Bei Angele

Vögelchen hatte nun von Konrads Anwesenheit und seiner traurigen Verfassung erfahren und ihm durch den Diener Geld gesandt. Sie lief Geschäfte ab, um für ihn einzukaufen. Sie besorgte feine Krawatten, nicht ahnend, daß er längst nicht mehr den Kragen dazu besaß, und Leckerbissen, zu denen es ihm an Brot fehlte. All dies versteckte sie wie ein Kind, das sich eines Geheimnisses freut. Schließlich forderte sie von Camill Konrads Adresse. Indes ereignete sich folgendes: Der Salon der Karikaturisten veranstaltete seine Ausstellung. Mannsthal, der unter Künstlern und Händlern bekannt war, bekam eine Einladung zur Eröffnung. Dort sah er Angele von Twede wieder und ein Attache der xten Gesandtschaft stellte ihn der Frau des ausländischen Kollegen vor. Angele begrüßte Adalbert Mannsthal freudigst. Als er aber nach Gilbert von Tirotzky, ihrem Bruder, fragte, von dem er seit Jahren nichts mehr gehört hatte, breitete sich ein Schatten über die Lichtheit ihres Antlitzes. Warum sollte sie es seinem ehemaligen Kameraden verheimlichen? Er sei in der Bedrängnis einer der Familie unerklärlichen Erpressungsaffäre freiwillig aus dem Leben geschieden: Mannsthal erbebte in seinen Festen, als er es erfuhr. Er wurde bleich und fand kaum die Sprache, seine Bestürzung zu äußern. Er wußte, wer einst der Verführer Gilberts gewesen, und ahnte, welcher Art die Erpressung gewesen sein mochte, die ihn schließlich zum selbstgewählten Tode trieb. Diese königliche Frau, die mich mit ihrer Huld beglückt, sagte er sich, sie weiß nicht, daß sie mit dem Mörder ihres Bruders spricht. „Mama ist daran gestorben, bald nachdem wir Ihnen in Homburg begegnet waren,“ sagte Frau von Twede. „Ihr Herzleiden verschlechterte sich rapid. Papa war nicht mehr, Gilbert tot, ich selbst in der Ferne. Herr von Twede war damals in Konstantinopel stationiert. Seit zwei Jahren leben wir hier.“ Und um die Schatten der Vergangenheit zu bannen, neigte sie sich zu einem Bildchen herab. „Ach, sehen Sie doch, wie köstlich,“ und dann nach einer Weile „und Sie? Sie waren verheiratet oder sind es noch?“ Mannsthal schüttelte den Kopf. „Ich habe eine Stieftochter. Sie lebt bei mir. Darf ich sie Ihnen bringen?“ Er sah diese lichte Frau und wie eine Rettung schien sie ihm in seiner Not um Arabella. „Wie lieb wäre das von Ihnen. Ein junges Mädchen aus der Heimat. Das wird so sein, als sähe man sich selbst wieder.“ „Nein, erwarten Sie das nicht — oder“ in Mannsthals Auge blitzte es plötzlich auf, „oder erschrecken Sie nicht. Sie gleicht jenem Kinderbilde, das Gilbert von Ihnen besaß, dieser Miniatur, die er bei sich trug.“ Es war merkwürdig zu sehen, wie ein verräterisches Rot in seine Wangen stieg und unter ihrer Gelblichkeit sich entflammte. „Ein Mann allein mit einem jungen Mädchen in Paris. Bringen Sie mir das Töchterchen.“

„Wann dürfen wir kommen?“

„Heute, wollen Sie? Zum Tee. Man soll niemals den Wink des Zufalls unbeachtet lassen. Ich habe immer Gäste zur Teestunde. Ah, Baron, da sind Sie ja wieder! Dank, daß Sie mir Mannsthal brachten! Nun auf Wiedersehen heute nachmittags.“

Während Adalbert mit dem Baron noch einmal die Säle durchschritt, erfuhr er, daß Herr von Twede, ein ehrgeiziger Diplomat, wenig Sinn für anderes habe als seine Karriere, daß Angeles Ruf tadellos sei. Ihre Leidenschaften gälten der Malerei und der Musik. Sie hätte ein einziges Kind am Tropenfieber verloren, einen Knaben Gilbert, nach dem Bruder benannt.

Gilbert! Konnte er, durfte er zu ihr gehen, da er sich an seinem Untergang schuldig fühlte? Aber gerade das verstärkte die Anziehung, die ihre Lichtgestalt ihm einflößte. Er holte Arabella ein, die im Bois spazieren ging. Er hatte es vorgezogen, sie nicht zur Besichtigung der Karikaturen mitzunehmen. „Eine Dame lädt dich ein. Oh, sie ist so schön, eine Königin! Sie wird dich lieb haben. Wir wollen heute nachmittags zu ihr. Es werden auch andere Leute dort sein.“

„Gern, aber ich habe dann zu tun —“

„Ein Geheimnis?“

„Ja,“ aber sie lächelte so unbefangen, daß er nicht mißtraute.

„Nun vorher also. Sei um fünf Uhr bereit.“

„Wer ist sie?“ Adalbert erzählte.

