun abgedunkelt. Trotzdem waren es noch immer anziehende Augen, die jetzt bei mangelnder Gesichtsfülle um so größer erschienen, als sie von sichtlich geschwärzten Wimpern hervorgehoben wurden. Aber sie waren auch von breiten, mißfarbigen Ringen umzogen, die als Zeichen körperlicher — vielleicht auch seelischer Erschöpfung gelten konnten. Sie trug ein einfaches, nicht ganz passendes Kleid aus Wollenstoff, und außer einer billigen, unechten Brosche in der Gegend des Halses keinerlei Schmuck. Ihre Hände waren gerötet und ließen trotz der peinlichen Sorgfalt, mit der sie offenbar gepflegt wurden, Spuren harter häuslicher Arbeit erkennen.
Sie hatte die Lampe auf den Tisch gestellt und betrachtete mich aufmerksam. „Darf ich noch einmal um den Namen dieses Herrn bitten; ich hab’ ihn vorhin nicht ganz —“
Frauenlob wiederholte ihn mit Emphase.
„Ach ja,“ sagte sie, indem sie sich auf ein kleines Sofa niederließ und uns gleichfalls zum Sitzen einlud — „ach ja, diesen Namen hab’ ich wohl schon gehört. Aber es ist mir, als sollt’ ich Sie auch persönlich kennen —“
Nun war der peinliche Augenblick gekommen, den ich vorausgesehen und trotz der Versicherungen Frauenlobs gefürchtet hatte. Ich erwiderte daher etwas kleinlaut: „Allerdings haben wir einander schon öfter gesehen — und zwar in Döbling, wo ich seit einer Reihe von Jahren wohne.“
„Ja, ja, gewiß — in Döbling“, entgegnete sie hastig, während ihre etwas gelbliche Gesichtsfarbe langsam in eine dunkle Röte überging. „Ich entsinne mich sehr genau. Und da kennen Sie ja gewiß auch meine ganze Geschichte und werden sich nicht wundern, mich in ganz anderen Verhältnissen —“
Ich hatte mich inzwischen gefaßt und trachtete so rasch wie möglich über dieses Thema hinwegzukommen, das sie allem Anscheine nach doch nicht so vollständig gleichgültig ließ, wie Frauenlob behauptet hatte.
„Ich wundere mich über gar nichts, gnädige Frau,“ sagte ich in bestimmtem und dabei sehr ehrerbietigem Tone; „höchstens über das eine, daß Sie unter die Schriftstellerinnen gegangen sind.“
„Mein Gott,“ sagte sie aufatmend mit einem Lächeln; „weiß ich doch selbst kaum, wie ich dazu gekommen bin. Ich hatte ja früher an so etwas gar nicht gedacht und auch sehr wenig gelesen. Im vorigen Jahre sind mir aber ganz zufällig ein paar Bücher in die Hand gekommen, die auf mich großen Eindruck gemacht haben. Aber auch da fiel es mir nicht ein, selbst zu schreiben; erst als mein — Mann für einige Zeit verreisen mußte und ich ganz allein blieb, erst da überkam es mich. Und zwar ganz plötzlich; — ohne vieles Nachdenken habe ich die Geschichte hingeschrieben.“
Das entsprach ganz meinen Voraussetzungen, und ich freute mich über das unbefangene Eingeständnis. Unwillkürlich fühlte ich mich versucht, auf unsere allererste Begegnung anzuspielen und so zu erfahren, ob sie sich meiner auch aus jener fernen Zeit noch erinnere. Wäre ich mit ihr allein gewesen, würde ich es jedenfalls getan haben, so aber hielt mich die Gegenwart meines Begleiters zurück, und ich schwieg.
„Ich legte auch anfangs gar kein Gewicht darauf,“ fuhr sie nach einer Pause fort; „es war mir eine bloße Zerstreuung — eine Herzenserleichterung gewesen. Später aber zeigte ich die Blätter einer Bekannten, und diese meinte, ich sollte sie zu verwerten trachten; es gäbe jetzt so viele Frauen, die mit derlei Geld erwerben. Sie bot mir ihre Vermittelung an — und Ihr — Freund hier —“ sie wies auf Frauenlob — „war so liebenswürdig, ein günstiges Urteil zu fällen.“
Dieser warf sich auf seinem Stuhle in die Brust. „Nur nach Verdienst, Frau Elsa“, sagte er.
„Also auch Sie meinen,“ sprach sie langsam, indem sie schüchtern ihren Blick auf mich richtete, „auch Sie meinen, daß die Sache —“
„Sie haben es doch gehört!“ unterbrach sie der andere, ungeduldig die langen Haare schüttelnd.
