VIERZEHNTES KAPITEL
DIE EXPEDITION IN DEN SCHARDAKH
Eine brütende Hitze lag Anfang August 1917 über der Stadt Üsküb, als ich dort verweilte, um von da aus eine Forscherfahrt in die albanischen Randgebirge ins Werk zu setzen. Im Frühling sieht man aus der Gegend von Üsküb, wenn der Schnee von den umgebenden Bergen weggetaut ist, zwei Bergketten, die noch tief in den Sommer hinein schneebedeckt sind. Die eine liegt südlich der Stadt, man kann sie nur von den Höhen aus erkennen. Bei jedem Spaziergang außerhalb der Stadt eröffnen sich aber Blicke gegen die westliche Bergkette, die oft im Abendschein violett aufglüht und mit ihren schönen Bergformen jedem Landschaftsbild einen schönen Hintergrund gibt.
Das ist das albanische Randgebirge des Schardakh, welches man von Üsküb stets in zwei Hälften geteilt sieht. Im Nordwesten zieht sich eine lange Kette bis zu den Vordergrundsbergen, in denen das Chrombergwerk von Radusche liegt. Diese Nordwestkette hat ihre höchste Erhebung im Ljubotren, dem Liebesdorn der Bulgaren. Er erscheint vom Wardartal aus als stattliche Pyramide mit schönen Umrissen. Um ihn herum gliedern sich erheblich niedrigere Berge, so daß er einen sehr stattlichen Eindruck macht mit seinen etwa 2400 m Höhe. Er ist oft bestiegen worden, auch von Naturforschern, und auch die Offiziere und Ärzte Üskübs hatten ihn öfter besucht. So erschien er mir für eine Forschungsfahrt weniger verlockend, als die südwestliche Gruppe des Gebirges, die nicht so ausgesprochen kettenförmig zu sein schien. Dort sah man im Glanz des Abends oft eine Gruppe von mehreren hohen Gipfeln herüberschimmern, die vor allem im frühen Frühjahr ein prachtvolles Bild darboten. Unter ihnen wurde uns der höchste als Kobeliza, der Kürbis, bezeichnet. Wenn das auch nicht eine wilde Romantik verhieß, so erschien uns doch diese Südgruppe des Schardakh manches zu versprechen. Sie war auch bisher selten von Nordeuropäern besucht worden. So entschied ich mich bald für diese südliche Gipfelgruppe, die mir höher aufzuragen schien als der Ljubotren, als Ziel unserer ersten größeren Expedition in Mazedonien.
In jener Zeit bestand das beste Einverständnis mit der bulgarischen Regierung und Heeresleitung. So konnte ich denn auf eine verständnisvolle Unterstützung meines Planes rechnen. Unser Verbindungsoffizier Hauptmann Lessing brachte mich zu dem Oberstleutnant Jostoff, einem Namensvetter des bekannten Generals, der bei den Bulgaren dieselbe Funktion vertrat. Dieser liebenswürdige Offizier vermittelte die Beziehungen zu den bulgarischen Zivilbehörden und vor allem zum Stab der neubegründeten bulgarischen Gebirgsdivision, von der wir mit Reit- und Tragpferden und Bedeckungsmannschaften versorgt werden sollten.
Abb. 114. Westliche Schneeberge über dem oberen Wardartal im Frühling. Links Kobelizagruppe, rechts Ljubotren.
So konnten wir denn am Freitag, den 10. August nachmittags, uns mit der Kleinbahn vom Bahnhof Jostoff in Bewegung setzen. Unser Ziel war die Grenzstadt Kalkandelen. So hieß sie in türkischer Zeit. Ihr bulgarischer Namen war Tetowo. Es war eine der richtigen Durchgangsstädte gegen Albanien. Von Kalkandelen aus führt ein Paß nach Prizren.
Auf dieser Reise begleiteten mich zum erstenmal Botaniker. Prof. Bornmüller und Prof. Fleischer schlossen sich mir an. Meine anderen Begleiter waren Prof. Müller, Dr. Wülker, der Insektensammler Rangnow und unser gemeinsamer Bursche, ein ungarischer Schwabe namens Michael Schucha.
Abb. 115. Kartenskizze der Umgebung von Üsküb mit Einschluß des Schardakh und der Golesniza Planina.
Die Bahn führte wardaraufwärts, und zwar lernten wir bei der Fahrt die ganze Strecke kennen, welche der Fluß von West nach Osten fließt. Der Wardar hat ja einen eigenartigen Lauf. Er entspringt südlich von Kalkandelen, fließt etwa nordöstlich bis zu dieser Stadt, um dann in großem Bogen bis Üsküb sich nach Osten zu wenden. Von dieser Stadt aus strömt er mit der Hauptrichtung nach Südosten dem Meere zu, um westlich von Saloniki zwischen der Chalkidike und Thessalien in eine große Bucht des Ägäischen Meeres zu münden.
Bei Kalkandelen durchfließt er ein weites Tal, das südlich von der Karaschiza, nördlich von der Südgruppe des Schardakh begrenzt wird. An letzterem angelehnt liegt malerisch die Stadt Kalkandelen.
Im letzten Teil der Bahnfahrt zeigte sich zur Rechten eine hohe Bergkette, deren Abschluß, die Kobeliza, das Ziel unserer Expedition, mächtig vor uns aufragte. Das Tal ringsum war gut angebaut und bewässert. Die Stadt lag, weitläufig angelegt, in Pflanzungen eingebettet. An die Berge geschmiegt, machte sie einen sehr einladenden Eindruck. Das Gebirge selbst bot uns seine waldlose Seite dar, kahle schroffe Felsen schienen vorzuherrschen.
Am Bahnhof wurden wir von einem vom Stab der Gebirgsdivision gesandten Dolmetscher abgeholt. Wagen standen bereit, unser Gepäck zu transportieren. Wir stiegen in einen stattlichen, sauberen Landauer ein, dessen Kutscher uns in rasendem Galopp zur Stadt fuhr, von der der Bahnhof etwas abgelegen war. Für Mazedonien klappte alles auffällig gut.
Rasselnd, unter Peitschenknall, in fast zu flottem Tempo über hartes Steinpflaster klappernd, führte uns der Wagen durch die Straßen der Stadt, über einen freien Platz, schließlich durch eine steile enge Gasse bergauf zum Offizierskasino. Hier sollten wir Gäste des Offizierkorps bei den Mahlzeiten sein, während wir für die Nächte auf Bürgerquatiere in der Stadt verteilt wurden.
Kalkandelen macht einen recht sauberen und sympathischen Eindruck. Vor allem als Gegensatz zu dem verstaubten und verkommenen Üsküb wirkte er sehr freundlich auf mich. Hier hatte der Krieg keine so furchtbaren Spuren hinterlassen als an den großen Heerstraßen Mazedoniens. Keinerlei Zerstörungen waren an den Häusern der Stadt zu sehen, keine verlassenen Gehöfte, nichts von dem Verfall und der Vernachlässigung, wie ich sie in den bisher besuchten Gegenden, im Wardartal und an der Front überall angetroffen hatte. Hier hatte der Krieg nicht getobt, wenn er natürlich auch für diese entlegene Stadt seine Folgen gehabt hatte. Hier hielten die Leute noch etwas auf sich selbst, auf ihren Besitz, ihre Häuser und Höfe. Sie gingen gut gekleidet und sahen einem offen und freundlich ins Gesicht, nicht mit dem gedrückten und scheuen Blick der Frontbewohner. Man hörte Frauenstimmen singen, sah jubelnde und spielende Kinder. Das waren für mich neue Eindrücke.
Ich freute mich, hübschere Mädchen auf den Straßen oder abends mit den großen Kupferkannen zum Brunnen zu gehen, mit munterem Geplapper an den Straßenecken stehen zu sehen.
Abb. 116. Kalkandelen (Tetowo) gesehen vom Hang jenseits der Sarska.
