Entscheidungen

Arabella erwachte spät am Morgen und als sie ans Fenster trat, erblickte sie Konrad, der im Torbogen des gegenüberliegenden Hauses stand. Es war ein kalter, klarer Tag. Er hatte keinen Mantel und fror. Die Krawatte, die Vögelchen in der Rue de la Paix gekauft hatte, war ihm von Marguerite kunstgerecht um einen Kragen aus künstlicher Leinwand geschlungen worden. Vögelchen hatte ihn ja herbestellt, nun stand er wohl lange schon unten. Sie rief Camill und erfuhr, daß Adalbert ausgegangen sei und in einer Stunde wiederkehren würde. Da bat sie rasch Konrad heraufzuholen. In einem Morgenkleidchen, selbst ein wenig frierend, vor dem Kaminfeuer auf einem weißen Fell kauernd, empfing sie den Gequälten, Verfehmten. Er stürzte vor sie hin und küßte ihre Füße. Ein Zittern und Schluchzen ging durch seinen Körper. „Steh auf, ach, steh doch auf,“ sagte sie voll leisem Erbarmen und fuhr ihm mit den kleinen, kalten Fingern durchs Haar. „Aller Qual Segen ist dieser Augenblick,“ sagte er und stand vor ihr auf und sein Lächeln war Vergessen vieler Abgründe. Als sie zu sprechen begann und jene Frau nannte, Marguerite, tauchte deren Bild wie aus fernem Hades auf. Er wußte nicht mehr, daß er nachts in ihren Armen gelegen war, wie Arabella nichts von Adalberts Liebkosungen mehr wußte. Aber sie sah Konrad in der Ekstase, in die sie die Sehnsucht nach Givo versetzt hatte, und war gut zu ihm. Geld nehmen wollte er nicht, doch er versprach ab und zu von ihr ein Geschenk anzunehmen, einen warmen Mantel würde er nicht zurückweisen, wenn er bis zum Einbruch des Frostes nichts verdient hätte. Während er sprach, löffelte Vögelchen in ihrer Schokolade. Sie bot ihm feines Backwerk, zartes Fleisch an. Wiewohl er nicht gefrühstückt hatte, rührte er nichts an. Er trank nur ihren Blick, nährte sich nur von der Speise ihrer guten Worte. War nicht alles plump, leer und ihrer unwürdig, was er, der Erniedrigte, zu stammeln versuchte? „Was wird nun aus Ihnen, Herr Prediger? Sie müssen jemand haben, der Ihnen hilft,“ sagte Arabella traurig. „Gehen Sie zu Frau von Twede, aber sagen Sie nichts von mir, kein Wort, hören Sie. Aber gehen Sie zu ihr, sie wird Ihnen Arbeit verschaffen. Nun müssen Sie gehen. Schreiben Sie mir dann.“ Und sie stand auf, reichte ihm beide Hände und nickte noch von der Türe her. Sie eilte in ihr Zimmer zurück, um allein zu sein, so stark übermannte sie wieder der Gedanke an dies wunderbare Wiedersehen am Vorabend. Konrad sah ihr nach wie einem verlöschenden Stern.

Nun geschah es, daß Adalbert krank wurde, kränker als er es bisher gewesen. Er lag matt und abgezehrt und Vögelchen saß an seinem Bett und hielt seine trockenen Fieberhände, aus denen ein unheimliches Feuer zu knistern schien. Er blickte auf sie wie auf das Leben, das ihm entflattern wollte. Sie liebte ihn so sehr in diesen Tagen, sie klagte sich an, daß die Krankheit über ihn gekommen sei, weil nicht ihm mehr ihr Gefühl zuströmen wollte wie bisher. Sie wußte, sie konnte es nicht wenden. Daß sie Givo wiedergesehen, war ihr wie eine Bestätigung, wie ein Wink von Gott, ihre Liebe wandle den rechten Weg und sei erhört. Aber konnte sie nicht kraft dieser Liebe Adalbert heilen und auch Konrads Hilfe sein, war sie nicht doppelt so stark jetzt?