Um halb fünf traten sie in Frau von Twedes Salon. Vögelchen erschrak zuerst ein wenig über die vielen Leute, die alle fremdländisch und so sicher waren. Aus ihrer Mitte aber schien ein lichter Strahl sie zu bescheinen, eine Stimme voll Güte und Feinheit brach sich oft Stille durch das wirre Geplauder. Angele von Twede hatte die sanfte Schwermut und die volle Tiefe deutscher Musik in ihrer Kehle. Arabella reichte ihr errötend die Hand und fühlte unter einem Freudeschauer den Hauch eines leisen Kusses auf ihrer Stirne. Angele hielt ihre Hand, während sie mit den anderen sprach. Eine Balkandame, eine Musikerin, setzte sich an den Flügel und spielte Wagner, der eben in Paris bekannt wurde. Vögelchen wurde traurig. Diese Musik griff in ihr Innerstes. Sie fühlte sich plötzlich verlassen. Adalbert war ihr hier wie ein Fremder. Zum ersten Male fühlte sie, daß ihre eigentliche Gemeinschaft ein Geheimnis war, etwas, das verborgen sein mußte, weil es nicht selbstverständlich war. Oder spürte ihr seltsamer Instinkt, daß der Geliebte hier einer andern Frau gehörte? Frau von Twede sprach nur für ihn. Arabella sah es, aber Frau von Twede hielt ihre Hand wie eine Freundin. Sie konnte ihr nicht böse sein. Sie liebte sie. Und plötzlich streichelte sie selbst diese Hand. Dann trat Herr von Twede ein. Seine Frau ward stiller in seiner Gegenwart und schien in leiser Schwermut der Musik zu lauschen. Um Adalbert hatte sich eine Gruppe gebildet. Er war brillant im Gespräch. Aus allen Zeiten und Erdteilen, aus allen Welten der Arbeit und der Kunst, allem Wissen des Menschlichen und Menschlichsten flocht er seine Rede, seine Antworten, Beispiele und Anekdoten. Er selbst entzündete sich an seiner Rede. Einzelne Worte blitzten auf wie Solitärs in kostbarer Fassung, schon fühlte er den unzerreißbaren Kontakt mit seinen Zuhörern, er sah und hörte selbst, was er sagte, und seine Sätze und Wortbilder veredelten sich in seiner Gewalt: sein Gespräch war ein Kunstwerk. Angele schien nur Musik zu hören: sie hörte nur Mannsthal. Als Herr von Twede sich zurückgezogen hatte, wandten die beiden sich wieder einander zu. Die Musik war verstummt. Vögelchen saß wie eingeduckt unter den vielen fremden Menschen, deren Sprache sie nicht zu kennen schien. Warum blieb sie hier, hatte sie nicht Wichtiges zu tun? Leise stahl sie sich hinaus. Sie ließ sich ihren Mantel umlegen und gab dem Diener Auftrag zu bestellen, sie würde wieder kommen. In ihren Taschen hatte sie zwei Pakete verborgen. Sie hieß einen Wagen holen, nannte Konrads Adresse und fuhr ab. Kutscher wundern sich ganz selten nur. Sie kennen alle Stadien des Lebens. Sie führen die Schwangere auf die Gebärklinik, den Säugling zur Taufe, den Trauernden hinter dem Sarge zum Friedhof, den Deserteur zur Bahn, sie gewähren Liebenden Obdach und geben ahnungslos Selbstmördern ein letztes Asyl, sie führen die Dirne zum Palast des Fürsten und die Dame, der ein Lakai den Pelzmantel um die Schultern legt, zu der Mansarde des Studenten. So führte denn der Kutscher Vögelchen zur schmutzigen Behausung jener Marguerite Aupin, deren Zuhälter Konrad Kruger, stud. theol., Sohn des Landesschulinspektors und Hofrats Engelbert Kruger war. Sie ließ den Wagen warten und stieg die zwei Treppen hoch. Auf den Gängen standen die Frauen im Gespräch. Die Wasserleitung stellte den Brunnen dar, der Gang den ländlichen Dorfplatz, an dem die Mägde, den Krug auf dem Kopfe, plaudernd verweilen. Einige kümmerlich blühende Blumenstöcke am Fenster ersetzten die Landschaft. Wie dürftig er wohnt, dachte mitleidig Arabella, als sie die unordentlichen Gestalten sah und den fast unverständlichen Argot ihrer Rede vernahm, die, als sie vorüberkam, verstummte und hinter ihr wie zischelndes Kielwasser wieder zusammenfloß. Sie fürchtete sich vor diesen schmutzigen Frauen und bewunderte Konrads Mut, der wohl täglich an ihnen vorüberging. So tastete sie sich, ohne nach ihm zu fragen, die ausgehöhlten Stufen hinauf, bis sie an einer Türe jenen Namen fand: Aupin. Ja, hier wohnte er. Hinter der Türe fand eine laute Unterredung statt. Mann und Frau wechselten die Rede. Nicht Konrads Stimme war es. Auf Vögelchens Klopfen öffnete jemand und schloß gleich wieder, von einer kreischenden Zurechtweisung ermahnt. Im Spalt der Türe hatte Arabella eine Frauensperson in mangelhafter Bekleidung und einen Mann gesehen, einen Arbeiter mit braunen Samethosen, die an den Schuhen zugebunden waren. Nach einer Weile wurde wieder geöffnet. Der Mann fragte nach Vögelchens Begehr mit der Höflichkeit und dem Anstand des Parisers. „Kruger? Kruger!“ Er rief den Namen aus der Küche ins Zimmer zurück. „Hm, Marguerite, ist das dein —? Eine kleine Dame sucht ihn. Vielleicht eine Prinzessin aus seinem Lande. Treten Sie ein, Madame.“ Drinnen rief die Stimme nun höflich: „Gleich, Fräulein, ich komme gleich.“ Marguerite erschien in einem rosa Schlafrock. „Er ist nicht zu Hause. Mein Gott, wie wird er sich kränken, der arme Junge. Geh, Ernest, sieh mal vors Haus oder zu Cuvier hinüber, dort hilft er zuweilen aus. Er scheut keine Arbeit, wissen Sie, um sich ehrlich durchzubringen. Setzen Sie sich, Fräulein.“ Sie rief es aus dem Zimmer, in das sie zurückgeeilt war, um das Bett zurecht zu machen. Ernest war verduftet.

