Tempel-Traum

Wenn die Stunde saust,

Und die Frühe säumt,

Wacht der Schläfer schwer

Wie Ertrunkner auf.

Schlamm weilt auf der Stirn,

Und ins Haargewirr

Flechten Tang und Gras

Braunen Bettelkranz.

Und es ist ein Haus

Voll von Sang und Hall.

Lampe lebt in Rauch

Über Treppen hin.

Eine Mutter geht. . .

Und er weiß nicht wo,

Duft und Stimme wird

In der Höhe süß.

Doch ein Priester ernst

Schreitet in die Fern’

Seinem Stabe nach,

Goldnem Vogelknauf.

Und Vestalin sitzt

Bei dem Flammentier,

Springt ein Wind herein,

Hütet sie den Schoß.

Wo der Tempelbau

Oben offen ist,

Schwebt ein Adler groß

Unterm Morgenmeer.

Und die Schläferstirn

Löset ein Gesang,

Und das Herze wächst

Mit der Flut des Nils.

Ein Abendgesang

Nun uns zu Häupten die Fledermäuse und graue Adler streichen,

Und wir im Dunste einer vergehenden Wiese stehn,

Geschiehts, daß atemeins wir uns flüchtige Hände reichen,

Eh wir ins Gestrüpp und das Licht des Schlafes eingehn.

Das ist die Stunde, wo alles erwacht, und Erstaunen

In unsere wirr überwachsenen Herzen fällt,

Daß wir sind — und daß gute und böse Launen

Des Unverständlichen uns in die Welt gestellt!

Wer hat mich gewollt, daß ich Bosheit im Busen wälze,

Wer hat es gefügt, daß mich Güte, süß überschwemmt,

Wer gab mir die Demut — und wer mir den Stolz und die Stelze,

Wer hat es vermocht, daß ich wandle mir selber so fremd?

Und wie uns zu Häupten verderbliche Vögel jagen,

Wir trüben uns alle und werden leichter und klein.

Und sinken wir hin, so regnen von ziehenden Tagen

Ferne Gefühle unseren Odem ein.

Da schwebt das Schiff im Schaume der Schrauben wieder,

Eh unser Auge ins Leere hinüberreift.

Seligkeit naht — — wie wenn schon erlöschende Lider

Süß die unmenschliche Lippe des Dichters streift.