Zu dieser Zeit tauchte zum ersten Mal in Adalbert der Wunsch als Vorsatz auf Vögelchen wegzusperren, sie irgendwie zu verklostern. Er meinte nur so gesund werden zu können, wenn er Ruhe gewänne über sie. Sie nicht zu sehen schien ihm qualvoll, sie neben sich zu haben ohne sie besitzen zu können noch unerträglicher. Er wagte nicht mehr sie zu berühren. Angele von Twede, von Arabella herbeigerufen, besuchte ihn. Sie riet ihm, ans Meer zu reisen, auch sie würde gern für einige Zeit Paris verlassen. Gleichzeitig erhielt er einen Brief von Vögelchens Mutter. Sie forderte ihn auf Arabella unverzüglich in die Heimat zurückzubringen, widrigenfalls sie sein ungesetzliches Treiben zur Anzeige bringen wolle. Ein Pariser Advokat, dem offenbar die Angelegenheit übergeben worden war, sandte zu ihm und forderte Erklärungen über Einzelheiten seines Lebens und zeigte sich in erstaunlicher Weise unterrichtet. Mannsthal wies ihm die Tür, aber er war unruhig fortan. War es nicht genug, daß ihm seine Krankheit die Freude an Vögelchen verstörte! Alles schien sich gegen ihn zu verschwören. Er witterte Feinde im Hause, sah sich umstellt und ausgeforscht. Um dieser Mißlichkeiten Herr zu werden, mußte er zu Kräften kommen. Ortsveränderung war zur Gesundung geboten. Oft sandte er auch Vögelchen unter einem Vorwand aus dem Hause. Ihr Anblick schmerzte ihn. Er wußte, daß sie von Givo träumte und daß er ihr vielleicht ein Glück vernichtet hatte, ehe es zur Blüte kam. Dann war er dankbar, wenn Angele kam und die bösen Geister bannte. Und ein neues Abenteuer lockte: durch sie die Schwester jenes Gilbert an sich zu fesseln. Er sah nur Vorteile in einer Verbindung mit dieser sanften, vornehmen Frau, die nicht mehr brennen wollte wie Arabella und dennoch ein Glück in der Gemeinschaft mit dem Manne noch ersehnte. Herr von Twede war rücksichtvoll und feinfühlig, er hatte sie niemals verletzt, aber sie erfror neben ihm und wußte, es war Zeit sich zu entscheiden. Hier war ein Mensch mit außerordentlichen Gaben, von dunkler Vergangenheit belastet, von Anfechtungen verfolgt, ein Mann, den man retten konnte, wenn man sich selbst aufs Spiel setzte. Und sie hatte gespart, jetzt wollte sie von ihrem Reichtum geben. So waren sie denn bald einig, zu reisen. Was aber sollte mit Vögelchen geschehen? Angele war nicht verlegen. Sie würde Givo zu sich bitten, der wußte immer zu helfen, und Arabella selbst würde gern seinem Rate folgen. Sie erinnerte sich eines Heimes, von dem er ihr einmal gesprochen. Keine Sorge, Vögelchen würde ein Nestchen finden.

Angele war Adalbert bald unentbehrlich. Ihre Nähe war Sänftigung aller Selbstqual und sie beherrschte den Gang der äußerlichen Täglichkeiten, denen Verwirrung drohte.

Camill, der sich als Diener immer anständig gehalten hatte, begann zu trinken. Der französische Wein hatte es ihm angetan. Da auch sonst Paris mehr Gelegenheit zu Ausgaben bot und alles teuer bezahlt werden mußte, wurde ihm bald sein anständiger Gehalt zu knapp. Aber auch die Aufbesserung, die ihm sein Herr gewährte, reichte bald nicht mehr. Da er als Mitwisser von Mannsthals Geheimnissen nicht Sorge trug, von diesem angezeigt zu werden, begann er allerlei Unehrlichkeiten zu begehen, die sich schließlich zum frechen Diebstahl steigerten. Nach wie vor war er tadellos in Pflege und Bedienung, aber Adalbert hatte jegliches Vertrauen verloren. Er sah in dem Dieb schon den Erpresser, der bestochen worden war, um seine Beziehung zu Arabella auszuforschen. Eines Tages, als ihm der Zustand unerträglich geworden, bezahlte er ihm Lohn, Verpflegung und die Reisekosten in seine Heimat und entließ ihn ohne Aufklärung. Nun fehlte er überall. Angele sandte ihre Beschließerin und sie brachte einige Ordnung ins Haus. Die Abreise ans Meer aber wurde nun um so dringlicher.