Im Quartier wurde man freundlich aufgenommen. Die Häuser waren hier durchweg die typischen türkischen Stadthäuser, wenn auch die vornehmeren Familien, bei denen wir als Ehrengäste einquartiert wurden, alle bulgarisch waren. Meist stand das Haus im Hintergrund eines großen viereckigen Hofes. An dessen beiden Seiten oder meist nur an einer von ihnen zogen sich niedrige Wirtschaftsgebäude und Dienstbotenwohnungen hin. Das Wohnhaus war meist zweistöckig, im unteren Stockwerk befanden sich die Räume, in denen Gäste empfangen wurden, und in welchen die erwachsenen Familienmitglieder sich tagsüber aufhielten. Im oberen Stockwerk waren die Schlaf- und Wohnzimmer. Das Zimmer, welches mir überlassen war, offenbar das Staatszimmer des Hauses, besaß an zwei Seiten je drei Fenster, war daher hell und luftig.
Um alle Wände herum liefen Diwans; diese waren mit handgefertigten Spitzen und Häkelarbeiten, die mit rotem Stoff unterlegt waren, überzogen. An einer Wand stand eine Kommode, an einer anderen ein Glasschränkchen. In diesem waren die Kostbarkeiten der Familie aufgestellt. Eine Standuhr auf der Kommode ging nicht. Daneben standen Gefäße aus Glas und Kupfer, selten ein emailliertes Kästchen oder dgl. Dazu nur primitive Photographien, hier und da einmal ein Stich mit Kriegserinnerungen, historischen Szenen, Landschaften oder ein blinder Spiegel. Alles etwas verstaubt und vernachlässigt. Die Schlösser der Türen schlossen nicht, die Fenster ebensowenig, Scheiben fehlten. Aber das ganze Zimmer war sehr sauber gehalten. Das Bett, welches in einer Ecke für mich aufgestellt war, mitteleuropäisch ausgestattet, mit weißer, blitzblank reiner Wäsche und warmer Steppdecke. Die Kissen mit schön gestickten Überzügen waren offenbar die beste Bettwäsche der Familie.
Vermessungsabt. 21 phot.
Abb. 117. Hof eines mazedonischen Bürgerhauses.
Morgens früh brachte ein kleines Mädchen, wohl die Tochter eines der Dienstleute, mir in kleiner Porzellantasse auf silbernem Tablett heißen türkischen Kaffee. Das Waschgeschirr bestand aus einer ziemlich flachen Messingschale, zu der eine ebenso schön getriebene Messingkanne gehörte. Die übliche Waschprozedur war recht einfach. Man läßt sich über der Waschschale das Wasser über die Hände gießen, wäscht diese und reibt sich mit ihnen das Gesicht ab und die ganze Reinigung ist erledigt. Also im ganzen orientalisch-türkische Sitte, von den Bulgaren, wie die Hauseinrichtung ohne viel Änderung übernommen. Der Hof war auch hier nach türkischer Sitte zum Teil bepflanzt. Rebenlauben überdachten manche Teile, Oleander, Lorbeer und Granatapfelbäume standen in Kübeln umher, auch schattenspendende Bäume und Blumenbeete waren angepflanzt. Meist plätscherte ein Brunnen inmitten des Hofes; vor allem nachts war dies das einzige Geräusch, welches in das wohlgeborgene Haus drang. Bei Tag ertönte oft fröhlicher Kindergesang von einer munteren Schar, die unter dem Rebdach saß und spielte und den Fremdling freundlich begrüßte.
Abends saßen wir mit den Offizieren im Kasino und besprachen unsere Pläne. Es waren meist Herren von der Intendantur. Die Truppen der Division lagen in der Umgegend, der Stab in einem berühmten Kloster eine Stunde entfernt von Kalkandelen.
Am ersten Morgen fand der übliche feierliche Empfang in der Präfektur statt. In einem großen Saal mit Teppichen und Fahnen an den Wänden wurden wir durch eine längere Ansprache des Präfekten geehrt, auf die ich antworten mußte. Der Präfekt, in Friedenszeiten Gymnasiallehrer für Chemie in Sofia, zeigte volles Verständnis für unsere Pläne und versprach uns die Hilfe der Zivilbehörde als Ergänzung der militärischen Unterstützung, die uns in Aussicht gestellt war.
Nachmittags 3½ Uhr sollte der Abmarsch erfolgen, um die kühlen Abendstunden zum Anstieg bis auf eine gewisse Höhe auszunützen. In der engen Straße beim Kasino bildete sich alsbald eine höchst malerische Kolonne. Wir waren 7 Deutsche, zu denen 11 bulgarische Soldaten kamen, welche als Pferdeknechte und Bedeckungsmannschaften uns begleiten sollten. Die meisten der Soldaten, ebenso ihr Unteroffizier, der Tschausch, waren Mohammedaner. Die meisten sprachen nur türkisch. Dolmetscher hatten wir keinen, so war die Verständigung unterwegs vielfach nicht einfach, da nur unser ungarischer Bursche einigermaßen bulgarisch sprach. Wir kamen aber mit den gutmütigen Leuten recht gut aus.
Sechs gut gesattelte Reitpferde standen für uns Deutsche bereit, die Soldaten waren ebenfalls alle beritten. Dazu kamen 10 Saumpferde, welche unsere Zelte, Decken, Kisten, den Proviant und die ganze Ausrüstung zu tragen hatten.
Jeder von uns suchte sich ein geeignetes Reitpferd aus, wobei diejenigen, welche keine Reiter waren, etwas ängstliche Gesichter machten. Die Botaniker, die schon viele Reisen in Kleinasien, Persien und sonst im Orient hinter sich hatten, hatten schnell gewählt. Auch ich erfaßte die Zügel eines großen, schlanken Pferdes, welches mit ganz neuem Zaumzeug sehr gut ausgestattet war. Ich prüfte die Gurten, paßte die Zügel und Bügel an und als ich die Satteltaschen öffnete, um photographischen Apparat und Sammelgeräte in ihnen unterzubringen, entdeckte ich zu meinem Erstaunen am Sattelzeug dieses bulgarischen Armeepferdes einen deutschen Firmenstempel, und wie überrascht war ich, als ich da las: Handelskammer Freiburg i. Br. Also die Stadt, in der meine Universität sich befand, in der meine Lieben damals weilten, die hatte mein Sattelzeug geliefert. Ich sah dies als ein gutes Omen an, als ich mich zum Abritt mit unserem Führer an die Spitze der Karawane begab.
Bald saßen alle im Sattel; klappernd und hufeklirrend bewegte sich der lange Zug durch die engen Gassen zum Berghang. Wir blieben auf dem linken Ufer des brausenden Flüßchens, das vom Schardakh herunter kam und in wilder Felsenschlucht tief unter uns über die Steine brauste.
Es war die Sarska, deren Tal wir beim Ritt dieses Nachmittags einige Stunden verfolgen mußten. Hoch über dem rauschenden Flüßchen kletterte der Saumpfad den Berghang hinauf. Mit vorsichtigem Schritte suchten die Pferde ihren Weg über die glatten Steine und brachten uns flink vorwärts. Bald klomm der Pfad hoch am Hang in die Höhe, um dann wieder bis zum Wasser des Baches niederzusteigen.
Der Rückblick auf das malerische, in Grün gebettete und von Grün umgebene Kalkandelen war prachtvoll; aus dem Gewirr der Häuser erhoben sich Minarets und Kirchtürme. Als wir etwa 7-800 m Meereshöhe erreicht hatten, wurde die Paßstraße breiter, schöne Wiesen, auf denen Heu lag, Haferfelder breiteten sich aus. Was aber der Gebirgslandschaft einen besonderen Reiz verlieh, waren die mächtigen, alten Bäume, die mit ihren dunklen Stämmen immer neue, wechselnde Umrahmungen der Gebirgslandschaft bildeten. Vor allem fielen die alten, gewaltigen Edelkastanien auf, welche mit ihren gerundeten, üppigen Kronen eigenartig von den schroffen Felsen sich abheben. Sie sind in Mazedonien nicht häufig und außer hier im Sarskatal habe ich sie nur auf dem Wodno bei Üsküb angetroffen.
