Lausche-Tannenberg (2¾ Std.).
Beim Abstiege von der Lausche folgen wir der Waldstraße, die uns hinaufgebracht, dem »sächsischen« Wege, ein Stück zurück bis zur unteren Kehre (10 Min.) und biegen dann links ab. Auf durchaus ebenem Waldfahrwege treffen wir nach 12 Min. auf die Landesgrenze und nehmen Abschied vom sächsischen Boden, auf dem wir von der Tobiaskiefer her mit wenigen Unterbrechungen gewandelt. Wir treffen hier auf einen l. von Oberlichtenwalde über Jägerdörfel einmündenden Fahrweg und wandeln entlang den Grenzsteinen 23 bis 14 auf dem sogenannten Lauschekamm, einer Art Hochebene weiter, bis wir nach 15 Min. beim Vogelherd, auch »Dreiecker« genannt, angelangt sind, dem 660 m hohen Sattel zwischen Finkenkoppe (789 m) l. und dem Buchberge (712 m) r., von wo wir südlich einen Ausblick auf den großen Friedrichsberg haben.
Über die Finkenkoppe, die 30 Min. entfernt ist und eine weite Aussicht gegen Böhmen von ihrer westlichen Lehne gewährt, zieht der Gebirgsrücken in einem nach Süden ausgreifenden Bogen weiter; wir verlassen ihn beim Vogelherd, um ihn erst beim Tannenberge wieder zu treffen. Unser Weg führt in der bisherigen Richtung weiter, während die Landesgrenze im rechten Winkel nach Norden abbiegt, und führt uns jetzt auf breiter Waldstraße mit bedeutendem Gefälle abwärts, zwischen den phonolitischen Berghängen des Dachsensteins (l., 600 m) und des Hörnels (r., 643 m), immer längs des Kohlhauwassers, das rechter Hand neben der Straße dem Lausebache, einem Aste der Mandau, nach Niedergrund plätschernd zufließt, während wir l. die Ursprungsadern des zum Polzengebiete gehörigen Etschbaches zu suchen haben. Funde von sprossendem und zypressenblättrigem Bärlapp (Lycopodium annotinum L. und complanatum L.), sowie von scheidigem Wollgras (Eriophorum vaginatum L.) im Walde zur Seite sind da nichts Seltenes; vereinzelt dagegen ist die Blaudistel (Mulgedium alpinum Less.).
Nach 30 Min. – ein paar hundert Schritte hinter dem Fürstenbrunnen, der 6 Schritte l. von der Straße ein kleines, mit Basaltsäulen eingefaßtes Bassin bildet – biegen wir bei einer Waldwiese (r.) von der Straße, die uns in 30 Min. zur Station Grund-Georgental weiter leiten würde, l. in den Wald ab und steigen über den schmalen, aus gneisführendem Granit bestehenden und die Grenze gegen das Sandsteingebirge bildenden Ziegenrücken hinweg in 15 Min. in das liebliche Wiesental von Innozenzendorf hinab. Wir überschreiten auf einem Stege das Goldflössel, welches das Tal bewässert, queren eine Wiese und stehen beim Gasthause »zum Ritterhof« auf der verkehrsreichen Kaiserstraße, die r. in 30 Min. nach Sankt Georgental, bzw. zur Station Grund-Georgental, l. in 1 Std. über den Schöbersattel (607 m) zur Haltestelle Neuhütte führt. Innozenzendorf, auch »Buschdörfel« geheißen, hat 34 Häuser, liegt 450 m hoch zwischen waldigen Höhen und ist Sommerfrische für bescheidenere Ansprüche; Unterkunft und Verpflegung bieten die Gasthöfe »Ritterhof«, »Germania« und »Wendler«; die Bedürfnisse werden nach Bedarf aus Georgental beschafft. Der Ort scheint an Stelle des 1469 zerstörten, noch 1699 erwähnten Glasendorf zu stehen, das zum Teil, verschiedenen Funden nach zu schließen, am benachbarten Nesselberge (östlich) gestanden haben soll, um die heute noch bestehende, jedenfalls alte Buschmühle angelegt worden zu sein. Der jetzige Name kommt zuerst 1711 vor; wird beachtet, daß Papst Innozenz XII. von 1691–1700 die Tiara trug, und daß Anton Florian von Liechtenstein als Botschafter 1691 bei der Papstwahl in Rom anwesend war, so ergibt sich sowohl die Erklärung des Namens wie die Person des Gründers. In Innozenzendorf wurde am 26. Juni 1819 der Dichter Cölestin Johann Johne geboren, der 1858 am 2. Dezember als Augustinerordenspriester und Gymnasialprofessor in Leipa starb. In den Sandsteinbrüchen des Dachsloches unweit des Jägerhauses (östlich der Straße) gibt es interessante Versteinerungen von Meeresbewohnern, am häufigsten darunter ist ein herzförmiger See-Igel und ein viel- und dickstängliger Seeschwamm.