Während dieser Zeit hatte Givo Arabella ein einziges Mal gesehen, der Besuch seiner Mutter hatte ihn verhindert zu Angele zu kommen. Dies eine Mal hatte er sie in der Nähe des Observatoire getroffen. Er zweifelte, daß dies ein Zufall gewesen. Er war nicht allein und hatte sie nur flüchtig gesprochen. Sie möge doch ihr Versprechen erfüllen und die Sternwarte besuchen, er würde ihr bald schreiben. Aber er hatte bisher nicht geschrieben. Vögelchen wartete. Sie fragte in Bangen jede Stunde ab nach einer Botschaft. Ihm gegenüber war sie nicht das Kind, das blindlings seinem Triebe folgt. Sie erinnerte ihn nicht an seinen Brief, sie erschien nicht unaufgefordert, sie wartete. Durch Frau von Twede fühlte er sich an sein Versprechen gemahnt und sogleich empfand er Lust ihr zu schreiben. Er sah sie mit einem Mal hilflos allein, wie damals am Pont Neuf, Sehnsucht, sie zu beschützen, erfüllte ihn, Reue, daß er den Trost seines Briefes ihr vorenthalten. Er ging umher und hatte Vögelchen mit sich. Er wußte, wo er es bergen würde. Sie war die erste Heimatlose nicht, für die er Asyl Gloriot wählte. Immer war er von Wehmut und Liebe erfüllt, wenn er einen neuen Schützling der kleinen Anstalt empfahl, bei deren Gründung und Erhaltung er mittätig gewesen war. Das Asyl war dazu bestimmt, Kinder aus unglücklichen Lebensverhältnissen aufzunehmen. Da eine bestimmte Summe beim Eintritt bezahlt werden mußte, war die Anstalt nur den besitzenden Klassen zugänglich. Sie war auch in der Aufnahme der Zöglinge beschränkt, damit der Charakter eines Heimes gewahrt bliebe. Es wurden Kinder ohne Unterschied des Alters, auf jede Dauer und mit der Erlaubnis, immer wieder in das Asyl zurückkehren zu dürfen, aufgenommen. Givo, der die Erziehungsresultate des Asyls kannte, zögerte niemals, es zu empfehlen. Von anderen Pensionaten war es, abgesehen von den andersartigen Aufnahmebedingungen, durch den ihn leitenden Geist unterschieden. Wer das Asyl kennen wollte, mußte allerdings Cecile Gloriot kennen. Givo gedachte ihrer nie ohne Erhebung. Und dennoch, ihm ward weh ums Herz. Ausgestoßene, bedrohte Kinder waren es, die man ihr sandte, die sie durch ihre Mütterlichkeit errettete und erwärmte. Sollte auch dieses teure Mädchen den Stempel der Unglücklichen und Heimatlosen tragen? Fast hätte sie es überstanden, fast wäre sie heil und stark ins wache Leben getreten, sie war ja beinahe erwachsen, da lauerte der Dämon auf dem letzten Ende ihres kindlichen Weges und drohte sie zu überfallen. Denn mehr wußte Givo nicht, als daß Mannsthal nicht väterlich für sie empfand und daß die Mutter sie ihm vor Jahren überlassen hatte, so daß sie jetzt Vögelchen nur eine peinliche Fremde war. Nach kurzer Überlegung verstand er Angele. Sie und er sollten sich in die Arbeit teilen. Sie wollte den Mann, er sollte das Mädchen in seine Obhut nehmen. Wie aber sollte er es dem Mädchen sagen, dem zarten? War es nur Vorwand, wenn er ihr schrieb, daß er litte, sie im wirren, betörenden Paris so schlecht behütet zu finden, daß er sie gern bei einer mütterlichen Freundin wissen wollte? Nein, er fühlte wahrhaftig Besorgnis und eine Zärtlichkeit des Gedankens für sie, die er bisher nur bei den Begegnungen empfunden hatte. Gerne hätte er sie lebendig bei sich gehabt und warm in die Arme geschlossen, an seiner Brust geborgen. Zugleich aber fühlte er sich unwürdig vor ihr und seiner dunklen Wege bewußt. Er war in den Straßen umhergegangen, nun trat er in ein Restaurant; ließ sich Schreibzeug geben und begann seinen Brief, dessen Buchstaben an alte Schriftzeichen erinnerten:

„Arabella, liebe Kleine, ich darf so sagen, darf Mademoiselle weglassen. Seele zu Seele sagt nicht Name und Würden. Wollen Sie in mein Sternenheim kommen, nein, das meine ist es nicht allein, ich teile es mit vielen Wißbegierigen und es ist großer Geister Stätte gewesen. Wollen Sie nun kommen? Oder sind Sie durch Monsieur Mannsthals Unpäßlichkeit ganz an ihn gefesselt? Sie sollten ihm raten ans Meer zu gehen. Die Wellen und Winde bringen große Botschaft, darin des Einzelnen Wehe ertrinkt. Er wird dort Gesundheit finden. Sie selbst aber sollten bei Frauen sein und unter gleichaltrigen Jungfrauen und unter Kindern. Ich wüßte sie gern geborgen bei meiner Freundin Cecile Gloriot, einer ausgezeichneten, liebreichen Frau, die Ihnen Ruhe und Freude geben wird. Ich werde Frau von Twede bitten bei Herrn Mannsthal Fürsprecherin dieses Planes zu sein. Was meinen Sie dazu, Seelchen? Ach ja, ein Seelchen sind Sie, aber unter Cecile Gloriots Sonne werden Sie Seele werden. Kommen Sie oder schreiben Sie mir Antwort. Ich bin Ihr treuer Diener

Imanuel Givo.“

Der Kellner stellte das Essen vor ihn hin. Er nahm sein schlichtes Mahl. Dann trug er selbst den Brief in Vögelchens Haus.

Vögelchen erwartete Antwort von Konrad. Indessen kam Marguerite. Sie hätte ein Anliegen an das Fräulein. Ob man denn auch ungestört sprechen konnte. Arabella schloß die Tür ihres Zimmers und hieß sie Platz nehmen. Das Mädchen sah bei weitem besser aus in ihrem einfachen Straßenkleid als in dem grellen Schlafrock, in dem sie Vögelchen zum ersten Male gesehen. Es bat höflichst, die Belästigung zu entschuldigen und käme ohne Konrads Wissen. Der arme Junge sei zu stolz von dem Fräulein etwas anzunehmen, sie aber, Marguerite, wisse, woran es ihm fehle, und sie würde ihm gern das Nötige besorgen. Leider befinde er sich gar nicht wohl, seit dieser Deutsche zu ihnen käme. Es sei wohl der entlassene Diener. Sie wolle dem Fräulein durch diese Mitteilung ihre Ergebenheit beweisen. Der Diener spreche gemeine Dinge über sie und verleite Konrad zum Trunke. Sie hätte nun Aussicht einen kleinen Laden zu übernehmen und würde Konrad bei sich anstellen, wenn das Fräulein ein wenig beisteuern wollte, das würde ihn auch dem schlechten Einfluß dieses Custove entziehen, der überdies Konrad von ihr trennen wollte, um ungestört ihn zu Schlechtigkeiten zu verleiten, für die sie nicht zu haben wäre. Die beiden hätten auch beschlossen das Fräulein zu entführen. Vögelchen war es, als würge sie etwas am Halse. Sie ging zu ihrem Schrank, nahm etwas Geld. „Das ist alles, was ich habe.“ „Besten Dank,“ sagte Marguerite, ein wenig kühl. „Ich bin selbst arm,“ sagte Vögelchen, das Wenige entschuldigend. „Oh, Sie und arm; wenn man einen älteren Mann hat, der reich ist, ist man nicht arm. Ob sie sich denn nichts für später zurücklege — es sei kein Verlaß auf die Männer —“ Vögelchen schauderte. Sie verstand nicht den vollen Sinn dieser Worte, aber etwas Häßliches kroch an sie heran, das ihr Leben verunstalten wollte. „Bitte, gehen Sie jetzt,“ sagte sie. „Mein Verwandter kann mich jeden Augenblick rufen. Ich möchte nicht, daß er sie sieht. Sagen Sie Konrad, ich hätte ihm geraten zu einer Dame zu gehen. Ist er nicht dort gewesen?“