„Wollen Sie nun eintreten, Sie müssen die Unordnung entschuldigen. Wenn man nicht vorbereitet ist, nicht wahr?“

„Wo ist Konrads Zimmer?“ fragte Vögelchen.

„Hier oder draußen, er hält sich überall auf. Ich nehme es nicht so genau.“

Sie schlafen zusammen, dachte Arabella und besah sich Marguerite. Sie mißfiel ihr. Alle Frauen in Paris mißfielen ihr. Die dicke Schminke, mit der sie bedeckt waren, ekelte sie. Marguerite war zart, sie hatte große Augen, die klug leuchteten, aber sie waren dunkel untermalt und die grellen Wangen ließen sie derb und roh scheinen. Aber gleichzeitig empfand Vögelchen Mitleid mit ihr wie mit einem Tiere. In Marguerites Blick, der forschend und furchtsam zugleich zu Arabellas Vornehmheit aufsah, lag etwas hündisch Zerbrochenes, etwas, das plötzlich selbst hineinsah in den eigenen Abgrund und um Vergebung bettelte.

Arabella hatte sich gesetzt, ganz vorsichtig an den Rand des Stuhles, als fürchte sie sich zu beschmutzen und sah nun selbst ein wenig hilflos zu der fremden Frau hinüber. „Ich habe ihm etwas mitgebracht.“ Sie zog die Pakete hervor. „Bitte, geben Sie ihm das. Ich kann nicht lange warten. Haben Sie vielleicht ein Stückchen Papier. Danke, einen Bleistift hab’ ich selbst.“ Sie nahm den goldenen Stift, den sie an einer kostbaren Chatelaine trug. Auf das ein bischen fette Papier schrieb sie in einer Marguerite unverständlichen Sprache.

„Mein armer Herr Prediger, wie schlecht ist es Ihnen bekommen mir nachzureisen! Wie können Sie leben in dieser häßlichen Wirtschaft! Ich habe Ihnen Krawatten und Leckerbissen gebracht. Schade, daß ich Sie nicht angetroffen habe. Soll ich Va sagen, daß er Ihnen helfen soll? Nun muß ich wieder zu den Menschen zurück, denen ich eben davonlief. Wir waren zu Besuch. Dort ist eine schöne Frau, die ich küssen möchte, so ein Engel ist sie. Ihnen muß geholfen werden! Kommen Sie morgen früh vor unser Haus. Ich werde durch Camill Nachricht schicken. In Eile

Arabella.“

Vögelchen stand auf und schüttelte den Blick des Mädchens ab, der die ganze Zeit über sie umfaßt hielt. Es roch nach schlechtem Parfüm und Abfällen aller Art. „Armer Konrad,“ dachte sie, und dann wieder, „um meinetwillen“. „Bitte, geben Sie ihm diesen Brief und die Pakete,“ sagte sie. Marguerite griff nach den Sachen. Sie, die Konrad schlug, war gegen dieses junge Mädchen schüchtern und linkisch. Sie wußte als Pariserin sehr gut, daß ihr Schlafrock schlechter Sorte war und ihre Schminke billig, an Arabella aber alles aus ersten Quellen. Das machte sie unsicher und neidisch. Und wenn sie auch Konrad nicht liebte, er war ihr Knecht und sollte es bleiben. Diese fremde Puppe würde sehen, wer die Stärkere war.

Als Vögelchen gegangen war, öffnete sie die Pakete. Sie verzehrte, da sie eben sehr hungrig war, den größten Teil der Leckerbissen und als Ernest zurückkam, um zu melden, daß Konrad einen Weg für Cuvier gemacht, schenkte sie ihm eine der teueren Krawatten. Spät abends kam Konrad aus dem Gasthaus herüber, in dem er eine Stelle als Aushilfekellner erhalten hatte, weil dort deutsche Studenten verkehrten. Marguerite hatte sich zu Bette gelegt und brummte, als sie geweckt wurde. Dann erinnerte sie sich des Besuches und wurde freundlich. „Sieh doch, mein Kleiner, wer dagewesen ist und was man dir mitgebracht hat.“ Sie richtete sich im Bett auf und sah ihn bei der Kerze lesen. Er sah alt aus und übermüdet, aber die Erregung und Freude veredelten sein Gesicht. Seine Gestalt war männlicher geworden. Nein, er war so übel nicht, der kleine Abbe. Sie dachte nicht daran ihn preiszugeben. Mit ihm konnte man sich auch sehen lassen, wenn bessere Zeiten kamen.

