Ich bin ja noch ein Kind

O Herr, zerreiße mich!

Ich bin ja noch ein Kind.

Und wage doch zu singen.

Und nenne Dich.

Und sage von den Dingen:

Wir sind!

Ich öffne meinen Mund,

Eh’ Du mich ließest Deine Qualen kosten.

Ich bin gesund,

Und weiß noch nicht, wie Greise rosten.

Ich hielt mich nie an groben Pfosten,

Wie Frauen in der schweren Stund’.

Nie müht’ ich mich durch müde Nacht

Wie Droschkengäule, treu erhaben,

Die ihrer Umwelt längst entflohn!

(Dem zaubrisch, zerschmetternden Ton

Der Frauenschritte und allem, was lacht.)

Nie müht’ ich mich, wie Gäule, die ins Unendliche traben.

Nie war ich Seemann, wenn das Öl ausgeht,

Wenn die tausend Wasser die Sonne verhöhnen,

Wenn die Notschüsse dröhnen,

Wenn die Rakete zitternd aufsteht.

Nie warf ich mich, Dich zu versöhnen,

O Herr, aufs Knie zum letzten Weltgebet.

Nie war ich ein Kind, zermalmt in den Fabriken

Dieser elenden Zeit, mit Ärmchen, ganz benarbt!

Nie hab ich im Asyl gedarbt,

Weiß nicht, wie sich Mütter die Augen aussticken,

Weiß nicht die Qual, wenn Kaiserinnen nicken,

Ihr alle, die ihr starbt, ich weiß nicht, wie ihr starbt!

Kenn’ ich die Lampe denn, kenn’ ich den Hut,

Die Luft, den Mond, den Herbst und alles Rauschen

Der Winde, die sich überbauschen,

Ein Antlitz böse oder gut?

Kenn’ ich der Mädchen stolz und falsches Plauschen?

Und weiß ich, ach, wie weh ein Schmeicheln tut?

Du aber, Herr, stiegst nieder, auch zu mir.

Und hast die tausendfache Qual gefunden,

Du hast in jedem Weib entbunden,

Und starbst im Kot, in jedem Stück Papier,

In jedem Zirkusseehund wurdest Du geschunden,

Und Hure warst Du, manchem Kavalier!

O Herr, zerreiße mich!

Was soll dies dumpfe, klägliche Genießen?

Ich bin nicht wert, daß Deine Wunden fließen.

Begnade mich mit Martern, Stich um Stich!

Ich will den Tod der ganzen Welt einschließen.

O Herr, zerreiße mich!

Bis daß ich erst in jedem Lumpen starb,

In jeder Katz und jedem Gaul verreckte,

Und ein Soldat, im Wüstendurst verdarb.

Bis, grauser Sünder ich, das Sakrament weh auf der Zunge schmeckte,

Bis ich den aufgefreßnen Leib aus bitterm Bette streckte,

Nach der Gestalt, die ich verhöhnt umwarb!

Und wenn ich erst zerstreut bin in den Wind,

In jedem Ding bestehend, ja im Rauche,

Dann lodre auf, Gott, aus dem Dornenstrauche.

(Ich bin Dein Kind.)

Du auch, Wort, praßle auf, das ich in Ahnung brauche!

Geuß unverzehrbar Dich durchs All: Wir sind!!

Aus
„Einander“
Oden Lieder Gestalten
1915

Lächeln Atmen Schreiten

Schöpfe Du, trage Du, halte

Tausend Gewässer des Lächelns in Deiner Hand!

Lächeln, selige Feuchte ist ausgespannt

All übers Antlitz.

Lächeln ist keine Falte,

Lächeln ist Wesen vom Licht.

Durch die Räume bricht Licht, doch ist es noch nicht.

Nicht die Sonne ist Licht,

Erst im Menschengesicht

Wird das Licht als Lächeln geboren.

Aus den tönenden, leicht, unsterblichen Toren,

Aus den Toren der Augen wallte

Frühling zum erstenmal, Himmelsgischt,

Lächelns nieglühender Brand.

Im Regenbrand des Lächelns spüle die alte Hand,

Schöpfe Du, trage Du, halte!

Lausche Du, horche Du, höre!

In der Nacht ist der Einklang des Atems los,

Der Atem, die Eintracht des Busens groß.

Atem schwebt

Über Feindschaft finsterer Chöre.

Atem ist Wesen vom höchsten Hauch.

Nicht der Wind, der sich taucht

In Weid, Wald und Strauch,

Nicht das Wehn, vor dem die Blätter sich drehn . . .

Gottes Hauch wird im Atem der Menschen geboren.

Aus den Lippen, den schweren,

Verhangen, dunkel, unsterblichen Toren,

Fährt Gottes Hauch, die Welt zu bekehren.

Auf dem Windmeer des Atems hebt an

Die Segel zu brüsten im Rausche,

Der unendlichen Worte nächtlich beladener Kahn.

Horche Du, höre Du, lausche!

Sinke hin, kniee hin, weine!

Sieh der Geliebten erdenlos schwindenden Schritt!

Schwinge Dich hin, schwinde ins Schreiten mit!

Schreiten entführt

Alles ins Reine, alles ins Allgemeine.

Schreiten ist mehr als Lauf und Gang,

Der sternenden Sphäre Hinauf und Entlang,

Mehr als des Raumes tanzender Überschwang.

Im Schreiten der Menschen wird die Bahn der Freiheit geboren.

Mit dem Schreiten der Menschen tritt

Gottes Anmut und Wandel aus allen Herzen und Toren.

Lächeln, Atem und Schritt

Sind mehr als des Lichtes, des Windes, der Sterne Bahn,

Die Welt fängt im Menschen an.

Im Lächeln, im Atem, im Schritt der Geliebten ertrinke!

Weine hin, kniee hin, sinke!