Das Goldflössel besteht aus dem Meisengrund- und Schöberwasser, die sich oberhalb des Dorfes vereinigen. Ersteres kommt aus dem Meisengrunde – richtig »Meißnergrund« nach den Meißnischen Bergleuten –, einem stillen Felsentale, in welchem, wie ein in der Freiberger Ratsbibliothek verwahrtes »Wahlenbüchlein« des Johannes Wahle, vermutlich aus dem Ende des 17. Jahrh., berichtet, goldene Schätze zu finden sind. Aber die Wirklichkeit will diesen Angaben keineswegs entsprechen. Tatsache ist nur, daß hie und da Leute aus Italien – sogenannte Venediger mit Zipfelmützen und spitzschnäbligen Schuhen – bunte Steine aus Böhmen zur Herstellung von Mosaiken geholt haben, und da dürften ihnen auch die Iserine (früher Goldgraupen genannt), die sich in dem Meisengrundwasser finden, willkommen gewesen sein. Im Meisengrunde gibt es noch ein 23 m langes, schwer zugängliches Stollen-Überbleibsel, welches ebenso wie ein zweites, bis zum Jahre 1845 bestandenes Stollenmundloch (das eigentliche »Meisegründel«) zu der Sage von Schätzen beigetragen und auch den Anlaß zu der Sage von einem unterirdischen Gange zwischen der Burg Tollenstein und diesem Talgrunde gegeben haben mag.
Vom »Ritterhof« die Kaiserstraße nach l., nach 2 Min. einige Schritte oberhalb der Kapelle r. ab lehnan, am Saume von Feld, Wiesen und Wald, wobei wir r. Hand des Georgentaler Kreuzberges ansichtig werden, in 15 Min. hinauf zu dem abseitigen kleineren, »Scheundörfel« genannten Ortsteile des Dorfes Tollenstein auf den Fahrweg, der von Georgental kommt. Der größere Dorfteil – das Dorf hat 80 Häuser – bleibt westlich im Tale des Weißbaches, der unterm Tannenberg entspringt und bei Niedergrund mit dem Goldflößel sich vereinigt. Der Ort hieß im 15. Jahrh. Tollendorf und wurde unter dem Herrschaftsbesitzer Christoph v. Schleinitz nach dem Jahre 1571 dadurch vergrößert, daß er das bis dahin bestandene Burgvorwerk in einzelne Gärten zerlegte und eingewanderten Bergleuten billig überließ. Seit 1651 heißt der Ort Tollenstein. Ein nennenswerter Bewohner des Dorfes war der Gründ'sche Bittner, welcher später nach Grund zog und für zahllose Sagen und Anekdoten den Mittelpunkt abgab.
Nun l. auf dem hübsch bepflanzten Burgwege in 7 Min. aufwärts in die Ruine Tollenstein, eine der schönsten Burgruinen Böhmens. Die Ruinen der ehemaligen Burg Tollenstein sind rings um einen, aus Sandstein sich erhebenden, kahlen, schroffen, in zwei mächtige Zacken gegipfelten, in fünfseitiger Säulenform abgesonderten Klingsteinfelsen von 671 m Seehöhe gelagert, welcher nach Nord abgeflacht ist, nach Ost und Süd steil abfällt und nach West durch einen breiten Kamm mit dem Tannenberge zusammenhängt. Der pyramidal aufsteigende Gipfel gewährt, schon von fern gesehen, einen überraschend imposanten Anblick. An den Lehnen des Berges findet sich manch seltenere Pflanze, wie: Basalt-Nordfarn (Woodsia ilvensis R. Br.), Berg-Frauenmantel (Alchemilla montana Willd.), Hügel-Königskerze (Verbascum collinum Schrad.), Scharfkraut (Asperugo procumbens L.), Alpentäschelkraut (Thlaspi alpestre L.), Feld-Enzian (Gentiana campestris L.), weißblühende Akelei (Aquilegia vulgaris L.), hechtblau bereifte Ackerquecke (Triticum repens L. var. caesium), weißer Mauerpfeffer (Sedum album L.), akeleiblättrige Wiesenraute (Thalictrum aquilegiaefolium L.), Wohlverleih (Arnica montana L.).