„Nun, hast du ihn wieder, deinen kleinen Schatz,“ sagte sie. „Und wem verdankst du es? Deiner Marguerite! Komm her und zeig, daß du ein guter Junge bist.“

„Gleich, gleich,“ sagte er. „Ich bin bald wieder hier. Ich muß noch zu Cuvier hinüber.“

Er lief, den kommenden Morgen frei zu bitten, um an Vögelchens Tür auf ihren Ruf warten zu können. An einem Sonntag, ob er denn bei Sinnen wäre, unmöglich! Dann träte er aus dem Dienst. Den morgigen Vormittag müßte er frei haben. Der Wirt wurde ärgerlich. Er warf ihm den Lohn für drei Arbeitstage hin. Er war entlassen. Befreit, lief er zurück zu Marguerite. Sie schmollte wie eine Verliebte. Oh, wie er sich freute, wie begnadet er war! Wo war Vögelchen gesessen? Dieses Papier mit ihrer kindischen Schrift, wie heilig war es ihm! Und der künftige Morgen! Er umarmte die gefügige Marguerite mit der Glut seiner unbändigen Freude.

Vögelchen war froh gewesen, den Wagen, der sie gebracht, vorzufinden. Der führte sie ja so weit sie nur wollte. Wie häßlich es in diesem Hause, in dieser Straße war! Wie ihr das Elend in alle Glieder kroch! Adalbert war ihr so weit, so unerreichbar unter Fremden. Hatte sie denn niemanden, zu dem sie flüchten konnte? Wo war jener Jüngling aus der Sainte Chapelle? In seinem Blick nur hätte sie Zuflucht gefunden. War das Unrecht gegen Adalbert, der so unermeßlich gut zu ihr war, dürfte sie eines andern Zuflucht begehren? Sie dachte an Norton. Plötzlich tauchte seine junge Hünenhaftigkeit vor ihr auf. Sie litt so sehr, wenn sie sich seiner erinnerte, und doch, warum kam er nicht wieder? Konrad war ihr nachgereist. Nun lebte er mit diesem Mädchen. Er hatte dort nicht einmal einen Tisch mit seinen Büchern. Wie karg das Leben sein konnte! Es wurde dunkel. Sie lehnte sich in den Wagen zurück, sie wollte nichts sehen von den Straßen. Jetzt blinzelten die in der Seine sich spiegelnden Lichtkugeln zu ihr auf. War das die Brücke, an der der Helfer zu ihr getreten? Er dachte, sie sei eine, die sich ins Wasser stürzen wollte. Oh nein, damals nicht. Aber heute? Sie war so traurig. Diese fremde Frau, zu der sie nun fuhr, streichelte ihre Hand, aber sie ließ sie nicht ein in ihr Herz. Vielleicht wollte sie nur Va für sich haben, wußte nicht, daß er schon eine Frau hatte. Frau und Kind! Arabella sagte es sich zum ersten Male, wie eine Fremde es gesagt hätte, nicht freudig mehr, sondern erschrocken. Vielleicht war das Sünde? Konnte es Sünde sein, da sie in seiner Umarmung sich heilig fühlte und erhoben? Oh, nur wieder ihn fühlen, wieder zermalmt sein unter seiner Kraft wie in den ersten Nächten, alles geben, alles erleiden. Durfte sie es noch? Blickte nicht jenes Jünglings Auge wissend in ihr Leben? Durfte sie noch in Feuer hinschmelzen, rief nicht er sie zu anderem Dienst? Und Adalbert hielt sie ja nicht wie früher. Er war wieder Va und sprach nun mit dieser engelgleichen Frau, die er eine Königin genannt hatte. Ach, ein Nest, eine Zuflucht ihrer frierenden Seele!

Imanuel Givo

Motto:

„Es war etwas in ihm, das ihm die Menschen zu richten verbot und in seinem ganzen Leben ihm zuflüsterte, daß er nicht der Richter der Menschen sein, nicht das Verurteilen auf sich nehmen wollte und darum auch unter keiner Bedingung verurteilen würde. Es schien sogar, daß er alles zugab und nichts verurteilte, wenn er auch oftmals schwer darunter litt. Ja schließlich konnte ihn nichts und niemand mehr weder in Erstaunen setzen noch erschrecken.“

(Dostojewski „Die Brüder
Karamasoff“.)

Indessen hatten sich allmählich Frau von Twedes Gäste empfohlen. „Seltsames Elfchen, Ihr Töchterchen,“ sagte sie zu Mannsthal. „Gewiß fühlte es sich hier nicht wohl und flatterte hinaus, als jemand einen Spalt der Tür öffnete. Oh, bitte, entschuldigen Sie sich nicht, das Kind ist bezaubernd.“

„Nun will ich Sie aber nicht länger stören. Ich lasse den Wagen zurück und werde auftragen, daß man Arabella sage, ich sei bereits nach Hause gefahren.“

„Ach, das sollten Sie nicht. Die Kleine würde sich dann nicht von mir verabschieden können und sich unbehaglich fühlen. Warum soll ich es diesem Einfall nicht danken länger mit Ihnen plaudern zu können? Herr von Twede arbeitet immer des Abends. Meine intimsten Freunde kommen meist nach den Teegästen. Givo zum Beispiel, der niemals in große Gesellschaften geht.“

„Ich bleibe,“ sagte Mannsthal mit seinem zuweilen kindlich strahlenden Lächeln.