Ich befand mich nun wieder in einiger Verlegenheit.
„Ihre Leistung ist jedenfalls eine sehr interessante,“ hob ich gewissermaßen zögernd an, „und mit einigen Änderungen, die daran vorgenommen werden müssen —“
„Das werde ich alles besorgen!“ rief Frauenlob. „Auch die Herausgabe! Der Erfolg kann nicht ausbleiben, Frau Elsa, und wenn Sie sich fernerhin meiner Leitung anvertrauen, so ist Ihnen eine bedeutende Zukunft gewiß.“
Sie blickte zweifelnd vor sich hin. „Glauben Sie wirklich?“ fragte sie dann nachdenklich, mehr gegen mich gewendet. „Ich hätte da so vieles zu lernen. Und woher sollte ich die Zeit nehmen? Wir leben, wie Sie sehen, in beschränkten Verhältnissen — und mein Mann ist sehr verwöhnt; ich habe alle Hände voll zu tun, um unsere Häuslichkeit seinen Bedürfnissen gemäß einzurichten. Er würde es nicht besonders gerne sehen, wenn ich mich anderweitig beschäftigte“ —
„Danach haben Sie nicht zu fragen!“ sagte Frauenlob in scharfem, erzieherischem Tone. „Die Hörigkeit der Frau ist Gott sei Dank vorüber — und Sie müssen sich neben Ihrem — Gemahl eine selbständige Stellung schaffen.“
„Mein Gott, daran denk’ ich ja gar nicht“, erwiderte sie zerstreut; es war, als horche sie dabei aus dem Zimmer hinaus. „Und dann — er hat nun einmal eine Abneigung gegen schreibende Frauen.“
„Das müssen Sie ihm eben abgewöhnen — müssen ihn eines Besseren belehren!“
Sie erwiderte nichts und hatte offenbar die letzten Worte nur mehr mit halbem Ohr vernommen. Dann rief sie plötzlich: „Da kommt er!“
Draußen war heftig an der Klingel gerissen worden, und durch die Küche, wo sich schon früher die Anwesenheit einer Magd bemerkbar gemacht hatte, trat jetzt Röber ein. Er mußte seine hohe Gestalt unter der Tür um so mehr bücken, als er den Hut auf dem Kopfe behielt. Erst in der Mitte des Zimmers nahm er ihn zögernd ab, wobei sein Blick überrascht und befremdet auf mich gerichtet blieb.
„Der Herr Doktor hat uns einen angenehmen Besuch mitgebracht, Leo,“ sagte Elsa, und der Ton ihrer Stimme hatte dabei etwas flehend Unsicheres, „einen berühmten Schriftsteller. Vielleicht kennst du den Herrn vom Sehen.“
Er blickte mich unverwandt an und sagte, ohne eine Miene zu verziehen, mit einer leichten Verbeugung: „Habe nicht die Ehre“. Hierauf machte er eine halbe Wendung und fuhr, nach uns zurück sprechend, fort: „Die Herren werden schon entschuldigen. Ich bin seit heute morgen auf den Beinen und muß mir’s bequem machen.“ Er war bei diesen Worten auf eine Seitentür zugeschritten, öffnete sie und verschwand in einem kleinen Zimmer, das offenbar als Schlafgemach benützt wurde.
„Er ist wirklich sehr in Anspruch genommen“, bestätigte Elsa, die ihm, wie ihn bedauernd, nachgeblickt hatte. Dann begab sie sich mit einer kurzen Entschuldigung in die Küche, um, wie sie sagte, nach dem Tee zu sehen.
Ich spürte nun großes Verlangen, fortzugehen und sah meinen Begleiter fragend an. Dieser aber schien durchaus nicht gewillt, das Feld zu räumen; er lehnte sich vielmehr mit einer Art verbissenen Trotzes in den Stuhl zurück und streckte die Beine von sich.
Jetzt trat auch schon die Hausfrau wieder ein, in jeder Hand eine kalte Schüssel tragend. Die Magd folgte mit allerlei Zubehör. Dann wurde der kochende Teekessel gebracht; später folgte ein großer, mit Bier gefüllter Glaskrug.
Inzwischen war Röber gleichfalls zum Vorschein gekommen. Er hatte sich in einen langen, abgetragenen Schlafrock gehüllt, der Spuren früherer Eleganz aufwies; an den Füßen trug er bequeme Hausschuhe.
