Konrad an Hedwig
„Wenn Du nicht Mensch mehr bist und Dich verleugnet hast,
So ist Gott selber Mensch und traget Deine Last.“
(Angelus Silesius.)
Zwei Wochen nach diesem Abend etwa schrieb Konrad an Hedwig:
„Liebe Schwester, als ein anderer Mensch schreibe ich Dir heute als der alte vielleicht. Ich habe reine Wäsche, ich trage ordentliche Kleider, ich verdiene vorläufig durch Abschriften wissenschaftlicher Arbeiten Frühstück, Abendessen und Wohnung. Den Mittagstisch habe ich frei. Ja, der Mittagstisch, so begann es. Ich bekam vor zehn Tagen die Aufforderung, mich um zwölf Uhr bei Frau Calou, rue de quatre Portes, zum Speisen einzufinden. Wenn der Magen leer ist, besinnt man sich nicht lange, auch eine fast anonyme Einladung anzunehmen. Ich fand einen kleinen Saal, in dessen Mitte eine sauber und schlicht gedeckte Tafel wie in einem privaten Speisehaus seine Gäste erwartete. Nebenan war ein Arbeitszimmerchen. An einem Schreibtisch saß inmitten von Rechnungen und Briefen Frau Calou, eine grauhaarige Vierzigerin mit derben Zügen und den lebhaftesten, gütigsten Augen, die ich jemals sah. Die Art, mit der sie mich aufnahm, war die eines Untersuchungsrichters. „Ihr Fall wurde mir von einem Mitglied des „Sozialen Dienstes“ gemeldet, die Recherchen wurden heute beendigt.“ Und nun rollte sie mein Leben auf, mein erbärmliches Leben. „Wollen Sie wieder ein anständiger Mensch werden?“ fragte sie. „Ja,“ sage ich. „Dann ist unser Geschäft gemacht,“ ruft sie aus. „Sie finden sich täglich um halb ein Uhr hier zum Mittagstisch ein, Sie wählen ein Zimmer bei einer der vorgeschriebenen Vermieterinnen, Sie übernehmen vorläufig Schreibarbeiten für M. Tallandre vom Observatoire, der aus einem ziemlich unleserlichen Manuskript eine anständige Abschrift wünscht. Diese Arbeit wird Sie einen Monat in Anspruch nehmen, wobei Sie Ihre Privatstudien verfolgen können. Sie erhalten täglich zwei Francs von M. Tallandre, dem Sie Ihre Arbeit wöchentlich abzuliefern haben, weitere drei Francs von einem unbekannten Wohltäter, von denen ich 1 Francs für Ihre Bekleidung, die ich besorge, zurückbehalte. Nach der Schreibarbeit werden Ihnen, falls Sie diese anständig verrichtet haben, neue Wege offen stehen. Jedenfalls ist zwei Monate lang für Sie gesorgt. Die Recherchen bleiben aufrecht. Wenn man Sie wieder mit dem Trunkenbold antrifft, verlieren Sie alle Begünstigungen, desgleichen wenn Sie die Wege jenes Mädchens aus Ihrer Heimat kreuzen. Gegen Ihre Beziehung zu der Aupin ist nichts einzuwenden, wenn Sie dort nicht anders verkehren als irgend einer ihrer anderen Kunden. Sie sehen, wir sind nicht strenge. Aber wir sind rachsüchtig. Verfallen Sie in Ihre vormalige Lebensweise, so verfolgen wir Sie und erwirken, daß Sie bestraft oder in Ihre Heimat abgeschoben werden. Sie sind uns verfallen. Nun blicken Sie nicht so düster. Ich hoffe, dieser Blick gilt Ihrer Vergangenheit, nicht der Zukunft, die wir Ihnen ebnen wollen. Und nun gehen Sie in den Eßsaal und guten Appetit. Man lärmt schon drinnen. Unsere Schützlinge versammeln sich. Es ist hier nicht Sitte, daß einer dem anderen von seinem Schicksal erzählt. Wir haben hier lediglich Hungrige, Schwächliche des Lebenskampfes, Rekonvaleszente, Entgleiste. Niemals war ein Fall hoffnungslos, den wir behandelt haben. Aber wir wollen durch schlechte Beispiele und Depressionen nicht unsere Arbeit erschwert finden. Deshalb fordern wir Diskretion. Auf Wiedersehen bei Tisch.