Asyl Gloriot
Der erste Frühschnee lag wie ein Flor auf den alten Bäumen, die den großen Bauernhof umstanden, den Cecile Gloriot zu einem ihren Zwecken aufs beste entsprechenden Wohnhaus umgewandelt hatte. In der Diele brannten schon im großen Steinkamin die wohlriechenden Holzscheite. Es war halb zwölf Uhr. Anna Bergmann, Ceciles Stellvertreterin, eine hellblonde Deutsche, saß vor einem Wäschekorb, der mit Nüssen angefüllt war. Fräulein Anna erzählte selbsterdachte Märchen.
Cecile Gloriot war in die nahe Stadt gefahren, um Einkäufe zu erledigen. Ihre Post lag auf dem Tisch bereit, der unter der Stiege, die zu den Schlafräumen führte, an dem blumenbesetzten Fenster mit den weißen Mullvorhängen stand. Man erwartete Tante Cecile für den Nachmittag.
Eine hellklingende Glocke rief um zwölf Uhr alle Bewohner zu Tische. Ein Säugling und ein Zweijähriges blieben mit der Amme auf dem Zimmer. Vor dem Essen mußte immer ein anderes Kind ein paar selbstgewählte Dankesworte an Stelle eines Tischgebetes sagen. Heute war die Reihe an Gil Colombe. Sie stand auf, lächelte zuerst zu Fräulein Anna hin, die heute an der Spitze der Tafel saß, und sagte dann: „Wir freuen uns schon auf das gute Essen und denken an alle armen Kinder, die nichts haben.“ Kathlin, die Rothaarige, stieß sie an. Nini blieb eine Weile noch stehen und wehrte sich gegen Kathlins Einflüsterung. Aber sie blieb die Schwächere und sprudelte noch hervor: „Und wir hoffen alle, daß Tante Cecile auch ein gutes Mittagessen hat und recht gute Sachen aus der Stadt mitbringt.“ Nini sah stolz umher und viele Bravos beglückwünschten sie. Gil, ihr jüngeres Schwesterchen aber, die sie abgöttisch liebte und ihren neunjährigen Geist maßlos bewunderte, war ganz blaß vor Staunen über Ninis Kühnheit. Die Kinder setzten alle einen Stolz darein, ein möglichst originelles Tischgebet zu sprechen, aber Witze waren verboten. Nun, dieser ging durch. Fräulein Anna lächelte sogar. Gaston hatte einmal gesagt: „Komm, Herr Jesus, und sei unser Geist und segne unsere Creme und Tante Cecile dazu.“ Und Philipp, der schon galant war, hatte gerufen: „Und lasse auch Taute Anna nicht leer ausgehen.“ Helene aber hatte gebetet. „Hab’ Dank, lieber Gott, für Speis’ und Trank und bescher sie mir mein Leben lang. Und schenke Tante Anna einen Bräutigam und mir auch einen.“ Es dauerte auch nicht lange und Tante Anna hatte einen. Er hieß Felix Blanc, war leitender Arzt des städtischen Spitals, ein junger Gelehrter, der im Asyl Gloriot erschien, wenn einer seiner Schützlinge erkrankte. Er hatte Anna lieben gelernt, als er sie Kathlin Drew während einer langwierigen Krankheit aufopfernd pflegen sah. Als das Verlöbnis geschlossen ward, meinte lächelnd die ernste Clothilde, Helenens Wunsch habe geholfen. Doktor Blanc erfuhr überdies, daß die kleine Wunschträgerin in Anna nach der Art kleiner Mädchen verliebt sei, und dies sicherte Helene sein besonderes Interesse. Er fand sie blaß und über Gebühr müde und reizbar. Bald glaubte er mit Hilfe Annas die Ursache zu kennen. Helene war aufrichtig. Sie gestand ihr kleines Laster und versprach Besserung. Aber sie war nun oft von Schwermut befallen, weil Anna nicht mehr ihr gehörte. Sie sehnte sich nach einem sicheren Besitz. Bald sollte ihre Sehnsucht Erhörung finden.