„Diese Kleine,“ begann Angele, indem sie sich in dem kleinen Salon bequem zurecht rückte. „Diese Kleine muß Sie entzücken und ich verstehe, daß Sie sich selbst der Autorität entschlugen, Sie nannten sie Vögelchen. In der Tat erinnert sie mich an diese ursprünglich wilden Tauben, denen die Mongolen Bambusflötchen unter die Flügel binden. Ihr Flug ist Musik geworden, aber er kann sie nicht mehr zur Höhe tragen.“

„Sie meinen, daß ich um dieser Musik willen ihren Flug gedrosselt habe?“

„Ja, und ich glaube, daß sie eines Tages die Flötchen abschütteln wird, um zur Sonne aufzusteigen.“

„Das fürchte ich,“ sagte Adalbert leise. Seit Wochen beängstigt sprach er nun wie eine Selbstbeichte diese Worte und sie erleichterten ihn. — „Wie klug Sie sind, Angele Tirotzky,“ und wie immer, wenn er bewunderte, war sein bewegter vieldeutiger Blick kindlich demütig.

„Wenn es wirklich die Sonne ist, brauchen Sie nichts zu fürchten. Nur jene Pseudosonne kann gefährlich sein, die uns Frauen so oft verlockend leuchtet. Lassen Sie Ihr Vögelchen fliegen. Oder sollten Väter egoistischer sein als es Mütter wären?“

Es trieb ihn an, sich dieser Frau gegenüber zu offenbaren.

„Ich bin nicht nur ihr Vater,“ sagte er und senkte den Blick wie ein Knabe. Er hatte, ach wie oft sich nach Verachtung gesehnt und überall nur Achtung erfahren. Langsam hob er das Antlitz zu der auf, die er nun zu seiner Richterin machen wollte.

„Ich wußte es,“ sagte sie leise. „Damals auf der Stiege im Schloßhofturm! Erinnern Sie sich! Ich habe es später begriffen. Damals erschrak ich nur, als Sie mich, die Zwölfjährige —“

„Und jetzt?“ fragte er mit tiefem Ernst.

„Mich machen diese Dinge unsagbar traurig,“ erwiderte sie. „Ich kann niemals über sie scherzen, so wenig als ich lachen könnte, wenn jemandes Gesicht von Blatternarben seltsam verzerrt ist.“

„Sie sollten strafen können,“ sagte er. „Das täte wohl!“

„Was nützte es? Mein Mitleid würde den Schlag kühlen, eh’ er noch gefallen wäre.“

„Sie sind ein Engel,“ sagte er.

„Ich bin nur eine Frau.“

„Ja,“ erwiderte er voll Andacht, „denn es gibt auch rächende Engel. Die Frau aber in ihrer Vollendung kennt nur Linderung und Verzeihen. Aber an sie zu glauben, ich hielt es für verwegener als das Wunder zu erhoffen.“

„Und dennoch täte Strafen wohler denn Verzeihen?“ fragte sie schmerzlich.

„Verzeihen bedeutet Vertrauen,“ sagte er. „Die Strafe bejaht die Schuld, indem sie bestraft, das Verzeihen macht sie unwirklich. Der Verzeihende allein ist es, von dessen Herzensreinheit wir Strafe wünschten, vom Strafenden ist uns selbst Verzeihen bitter.“

„Sie sollten Givo kennen, Imanuel Givo.“ Sie sah auf die Uhr. „Vielleicht kommt er noch heute! Er ist der Apostel eines wunderbaren Heiles. Es heißt schauende und wirkende Demut. Er hat eine heimliche Gemeinde, seine Lehre ist eine zugleich neue und uralte Religion. Er hat sie weitergegeben und nun erfüllt sie sich stündlich. Wer in ihr ist, lebt in Seligkeit und nichts stört seine Weihe. Und nichts, nichts vermag ihn zur Überhebung zu verleiten und zum strafenden Urteil. Denn in ihm ist nichts, was sich mit anderen mißt und andere wägt, weil er einzigartig ist und der andere wieder ein anderer und eigener.“

„So gibt es denn Einklang von Wissen und Tun?“ fragte Mannsthal.