Auch andere stattliche Bäume vervollständigten den üppigen Eindruck dieser Oase im Felsenland. Eichen und Nußbäume erhoben sich neben allerhand Obstbäumen, an denen noch reichlich Früchte hingen. Um saftige Wiesen dehnte sich üppiges Buschwerk von Haselnuß- und Erlensträuchern aus. Bei einer starken, zum Fluß hinabplätschernden Quelle breitete sich ein grüner Rasen aus, umgeben von knorrigen Weiden. Auf der Wiese blühten dunkelrote Skabiosen, am Wasser weiße Doldenpflanzen und duftende Minze. Um die Blüten schwirrten Hummeln und Bienen, auf ihnen saßen Käfer, vor allem wie Edelsteine glänzende Chrysomelen (Chrysomela menthastri Suffr.).
Abb. 118. Sarskatal, im Hintergrund Kobeliza.
Durch die Kronen der Bäume öffneten sich jetzt Blicke auf die Kobeliza und die umgebenden Bergmassen mit ihren steilen Felsenhalden, Waldbeständen und schimmernden Matten.
Sicher und brav stiegen unsere Pferdchen weiter den Pfad hinan, der jetzt schmal und verwegen hoch über der Schlucht am Felsen entlang führte. An einer breiteren Stelle des Tales lag über dem Bach uns gegenüber in etwa 900 m Höhe das Dorf Brodeč. Die albanischen Bergdörfer mit ihren braunen Häuschen und den grauen Dächern, von Bäumen beschattet, am Berghang angelehnt, boten höchst malerische Bilder, in der feinen Nachmittagsstimmung in silbergrauem Schimmer Erinnerungen an japanische Dörfer wachrufend.
Der Ritt verlief nicht ohne Abenteuer. Als der Pfad steil zum Bach abstieg, rutschte Herr Müller plötzlich samt dem ganzen Sattelzeug über Hals und Kopf seines steil abwärts schreitenden Pferdes hinunter und schlug nahe am Abgrund einen Purzelbaum auf dem Saumpfad. Als wir erschreckt heranritten, schnupperte sein Pferd ganz behaglich an ihm und er stand lachend, zum Glück unbeschädigt, auf, um bald auf das wieder gesattelte Pferd zu klettern. Ähnliche Abenteuer passierten jedem der Teilnehmer der Expedition, da unsere Bulgaren mit den Pferden nicht so sorgfältig umgingen wie deutsche Soldaten und unsere Leute nicht viel von Pferden verstanden. So mußte jeder von uns regelmäßig sein Pferd sorgfältig nachsatteln. Doch verlief die Reise in den Schardakh ohne wesentlichen Unfall.
Abwärts in die Schlucht führte der Pfad über den jetzt schon viel kleineren Bach, jenseits schon am Hang der Kobeliza hinauf und dann steil abwärts zu dem hochgelegenen Dorf Vešal. Durch eine Schlucht gelangten wir in das 1150 m hoch gelegene Dorf, welches im Verlauf des Balkankrieges verlassen worden war und dessen meiste Häuser nun halb oder ganz zerstört waren. Ein noch ziemlich erhaltenes großes Haus sollte uns als Herberge dienen; es war zu solchem Zweck vorbereitet und mit einem Hängeschloß versperrt, zu welchem wir den Schlüssel mitbrachten. Ein großer Raum war am Boden mit Teppichen belegt. In diesem schlugen wir unser Quartier auf. Wir waren mit Decken wohl versehen; die konnten wir gut gebrauchen, denn in dieser Höhe war auch Mitte August die Nacht recht frisch.
In einem anderen Raum wurde abgekocht und müde nach den anstrengenden Vorbereitungstagen sanken wir auf die Teppiche nieder, um einen erquickenden Schlaf zu halten.
Es war etwas ungewohnt auf dem Boden, auf den nicht ganz sauberen Teppichen zu schlafen, von denen wir nicht wußten, wer sie vorher benutzt hatte. Zudem hatte man uns vorher gewarnt, die albanischen Dörfer seien sehr verlaust und von Fleckfieber verseucht. Aber wir blieben von Ungeziefer verschont. Später habe ich mich an diese Art von Quartier gewöhnt und nicht selten in solchen Räumen geschlafen.
Abends hörten wir noch von uns besuchenden Einwohnern, daß in den benachbarten Bergen Gemsen lebten und sie versprachen uns solche zu jagen.
Der nächste Morgen, Sonntag, den 12. August, fand uns schon früh auf den Pferden, schief am Berghang aufwärts reitend. Wir waren jetzt in einer prachtvollen Gebirgslandschaft. Die steilen, felsigen albanischen Berge erhoben sich ringsum zu beträchtlichen Höhen. Hier und da glänzten Schneefelder zu uns herüber. Steile Felsen warfen blaue Schatten auf weite Matten und stattliche Wälder erhoben sich an den Hängen.
Wir durchritten ein Bachtal, dessen einer Hang von steilen Felsen gebildet war, während die Höhen der anderen Seite über der Steilwand einen Buchenwald trugen, über denen Coniferen, offenbar Weißtannen, sich erhoben. Ein halb ausgetrockneter Bach kam das Tal herab, welches weiter oben üppige Vegetation zeigte, dazwischen Buchengebüsch, in welchem prachtvolle Exemplare einer Fingerhutart mit gelben, rostbraun gefleckten Blüten standen (Digitalis ferruginea Gris).
Etwas weiter oben, bei 1675 m Höhe, beobachteten wir die ersten Appollofalter. Außerdem umflogen die Blüten viele Hummeln und kleine Bienenarten.
Herr Müller fing hier Exemplare des Taufrosches (Rana temporaria L.), ein interessanter Fund, da sein Vorkommen hier im Gebiet noch nicht bekannt war. Die Botaniker machten gute Ausbeute, vor allem als wir steilansteigend bei etwa 2000 m Höhe an einer steilen Felsenwand entlang einen Sattel überschritten, von wo wir wieder auf 1600 m herabstiegen, wo ein geeigneter Lagerplatz mit reichlich Wasser sich fand. Wir lagerten an einem Steinhang vor einer großen Rasenfläche, auf der eine kleine, strohgedeckte Hütte lag, die von Schafhürden umgeben war. Hier sollten wir auf Anordnung der Behörden von Kalkandelen mit Sennereiprodukten versorgt werden. Das war also ein sehr geeigneter Standort für unsere Unternehmungen an der Kobeliza.
Zunächst fielen uns wütend ein paar mächtige Hunde an, jene prächtigen mazedonischen Hunde, welche ich stets bei den Hirten im Gebirge antraf. Sie beruhigten sich, als wir in der Entfernung von ½ km unsere sechs Zelte aufschlugen. Ein lebhaftes Lagerleben entfaltete sich, während die Pferde abgesattelt und auf die Weide getrieben wurden, die Zelte allmählich erstanden und Lagerfeuer aufflammten, an denen unser Essen zubereitet wurde.
Als die Dämmerung herabsank, die Sonne noch in unserem Rücken die spitzen Gipfel der Kobeliza umstrahlte, kamen die Herden zur Sennhütte, die man hier Mandra nennt, von den höher gelegenen Weiden zurück. Es waren hauptsächlich Schafe, von denen viele Hundert herangetrieben und in den Hürden für die Nacht zusammengedrängt wurden. Die Hirten kamen uns zu besuchen und brachten uns vorzüglichen Yogurth, Milch und Käse. So konnten wir getrost den kommenden Tagen entgegensehen.
Abb. 119. Mandra (Sennhütte) auf dem Kobelizaanger 1700 m.
Die Nacht sank herab und ein klarer Sternhimmel spannte sich über uns aus. Wie durchsichtig war die Luft in dieser Höhe; wie zog man genießend die frische Bergluft in die Lungen ein und ruhte sich von Staub und Gluthitze aus, aus denen man für einige Tage erlöst war.
