Aufenthalt in Hongkong.

Am 7. Mai (Sonntag) Morgens langten wir im Hafen von Hongkong an. Ich fuhr in die Stadt, besuchte dort den Consul, Linienschiffslieutenant K., und besprach mit ihm die bei dem vorhergegangenen Aufenthalt in Hongkong für diesmal in Aussicht genommene Fahrt nach der grossen, vollständig chinesischen Stadt Kanton. Diese Stadt hat gegen zwei Millionen Einwohner und bietet das wahre Bild des echt chinesischen Lebens mit engen Strassen und unbeschreiblichem Schmutz, und hat noch die besondere Eigenthümlichkeit, dass anschliessend an die Stadt auf dem Lande eine Stadt auf dem Wasser besteht, wo auf tausenden kleinen Schiffen mit elenden Hütten chinesische Familien ihr ganzes Leben verbringen. Auf diesen Schiffen werden die Kinder geboren, dort wachsen sie heran, dort lieben sie und vermehren sich und dort sterben sie. Ausserdem befinden sich auf dem Wasser sogenannte Blumenschiffe, welche dazu eingerichtet sind, dort glänzende Mahlzeiten zu nehmen, wobei neben jeden Gast ein hübsches chinesisches Mädchen gesetzt wird, welches derselbe aber nur anschauen darf. Für solche Mahlzeiten sind indess ausserordentlich hohe Preise zu zahlen. Zu diesem Ausfluge wäre Sonntag Abends mit dem Dampfschiffe hinzufahren, am Montag die Besichtigung von Kanton vorzunehmen und am Montag Abends die Rückfahrt anzutreten gewesen, wonach dann das Eintreffen auf dem Dampfschiffe Marquis Bacquehem am Dienstag Früh erfolgt wäre.

Auf das Dampfschiff zur Tiffinzeit zurückgekehrt, erfuhr ich aber von dem Lloydagenten, dass diese Unternehmung ohne irgend eine besondere Unterhaltung, natürlich auch ohne Besuch eines Blumenschiffes, wenigstens 50 Dollars = 60 fl. ö. W. kosten würde. In Folge dieser Aufklärung habe ich den Ausflug aufgegeben, denn mir war noch in Erinnerung, was für einen Ekel mir der chinesische Stadttheil von Shanghai verursacht hatte, und ich empfand keine Lust, für die Erweckung eines ähnlichen Gefühles einen so namhaften Betrag auszugeben.

Unmittelbar nach dem Tiffin besuchte ich den Commandanten des eben in Hongkong weilenden österreichisch-ungarischen Kriegsschiffes Saida. Dieses Kriegsschiff ist schon seit acht Monaten auf der Reise, war durch das Rothe Meer längs der Ostküste von Afrika, dann nach Australien gefahren, hatte sich an vielen Orten aufgehalten und erwartete nun den Befehl für seine weitere Bestimmung. Der Commandant, Linienschiffscapitän C., war sehr liebenswürdig und erzählte mir bei einem Glase Champagner sehr interessante Erlebnisse von seiner Weltreise. Am meisten erregte meine Aufmerksamkeit die Mittheilung über die seit wenig Jahren eröffneten Goldfelder von Südwestaustralien, wohin der Linienschiffscapitän von dem Hafen bei Perth aus zur Besichtigung derselben gefahren war. Die Goldfelder befinden sich 500-600 km östlich des genannten Hafens, dann nördlich des dort liegenden Lefroy-Sees, und diese Gegend ist Coolradie benannt. Eine Eisenbahn dahin führt durch wüstenartiges Land, in welchem nur Gras in Buschform wächst, wo es kein Süsswasser gibt und man gleich unter der Erdoberfläche auf Salzwasser gelangt. Auch die dortigen Landseen enthalten nur Salzwasser.