„Es gibt diese Wahrheit und diese Liebe,“ erwiderte Angele. „Liebe allein kann heilen und wie oft hat Lieblosigkeit das Laster verschuldet. Wenn ich einen auf Abwegen sehe, frage ich mich: ist er denn auch genug geliebt worden?“

Und sie begann wieder von Givo zu erzählen. Er sei Spanier und stamme von Mystikern ab. Das Leben, das jahrhundertelang in seiner Familie geübt worden, war in ihm als Jüngling zur Ekstase aufgeblüht. An seinem Wort hätten andere sich entzündet. Als er die Menschen kennen lernte in der Klarheit der Ernüchterung, in die ihn die Großstädte versetzten, hätte Mitleid seinen Abscheu vor den menschlichen Lastern besiegt. Er wollte lieber selbst schuldig werden, um nicht erhöht zu sein über die Schuldigen. Nun sei wohl die Heiligkeit seines Feuers erloschen, sie sei nur ein unterirdisches Leuchten mehr, aber seine Seele wärme jeden, der ihm nahe. Er lebe wie ein Einsiedler und dennoch in Fühlung mit den Menschen aller Welten. Seine Lebensflucht seien die Sterne. Er wäre Astronom. In der Atmosphäre bade er sich rein. Sein Wissen knüpfte sich an uralte Wissenschaften. Dabei sei er klar und einfältig wie ein Kind in den menschlichen Dingen und im Menschlichsten wissend und rein zugleich. Sein Handeln folge seinem Instinkt, so sei er denn zuweilen erstaunlich.

Als Givo eintrat, mit leichtem freudigen Gang auf Angele zueilend, deren Hände er küßte, dann ein wenig erschrocken vor dem Fremden sich verneigend, erkannte Mannsthal blitzartig Vögelchens schwarzen Ritter. Sie war ja nicht müde geworden, ihn auf das genaueste zu beschreiben. Seine Handlungsweise paßte auch völlig zu dem, was Frau von Twede erzählte. Das übrige besorgte einer jener merkwürdigen Instinkte, den oft Frauen besitzen, wenn ihre Sinne durch Eifersucht geschärft sind. Aber ehe Mannsthal an eine bevorstehende Begegnung Givos mit Vögelchen dachte, rascher also als ein Gefühl der Abwehr ihn befallen mochte, bezauberte ihn dieser Jüngling im Mannesalter, dieser Mann mit der knabenhaften Feurigkeit einer fanatischen Seele. Und er erkannte seine Lehre. Sie war ein Kampf gegen die geistigen Gifte, die verborgenen, die bekannten und die unentdeckten, deren Wirkungen kaum als Folgeerscheinungen von geheimnisvollen Vergiftungen gekennzeichnet waren. Auch der Wahn war ein Gift und wie vielfältig war er! Auch die Lieblosigkeit war vielleicht nur eines jener Toxine, die Ermüdung erzeugt und jene Nervenverfassung, die das Leben und das Lebendige herabsetzt, statt es zu erhöhen. Kraftlosigkeit, die neben sich für andere nicht mehr das Auskommen findet. Givo sah eine Welt von Menschen, die es zu lieben und zu heilen galt ohne Strenge, ohne Drohung, ohne Versprechen, Liebe durch Liebe, Weisheit durch Liebe, Segen durch Liebe. Und diese Liebe selbst? Sie war nicht Nachahmung eines erhabenen Lebenswandels, der entrückt war, nicht Liebe um eines Liebenden willen, Christi Nachfolge nur um des Himmelreiches Lohn, sie war die Einsicht, das Handeln des Menschen, der sich seiner begibt im Erkennen und sich genießt in diesem Sichbegeben. Um keines Dankes willen im Himmel oder auf Erden, um keiner Tugend, keiner Unsterblichkeit willen, um keines Glaubens willen waltete diese Liebe. Sie war die Weisheit und die Weisheit um alles Menschliche war ihr Glauben. Sie war die Ruhe und das Ruhen in allem Lebendigen war ihr Leben. Sie war das Leben, und das Sein ihr Paradies in allen Zeiten. Für sie war nicht Anfang und Ende, sie hörte nimmer auf, ihr Anbeginn tauchte in der Zeiten Urnebel und reichte, soweit Raum war. Sie war der Glauben der Liebe und der Glauben der ewigen Weisheit war ihre Ewigkeit. Ihr Ewigsein war ihre Ruhe. Und sie war zu Hause, im Kelch der Blüten, der sich auftut für Biene und Rosenkäfer, in der Wolke, die als Regen den Durst der Felder