An dem Tage nun, da Cecile Gloriot erwartet wurde, übte Anna mit den Kleinen die Lieder, die Clothilde und Helene mit ihrer Hilfe gedichtet und Cecile vertont hatte. Die kleine Gil war gerade dabei, mit ihrem zarten Stimmchen als Nixenbaby, mit einem Schilfkranz um das Köpfchen, ihre Ansprache an Helene, die Nixenmutter, zu halten, als man draußen Cecile Gloriot vorfahren hörte. Gleich hatte der Mummenschanz ein Ende, alles drängte Tante Cecile entgegen. Seltsam, sie sah selbst aus wie ein Kind, ein zartes Mädchen, das Schutzes bedurfte, obwohl ihre Haare grau waren. Aber hinter dieser Zartheit verbarg sich eine eiserne Tüchtigkeit und eine unversiegbare Hilfsbereitschaft. Ihre Stimme war tief und klangvoll, als käme sie aus einem anderen Körper. Ihr entsprachen Haltung und Geste. Die Augen aber, die stahlgrauen, schwarzgeränderten, waren ein Wunder von Innigkeit und sanftem tiefen Wissen für alles, was sie sah und ahnte. Niemals ratlos, doch stets bereit Rat zu empfangen, schien sie nichts zu bedürfen und nahm dankbar an. Sie erwarb jedermanns Zutrauen, weil geheime Brücken von ihrem Herzen zu dem der anderen führten. Wie Givo hatte sie nur einen Ausweg gehabt, ihr Allwissen über die Menschen und ihre geheimsten Instinkte und seelischen Schicksale in werktätige Liebe zu verwandeln. Das Wissen hätte sie zum Wahnsinn getrieben, die Verachtung gewürgt, der Ekel beschmutzt, hätten sie nicht Weisheit, Gerechtigkeit, Liebe das Mitleben gelehrt. Sie wußte, daß es nichts Verläßlicheres gab, nichts, was die vernichtenden Grausamkeiten der Natur und Unnatur, nichts, was die Verzweiflung und den Wahn, der hinter allem triebhaften Geschehen, hinter aller Raserei der Selbstsucht lauerte, beschwichtigen konnte, als Demut und Liebe und der allumfassende Blick der Erkenntnis. Aber sie wußte von all dem nichts mehr. Die Motive ihres Wirkens hatte sie vergessen oder wollte sie auf immer vergessen haben.
Cecile und Anna schritten der Diele zu. Anna berichtete über kleine Vorfälle. „Ja, danke, nun geh aber und ruh’ dich aus.“
„Nein, du wirst müder sein, Cecile.“
„Niemals, du weißt es. Sehen wir noch die Post zusammen durch.“
Ein Stoß Briefe. Cecile stand in brieflichem Verkehr mit allen Schützlingen, die das Asyl verlassen hatten und deren Asyl die Briefe Ceciles geblieben waren. Sie hatte überdies viele Freunde, Gelehrte, Künstler, Arme, Kranke. „Von Givo!“ rief sie nun und vor allen anderen öffnete sie seinen Brief. „Endlich wieder einmal.“ Sie las: „Liebe Celia, so lange schwieg ich, aber Du weißt, daß ich in Gedanken Dir nicht schweige. Wie oft entbehre ich eine Aussprache mit Dir. Jetzt war meine Mutter da. Es war der alte Kampf auf beiden Seiten, jeder wollte dem anderen verbergen, wie unmöglich es ist des anderen Wünsche mit den eigenen zu vereinen. Ich soll in ihre zweite Heimat, nach Deutschland zurück, dort nach unserer Sitte ein Mädchen unserer Sippen heiraten und sie zur Großmutter machen. Ich hingegen wünschte, sie richtete sich in Paris ein für mehrere Monate des Jahres. Aber sie liebt Paris nicht, weil sie nicht durch innere Arbeit imstande ist, den vielen Tand, die große Geste des Kleinen zu übersehen