VI.
Der „Roman einer Frau“ war in der Tat erschienen. Frauenlob hatte dafür einen jungen, aufstrebenden Buchhändler gewonnen, der in pikanten Verlagsartikeln sein Heil zu finden hoffte und auch ein verhältnismäßig nicht unbedeutendes Honorar zahlte. Der Erfolg entsprach allerdings nicht ganz den ausschweifenden Erwartungen der beiden Herren; aber es war immerhin ein Erfolg, der fast ganz mit meinen Voraussetzungen zusammentraf. Von der maßgebenden Kritik anfänglich gar nicht beachtet, fand das Buch doch den Weg in das lesende Publikum und wurde vornehmlich von Frauen, die in offenkundiger oder verheimlichter Mißehe lebten, mit einer Art persönlicher Anteilnahme gepriesen. Infolgedessen drang es denn allmählich auch in literarische Kreise; man prüfte, fand, was ich gefunden, und hielt mit mehr oder minder einschränkender Anerkennung nicht zurück. So kam es, daß der Name der Verfasserin ein mehrfach genannter wurde, sie selbst aber hier und dort als interessante Erscheinung auf der Bildfläche der Öffentlichkeit auftauchte. Wie weit dies alles in ihr bisheriges Leben verändernd eingriff, blieb mir unbekannt. Denn in meinen eigenen Verhältnissen war inzwischen ein Umschwung eingetreten, welcher, seit längerem vorbereitet, mich zu dem Entschlusse bestimmt hatte, Wien zu verlassen und einen anderen Aufenthaltsort zu wählen; ich war abgereist, ohne Elsa Röber wieder gesehen zu haben. Frauenlob, der mich seit jenem Abend auffallend vernachlässigt hatte, war beim Abschiede sehr kühl und wortkarg, indem er das schweigende Selbstbewußtsein eines Mannes hervorkehrte, der in stolzer Zurückhaltung bloß die Tatsachen für sich sprechen läßt.
Ich würde also in meiner Abgeschiedenheit aller dieser Ereignisse und Zusammenhänge immer weniger gedacht haben, wenn mich nicht jetzt ab und zu die Zeitungen daran gemahnt hätten. Ich stieß auf Notizen über Elsa Röber, auf literarische, sowie auf solche, welche bloß Persönliches enthielten. So wurde sie auch in einer Schilderung des glänzenden Festes, das während des Karnevals in den Atelierräumen eines berühmten Malers stattgefunden, unter den Damen genannt, welche durch blendende Erscheinung und prachtvolles Kostüm besonders aufgefallen waren.
Da erhielt ich im Frühling von Frauenlob ganz unvermutet ein Buch zugesendet. Er war, wie sich zeigte, wieder einmal „schöpferisch“ tätig gewesen und hatte unter sehr verlockendem Titel einen Band Erzählungen herausgegeben, welche in der Tat bewiesen, daß es ihm weit weniger an Talent, als an Geschmack und innerer Reife gebrach. Eine dieser Erzählungen, und zwar die längste von allen, konnte sogar als gelungen bezeichnet werden, und ich war froh, ihm dies in warmen Worten mitteilen zu können. Mich bei dieser Gelegenheit nach Elsa zu erkundigen, unterließ ich nach einiger Überlegung, es gewissermaßen ihm selbst anheimstellend, ob er mir in dieser Hinsicht Nachricht geben wolle oder nicht. Ich empfing von ihm auch sofort ein längeres Schreiben, welches nebst seinem Danke für meine Anerkennung folgendes enthielt:
„Und nach Elsa Röber fragen Sie nicht? Das ist mir ein Beweis, daß Sie sich um diese Frau gar nicht mehr kümmern. Dennoch dürfte es Sie interessieren, zu erfahren, daß ich meine Beziehungen zu ihr abgebrochen habe. Und zwar vollständig und für immer. Denn sie ist infolge ihres literarischen Debüts mit Kreisen in Berührung gekommen, die mir durchaus nicht zusagen. Überdies hat sich merkwürdigerweise der Ausspruch, den Sie, wie Sie sich noch erinnern werden, einst über Röber getan, insofern bewahrheitet, als es diesem wirklich gelungen ist, die an jenem denkwürdigen Abend aufs Tapet gebrachte Angelegenheit in Fluß zu bringen. Er vermittelt jetzt, so heißt es, bedeutende Exporte nach allen Balkanländern, und Sie begreifen, daß er sich bereits auf den kleinen Krösus hinausspielt. Die enge Stadtwohnung ist aufgegeben, eine weitläufige in einem vornehmen Neubau bezogen worden. Kleine Diners finden dort statt, sowie größere Abendgesellschaften, an welchen neben einigen fragwürdigen Geschäftsexistenzen auch gewisse Schmarotzer teilnehmen, die den Ruhm der Hausfrau in die Welt posaunen. Dieses alles würde übrigens noch hingehen, wenn nicht auch sie angefangen hätte, sich (wie lächerlich!) auf die große und vornehme Dame hinauszuspielen — und sogar mir, dem sie in schlimmer und schlimmster Zeit ihren Erfolg (der ja auch ein pekuniärer war!) zu danken hatte, mit Herablassung und Geringschätzung zu begegnen. Da ich aber keineswegs der Mann bin, solches zu dulden, so habe ich ihr, nachdem sie mich einmal über eine Stunde hatte antichambrieren lassen, meine Meinung rund heraus gesagt und sie ihrem Schicksal überlassen. Dieses wird kein sehr freundliches sein; denn Leuten wie Röber gegenüber bleibt das Sprichwort aufrecht: Wie gewonnen, so zerronnen. Übrigens kann mir alles weitere um so gleichgültiger sein, als ich selbst neue Wege einzuschlagen gedenke. Hören und staunen Sie: auch ich verlasse Wien. Allerdings nicht, um mich, gleich Ihnen, in beschauliche Einsamkeit zurückzuziehen. Ich will mich vielmehr aus unseren stagnierenden, absterbenden Zuständen heraus so recht ins Volle und Aufstrebende stürzen — kurz: ich will trachten, in der Hauptstadt des Deutschen Reiches Boden zu gewinnen. Für einen Österreicher keine leichte Aufgabe, werden Sie sagen. Gewiß. Aber ich schrecke vor Schwierigkeiten nicht zurück. Man hat in Berlin einen sehr bezeichnenden Ausdruck erfunden: das Epitheton „schneidig“. Nun, einige „Schneidigkeit“ werden Sie mir, wie Sie mich kennen, wohl zugestehen müssen — und daraufhin will ich es wagen. Jedenfalls werde ich diesen Sommer daran setzen, die dortigen literarischen Verhältnisse eingehend zu studieren — und mich überhaupt umzutun. Gelingt es mir nicht, feste Anknüpfungspunkte zu finden — dann erübrigt mir freilich nichts anderes, als wieder zur alten Wiener Tretmühle zurückzukehren. Unter allen Umständen aber erhalten Sie aus der deutschen Metropole Nachricht von Ihrem usw.“
So also standen nunmehr die Dinge, deren Entwicklung ich bald wieder aus den Augen verlor. Denn immer seltener wurde jetzt in den Blättern, die mir zu Gesichte kamen, Elsa Röber erwähnt; es ließ sich erkennen, daß man über sie, die ihrem ersten kein zweites Werk hatte folgen lassen, bereits wieder zur Tagesordnung übergegangen war. Nur einmal noch, nach ziemlich geraumer Zeit, stieß mir eine Notiz auf: Frau Elsa Röber habe zur Errichtung eines Kinderasyls eine sehr namhafte Summe beigesteuert. Ich stutzte. Wollte sie vielleicht mit dieser Spende Gewissensregungen beschwichtigen und an fremden Kindern gutmachen, was sie einst an den eigenen verbrochen? Fast schien es mir so. Es konnte indessen auch bloße soziale Eitelkeit sein, was sie antrieb, als öffentliche Wohltäterin zu glänzen. Eines aber war damit bewiesen: daß sich Röber noch immer im Stadium des „Gewinnens“ befand.
Was Frauenlob betraf, so hatte er mir zwar von Berlin aus voll stolzer Zuversicht und weitgehender Erwartungen geschrieben, auch später unter Kreuzband ein paar Artikel zugesendet, die in dortigen Blättern erschienen waren; fernere Resultate jedoch ließen auf sich warten.