„Die Herren werden es nicht übel nehmen,“ begann er in herablassendem Tone, als verzeihe er uns, daß wir möglicherweise an seiner Bekleidung Anstoß nehmen könnten, „die Herren werden es nicht übel nehmen, daß ich so vor ihnen erscheine. Allein wie gesagt, ich fühle mich überangestrengt — und zudem leide ich schon einige Zeit an den Füßen.“
„Ach ja!“ fiel Elsa ein. „Und es will auch gar nicht besser werden. Hast du heute vielleicht wieder stärkere Schmerzen?“ forschte sie ängstlich.
„Nun, nicht gerade das. — Aber,“ fuhr er mit einer Wendung nach dem Tische fort, „ich sehe, es ist alles bereit. Die Herren sind unsere Gäste?“
„Gewiß werden sie uns das Vergnügen machen“, sagte Elsa einladend.
Was konnte ich tun? Um irgend eine stichhaltige Ausrede zu ersinnen, war es zu spät und somit der günstige Augenblick, mich zu entfernen, versäumt; ich mußte mich also mit an den Tisch setzen.
Elsa machte mit zuvorkommender Aufmerksamkeit die Wirtin, während Röber, einem sichtlichen Bedürfnisse folgend, sehr ungezwungen den Schüsseln zu Leibe ging. Erst jetzt konnte ich ihn mit voller Aufmerksamkeit betrachten. Auch in seinem Äußeren zeigte sich eine große Veränderung. War Elsa in den letzten Jahren körperlich verfallen, so hatte er hingegen verhältnismäßig zugenommen. Aber es war nicht die blühende Überfülle der Gesundheit und Kraft, sondern jene blasse und weichliche Aufgedunsenheit, welche so vielen Menschen anhaftet, die ein unregelmäßiges und dabei sorgenvolles Leben führen. Dies konnte man besonders in seinem Gesichte wahrnehmen, dessen Züge derart verquollen waren, daß die früher so ungemein schönen dunkelgrauen Augen kaum mehr zur Geltung gelangten. Er rasierte das Kinn nicht, sondern trug einen sehr kurz gehaltenen Vollbart, der ihm übel ließ und in welchem sich schon zahlreiche Silberfäden bemerkbar machten; auch zeigte sich über der Stirn stark zunehmende Kahlheit. Der ganze Mann sah in der Tat sehr verkommen aus.
Eben jetzt langte er eine Kartoffel auf seinen Teller und während er die noch leicht dampfende in vier Teile zerlegte und verkühlen ließ, eröffnete er, sichtlich in behaglicherer Stimmung, das Gespräch.
„Sie wollen also,“ begann er, sich gleichsam an uns beide wendend, mit ironischer Verziehung der Mundwinkel, „Sie wollen also meine El—sa—“ er sprach den Namen mit satirisch übertriebener Betonung aus — „à tout prix zur Dichterin machen?“
„Machen?“ rief Frauenlob mit scharfer Stimme. Er schien nur auf einen Angriff gewartet zu haben, und seine kleinen, grünlichen Augen blitzten kampflustig. „Machen? Wie sollte man das anstellen, wenn es nicht schon wäre?“
„Ich weiß,“ erwiderte der andere vornehm, indem er ein Kartoffelstück aufnahm: „poeta nascitur. Aber man kann auch jemanden in etwas heineinreden.“
„Was hätte man davon?“ entgegnete Frauenlob, geringschätzig das Haupt zurückwerfend.
„Ganz richtig, was hätte man davon? Wenn auch Elsa Begabung besitzt — woran ich übrigens gar nicht zweifeln will — so bleibt doch das Ganze eine höchst unnütze Sache.“
„Aber man kann doch damit verdienen, Leo“, warf Elsa schüchtern ein.
Röber lachte laut auf. „Verdienen? Mit der Schriftstellerei? Ha! Ha!“
„Erlauben Sie,“ schrie Frauenlob heftig, während ich dem Mann im stillen nicht unrecht gab, „das ist eine Behauptung, die nur beweist, wie sehr Sie in Ihren Anschauungen zurück sind. Es ist ja wahr, früher einmal mußten selbst die größten Geister darben; heutzutage jedoch kann man mit der Feder sehr viel erwerben.“
„Als Journalist vielleicht. Übrigens ist das viel oder wenig Ansichtssache. Wenn ich Summen in Betracht ziehen soll, so müssen es Hunderttausende sein.“
„Sie geben es nicht billig!“ lachte Frauenlob mit giftigem Hohne. Er hatte im Eifer eben das dritte Glas Bier hinuntergestürzt, und sein knochiges, breites Gesicht, das stets ungesund gerötet war, begann bläulich zu leuchten.