Man kommt zunächst an den massigen Resten eines, an den Gipfelfelsen südlich sich anschließenden, halbrunden Streitturmes vorüber und längs einer, gewiß noch teilweise 15 m hoch erhaltenen Ringmauer. Auf demselben Wege zogen einst auch die Herren von Tollenstein in die Burg ein; nur bildete damals eine gewölbte, mit zwei Toren versehene Durchfahrt, über welcher ein viereckiger Turm mit mehreren Gemächern sich erhob, den Eingang, während heute, nach dem Einsturze dieses Turmes (1861), dem Besucher eine nichtssagende Kluft im Gemäuer Einlaß gewährt. Vom Torturm an, wo sich l. einst eine Zisterne befand, zieht sich r. etwa 70 Schritte weit eine arg verfallene Brustwehr bis zu einer sechseckigen Bastei, wo sich dereinst die Burgkapelle befunden haben mag; ein Doppelfenster in hochrechteckiger Form ist noch gut erhalten. An der dem Tale zugewendeten Seite dieser Bastei befindet sich das Wappen der Herren von Schleinitz (3 sechsblättrige Rosen). In dieser Bastei war 1865 die erste »fliegende« Restauration untergebracht. Etwa 60 Schritte weiter an der Brustwehr gelangt man zu einem der interessantesten Teile der Ruine, zu einem etwa 10 m hohen, fast kreisrunden, bedenklich zerborstenen Streitturme auf der nördl. Seite, in dessen Unterraume sich das Burgverließ befand. Westlich von diesem Turme reicht abermals eine Brustwehr bis zu dem natürlichen Felsen. Im südl. Teile des ehemaligen Burghofes sieht man noch die zur Felskuppe emporführende Ritterstiege, ferner die wunderbar schön erhaltenen Reste einer Wendelstiege des ehemaligen Burggebäudes und daneben den geräumigen Pferdestall.
In der Mitte des Burghofes hat der Kaufmann Joh. Josef Münzberg aus Georgental im Jahre 1866 mit Bewilligung des Herrschaftsbesitzers eine Gastwirtschaft (mit Nachtherberge für 6–8 Personen) im Schweizerstile erbaut und damit nicht nur einer weiteren absichtlichen Zerstörung der Burgreste entgegengewirkt, sondern auch dazu beigetragen, daß der durch Entstehung, Lage, Geschichte, Sage und Aussicht ausgezeichnete Tollenstein-Felsen ein so beliebter touristischer Zielpunkt geworden ist. Er hat auch eine reiche Sammlung altertümlicher Gegenstände darin zur Schau gestellt, teils solcher, die der Burg selbst entstammen (Gitter, Armbrust, Zangen, Schlösser, Sporen, Hufeisen, Kacheln), teils anderweitiger, z. B. ein aus der niederländischen Schule stammendes Gemälde von 1563, einem Teller aus getriebenem Eisen mit 12 Reiterfiguren aus der Zeit Ferdinand II. Auch ein Bildnis der »weißen Frau«, der schönen Burgherrin Swenhild, der Ahnfrau des Tollensteiner Schlosses, fehlt nicht; der Sage nach hat sie ihren Mann, der sie schlecht behandelte, vergiftet, um ihrem Jugendgeliebten anzugehören, wurde aber von dem sterbenden Manne verwünscht und konnte keine Ruhe mehr im Grabe finden. In einem Kellergewölbe westlich der Gastwirtschaft, das durch Lampenlicht erhellt wird, ist durch ein Gitter ein gefesselter Ritter – darstellend den Stadthauptmann von Zittau Nikolaus von Ponikau, den 1425 die Berka auf Tollenstein gefangen gehalten hatten – als ein Phantasiestück des Vaters Münzberg, zu sehen. Von der Veranda der Gastwirtschaft genießt man nördlich den Anblick eines weiten herrlichen Landschaftsbildes; bei reiner Luft erkennt man mit bloßem Auge die Landeskrone bei Görlitz. Über hölzerne Treppen kann man von der Gastwirtschaft gegen Erlag einer unbedeutenden Gebühr den etwa 20 m höher liegenden Gipfelfelsen, den einst ein schlanker Burgturm krönte, besteigen. Die beiden Zacken sind durch eine Brücke verbunden und mit Aussichtsbalkonen versehen. Von hier aus hat man nicht bloß den besten Überblick über Umfang und Form der einstigen stattlichen Burg, sondern auch einen prächtigen Rundblick in die Ferne.