und zum Menschlichen zu gelangen, das dort am stärksten sich zur Wirkung bietet, wo es am freiesten und dichtesten gemengt seiner eigenen Tragik zu unterliegen droht. Daß gerade dieser vorletzte Augenblick der Drohung mein Augenblick (und auch der Deine, Celia) ist, das kann sie nicht, will sie nicht miterleben, dazu ist sie zu untadelhaft, zu kühl, zu sehr von einem starken Gatten gefestigt gewesen, um diese Niedergänge so rasch zu fassen, als er nötig, denn ihre Strenge würde sie immer zu spät kommen lassen. Bis ihre Einsicht sie überwunden hätte, wäre alles verloren. Sie würde mich hemmen, weil sie zu wach ist und doch nicht überwach, hellsichtig wie Du etwa. Aber sie ist nicht weise genug, um wach sein zu dürfen. Wie wenig Frauen sind es auch noch außerhalb ihrer utilitaristischen Duldsamkeit! Es gibt keine Cecile Gloriots und wenige, die ihr nur nahe kommen. Oh, wie menschlich wertvoll ist sie aber dennoch, meine Mutter, wie klar und rein, daß ich erschauere über diese Möglichkeit. Ich werde ihren Willen erfüllen, wenn sie älter ist, ich bin es ihr schuldig, Kinder zu haben und die Regeln der Väter, denen ich so viel verdanke, zu erfüllen. Aber noch kann ich es nicht. Es ist genug geopfert schon heute, daß ich diese vorgebaute Zukunft weiß. Ich wage nicht ein weibliches Wesen an mich zu binden und liebte es mich noch so selbstlos, weil ich weiß, daß meine Mutter für mich wählen wird eine in unseren Regeln Aufgewachsene, die jung und seltsam aus Frauengemächern zu mir kommen wird. Oder ist es Gleichgültigkeit gegen das Einzelne. So ist mir alles mit Frauen episodenhaft und oft doch schmerzlich, um so süßer auch. Ich bringe Dir ein Mädchen, das so recht Deines Asyls bedürftig ist. Vielleicht ist es auch gut, daß es nicht in meiner Nähe bleibt. Auch ich könnte ihr gefährlich sein, der Gefährdeten. Ihr Fall erinnert flüchtig an den von Kathlin Drew, deren verwitwete Mutter von ihrem Stiefvater in Liebe verfolgt wurde, bis sie sich ihm ergab, nur daß die Verfolgte, die willig Verfolgte, diesmal Dein Schützling selbst, ein halbes Kind ist, das bei Dir geborgen werden soll, um seiner selbst und des Vaters willen. Es ist ein zartes, nicht einzuordnendes Wesen. Ich nenne es Seelchen, weil es noch sehr triebhaft ist, und ich versprach ihr, daß Du aus dem Seelchen eine Seele wecken würdest. In vielem wirst Du sie wissend finden wie eine Lebenserfahrene, die in Höhen und Tiefen geblickt, aber sie hat keinen Ausdruck dafür, nur ein ungereimtes Einahnen und Austräumen. In ihrer Bildung ist sie der Form nach durch geistige und reflektierende Umgebung reif, aber sie hat viele Lücken im Lapidarsten. Du wirst gut tun sie sehr ernst zu nehmen, ihr Verantwortungen zu geben, etwa die Aufsicht einer Angefochtenen. Sie ist sehr stark. Zarte, engelhafte Wesen sind das zuweilen, Celia! Angele von Twede grüßt Dich. Sie versucht den Vater über die Trennung zu trösten. Ich fürchte, es wird ihr nur gelingen, wenn sie, wie nie bisher, Heilige Elisabeth ist und statt Brotes sich selbst verschenkt. Du verstehst den Fall, Celia? — Ich bringe Dir das Kind in den allernächsten Tagen und bin glücklich, Dich zu sehen, Du Liebe.