„Das ist meine Sache“, erwiderte Röber mit ruhigem Stolz, und zum ersten Male glänzten seine Augen wieder hell und groß auf. „Die Herren Poeten pflegen beständig von ihren Idealen zu sprechen; auch andere Leute haben welche. Das meine ist ein sehr großes Vermögen, ein Ideal, das so ziemlich jedes andere in sich schließt.“
„Aber auch um so mehr Ideal bleibt!“ rief der Gegner bissig.
„Je nach Umständen. Das kann Ihnen schon die große Anzahl bedeutender Kapitalisten zeigen, die es in der Welt gibt. — A propos, Lisi,“ fuhr er mit einem Blick auf die Hausfrau fort, „ich habe heute gute Nachrichten mitgebracht. Die Sache in Bulgarien scheint endlich in Fluß kommen zu wollen.“
„Wirklich! Wirklich!“ rief sie, überrascht und vor Freude errötend, aus der peinlichen Verlegenheit heraus, die sie bei diesem Wortwechsel begreiflicherweise überkommen hatte. „Wirklich?“ wiederholte sie jetzt, wie von einem unwillkürlichen Zweifel ergriffen, etwas kleinlaut und gedehnt.
Er hatte sich inzwischen den Mund gewischt und, ohne uns zum Rauchen aufzufordern, eine Zigarette angezündet.
„Ja, wirklich, mein Kind. Gut Ding braucht eben Weile, und ich begreife, daß es dir schon etwas zu lange dauert. Aber es sei dir vergeben. Und wenn alles so kommt, wie ich hoffe, dann kannst du zu deinem Vergnügen blaustrümpeln.“
„Es dürfte wohl beim Strümpfestopfen sein Bewenden haben“, sagte Frauenlob mit unerbittlicher Grobheit.
„Immer eine nützlichere Beschäftigung als Romane schreiben. Übrigens verspüre ich keine Lust, mich in eine weitere Behandlung dieses Gegenstandes einzulassen. Die Herren sind ja auch nicht zu mir, sondern zur — Dichterin gekommen. Ich darf die literarischen Konferenzen nicht länger stören.“ Er erhob sich mit gemachtem Gähnen, trat schwerfällig auf Elsa zu und küßte sie flüchtig auf die Stirn. „Gute Nacht, mein Kind.“
„Du willst dich wirklich schon zurückziehen?“ fragte sie. Man sah ihr die innere Ratlosigkeit an, in der sie sich befand.
„Gewiß, ich bin müde und schläfrig. Recht gute Nacht, meine Herren!“ Er verbeugte sich dabei nur vor mir und schritt nach dem Nebenzimmer; Elsa folgte ihm bis zur Tür.
Ich hatte genug, stand auf und suchte nach meinem Hute; Frauenlob, an seinem Ingrimm würgend, blieb sitzen.
„Sie wollen schon fort?“ fragte Elsa, zurückkehrend und in einem Tone, der bewies, welche Erleichterung ihr dies wäre.
„Allerdings“, entgegnete ich, nach der Uhr sehend. „Die Stunde ist vorgerückt, und Sie wissen, ich habe einen weiten Weg. Sie bleiben noch?“ wandte ich mich bedeutsam an meinen Begleiter.
Dieser sah unschlüssig vor sich hin, dann sprang er auf.
„Ich wollte allerdings noch einiges Wichtige mit Frau Elsa verhandeln, allein in solcher Stimmung — — In der Tat, gnädige Frau,“ — er trat vor sie hin — „es bedarf des ganzen Umfanges meiner Verehrung und Bewunderung für Sie — —“
„Ach mein Gott, lieber Doktor,“ unterbrach sie ihn, „Sie sollten Röber doch schon ein wenig kennen. Er ist nun einmal so — er hat den Kopf voller Sorgen, die ihn übellaunig machen — und da — — Allerdings hat er sich heute unverantwortlich benommen. Und ich muß doppelt bedauern — Ihretwegen —“ Sie sah mich dabei ausdrucksvoll und gleichsam um Nachsicht flehend an. „Was werden Sie von uns denken?“
„Besorgen Sie nichts, gnädige Frau“, erwiderte ich. „Ich bin nicht so leicht verletzt. Vielmehr habe ich Sie recht sehr um Verzeihung zu bitten. Denn gewiß war es mein so ganz unvorbereiteter Besuch, zu dem ich mich nie und nimmer hätte entschließen sollen, was zur unliebsamen Verstimmung dieses Abends wenigstens beigetragen hat.“
„O, glauben Sie das nicht“, sagte sie hastig. Dann, sich Frauenlobs besinnend, fuhr sie einlenkend fort: „Wie immer auch, überzeugt können Sie sein, daß es mir sehr angenehm war, Sie kennen gelernt — oder besser gesagt, wiedergesehen zu haben. Und ich würde Sie jedenfalls bitten, Ihren lieben Besuch zu erneuern, wenn ich das unter solchen Umständen noch wagen dürfte.“
„Je nun, man wird ja im Leben immer wieder zusammengeführt. Für heute nehmen Sie die Versicherung, daß ich, was mich selbst betrifft, den verunglückten Abend keineswegs bedauere.“
Ich drückte die Hand, die sie mir reichte. Dann geleitete sie uns in die Küche, wo sie die Magd weckte, die auf einem Stuhle eingeschlafen war und sich jetzt anschickte, uns durch den dunklen Flur nach dem bereits gesperrten Haustor zu leuchten.