Wir hatten einen sehr geeigneten Platz ausgesucht, um das umliegende Gebiet zu erforschen. Unmittelbar hinter unserem Lager stieg der Gipfel der Kobeliza kegelförmig an, zunächst felsig, nach oben aber in Matten übergehend. Sie ist ein typischer Grasberg, vor allem zogen sich von unserer, der Ostseite, die Matten bis zum Gipfel, während nach Süden schroffe Kalkfelsen steil abfielen.
Schon früh am nächsten Morgen brach ich auf, um zunächst den Gipfel der Kobeliza zu ersteigen. Ich kletterte zuerst durch steile weiße Kalkfelsen, welche sich malerisch hinter unserem Lager erhoben. Über den Hängen flogen Steinrötel (Monticola saxatilis L.) dahin. Die Matten zwischen den Felsen trugen eine reiche Pflanzenwelt. In der unteren Zone gab es noch einzelne Buchenbüsche, dazwischen Wachholder, eine Art hoch, buschig wachsend, eine zweite Form die gleiche, welche ich auf der Mala Rupa beobachtet hatte, am Boden hinkriechend, ein zartes Polster bildend (Juniperus nana Willd.). Zwischen 1600 und 1700 m Höhe wuchsen Himbeeren und Erdbeeren, allerdings jetzt ohne Blüten und Früchte, dazwischen ein Gänseblümchen, reichlich Fingerhut (Digitalis ferruginea Gris.), zwei Stiefmütterchenarten. Sehr charakteristisch für diese Region waren die zahlreichen Eberdisteln, deren weiße, starre Kronen, überall dicht an den Boden gedrückt, aufleuchteten (Carlina acaulis L.). Silene-Arten blühten zwischen den Steinen und vor allem freute mich, heimatliche Erinnerungen an die bayerischen Berge weckend, ein weißes Studentenröschen (Parnassia palustris L.), welches an feuchteren Stellen stand. In Mulden an geschützten Plätzen erhoben sich stattlichere Pflanzen, Veratrum album, verschiedene hohe Königskerzen (Verbascum longifolium Ten.) und eine Anzahl mächtiger Distelarten bildeten da große Bestände. Zwischen den Steinen standen viele Exemplare einer Wolfsmilchart. Die Disteln waren Cirsium candelabrum Gris. und C. appendiculatum Gris.
Der Aufstieg ging steil über offenes Gelände weiter; vor mir erstreckte sich ein unendlich erscheinender grasiger Abhang, südwärts ragten steile weiße Felsen auf. Als ich etwa die gestern überschrittene Paßhöhe mit 1900 m erreicht hatte, begann die Pflanzenwelt allmählich alpinen Charakter anzunehmen. Hohe Stöcke von Geum montanum L. mit den tiefgelben Blüten, eine Art von Euphrasia, eine stattliche Primel (Primula columnae Ten.), Glockenblumen (Campanula pusilla), Steinbrecharten, eine schöne Storchschnabelart mit großen roten Blüten (Geranium subcaulescens L'Hér.) wuchsen hier nebeneinander und boten, da viele von ihnen noch in Blüte standen, einen bunten reizvollen Anblick dar.
An einem Einschnitt floß das Wasser einer kleinen Quelle rauschend die Wiese hinab. Es war in einer Höhe von 2000 m. Am Rande des Bächleins und unter den Steinen gab es hier Regenwürmer, große Laufkäfer (Pachystus cavernosus E., Carabus violaceus rilvensis Kolbe), und die üblichen Flohkrebse (Gattung Gammarus), welche man hierzulande in fast jedem Brunnen findet. In der Nähe des Wassers fanden sich Ameisen unter Steinen, so die überall so häufige Rasenameise (Tetramorium caespitum L. und Formicina mixta Nil. var. mixto-umbrata For.).
Nun stieg ich steil weiter über einen eigenartig gleichmäßigen Rasen eines dunkelgrünen Grases. Einzelne Blüten der unten gefundenen Pflanzen lockten Schmetterlinge von dunkler Farbe mit blauen Flecken (Erebia sp.) und Bläulinge an.
Ebenso wie die Pflanzenformen, so wurden in der Höhenregion zwischen 2200 und 2500 m die Insekten ausgesprochen alpin. Es zeigte sich ein charakteristischer Unterschied gegenüber den Erfahrungen auf der einige hundert Meter niedrigeren und um einige Grade südlicher gelegeneren Mala Rupa. Vor allem waren hier oben die ausgesprochenen Hochgebirgsschmetterlinge vertreten, die zum Teil den Formen unserer Hochalpen nahestanden. Dort waren wir auch einer Gebirgsfauna begegnet, der aber die ganz typischen Hochgebirgstiere fehlten. So möchte ich als besonders wichtigen Fund Erebia tyndarus macedonica Buresch erwähnen, der auf der Mala Rupa durch E. t. balcanica Rbl. vertreten war. Die hier fliegende Form steht unserer Hochalpenform von E. tyndarus viel näher.
Von anderen Arten dieser schönen dunkelbraunen oder tiefschwarzen Falter mit den leuchtend blauen Augenflecken, die reichlich in der Höhenzone der Kobeliza vertreten waren, seien genannt Erebia lygaea L., E. epiphron orientalis Elw., E. rhodopensis Bur. und E. pronoë Esp., eine ganz stattliche Zahl von Arten.
Andere interessante Schmetterlinge waren Epinephele lycaon Rott., Coenonympha tiphon forma rhodopensis Elw., ein stattlicher Bläuling (Lycaena corydon Poda), der in Mitteleuropa in der Tiefe, hier als alpiner Schmetterling lebt. Eine Höhenform ist schließlich die Hesperide Angiades comma.
Bemerkenswert für die Höhenregion der Kobeliza ist das Vorkommen von Hummeln von nordischem bzw. hochalpinem Typus. In der unteren Grenze dieses Gebiets bei 1400-1600 m flog Bombus lapponicus var. pratincola Nyl., weiter oben die var. alpestris Friese, var. helveticus Friese und var. balcanicus Friese, letztere ganz hoch oben auf den Matten über 2000 m.
Die einzigen Spinnentiere, die ich in dieser Region fand, waren Weberknechte; es fanden sich zwischen 1500 und 2000 m unter Steinen ziemlich häufig Phalangium cornutum T., seltener Egaenus convexus C. L. Koch, dieser letztere hier das einzige Mal in Mazedonien.
Prof. Müller, der, vom nördlichen Abhang kommend, hier zu mir stieß, gelang in diesem Gras ein interessanter Fang. Er fand hier eine eigenartige Kreuzotternart, die Großaugenviper (Vipera macrops Méhély), welche bisher nur aus Bosnien und der Herzegowina bekannt war. Die Art gleicht unserer Kreuzotter in der dunkeln Färbung und dem Zickzackband des Rückens, frißt aber nicht Mäuse wie diese, sondern vorwiegend Heuschrecken.
Von hier aus begann der Aufstieg sehr ermüdend zu werden; abwechselnd ging es über Rasen und Felder von Steintrümmern. Immer wieder täuschte ein aufragender Buckel uns den Gipfel vor. Endlich verriet uns ein Steinmanderl, das wer weiß wer hier oben errichtet hatte, den Gipfel.
Hier überraschte mich ein so überwältigend großartiger Rundblick, daß ich beschloß, lange Zeit auf dem ganz kleinen Raume des Gipfels zu verweilen, hier oben in der Sonne zu liegen und das umliegende Gebirge genau zu studieren. Tatsächlich blieb ich mehrere Stunden lang in dieser wundervollen Höhe, da allmählich von verschiedenen Seiten ansteigend alle Teilnehmer der Expedition sich auf dem Gipfel versammelten.
Die Ausbeute war für uns alle hier oben nicht allzu groß. Solche Grasberge pflegen weder faunistisch noch floristisch große Ausbeute zu liefern. Zumal war es jetzt Mitte August, somit für den Botaniker etwas spät im Jahre für diese Höhenzone. Ich bestimmte die Gipfelhöhe auf etwas über 2500 m. Offenbar war es der höchste Gipfel des Gebirgsstocks.