labt, sie nistete wartend um die Wiege des Säuglings und hütete der Kinder Entfaltung, sie war im Schoß des Weibes und in der zeugenden Kraft des Mannes, sie beugte sich über das Lager des Fiebernden und saß bei dem Ratlosen, sie zündete die Lampe an in des Verlassenen Haus und beschwichtigte den Verfolgten und barg den Verstoßenen. Sie forschte in den Laboratorien und sang ihre Kunde in unsterblichen Melodien. Und oft tat sie nichts als stillehalten. Sie schwieg dem Zornigen, sie erwiderte nicht dem Bösen, sie strafte nicht den Verleumder und höhnte nicht den Höhnenden. Und zuweilen tat sie mehr noch, sie machte den Zorn, das Böse, die Verleumdung, den Hohn zunichte im Vergessen. Sie versenkte sie, streute ihren Samen auf und ließ frische Blumen erblühen. Und wenn sie mit ihrem eigenen Blute die Erde des Vergessens düngte, so war es der Seele Acker, der Blumen Trieb und die hießen Verstehen, Vergeben, Verwinden, und andere wieder hießen: Verschenken, Verwandeln, Vergolden und Vertrauen. Im täglichen Leben tat Givo für eine häßliche alte Frau dasselbe, was er für die junge Arabella getan. Er war der Freund seiner Nachbarn, unter denen er stille hauste und fast ungekannt war bis zu dem Augenblick, wo sie seiner bedurften. In seiner Wissenschaft ging er seine Wege und was den anderen frommen konnte auf den Entdeckungsfahrten seines Forschens warf er ab, verschenkte es, ohne ein Quentchen nur des Ruhmes zu erheischen. Was er in seinem Fach erstrebte, war ein Spiel fast. Er suchte Fäden von den mittelalterlichen Gelehrten in die Forschungen der Neuzeit zu spinnen. Sein Werk war eine Andachtübung, ein Dank für verschollene Arbeit. Dazwischen arbeitete er „exakt“, aber nur nebstbei, doch dies zwang, seine Werke ernst zu nehmen, und zu der Zeit, als Mannsthal ihn kennen lernte, wurden sie bereits als eine Art preziöser Kostbarkeit geschätzt. Angele von Twede meinte, daß er sich dies scheinbar müßige Treiben erlauben dürfe, weil sein Leben von Mensch zu Mensch werktätig war wie kaum ein anderes. Mannsthal fieberte, Givo näher kennen zu lernen. Er selbst hatte ja, verborgener vielleicht als dieser junge Prophet, Menschen hingebend geholfen, das Äußerste oft gewagt nicht um Dank und ohne Pflicht. Das Pflichtgefühl der anderen, er besaß es nicht. Sein Gefühl für die Menschen war brennende Neugier und Wissen um Ungeahntes. Dies allein verpflichtete ihn zuweilen, daß er Verborgenes wußte, weil er mitschuldig wurde an Unglück und Schuld, wenn er nicht warnte, riet und half. Aber dies hinwieder hatte ihn hartgesotten Verfehlungen gegenüber und den leichteren Leiden. Oft war er Menschen wie ein Engel erschienen und es quälte ihn, daß er nicht zu sagen vermochte, wie sehr er heimlich bedankt war auf seine Weise und nichts geopfert hatte. Ihm, der jede zarte Regung des Wunschgefühles, die Einschätzung des anderen völlig erriet, ward zum Kinderspiel ein Leben zu krönen. Aber letzten Endes war seine Güte Können, Abfall seines Überflusses, Virtuosität und nicht Wille zum Guten. Sie war Reichtum, Mut, Waghalsigkeit, Experiment, Spiel. Givo aber? Er wußte um alle Laster, aber keines schien um ihn zu wissen. Er hatte sie gesucht, um ihre Geheimnisse zu erkennen, hatte ihr Leid, ihre Reue auf sich genommen um wenig Freude und um der Wollust willen, den Elenden näher zu sein. Die Gefahr war an ihn herangeschlichen in diesen Leiden zu versinken. Sein Sieg, seine Beschlossenheit hatte etwas Weihevolles. Vielleicht war er alt, wiewohl er ein Jüngling schien, war Mensch gewesen, da andere noch Kinder sind, vielleicht lag jene Zeit, in der die Seele durch feurige Tiefen geht und abstürzt aus frevelhaften Höhen, weit zurück, getrennt durch ein Leben, das schon Ewigkeit war? Einer seiner Vorfahren hatte als Knabe im Tempel gepredigt.