„Ich komme morgen Nachmittag,“ sagte Frauenlob im Fortgehen; „hoffentlich finde ich Sie allein.“
Sie erwiderte nichts und rief uns nur mit gedämpfter Stimme „Gute Nacht“ nach.
Kaum auf die Gasse getreten, rief mein Begleiter, in welchem es noch immer zu kochen schien: „Der Unverschämte! Und Sie, mein Bester, haben mich mit keinem Worte unterstützt!“
„Was hätte ich sagen sollen? Ich begreife auch gar nicht, wie Sie sich so ereifern konnten. Dem Manne sind eben die neuen Beziehungen seiner Frau — oder Geliebten unangenehm. Er hat sich im ganzen doch nur wie ein Eifersüchtiger benommen.“
„Eifersüchtig? Er liebt sie gar nicht. Seine Eitelkeit ist verletzt, weil er sich mit einem Mal von einer Frau geistig überragt sieht, die er bis jetzt nur als eine willfährige Magd betrachtet hatte.“
„Möglich. Übrigens scheint er mir geistig durchaus nicht so tief stehend.“
„Ach was! Ein Hohlkopf ist er, der obendrein an Größenwahn leidet. Haben Sie gehört, wie er mit den Hunderttausenden herumwarf?“
„Je nun, er scheint sich mit weitgehenden geschäftlichen Spekulationen zu befassen. Und da wäre es ja in unserer Zeit des raschen Gelderwerbes immerhin denkbar, daß ihm irgend eine Kombination glückt.“
„Sagen Sie lieber irgend ein Schwindel. Der Mensch besitzt alle Anlagen, um früher oder später mit dem Strafgerichte Bekanntschaft zu machen.“
„Auch das ist nicht ausgeschlossen. Es walten hier überhaupt Verhältnisse ob, in welche man sich am besten gar nicht einmischt. Auch Sie, denk’ ich, sollten sich zurückziehen.“
„Zurückziehen? Ich? Nachdem ich schon so weit vorgedrungen? Nein, da kennen Sie mich schlecht, Verehrter! Dieser Frau müssen die Augen geöffnet, sie selbst auf die Bahn gebracht werden, die sie zu schreiten berufen ist. Ich interessiere mich sehr für sie — und zwar, wie ich Ihnen ganz offen bekennen will, nicht bloß für die Schriftstellerin.“
„Wenn das der Fall ist, dann stehen Ihre Aussichten nicht sehr günstig. Denn wenn Sie vielleicht auch recht haben, daß er sie nicht liebt: sie liebt ihn gewiß leidenschaftlich.“
„Nun ja! Das mag sein!“ rief er, ärgerlich über die Wahrheit, die mein Ausspruch enthielt. „Aber das kann sich auch ändern. Die Hauptsache ist, daß sie erkennt, an welchen Mann sie sich da gekettet hat. Daher muß man ihr eine literarische Stellung schaffen; ist ihr Ehrgeiz einmal geweckt, dann ergibt sich alles weitere von selbst.“
„Je nun, Sie sind Herr Ihrer Beschlüsse.“
Wir waren inzwischen auf der Freiung angelangt, wo die erleuchtete Uhr der Schottenkirche eine halbe Stunde vor Mitternacht wies.
„Werden Sie noch auf einen Tramwaywagen stoßen?“ fragte er kühl und offenbar verletzt durch meine zweifelhafte Zustimmung.
„Ich denke wohl, daß es noch nicht zu spät wäre. Aber ich ziehe es jedenfalls vor, zu Fuß zu gehen. Die Nacht ist hell und angenehm.“
„Nun, dann leben Sie wohl! Ich kehre um.“
Wir verabschiedeten uns ziemlich gemessen voneinander; dann trat ich beim Schein des Halbmondes, an welchem, querüber, ein regungsloser dunkler Wolkenstreif stand, den Heimweg an.