Die meisten Alpenplanzen waren schon verblüht. Immerhin machten unsere Botaniker auch hier einige interessante Funde, meist an schon samentragenden Pflanzen. Jetzt blühten noch einige Steinbrecharten, Nelken, Silenen und überall lugten zwischen Moos und niederem Gras die blauen Sternchen der Alpenaster (Aster alpinus L.) hervor. Etwas weiter unten blühte eine Glockenblume (Hedraeanthus kitaibelii DC.), hier oben stand das zierliche Sandglöckchen (Jasione supina Sieper.) und mit Freuden entdeckte unser Botaniker Bornmüller die ersehnte Balkandrottelblume (Soldanella pindicola Hauska.).
Wie immer versammelten sich hier in der Gipfelregion allerlei fliegende Insekten, vor allem Fliegen aus der Familie der Oestriden, von Schmetterlingen einige dunkle Erebien. Herr Müller erbeutete hier die auch bei uns vorkommende Gebirgseidechse (Lacerta vivipara Jaen.), auch ein wissenschaftlich bedeutungsvoller Fund.
Abb. 120. Gipfel der Kobeliza 2500 m.
Aber mehr als diese wissenschaftlichen Beobachtungen bedeutete mir die wundervolle Landschaft, welche vom Gipfel aus nach allen Seiten sich um mich ausbreitete. Ich wußte nicht, in welche Himmelsrichtung ich zuerst blicken sollte. Ich wandte mich von einer Seite zur anderen, meine Augen tranken voll Wonne all die Schönheit in sich und die ganzen Stunden lang erfüllte mich ein Gefühl des Glückes in dieser menschenfernen Einsamkeit. Hier war ich einmal wirklich fern dem Krieg und den sich hassenden Menschen. Hier tönte der Lärm der Kämpfe nicht herauf und nur die Uniformen, mit denen wir bekleidet waren, erinnerten daran, in welcher Zeit all die Vertreter friedfertiger Berufe sich hier versammelt hatten.
Es war ein schöner Sommertag; am dunkelblauen Himmel schwebten mächtige weiße Wolkenballen hoch über den Bergen und warfen ihre wandernden Schatten auf deren Hänge. Vor allem großartig war der Blick nach Süden; über den Rasenhang vor uns senkte sich der Berg steil zu einem grasbewachsenen Vorberg hinab, den ein dunkler Wolkenschatten scharf vom Hintergrund abhob. Von seinem kahlen Rand mußte es schroff sich zum Tal und zur Paßstraße nach Prizrend hinabsenken; denn blau und zart hoben sich jenseits schon die nächsten Berge von ihm ab. Lange Hochtäler zogen südwärts bergan, von Bergketten eingefaßt, deren beide Flanken man von unserer Höhe viele Kilometer weit nach Süden überblicken konnte, bis sie dort in hohe Gipfel übergingen, deren Nordhänge Schneefelder bedeckten. Silbern blinkte aus jedem Tal der Bach herauf, dessen Zickzackband auf beiden Seiten vom Bergkamm gleichsam nachgeahmt wurde. Eine ungezählte Menge von Tälern und Schluchten modellierten die Seiten der Bergketten, zwischen denen hier und da ein grüner Rasen, eine dunkle Waldgruppe auftauchten.
Steile Felshänge und mächtige Schutthalden verrieten auch hier die Arbeit von Wasser, Eis und Wind, welche diese grandiosen Formen gestaltet hatten. Fast stahlblaue Flecken wurden von den Wolkenschatten über weite Gebiete gebreitet. So wie mit der Wolke ihr Schatten weiter wanderte, traten im Licht der Sonne alle Einzelheiten der Landschaft scharf hervor, jede kleine Kuppe, jede Schrunde, jeder Felsen und Sturzbach kam dem Auge gleichsam entgegen geeilt. Im Hindergrund der Täler, wo sie allmählich in den Wänden der hohen Berge verstrichen, lag in der Tiefe leichter Dunst.
Darüber aber hoben sich in kristallener Klarheit die gewaltigen Kegel mächtiger Hochgipfel; prachtvolle, edle Formen zeigten diese albanischen Berge mit ihren kühnen Umrißlinien.
In allen Abstufungen reiner blauer Töne modellierten sich ihre steilen Abstürze und breiten Flanken. Feine violette Schatten mischten sich am Nachmittag dazu, prachtvoll die zahlreichen Schneefelder aufblinken lassend, die uns anzeigten, daß dort die Gipfel annähernd so hoch wie unser Standort oder noch höher waren.
Zart verschwamm Kette hinter Kette in von der Sonne durchgoldetem Blau. Ganz im Süden, fern von uns schimmerten die gewaltigen Zinnen eines Bergstocks von beträchtlicher Höhe. Wie ein Feenpalast erhob dies Massiv seine eis- und schneebedeckten Massen über den kleineren Gebirgen vor ihm. Glitzernd wurden die Strahlen der Sonne von seinem Nordhang uns zugeworfen. Wir erkannten in ihm den Korab, ein Gebirge mit Gipfeln von etwa 3000 m Höhe, welches nordwestlich vom Ochridasee gelegen ist.
BLICK VOM KOBELIZAGIPFEL, südwärts.
Ganz anders geartet war der Blick nach Norden, da zog die Kette des Schardakh in düsterer Nacktheit gegen den Ljubotren hin. Schroffe, kahle Felsenberge bildeten eine lange Kette, deren hintere Berge den Gipfel des Ljubotren offenbar verdeckten, denn wir konnten diesen nicht mit Sicherheit erkennen. Steil fiel der Abhang von uns hinab in die Mattenregion, welche sich um den Gipfel der Kobeliza ostwärts bis zur Gegend unseres Lagers hinzog. Direkt uns gegenüber stiegen steile Felsenwände senkrecht mehrere hundert Meter hinan zu einem scharfen Kamm. Etwas östlich führten in sanfter Neigung von der Mattenregion Rasenflächen zu einem breiten Buckel, der sich an den Felskamm anlehnte, vor uns aber ihm gegenüber mit steiler Felswand eine Schlucht begrenzt.
Auf dem Rasen des Buckels weideten tausende von Schafen, von oben herab sah jedes wie ein heller oder dunkler Punkt aus. Die Hunde, welche um die Herden herumtobten, trieben sie immer wieder zu dichten Haufen zusammen, welche wie Wölkchen aussahen, die immerfort ihre Gestalt änderten. Ganz seltsam wurde das Bild, als plötzlich zwischen uns und den Herden ein Adler seine Kreise zog. Da drängten sich alle Schafe zu einem mächtigen Haufen zusammen und liefen erst wieder auseinander, als der große Vogel mit majestätischem Schwung über die Felswände emporstieg.
Westwärts begann unterhalb des kegelförmigen Rasengipfels der Kobeliza ein steiler Grat, der vor allem nach Süden schroff abfiel. Auch nach Westen trennte uns ein Steilabfall von der anschließenden Kette albanischer Berge. Eigenartig hob sich der weiße Kalkstein der Gipfelregion von dem in dieser Höhe noch recht frisch grünen Rasen ab, in welchem die blauen Sternchen der Alpenaster an vielen Stellen aufleuchteten.
Dunkle Wolkenschatten lagen auf den jenseitigen Bergen, welche unsere albanischen Begleiter die Hasanitza nannten. Wir stritten uns lebhaft, ob ein dort zu Tal prasselnder Steinschlag von einem Rudel Gemsen losgelöst sei, oder ob so hoch oben Vieh weiden könne. Die Leute erzählten uns viel von den Gemsen, die tatsächlich in diesem Gebiet nicht selten sein müssen. Unsere Versuche, an solche heranzukommen oder während unseres Aufenthalts sie von den albanischen Jägern erlegt zu bekommen, scheiterten an der Kürze des Aufenthalts, der uns hier oben vergönnt war. Daß wirklich Gemsen hier vorkommen, das wurde mir sicher, als mir beim Abstieg der Bürgermeister des Dorfes Selče ein prächtiges braunes Gemsenfell, eine schöne dicke Winterdecke, zeigte und mir ein paar Krickeln schenkte. Besonders schön und eigenartig war die Aussicht nach Westen; in dieser Richtung waren die Gebirge niedriger, so daß der Blick sich in unendliche Fernen erstrecken konnte. Zahlreiche Gebirgsketten zogen hintereinander von Süden nach Norden, manche von ihnen in klaren, eigenartigen Formen greifbar nahe vor uns liegend. Wir konnten die Senke erkennen, in der das Amselfeld sich ausbreitet und die Berggruppe, welche im Nordwesten auftauchte, mußte schon zu Montenegro gehören.