Treulichst Dein Freund
Imanuel.“
Cecile Gloriot hielt den Brief zwischen den schmalen, sehnigen Fingern und blickte wie träumend zum Fenster hinaus. „Ruf doch Gil herein, sie läuft draußen ohne Umhülle herum,“ sagte sie ablenkend. Als Anna zurückkam, lächelte sie wie ein Kind, das sich freut. „Givo kommt heute oder morgen und bringt ein Mädchen, einen neuen Schützling mit. Wir wollen für ihn das große Mansardenzimmer zurecht machen und das Haus mit den Glashauspflanzen schmücken. Das Mädchen bekommt das Alkovenzimmer mit Helene.“ Cecile ging auf ihr Zimmer. Sie las nochmals Givos Brief. „Seine Mutter tut unrecht,“ sagte sie sich. „Er wird auch seine Frau einmal nur als eine Episode behandeln. Er wird jede Treue verlernen und sich an das Naschen gewöhnen, das den Charakter verdirbt und Unglück im Leben des anderen anrichtet. Er wird niemals zur Ruhe kommen mit den Frauen. Ich muß ihn warnen. Und mein neuer Schützling? Möge es mir gelingen an ihm Gutes zu tun!“
Abends um halb sieben Uhr hielt Celia Andachtstunde in ihrem Bücherzimmer. Vor den breiten Fenstern flimmerte ein leiser Schnee. Es war ganz still im Raum. Zehn kindliche Augenpaare hafteten an Celias Lippen. Sie begann: „Helene hat mir berichtet, daß sie mit Kathlin Streit hatte. Ich will gar nicht untersuchen, wer recht hatte, denn es ist fast ebenso bedrückend recht zu behalten als schuldig zu sein. Es gelüstet uns ja oft dem anderen zu widersprechen, denn jeder Mensch ist einzigartig und hat seine einzigartigen Gedanken, wenn er auf rechtschaffene Art denkt und nicht seine Denkungsweise vom anderen borgt. Oder wir wünschen etwas, das der andere nicht wünschen kann. Da ist es uns geboten zu fragen, nicht einmal nur zu fragen: Ist mir denn der eigene Wunsch, der eigene Widerspruch wichtig genug, daß ich den anderen betrübe. Und wenn etwas in uns mehrmals antwortet: ich kann nicht ablassen, so müssen wir so milde, als es uns gegeben ist, unserem Willen nachgehen und des anderen Kränkung dabei zu lindern trachten. Ihr Kinder glaubt manchmal euere Schwäche und Unerfahrenheit sei ein Makel, der schwindet, wenn ein anderes noch schwächer und unerfahrener aus einem Streit hervorgeht. Das ist ein Irrtum, denn ihr habt durch eure Eitelkeit recht zu behalten noch eine größere Schwäche dazu bekommen. Betrachtet eine Wage mit ihren Maßen. Sie sind nichts, wenn auch das eine schwerer wiegt als das andere. Sie sind nur Begriffe und erst ein Ding aus dem wirklichen Leben, dessen Schwere sie vorstellen, gibt ihnen Sinn und Wert. Darum ist eitler Streit sinnlos. Nur wirkliche Werte dürfen sich aneinander messen. Darüber aber steht dem Menschen oft selbst in seiner Reife noch kein Urteil zu, ob sein Wille wertvoller ist als der des anderen. Wißt ihr denn auch, daß ihr lieblos werdet, wenn ihr streitet? Ihr haßt am Ende den anderen in der Blindheit, in die euch eure Rechthaberei versetzt, und ihr liebt die übrige Welt nicht, weil ihr über dem Streit alles vergesset und nur euren scheinbaren Vorteil sehet. Die erzürnbare Seele nannte Plato die niedere Form der Seele, die tierische. Wer streitet, versteht nicht mitzuleben und sich in des anderen Leben zu versetzen. Mitleben, mitwissen aber ist das, was euch erst zum gerechten Menschen macht. Erlebt ihr des anderen Wunsch und Willen neben dem euren, wird der Streit gebrochen sein, eh’ er beginnt. Denn ihr Kathlin werdet ebenso Helene sein, als Kathlin und Helene — Kathlin so gut wie Helene. Lernet einander verstehen, dann werdet ihr im Frieden leben. Und die Menschheit wird Frieden haben, wenn sie sich versteht.“ Noch herrschte Stille. Da schritten Kathlin und Helene zaghaft anfangs, dann stürmisch einander entgegen und umarmten sich.