Nord: Dorf Tollenstein, der Kreuzberg mit Kapelle, r. dahinter die Stadt Georgental, weiter die Kirche von Grund und darüber die nach Rumburg führende Kaiserstraße mit Lichtenhain und Schönborn (Kirche); weiter zurück Aloisburg (Stadtteil von Rumburg), Schlechteberg, Czornebog (Turm); l. hinter dem Kreuzberge blicken die Häuser von Obergrund, Sofienhain und Lichtenstein, darüber ungemein malerisch der Lichtenberger Teich inmitten des gleichnamigen Dorfes, dahinter der Rauchberg (Turm); an Obergrund anschließend der Altbernsdorfer Teich, die Bahnstrecke zwischen Kreibitz-Teichstatt und Schönlinde, von letzterem der Kirchturm gerade vor der Wolfsbergspitze (Turm), welche l. den Zeidler Plissenberg vor Unger (Turm), Tanzplan (Turm) und Valtenberg (Turm), r. den Pirsken vor dem Botzen hat. Nordost: Innozenzendorf, Niedergrund, die ausdehnte Fabriksstadt Warnsdorf, letztere durch den Burgsberg (Turm) von Seifhennersdorf (Kirche) geschieden, hinter welchem Eibau und der Kottmar (Turm) zwischen Kottmarsdorf (l.) und Strawalde sichtbar sind; hinter Warnsdorf der Spitzberg; r. hinter ihm Oderwitz mit seinem Spitzberge, Spitzkunnersdorf und Leutersdorf (Kirche), dahinter der Bahnhof von Herrnhut mit dem Hutberge und Großhennersdorf, weiter hinaus der Löbauer Berg, der Rotstein, die Königshainer Berge, der Spitzberg bei Deutsch-Paulsdorf, Jauernick mit seinem Berge und am weitesten hinten die Landeskrone bei Görlitz. Östlich überragt nur der Gipfel der Lausche (Gasthaus) die vorliegenden Höhen des Vogelherdes und der Finkenkoppe. Südlich im Schöbersattel der Friedrichsberg, r. davon gr. Buchberg und Kleis, im Hintergrunde der Roll. Zwischen Kleis und Tannenberg, welch letzterer im Westen vorgelagert ist, liegt vorn der Meisengrund, darüber der waldumschlossene Bahnhof Tannenberg vor dem Mittelberge, r. der gr. Eibenberg und der kl. Schöber; zwischen den beiden ersteren hindurch sieht man den Hackelsberg, die Häuser von Falkenau, den Preschkauer Mittenberg und den Steinschönauer Berg, dahinter den Rücken von Sonneberg und Ullrichstal, ganz hinten den Geltsch; zwischen dem gr. Eibenberge und kl. Schöber zeigen sich die beiden Ahren- und Himpelsberge, der Schindelhengst und der Kaltenberg (Turm), im Hintergrunde der hohe Schneeberg (Turm); r. hinter dem Tannenberge endlich noch der Lilienstein und die Winterberge.