Abb. 121. Blick vom Gipfel der Kobeliza 2500 m nach Westen. Nach einem Aquarell des Verf.
Entsprechend der nord-südlichen Ausdehnung des von uns bestiegenen Kettengebirges war auch der Blick nach Osten weit und frei. Von rechts und links traten Berghänge, deren Konturen sich gegenseitig überkreuzten, in das Sarskatal, welches man bis zur Ebene vor Kalkandelen verfolgen konnte. Fern vor dem Gebirge der Karaschiza blitzte der Spiegel des Wardar auf. Das waldarme Gebirge ließ seine charakteristische Modellierung, die reiche Verarbeitung seiner Hänge durch die Arbeit der Erosionskräfte mit aller Deutlichkeit erkennen, obwohl es in zarten Farben duftig vor mir lag. Jenseits der Karaschiza sah man wieder eine Bergkette hinter der anderen sich in nord-südlicher Richtung hinziehen.
Voll von den großen Eindrücken traten wir erst am späten Nachmittag den Abstieg zu unserem Lager an. Dabei zerstreuten wir uns wieder alle im Gelände, ohne uns in dieser einsamen Landschaft viel Sorgen wegen unserer Sicherheit zu machen. Unsere Bedeckungsmannschaften waren viel ängstlicher und fürchteten sich sehr vor den Arnauten. Ich begegnete wiederholt solchen, die bis an die Zähne bewaffnet waren. Obwohl man sich nicht mit ihnen verständigen konnte, waren sie nicht unfreundlich und nahmen mit strahlendem Lächeln die gespendeten Zigaretten an.
Während der nächsten Tage verfolgte jeder der wissenschaftlichen Teilnehmer der Expedition seine Sonderzwecke. So wurden die umliegenden Höhen bestiegen, die Bäche und Tümpel, Quellen und Schluchten untersucht und vor allem die Waldgrenze erforscht.
Es war besonders eine schön bewaldete Kuppe, welche als Vorberg weit in das Tal der Sarska hineinragte, welche mancherlei interessante Ausbeute lieferte. Sie war von einem lichten Wald aus stattlichen Buchen und Weißtannen bedeckt. Vor diesem Hain war der felsige Hang von Wachholdersträuchern bedeckt, zwischen denen ein kurzer Rasen wuchs.
Die Höhe mit ihren edlen Tannen, zwischen denen die prachtvollsten Durchblicke auf das Hochgebirge sich eröffneten, hat sich ganz in mein Gedächtnis eingegraben. Ich werde nie die Stunden vergessen, die ich am Rande des schattenden Waldes an ihren Abhängen verbrachte. Im Gedenken an schöne Schwarzwalderinnerungen ist sie in meinem Tagebuch als Weißtannenhöhe verzeichnet. Der Aufstieg zu ihr von unserem Lager führte an einem Teich vorbei, den wir den Unkenteich nannten, da zahlreiche dieser Tiere ihn belebten und die Luft mit ihren Glockentönen erfüllten. Im Teich gab es außerdem viele Wasserkäfer (Gaurodytes bipustulatus L. und Colymbus luseus L.) und eine Unmenge der kleinen Muscheln aus der Gattung Pisidium. Von dem Wasser aus wurde der Anstieg steiler, der Hang bedeckte sich mit liegendem Wachholder (Juniperus nana Wlld.). Zwischen dem zarten Gras blühte ein zierliches Haidekraut. Weiter oben mehrte sich allmählich Buchengebüsch, an welchem eine Anzahl von Spinnen ihre Netze gebaut hatten. Wenn die Tiere und ihre Bauten an Formen der Heimat erinnerten, so war es doch von Interesse festzustellen, welche Arten hier in der Höhe leben und ob sie auch hier ebenso bauen, wie an den Orten, an denen sie schon lange bekannt sind.
An den Buchen fand sich eine Spinne, die zwischen Ästchen und Blättern ein stattliches Segelnetz gebaut hatte, das mit einer zylinderischen Wohnröhre endete, in der die Spinne saß. Die Fäden des Netzes waren nicht kleberig aber auffallend mit Staub bedeckt, obwohl das Netz bewohnt war. An den Buchenbüschen fand sich eine zweite Form, welche ein Wirrnetz baute und ihren Zufluchtsort in einem Nestchen hatte, das aus Knospenschuppen der Buche bestand, welche durch Gespinst zusammengeheftet waren. Zwischen den Stämmen und Zweigen, vor allem der Tannen, waren große Radnetze wieder von anderen Spinnen ausgespannt. Es waren dies Epeira diademata Clerck und E. marmorea Clerck; erstere ist unsere Kreuzspinne, die ich im Flachland nie gefunden hatte und welche, wie so manche anderen mitteleuropäischen Tiere, hier im Lande das Hochgebirge aufgesucht hatte.
Im Buchendickicht fand ich damals zum erstenmal in Mazedonien Ameisenhaufen; es waren höchstens 20 cm hohe Hügel, welche im Durchmesser kaum 15-30 cm erreichten. Obwohl es nicht weit zu den Tannen war, bestanden die Haufen hauptsächlich aus den Nadeln der in der Nähe wachsenden Wachholdersträucher. Dazwischen fand sich Erde, Stengel und Ästchen von mancherlei Pflanzen, so von Heidekraut. Wie alle Haufen, die ich später in Mazedonien fand, waren diese von einer Formica-Art bewohnt und zwar von Formica (Rhaphiformica) sanguinea Latr., einer Art, welche auch bei uns selten Haufen baut. Genauere Angaben finden sich im Ameisenkapitel (S. 159). Hier oben fanden sich im Holz der Tannen die Gänge einer Camponotus-Art (C. herculeanus ligniperda Latr.), also nicht anders als in unseren Wäldern die typische Baumameise.
Um auf den Gipfel der Weißtannenhöhe zu gelangen, mußte ich durch den Tannenwald, der sich hauptsächlich am Westhang gegen das kleine Tälchen hinzog, welches ich am Nachmittag des gleichen Tages besuchte und das an den Felshängen gegen das Sarskatal weit hinabreichte. Es war ein wilder dichter Wald, nur an einzelnen Stellen rein aus Tannen bestehend, sonst vielfach mit Buchen vermischt. Ein tiefer kühler Schatten herrschte unter den hohen Bäumen, durch deren Kronen ein starker Wind rauschte. Die silbergrauen Buchenstämme hoben sich zart und duftig von dem dunklen Grün des dichten Tannenbestandes ab; wenn der Wind die Tannen beugte, so blinkte silberig die Unterseite ihrer Nadeln auf. Am Hang standen zerzauste und windgebrochene Wettertannen und gar mancher der Riesen lag zerschmettert am Boden neben seinem zerborstenen Stumpf, der kläglich aus dem grasigen Boden in die Höhe ragte. Es war eine echte Weißtanne, die hier noch einen ausgedehnten Wald bildete (Abies alba Mill.), welche nicht von der Schwarzwaldtanne zu unterscheiden ist.
KOBELIZA, von der Weißtannenhöhe.
In dem Hang des Waldes, welcher nach Süden abfiel, umrahmten die Tannen ernste, grandiose Gebirgslandschaften. Hier öffnete sich der Blick an vielen Stellen auf die steilen albanischen Berge um die Hasaniza. Tief im Schatten lagen über dem Tal drüben die schroffen Felsen hochansteigender Berge, welche unterhalb auch dichten Wald trugen. Darüber hoben sich klarer als am vorigen Tage die Hochgipfel mit ihren leuchtenden Schneefeldern.
