11. X. 14 Schlettstadt.

Meine Liebste, heut ist wieder Sonntag, — sechs Wochen bin ich nun schon fort! Wie wird es in noch einmal sechs Wochen aussehen? Mir geht es hier glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant entdeckt, bouc-aigle, Bock-Adler, in dem man so gut und raffiniert ißt, wie in Paris oder Brüssel; ich gehe zuweilen des Abends hin, zu einem kleinen „Nachessen, mit Rotwein“. Es ist nicht teuer, aber ein bißchen Geld kostet es natürlich immer. Das schadet aber nichts! Ebenso wirkt eine glänzende Konditorei für mein Wohlergehen! Ich sehe uns zwei schon immer hier einmal sitzen! Ich hab das Städtchen so lieb gewonnen, daß ich sicher später einmal herkomme, auf einer Reise Kolmar, Schlettstadt, Vogesenausflug, — Straßburg etc. — Paris? Vielleicht finde ich Zeit, in Straßburg jetzt nochmal heimlich Station zu machen und die Galerie zu sehen; ich hab hier diese wunderbaren Karten entdeckt.[1] Ist die verhaltene, herbe Morgen- und Auferstehungsstimmung nicht köstlich? Ich bin ganz bezaubert davon. Das Pathetische des Vorganges ist (im Gegensatz zu Grünewald, dessen berühmte Auferstehung ich nie ganz liebe, sie hat einen sentimentalen und auch rationalistischen Zug) keusch verhalten; man liest das große Ereignis zwischen den Zeilen. Das Ungesagte wird im Beschauer zum Wort. Mantegna und Bellini haben es ja noch vollkommener erreicht, als dieser Mazzola. Erinnerst Du Dich in London? Noch fabelhafter ist aber der Straßburger Meister, — ist es nicht herrlich? So empfinde ich manches von Bach, genau so wie das gemalt, — gebaut ist.

[1] Filippo Mazzola, Auferstehung — und Straßburger Meister, d. Hl. Konrad von Konstanz.