Die eigentümliche Gestaltung des Berges, seine einen großen Strich Landes beherrschende Höhe, seine nach drei Weltrichtungen erschwerte Zugänglichkeit, lassen es vollkommen begreiflich erscheinen, daß der vielfach poetisch verherrlichte Tollenstein von den ältesten Zeiten her, seit überhaupt Menschen in den Markwald eingedrungen, eine hervorragende Rolle in der Geschichte dieser Gegend gespielt haben mag. Es scheint, daß auf seinem Gipfel eine vorchristliche Kultusstätte bestand, wenigstens deuten Urnenfunde in der Nähe und unbestreitbar aus heidnischer Zeit stammende Sagen darauf hin. Als dann im Mittelalter eine verkehrsreiche Handelsstraße aus Sachsen und Meißen am Fuße des Felsens vorbei in das Herz Böhmens führte, legten die Besitzer des Berges (um 1250) ein festes Haus auf ihm an, welches zum erstenmale 1337, als es von den Zittauern zerstört wurde, als »Tollenstein« (Dohlenstein: arx monedularum) von einem zeitgenössischen Chronisten erwähnt wird. Nach dieser Zeit erst wurde die jetzt in Ruinen liegende Burg erbaut.
Die Grundmühle bei Kamnitzleiten.
Postkarte.
Urkundlich lernen wir überhaupt erst 1353 einen Besitzer von Tollenstein kennen, nämlich Hinko Berka von Dauba auf Hohnstein, der die Burg wahrscheinlich als Lehen besaß und auf seine Söhne vererbte; es ist also nicht unmöglich, daß die Burg von der königlichen Kammer erbaut worden ist. Unter Albrecht Berka wurde auf Befehl des Königs Georg von Podiebrad, gegen den sich jener aufgelehnt hatte, die Burg anfangs Juli 1463 durch die Sechsstädte erstürmt und sodann dem hussitisch gesinnten Heinrich Berka auf Leipa und Johann von Wartenberg auf Tetschen in Besitz gegeben; doch trat ersterer schon am 12. Juni 1464 seinen Besitz an Johann v. Wartenberg ab, so daß dieser der alleinige Herr dieser bedeutenden Veste wurde. Ihm folgte noch im selben Jahre sein Sohn Christoph nach, der aber aus den Kämpfen mit den Lausitzern nicht herauskam, die 1469 durch 5 Tage (bis zum 1. Sept.) den Tollenstein belagerten und das Jahr darauf bei einem zweiten Zuge auch eroberten. Er erhielt zwar die Burg zurück, verkaufte sie aber bald (3. Dez. 1471) an die Herzöge Albrecht und Ernst v. Sachsen, von denen sie aber schon 1481 auf unbekannte Art an Christoph v. Wartenberg zurückfiel. Von ihm kaufte sie, die damals noch Lehen war und erst 1558 freivererblich wurde, am 10. Juni 1485 Hugold v. Schleinitz, von dessen Nachkommen wiederum 1587 Georg Mehl v. Strelitz, unter welchem bereits Schloß und Stadt Rumburg den Mittelpunkt der Herrschaft bildete und dauernd von der Herrschaft Schluckenau, mit der sie seit 1451 vereinigt gewesen, getrennt blieb. In Folge Verschuldung ging die Herrschaft in die Hände von Gläubigern, endlich 1602 (von Lorenz Stark v. Starkenfels) an den Grafen Radislaus Kinsky, den späteren Besitzer der Herrschaft Kamnitz über. Nach der Ermordung Wilhelm Kinsky's in Eger erhielt der Oberst der Wiener Stadtgarden, Hans Leonhard Löbel Freih. v. Greinburg 1637 die konfiszierte Herrschaft. Unter ihm ward die alte schöne Veste zur Ruine. Im Jahre 1642 nämlich hielten kaiserliche Truppen unter Oberst Matlohe die Burg besetzt und beunruhigten von da aus die fouragierenden Schweden unter Wrangel, so daß letzterer das Schloß »mit glühenden Kugeln« in Brand schießen ließ. Das öde Schloß ging 1656 an den Schwiegersohn Löbel's, den Grafen Franz Eusebius v. Pötting, und 1681 von dessen Sohne käuflich an den Fürsten Florian v. Liechtenstein über, bei dessen Nachkommen es bis heute als Bestandteil der Fideikommißherrschaft Rumburg blieb, deren Besitzer seit 1858 Johann II. v. Liechtenstein, Souverän von Vaduz, ist.
Die historische Stätte, welche seit ihrer Verödung vielfach von verdächtigem Gesindel und von Schatzgräbern aufgesucht und geschädigt wurde, deren Überbleibsel zum Teil auch mit Vorliebe als Baumateriale von neuen Ansiedlern im Dorfe benützt wurden, erhielt am 19. und 21. Sept. 1779 den Besuch des unvergeßlichen Kaisers Josef II., als dieser einmal von Neuhütte her über Georgental nach Rumburg, das anderemal vom Tannenberge herab über den Kreuzberg und Obergrund nach Schönlinde ritt.