Nordwestlich hoch aufragend bot die Kobeliza von der Weißtannenhöhe ihren reizvollsten Anblick dar. Als mächtige Pyramide mit sanft ansteigendem Nordhang erhob sich der Berg majestätisch aus dem tiefen, dämmernden Talschlund; der Südhang dagegen mit unruhiger Zackenlinie der schroffen Kalkfelsen, an deren Rand ich am Tage vorher gestanden hatte, bildete einen wuchtigen Gegensatz zu den weiten Grashalden, welche die uns zugekehrte Ostseite des Berges bedeckten. Diese war vor allem im Süden und in der Mitte durch Erosionsschluchten und helle Felsen malerisch gegliedert.
Die Fülle blauer und violetter Töne an der breiten Wand der Felsen ließen den Berg wie eine Traumerscheinung weit hinter dem Tal zurücktreten, während das starke Grün der mich umgebenden Bäume mich in der schönen Wirklichkeit festhielt, in der ich verweilen durfte.
Hinter dem Wald überzog eine jetzt noch blumenreiche Wiese den östlichen Teil des Gipfels der Weißtannenhöhe. Verblühte Gräser und ein stark duftendes gelbes Labkraut waren von einem Bestand des liegenden Wachholders (Juniperus nana Willd.) eingefaßt, der sich bis hier heraufzog. An geschützten Stellen standen einige jetzt noch blühende Disteln und Königskerzen.
Hier fand sich auch eine reiche Tierwelt. Unter den Steinen fing ich Skorpione und kleine Tausendfüßler. Um die Blumen flogen Schmetterlinge, zahlreiche Bläulinge, dunkle Erebien, eine Anzahl Hesperiden fielen auf. Reich war die Ausbeute an Fliegen und Bienen. Hier begegnete mir wieder die dunkle Heuschrecke mit dem grellroten Hinterleib und den roten Beinen, welche ich schon auf der Mala Rupa bei ihrem Balzflug beobachtet hatte. Auch hier stieg sie schnarrend in den grellen Sonnenschein auf, um schwebend zu lärmen und langsam zu Boden zu sinken (Stenobothrus miniatus Charp.).
An 2 Tagen hielt ich mich vom frühen Morgen bis mittags auf der Weißtannenhöhe auf, um jedesmal am Nachmittag das Buchental zu durchstreifen, welches an den steilen Felsen der Weißtannenhöhe entlang südwärts sich ersteckte. Zum Teil waren seine Hänge von Buchen bewachsen, welche einen halbtrockenen Bach beschatteten. An diesem Bach standen allerhand blühende Pflanzen, im Wald reiften wohlschmeckende Himbeeren und Erdbeeren. Hier gab es wieder viele Insekten, darunter Schwärme kleiner Mücken, viele Spinnen, wieder unter den Steinen Skorpione.
Wo das Tal am Berghang sich öffnete, floß der Bach in ein Sumpfgelände, in welchem zahlreiche hohe Disteln, Doldenpflanzen, Schilf und Binsen, meist verblüht und zum Teil verdorrt standen. Hier entsprang am Hang auch eine kleine Quelle, in deren Wasser unter Steinen sich Blutegel und kleine Flohkrebse fanden, wie sie fast in jeder Quelle und an jedem Brunnen vorkamen.
Über den Sumpf stiegen steile Felsterrassen an der Wand der Weißtannenhöhe aufwärts. Mehrmals wechselte ein senkrechtes Felsenband mit einer sanfter geneigten Halde ab, welche mit Gras und Kräutern und dazwischen den dunklen Wachholdersträuchern (Juniperus excelsa M. B.) bedeckt waren.
Hier und über dem Sumpf flogen die Apollofalter, die wir schon beim Aufstieg bemerkt hatten. Auch hier hatten wir wie in der Mala Rupa kein leichtes Gelände, um die stolzen Schmetterlinge zu fangen. Im Sumpf versank man bis zum Knie im Schlamm, und das Wettrennen am Steilhang, abwechselnd auf dem glatten Rasen zwischen dem Wachholder und an den Felsenbändern, kostete trotz der frischen Bergluft manchen Schweißtropfen.
Weder mein braver Rangnow noch ich ließen es uns verdrießen und unsere Mühe wurde durch eine reiche Ausbeute belohnt. Während wir auf der Mala Rupa für den Apollofalter Mitte Juli etwas zu früh daran gewesen waren, und somit nur wenige frische Exemplare antrafen, waren wir hier Mitte August offenbar schon in das Ende der Flugzeit des schönen alpinen Schmetterlings geraten. Wir fingen noch eine Anzahl Exemplare, aber die meisten waren schon recht abgeflattert. Ja einige Exemplare fand ich im Sumpf auf den Disteln sterbend oder schon tot.
Auch sonst flogen hier in der warmen Sonne des Nachmittags zahlreiche Schmetterlinge umher, Lycaeniden, Erebien und Coenonymphen in verschiedenen Arten. Bemerkenswert war hier eine den Perlmutterfaltern zugehörige Form von Argynnis pales, die sich deutlich von der auf der Mala Rupa aufgefundenen Argynnis pales balcanica Rbl. unterscheidet und wahrscheinlich eine unserer alpinen A. pales pales sehr nahestehende neue Form ist. Damit war wieder der ausgesprochene alpine Typus der Tierwelt hier im Schardakh, gegenüber der etwas niedriger und südlicher gelegenen Mala Rupa bestätigt. Von den Bläulingen erwähne ich Lycaena damon Schiff.
Schöne Schwebfliegen hielten sich auch in der Sumpfregion auf; ich erwähne Chrysotoxum bicinctum L. und die alpine Ch. cantum Harries.
Reichlich waren in der Nähe des Sumpfes auch Spinnen vertreten, so Oxyopes ramosus Panz., Pirata piscatoria Clerck., Heriaeus hirsutus Walck. und Thanatus arenarius Thor.
Sehr schön war von den Felsen der Blick hinab, steil die Hänge hinunter in das tief eingeschnittene Tal und über dieses hinaus gegen die Wardarebene und auf die Karaschiza.
Wir saßen müde vor unseren Zelten, als die Nacht niedersank und Stern auf Stern am Himmelsgewölbe aufblinkte. Unsere Mannschaften, Deutsche, Bulgaren und Albaner saßen und standen um die Lagerfeuer, deren roter Schein auf die Felsen hinter unserem Lager fiel und riesige Schatten der Menschen über die Wiese warf. Drüben in der Sennhütte bellten und heulten die Hunde und aus den Hürden ertönte das dumpfe Blöken und Meckern der zusammengedrängten Herden. Bei der Rückkehr hatten wir diese, in große Staubwolken gehüllt, von den Hochweiden niedersteigen sehen.
Die Lagerfeuer waren allmählich niedergebrannt, manche unserer Leute schliefen schon. Nur von Zeit zu Zeit flackerte ein Feuer noch einmal knisternd auf, warf prasselnd eine Garbe von Funken in die Höhe. Trotzdem kein Mond am Himmel stand, genügte das Licht der Sterne, um uns die Umrisse der Berge, den Taleinschnitt gegen Kalkandelen, drunten die Talebene und jenseits die lange gleichmäßige Kette der Karaschiza erkennen zu lassen.
Während wir die Sternbilder am Himmelszelt aufsuchten, die uns hier in 1600 m Meereshöhe klarer und sternreicher erschienen als unten im Tal, glaubten wir plötzlich nahe dem Horizont in der Richtung über Kalkandelen neue Sterne aufblitzen zu sehen. Nein, das waren Leuchtkugeln und Raketen, welche dort unten in die Luft stiegen und von unserer Höhe aus einen phantastischen Eindruck machten. Farbige Sterne stiegen auf und verschwanden, Scheinwerfer warfen ihre Strahlenkegel auf die Berge der Umgebung oder ließen sie im endlosen Raum umherirren und verblassen. Und dies seltsame Schauspiel vollzog sich ohne Lärm und Krachen, das wir unwillkürlich erwarteten; die tiefe Bergeinsamkeit umgab uns und das Getöse, das die Menschen da unten verursachten, um sich an irgendwas zu freuen, drang nicht in unsere köstliche Stille.