Vor acht Jahren wurden die Goldfelder entdeckt und jetzt leben dort etwa 50.000 Menschen. Der Grund und Boden ist sehr billig. Er wird von der australischen Regierung um fl. 6 per Ar verkauft. Der Besitzer kann dort nachgraben und aushauen und das dort gefundene Metall gehört ihm. Die ganze Arbeit bis zum Erhalt des reinen Goldes ist aber sehr schwer und anstrengend, und deshalb kann ein einzelner Arbeiter in der Woche nicht mehr als etwa 50 fl. Gold gewinnen. Wenn aber bedacht wird, dass der Arbeiter, um nur einigermassen entsprechend zu leben, für den Tag 5 fl. braucht (ein Liter Wasser kostet 5-10 kr.), so bleibt ihm für seine Mühe und Plage ein nur sehr geringer Gewinn in Händen. Jetzt haben sich dort grosse Actiengesellschaften gebildet, welche sich vorzügliche, aber sehr theuere Maschinen angeschafft, damit aber schon so viel gewonnen haben, und auf einen noch viel grösseren Gewinn rechnen, dass sie nun daran gehen, eine Süsswasserleitung aus der Gegend von Perth nach Coolradie mit den Baukosten von etwa zehn Millionen Gulden zu erbauen.

Der Linienschiffscapitän hatte die Güte, mir einen von diesen Goldfeldern stammenden Goldstein und ein diese Gegend beschreibendes Heft zu schenken, und ich werde diese beiden sehr interessanten Gegenstände dem Landesmuseum in Klagenfurt widmen.

Bei dem einige Stunden später erfolgten Gegenbesuch des Linienschiffscapitäns wurden die staatlichen Verhältnisse von Australien besprochen, und theile ich Nachstehendes von denselben mit. Dass Australien beinahe ausschliesslich von Engländern bewohnt wird, ist bekannt. Das ganze Land ist in fünf von einander ganz unabhängige Staaten getheilt und deren Präsidenten, sowie deren oberste Gerichtsbeamten werden von der Königin von Grossbritannien ernannt. Die Minister dieser Präsidenten, sowie die Abgeordneten in jedem Staate werden von der Bevölkerung gewählt, bleiben aber je nach dem Staate nur vier bis sechs Jahre in ihrem Amte und sind dann nicht wieder wählbar. Dieses Gesetz wird aber hie und da in der Weise umgangen, dass ein Minister vor dem Ablaufe seiner Frist demissionirt und sich dann wieder auf die festgesetzte Zeit zum Minister wählen lässt.

Am Abend besuchte ich mit dem Arzte des Dampfschiffes das chinesische Theater in Hongkong und sah dort eine ähnliche Vorstellung, wie jene in Shanghai, von welcher ich seinerzeit erzählt habe.

Von dort ging ich mit dem Arzte in ein Theehaus, blieb aber dort des abscheulichen Schmutzes und der greulichen Musik halber nur kurze Zeit, und übernachtete in einem Hôtel, weil es wegen des hohen Seeganges nicht rathsam war, in der Nacht auf einem kleinen Kahn zum Dampfer zurück zu fahren.

Am 8. Mai wurde, soweit es das unbeständige Wetter gestattete, die Verladung auf das Schiff vorgenommen; dabei befanden sich viele Colli aus Manila mit Tabak-Deckblättern für unsere Tabakfabriken.

Am 9. Mai machte mir der Consul, Linienschiffscapitän K., einen Besuch und klagte bei dieser Gelegenheit darüber, dass so wenige Einwohner von Oesterreich-Ungarn nach Asien, speciell in die Hafenplätze von China kommen, um hier Geschäfte zu machen, wo es doch erfahrungsgemäss sichergestellt ist, dass jeder sich in Hongkong etablirende Kaufmann nach 20-30 Jahren ein Vermögen erworben hat. Diese Erkenntniss befestigte meine schon öfter ausgesprochene Anschauung, dass sich die nach Asien ziehenden reellen Handelsleute dort einen bedeutenden Verdienst erwerben können.