Angele sah die Wirkung, die Givo auf Mannsthal ausübte. Sie verstummte, sie wollte kein Wort und Gegenwort der beiden mit dem eigenen durchkreuzen. Ihre Seele hielt Wache und hütete den Faden, der von dem einen zum anderen sich spann. Aber Givo, das sah sie, wiewohl er in Mannsthal vielleicht wie in keinem anderen einen Ebenbürtigen im Menschlichen spürte, Givo blieb in seiner Welt und zögerte ihm die Gabe seiner Inbrunst zu reichen.

Adalbert hatte ihn nach der Stätte seiner Arbeit gefragt. Givo berichtete, daß er zu Gaste sei bald da, bald dort. Später gedenke er in einer eigenen Sternwarte zu arbeiten und seßhafter zu werden seiner Mutter zuliebe. Aber noch wisse er den Platz nicht. Angele meinte lächelnd, er warte ein Zeichen ab, ein Meteor.

„Wo soll der Tempel stehen?“ sagte er lächelnd, den Scherz aufnehmend. „Eine schöne Legende aus dem Palästinischen fällt mir ein.“

„Erzählen Sie,“ bat Frau von Twede.

In diesem Augenblick öffnete der Diener leise die Tür und ebenso leise trat Arabella ein. Der Saal war groß, sie durchschritt ihn, der dicke Teppich verschlang das Geräusch ihres Schrittes, sie blieb an der Türe des kleinen Zimmers stehen. Da drinnen sprach einer, da erzählte einer. Wessen war diese Stimme, oh diese Stimme! Er sah sie nicht, sie horchte atemlos. „Der Tempelplatz war einst eine Dreschtenne, die zwei Brüdern gehörte. Es war der eine verheiratet, der andere lebte allein. Als die Ernte vorüber war und sie geteilt hatten, legte sich ein jeder zu seinem Kornhaufen, um das Gedroschene zu behüten. Da erwachte einst nachts der Verheiratete, sann über seine Ernte und sagte sich: „Ich bin reich, habe Frau und Kinder und hoch ist mein Korn. Er aber, der Bruder, ist einsam, es betreut ihn keiner, einsamem Alter geht er entgegen. Warum soll ich glücklicher sein als er? Ich will ihn erfreuen, will ihm von meiner Ernte geben. Leise stand er auf und schleppte emsig einen Teil seines Kornes zum Haufen des Schlafenden. Die Arbeit hatte ihn müde gemacht und nun störte nichts mehr seinen Schlummer. Indes erwachte der andere. War nicht ein Flüstern in dem Stoppelfeld, nicht ein Rieseln im goldenen Korn? Wie reich war sein Haufen und er bedurfte so wenig, indes der Bruder Weib und Kind besaß. Böte er ihm Geschenke an, wies der ihn wohl ab, so stand er auf und trug einen Teil seines Kornes hinüber zum schlafenden Bruder. Des Morgens hatte ein jeder gleich viel Getreide, keiner wußte, wie ihm geschehen, und sie fragten einander nicht. Gott aber erwählte die Dreschtenne zur Stätte des Tempels.“

Givo wandte sich zur Türe. Es raschelte wie damals ein seidiges Gewand. Er sah Arabella. Sie hatte beide Hände wie eine Blinde, die sich einen Weg tastet, vorgestreckt. Er lächelte, er kam ihr entgegen.

„Sie sind es, Sie sind hier,“ sagte sie wie in Verzückung. Er reichte ihr die Hand.

„Wir sind einander in der Sainte Chapelle begegnet,“ erklärte er lächelnd, doch ohne Erstaunen.

„Ach,“ sagte Frau von Twede. „So kennen Sie einander?“

„Ich heiße Givo,“ sagte er. „Und Sie?“

„Arabella.“ Sie fuhr sich über die Stirn, einen Schleier abzustreifen, der ihr die Wirklichkeit zu decken schien. Sie ging auf Angele zu. „Verzeihen Sie mir, aber eine Sorge rief mich fort. Verzeih auch du, Va! Daß ich Sie hier finde!?“

„So muß Jairis Töchterchen ausgesehen haben, als der Herr sie erweckte,“ sagte Frau von Twede lächelnd.

„Ist es Ihre Tochter, Herr Mannsthal?“ fragte Givo.

Angele nickte wortlos.

„Nun aber müssen wir gehen, Vögelchen,“ mahnte Mannsthal.

Frau von Twede hatte das junge Mädchen an sich gezogen.

„Sie gleichen einander,“ sagte Givo, die beiden Frauen betrachtend.

„Komm, komm, Kind,“ drängte Mannsthal.

Vögelchen, an Angele gelehnt, wandte sich zu Givo.

„Ich habe Ihnen immer noch gedankt all die Tage.“

„Ich hätte fragen sollen, ob Ihnen auch bald wohl geworden ist. Das habe ich versäumt, um nicht dreist zu scheinen. Ich freue mich, Ihnen zu begegnen. Sie sind sehr zart, nicht wahr? Oder sind Sie noch so jung? Ein Kind vielleicht?“

„Das davonläuft,“ sagte Mannsthal.

„Trag mir das nicht nach,“ bat Vögelchen. Sie sah unverwandt Givo an, seine matte Stirn, seine glatten, glänzenden Haare, seine Augen unter den langen Wimpern, die Nase mit den feinen Flügeln, die zarte Gestalt, die sehnigen Hände. Auch er blickte sie an, nahm sie mit seinem Blick an sich, freute sich ihrer Haare, die wie ein blonder Schatten waren, ihrer großen, runden, blauen Augen mit dem feinen Bogen darüber, ihrer Nase, die immer leis zu wittern schien, ihres zuckenden, durstigen Mundes, ihres ein wenig kantigen Kinnes, des sehr schmalen Halses, durch dessen Haut man die blauen Äderchen sah, ihres Busens, der eben erst der eines Mädchens zu werden begann, ihrer braungebrannten Kinderhände.

Es war Givos Treue und Untreue zugleich, sich ganz dem Augenblick hinzugeben. In diesen Minuten war er so sehr Vögelchen zugeneigt, so tief erfreut über ihre kindliche Aufgeschlossenheit, daß er selbst wie ein Kind, das eben ein Geschenk erhält, nichts anderes sah als diesen Menschen. Die ihm so flüchtig begegneten und seine Liebe erfuhren, behielten ihn immer dankbar in ihren Herzen. Andere aber, die in seinem Umkreise blieben, waren enttäuscht, ein anderes Mal ihn dann nicht minder freundlich, aber dennoch anderem hingegeben zu finden, das sie selbst ausschaltete in den Schatten seiner Liebe. Als Vögelchen zum Abschied seinen Handkuß fühlte, glaubte sie das Paradies gewonnen zu haben. Sie ging in andächtiger Gehobenheit an Mannsthals Arm. Nachts schlief sie sanft und selig ein. Sie fühlte kaum die Liebkosungen Adalberts und erwiderte sie nur leis in einem Zustand von Entrücktheit, in den er sie um so leichter versetzen konnte, wenn sie freudig erregt war. Aber ein zweites Selbst war in ihrem Schlummer verborgen, das ihm verschlossen war.