Wir hofften auf einen Sieg, unsere Bulgaren träumten von Frieden, bis jemand sich daran erinnerte, daß der 15. August das Regierungsjubiläum des Königs von Bulgarien sei, und daß dies wohl da unten gefeiert werde.
Früh am nächsten Morgen wurden die Zelte abgebrochen; die Tragtiere wurden gesattelt und bepackt. Der Aufbruch war beschlossen, der Proviant für soviel Menschen und Pferde war erschöpft, schweren Herzens trennten wir uns von den Bergeshöhen und begannen den Ritt in die Tiefe.
Der Saumpfad, den wir aufsuchten, führte bald sehr steil abwärts, zunächst über Matten, dann an schönen Buchengruppen vorbei, schließlich tief in eine Schlucht hinunter. Nun kam es wieder zu allerhand Reitabenteuern. Unsere Pferde hatten sich oben von dem saftigen Gras der Matten dick vollgefressen; beim anstrengenden Abstieg schrumpften ihre Bäuche sichtlich zusammen. Die Sattelgurte saßen nicht mehr stramm und da niemand unserer Begleiter acht gab, wir aber alle genug mit Umschauen und Beobachten zu tun hatten, so kam es dazu, daß einer nach dem anderen von uns mit seinem Sattelzeug beim Abwärtsreiten über den Hals seines Pferdes rutschte und einen Purzelbaum bergab machte. Es waltete aber dennoch ein guter Stern über unserer Kavalkade und keinem von uns widerfuhr mehr Schaden als einige blaue Flecke.
Abb. 122. Dorf Vejče im Schardakh. Dahinter Gipfel der Kobeliza. August 1917.
Jenseits der Schlucht kamen wir auf einen Weg am Berghang, den man als feinen hellen Strich in der Landschaft schon von unserem Lager gesehen hatte und den man uns als den richtigen Weg nach Kalkandelen bezeichnete, auf dem wir die Stadt diesmal auf dem linken Ufer der Sarska erreichen sollten. An der Steillehne des jenseitigen Berges entlang kamen wir nach scharfer Biegung zu dem schön gelegenen Dorf Vejče ([Abb. 122]).
Über das tief eingeschnittene Tal eines brausenden Baches, welcher der Sarska zuströmt, sahen wir das Dorf im Grünen vor uns liegen. Hinter den Häusern stiegen die Berghalden steil hinauf gegen die Abhänge der Kobeliza. Vejče erstreckte sich mit einem Zipfel noch in eine von den Bergen niederziehende Bachschlucht hinein.
Wie reizend war wieder der Eindruck dieses mazedonisch-albanischen Bergdorfes. Die meist viereckigen Häuser sind fast alle gleich groß, nur selten schaut hier und da eine breitere Front, ein höheres Dach heraus. Die Wände zeigen die graue Steinfarbe oder sind weiß getüncht. Viele haben schönes braunes Holzwerk, sehr viele Vorbauten oder Veranden mit Holzsäulen. Die kleinen Fenster sind meist auf die oberen Stockwerke beschränkt, die auch hier über die unteren vorragen. Breite, dunkle Schatten werfen die weitausladenden Dächer auf die weißen Wände. Auch die Schornsteine sind meist weiß getüncht und ragen mit ihrem flachen Dächlein wie kleine Türme über das Haus empor.
Die Dächer sind mit Stroh oder mit großen Steinplatten bedeckt, die weißgrau gefärbt, wie Solenhofer Schiefer aussehen und einen sehr sauberen, stattlichen Eindruck machen. Und alle die Häuser sind von Gärten und Höfen umgeben, sind in Grün gebettet. Üppige Obstbäume beschatten die Häuser. Zwischen den Wohnhäusern stehen kleinere, meist strohgedeckte Hütten, welche als Scheunen und Vorratsräume dienen.
Um das Dorf herum, unterhalb der Häuser am Bach, aber auch über dem Dorf einige hundert Meter den Berg hinauf ziehen sich frischgrüne Wiesen und wohlbestellte Getreidefelder. Erstere sind frisch gemäht, Heu lagert noch zum Teil auf ihnen. Auch das Getreide ist meist eingetan. Nur Hafer steht noch hier und da auf dem Feld. Fast zu jedem Haus gehört ein Hof, eine Tenne, auf der das Pferd oder der Ochs dreschend im Kreise läuft. Überall ist Leben und Bewegung im Dorf.
Wieder steigt mir die Erinnerung an japanische Dörfer auf, wenn ich das feine Silbergrau der Häuser so zart zu dem üppigen Grün der Bäume stimmen sehe, wenn ich die gleichmäßige Besiedelung, die guten Verhältnisse der Bauten und die reiche Pflanzenwelt überblicke. Zwischen den Obstbäumen erheben sich einzelne Pappeln, am Bach Weiden und Espen.
Schöne, schlanke Menschen begegnen uns auf den Feldern und am Rande des Dorfes. Die Bevölkerung ist offenbar mohammedanisch, denn die Frauen sind zumeist verschleiert, drehen sich scheu vor dem fremden Mann um und laufen davon, wenn er naht.
Der Weg führt nun weiter vorbei an dem Dorf, am Hang entlang. Später, weiter abwärts, wird der Boden trockner und felsiger. Die Straße fängt hier und da wieder an zu stauben. Aber noch begleitet uns überall sehr schöner stattlicher Baumwuchs. Edelkastanien treten wieder auf und ein südlicherer Charakter löst damit den Voralpentypus ab. Zahlreiche Obstbäume, zum Teil noch tragend, machen sich bemerkbar, es sind Apfel-, Birn-, Zwetschen- und Nußbäume. Hier beginnen auch wieder Schmetterlinge des Tieflandes zu fliegen, auf den mächtigen Felsblöcken eines Bergsturzes eilen Eidechsen Lacerta viridis und taurica umher.
Eine Zeitlang führt der Weg neben einem brausenden Bach entlang; ein dichter Hain von Bäumen zeigt uns die Nähe einer Ortschaft an. Es ist Selče, ein Dorf, welches steil am Berg gebaut ist und durch dessen steinige Gassen unsere ermüdeten Pferde stolpernd steigen.
Ich werde gebeten, den Bürgermeister zu besuchen und werde von diesem, einem dicken Mann mit einem schlanken Gehilfen, feierlich empfangen und freundlich mit Kaffee bewirtet. Der noch recht gute türkische Kaffee erfrischte ausgezeichnet nach dem ermüdenden Ritt und Marsch. Hier war es, wo der Bürgermeister auf dem schön gegerbten Winterfell einer Gemse saß und mir die Gamskrickeln schenkte.
Das Volk, das sich unterdessen vor seiner Türe drängte, war nicht aus Neugier hier zusammengekommen um uns zu sehen, sondern es hatte dem bulgarischen Beamten Steuern zu bezahlen. Das vollzog sich prompt und rasch und man bekam das Gefühl, daß eine harte Hand auf dem Lande lag.
Von Selče war es kaum mehr als eine Stunde hinunter nach Kalkandelen. Bald lag die Stadt vor uns mit ihrem Meer von dunklen Dächern, fast so sehr von Bäumen durchgrünt, wie die Gebirgsdörfer. Drunten brauste die Sarska, die mich bald, nachdem abgesattelt und Quartier bezogen war, durch ein kühles Bad erfrischte.
Nach tiefem Schlaf im alten Quartier, Dankerstattung bei den bulgarischen Behörden und Gastfreunden nahmen wir Abschied vom freundlichen Tetowo und seinen schönen Mädchen und Frauen. Gegen Abend des nächsten Tages lud uns die Kleinbahn wieder in Üsküb ab.