Jetzt sollte ein wenig Musik gemacht werden. Gaston wollte Clothilde zum Gesang begleiten. Als sie eben begonnen hatten, hörte Ceciles feines Ohr einen Wagen heranrollen. Sie ging zur Diele herab und erwartete dort allein Givo und seinen Schützling. Oben begann das Spiel. Musik war es, die Vögelchen empfing, als der Wagen durch den leicht verschneiten Garten ihrem neuen Heim entgegenrollte.
Süß ist das Leben
Um des strenggekehrten geistigen Blickes willen,
Der gleichzeitig umfängt die Erde von allen Seiten
Die kristallenen Öden der Pole, der Vorzeit,
Des Urgebirges, der Zahlen Gesetze.
(Ottokar Brezina.)
Nach dem Abendessen nahm Arabella die Aufforderung, sich zurückzuziehen, um ungehindert auszuruhen, gern an. Sie fand ihr Zimmer hart an der Stiege, die zu dem breiten, altertümlichen Turm führte, und durch diese ein wenig überwölbt. In dieser Wölbung stand ein großes Bett mit hellen Mullgardinen, ein ähnliches an der gegenüberliegenden Wand. Ein geblumter Teppich erhöhte die Wohnlichkeit. In einer Nische erblickte sie einen weißen, runden Kachelofen, in dem ein leises Feuer verknisterte, neben diesem einen Waschtisch und zu ihrem Gebrauch bereitet ein breites Badebecken. Neben dem Ofen einen Armstuhl, über dem ein großes Tuch zum Abtrocknen hing. Wie wohl tat diese Sorgfalt! Ihr Koffer stand vor dem Kasten, der für sie bestimmt schien. Sie entnahm ihm sogleich eines ihrer weichen, mantelartigen Gewänder, in denen sie einer kleinen Griechin glich, und streckte sich nach dem Bad auf das Bettchen hin, nur um eine Weile so zu verharren. Durch die breiten, kleinen Fenster sah eine stille, bestirnte Nacht, die über eine sanfte, stadtferne Landschaft gewandelt war. Durch diese Landschaft war sie mit Givo gefahren, neben ihm im ländlichen Gefährt mit hohem Sitz und ein und dieselbe Decke hatte sie vor der Kälte geschützt. Viele Stunden waren sie gefahren, denn Givo liebte Wagenreisen über Land und hatte nur eine kurze Strecke die Eisenbahn benutzen wollen. Arabella war es gewesen, als führe sie durch den Äther der Unendlichkeit.
