Mondlied eines Mädchens

Für meine Schwester Hanna

Ich liege in gläsernem Wachen,

Gelöst mein Haar und Gesicht.

Am Boden in langsamen Lachen

Schwebt Mond, das unselige Licht.

Und wie mir die tödliche Helle

Die Stirn und das Auge befühlt,

Zerrinn ich und bin eine Welle,

Gekräuselt, entführt und gespült.

Die Mutter atmet daneben,

Der Vater schläft auf und ab.

Ich habe Attest um das Leben

Von allen, die ich lieb hab.

Jetzt gehn durch verwachsene Zimmer

Erzengel mit schrecklichem Schwert.

Ins Ohr weint mir immer, mir immer

Ein Kind, das mir nicht gehört.

Nachtlampe von tausend Betten

Des Leidens, der Mond mir scheint.

Ich möchte viel Schluchzendes retten,

Und bin es doch selbst, die weint.

All Ding im Zimmer verlassen,

Der Schuh, und der Tisch, und die Wand.

Ich möchte das Ferne anfassen,

Nur sein eine streichelnde Hand!

Ich möchte mit Fröstelnden spielen,

Und halten die Kalten im Arm!

Ich fühle, die Reichen und Vielen

Sind Kinder vor mir und so arm!

Für alle muß ich mich sorgen,

Mein Schlaf ist gläsern und schwebt . .

Ich horche, wie in den Morgen

Der Atem von allen sich hebt.

Im Fenster wehn Bäume zerrissen,

Viel Himmel sind windig in Ruh.

Ich decke mit meinen Kissen

Die frierenden Welten zu.