„Nein, er traf sie nicht an, er will nicht lästig fallen.“

„Mich aber will er überfallen und davonschleppen. Oh, gehen Sie, ich will allein sein, will nichts mehr wissen von ihm.“

Sie setzte sich hin und weinte. Sie weinte ihr Leid um Va, um ihre Kindheit, um Konrad und sie weinte um Givo, von dem sie sich vergessen glaubte. Sie fürchtete sich. Sie war sehend geworden ohne wissend zu sein. Sie litt in dumpfer Anklage. An den folgenden Tagen saß sie fast immer bei Mannsthal. Es war besser bei ihm zu sein, da schwieg der Groll gegen ihn. Und hier konnte keiner sie fortreißen, wenn auch Va zu schwach war sie zu schützen. Sein Wille bannte die Bedrohung von innen und außen. Wäre nicht Angele aus- und eingegangen mit leise schlichtendem Walten, im Hause und an Adalberts Liegestätte verweilend, hätte Vögelchen sich unentbehrlich gefühlt und daraus wieder Kraft gewonnen. So aber war sie auch vor sich selbst nur ein bleicher Schatten von dem, was sie noch in den ersten Tagen des Versailler Aufenthaltes gewesen. Sie schlief nicht und ging wenig aus. Seitdem sie sich vor Konrads und Camills Anschlag fürchtete und diese Furcht in sich verschloß, aß sie auch nur notdürftig mehr. Angele fütterte sie wie ein Hühnchen. Givos Brief kam, als ihr Angst und Sehnsucht die Kräfte zu erschöpfen drohten. Sie las den Brief, las ihn abermals, sann vor sich hin, drückte ihn ans Herz. Wie ein Gebet war ihr Dank. Ja, sie wollte alles, was er wollte. Er war ja ihr Schutzgeist. Oh, daß sie zu ihm durfte, endlich! Leise schlich sie in Adalberts Zimmer. Es war zehn Uhr abends, er schlief. Rasch warf sie über das weißwollene Hauskleid den Pelz, schlang einen Schal aus spanischer Spitze um ihr Haar und eilte in die nächtlichen Straßen hinab. Konrad, der vor dem Hause gestanden war, folgte ihr. Die Straße war einsam, sie hörte Schritte hinter sich, sie fühlte im Rücken, daß sie verfolgt wurde. Sie wagte nicht sich umzuwenden. War es einer, waren es beide, er und Custove? Konnte sie rascher sein als ihre Feinde? Wohin fliehen? Alle Haustore waren verschlossen. Zu ihm, zu ihm! Nun brach Licht vom Boulevard des Invalides, nun kamen Menschen, Lokale leuchteten auf, aus denen Lärm drang. Vielleicht war der Verfolger jetzt dicht hinter ihr. Mit letzter Kraft rief sie einen Droschkenkutscher an. Ein Wagen hielt: „Observatoire“, hauchte sie. Sie war geborgen!