Givo hatte zu ihr gesprochen all die Stunden mit der ihr märchenhaften Stimme, sie angesehen mit dem Blick, in dem sie ruhte wie in göttlichem Schutz, er hatte zuweilen leise ihre Hand in die seine gelegt und süßeste Geborgenheit war von ihrer guten Wärme ausgeströmt. Und er hatte zu ihr geredet nicht wie zu einem Kind, nein, wie zu einem verstehenden, ahnenden Wesen, das er in das Wesentlichste seiner Weltanschauung einweihen wollte. Seine Welt war das unendliche Gebiet der Erforschungen über Eindrücke und unbewußte Erfahrungen, die durch die Art der menschlichen Empfänglichkeiten möglich sind, zu deren Vervollkommnung Instrumente erdacht werden. Was der Mensch durch das begriff, was wir Ahnungen nennen, war ihm ein Teil des göttlichen Lichtes. Ein Ding an sich, ein Unabhängiges unserer Erkennbarkeit, einen Gott mit langem Bart im Sinne des gedrillten Glaubens, der zwischen sich und dem Himmel einen leeren Raum voraussetzt, sah er nicht. Ihm war Gott das Licht, jener wissende oder nur ahnende Strahl, jenes sich selbst vergessende Aufstreben zu einem Höheren, zu einer Fortsetzung unseres Selbst, in der wir uns überwinden und durch die wir verbunden sind mit dem Höheren der anderen. Die Seele war ihm hierzu die vorbereitende Stätte, wo Mittel geborgen waren, das Leben über seine tierischen Forderungen zu begreifen und zu bereichern, diesen ein Gegengewicht zu schaffen, aus dessen Wirksamkeit der Wert und die Vollkommenheit des Menschen zu beurteilen sei. Im genialen und produktiven Menschen sah er die Vorbedingungen zu dieser Vollkommenheit mitgeboren, oft aber im Werk erstarrt, im Kinde jedoch oder Kindgebliebenen in Ahnungen und Nebelbilder der Gedanken und Gefühle gegründet. Diese konnten die ganze Welt umspannen in ihrer Einfalt vor dem Unmöglichen und mählich von der Ferne zurückkehrend das Naheliegende begreifen. Kinder und Künstler sah er diesen Weg von der Imagination zum Nahen am langsamsten zurücklegen. Er wollte in der Schauung der märchenhaften Zusammenhänge in der Natur einen Ersatz geboten sehen für den selbstischen schwächlichen Traum dieser Lebenskinder. Die reale Welt war ein Wunder, wenn man sie mit dem Blick der Schauenden sah, sie entthronte den Traum und machte ungeheure Sphären frei zur Wanderschaft. Der Astronom weiß um die Unermeßlichkeit. Welcher Künstler könnte sie in seinem Hirne mächtiger gebären? Vögelchen begriff nun wie in einem Zauber und dennoch zum ersten Male zauberlos, daß sie unendlich weit sich aus dem Ich, das in die Umwelt gebannt ist, entfernen konnte, daß alle Fernen in ihr waren, alles Licht, alle Gottheit und ihre vielfältige Einheit und ganz dunkel ahnte sie schon das Ichlose, das ihr früher schon gedämmert war, da sie sich als ein Fünkchen auf Wanderschaft empfunden hatte. Sie sah sich geweiht Givo zu verstehen. Sie war gespeist vom Lichte seines Lebenssternes, sie fühlte sich selbst als Stern, erkoren von dem seinen. Und sie fühlte sich erlöst von jenem Schwanken der Wagschalen, wenn Tier und Mensch sich messen, um Gleichmaß bebend. Denn er lehrte sie, daß das Weltall und der Mensch selbst Vorgängen im Einzelnsten unterworfen sind, zwischen denen ewige Beziehungen und ewige Folgen bestehen. Vom gleichen Lichtgesetz sei der Mensch und sein Geist und seine Mutter, die Natur, gespeist. So lehrte er sie die Versöhnung von Körper und Geist und setzte die Seele als Vermittlerin ein, so zeigte er ihr