Diesen geschichtlichen Erinnerungen nachhängend, verlassen wir das alte Gemäuer und folgen dem blauen Kamme weiter. Unser Weg führt – falls wir nicht auf direktem Wege, der alten Rumburger Straße, durch das Dorf nach Georgental (30 Min.) wollen – am Fuße des Berges zum Kretscham, dem alten Tollensteiner Erbgericht, einem durch seinen Umfang auffallenden Hause, wo Ende des 17. Jahrh. Glieder der Familie Süßmilch, aus welcher der berühmte Statistiker Probst Joh. Peter Süßmilch (1707–1767) stammt, das Erbrichteramt ausübten. Auf der dem Wege zugekehrten Wandfläche des Stalles ist eine regelmäßig viereckige, wohl meterhohe und 0·5 m breite Sandsteinplatte eingemauert, die sich ehedem über dem Torwege des Schlosses befand, und auf der das (durch Farben aufgeputzte) Wappen der Berka von Dauba erhaben ausgehauen ist. Die Zahl 1116 darunter hat keine historische Berechtigung und wurde später von dem Erbauer des »alten Gerichts« hinzugefügt, welcher sich die Platte gleichzeitig mit anderen Burgtrümmern zum Baue ausgesucht hatte.
Wir verfolgen nun, unser nächstes Ziel, den mächtigen Tannenberg, vor Augen, auf der alten Rumburger Straße denselben Weg, der in 40 Min. zur Bahnstation Tannenberg führt. Nach 5 Min. biegen wir r. davon ab und erreichen geradeaus nach wenigen Min. den Waldrand. Durch einen schönen Buchenlaubengang gelangen wir in 8 Min. aufwärts auf eine Waldblöße, der Hauptwasserscheide zwischen Elbe und Oder, wo ein Fahrweg r. zum Tannenberger Jägerhause, das schon 1740 bestand, l. zur Station Tannenberg führt. Wir kreuzen diesen, biegen in stämmigen Hochwald ein und sind nach 5 Min. am östl. Fuße des Tannenberges, wo r. ein Touristenweg von Georgental einmündet. Hier beginnt der 1887 angelegte eigentliche Aufstieg zwischen Gerölle und schütterem Gesträuch, darunter die seltenere schwarzbeerige Heckenkirsche (Lonicera nigra L.). Nach 20 Min. mündet l. der Touristenweg von Kleinsemmering-Tannendorf, und nach weiteren 6 Min. ist der Gipfel erreicht.
Der Tannenberg ist einer der höchsten Punkte (770 m) in der Zentralgruppe des Elbesandsteingebirges und wird wohl auch der »Rigi« Nordböhmens genannt. Er wird nur von der Lausche und der Finkenkoppe an Höhe übertroffen und sitzt dem nördlichen, von Neuhütte bis zum Steinhübel bei Schönlinde reichenden Rücken auf. Die oberen zwei Drittel des Berges bestehen aus Klingstein, der Krystalle von glasigem Feldspat und gelbem Titanit einschließt und in oft mehrere Quadratmeter großen Platten mauerartig ansteht, sonst aber als Gerölle die Lehnen bedeckt und den Berg von weitem kahl erscheinen läßt. Auf diesem Gestein findet sich an schattigen Stellen, besonders am Westabhange, die schon beim Hochwald erwähnte wohlriechende Veilchenflechte (Byssus Jolithus L.). Das untere Drittel des Berges wird von mächtigen, durch besondere Festigkeit sich auszeichnenden Sandsteinbänken gebildet, die an der Südseite in einem weithin sichtbaren, großartigen Steinbruche, worin an hundert Arbeiter beschäftigt zu werden pflegen, zu Stiegenstufen, Tür- und Fenstergewänden ausgenützt werden. Die Zufahrt zu diesem Bruche kreuzten wir beim Aufstiege in der Nähe des Jägerhauses. Die zum Spreegebiete gehörigen Quellen am »schwarzen Born« auf der Westseite des Berges wurden 1903 für eine Leitung nach Georgental gefaßt.