“ Dies alles war trotz aller Schroffheit so gütig vorgebracht. Ich drehte meinen Hut in der Hand wie ein Bettler, der aus Rührung und Beschämung keine Worte des Dankes findet. Man schob mir noch ein Zettelchen hin, auf dem Adressen von Wohnungen standen, unter denen ich zu wählen hatte. Dann stand ich in dem Saal. Es waren etwa fünfundzwanzig Menschen da, Frauen, Mädchen, Studenten, ein alter Mann, zwei Kinder. Ein Mädchen hatte einen dreijährigen Jungen neben sich sitzen, mit ernstem ältlichen Gesicht, er war musterhaft brav, benahm sich wie ein Erwachsener. Er glich ihr, offenbar war es ihr Kind. Ich mußte an Deinen Jungen denken, Hedwig, und an Deine bösen bangen Zeiten, in denen Dir nicht geholfen ward wie dieser dort. Und daß Du allein bist und unbeschützt, will ich an ihr gut machen, damit auch Dir geholfen werde. Seither sind wir einander nähergekommen, haben vergangenen Sonntag einen Ausflug miteinander gemacht. Der Kleine hat sich sehr an mich angeschlossen. Er sitzt nun neben mir bei Tische. Frau Calou präsidiert der Tafel. An jenem ersten Tage fand ich bereits meinen Namen an einem der Plätze neben einer Frau Lövgard (einer Übersetzerin, die mir riet, meinem Gelehrten anzutragen die Arbeit von mir ins Deutsche übertragen zu lassen, was ich denn auch mit Erfolg vortrug). Mein zweiter Nachbar war ein Mediziner, der über die Schädlichkeit des übermäßigen Alkoholgenusses kürzlich eine preisgekrönte Abhandlung schrieb. Ich vermute, daß er selbst Trinker war. Nach dem Essen werden des Sonntags kurze Vorträge veranstaltet. Auch ich werde sprechen über ein historisch-theologisches Thema.
Marguerite machte eine „Szene“. Sie verstieß mich, aber tagsdarauf paßte sie mir auf und fragte mich, wie ich mit der neuen Wohnung zufrieden sei. Ich war und bin es durchaus. Wir verabredeten ein Wiedersehen, sie hielt es nicht ein. Schließlich bin ich wieder unter einem Vorwand zu ihr gegangen. Ich habe mit Frau Calou über sie gesprochen, aber sie sagte, daß solche Fälle immer hoffnunglos seien. Sie erzählte mir, daß Marguerite bei Ariel gewesen und Geld für mich erpreßt habe. Von dem Geld habe ich nichts bekommen. Mein armer Ariel, er ist fort. Ich weiß nicht wohin. Ich habe ihn vertrieben, ich käufliches Untier. Aber erreicht ist es doch: ich habe sie von dem Verführer getrennt, meine Mission ist erfüllt, ihre Mutter hat mich nicht umsonst bezahlt. Ein neues Leben kann beginnen. Und Du, Hedwig, die ich anfülle randvoll mit meinen Schicksalen, sag’ auch Du mir Deine Mühsale. Deinen Briefen danke ich es, daß ich in diesem Schlamm nicht völlig erstickte und meiner Rettung aufgespart blieb. Ich küsse Deine Dulderhände und bin in Treue Dein
Bruder Konrad, der Narr.
P. S. Finde Zeit zu Doktor Urbacher zu gehen und ihm von Arabella zu erzählen. Es könnte vorteilhaft sein diese Verbindung anzuknüpfen.“