auf, daß das Ich ein Gemenge von Vorgängen ist, die sich im Austausch mit den Vorgängen jener Umgebung befinden. So verstand sie auch Karinskis Wort, daß jeder Mensch an der Schuld des anderen und jeder andere an der eigenen Schuld mitschuldig sei. Sie begriff den Sitz seiner Güte, seiner verzeihenden Hilfsbereitschaft, da er die Verwicklungen erkannte, in die der Mensch mit seiner Umwelt geraten konnte, oftmals geraten mußte, wenn seine beste Einsicht der Schauung der Zusammenhänge versagte oder schwächer war als die Einwirkung des Außen auf die körperliche Schwäche und Lustbereitschaft. Denn das Licht allein schien ihm die Kraft, die unbewußte Kraft oft den bösen Folgen des Übels zu widerstehen. Dies Licht bedingt die Seele, die Seele selbst war von seinem Urstoff geschaffen. Sie erfaßte ahnend, was er von den Sternen wollte, daß er hart an der Himmelstüre der Unendlichkeit seiner Wissensarbeit einen Sitz errichtet hatte, um der Erde Wesen in dem Gesetz des Alls zu begreifen. Daß er in den Werken der Astrologen forschte (so sehr er auch das Horoskopieren als bösen Nebenverdienst wissenschaftlicher Quacksalber verwarf), daß er den Sehnsuchtkulten der letzten Dinge, den Mythen der Religionen nachhing, geschah in seiner Liebe zu einer neuen lichtvollen Gerechtigkeit, in seinem Trieb, das Dunkle zu entwirren und den Zauber der Wirklichkeit aufzurichten in der Legende.
Er erzählte ihr von erleuchteten Menschen und, während er sprach, drang ihre Gnade auf sie ein. Christus brachte ihr die große Tröstung der Liebe, Heilige kamen und ließen sie ihrer Einkehr teilhaftig werden, Gelehrte schenkten ihr die Früchte ihres Forschens, edle Menschen beglückten sie mit Zuversicht. Sie erlebte, als er sprach, wieder den Aufgang ihrer Gefühle über ihre Körperlichkeit wie in den Kinderjahren, wo ihr war, als flöge sie ins Weite, wie dann in den Nächten, da sie in den Schauern der Liebeslust sich hingegeben fühlte einer Unendlichkeit. Und alle Trostlosigkeit und Unwiederbringlichkeit, alle Anklage war gefallen. Sie richtete nun nicht mehr und sie wurde nicht gerichtet. Nicht ob ihrer Hingabe an Va, ob ihres Spieles mit jenem Jüngling, nicht um ihrer sinnlichen Träume, die nun mit ihrer Liebe zu Givo verschmolzen waren! Und als er schwieg und sie im Blick zu sich zog in all seiner Liebe, sagte sie leise, ganz leise: „Mir ist so wunderbar. Hab’ Dank.“ Und von diesem Augenblick an sagte sie du zu ihm wie im Gebet zu Gott.
Mit vollem Vertrauen war sie auch in Celias Asyl getreten wie an der Hand eines Engels und sie verlebte da den ersten Abend der Ruhe und des furchtlosen Vertrauens in das Leben, das nicht mehr wie eine unheimliche und verführerische Drohung sich auftat. Aber die Nacht rief sie zurück in ihr früheres Leben, ihr Traumzustand griff wirr in das Chaos von Vergangenheit und Zukunft.
Als Arabella auf ihr Zimmer gegangen war, saß Givo mit Celia beim Tee im Bücherzimmer, einem Raum edler Wohnlichkeit, während die Kinder mit Anna im Saal mit Gesellschaftspielen sich unterhielten.
„Und du willst auch an ihr wieder vorübergehen, obwohl du jetzt schon schmerzlich dein Entgleiten vorausfühlst, auch an diesem Mädchen, das dir teuerer ist als dir andere waren?“ sagte Celia mit schmerzlichem Vorwurf.
„Gerade sie darf ich nicht halten,“ sagte Givo, „weil so seltsam und unentwirrbar fein die Fäden ihres Wesens sind.“
„Du mußt sie stärker machen,“ erwiderte Celia.