Die Gipfelfläche des Berges ist fast durchwegs mit Nadelwald – hauptsächlich Tannen, von denen der Berg den Namen erhalten haben mag – bestanden, weshalb eine vollkommene Rundsicht von einem Punkte aus nicht ermöglicht ist; man kann sich jedoch dieselbe von drei verschiedenen Stellen aus so ziemlich ergänzen, nämlich auf der Westseite, wo die Touristenwege von Nord und Süd heraufkommen, auf einer Lichtung im Nordosten, wo früher eine Steinpyramide errichtet war, endlich östlich bei der 1888 errichteten Schutzhütte auf dem ungemein lauschigen »Fürstenplatze«. Durch den am 14. Sept. 1891 eröffneten, mit einem Kostenaufwande von 10400 K vom Gebirgsvereine für das nördlichste Böhmen erbauten steinernen Aussichtsturm (Eintritt 20 h) ist für den vollkommensten Genuß der Rundsicht, und durch die neben dem Turme vom früheren Herrschaftsbesitzer Fürsten Ferdinand Kinsky erbaute Gastwirtschaft (mit Nachtherberge bis zu 30 Personen) nebst Veranden (mit freier Aussicht) nicht bloß für die Bedürfnisse der Touristen auch Winters, sondern auch für längeren Aufenthalt zum Genusse einer Luftkur vorgesorgt. Der ebenso solide wie zierliche Turm ist rund, vier Stockwerke hoch und endet, 23 m hoch, in eine Plattform, die mit einer hohen Brustwehr umgeben ist und ein 4 m hohes Lichttürmchen in der Mitte trägt. Der Aufstieg über 125 Stufen ist sehr bequem und sicher. Die Besucherzahl beträgt jährlich im Durchschnitte 5000. Die Rund- und Fernsicht ist umfassend und durch überaus malerische Durchblicke ausgezeichnet, so daß schon Kaiser Josef II., welcher am 21. Sept. 1779 bei seiner Bereisung des nördlichen Böhmens auf dem Tannenberge weilte, des Lobes darüber voll war. Der Gebirgsverein für das nördlichste Böhmen hat eine vom Georgentaler Lehrer Heinrich Müller sorgfältig gezeichnete Rundschau, auf lithographischem Wege vervielfältigt, herausgegeben, die beim Turmwart um 20 h zu haben ist.
Süd: Mittelberg und gr. Eibenberg vor dem Hackelsberge, dazwischen ein Teil des Kirchdorfes Falkenau mit dem Buchberge; zwischen diesem und dem Breitfelde (r.) die Spitze des Langenauer Berges; über dem Breitfelde der Wilsch; hinter dem Blottendorfer und dem mit ihm zusammenhängenden Sonneberger Rücken liegt quer der Koselrücken, dem die Ruine des dahinterliegenden Ronberges in der Mitte aufzusitzen scheint, überwölbt von der kapellengekrönten Glocke des Georgsberges im Hintergrunde; weiter r. Steinschönau hinter dem gleichnamigen Berge; dahinter der Hofberg bei Sandau, r. davon hinten der Geltsch jenseits der Rabensteiner und Hundorfer Höhe, und hinter ihm die doppeltürmige Hasenburg bei Lobositz. Südwest: Vorn der kl. Schöber, dahinter der schwarze Himpelberg, links davon der Schindlhengst zwischen kl. (r.) und gr. Ahrenberg; r. über letzteren hinaus der Donnersberg weit draußen; r. hinter dem kl. Schöber der betürmte Kaltenberg, l. davon der Borschen bei Bilin als Abschluß einer Talsenkung, die von kulissenförmig hinter einander geschobenen Höhenzügen gebildet wird (l. Bockner Höhe, Kronhübel, Reichner Höhe, Zinkensteinrücken, Nemschner Hochebene und hohe Wostrai, r. Parlosa, Tannbusch bei Wöhlen, Hortau, Siebenberge, Padloschin); r. vom Kaltenberge der Rosenberg (Turm), zwischen beiden der betürmte Schneeberg vor der Erzgebirgswand. West: Das Kreibitztal mit Oberkreibitz, Schönfeld (l. davon), Stadt Kreibitz (teilweise vom Plissenberge verdeckt), Niederkreibitz, Rennersdorf