Givo war nicht da. Möglich, daß er noch käme. Man führte sie in einen Saal nächst der Kuppel. Im Halbdunkel saß sie, schauernd vor Angst noch und Erwartung. Sie wartete. Es war kühl, sie hüllte sich dicht in ihren Mantel. So schlief sie ein. Gegen Mitternacht kam Imanuel. Der diensthabende Diener war gegangen, der ihn ablösende wußte nichts von des jungen Fräuleins Anwesenheit. Givo setzte sich an seinen Schreibtisch und sah die Abendpost durch. Dann ging er auf und ab, wie er bei vorbereitender Arbeit zu tun pflegte. Auf einer dieser Wanderungen kam er hinaus in die Halle bis zu der Bank, die von dem Fundament eines eingebauten Fernrohres beschattet war. Da sah er die Schlafende. Ihr Kopf war zur Schulter herabgesunken, die Wimpern dunkelten über die bleichen Wangen, die Hände lagen hilflos still und wehrlos gefaltet über den Knieen, die Haare hatten sich ein wenig gelöst und quollen aus den Spitzen auf den Pelz des Mantels. Ihr Atem ging ruhig und friedvoll wie der eines müden Kindes, das traumlos eingeschlummert ist. So war sie denn ohne Säumen gekommen und hatte, seiner wartend, ihre kindliche Schlafensstunde eingehalten! Er rührte sich nicht, er atmete leiser, er stand vor ihr und mühte sich nur ganz sacht sie zu betrachten, daß auch sein Blick nicht ihren Schlaf unsanft berühre. Sehr müde mußte sie sein! Die Lippen waren wie im Schmerz herabgebogen. Wie gern hätte er im Kuß ihre bange Starrheit gelöst. Ärgerlich über eine Störung fuhr er auf. Ein Knirschen deutete an, daß die große Kuppel aufgerollt wurde. Es war Mitternacht und die Wende, wo man die Novemberschwärme suchte. Mit dem bestirnten Blau der Nacht schwebte vielstimmiges Glockenläuten in den Raum. Die Kirchtürme von Paris sandten am lautesten und klarsten den nächtlichen Arbeitern der Sternwarte ihre tönenden Grüße. Givo kannte sie alle, dies war die Stimme der Jacqueline Montague, der Glocke von Notre Dame, deren Tore sein astronomischer Ahne Dupuis vor der Verwüstung der Revolution beschützt, da war der ein wenig heisere Klang von Julien le Pauvre, der wie der Ruf eines alten Mannes war, das helle kindliche Läuten wohl von St. Gervais, die schallenden Rufe der Madeleine, dann ein banges, mahnendes Klingen von weither. Er wußte, jetzt kam dieses und nun tönten jene beiden zusammen und dann wie eine, die sich verspätet hat, lief aus der Ferne noch wie in zärtlicher Sorge eine feine Glockenstimme daher, die er Cecile nannte. Dann kam die Stille der Nacht, die Lichter der Stadt funkelten wie ängstlich, die roten Laternen der kleinen Seinedampfer erloschen, das Raunen von Paris erstarb, auch die ewig wache Stadt schien mählich zu schlafen. Nun aber gingen Türen, eine Zimmerglocke läutete. Hier war man wach zur Arbeit. Arabella schlug die Augen auf. Givo trat rasch zur Seite. Sie sollte nicht erschrecken, sollte sich nicht im wehrlosen Schlaf Blicken preisgegeben fühlen, doch sollte sie ihn gleich bemerken, damit sie in fremder Umgebung nicht erschrecke. Als er sich wandte, saß sie aufrecht und blickte ihn an. Er erinnerte sich später immer wieder dieses Ausdruckes ihrer Augen. Er schien aus Meertiefen zu kommen, der feuchte Glanz unendlich dunkelnder Tiefe und die unbewußte gefährliche Schönheit einer rätselvollen Welt war in ihm eingefangen wie in einem einsamen Teich, der Nixen und vorzeitliche Tiere spiegelte.

„Haben Sie Hunger?“ fragte er und lächelte ihr zu. Er wollte sie freundlich in die Wirklichkeit zurückrufen.