„Damit ich sie doch dann zerreißen muß?“
„Lehrst du nicht selbst, der Zukunft unbesorgt zu sein?“
„Nicht meine Zukunft fürchte ich, nicht mein Leiden oder Unterliegen, sondern das ihre.“
„Du vergißt, wie selbstlos Frauen in ihrem Glück sind.“
„Und wie undankbar oft, denn ihr Genuß ist nicht der Genuß selbst, es ist das Lieben und höret nimmer auf.“
„Das macht uns ja so stark in der Liebe, daß wir doppelt gebunden sind, an sie selbst und an ihren Gegenstand. Und gerade unsere Ausdauer läßt sie Kränkungen und Zurücksetzungen überleben.“
„Aber es wird dann oft Haß aus ihr: eine andere Form der Liebe. Haß für den, der sie leichthin genoß, und wenn nicht Verbitterung, Liebe den Leidenden der Mehrheit.“
„Vergiß nicht, daß dieses Mädchen sehr jung ist. Deine Mutter mag anderer Meinung werden, du selbst zu eigenem Wählenmüssen reifen. Und wird es, wie du voraussiehst, mußt du sie lassen, so liegt noch das Leben vor ihr verklärt durch dich. Sie ist ja so jung, so köstlich jung.“
„Eine Frau ist so alt, Celia, als sie zu lieben und zu wissen begann um die Liebe. Deshalb bist du so jung, Celia, weil du an Jahren schon Mutter hättest sein können, als du erst wissend wardst.“
„Jung mit grauen Haaren,“ sagte Celia. „Um so stärker erleben wir die Liebe, wenn sie spät kommt. Aber wie immer wir sie erfahren, sie muß uns willkommen sein. Wir dürfen nicht wägen und wehren. Auch du nicht, Givo, wenn du auch deinen vorgeschriebenen Weg hast, deinen Weg der wissenden Hilfe. Muß er sich denn nicht behaupten gegen alle Proben, dein Weg der Liebe, auch gegen die Liebe? Und sieh, dies Mädchen ist Wachs unter deinen Händen. Ihr Blick hing an dir wie an einem einzigen Heil. Wir Frauen erkennen dergleichen. Da gibt es keine Verstellung. Du kannst aus ihr vielleicht die beste Frau erwecken. Deine Liebe könnte die Seele, die du mir anvertraust, im guten Feuer stählen und groß machen. Im Glück könnte sie reifen, an deiner Sonne köstlich werden. Nur im Glück, Givo, nicht in entsagender Sehnsucht. Die macht milde zuweilen, manchmal böse auch, aber immer schwächt sie und wirft uns aus den Reihen der Lebendigen.“ Celias Stimme erhob sich zu heißer Klage. „Wehe der Frau, der am Verlorenen ihr Herz hinblutet, wehe der Lebendig-Begrabenen, die unfruchtbar liebt!“
Givo erschrak. Er nahm Celias Hand. „Unfruchtbar, Liebe?“ fragte er leise besorgt. „Gibt es denn unfruchtbare Liebe? Verwandelt sie sich nicht bei den wahrhaftigen Seelen in tausendfältiges Lieben?“
„Ja,“ sagte Celia und drückte seine Hand, wie in einem Versprechen. „Der Mehrheit, wie du vorhin sagtest. Aber diese Verwandlung ist eine leidvolle Maske, die wir schließlich für unser wahres Gesicht halten müssen. Verschon’ dies Kind, wenn dein Herz ihm warm ist. Und sei gewarnt, Imanuel, daß deine Fügsamkeit sich nicht in Selbstsucht wandle, deine Freiheit zu behalten.“
Es klopfte leise. Anna fragte, ob Felix Blanc eintreten dürfe. Er wäre so erfreut gewesen von Givos Anwesenheit zu erfahren, als er eben, von einem Kranken kommend, seiner Braut Guten Abend sagen wollte. Blanc war längst Mitglied des „Sozialen Dienstes“ und ein Freund Givos. Es war Zeit, die Kinder zur Ruhe zu schicken. Cecile, Givo, Anna und Felix saßen noch lange beisammen.