mit dem Kreuzberge, hinten der gr. Zschirnstein; r. von Rennersdorf die Dittersbacher Felsen, die Prebischwände, die beiden Winterberge mit dem Lilienstein und Höhen von Dresden (Windberg), dazwischen und mit dem Königstein hinter Pabst- und Pfaffenstein zur Linken. Nordwest: Kleinsemmering mit dem Bahnhofe Schönfeld zwischen Plissen- und Fladenberg; dahinter l. der Irig und die Hochbuschkuppe (Turm) hinter einander, r. Unger (Turm), Schweizerkrone und Tanzplan (Turm); vor diesem im Mittelgrunde das Steingeschütte hinter Teichstatt; r. davon in nördl. Richtung die Stadt Schönlinde hinter dem Spiegel des Bernsdorfer Teiches, l. anschließend Falkenhain und Neuforstwalde, dahinter der betürmte Valtenberg jenseits Schnauhübel (Kirche) und des Zeidler Plissenberges, r. die Wolfsbergspitze (Turm), der Pirsken und Botzen hinter einander. Nordost: Vorn Tannendorf, darüber der Kreuzberg, l. von ihm die Kirche von Grund, r. die von Sankt Georgental; dann folgen hinter einander die Kirchdörfer Seifhennersdorf und Eibau, der Kottmar (Turm) mit dem Löbauer Berge l. und dem Rotsteine r., endlich die Jauernicker Berge. Links vom Kreuzberge die zusammenhängenden Ortschaften Sofienhain, Obergrund, Lichtenstein und Lichtenberg mit dem Lichtenberger Teiche, darüber Schönborn (Kirche), weiter Rumburg, dann Georgswalde, Philippsdorf und Gersdorf, l. von Rumburg der Rauchberg (Turm), l. von diesem die Spitze der Altehrenberger Kirche, dahinter der Jüttelsberg und weiter der Mönchswald bei Bautzen; zwischen diesem und dem Löbauer Berge (Turm) spannt sich eine Bergkette mit dem betürmten Czornebog (hinter dem Lichtenberger Teiche) und Bilebog. R. von Georgental im Lausebachtale Niedergrund, dann Warnsdorf, Großschönau, Hainewalde; l. über Warnsdorf der Burgsberg (Warte), dann hinter einander der Warnsdorfer Spitzberg, der Oderwitzer Spitzberg, der Hutberg bei Herrnhut, die Königshainer Berge und die Landeskrone; knapp am Lauschekamme l. der Breiteberg bei Großschönau, dann Hörnitz bei Zittau. Ost: Vorn Dorf und Ruine Tollenstein, l. dahinter Innozenzendorf vor dem Ziegenrücken; r. von diesem die Finkenkoppe, zwischendurch die Lausche, weiter der Sonnen- und Jonsberg, endlich im Hintergrunde l. das Isergebirge mit der Tafelfichte, r. das Riesengebirge mit der Schneekoppe; von der Finkenkoppe r. die Jeschkenkoppe. Südost: Im Schöbersattel Dürreberg und Mergtaler Limberg hinter einander, weiter der Silberstein, hinten die zweispitzige Ruine Trosky vor dem Kosakow und den Lomnitzer Bergen. Rechts vom Schöber der Friedrichsberg, dann der Tolzberg, dazwischen der Dewin mit dem Hammerspitz, draußen der Wiskersch mit Kapelle und der Musky bei Münchengrätz; r. vom Tolzberge hinter einander der Glaserter, der Grüner Berg und der Roll; r. von diesem die beiden Buchberge bei Hühnerwasser, davor der Laufberg. Hinter der Station Tannenberg zu Füßen, neben der die Tannteiche heraufglitzern, ist der gr. Buchberg, an ihm r. der ruinengekrönte Bösig; r. davon bis zum Kleis der Wratner Berg (Turm) und die Hauskaer Berge, davor der Tachner Berg hinter dem Kummergebirge, näher das Schwoikaer Gebirge, ganz vorn der Hamrichberg; r. vom Kleis das Daubaer Gebirge, davor der Maschwitzer Berg und vor diesem Ruine Habichtstein.
Wer hier die Kammtour abbrechen will, hat die Wahl zwischen den Bahnstationen Tannenberg und Grund-Georgental, zu ersterer 40, zu letzterer 50 Min.