„Ich habe geschlafen,“ sagte sie. „Ich bin ein wenig müde gewesen all die Zeit, das war wohl der Grund. Ich lief so sehr, man verfolgte mich“ — nun war die Furcht wieder da, aber ebenso rasch schwand sie. Lächelnd streckte sie ihm die Hand entgegen, die er mit beiden Händen ergriff.

„Hier verfolgt Sie niemand, Seelchen,“ sagte er.

„Wie schön es hier ist, welch schöne bestirnte Decke. Oh, ich habe die Sterne so lieb. Man wird so arm in der Stadt. Auf dem Lande da haben auch die ganz armen Leute die schönen Dinge.“

„Cecile Gloriot hat einen großen Garten und dort werden Sie geborgen sein. Niemand wird Sie verfolgen. Kein häßlicher Brief darf dort zu Ihnen.“

„Und Sie, werden Sie mir schreiben?“

„Ich werde Ihnen schreiben und werde Sie besuchen.“

„Sie schrieben so lange nicht.“

„Ja, das ist nun vorbei. Von nun an werde ich häufig schreiben und, wenn dann einmal eine Pause eintritt, werden Sie wissen, er denkt doch an mich, der Herr Sterngucker. Wollen Sie einmal durch das große Fernrohr sehen? Es ist nur neun Meter lang und reicht bis in den Himmel.“

Er führte sie im Gebäude umher, erklärte ihr Apparate und Pläne. Plötzlich hielt er inne. „Nun haben Sie mir meine erste Frage noch immer nicht beantwortet. Haben Sie Hunger?“

Sie nickte.

„Kommen Sie. Ein wenig Zwieback ist vorhanden, einige Krumen für ein Vögelchen.“

„Wissen Sie, wer auch sehr, sehr gut ist?“ sagte sie. „Urbacher und Karinski.“ Und sie erzählte ihm von den beiden, während sie mit ihren länglichen schmalen Zähnen am Zwieback knabberte. „Glauben Sie, daß Va mich zu Ihrer Freundin fahren läßt? Ach nein! Und was wird dann aus mir?“ Sie berichtete ihm all das, was Marguerite ihr gesagt. Von Konrad mußte sie ausführlich erzählen. Givo schrieb, während sie von ihm sprach, auf einen kleinen Block einige Worte nieder. Als er genug wußte und Arabella sich blaß gesprochen hatte, sagte er: „Ach, das Seelchen ist schon müde. Ich bringe es nach Hause.“ Sie gingen in die Stadt hinaus. Die Straßenlaternen waren verloschen, leer glänzte der Asphalt wie ein grüner See. Schwerpolternd kamen ab und zu die breiten Gemüsewagen angefahren, die zu den Hallen rollten; ein scharfer Duft von Kräutern mengte sich plötzlich in die Nachtluft. Vor den Cafes standen umgestürzt die Sessel an den Marmortischen, manchmal umschlich sie eine müde Gestalt und stocherte mit einer Gabel nach Tabakresten. An den geschlossenen Kiosken lehnten Dirnen in leisem Gespräch und duckten sich in ihren Schatten, wenn der Schutzmann vorüberkam. Aus einer Nebengasse schrillten plötzlich Pfiffe, eine Gestalt lief quer über den Damm, dann ward es wieder still und sie hörten ihr eigenes Schreiten. Er wollte in einem Wagen sie rascher zur Ruhe bringen, vielleicht auch erwartete man sie. Es kam keiner. Ihr war es um so lieber. Wäre der Weg nur länger noch gewesen! Es ward nun ausgemacht, daß er mit Mannsthal sprechen würde, nachdem Angele von Twede ihn vorbereitet, und daß er dann selbst sie zu Cecile Gloriot bringen würde, die er lange nicht gesehen. Als sie bei ihrem Haustor angelangt waren und er schon die übliche Aufforderung an den Portier zur Öffnung des Tores hatte ergehen lassen, ergriff Vögelchen seine Hand, zog ihn heftig näher und rascher, als er es wehren konnte, drückte sie einen heißen Kuß auf seinen Mund. Dann verschwand sie mit leuchtendem Blick, ihn noch einmal umfassend, in der Dunkelheit des Flures.