Mit dem Consul fuhr ich dann nach Hongkong, um diese Stadt noch einmal zu besichtigen. Wenn ich Hongkong auch schon beschrieben habe, so will ich doch noch den Eindruck erwähnen, welchen diese Stadt bei jedesmaligem Besuche macht. Sie ist eine überaus reiche Handelsstadt mit grossartigen Gebäuden am Hafen, mit sehr vielen prachtvollen Villen an den Lehnen der hinter der Stadt aufsteigenden Berge und mit einem äusserst lebhaften Getriebe auf dem Strande und in den Gassen. Dazwischen bewegen sich Chinesen mit langen Stangen auf dem Rücken, welche beiderseits mit unglaublich schwer wiegenden Waaren belastet sind; dann sieht man dort die Chinesinnen auf ihren verkrüppelten, kleinen Füssen, wie auf Stelzen gehend, daherhumpeln, und endlich gewahrt man auch Albions Söhne von Bureau zu Bureau, von Bank zu Bank wandern und den Reichthum der die Stadt umgebenden chinesischen Provinzen einheimsen.

Auf den Dampfer zurückgekehrt, sah ich, dass einstweilen 600 bis 700 Chinesen eingeschifft worden waren, welche theils nach Singapore, theils nach Penang transportirt werden sollten, um dort für wenig Geld grosse, schwere Arbeit zu verrichten.

Diese Chinesen reisen familienweise, mit ihren kleinen, ja mit neugeborenen Kindern, und sind ungeachtet dessen, dass sie wissen, sich nur einen sehr bescheidenen Unterhalt verschaffen zu können, dennoch stets guter Dinge, heiter und gutwillig. Dieselben waren theils auf dem Deck, theils im Zwischendeck untergebracht, und zwar so dicht, dass sie nur wenig Bewegungsfreiheit hatten. Ueber ihre Bekleidung habe ich wiederholt geschrieben. Nun will ich nur noch mittheilen, dass die Männer, wenn es heiss wird, ihre Kleider ausziehen und nur in kurzen, schwimmhosenartigen Beinkleidern verbleiben, so dass man dann dort so viel Menschenhaut sieht und auch solchen Duft riecht, wie vermuthlich im Leben noch nie vorher.

Zu den Cabinenpassagieren war ein in Hongkong lebender italienischer Musikmeister mit seiner Frau gekommen. Diese Frau war ein Mischling von einem Engländer und einer Chinesin. Sie war gross und schlank, hatte etwas braune Gesichtsfarbe und schwarzes Haar. Ihre Sprache war die englische. Mischlinge werden von den Engländern nicht beachtet, und es wird nie vorkommen, dass ein Engländer mit einem Mischling verkehrt, oder dass Mischlinge in irgend eine englische Gesellschaft zugelassen werden, sowie auch kein Einheimischer je in einen englischen Club Zutritt hat.

Schon um 4 Uhr Nachmittags war die Verladung auf unseren Dampfer vollendet und um 5 Uhr Nachmittags hätte die Weiterfahrt beginnen sollen. Da aber der Lloydagent von Hongkong noch nicht angelangt war, um dem Schiffscapitän die vor der Abfahrt nöthigen Papiere zu übergeben, so sandte derselbe den zweiten Capitän zum Agenten, um denselben zu ersuchen, diese Papiere gleich zu bringen, damit das Schiff abfahren könne. Dies war aber umsonst. Der Agent kam erst um 8 Uhr Abends mit den Papieren, und da war es nach den in Hongkong bestehenden Hafengesetzen schon zu spät, um aus dem Hafen auszulaufen. Der Dampfer konnte hiermit erst am folgenden Morgen weiterfahren. Diese Verzögerung des Agenten zog daher eine solche von einem halben Tag für den Dampfer nach sich, ein Umstand, welcher sowohl die Interessen der Lloydgesellschaft, als auch jene der Passagiere verletzte. Für die Lloydgesellschaft fällt es auch in's Gewicht, dass sie wegen dieser Verzögerung die 600-700 Chinesen um einen halben Tag mehr als nöthig verpflegen muss. Es hat die Agentur in Hongkong auch die Abfahrt des Lloyddampfers Marie Valerie am 23. März verzögert, und es scheint demnach, dass dort eine Saumseligkeit zu Ungunsten der Lloydgesellschaft herrscht. Meiner Ansicht nach sollten die Lloydagenturen, welche aus ihrer Stellung ohnehin einen grossen Vortheil und Profit ziehen, das Wohl ihrer Gesellschaft besser im Auge behalten.